»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

„Was ich BIN:
ich bin’s!”
(Peter Hand­ke, Die Innen­welt der Außen­welt der Innenwelt)

„Oper ist die letz­te glaub­wür­di­ge Reli­gi­on.” (Ken Russell)

„Spra­che ist klü­ger als ihre Benut­zer, dach­te ich” (Tho­mas Hett­che: Vapor­tet­to (Linie 52), 200)

Lutz Görner macht sich und uns mit Robert Gernhardt einen schönen Abend

Hei­ter soll die Kunst sein. Unbe­dingt hei­ter. Wenn einer das begrif­fen hat, dann Robert Gern­hardt – von ihm stammt die For­de­rung schließ­lich auch. Natür­lich in bes­tens gereim­ter Form. Lutz Gör­ner hat das aber auch sehr gut ver­stan­den. Im Frank­fur­ter Hof lie­fer­te er eine Kost­pro­be davon ab: Von Robert Gern­hardts humo­ris­ti­scher Lyrik und sei­ner komi­schen Dar­bie­tungs­kunst. Und das Publi­kum fraß ihm von der ers­ten Minu­te an aus der Hand. Es folg­te ihm durch sein drei­mi­nü­ti­ges Schwei­gen genau­so wie es ihm bei der „Erin­ne­rung an eine Begeg­nung in Duder­stadt“ durch Geki­cher und Räus­pern die Gele­gen­heit gab, sich nahe­zu zehn Minu­ten mit dem Titel des Gedich­tes her­um­zu­schla­gen, bevor er über­haupt zum ers­ten Vers wei­ter­ge­hen konnte.

>Gör­ner ist dem Lyri­ker der Neu­en Frank­fur­ter Schu­le seit 1991 zuge­tan. Und das macht er sehr deut­lich. Über­haupt hat er auf der Büh­ne kei­nen Platz und kei­ne Zeit für Andeu­tun­gen oder Zwi­schen­tö­ne. Gern­hardts Gedich­te also. Er spricht sie, dekla­miert, erzählt, schreit, grunzt, stöhnt, knurrt, seufzt, zwit­schert, säu­selt, lis­pelt, knirscht, haucht, stot­tert, lallt und schimpft mit und durch Gern­hardts Wor­te: Kurz, er macht alles, um Robert Gern­hardt noch ein­mal zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Und er macht immer auch noch ein biss­chen mehr. Denn Gör­ner ist inzwi­schen weit mehr als ein Rezi­ta­tor – er ist selbst zum Komi­ker gewor­den. Viel­leicht ist es ja in einer Art Osmo­se durch die lan­ge Beschäf­ti­gung mit Gern­hardt gesche­hen. Jeden­falls sind des Dich­ters Wor­te nicht die ein­zi­gen lus­ti­gen und unter­halt­sa­men in die­sem Programm.

Das zeich­net sich dadaurch aus, das es sogar zwei rote Fäden hat: Einen gespro­che­nen und einen musi­zier­ten. Denn Gör­ner ist nicht allein auf der Büh­ne. Er lässt sich von Ste­phan Sch­lei­ner am Kla­vier mit Gern­hardt-Varia­tio­nen, einem kun­ter­bun­ten Gang durch die Musik­ge­schich­te, unter­stüt­zen. Und er hat noch einen Tisch vol­ler Requi­si­ten und Ver­klei­dung­ne bereit­ste­hen, mit denen er genau­so schnell zum Sol­da­ten wie zum Clown wird.Aber um zum roten Faden zurück zu kom­men: Gör­ner prä­sen­tiert sei­ne Gedicht-Aus­wahl rund um die und zwi­schen den ein­zel­nen Stro­phen der „Ode an die Spaß­ma­cher und die Ernst­ma­cher“ – wie schon damals bei sei­nem ers­ten Gern­hardt-Pro­gramm. Alt­ba­cken ist das aber nie. Und beschei­den auch nicht. Denn schon Gern­hardt selbst wuss­te zu sagen: „Lie­ber Gott, nimm es hin, dass ich was Besond­res bin.“ Und Lutz Gör­ner und sein Publi­kum sind damit sehr einverstanden.

