Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

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Verspäteter Glückwunsch: Johann Christian Heinrich Rinck zum 250. Geburtstag

2020 war ein gro­ßes Beethoven-​Jahr, zumin­dest irgend­wie – so rich­tig hat der 250. Geburts­tag nicht gezün­det, scheint mir. Und das lag ver­mut­lich nicht nur an den Ein­schrän­kun­gen der Kon­zert­tä­tig­kei­ten durch Coro­na, son­dern mei­nes Erach­tens auch dar­an, dass Beet­ho­ven sowie­so immer mehr als genug da und prä­sent ist. 

Rinck, Orgelwerke (Cover)

Das ist ist bei Johann Chris­ti­an Hein­rich Rinck ganz anders. Der ist aus dem öffent­li­chen (Musik)Leben weit­ge­hend kom­plett ver­schwun­den. Organist*innen soll­ten ihn aller­dings noch ken­nen. Ich zumin­dest spie­le sogar ab und an klei­ne­re Sachen von ihm. Den 250. Geburts­tag des Darm­städ­ter Kom­po­nis­ten und Kir­chen­mu­si­kers habe ich im letz­ten Jahr aber auch über­haupt nicht regis­tiert. Mit etwas Ver­spä­tung konn­te die Hoch­schu­le für Musik der Johannes-​Gutenberg-​Universität Mainz mir da jetzt auf die Sprün­ge hel­fen. Deren Orgel­klas­se von Ger­hard Gnann hat näm­lich im Jubi­lä­ums­jahr eine sehr gelun­ge­ne Doppel-​CD als eine Art Hom­mage an Rinck pro­du­ziert. Zusam­men mit der Rinck-​Gesellschaft haben die jun­gen Organist*innen und ihr Leh­rer eine wirk­lich schö­ne Zusam­men­stel­lung auf­ge­nom­men, die einen guten Ein­blick in das kom­po­si­to­ri­sche Schaf­fen Rincks bie­tet: Von den durch­aus zeit­ge­nös­sisch belieb­ten Orgel­kon­zer­ten über grö­ße­re Varia­ti­ons­zy­klen zu klei­nen, eher gebrauchs­mu­si­ka­lisch isn­pi­rier­ten Ton­stü­cken bil­det die Pro­duk­ti­on eine gro­ße Band­brei­te ab.

Ein wesent­li­ches Ele­ment des Gelin­gens ist die genutz­te Orgel: Die Dreymann-​Orgel von 1837 in St. Ignaz in der Main­zer Alt­stadt. In mei­ner Main­zer Zeit habe ich die nicht ken­nen­ge­lernt oder zumin­dest nicht bewusst wahr­ge­nom­men – wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, war das grö­ße­ren Arbei­ten an und in der Kir­che geschul­det. Inzwi­schen wur­de die Orgel auch umfas­send restau­riert. Und für mich zufäl­li­ger­wei­se zeit­lich genau pas­send auch in der aktu­el­len Aus­ga­be der Ars Orga­ni (Jg. 69, Heft 1, S. 46–50) beschrie­ben. Das Instru­ment, das von Rinck selbst als Neu­bau abge­nom­men und sehr geschätzt wur­de, kommt auf der Auf­nah­me gut zur Gel­tung: Die kla­ren, prä­gnan­ten Bäs­se vor allem des Posau­nen­bas­ses sind wun­der­bar prä­gnant und sau­ber, aber auch die war­men – und teil­wei­se sehr lei­se und sanf­ten Grund­stim­men klin­gen auf der Auf­nah­me sehr authen­tisch. Und die fie­nen Ober­stim­men und glän­zen­den Mix­tu­ren krö­nen das sehr schön, ohne zu dominieren. 

Die ein­ge­spiel­ten Wer­ke – teil­wei­se aus Auto­gra­phen bzw. eigens ange­fer­tig­ten Abschrif­ten – bie­ten, wie gesagt, eine schö­ne Gele­gen­heit, Rincks Kom­po­si­ti­ons­stil genau­so ken­nen­zu­ler­nen wie die­se fas­zi­nie­ren­de Orgel. Rinck hat ja eine ganz eige­ne Ver­bin­dung von (spät-)barocken Tech­ni­ken, die gera­de auf den Orgeln ja durch­aus noch lan­ge fort­le­ben, mit eigent­lich eher klas­si­schen Ele­men­ten (und zeit­wei­se früh­ro­man­ti­schen Anklän­gen) geschaf­fen. Das erreicht sicher nicht immer Beet­ho­vens Tie­fe (aber das machen Beet­ho­vens Wer­ke ja auch nicht immer), ist aber mehr als nur gefäl­li­ge Gele­gen­heits­mu­sik: Dem genaue­ren Hören eröff­nen sich da durch­aus immer wie­der span­nen­de Ideen, neue Kom­bi­na­tio­nen und vor allem gelun­ge­ne Ein­fäl­le. Und das alles zuam­men macht ein­fach Freude!

Johann Chris­ti­an Hein­rich Rinck: Orgel­wer­ke. Stu­die­ren­de der Abtei­lung Kirchenmusik/​Orgel der Hoch­schu­le für Musik an der Johan­nes Gutenberg-​Universität Mainz spie­len an der Dreymann-​Orgel (1837) in St. Ignaz, Mainz. Coviel­lo Clas­sics COV 92101, 2020. 114:02 Minuten.

Vocal Jazz zum Anhören: Hanna Schörken

Hanna Schörken, Luma (Cover)

vocal jazz ist ja nor­ma­ler­wei­se nicht unbe­dingt mei­ne kra­gen­wei­te . das hier aber schon. das ist näm­lich ganz anders: befrei­ung der stim­me. (gab es natür­lich schon vor­her, hat sich in der impro­vi­sier­ten musik aber anschei­nend nicht so durch­ge­setzt wie das instru­men­ta­le spiel (zumin­dest in mei­ner (ein­ge­schränk­ten) wahr­neh­mung)). das ist aber über­haupt der punkt: das ist nicht sin­gen (wie der meis­te vocal jazz), son­dern voka­les spiel. und viel­leicht auch voka­les spie­len. das instru­ment ist halt mund, rachen, lip­pen, stimm­bän­der, luft (und was sonst noch so dazu­ge­hört). text spielt kei­ne rol­le. das gefällt mir, mag ich in der impro­vi­sier­ten musik nur sel­ten (was auch dar­an liegt, dass die dann meist arg banal wer­den – und vor allem in den meis­ten fäl­len zu ein­deu­tig, zu un-​ambig sind, um den frei­en sin­nen der impro­vi­sier­ten musik gerecht wer­den zu kön­nen.) das ist hier aber über­haupt nicht der fall. ganz und gar nicht. luma zeich­net sich durch ein über­bor­den­de offen­heit aus: die gan­zen, lei­der dann doch viel zu kur­zen, 36 minu­ten, sind so ziem­lich das genaue gegen­teil von überdeterminiert.

