gerade habe ich mal wieder cecil taylors the willisau concert (intakt) gehört. und war – wie immer – wieder ganz und gar von den socken. obwohl ich diese aufnahme eigentlich gut kenne und schon x‑mal gehört habe, begeistert mich das konzert immer wieder. wie taylor hier intensitäten herbeizaubert, energien bündelt und schichtet, auf- und abklingen lässt – das ist einfach phänomenal. und beklemmend fast, wie nahe mir das immer wieder geht, wie tief mich das jedes mal aufs neue berührt, vereinnahmt und verzaubert. ganz große musik eben.
Drei Komponisten, drei Werke, ein Klavierabend: Das Programm ist schnell gelesen. Aber die Wirkung ist nachhaltig. Denn Evgenia Rubinova versteht ihr Handwerk. Und das, obwohl die in Frankfurt lebende Russin ihre Ausbildung eigentlich noch gar nicht beendet hat. Doch davon war im Frankfurter Hof nichts zu spüren. Der SWR hat die junge Pianistin im Rahmen der Reihen „Internationale Pianisten“ nach Mainz geholt.
Drei Werke also – viel weiter lässt sich das sowieso schon puristische Klavierrecital kaum noch reduzieren. Mit Chopin, Rachmaninoff und Skriabin standen zwar bekannte Namen auf dem Programm. Die Stücke, die sich Rubinova ausgesucht hatte, sind aber allesamt nicht gerade die größten Hits.
Schon von Frédéric Chopin wählte sie ausgerechnet die zweite Klaviersonate. Das war ausgesprochen raffiniert, denn zumindest die Marcia funèbre daraus kennt jeder. Und zugleich war diese Sonate im Frankfurter Hof, wo Rubinova sie in all ihren Kontrasten sehr schön ausleuchtete und gerade den Trauermarsch zu einem richtiggehenden Mysterium machte, zugleich war diese Sonate gerade in ihrer Ausdrucksvielfalt eine wunderbare Überleitung und Vorbereitung für den nächsten Programmpunkt. Denn Alexander Skriabins Fantasie in h‑Moll zählt ganz bestimmt nicht zu den meistgespielten Stücken. Und die ungeheuerliche Dichte des unablässigen Flusses an Ideen und harmonischen Gedanken machen es weder dem Interpreten noch dem Publikum besonders leicht. Doch da kann Evgenia Rubinova helfen: Locker und leicht wie eine Parfümwolke entflieht die Fantasie ihren gefühlvollen Fingern. Nahezu schwerelos sinkt diese Musik ins Ohr und ins Hirn, breitet sich aus und füllt jeden Winkel des Denkens und Fühlens aus. Gerade die fragile, immer wieder gefährdete Zusammensetzung der Klangwelt Skriabins vermochte Rubinova ganz reizend auszukosten – da fehlt zur Perfektion nur noch das letzte bisschen Konsequenz und Durchsetzungskraft, vor der die junge Pianistin immer wieder zurückzuscheuen schien.
Die komplette Hexalogie der Moments musicaux von Sergej Rachmaninoff schließlich ist ebenfalls nur allzu selten komplett zu hören. Schwärmerisch agitiert in diese Klangwelt bohrend, wandt die Pianisten diese Preziosen immer wieder ins Offene und Unbestimmte: Nur der unmittelbare Augenblick zählt hier, eine fortwährende Kette von einprägsamen Eindrücken entsteht so – Momente der Erfüllung und des reinen, unverfälschten Genusses.
diese woche im frankfurter hof gehört: die norwegische sängerin kari bremnes – war mir bisher unbekannt. ist aber auf ihre weise ganz schön:
Sie kommt von weit her – aus der nördlichsten Ecke Norwegens. Da wundert es kaum, dass ihre letzte CD den Titel „Reise“ trägt. Und trotz ihrer fernen Herkunft hat Kari Bremnes in Deutschland einen treuen Fankreis. Auch in Mainz: Der Frankfurter Hof war mehr als ausverkauft.
Und das Publikum kann sich vom ersten Moment an geborgen fühlen. Denn in ihren aus der Zeit gefallenen Liedern findet jeder Halt. Sie erzählen in poetischer Manier vom rauen Leben im hohen Norden, von Dunkelheit und Licht, von den kleinen und großen Wunden des Lebens, von Menschen und Landschaften, von Überlebenden und Opfern. Aber immer, egal worum es gerade geht, ob es ein Text von Edvard Munch ist oder eine Eigenschöpfung, ob englisch oder norwegisch, immer sind es die Gefühle, die zählen. Und genau da kommt auch die Musik her: Aus den innersten Winkeln der Seele. Und diese Empfindsamkeit macht die Musik Kari Bremnes’ so beeindruckend ehrlich und wirkungsvoll.