dr. beethoven? michael korstick in mainz

Schön anzu­se­hen ist er wahr­lich nicht. Aber das ewi­ge Gri­mas­sie­ren und Frat­zen­schnei­den scheint Micha­el Kor­stick zu hel­fen. Offen­bar braucht der Pia­nist die­ses Ven­til, um sein Pro­gramm zu meis­tern. Und in der Tat, er hat­te sich eini­ges vor­ge­nom­men für sein Reci­tal im Rah­men der SWR-Rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ im Frank­fur­ter Hof. Es begann ganz klas­isch – mit dem Andan­te con varia­zio­ni in f‑Moll von Joseph Haydn: Gewöhn­li­cher geht es kaum. Aber ganz gewöhn­lich war die­ser klang­li­che Auf­takt dann doch nicht. Denn Kor­stick macht mit fes­tem Anschlang und unnach­gie­bi­ger Klar­heit jede noch so klei­ne Ver­äs­te­lung der kom­po­si­to­ri­schen Struk­tur extrem deutlich.

Über die fol­gen­de Beet­ho­ven-Sona­te, die Num­mer 31 (in As-Dur) möch­te man am liebs­ten den gnä­di­gen Man­tel des Schwei­gens decken. Denn was der ger­ne als „Dr. Beet­ho­ven“ titu­lier­te Kor­stick, der sich mit sei­ner Gesamt­auf­nah­me der Beet­ho­ven­schen Kla­vier­so­na­ten zu recht einen guten Namen auf die­sem Gebiet gemacht hat, hier ablie­fer­te, war nicht gera­de ein pia­nis­ti­sches Glanz­stück: Mit ein­falls­los unmo­du­lier­tem, gna­den­los har­ten Anschlag arbei­tet er sich in nüch­terns­ter Beam­ten­ma­nier durch die Noten und lässt mit unbarm­her­zi­ger Schär­fe die Sona­te split­tern und bers­ten wie eine Glas­schei­be. Das ent­wi­ckelt manch­mal, vor allem im drit­ten Satz, durch­aus einen gewis­sen Charme, bleibt ins­ge­samt aber ziem­lich langweilig.

Die zwei­te Kon­zert­hälf­te ver­sprach da Bes­se­rung. Denn nun zog Kor­stick durch das Grenz­ge­biet zwi­schen Spät­ro­man­tik und Imrpes­sio­nis­mus. Aber auch dort ließ er in dem einen und ande­ren Schar­müt­zel so eini­ge Federn. Spä­tes­tens bei Charles Koech­lins „Au loin“ wur­de Kor­sticks Metho­de, die Melo­die­stim­me in wirk­lich jedem Moment über­deut­lich aus dem Klang­ge­sche­hen her­vor­zu­he­ben, end­gül­tig zur Marot­te. Damit mach­te er so ziem­lich jede klang­li­che Deli­ka­tes­se die­ser wun­der­ba­ren Kom­po­si­ti­on zunich­te. Aber dann gab es inmit­ten die­ser Wüs­te­nei doch immer wie­der Momen­te, in denen ihm die Ver­zü­ckung wirk­lich gelang. Die­ses Pen­deln zwi­schen den bei­den Polen, die­ser Wech­sel zwi­schen gekonn­ter klang­li­cher Ima­gi­na­ti­on und purer vir­tuo­ser Schau­kunst, blieb aller­dings rät­sel­haft und ein wenig ver­stö­rend. Erst mit Liszts „Val­lée d’Obermann“ (aus dem ers­ten Teil der Années de pèle­ri­na­ge) lös­te sich das. Denn hier konn­te er die ima­gi­nier­te Land­schaft und die lite­ra­ri­schen Bezü­ge ganz kon­kret und dra­ma­tisch mit Leben fül­len: Düs­ter und nach­denk­lich zögernd zu Beginn, mit nur ganz weni­gen Auf­hei­te­run­gen am schwarz dräu­en­den Him­mel zog es ihn Schritt für Schritt zur mäch­tig dnner­nen­den Ent­la­dung. Dass sol­che ein Kon­zert­schluss eini­ge Zuga­ben erfor­der­te, war dann wahr­lich selbstverständlich.

