„Was ich BIN:
ich bin’s!”
(Peter Handke, Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt)
„Oper ist die letzte glaubwürdige Religion.” (Ken Russell)
„Sprache ist klüger als ihre Benutzer, dachte ich” (Thomas Hettche: Vaportetto (Linie 52), 200)
Heiter soll die Kunst sein. Unbedingt heiter. Wenn einer das begriffen hat, dann Robert Gernhardt – von ihm stammt die Forderung schließlich auch. Natürlich in bestens gereimter Form. Lutz Görner hat das aber auch sehr gut verstanden. Im Frankfurter Hof lieferte er eine Kostprobe davon ab: Von Robert Gernhardts humoristischer Lyrik und seiner komischen Darbietungskunst. Und das Publikum fraß ihm von der ersten Minute an aus der Hand. Es folgte ihm durch sein dreiminütiges Schweigen genauso wie es ihm bei der „Erinnerung an eine Begegnung in Duderstadt“ durch Gekicher und Räuspern die Gelegenheit gab, sich nahezu zehn Minuten mit dem Titel des Gedichtes herumzuschlagen, bevor er überhaupt zum ersten Vers weitergehen konnte.
>Görner ist dem Lyriker der Neuen Frankfurter Schule seit 1991 zugetan. Und das macht er sehr deutlich. Überhaupt hat er auf der Bühne keinen Platz und keine Zeit für Andeutungen oder Zwischentöne. Gernhardts Gedichte also. Er spricht sie, deklamiert, erzählt, schreit, grunzt, stöhnt, knurrt, seufzt, zwitschert, säuselt, lispelt, knirscht, haucht, stottert, lallt und schimpft mit und durch Gernhardts Worte: Kurz, er macht alles, um Robert Gernhardt noch einmal zu vergegenwärtigen. Und er macht immer auch noch ein bisschen mehr. Denn Görner ist inzwischen weit mehr als ein Rezitator – er ist selbst zum Komiker geworden. Vielleicht ist es ja in einer Art Osmose durch die lange Beschäftigung mit Gernhardt geschehen. Jedenfalls sind des Dichters Worte nicht die einzigen lustigen und unterhaltsamen in diesem Programm.
Das zeichnet sich dadaurch aus, das es sogar zwei rote Fäden hat: Einen gesprochenen und einen musizierten. Denn Görner ist nicht allein auf der Bühne. Er lässt sich von Stephan Schleiner am Klavier mit Gernhardt-Variationen, einem kunterbunten Gang durch die Musikgeschichte, unterstützen. Und er hat noch einen Tisch voller Requisiten und Verkleidungne bereitstehen, mit denen er genauso schnell zum Soldaten wie zum Clown wird.Aber um zum roten Faden zurück zu kommen: Görner präsentiert seine Gedicht-Auswahl rund um die und zwischen den einzelnen Strophen der „Ode an die Spaßmacher und die Ernstmacher“ – wie schon damals bei seinem ersten Gernhardt-Programm. Altbacken ist das aber nie. Und bescheiden auch nicht. Denn schon Gernhardt selbst wusste zu sagen: „Lieber Gott, nimm es hin, dass ich was Besondres bin.“ Und Lutz Görner und sein Publikum sind damit sehr einverstanden.
Schön anzusehen ist er wahrlich nicht. Aber das ewige Grimassieren und Fratzenschneiden scheint Michael Korstick zu helfen. Offenbar braucht der Pianist dieses Ventil, um sein Programm zu meistern. Und in der Tat, er hatte sich einiges vorgenommen für sein Recital im Rahmen der SWR-Reihe „Internationale Pianisten“ im Frankfurter Hof. Es begann ganz klasisch – mit dem Andante con variazioni in f‑Moll von Joseph Haydn: Gewöhnlicher geht es kaum. Aber ganz gewöhnlich war dieser klangliche Auftakt dann doch nicht. Denn Korstick macht mit festem Anschlang und unnachgiebiger Klarheit jede noch so kleine Verästelung der kompositorischen Struktur extrem deutlich.
Über die folgende Beethoven-Sonate, die Nummer 31 (in As-Dur) möchte man am liebsten den gnädigen Mantel des Schweigens decken. Denn was der gerne als „Dr. Beethoven“ titulierte Korstick, der sich mit seiner Gesamtaufnahme der Beethovenschen Klaviersonaten zu recht einen guten Namen auf diesem Gebiet gemacht hat, hier ablieferte, war nicht gerade ein pianistisches Glanzstück: Mit einfallslos unmoduliertem, gnadenlos harten Anschlag arbeitet er sich in nüchternster Beamtenmanier durch die Noten und lässt mit unbarmherziger Schärfe die Sonate splittern und bersten wie eine Glasscheibe. Das entwickelt manchmal, vor allem im dritten Satz, durchaus einen gewissen Charme, bleibt insgesamt aber ziemlich langweilig.