Der kompakte Sound ist ihr Markenzeichen. Genau wie ihre warme Altstimme. Im sanften Auf und Ab gleitet sie über der Klangfläche der Keyboards, den vertrauten Riffs der Gitarre und dem beruhigenden Gewuschel des Schlagzeugs dahin. Ganz ohne Zweifel ist ihre sanft und unbeirrt über allem schwebende Stimme die Hauptsache hier. Die Band bleibt dann auch den Abend über im Halbdunkel – obwohl die drei Musiker durchaus beachtliches bieten und unverzichtbar für die harmonische Stimmung des Konzertes sind.
Im ständigen Pendeln zwischen Folk und Pop, Rock und Jazz bewahrt Bremnes in aller Vielfalt immer die Einheit – die Harmonie ihre kristallinen Stimme, die Übereinstimmung ihrer mitreißenden vokalen Kraft mit den intensiven Arrangements lassen die Welt außerhalb des Konzertsaales schnell verblassen.
Natürlich muss hier auch unbedingt noch die nordische Melancholie erwähnt werden, die Bremnes immer wieder angedichtet wird. Aber das trifft es eigentlich überhaupt nicht. Denn ihre Songs sind alles andere als schwermütig. Sie sind allerdings fast alle kleine oder große Träumereien: Ihre Musik ist ein permanenter Kampf der Musik gegen die einbrechende Realität, eine immer wieder erneute Flucht aus der harten Wirklichkeit in das wohltuende Land der Phantasie.
so weit der „offizielle” text. jetzt stellt sich natürlich doch noch die eine oder andere frage. nämlich zum beispiel, warum die nordische musik – insbesondere die sängerinnen – eigentlich so erfolgreich ist? vermutlich ist es ganz einfach die kombination von exotik und vertrautheit in genau dem richtigen maße, die das ausmacht: es klingt so fremd, dass es ungewohnt und spannend ist. andererseits nicht so fremd, dass es die eigenen überzeugungen und erfahrungen in frage stellen könnte – es ist noch so vertraut, dass sich jeder problemlos darin zurecht findet.
trotzdem: die musik ist eigentlich gefährlich. nämlich insofern sie eine befreiung vom verstehen-müssen (also von der anstrengung) anbietet und suggeriert, das sei doch ganz in ordnung so, also sich nicht um verstehen zu bemühen. übrig bleibt klang – und eine ahnung, eine verheißung, dass der unverständliche text noch mehr bieten könnte. und natürlich ein gefühl der übereinstimmung: der ständige rekurs auf mehr oder weniger vertraute gefühle, auf einsamkeit, verlassen-sein, enttäuschte oder gelingende liebe, angst (etwa in edvard munchs „der schrei”). das bleibt, weil es immer wieder genau dabei stehen bleibt, zwar intellektuell zutiefst unbefriedigend. aber dem publikum gefällt’s. wahrscheinlich genau deshalb …
so ist eine kampagne der europäischen grünen gegen die lobby-politik der großen medienkonzerne und vor allem die entsprechenden urheberrechts-gesetzgebungen der letzten zeit überschrieben: hier entlang. schönes video dazu gbit’s auch – standesgemäß natürlich auch als torrent-download. ganz nett gemacht. aber ob’s etwas hilft?
dieser darjeeling ist einfach wahnsinnig gut. ich komme immer wieder ins schwärmen, wenn ich ihn trinke. oder von ihm erzähle. es ist ein second flush, also die sommerpflückung – im normalfall bevorzuge ich ja eher die first flush, da die in der regel um einiges filigraner und feinsinniger sind. der sommercharakter ist bei diesem tee besonders stark ausgeprägt: dunkel in der tasse und unglaublich (wenn das wort einen sinn hat, dann heir) würzig, umschmeichelt er den gaumen mit einer fantastische intensität seiner aromen. also wirklich – ich kann mich nur wiederholen – ein grandioser darjeeling, der als oolong verarbeitet wurde (was ich sonst von den darjeelings übrigens gar nicht kenne).
zubereitung: 15g tee auf 1,5 liter kochendem wasser 3 minuten ziehen lassen.
das popkulturelle format überhaupt spricht zum zeitungsjournalist: „your medium is dying!”