Die Haa­re sind grau gewor­den. Und die Stim­me im Fal­sett nicht mehr ganz so klar und rein, son­dern an man­chen Stel­len auch mal etwas brüchig.Die gro­ßen Sta­di­en füllt er auch nicht mehr, die Räu­me sind klei­ner gewor­den. Aber sonst hat sich nicht viel geän­dert. Jon Ander­son ist immer noch ein gro­ßer Sän­ger. Und ein cha­ris­ma­ti­scher Unter­hal­ter, der sein Publi­kum immer gut im Griff hat. Er braucht nicht viel dafür: Ein Gitar­re, ein Mikro, zwi­schen­durch auch ein­mal ein Kla­vier – das war schon alles. Denn Ander­son ist allei­ne auf der Büh­ne des Frank­fur­ter Hofes – allei­ne mit den vie­len Songs sei­ner lan­gen, lan­gen Kar­rie­re. Hin­ter ihm flim­mert aller­dings auch noch eine Video­pro­jek­ti­on mit aus­ge­sucht kit­schi­gen Bil­der­ni. Eine gewis­se Nost­al­gie ist dem Abend also nicht abzu­spre­chen. Und das Publi­kum – vor­wie­gend ech­te Fans, die mit ihrem Start groß (und älter) gewor­den sind und sein Reper­toire in- und aus­wen­dig ken­nen – erwar­tet auch gar nichts anderes.

Vie­le Remi­nis­zen­zen bestim­men das Pro­gramm, vie­le alte Hits vor allem, ins­be­son­de­re natür­lich aus der gro­ßen Zeit von Yes. Und aus der Zusam­men­ar­beit mit Van­ge­lis, die eini­ge groß­ar­ti­ge Songs her­vor­ge­bracht hat. Ander­son erzählt ger­ne davon. Und wenn er dar­über plau­dert, wie das gro­ße „Soon“ für Yes ent­stand, damals, in den wil­den 70ern, gerät er noch ein­mal rich­tig ins Schwär­men. Doch in der Haupt­sa­che singt er. Und dabei ist er sich immer treu geblie­ben: Er klingt heu­te noch fast genau­so wie vor 40 Jah­ren, als Yes gera­de anfing. Gut, die für Ander­son typ­si­che Fal­sett-Stim­me ist ein klei­nes biss­chen geal­tert. Aber das ver­leiht ihr nur noch mehr Charakter.

Auch sei­ne Musik ist sich treu geblie­ben: Das neue Mate­ri­al füg­ti sich bruch­los in das Reper­toire ein. Er ver­sucht sich auch mal am Reg­gae oder unter­legt sein Gitar­ren­spiel mit syn­the­ti­schen Rhyth­men. Aber immer noch singt er ger­ne von ver­gan­ge­nen Tagen und Zei­ten, vom Lie­ben und Leben überhaupt.Und trotz­dem bleibt er dabei ein unver­bes­ser­li­cher Opti­mist: „Buddha’s Home“, eines sei­ner neue­ren Stü­cke, ist getränkt vom Glau­ben an eine bes­se­re Welt, an die Mög­lich­keit von ewi­gen Frie­den. Wenn sich doch nur alle ein biss­chen mehr lieb­ha­ben würden.Und ein wenig mehr Jon Ander­son hören wür­den – denn dann hät­te kei­ner mehr Lust auf Krieg und Verderben.

china jasmine da zhang shan

ist ein grü­ner tee aus der chi­ne­si­schen pro­vinz jian­gxi. obwohl ich ja eigent­lich kein beson­de­rer fan von grün­tee bin – der hier hat es mir durch­aus ange­tan. ein sehr fruch­tig-blu­mi­ger jas­min tee ist das, eine gelun­ge­ne kom­bi­na­ti­on aus einer fri­schen jas­min-note und einem leicht her­ben, kräf­ti­gen grund­tee. genau das rich­ti­ge für trü­be novem­ber­nach­mit­ta­ge oder advents­sonn­ta­ge. mein händ­ler schreibt zur her­kunft die­ses tees:

Das Natur­schutz­ge­biet und Wild­tier­re­ser­vat Da Zhang Shan (Gro­ßes Bar­rie­ren­ge­bir­ge) liegt in der Pro­vinz Jian­gxi nahe der Kreis­stadt Wuyu­an. Hier gibt es Bam­bus und Kie­fern­wäl­der. Etwa 200 klei­ne Dör­fer lie­gen hier. Das Gebiet wird noch weit­ge­hend tra­di­tio­nell bewirt­schaf­tet und ist von einer Indus­tria­li­sie­rung ver­schont geblieben.

zube­rei­tung: 12g tee auf 1,5 liter was­ser bei 85 °C und einer zieh­zeit von 1,5 minuten.

laufen. und laufen. oder doch lieber laufen?

du läufst.

irgend­wann fängst du an, die tage zu zäh­len: 10, 20, 50, 100 – da ist schon das ers­te vier­tel­jahr geschafft.

du läufst durch den pras­seln­den hagel und den lei­se nie­der­rie­seln­den schnee. du freust dich über die wei­ße pracht. das lau­fen durch ver­schnei­te wäl­der am frü­hen nach­mit­tag. du holst die stirn­lam­pe her­vor und rennst sogar im dun­keln durch den wald und scheuchst dabei das spär­li­che wild und des­sen jäger auf. du lässt dich für ver­rückt erklä­ren, weil du nach einem lan­gen ski­tag auch noch die lauf­schu­he her­vor­kramst. du stol­perst über wur­zeln und stei­ne. du rutscht auf eis­plat­ten aus und schlägst dir die hän­de blu­tig. du beob­ach­test, wie der schnee schwin­det und auch die letz­ten schat­ten­lö­cher wie­der braun und grün werden.

du siehst, wie die säma­schi­nen über die äcker rum­peln. wie die ers­ten wei­zen­keim­lin­ge sprie­ßen. du siehst den mais wach­sen. das gras grü­nen und wie­der welk wer­den. du ziehst immer weni­ger zum lau­fen an. du nimmst immer mehr was­ser mit. du wirst braun wie ein neger – aber nur an armen und bei­nen. du zer­läufst in der hit­ze der hunds­ta­ge. aber du läufst.

du lauschst den trop­fen auf dem blät­ter­dach und dem mur­meln des bäch­leins, dass sich durch die wie­sen und wei­den schlän­gelt. du lässt dich von den kühen, scha­fen, zie­gen und pfer­den teil­nahms­los anglotzen.

du sieht die mäh­dre­scher und bald auch die rüben­voll­ern­ter übers land zie­hen. du ärgerst dich über die staub­fah­nen, die von den aus­ge­trock­ne­ten fel­dern über dich wehen. du freust dich über jedes laue lüft­chen. du siehst die wäl­der gelb und rot wer­den und ent­zückst dich an dem son­nen­licht, das durch den bun­ten herbst­wald strahlt. du beob­ach­test, wie der wein gele­sen wird. du siehst die blät­ter fal­len und eine wun­der­bar rut­schi­ge schicht auf den wald­we­gen bil­den. du spürst die herbst­win­de wehen. du merkst, wie selbst der rhein aus­trock­net und die kies­bän­ke aus den flu­ten auf­tau­chen. und du siehst immer wie­der die schif­fe vor­bei­zie­hen – man­che über­holst du, vie­le zie­hen an dir vorbei.

du lässt dich auch von dem regel­mä­ßi­gen knir­schen dei­ner eige­nen füße auf dem sand­weg nicht ver­rückt machen, son­dern fin­dest nach zehn oder zwan­zig kilo­me­tern einen ganz neu­en schwe­be­zu­stand der wahr­neh­mung. du gou­tierst sogar das stun­den­lan­ge getrap­pel von meh­re­ren dut­zend füßen auf asphalt, dass dich am sonn­tag­mor­gen begleitet.

du freust dich über die nebel­schwa­den am rhein. du merkst auf ein­mal, dass der herbst schon fast vor­über ist, wenn du die lan­gen lauf­ho­sen aus dem schrank kramst. du hörst sams­tags die motor­sä­gen im wald heu­len und die äxte klir­rend auf die spalt­kei­le tref­fen. du riechst den wun­der­ba­ren geruch des frisch geschla­ge­nen holzes.