also: han­na schör­ken ist anders. zart, aber bestimmt. sehr fein­sin­ning und fein­glied­rig fächert sie ihre musik immer wie­der auf. und zwar immer wie­der neu. die fle­xi­bi­li­tät, die band­brei­te der stimm­li­chen äuße­run­gen ist fas­zi­nie­rend frap­pie­rend. und, das ist der wesent­lich fak­tor für mei­ne begeis­te­rung, es ist nicht tech­ni­sche spie­le­rei oder vor­füh­re­rei der voka­len fähig­kei­ten, son­dern ein­fach klang­lich span­nen­de, gren­zen negie­ren­de (oder nicht ein­mal das – sie spie­len ein­fach kei­ne rol­le) ent­de­ckun­gen, phan­ta­sien, ideen, ein­drü­cke, emotionen.

zum gelin­gen trägt auch die kon­zen­tra­ti­on sehr bei: das sind meist kur­ze „stü­cke“, die elf wer­ke, die auf luma ver­sam­melt sind. „songs“ oder „lie­der“ mag man das ja nicht nen­nen. egal: han­na schör­ken, die mir auch in der ziem­lich coo­len grup­pe The Dorf begnet ist, über­zeugt mich sehr. allein dadurch, dass die ideen nicht tot­ge­rit­ten wer­den, aus­quetscht bis zum let­zen fit­zel klang, son­dern halt so lan­ge dau­ern, wie es nötig ist. das ist auch eine kunst, die nicht alle improvisator*innen immer rest­los beherrschen.

und in die­sem kur­zen (noch ein­mal: zu kur­zen) album ist so viel schön­heit, so viel wil­de und zugäng­lich, uner­schlos­se­ne und offe­ne, zugäng­lich und zutrau­li­che schön­heit. allein das vibrie­ren­de, sanft-​füllige ending ist schon alles wert. ich kann gar nicht auf­hö­ren zu schwärmen …

Han­na Schör­ken: Luma. Leo Records LR 893, 2020. 36:13 Minuten.

Hineingehört #4

Glückseligkeit und das Gegenteil

Sarah Buechi, Contradictions of Happiness (Cover)

Genau wie die bei­den Vor­gän­ger­al­ben nimmt auch das hier mich sofort gefan­gen. Aber das viel Erstaun­li­che­re: Ich blei­be fas­zi­niert. Gera­de auch nach wie­der­hol­tem Hören: Die Poe­sie die­ser Musik ver­liert ihre Kraft und ihre Wir­kung für mich bis­her über­haupt nicht. Im Gegen­teil, das Gefal­len stei­gert sich sogar noch, weil fei­ne Details offen­ba­rer wer­den, als sie es beim anfäng­li­chen Hören tun: denn Auf­fal­len ist nicht gera­de das Ziel aller Musi­ker die­ser Auf­nah­me. Um Bue­chi ver­sam­meln sich wie­der aus­ge­zeich­ne­te Mit­strei­ter, die mit ihrer Stim­me und ihren fein-​melancholischen, kla­ren Lini­en wun­der­bar har­mo­nie­ren. An ers­ter Stel­le, wenn man denn über­haupt eine Rei­hen­fol­ge auf­stel­len möch­te (ich bin mir da nicht so ganz sicher), steht wie­der der wun­der­ba­re Pia­nist Ste­fan Aeby, den ich auch in ande­ren Zusam­men­hän­gen sehr schät­ze. Auch André Pou­saz am Bass und Lio­nel Fried­li am Schlag­werk sind inte­gra­le Tei­le die­ses Gan­zen, das sich nicht mehr in sei­ne Tei­le auf­split­ten lässt. Das ist es gera­de, was mich hier bei jedem Hören wie­der ein­fängt: Nicht nur die grund­le­gen­de Stim­mung des Albums, son­dern die Über­ein­stim­mung, die Ein­stim­mig­keit der vie­len Töne und Klän­ge in den feins­ten Nuan­cen der Stim­mun­gen und Har­mo­nien. Wun­der­bar, ganz ein­fach. Einen nicht uner­he­li­chen Anteil dar­an haben natür­lich auch die Kom­po­si­tio­nen, die alle (mit Aus­nah­me eines Volks­lie­des) von Bue­chi selbst stam­men. Und schließ­lich auch das Streich­trio, das das bewähr­te Quar­tett zumin­dest zeit­wei­se ergänzt und dem gan­zen einen Touch Klassiker-​Status verleiht.

Und allein „After we’ve kissed“ wäre das Album schon wert gewe­sen: lang­sam sich ent­wi­ckelnd und ent­fal­tend, aus dem inti­men kam­mer­mu­si­ka­li­sche Anfang bis zur welt­um­span­nen­den Grö­ße anwach­send, ohne den Kern aus den Augen und Ohren zu ver­lie­ren. Herr­lich. Damit kein fal­scher Ein­druck ent­steht: Das ist bei­lei­be nicht alles Welt­schmerz­mu­sik, die sanft vor sich hin­düm­pelt. „Wheel of Tempt­a­ti­on“ zum Bei­spiel hat durch­aus ordent­lich Punch. Aber das wird nie zum Selbst­zweck, son­dern hat in Kom­po­si­ti­on und Text sei­nen Grund.

Sarah Bue­chi: Con­tra­dic­tions of Hap­pi­ness. Intakt Records 2019. Intakt CD 299.

Orientierungslos im Eis

Jim Black, Malamute (Cover)

Mala­mu­te, benannt nach den offen­bar eher rast­lo­sen und unkal­ku­lier­ba­ren Schlit­ten­hun­de Alas­kas (so ben­haup­ten es zumin­dest die Liner Notes), ist ein pas­sen­der Name für die­ses Quar­tett von Jim Black: Sie wirkt etwas hyper­ak­tiv und ziel­los, ohne Grund und Boden will sie irgend­wie alles auf ein­mal sein. Da gibt es net­tes fit­ze­li­ges Gefrit­zel vor allem vom Sam­pler & Key­board (Eli­as Ste­me­se­der), schö­ne, weich-​sentimentale Saxophon-​Linien (Óskar Gud­jóns­son), einen grun­die­ren­den Bass (Chris Tor­di­ni) und selbst­ver­ständ­lich kunstvoll-​powervolle Drums (Jim Black natürlich).