gefunden durch netzpolitik
ich bin ja im allgemeinen kein besonders großer freund der „welt”. auch nicht von deren feuilleton. was aber hanns-georg rodek dort jetzt vorgeschlagen hat, ist eine gute idee, die ich vollkommen unterstütze (auch wenn der artikel viel blabla mit hineinmischt): eine pflichtabgabe von belegexemplaren auch bei filmen einzuführen und die – genau wie das bei gedruckten werken geschieht – zentral zu sammeln. denn viel zu viel ist schon verloren gegangen und vor allem, viel zu viel geht immer noch verloren. ich finde es ja auch immer wieder erstaunlich, wie absurd geschichtslos der film in deutschland betrachtet wird: eine (wissenschaftlich fundierte) filmgeschichte gibt es in der öffentlichkeit nahezu gar nicht. selbst filmkritiken lassen nur viel zu selten erkennen, dass auch das medium film und all seine gattungen inzwischen eine durchaus beachtliche geschichte haben. doch die kann man ja auch kaum – und wenn, dann nur mit großer mühe – kennenlernen. literatur- oder theatergeschichte lässt sich mit etwas gutem willen ziemlich schnell erarbeiten – dank öffentlicher bibliotheken und theater etwa. für den film gilt das aber überhaupt nicht, der führt ein nahezu geschichtsloses dasein. alte klassiker im fernsehen etwa? wenn überhaupt, dann irgendwann nachts zwischen 3 und 5 uhr – da sind die fernsehanstalten – auch und gerade die öffentlich-rechtlichen – noch schlimmer als die radiosender. also: zumindest mal sammeln. dann kann man auch sehen, was es schon gab.
wie der name schon verrät: ein grüner tee aus china, aus der provinz fujia, mit eg-bio-siegel von kolodziej & lieder bezogen.
das ist ein kunstvoll verarbeiteter tee: er hat nur wenig anfermentierte blätter, die dabei zu offenen kugeln geformt wurden. beim ersten aufguss (ich mache in der regel mindestens zwei, meist drei) entfalten sie sich dann wunderschön und geben einen tee von wunderbar goldgelbener farbe, der duftet wie kaum ein anderer. den ersten aufguss finde ich – der ich generell gar kein großer fan von grünen tees bin – einen hauch zu grasig bzw. heuig. der zweite aufguss entfaltet dann die eigentlich recht frischen und distinguiert-zurückhaltenden aromen noch stärker und schmeckt mir eigentlich etwas besser.
zubereitung: 16g tee für 1,5 liter wasser mit 90 °C und etwas über zwei minuten (beim dritten aufguss eher drei minuten) ziehen lassen.
einige überlegungen aus aktuellem anlass. nämlich meine kritik der aufführung des deutschen requiems von johannes brahms in michelstadt. mit einem laienchor, professionellem orchester, solisten und dirigenten. das muss ich vorweg schicken, sonst wird das folgende zu unverständlich.
also, was solleigentlich kritik? das ist natürlich – auch – eine sache der persönlichen überzeugung. ich bin der ansicht, sie soll kritisieren. und das heißt vor allem: verstehen, erklären und einordnen. dafür braucht man maßstäbe. was sie nicht soll: unreflektiert lobhudeln oder die künstler um jeden preis bestätigen – dafür gibt es freunde, verwandte und psychologen.
maßstäbe also. die sind in der kunst absolut – in dem sinne, das sie fest stehen. sie können freilich unterschiedlich sein, von person zu person. natürlich ist deshalb eine kritik nie vollkommen objektiv, also un-subjektiv. aber die kritik legt ihre gründe dar, sie lässt in der beurteilung erkennen, woran gemessen wird. und sie versucht, ihre überzeugungen zu vermitteln.
etwa die überzeugung, wie ein bestimmtes kunstwerk zu verstehen sei – und bei der musik heißt das eben auch: wie es aufzuführen ist. was nicht heißt, dass sie andere auffassungen nicht anerkennt. im gegenteil, gerade das macht kritik aus: sie prüft das verständnis und die ausführung, d.h. die vermittlung, anhand den kritierien des kunstwerkes. das meint: stimmigkeit. folgerichtigkeit. erkennbarkeit. überzeungskraft. aber auch: vermittelnde aspekte: also inwieweit die konkrete ausführung in der aufführung geeignet war, dieses bild des werkes zu vermitteln. und da spielen durchaus auch gewisse handwerkliche dinge eine rolle. ein orchester zum beispiel, das schlecht intoniert, wenig dynamik zur verfügung hat, ungenügende artikulations- und klangvielfalt – ein solches orchester wird die beste idee nur mangelhaft übermitteln können.