du läufst mor­gens, mit­tags und abends. und manch­mal auch mit­ten in der nacht. du bist bei voll­mond unter­wegs und in den düs­te­ren tagen des neu­monds. du läufst unter kla­rem him­mel und bewun­derst immer wie­der die wei­te des ster­nen­him­mels. du siehst, wie sich der mond im teich spie­gelt und freust dich, dass außer dir nie­mand die ruhe der nacht stört. du freust dich auch über einen sanf­ten früh­som­mer­schau­er und ärgerst dich schon wie­der über den ers­ten herbsthagel.

du siehst rehe, füch­se, eich­hörn­chen, mäu­se und fasa­ne, eichel­hä­her, raben und krä­hen. du machst respekt­voll einen bogen um die wild­schwei­ne. du stol­perst über die stadt­tau­ben, die dich schon so gut ken­nen, dass sie dir über­haupt nicht mehr aus­wei­chen. die pfer­de stie­ben davon, wenn sie dich schnau­fend um die ecke lau­fen bemer­ken. die wei­der­in­der las­sen sich beim wie­der­käu­en nicht stö­ren. du rech­nest immer noch bei jedem frei lau­fen­den hund mit dem schlimmsten.

du über­holst (nor­dic) wal­ker, spa­zier­gän­ger und wan­de­rer. du ziehst an rad­fah­rern und inline-ska­tern vor­bei und lässt rei­ter und kut­schen hin­ter dir. mit den moun­tain­bi­kern lie­ferst du dir hei­ße kämp­fe, wer den hügel schnel­ler hin­auf kommt – und nicht immer gibst du dich geschla­gen. du schlän­gelst dich durch die fuß­gän­ger­zo­ne und irrst über die feld­we­ge. du kämpfst dich durch längst ver­wach­se­ne und ver­ges­se­ne wald­we­ge und suchst immer neue pfa­de durch dein revier. du ent­deckst selbst dort, wo du schon zwan­zig jah­re unter­wegs bist, neue wege. du erin­nerst dich an alte pfa­de aus frü­hen zei­ten. du fin­dest nie­mand mehr, der mit dir lau­fen mag. aber du läufst.

du ärgerst dich über die forst­ar­bei­ter, die mit ihren rie­sen­ma­schi­nen jeden weg in eine schlamm­pis­te ver­wan­deln und hal­be bäu­me auf dei­nen lauf­rou­ten hin­ter­las­sen. und zugleich freust du dich über die her­aus­for­de­rung, die­se etap­pe in der nächs­ten woche ein wenig flot­ter und ele­gan­ter zu meis­tern. du springst über baum­stäm­me und kriechst unter ästen hin­durch, win­dest dich auch ohne weg durch den unge­pfleg­ten dämm­ri­gen wald. du regst dich über jäger auf, die mit fünf­zig sachen auf dem weg zu ihrem hoch­sitz an dir vor­beib­rau­sen und dei­ne hacken nur um haa­res­brei­te verfehlen.

du wun­derst dich über ang­ler, die stun­den­lang nahe­zu bewe­guns­los vor ihrer angel sit­zen, in den fluss star­ren und das gan­ze sport nen­nen. du durch­brichst ganz unbe­wusst und aus ver­se­hen zum ers­ten mal die schall­mau­er der 100-wochen­ki­lo­me­ter. und weil du gera­de beim lau­fen bist, hängst du noch so eine woche hin­ten­dran. und noch eine. denn du läufst. täglich.

du fängst irgend­wann an, einen trai­nings­plan zu suchen. und du läufst dann wie ein irrer eine stun­de im kreis auf der fin­nen- und tar­tan­bahn. du keuchst und stöhnst über die ver­rück­te idee, nach einem lan­gen tag in den engen und sti­cki­gen hör­sä­len noch ein inter­vall­trai­ning machen zu wol­len. aber du merkst, wie du immer fit­ter und schnel­ler wirst. du läufst dei­nen ers­ten mara­thon und kannst dich vor begeis­te­rung kaum noch einkriegen.

du sam­melst schu­he. du wirst zum exper­ten für gps-auf­zeich­nun­gen und puls­fre­quen­zen. du fängst sogar an, über dei­ne ernäh­rung nach­zu­den­ken. und du liest von wild­frem­den leu­ten lan­ge berich­te über beson­ders schö­ne und span­nen­de läufe.