Aber dann bleibt doch alles wie hin­ter einem Schlei­er, unter einer mat­ten Ober­flä­che ver­bor­gen. Ja, Umbrü­che und der häu­fi­ge Wan­del machen die kur­zen Stü­cke durch­aus inter­es­sant – aber es bleibt in mei­nen Ohren eine ober­fläch­li­che Inter­es­sant­heit, eher ein Inter­es­se am Neu­en, ein Spiel mit der Abwechs­lung. Aber hier höre ich nichts oder zumin­dest zu wenig, was mich dau­er­haft und nach­hal­tig fas­zi­nie­ren wür­de. Das ist mir zu geschmei­dig und zu wenig gehalt­voll: Die Ideen spru­deln schon ganz schön, aber sie fin­den nicht so recht zuein­an­der. Des­halb sind die meis­ten Stü­cke auch kur­ze Zwei-​/​Drei-​Minüter: Dann sind die jewei­li­gen Ideen, Moti­ve, Ein­fäl­le halt durch und es pas­siert nichts mehr. So ver­san­den die schö­nen Ideen und die immer wie­der auf­fla­ckern­de Ener­gie ver­pufft ein­fach unge­nutz. Und das ist mir dann doch ein biss­chen wenig.

Jim Black: Mala­mu­te. Intakt Records 2017. Intakt CD 283.

Business as usual in Berlin

Angelika Niescier, The Berlin Concert (Cover)

Tja. Das ist guter, schö­ner Post-​Bop oder wie auch immer man das nen­nen mag. Und erstaun­lich lang­wei­lig fand ich das. Klar, das ist natür­lich hand­werk­lich gut gemacht, das läuft wie geschmiert. Nicht nur das Saxo­phon von Ange­li­ka Nie­scier, auch Bass (Chris­to­pher Tor­di­ni) und Schlag­zeug (Tyshawn Sorey) sind stets auf­merk­sam und agil dabei. Über­haupt ist das Zusam­men­spiel sehr dicht udn von gegen­sei­ti­ger Auf­merk­sam­keit und Reak­ti­ons­freu­dig­keit geprägt. Man merkt, dass es ein kon­zen­trier­tes Kon­zert war (auf­ge­nom­men wur­de das beim Jazz­fest Ber­lin 2017). Das war’s dann aber auch schon, irgend­wie scheint mir das doch nicht ganz auf der Höhe der Zeit, son­dern etwas alt­ba­cken. Viel­leicht ist mein Geschmack aber auch inzwi­schen zu ein­sei­tig oder zu ver­dor­ben. Was soll’s, mein Ding ist das jeden­falls nicht. Zumal auch der Klang der Auf­nah­me mir etwas dumpf und undif­fe­ren­ziert erschien.

Ange­li­ka Nie­scier, Chris­to­pher Tor­di­ni, Tyshawn Sorey: The Ber­lin Con­cert. Intakt Records 2018. Intakt CD 305.

Roter Teppich für Hörgenuss

Christof Mahnig & Die Abmahnung, Red Carpet (Cover)

Das ist nahe­zu unver­schämt cool: Schon die Trom­pe­te von Chris­tof Mah­nig, die den Roten Tep­pich von Red Car­pet zuerst beschrei­tet, dann Schlag­zeug und Bass auch see­ehr laid back: Nur all­mäh­lich setzt sich aus den Split­tern etwas Grö­ße­res und sogar ein Gan­zes zusam­men. Wenn man Kli­schee bemü­hen woll­te, dann könn­te man sagen: Sehr schwei­ze­risch. Und zwar in der unauf­ge­reg­ten Selbst­stän­dig­keit, die durch­aus hier und dort die Gren­ze zur Eigen­bröt­le­rei über­schrei­tet, die stu­re Gelas­sen­heit – auch gran­di­os dabei: Gitar­rist Lau­rent Méteau. Dazu noch das ver­spiel­te Aus­pro­bie­ren, das ganz unvor­sich­ti­ge Tas­ten, das Auf­bre­chen „Zu neu­en Ufern“ (so heißt der zwei­te Track tat­säch­lich, und es ist tat­säch­lich kein (zumin­dest nicht nur) Kli­schee), und schon ent­fal­tet sich groß­ar­ti­ge Musik. Ich will das Bild jetzt nicht über­stra­pa­zie­ren, aber man könn­te sicher­lich noch etwas zur Mischung aus groß­städ­ti­scher Hip­ness und ver­wun­sche­nen Tal­schlüs­sen, aus hohen Gip­feln und schrof­fen Abhän­gen sagen und schrei­ben. Egal: Red Car­pet macht ein­fach unmit­tel­bar Spaß. Und macht eben nicht nur unmit­tel­bar Spaß, son­dern auch dau­er­haft, beim wie­der­hol­ten Hören. Hat­te ich so ehr­lich gesagt über­haupt nicht erwartet. 

Witz und Humor, tief­grün­di­ges Spie­len und erfri­sches Genie­ßen – und das funk­tio­niert vor allem des­halb so gut, weil das Quar­tett klang­lich so wun­der­bar har­mo­nisch rüber­kommt und alles immer so selbst­ver­ständ­lich klingt: Das muss genau so sein. Und das ist eine Kunst, die ich sehr zu schät­zen weiß. 

Chris­tof Mah­nig & Die Abmah­nung: Red Car­pet. Leo Records 2019. LR 854.

außer­dem neben vie­lem ande­rem gehört:

  • John Zorn: Insur­rec­tion. Tzadik ‎2018. TZ 8359.
  • Mar­ker: Wired for Sound. Audio­gra­phic Records 2017. AGR-013.
  • Desti­na­ti­on Rach­ma­ni­nov: Arri­val. Ser­gej Rach­ma­nin­off: Kla­vier­kon­zer­te Nr. 1 & 3. Daniil Trif­o­nov, The Phil­adel­phia Orches­tra, Yan­nick Nézet-​Séguin. Deut­sche Gram­mo­phon 2019. 
  • Asmus Tiet­chens: Musik aus der Grau­zo­ne. 1981.
  • Nick Cave & The Bad Seeds: Ghos­teen. Ghos­teen 2019.