Die zweite Konzerthälfte versprach da Besserung. Denn nun zog Korstick durch das Grenzgebiet zwischen Spätromantik und Imrpessionismus. Aber auch dort ließ er in dem einen und anderen Scharmützel so einige Federn. Spätestens bei Charles Koechlins „Au loin“ wurde Korsticks Methode, die Melodiestimme in wirklich jedem Moment überdeutlich aus dem Klanggeschehen hervorzuheben, endgültig zur Marotte. Damit machte er so ziemlich jede klangliche Delikatesse dieser wunderbaren Komposition zunichte. Aber dann gab es inmitten dieser Wüstenei doch immer wieder Momente, in denen ihm die Verzückung wirklich gelang. Dieses Pendeln zwischen den beiden Polen, dieser Wechsel zwischen gekonnter klanglicher Imagination und purer virtuoser Schaukunst, blieb allerdings rätselhaft und ein wenig verstörend. Erst mit Liszts „Vallée d’Obermann“ (aus dem ersten Teil der Années de pèlerinage) löste sich das. Denn hier konnte er die imaginierte Landschaft und die literarischen Bezüge ganz konkret und dramatisch mit Leben füllen: Düster und nachdenklich zögernd zu Beginn, mit nur ganz wenigen Aufheiterungen am schwarz dräuenden Himmel zog es ihn Schritt für Schritt zur mächtig dnnernenden Entladung. Dass solche ein Konzertschluss einige Zugaben erforderte, war dann wahrlich selbstverständlich.
Die Haare sind grau geworden. Und die Stimme im Falsett nicht mehr ganz so klar und rein, sondern an manchen Stellen auch mal etwas brüchig.Die großen Stadien füllt er auch nicht mehr, die Räume sind kleiner geworden. Aber sonst hat sich nicht viel geändert. Jon Anderson ist immer noch ein großer Sänger. Und ein charismatischer Unterhalter, der sein Publikum immer gut im Griff hat. Er braucht nicht viel dafür: Ein Gitarre, ein Mikro, zwischendurch auch einmal ein Klavier – das war schon alles. Denn Anderson ist alleine auf der Bühne des Frankfurter Hofes – alleine mit den vielen Songs seiner langen, langen Karriere. Hinter ihm flimmert allerdings auch noch eine Videoprojektion mit ausgesucht kitschigen Bilderni. Eine gewisse Nostalgie ist dem Abend also nicht abzusprechen. Und das Publikum – vorwiegend echte Fans, die mit ihrem Start groß (und älter) geworden sind und sein Repertoire in- und auswendig kennen – erwartet auch gar nichts anderes.
Viele Reminiszenzen bestimmen das Programm, viele alte Hits vor allem, insbesondere natürlich aus der großen Zeit von Yes. Und aus der Zusammenarbeit mit Vangelis, die einige großartige Songs hervorgebracht hat. Anderson erzählt gerne davon. Und wenn er darüber plaudert, wie das große „Soon“ für Yes entstand, damals, in den wilden 70ern, gerät er noch einmal richtig ins Schwärmen. Doch in der Hauptsache singt er. Und dabei ist er sich immer treu geblieben: Er klingt heute noch fast genauso wie vor 40 Jahren, als Yes gerade anfing. Gut, die für Anderson typsiche Falsett-Stimme ist ein kleines bisschen gealtert. Aber das verleiht ihr nur noch mehr Charakter.
Auch seine Musik ist sich treu geblieben: Das neue Material fügti sich bruchlos in das Repertoire ein. Er versucht sich auch mal am Reggae oder unterlegt sein Gitarrenspiel mit synthetischen Rhythmen. Aber immer noch singt er gerne von vergangenen Tagen und Zeiten, vom Lieben und Leben überhaupt.Und trotzdem bleibt er dabei ein unverbesserlicher Optimist: „Buddha’s Home“, eines seiner neueren Stücke, ist getränkt vom Glauben an eine bessere Welt, an die Möglichkeit von ewigen Frieden. Wenn sich doch nur alle ein bisschen mehr liebhaben würden.Und ein wenig mehr Jon Anderson hören würden – denn dann hätte keiner mehr Lust auf Krieg und Verderben.
