Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 1 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Buchregal in einer Buchhandlung

Lektüren 2025

Das war mein Lese­jahr 2025, aus­weis­lich mei­nes Tagebuchs: 

  • Kniep, Mat­thi­as & Fell­ner, Karin (Hrsg.): Jahr­buch der Lyrik 2024/​25
  • Con­rad, Joseph: Herz der Finsternis
  • Jaeg­gy, Fleur: Die seli­gen Jah­re der Züchtigung
  • Roth, Ger­hard: Jenseitsreise
  • Jaeg­gy, Fleur: Die Angst vor dem Himmel
  • Mann, Tho­mas: Der Zauberberg
  • Kie­ser, Luca: manch­mal ist eine tra­gi­sche Liebe
  • Jan­ner, Mar­tin: Der Wald der Zukunft
  • Strunk, Heinz: Zau­ber­berg 2
  • Ade, San­dra: An man­chen Tagen steht die Erde kurz still
  • Leh­ner, Ange­la: 2001
  • Zapf, Nora: No notizen
  • Ott, Karl-Heinz: End­lich Stille
  • Schim­mang, Jochen: Laborschläfer
  • Brand­stet­ter, Alo­is: Die Burg
  • Fri­cke, Lucy: Das Fest
  • Jesch­ke; Mathi­as: Es tra­ten Wäl­der aus mir heraus
  • Kränz­ler, Lisa: Noon
  • Gos­mann, Uta: Rei­se durchs Nimmerich
  • Stangl, Tho­mas: Quecksilberlicht
  • Schnick­mann, Alex­an­der: requiem
  • Wun­ni­cke, Chris­tia­ne: Naga­sa­ki, ca. 1642
  • Klöp­fer, Hubert; Weiß, Tho­mas (Hrsg.): Gesprä­che über Bäume
  • Rakusa, Ilma: Mein Alphabet
  • Stein­weg, Mar­cus: Splitter
  • Wink­ler, Ron: Unter­wegs in der Verformung
  • Water­mann, Paul: Mosko­vi­an Kinder
  • Nawrat, Mat­thi­as: Rei­se nach Maine
  • Flamm, Peter: Ich?
  • Muel­ler, Rai­ner René; Mat­thi­as Maaß: Les très bel­les heures
  • Gava, Gabrie­le; Ves­per, Achim: Kants Philosophie
  • Jäck­le, Nina: Verschlungen
  • Noë, Hein­rich: Baye­ri­sches Seenbuch
  • Jong, Eri­ca: Angst vorm Fliegen
  • Kra­mer, Samu­el: end­lich regen
  • Gold­stein, Jür­gen: Menschlichkeit
  • Küchen­meis­ter, Nad­ja: Der Gro­ße Wagen
  • Nagy, Simon: Zeit abschaffen
  • Stru­bel, Ant­je Rávik: Der Ein­fluss der Fasane
  • Thie­le­mann, Mar­kus: Vom Nor­den rollt ein Donner
  • Mpei, Ele­na: das gril­len­zir­pen zwi­schen den rippen
  • Paris, Frie­da: Nachwasser
  • Zie­britz­ki, Hen­ning: Brand
  • Por­te­ro, Ala­na S.: Die schlech­te Gewohnheit
  • Rinck, Moni­ka: Höl­len­fahrt & Entenstaat
  • Kemp­ker, Bir­git: Sweet Delight
  • Weber, Mar­kus R.: Vor Augen
  • Zim­mer­mann, Ruben: War­um weni­ger gut sein kann
  • Fla­ke, Otto: Hor­ten­se oder die Rück­kehr nach Baden
  • Bey­er, Mar­cel: Graphit
  • Zie­britz­ki, Hen­ning: Vogelwerk
  • Volk­mann, Jana: Investitionsruinen
  • Mar­kard, Nora; Ronen Stein­ke: Jura not alone
  • Alle­mann, Urs: In Sepps Welt
  • Mey­er, Tho­mas: Han­nah Arendt
  • Leu­en­ber­ger, Eva Maria: Die Spinne
  • Christ, Lena: Die Rumplhanni
  • Zei­ner, Moni­ka: Vil­la Sternbald
  • Hui­zin­ga, Johan: Das Spiel­ele­ment der Kultur
  • Meckel, Chris­toph: Für Clarisse
  • Buß­mann, Nina: Drei Wochen im August
  • Schil­ling, Heinz: 1517
  • Hill­ger, Andre­as: glä­ser­ne zeit
  • Flor, Olga: Ein kur­zes Buch zum fröh­li­chen Untergang
  • Lüscher, Jonas: Ver­zau­ber­te Vorbestimmung
  • Musil, Robert: Mann ohne Eigenschaften