Hineingehört #3

Nichts als Hoffnung (aber immerhin)

Tindersticks, No Treasure but Hope (Cover)Ein neu­es Tin­der­sticks-Album ist ja schon ein Ereig­nis. Auch das fast mys­tisch schwe­ben­de und leich­te No Tre­asu­re but Hope fällt in die Kate­go­rie. Dabei ist es fast unge­wöhn­lich für ein Tin­der­stick-Album, weil vie­les (nicht alles aber) etwas hel­ler und freund­li­cher ist als auf älte­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen. Natür­lich bleibt Stuart Stap­les Stuart Stap­les, aber er klingt hier deut­lich welt­zu­ge­wand­ter, ja sogar freund­li­cher und locker(er), nicht mehr so ange­strengt, schwer, gequält wie auf frü­he­ren Alben. Dabei bleibt die Musik irgend­wie schon noch zwi­sch­ne der Lei­der­schaft von Nick Cave und der Ver­zweif­lung von Leo­nard Cohen angesiedelt. 

Ins­ge­samt wirkt das auf mich – nach den ers­ten paar Durch­gän­gen – aller­dings etwas fla­cher: Das ist mir oft zu aus­ge­feilt, klang­lich zu detail­ver­liebt, fast prä­ten­ti­ös. Da fehlt mir dann doch etwas Unmit­tel­bar­keit – und damit genau jene Qua­li­tät, die mich an frü­he­ren Alben stark in den Bann gezo­gen hat: Die emo­tio­na­le Stär­ke, die Unmit­tel­bar­keit der Gefüh­le, die die (älte­re) Musik immer wie­der (und immer noch, das funk­tio­niert auch nach Jah­ren des wie­der­hol­ten Hörens noch, ich habe es gera­de aus­pro­biert – und das zeigt die wah­re Grö­ße die­ser Musik) aus­zeich­net, das fehlt mir hier. Viel­leicht – das ist frei­lich nur eine Ver­mu­tung – sind Tin­der­stick ein­fach zu gut gewor­den. Das ist aber wahr­schein­lich Blöd­sinn, auch die letz­ten Alben waren ja schon aus­ge­zeich­net produziert. 

Hier schlägt aber wohl doch stär­ker der Kunst­wil­le durch. Und dafür sind die For­ma­te der Pop­songs dann aber doch wie­der zu kon­ven­tio­nell und des­halb zu schwach, das bleibt dann manch­mal etwas schrammeling-​mittelmäßig. Das heißt nun aber über­haupt nicht, dass No tre­asu­re but hope schlecht sei. Auch hier gibt es wun­der­ba­re Momen­te und schö­ne, erfül­len­de Lie­der. „Trees fall“ zum Bei­spiel, oder „Carou­sel“ mit der typi­schen Tin­der­stick-Stim­mung, der melan­cho­lisch­ne Grun­die­rung. Und auch „See my Girls“ hat dann doch wie­der sehr dring­li­che, inten­si­ve Momen­te (und eine schö­ne Gitar­re). Das titel­ge­ben­de „No tre­asu­re but hope“ ist in der sehr redu­zier­ten Kon­zen­tra­ti­on auf Kla­vier und Gesang durch­aus ein klei­nes kam­mer­mu­si­ka­li­sches, inti­mes Meis­ter­werk – und ein­fach schön.

Tin­der­sticks: No Tre­asu­re but Hope. Lucky Dog/​City Slang 2019. Slang 50236.

Verspieltes Klavier

Stefan Aeby, Piano Solo (Cover)Ste­fan Aebys ers­te Solo­auf­nah­me (soweit ich sehe zumin­dest), im letz­ten Jahr bei Intakt erschie­nen. Das ist, mehr noch als die Trio­auf­nah­men, im Gan­zen oft sehr ver­spielt, aber ins­ge­samt vor allem sehr har­mo­nisch: kla­re Struk­tu­ren und kla­re Tona­li­tä­ten bestim­men den Gesamteindruck. 

Beson­ders wird Pia­no solo aber vor allem durch den Kla­vier­klang, das ist viel­leicht, zusam­men mit sei­ner klang­li­chen Ima­gi­na­ti­ons­kraft, Aebys größ­ter Stär­ke. Denn der ist viel­schich­tig und fein­sin­nig, mit gro­ßem Nuan­cen­reich­tum. Hier kommt nun noch dazu, dass das Kla­vier von Aeby im Stu­dio – er hat das wohl voll­stän­dig allei­ne auf­ge­nom­men – teil­wei­se ver­frem­det, ergänzt und bear­bei­tet wurde. 

Vie­les ist dann auch – wie erwar­tet – sehr schön. Aber vie­les ist auch nicht beson­ders über­wäl­ti­gend: So rich­tig umge­haut hat mich eigent­lich nichts. Das ist soli­de, durch­aus mit inspier­ten und inspie­ren­den Momen­ten, über­haupt kei­ne Fra­ge. Mir scheint es aber ins­ge­se­amt einen Ticken zu banal, einen Tick zu flach in der oft unge­bro­che­nen Schön­heit, in der Suche nach Har­mo­nie und Wohl­klang. Dabei gibt es dann auf Pia­no solo auch vie­le Klang­ef­fek­te. Die machen das aber manch­mal – und teil­wei­se sogar über wei­te­re Stre­cken – etwas arg künst­lich für mei­nen Geschmack („Dance on a Cloud“ wäre dafür ein Bei­spiel). „Fling­ga“ dage­gen ist dann aber wie­der her­aus­ra­gend: da kann sein run­der, wei­cher, abge­stimm­ter Ton sich voll entfalten.

Die Idee, den Kla­vier­klang nicht allei­ne zu las­sen, ihn auf­zu­pep­pen, zu erwei­tern, zu ver­frem­den, ist ja ganz schön und nett. Aber das Ergeb­nis oder bes­ser die Ergeb­nis­se über­zeu­gen mich nicht immer voll­ends. Vor allem scheint mir die klang­li­che Erwei­te­rung oder Ver­frem­dung nicht immer aus­rei­chend musi­ka­lisch begrün­det und zwin­gend. Zumin­dest wur­de mir das beim Hören nicht ent­spre­chend klar. Und dann bleibt es halt vor allem eine (tech­ni­sche) Spie­le­rei. Trotz alle­dem ist Pia­no solo aber den­noch eine defi­ni­tiv schö­ne, über­zeu­gen­de Auf­nah­me mit ein­neh­men­den Klangbildern.