ist ein grüner tee aus der chinesischen provinz jiangxi. obwohl ich ja eigentlich kein besonderer fan von grüntee bin – der hier hat es mir durchaus angetan. ein sehr fruchtig-blumiger jasmin tee ist das, eine gelungene kombination aus einer frischen jasmin-note und einem leicht herben, kräftigen grundtee. genau das richtige für trübe novembernachmittage oder adventssonntage. mein händler schreibt zur herkunft dieses tees:
Das Naturschutzgebiet und Wildtierreservat Da Zhang Shan (Großes Barrierengebirge) liegt in der Provinz Jiangxi nahe der Kreisstadt Wuyuan. Hier gibt es Bambus und Kiefernwälder. Etwa 200 kleine Dörfer liegen hier. Das Gebiet wird noch weitgehend traditionell bewirtschaftet und ist von einer Industrialisierung verschont geblieben.
zubereitung: 12g tee auf 1,5 liter wasser bei 85 °C und einer ziehzeit von 1,5 minuten.
du läufst.
irgendwann fängst du an, die tage zu zählen: 10, 20, 50, 100 – da ist schon das erste vierteljahr geschafft.
du läufst durch den prasselnden hagel und den leise niederrieselnden schnee. du freust dich über die weiße pracht. das laufen durch verschneite wälder am frühen nachmittag. du holst die stirnlampe hervor und rennst sogar im dunkeln durch den wald und scheuchst dabei das spärliche wild und dessen jäger auf. du lässt dich für verrückt erklären, weil du nach einem langen skitag auch noch die laufschuhe hervorkramst. du stolperst über wurzeln und steine. du rutscht auf eisplatten aus und schlägst dir die hände blutig. du beobachtest, wie der schnee schwindet und auch die letzten schattenlöcher wieder braun und grün werden.
du siehst, wie die sämaschinen über die äcker rumpeln. wie die ersten weizenkeimlinge sprießen. du siehst den mais wachsen. das gras grünen und wieder welk werden. du ziehst immer weniger zum laufen an. du nimmst immer mehr wasser mit. du wirst braun wie ein neger – aber nur an armen und beinen. du zerläufst in der hitze der hundstage. aber du läufst.
du lauschst den tropfen auf dem blätterdach und dem murmeln des bächleins, dass sich durch die wiesen und weiden schlängelt. du lässt dich von den kühen, schafen, ziegen und pferden teilnahmslos anglotzen.
du sieht die mähdrescher und bald auch die rübenvollernter übers land ziehen. du ärgerst dich über die staubfahnen, die von den ausgetrockneten feldern über dich wehen. du freust dich über jedes laue lüftchen. du siehst die wälder gelb und rot werden und entzückst dich an dem sonnenlicht, das durch den bunten herbstwald strahlt. du beobachtest, wie der wein gelesen wird. du siehst die blätter fallen und eine wunderbar rutschige schicht auf den waldwegen bilden. du spürst die herbstwinde wehen. du merkst, wie selbst der rhein austrocknet und die kiesbänke aus den fluten auftauchen. und du siehst immer wieder die schiffe vorbeiziehen – manche überholst du, viele ziehen an dir vorbei.
du lässt dich auch von dem regelmäßigen knirschen deiner eigenen füße auf dem sandweg nicht verrückt machen, sondern findest nach zehn oder zwanzig kilometern einen ganz neuen schwebezustand der wahrnehmung. du goutierst sogar das stundenlange getrappel von mehreren dutzend füßen auf asphalt, dass dich am sonntagmorgen begleitet.
du freust dich über die nebelschwaden am rhein. du merkst auf einmal, dass der herbst schon fast vorüber ist, wenn du die langen laufhosen aus dem schrank kramst. du hörst samstags die motorsägen im wald heulen und die äxte klirrend auf die spaltkeile treffen. du riechst den wunderbaren geruch des frisch geschlagenen holzes.
du läufst morgens, mittags und abends. und manchmal auch mitten in der nacht. du bist bei vollmond unterwegs und in den düsteren tagen des neumonds. du läufst unter klarem himmel und bewunderst immer wieder die weite des sternenhimmels. du siehst, wie sich der mond im teich spiegelt und freust dich, dass außer dir niemand die ruhe der nacht stört. du freust dich auch über einen sanften frühsommerschauer und ärgerst dich schon wieder über den ersten herbsthagel.