oder du stehst mit­ten in der nacht auf, um vor einem lan­gen tag im rei­se­bus wenigs­tens noch drei kilo­me­ter abzu­spu­len und bist trotz­dem als ers­ter beim früh­stück. du nervst dei­ne freun­de, weil du immer am über­le­gen bist, wo und wie du am bes­ten lau­fen gehst – selbst im urlaub. du lässt auch dei­ne gedan­ken lau­fen, du gehst den ver­gan­ge­nen tag noch ein­mal durch und über­legst, was noch auf dich zukom­men wird in den nächs­ten stun­den. du pro­bierst sät­ze und argu­men­te, du wälzt pro­ble­me und ersinnst lösun­gen. du rennst dir den frust aus dem leib. du schwebst vor lau­ter eupho­rie über die wege. du spulst kilo­me­ter um kilo­me­ter ab und kommst doch nicht vom fleck. aber du läufst.

du wirst tole­ran­ter: die ver­rück­tes­ten spin­ner erschei­nen dir auf ein­mal ganz nor­mal. denn du läufst immer noch. jeden tag. selbst wenn das heißt, dass du dei­ne lauf­schu­he ins boot packen musst. oder dass du bar­fuß los­rennst, damit dei­ne bla­se end­lich mal ein paar tage ruhe zum hei­len hat.

und end­lich lernst du dei­nen weg lie­ben wie sisy­phos sei­nen stein (auch wenn es bei lan­gen trai­nings­läu­fen manch­mal schwer fällt, jeman­dem zu erklä­ren, war­um du dir das antus): camus hat­te recht. und du läufst und läufst und läufst.

ganz ein­fach.

jeden tag

west und ost friedlich vereint im meisterkonzert

Die Blech­blä­ser schei­nen ein wenig ner­vös zu sein, vor die­sem Kon­zert in der Rhein­gold­hal­le. Bis zur letz­ten Minu­te üben sie noch ihre Soli. Das ist ja auch kein Wun­der, denn das ers­te Stück besteht eigent­lich nur aus Soli für Blä­ser und Schlag­zeu­ger: Aaron Cop­lands „Fan­fa­re for the Com­mon Man“ mach­te den Beginn beim Meis­ter­kon­zert. Und es ist ein aus­ge­spro­chenn pas­sen­der Auf­takt. Denn das Kon­zert trug schließ­lich den Titel „Aus Ost und West“. Bevor die Klang­rei­se im zwei­ten Teil aber in den Osten ging, blieb die Deut­sche Staats­phil­har­mo­nie nach der geglück­ten Cop­land-Eröff­nung noch ein wenig im Wes­ten. Im tiefs­ten Wes­ten sozusagen.

Denn das Vio­lin­kon­zert von Samu­el Bar­ber ist eben­falls eine echt ame­ri­ka­ni­sche Musik. Da passt es natür­lich, dass die Solis­tin auch aus den USA kommt. Anne Aki­ko Mey­ers erfüllt ihren Part mit rou­ti­niert-sou­ve­rä­ner Genau­ig­keit – auch im vir­tu­os wir­beln­den Per­pe­tu­um Mobi­le des drit­ten Sat­zes. Mit kla­rem und deut­li­chen Ton, der trotz­dem fül­lig blieb und immer wie­der auch mit groß­zü­gi­gem Vibra­to dient geriet das an man­cher Stel­le viel­leicht ein Tick zu prot­zig. Dabei hät­te sie das gar nicht nötig, wie die erfri­schend luzi­de Gestal­tung des ers­ten Sat­zes zeig­te. Aber ande­rer­seits kommt bei Bar­ber eben ohne Sen­ti­men­ta­li­tät auch nicht weit. Und gemein­sam mit dem Diri­gen­ten der Staats­phil­har­mo­nie Geor­ge Peh­li­va­ni­an dosiert sie die sehr genau – so genau, dass das Vio­lin­kon­zert nie zum Kitsch wird.