Ste­fan Aeby: Pia­no solo. Intakt Records 2019. Intakt CD 332.

Die Winterreise als Gruppenwanderung

Schubert, Winterreise (Cover)Das ist Schu­berts Win­ter­rei­se – und auch wie­der nicht. Denn sie ist – teil­wei­se – für Streich­quar­tett tran­skri­biert und mit Inter­mez­zi ver­se­hen von Andre­as Höricht.

Die Idee scheint ja erst ein­mal ganz viel­ver­spre­chend: Die Win­ter­rei­se – bzw. ihre „wich­tigs­ten“ (das heißt vor allem: die bekann­tes­ten) Lie­der – auf die Musik zu redu­zie­ren, zum Kern vor­zu­sto­ßen, den Text zu sub­li­mie­ren. Das Ergeb­nis ist aber nicht mehr ganz so viel­ver­spre­chend. Die Inter­mez­zi, die zwar viel mit Schu­bert­schen Moti­ven spie­len und ver­su­chen, die Stimmung(en) auf­zu­grei­fen, sind ins­ge­samt dann doch eher über­flüs­sig. Und die Lie­der selbst: Nun ja, bei mir läuft men­tal dann doch immer der Text mit. Und es gibt durch­aus schö­ne Momen­te, wo das Kon­zept auf­zu­ge­hen scheint. Im gan­zen bleibt mir das aber zu wenig: Da fehlt zu viel. Selbst eher mit­tel­mä­ßi­ge Inter­pre­ta­tio­nen haben heu­te ein Niveau, das mehr an Emo­ti­on und Ein­druck, mehr Inhalt und Struk­tur ver­mit­telt als es die­se Ver­si­on beim Voyager-​Quartett tut. Als beken­nen­der Winterreise-​Fan und ‑Samm­ler darf das bei mir natür­lich nicht feh­len. Ich gehe aber stark davon aus, dass ich in Zukunft eher zu einer gesun­ge­nen Inter­pre­ta­ti­on grei­fen werde …

Franz Schu­bert: Win­ter­rei­se for string quar­tet. Voy­a­ger Quar­tet. Solo Musi­ca 2020. SM 335. 

Dreifache Freiheit

Kaufmann/Gratkowski/de Joode, Oblengths (Cover)Sowohl Kauf­mann als auch Grat­kow­ski sind Impro­vi­sa­to­ren, deren Arbeit ich immer ver­su­che im Blick zu haben. Sie ver­kör­pern näm­lich eine Form der impro­vi­sier­ten Musik oder des frei­en Jazz (oder wie immer man das genau klas­si­fi­zie­ren mag), die ver­schie­de­ne Aspek­te ver­eint und zusam­men­bringt: Sie sind Künst­ler, die viel am und mit dem Klang arbei­ten (gera­de bei Achim Kauf­mann fällt mir das immer wie­der auf, wie klang­stark er das Kla­vier zu spie­len weiß) und zugleich im frei­en Impro­vi­sie­ren und Zusan­men­spiel Struk­tu­ren ent­ste­hen las­sen kön­nen, die das Hören span­nend und über­ra­schungs­voll machen. Das gilt auch für ihre Zusam­men­ar­beit mit Wil­bert de Joo­de, die auf Oblengths doku­men­tiert ist. Auf­ge­nom­men wur­de ein Aben im Janu­ar 2014 im Köl­ner Loft, ver­öf­fent­licht hat es das immer wie­der und immer noch groß­ar­ti­ge Label Leo Records. 

Das bes­te an die­ser Auf­nah­me ist die Kom­bi­na­ti­on von glei­chen oder ähn­li­cher Musi­zer­wei­sen der drei Trio­part­ner und der immer wie­der über­ra­schen­den Viel­falt an kon­kre­ten klang­li­chen Ereig­nis­sen, die dar­aus ent­ste­hen. Da ist schon viel Geknar­ze, Gerum­pel, Krat­zen und Fie­pen. Aber auch viel Wohl­klang: Oblengths, das ist eine der gro­ßen Stär­ken die­ses Tri­os, war­tet mit einer unge­wohn­ten Band­brei­te vom Geräusch bis zum har­mo­ni­schen Drei­klang und klas­sisch gebau­ten Melo­dien oder Moti­ven auf. Man merkt beim Hören aber eben auch unmit­tel­bar, dass das hier kein Selbst­zweck ist, son­dern ein­ge­setzt wird, um Zusam­men­hän­ge her­zu­stel­len und umfas­sen­de­ren Aus­druck zu ermög­li­chen. Dazu passt auch, dass der Klang­raum ein wirk­lich wei­tes Reper­toire umfasst und auch im lei­sen, ver­ein­zel­ten, sogar im stil­len Moment noch sehr aus­dif­fe­ren­ziert ist. Ich wür­de nicht sagen, dass das Trio erzählt – aber irgend­wie erge­ben sich dann doch so etwas wie Geschich­ten, Abfol­gen von Momen­ten, die zusam­men­ge­hö­ren und eine gemein­sa­me Struk­tur haben. 

Achim Kauf­mann, Frank Grat­kow­ski, Wil­bert de Joo­de: Oblengths. Leo Records 2016. CD LR 748. 

Hineingehört #2

Goldige Klänge

the king's singers, gold (cover)Die Jubiläums-​Dreifach-​CD der King’s Sin­gers mit dem schö­nen und pas­sen­den Titel Gold habe ich schon bespro­chen: klick. Es ist wirk­lich eine schö­ne und umfas­sen­de Doku­men­ta­ti­on der Kern­fä­hig­kei­ten der eng­li­schen Boy Group, auch nach der jüngs­ten Beset­zungs­än­de­rung immer noch mit den alten klang­li­chen (Gold-)Qualitäten. Es ist ziem­lich egal, ob sie Renaissance-​Motetten oder raf­fi­nier­te Arran­ge­ments von Pop-​Songs sin­gen. Alles, was sie sich vor­neh­men, machen sie sich unab­ding­bar zu eigen. Und so klin­gen dann fünf Jahr­hun­der­te Musik doch ziem­lich gleich – wie fünf Jahr­zehn­te King’s Sin­gers eben.