du siehst rehe, füchse, eichhörnchen, mäuse und fasane, eichelhäher, raben und krähen. du machst respektvoll einen bogen um die wildschweine. du stolperst über die stadttauben, die dich schon so gut kennen, dass sie dir überhaupt nicht mehr ausweichen. die pferde stieben davon, wenn sie dich schnaufend um die ecke laufen bemerken. die weiderinder lassen sich beim wiederkäuen nicht stören. du rechnest immer noch bei jedem frei laufenden hund mit dem schlimmsten.
du überholst (nordic) walker, spaziergänger und wanderer. du ziehst an radfahrern und inline-skatern vorbei und lässt reiter und kutschen hinter dir. mit den mountainbikern lieferst du dir heiße kämpfe, wer den hügel schneller hinauf kommt – und nicht immer gibst du dich geschlagen. du schlängelst dich durch die fußgängerzone und irrst über die feldwege. du kämpfst dich durch längst verwachsene und vergessene waldwege und suchst immer neue pfade durch dein revier. du entdeckst selbst dort, wo du schon zwanzig jahre unterwegs bist, neue wege. du erinnerst dich an alte pfade aus frühen zeiten. du findest niemand mehr, der mit dir laufen mag. aber du läufst.
du ärgerst dich über die forstarbeiter, die mit ihren riesenmaschinen jeden weg in eine schlammpiste verwandeln und halbe bäume auf deinen laufrouten hinterlassen. und zugleich freust du dich über die herausforderung, diese etappe in der nächsten woche ein wenig flotter und eleganter zu meistern. du springst über baumstämme und kriechst unter ästen hindurch, windest dich auch ohne weg durch den ungepflegten dämmrigen wald. du regst dich über jäger auf, die mit fünfzig sachen auf dem weg zu ihrem hochsitz an dir vorbeibrausen und deine hacken nur um haaresbreite verfehlen.
du wunderst dich über angler, die stundenlang nahezu bewegunslos vor ihrer angel sitzen, in den fluss starren und das ganze sport nennen. du durchbrichst ganz unbewusst und aus versehen zum ersten mal die schallmauer der 100-wochenkilometer. und weil du gerade beim laufen bist, hängst du noch so eine woche hintendran. und noch eine. denn du läufst. täglich.
du fängst irgendwann an, einen trainingsplan zu suchen. und du läufst dann wie ein irrer eine stunde im kreis auf der finnen- und tartanbahn. du keuchst und stöhnst über die verrückte idee, nach einem langen tag in den engen und stickigen hörsälen noch ein intervalltraining machen zu wollen. aber du merkst, wie du immer fitter und schneller wirst. du läufst deinen ersten marathon und kannst dich vor begeisterung kaum noch einkriegen.
du sammelst schuhe. du wirst zum experten für gps-aufzeichnungen und pulsfrequenzen. du fängst sogar an, über deine ernährung nachzudenken. und du liest von wildfremden leuten lange berichte über besonders schöne und spannende läufe.
oder du stehst mitten in der nacht auf, um vor einem langen tag im reisebus wenigstens noch drei kilometer abzuspulen und bist trotzdem als erster beim frühstück. du nervst deine freunde, weil du immer am überlegen bist, wo und wie du am besten laufen gehst – selbst im urlaub. du lässt auch deine gedanken laufen, du gehst den vergangenen tag noch einmal durch und überlegst, was noch auf dich zukommen wird in den nächsten stunden. du probierst sätze und argumente, du wälzt probleme und ersinnst lösungen. du rennst dir den frust aus dem leib. du schwebst vor lauter euphorie über die wege. du spulst kilometer um kilometer ab und kommst doch nicht vom fleck. aber du läufst.
du wirst toleranter: die verrücktesten spinner erscheinen dir auf einmal ganz normal. denn du läufst immer noch. jeden tag. selbst wenn das heißt, dass du deine laufschuhe ins boot packen musst. oder dass du barfuß losrennst, damit deine blase endlich mal ein paar tage ruhe zum heilen hat.
und endlich lernst du deinen weg lieben wie sisyphos seinen stein (auch wenn es bei langen trainingsläufen manchmal schwer fällt, jemandem zu erklären, warum du dir das antus): camus hatte recht. und du läufst und läufst und läufst.
ganz einfach.
jeden tag
Die Blechbläser scheinen ein wenig nervös zu sein, vor diesem Konzert in der Rheingoldhalle. Bis zur letzten Minute üben sie noch ihre Soli. Das ist ja auch kein Wunder, denn das erste Stück besteht eigentlich nur aus Soli für Bläser und Schlagzeuger: Aaron Coplands „Fanfare for the Common Man“ machte den Beginn beim Meisterkonzert. Und es ist ein ausgesprochenn passender Auftakt. Denn das Konzert trug schließlich den Titel „Aus Ost und West“. Bevor die Klangreise im zweiten Teil aber in den Osten ging, blieb die Deutsche Staatsphilharmonie nach der geglückten Copland-Eröffnung noch ein wenig im Westen. Im tiefsten Westen sozusagen.