  • Sel­ge, Albrecht: Silence
  • Krau­se, Thi­lo: Dass uns fin­det, wer will
  • Kin­sky, Esther: Sommerfrische
  • Kin­sky, Esther: Morârs – Amôrs Maulbeerzeilen
  • Kaley­ta, Timon Karl: Die Geschich­te eines ein­fa­chen Mannes
  • Wei­den­hol­zer, Anna: Fin­de einem Schwan ein Boot
  • Caill­oux, Bernd: Auf Abruf
  • Höl­ler, Kris­tin: Leu­te von früher
  • Steub, Lud­wig: Alpenreisen
  • Zel­ter, Joa­chim: Staffellauf
  • Ver­to­vec, Ste­ven: Superdiversität
  • Ber­wing, Ines: zer­tanz­te schuhe
  • Steenfatt, Jan­na: Mit den Jahren
  • Mar­tin, Anne: sollbruchstellen
  • Setz, Cle­mens J.: Das All im eig­nen Fell
  • Frie­se, Julia: Delu­lu: Der Roman
  • Feich­ter, Isa­bel: Boden­schät­ze: über Ver­wer­tung und Vergesellschaftung
  • Oes­ter­le, Gün­ter (Hg.): Orte des Erzählens
  • Klemm, Ger­traud: Abschied vom Phallozän
  • Bay­erstor­fer, Dani­el: Neu­lich starb Antigone
  • Hava, Mina: Für Seka
  • Kin­sky, Esther: Am kal­ten Hang
  • Seidl­ho­fer, Wal­traud: stil­le flaneure
  • Bartsch, Wil­helm: Hohe See und nie­mands Land
  • Metz, Mar­kus; Seeß­len, Georg: Blödmaschinen
  • Roth, Ger­hard: Grund­riss eines Rätsels
  • Jahnn, Hans Hen­ny: Die Fra­ge nach dem Anlass
  • Dur­del, Patrick et al. (Hg.): Lite­ra­tur­theo­rie nach 2001
  • Offen­bach, Judith (d.i. Pusch, Lui­se): Sonja
  • Cot­ten, Ann: Verbannt!
  • Küchen­meis­ter, Nad­ja: Unter dem Wacholder
  • Köh­ler, Bar­ba­ra: Schriftstellen
  • Blick­le, Peter: Das Alte Europa
  • Goldt, Max: Aber?
  • Klemm, Ger­traud: Einzeller
  • Elspaß, Sir­ka: hun­gern beten heu­len schwimmen
  • Kege­le, Nadi­ne: Bei Schlecht­wet­ter blei­ben Eidech­sen zu Hause
  • Wag­ner, Kat­ja; Hau­er, Maxi­mi­li­an; Nehauss, Maria: Kli­ma und Kapitalismus
  • Bong, Jörg (Hrsg.): For­de­run­gen des Volkes
  • Roschal, Sla­ta: Ich brau­che einen Waf­fen­schein, ein neu­es bit­te­res Par­füm, ein Haus in dem mich kei­ner kennt
  • Bleut­ge, Nico: schlafbaum-variationen
  • War­zecha, Saskia: Farbleib
  • James, Lisa: Wenn wa weg sind, sind wa weg
  • Bro­cke, Son­ja vom: Mush
  • Thill, Hans: Neue Dörfer
  • Bulucz, Alex­an­dru: Stundenholz
  • Sachs, Nel­ly: Gedichte
  • Kla­ges, Lud­wig: Mensch und Erde – ein Denkanstoß
  • Rim­be­reid, Øyvind: Orgelsee
  • Berg, Sibyl­le: La Bel­la Vita
  • Wun­ni­cke, Chris­ti­ne: Selig & Boggs
  • Rich­artz, Wal­ter E.: Büroroman
  • Enge­mann, Chris­toph: Die Zukunft des Lesens
  • Peter­Licht: Wir wer­den alle ganz schön viel aus­ge­hal­ten haben müssen
  • Bach, Kath­rin: Lebensversicherung
  • Bie­der­mann, Nelio: Lázár
  • Nis­kate, Niklas L.: Ent­wick­lung der Knoten
  • Münt­zer, Tho­mas: Die Gewal­ti­gen vom Stuhl stoßen
  • Frisch, Max: Stiller

Ziem­lich kreuz und quer, so sieht das in die­sem Jahr aus: Lyrik, Roma­ne und Sach­bü­cher, dicke und dün­ne, neue und alte (davon nur zwei Relek­tü­ren), gute und weni­ger gute, begeis­tern­de und ent­täu­schen­de Bücher – es war alles dabei …

(Und über kei­nes der gele­se­nen Bücher habe ich gebloggt – das muss sich wie­der ändern!)