The King’s Sin­gers: Gold. Signum Records 2017. 67:37 + 61:15 + 65:37 Minuten.

Liebe für den und im Gesang

the king's men, love from king's (cover)Ein Nachbar-​Projekt sind die „King’s Men“, die am King’s Col­lege stu­die­ren (im Gegen­satz zu den King’s Sin­gers …). Ihr Album ist tat­säch­lich ganz lieb­rei­zend – es trägt ja auch den Titel Love from King’s. Zu den Liebeslied-​Klassikern habe ich auch schon etwas (für die Chor­zeit) geschrie­ben: klick. Hier brin­gen die „King’s Men“ die Musik und den Stim­men­klang immer wie­der wirk­lich zum Fun­keln und auch fast zum eksta­ti­schen Tan­zen – so wie man sich auch die Lie­be wünscht. Wie die „King’s Men“ hier mit eher beschei­de­nen musi­ka­li­schen Mit­teln einen enor­men akus­ti­schen und emo­tio­na­len Raum und eine gera­de­zu über­wäl­ti­gen­de klang­li­che Fül­le zau­bern, das ist ein­fach wunderbar.

The King’s Men: Love from King’s. The Recor­dings of King’s Col­lege Cam­bridge 2018. 47:22 Minuten.

Wiederentdeckte Monster

musical monsters (cover)Die Musi­cal Mons­ters sind eigent­lich gar kei­ne neue Musik. Auf­ge­nom­men wur­de das näm­lich schon 1980 bein Jazz­fes­ti­val Wil­li­s­au. Des­sen Chef Niklaus Trox­ler hat die Bän­der gut auf­ge­ho­ben. Und Intakt konn­te sie jetzt, nach umständ­li­cher Rech­te­ab­klä­rung, end­lich ver­öf­fent­li­chen. Zu hören ist ein Quin­tett mit gro­ßen Namen: Don Cher­ry, Irè­ne Schwei­zer, Pierre Fav­re, John Tchi­cai und Léon Fran­cio­li, das es so sonst nicht zu hören gibt. Und tat­säch­lich merkt man das doch recht deut­lich, dass hier gro­ße Meister*innen am Werk sind, auch wenn sie sonst nicht zusam­men spiel­ten. Aber Musi­cal Mons­ters ist eine aus­ge­las­se­ne, fröh­li­che, inten­si­ve Musik. Selbst wenn das tech­nisch nicht immer per­fekt sein mag: Es ist leben­dig. Und das ist dann doch irgend­wie die Hauptsache.

Don Cher­ry, John Tchi­cai, Irè­ne Schwei­zer, Léon Fran­cio­li, Pierre Fav­re: Musi­cal Mons­ters. Intakt Records CD 269, 2016. 59:28 Minuten.

Da Capo – Effektvolle Zugaben für Chöre

carsten gerlitz, da capo
Zuga­ben­stü­cke sind offen­bar gefähr­lich: Wenn der Ton­set­zer selbst schon vor ihrem über­mä­ßi­gem Genuss warnt, dann soll­te man wohl wirk­lich mit Vor­sicht genie­ßen. Dabei gibt es kaum einen Grund, den Band „Da Capo!“ von Cars­ten Ger­litz mit spit­zen Fin­gern anzu­fas­sen. Im Gegen­teil, man soll­te den unbe­dingt auf­schla­gen und (ein)studieren. Auch wenn der Titel nicht so ganz passt. Denn nicht die Wie­der­ho­lung ist das Ziel von Ger­litz, son­dern neu­es Mate­ri­al für die Zuga­be bei Chor­kon­zer­ten zu lie­fern. Ech­te „Knal­ler“ sol­len es also sein, pep­pi­ge Arran­ge­ments ver­spricht der Unter­ti­tel. Und das fin­det man in den sechs Sät­zen von über­schau­ba­rer Schwie­rig­keit dann durch­aus – wenn auch nicht in jedem einzelnen.

Denn einen Schluss­punkt für ein Kon­zert set­zen sie alle auf ganz ver­schie­de­ne Wei­se: „Auf uns“ als groovig-​poppige Soul­bal­la­de, die Ger­litz‘ Fähig­keit als Arran­geur effekt­vol­ler Chor­mu­sik beson­ders deut­lich zeigt, „Das Publi­kum war heu­te wie­der wun­der­voll“ als schnell ein­stu­dier­te und schnell gesun­ge­ne, unkom­pli­zier­te Minia­tur, die schon als Abspann­mu­sik bei Bugs Bun­ny gut funk­tio­niert hat. Es geht aber auch roman­ti­scher, mit dem von Brahms ent­lehn­ten „Guten Abend, gute Nacht“, dem sanft und sehr fein aus­ge­ar­bei­te­ten „Der Mond ist auf­ge­gan­gen“ oder auch mit dem Abschieds­lied der Come­di­an Har­mo­nists, „Auf Wie­der­sehn, my Dear“, das Ger­litz sehr nah an deren Klang und Arran­ge­ment setzt. Und damit auch wirk­lich jeder gemisch­ter Chor hier etwas fin­det, gibt es noch eine unkom­pli­ziert swin­gen­de, ja, fast harm­lo­se „Sen­ti­men­tal Jour­ney“ dazu. Und wenn man den schma­len Band so durch­blät­tert, trifft die War­nung des Vor­worts viel­leicht doch zu: Zu viel Feu­er­werk ermü­det. Dafür rei­chen die­se sechs Sät­ze aber nicht aus – schon allein des­halb nicht, weil sie so ganz und gar unter­schied­lich sind.

carsten gerlitz, in my life (beatles)
Und wer noch nicht weiß, wie er sein Publi­kum dazu bringt, Zuga­ben zu for­dern, kann sich zwei­er ande­rer kürz­lich erschie­ner Arran­ge­ments von Cars­ten Ger­litz bedie­nen – die sind jetzt aber nicht mehr für jeden Chor und jeden Geschmack geeig­net. Denn mit ABBAs „Dancing Queen“ und „In My Life“ von den Beat­les legt der ver­sier­te Arran­geur zwei Sät­ze vor, die sehr genau und gut in die neue Rei­he Pop-​Choir-​Classics passen.Nah am Ori­gi­nal emp­feh­len sie sich vor allem für im Pop schon ver­trau­te und geüb­te Chö­re – bei­de set­zen auch ein fünf­stim­mi­ges, rhyth­misch siche­res Ensem­ble vor­aus. Mit weni­gen, oft nur punk­tu­el­len Ände­run­gen, geschick­ter Stimm­ver­tei­lung und dra­ma­tur­gi­schem Gespür wird aus blo­ßen a-​cappella-​Coverversionen bei Ger­litz ein Hit fürs nächs­te Kon­zert. Dabei arbei­tet er sehr öko­no­misch mit Ein­fäl­len: Sei­ne Arran­ge­ments sprü­hen nicht vor Ideen, sind aber stets wir­kungs­voll gear­bei­tet. Nicht zuletzt liegt das auch an den Ori­gi­na­len: Das sind eben ech­te Klas­si­ker, die Kraft und Inspi­ra­ti­on genug haben – die Rei­he trägt den Titel „Pop-​Choir-​Classics“ schließ­lich nicht umsonst.