hier ist dann auch der ansatzpunkt, auf die spezifische aufführungssituation reagieren zu können.denn das problem ist: wie gut muss es sein? das hat sich noch nie so scharf gestellt wie heute, wo wir über unendliche vielfalt mehr oder minder guter bis – zumindest technisch – perfekter reproduktionen, d.h. aufnahmen mehr oder weniger unmittelbar verfügen können. dessen muss sich sowohl die kritik als auch die kunst aber bewusst sein – es hilft eben nichts, die situation ist eben diese. das hat ja auch zur folge, dass man musikalische werke nicht mehr nur live rezipieren kann – und damit, dass man (auch intensive) kenntnis der werke auch dann erlangen kann, wenn sie nicht vor ort aufgeführt werden. unter umständen wird dann diese aufführung sogar obsolet – wenn sie nämlich die fähigkeiten der beteiligten offensichtlich übersteigt.
so, jetzt zu den reaktionen des konkreten anlasses. da verbergen sich nämlich wiederum einige missverständnisse, was die aufgabe der kritik angeht.
am enttäuschendsten der brief des konzertmeisters der von mir ob ihrer technischen unzulänglichkeiten etwas harsch beurteilten kurzpfalzphilharmonie, arne müller. von seiner unterstellung, es ginge mir vorwiegend um das „kleinschreiben musikalischer Großereignisse vom Rang einer Großstadt” einmal abgesehen (aber schon diese unterstellung ist symptomatisch, zeigt sie nämlich die vollkommene verkennung oder leugnung der maßstäbe – oder zumindest die unkenntnis der großstädtischen musikszenen). müller vertritt nämlich offenbar die auffassung, kritik solle die ausübenden bestätigen. das ist natürlich hanebüchener unsinn, nichts liegt ihr ferner.
andere leserbriefschreiber sind aber noch schlimmer. eine dame entblödet sich nicht, sätze wie diese zu papier zu geben: „Selbst wenn [er] in einigen Punkten Recht haben sollte, muss man sich nicht bei jeder Gelegenheit berufen fühlen, Kritik zu üben” – ja, was soll eine Kritik denn sonst tun? das wirft nicht nur ein licht auf die zuhörerin – die ihrer unkenntnis immerhin eingesteht (und dass sie von der aufführung angerührt war, will und kann ich ihr ja nun wirklich nicht absprechen. aber darum genau geht es mir ja auch nie.) – sondern vor allem auf den traurigen zustand der publizistischen kritik im ländlichen raum. die ist nämlich, das wird mir immer klarer, außerhalb der städte überhaupt nicht mehr, quasi nur noch als gerücht, vorhanden. deshalb wundert es mich dann auch kaum noch, dass rezipienten mit kritik, die nicht ihrem höreindruck entspricht, so schlecht umgehen können. was mich aber doch immer wieder wurmt, sind fehlerhafte behauptungen von leuten, die es eigentlich besser wissen müssten. etwa eine kirchenmusikerin, die meint, meine qualitative einschränkung der solisten des brahms-requiem mit behauptungen wie „Und zum Glück kam die Sopranistin mühelos in schwindelerregende Höhen.“ widerlegen zu können. denn wer das deutsche requiem auch nur ein bisschen kennt, der weiß, dass die sopran-partie nirgends solche höhen aufzuweisen hat! immer wieder schimmert in diesen reaktion der vorwurf – mehr oder weniger offen geäußert – hindurch, ich hätte dem publikum das konzert vermiest. aber das stimmt einfach nicht. es mag sein, dass anspruchsloseren ohren und köpfen als meinem das besser gefallen hat. aber jeder, der nur ein klitzeskleines bisschen selbst denken kann, merkt erstens, dass das nicht alles so wunderbar war und zweitens, das meine kritik selbst dann noch nicht den persönlichen eindruck anderer besucher berührt. der mag sein wie er will – mir geht es um größere, allgemeinere maßstäbe – und um aufklärung über das qualitätsniveau, das schon. wie kommt es dann aber, dass meine kritik solche reaktionen hervorruft? ich glaube und vermute, das hat mehrere gründe. zum einen wird damit ja schon die labile gewissheit, teil eines großartigen kulturereignisses gewesen zu sein, erschüttert. der zorn zeigt aber, dass dies eine ausgesprochen unsichere, labile gewissheit gewesen sein muss – sonst könnte sie solche kritik bequemer ignorieren. zum anderen aber auch die befürchtung, dass die eigene begeisterung eben doch auf eher wackligen füßen stehen könnte – das aber betrifft dann wieder den kern, nämlich die selbstsicherheit jedes individuums. aber noch einmal: die bestätigung dessen ist nicht die aufgabe des (kunst-)kritikers.
„Mit dem Wort ICH fangen schon die Schwierigkeiten an.” (Peter Handke, Von der Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt)