Den Osten durf­te in der Rhein­gold­hal­le die 15. und letz­te Sym­pho­nie von Dimi­t­ri Schost­a­ko­witsch reprä­sen­tie­ren. Die stellt sich hier als ein gro­tes­ker Zau­ber­gar­ten, voll­ge­stopft mit aller­lei abson­der­li­chen Kurio­si­tä­ten, vor. Und der klei­ne drah­ti­ge Liba­ne­se auf dem Diri­gen­ten­po­dest hat sei­ne Freu­de dar­an, hat hör- und sicht­bar Spaß am über­dreh­ten Absur­di­stan die­ser Sym­pho­nie. Die Schär­fe, mit der Geor­ge Peh­li­va­ni­an das Klang­bild kon­tu­riert, die Klar­heit, mit der er die vie­len Schnit­te die­ses Monu­men­tes akzen­tu­iert, das ist gro­ße Klas­se. Und wie er dann in einem win­zi­gen Wim­pern­schlag umschal­tet auf die epi­sche Tra­gik der lang­sa­men Sät­ze, das ist ein­fach wun­der­bar. Denn gera­de die genau aus­ba­lan­cier­te Mischung aus­ge­spiel­ter Mat­tig­keit und locke­re Tol­le­rei zeich­net sei­ne Dar­bie­tung der letz­ten Sym­pho­nie des Rus­sen aus. Und dafür bekam er zurecht groß­zü­gi­gen Beifall.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

bildungswissenschaftliche seminare an der uni mainz – ein witz …

wenn es nicht so trau­rig wäre, wäre es in der tat zum lachen. auch wenn das ein ganz schön blö­der und abge­stan­de­ner spruch ist – hier stimmt er aus­nahms­wei­se ein­mal. denn was in dem semi­nar „lern­um­ge­bun­gen gestal­ten” so pas­siert, ist wirk­lich eine schan­de – eine schan­de für die bil­dungs­wis­sen­schaft, für die uni­ver­si­tät und auch ein besorg­nis erre­gen­der blick in die zukunft an den schu­len. jede woche den­ke ich, dass niveau kann nun eigent­lich nicht mehr fal­len – aber das unglaub­li­che ist, bis­her geschah immer wie­der genau das. jede woche soll ja, so hat das unser dozent – der an der mise­re die­ses „semi­nars” (ohne anfüh­rungs­zei­chen kann ich den begriff für die­se ver­an­stal­tung nicht mehr ver­wen­den) wesent­li­chen anteil hat – eine grup­pe stu­den­ten ca. 60 minu­ten der sit­zung gestal­ten. und das ist grau­sam. jedem noch so laschen kri­te­ri­um von wis­sen­schaft­lich­keit wird hier hohn gespot­tet. was übrig bleibt, sind ver­su­che der über­päd­adgo­gi­sie­rung, die mich vor allem wegen ihres erbärm­li­chen inhalt­li­chen niveaus so unge­heu­er auf­re­gen. wahr­schein­lich wür­de es über­haupt nicht auf­fal­len, wenn ein mit­tel­stu­fen­schü­ler in die­ser ver­an­stal­tung mit­mach­te – er könn­te pro­blem­los mit­re­den, so weit ist der anspruch inzwi­schen gesun­ken. von vor­be­rei­tung oder nach­be­rei­tung kann natür­lich kei­ne rede sein – dafür dür­fen wir dann rol­len­spie­le (!) oder thea­tra­li­sche auf­füh­run­gen über uns erge­hen las­sen – als hät­ten wir nix bes­se­res zu tun. die heu­ti­ge sit­zung z.b. wid­me­te sich zum zwei­ten mal dem the­ma (problem-)schüler(-rolle). und was haben wir gemacht: über einen minia­tur-aus­schnitt eines text­leins von alfred andersch gela­bert und sind zu dem ergeb­nis gekom­men, dass ord­nungs­maß­nah­men nicht streng nach kata­log der ver­ge­hen ange­ord­net wer­den kön­nen. na toll. das kann ich in zwei minu­ten dar­stel­len. und der dozent sitzt hin­ten und macht – was eigent­lich? wofür bekommt der eigent­lich sein geld? ah; ich kann gar nicht auf­hö­ren, mich über die­sen blöd­sinn zu erei­fern … ich habe ja gro­ße lust, in mei­ner grup­pen­ar­beit das gan­ze mal zu kon­ter­ka­rie­ren und ein klas­si­sches refe­rat zu halten …

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