Cars­ten Ger­litz: Da Capo! Zuga­be­stü­cke in pep­pi­gen Arran­ge­ments für gemisch­ten Chor. Mainz: Schott 2015 (ED 20577).
Cars­ten Ger­litz: Beat­les, In My Life. (Pop-​Choir-​Classics) Ber­lin: Bos­worth 2015 (BOE7741).
Cars­ten Ger­litz: ABBA, Dancing Queen. (Pop-​Choir-​Classics) Ber­lin: Bos­worth 2015 (BOE7742).

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokalmagazin“)

Strahlende Lichter: Das erste Album von Voxid

voxid, shades of light (cover)Das ist kei­ne Musik für spar­sa­me Haus­hal­ter. Denn Voxid hält sich nicht zurück. Im Gegen­teil: Das Quin­tett singt, als gäbe es ein­fach kein Mor­gen mehr. Auf Shades of light gibt es näm­lich alles im Über­fluss: Klang, Sound und Ideen. Nichts wird zurück­ge­hal­ten, immer geht es in die vol­len. Voxid muss sich ja auch nicht ein­schrän­ken, sie haben ein­fach ein schier uner­schöpf­li­ches Reper­toire an Mög­lich­kei­ten. Und das nut­zen sie für die zwölf Songs auch voll­kom­men unge­niert aus. Es beginnt schon bezeich­nend mit Imo­gen Heaps „Head­lock“: Der Sound ist fett und luf­tig zugleich, die Musik klingt leicht und ernst, soli­de und spa­ßig glei­cher­ma­ßen. Auch wenn das Quin­tett behaup­tet, „Music ain‘t my thing“, merkt man in jedem Moment: Hier nimmt jemand Pop sehr ernst – mit gran­dio­sem Ergeb­nis. Vor allem, weil sich Voxid als unge­heu­er eng gefüg­tes Ensem­ble hören lässt: Da ist jede Stim­me in jedem Moment an ihrem Platz. 

MUSIC AIN’T MY THING by VOXID [offi­ci­al video clip]

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Eine ande­re Mar­ke, die gleich gesetzt wird, ist das Niveau der Arran­ge­ments: Voxid (frü­her schon eini­ge Jah­re unter dem Namen „tonal­rausch“ unter­wegs) gibt sich nicht mit Dut­zend­wa­re zufrie­den. Des­halb kom­po­nie­ren und arran­gie­ren sie auch (fast) alles selbst. Und das hört man, die genaue Pas­sung auf die Stim­men und das Ensem­ble funk­tio­niert wun­der­bar. Denn die Arran­ge­ments – und wirk­lich alle – sind ganz ein­fach groß­ar­tig viel­fäl­tig, sprü­hen vor Ideen und stel­len sich doch atmo­sphä­risch ganz genau in den Dienst der Songs. Bei „Save your soul“ von Jamie Cul­lum zum Bei­spiel ver­bin­den sich Flä­chen und Lini­en mit dicht ver­wo­be­nen Tex­tu­ren und klang­li­chen Reli­efs. Und Voxid singt das auch immer so, dass man nur zustim­mend nicken kann: Jeder Klang, jede Linie, jeder Akkord strotzt vor Ener­gie, alles ertönt unge­heu­er kraft­voll (man muss nur kurz in „Musi­cal Tre­asu­re“ hin­ein­hö­ren!), aber mit ganz ent­spann­tem Druck. Denn das Quin­tett erreicht sein musi­ka­li­sches und emo­tio­na­les Durch­set­zungs­ver­mö­gen ganz ohne hör­ba­re Anstrengung. 

Das Bes­te – wenn man das aus einem Album von so gleich­blei­bend hoher Qua­li­tät über­haupt her­aus­he­ben kann – steht am Ende: Zunächst „Edge“, das noch ein­mal mit vol­ler Power auf die Ziel­ge­ra­de ein­biegt und in dem vor­treff­lich gestaf­fel­ten Arran­ge­ment zwi­schen leich­ter Beat­box und inten­si­ver Melo­die all die fei­nen Qua­li­tä­ten ihrer Ensem­ble­kunst prä­sen­tiert. Aber dann folgt noch, als Bonus­track, eine bezau­bern­de Ver­si­on von „I fade away“, das sowie­so die schöns­te Melo­die der CD auf­weist und hier im Remix mit Synthesizer-​Einsatz noch klang­lich auf­ge­peppt wird. Gera­de das hät­te Voxid aber über­haupt nicht nötig, nach­dem es in den 50 Minu­ten davor so eine bril­lan­te Leis­tungs­schau des Vocal Pop präsentierte.

Voxid: Shades of light. RUM Records 2018. 51:13 Spielzeit.