Denn das Violinkonzert von Samuel Barber ist ebenfalls eine echt amerikanische Musik. Da passt es natürlich, dass die Solistin auch aus den USA kommt. Anne Akiko Meyers erfüllt ihren Part mit routiniert-souveräner Genauigkeit – auch im virtuos wirbelnden Perpetuum Mobile des dritten Satzes. Mit klarem und deutlichen Ton, der trotzdem füllig blieb und immer wieder auch mit großzügigem Vibrato dient geriet das an mancher Stelle vielleicht ein Tick zu protzig. Dabei hätte sie das gar nicht nötig, wie die erfrischend luzide Gestaltung des ersten Satzes zeigte. Aber andererseits kommt bei Barber eben ohne Sentimentalität auch nicht weit. Und gemeinsam mit dem Dirigenten der Staatsphilharmonie George Pehlivanian dosiert sie die sehr genau – so genau, dass das Violinkonzert nie zum Kitsch wird.
Den Osten durfte in der Rheingoldhalle die 15. und letzte Symphonie von Dimitri Schostakowitsch repräsentieren. Die stellt sich hier als ein grotesker Zaubergarten, vollgestopft mit allerlei absonderlichen Kuriositäten, vor. Und der kleine drahtige Libanese auf dem Dirigentenpodest hat seine Freude daran, hat hör- und sichtbar Spaß am überdrehten Absurdistan dieser Symphonie. Die Schärfe, mit der George Pehlivanian das Klangbild konturiert, die Klarheit, mit der er die vielen Schnitte dieses Monumentes akzentuiert, das ist große Klasse. Und wie er dann in einem winzigen Wimpernschlag umschaltet auf die epische Tragik der langsamen Sätze, das ist einfach wunderbar. Denn gerade die genau ausbalancierte Mischung ausgespielter Mattigkeit und lockere Tollerei zeichnet seine Darbietung der letzten Symphonie des Russen aus. Und dafür bekam er zurecht großzügigen Beifall.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)
wenn es nicht so traurig wäre, wäre es in der tat zum lachen. auch wenn das ein ganz schön blöder und abgestandener spruch ist – hier stimmt er ausnahmsweise einmal. denn was in dem seminar „lernumgebungen gestalten” so passiert, ist wirklich eine schande – eine schande für die bildungswissenschaft, für die universität und auch ein besorgnis erregender blick in die zukunft an den schulen. jede woche denke ich, dass niveau kann nun eigentlich nicht mehr fallen – aber das unglaubliche ist, bisher geschah immer wieder genau das. jede woche soll ja, so hat das unser dozent – der an der misere dieses „seminars” (ohne anführungszeichen kann ich den begriff für diese veranstaltung nicht mehr verwenden) wesentlichen anteil hat – eine gruppe studenten ca. 60 minuten der sitzung gestalten. und das ist grausam. jedem noch so laschen kriterium von wissenschaftlichkeit wird hier hohn gespottet. was übrig bleibt, sind versuche der überpädadgogisierung, die mich vor allem wegen ihres erbärmlichen inhaltlichen niveaus so ungeheuer aufregen. wahrscheinlich würde es überhaupt nicht auffallen, wenn ein mittelstufenschüler in dieser veranstaltung mitmachte – er könnte problemlos mitreden, so weit ist der anspruch inzwischen gesunken. von vorbereitung oder nachbereitung kann natürlich keine rede sein – dafür dürfen wir dann rollenspiele (!) oder theatralische aufführungen über uns ergehen lassen – als hätten wir nix besseres zu tun. die heutige sitzung z.b. widmete sich zum zweiten mal dem thema (problem-)schüler(-rolle). und was haben wir gemacht: über einen miniatur-ausschnitt eines textleins von alfred andersch gelabert und sind zu dem ergebnis gekommen, dass ordnungsmaßnahmen nicht streng nach katalog der vergehen angeordnet werden können. na toll. das kann ich in zwei minuten darstellen. und der dozent sitzt hinten und macht – was eigentlich? wofür bekommt der eigentlich sein geld? ah; ich kann gar nicht aufhören, mich über diesen blödsinn zu ereifern … ich habe ja große lust, in meiner gruppenarbeit das ganze mal zu konterkarieren und ein klassisches referat zu halten …