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #50, Juni 2018)

MUSICAL TREASURE by VOXID [offi­ci­al Video Clip]

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Taglied 12.4.2018

Heu­te ein ganz beson­de­res Schmuck­stück, der „Mar­che fata­le“ von Hel­mut Lachenmann:

Staats­or­ches­ter Stutt­gart – „Mar­che fata­le“ für gro­ßes Orches­ter von Hel­mut Lachenmann

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So schreibt der Kom­po­nist im Pro­gramm­heft der Urauf­füh­rung:

Mar­che fata­le – ist eine unvor­sich­tig gewag­te Eska­pa­de, sie dürf­te den Kenner
mei­ner Kom­po­si­tio­nen mehr irri­tie­ren als mei­ne frü­he­ren Wer­ke, von denen
nicht weni­ge sich erst nach Skan­da­len bei ihrer Urauf­füh­rung durchgesetzt
haben. Mei­ne Mar­che fata­le hat aller­dings sti­lis­tisch mit mei­nem bisherigen
kom­po­si­to­ri­schen Weg wenig zu tun, sie prä­sen­tiert sich hem­mungs­los wenn
nicht als Rück­fall, so doch als Rück­griff auf jene Flos­keln, an wel­che die
moder­ne Zivi­li­sa­ti­on in ihrer täg­li­chen »Gebrauchs­mu­sik« nach wie vor sich
klam­mert, wäh­rend doch die Musik im 20. und 21. Jahr­hun­dert längst zu
neu­en, unge­wohn­ten Klang­land­schaf­ten und Aus­drucks­mög­lich­kei­ten vorgedrungen
ist.
[…]
Ist ein Marsch mit sei­nem kol­lek­tiv in krie­ge­ri­sche oder festliche
Stim­mung zwin­gen­den Anspruch nicht a prio­ri lächer­lich? Ist er überhaupt
»Musik«? Kann man mar­schie­ren und zugleich hören?
[…]
Mei­ne alte For­de­rung an mich und mei­ne musik­schaf­fen­de Umgebung,
eine »Nicht-​Musik« zu schrei­ben, von wo aus der ver­trau­te Musikbegriff
sich neu und immer wie­der anders bestimmt, so dass der Kon­zert­saal statt
zur Zuflucht in trü­ge­ri­sche Gebor­gen­hei­ten zum Ort von geist-öffnenden
Aben­teu­ern wird, ist hier – viel­leicht? – auf ver­rä­te­ri­sche Wei­se »ent­gleist«.
Wie konn­te das passieren?
Der Rest ist – Denken.

Einen klei­nen Kom­men­tar zum Werk von Moritz Eggert gibt es auch beim Bad Blog of Musick: klick.

the king's men (official photo)

Königliche Liebe: Love from The King’s Men

Zum Glück ist die Lie­be im wah­ren Leben nicht ganz so aus­ge­gli­chen und har­mo­nisch wie auf dem neu­en Album der „King’s Men“ aus Cam­bridge – das wäre ja etwas lang­wei­lig (und es gebe wohl auch weni­ger Lie­bes­lie­der zu sin­gen). In 14 Songs geht es hier nur um das Eine: „Love from King’s“. Scha­de ist aller­dings, dass die jun­gen Män­ner das Risi­ko etwas scheu­en. Denn die Mög­lich­kei­ten dazu hät­ten sie durch­aus, das bewei­sen sie auch mit die­ser Auf­nah­me immer wie­der: Der form­ba­re Klang, die Fül­le des Tut­tis, die Viel­falt der Stim­men, vor allem aber die orga­ni­sche Prä­zi­si­on bei Timing und Into­na­ti­on – eigent­lich sind alle Zuta­ten für eine groß­ar­ti­ge CD vor­han­den. Aber groß­ar­tig ist „Love from King’s“ lei­der nur in eini­gen Tei­len. Denn vie­les bleibt doch etwas arg brav und betulich.
Gleich die Eröff­nung ist so ein Fall: Ganz klas­sisch und tra­di­tio­nell gesun­gen, bleibt „Is You Is or Is You Ain’t My Baby?“ erstaun­lich belang­log und lang­wei­lig. Auch auf dem Rest der Schei­be erfin­den die „King’s Men“ die Gat­tung nicht gera­de neu. Behut­sam, sehr vor­sich­tig fast, moder­ni­sie­ren sie den Kanon der Lie­be­lie­der in Clo­se Harm­o­ny. Und zunächst denkt man noch, dass ihre Zurück­hal­tung auch an der ten­den­zi­ell über­mi­kro­fo­nier­ten Auf­nah­me liegt, die es dem Klang unnö­tig schwer macht, sich wirk­lich zu ent­fal­ten. Aber dann hört man Micha­el Jack­sons wun­der­bar fein­sin­nig arran­gier­tes „Bil­lie Jean“ und ist begeis­tert von der ele­gan­ten Sprit­zig­keit des Ensem­bles. Auch das direkt anschlie­ßen­de „When she loved me“ von Ran­dy New­man kann die Fähig­kei­ten der sieb­zehn Män­ner aus­ge­zeich­net zur Gel­tung brin­gen: Wie die „King’s Men“ hier mit eher beschei­de­nen musi­ka­li­schen Mit­teln einen enor­men akus­ti­schen und emo­tio­na­len Raum und eine gera­de­zu über­wäl­ti­gen­de klang­li­che Fül­le zau­bern, das ist ein­fach wunderbar.
Das Mus­ter setzt sich fort: Die Klas­si­ker – unter ande­rem ein schläf­ri­ges „Won­derful Word“ und ein unin­spi­rier­tes „Scar­bo­rough Fair“ – sind auf „Love from King‘s“ eher eine Schwach­stel­le. Dass die neue­ren (Pop-)Songs, die eigent­lich mit den glei­chen Mit­teln und typi­schen Ideen arran­giert wur­den, so deut­lich her­vor­ste­chen, mag an der Jugend der Sän­ger lie­gen. Aber eigent­lich ist das auch egal, denn Songs wie „Isn’t she love­ly“ sind ech­te Dia­man­ten: Hier brin­gen die „King’s Men“ die Musik und den Stim­men­klang immer wie­der wirk­lich zum Fun­keln und auch fast zum eksta­ti­schen Tan­zen – so wie man sich auch die Lie­be wünscht.

The King’s Men: Love from King’s. The Recor­dings of King’s Col­lege Cam­bridge 2018. Spiel­zeit: 47:22.

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #48, April 2018)

Cecil Taylor am Klavier

Cecil Taylor (1929–2018)

What a shame: Der gro­ße und groß­ar­ti­ge Cecil Tay­lor ist ges­tern ver­stor­ben. Die Ent­de­ckung sei­ner Musik hat nicht ganz unwe­sent­lich dazu bei­getra­gen, dass sich mir der Kos­mos des Free Jazz und der Impro­vi­sier­ten Musik erschlos­sen hat. Und sei­ne Auf­nah­men – unter ande­rem „The Wil­li­s­au Con­cert“ (2000) – sind immer noch und immer wie­der unter mei­nen Lieb­lings­plat­ten, die ich am öftes­ten und immer wie­der mit Begeis­te­rung hören kann. Beim Free Jazz Coll­ec­ti­ve gibt es einen sym­pa­thi­schen Nach­ruf.

Cecil Tay­lor (ca. 1965)

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