Weihnachtslied, chemisch gereinigt

Mor­gen, Kin­der, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mut­ter schenk­te Euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Ein­mal kommt auch eure Zeit.
Mor­gen ist’s noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht trau­rig werden.
Rei­che haben Armut gern.
Gän­se­bra­ten macht Beschwerden.
Pup­pen sind nicht mehr modern.
Mor­gen kommt der Weihnachtsmann.
Aller­dings nur nebenan.

Lauft ein biß­chen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weih­nachts­fest genug.
Chris­ten­tum, vom Turm geblasen,
macht die kleins­ten Kin­der klug.
Kopf gut schüt­teln vor Gebrauch!
Ohne Christ­baum geht es auch.

Tan­nen­grün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfei­fen! Wer­det stolz!
Reißt die Bret­ter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stil­le Nacht und heil’ge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Son­dern lacht!

Mor­gen, Kin­der, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Mor­gen, Kin­der, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Got­tes Güte reicht so weit …
Ach, du lie­be Weihnachtszeit!
Erich Käst­ner (1928)

Regen

War­um fällt jetzt die­ser Regen? Arno Schmidt, Zet­tel 10505 zu „Julia“

Arno Schmidt, Zet­tel 10505 zu „Julia“

Technologieerfahrung

Dou­glas Adams hat eine gute Faust­re­gel für die Reak­ti­on auf neue Technik/​Technologien auf­ge­stellt, wie ich gera­de lernte:

I’ve come up with a set of rules that descri­be our reac­tions to technologies:
1. Any­thing that is in the world when you’­re born is nor­mal and ordi­na­ry and is just a natu­ral part of the way the world works.
2. Any­thing that’s inven­ted bet­ween when you’­re fif­teen and thir­ty-five is new and exci­ting and revo­lu­tio­na­ry and you can pro­ba­b­ly get a care­er in it.
3. Any­thing inven­ted after you’­re thir­ty-five is against the natu­ral order of things.Dou­glas Adams, The Sal­mon of Doubt: Hitch­hi­king the Gala­xy One Last Time (2002)

so schrieb er in The Sal­mon of Doubt – und ich glau­be, das ist ziem­lich genau und rich­tig beob­ach­tet – das deckt sich zumin­dest mit mei­nen Erfahrungen …

nachsommer

die letz­ten war­men tage im sep­tem­ber. noch ist die son­ne nicht
über die höhen und eine dun­kel­heit streicht um die fens­ter, als ob
sie sie zu sich nach drau­ßen rie­fe: weni­ge lau­te, kei­ne vögel.

die blau­en fer­nen der schwä­bi­schen alb. es rauscht der traum
ver­wir­rend aus der tie­fe. im ers­ten mor­gen­licht die könig­stra­ße lang
und hoch zum markt, zum schwar­zen tor, vor­bei am kapu­zi­ner und

der gäns­brun­nen­gas­se, und erst am hoch­turm ruht sie auf der bank
wo sich schon ein­ge­färb­te blät­ter um die schu­he ran­ken. und
stil­le, wecke nicht, es war, als schlie­fe in der hoch­turm­gas­se noch

der geist der stadt. im kon­fek­ti­ons­haus bal­le steht die stun­de still.
geht dort ein mäd­chen durch die wald­tor­stra­ße, vor­bei am schild
von vik­tor hezin­ger fla­sch­ner, vor­bei am pflug­bräu, alte post, und

nur der grü­ne heiß­luft­bal­lon grüßt, als schwe­be er nie­mals davon.
sie schlägt den weg zjm müns­ter ein. kurz vor lau­des, kei­ne stim­men
hat sie die orgel ganz für sich allein und kann kein kreuz im mor­gen

schla­gen, aber das lech­ten­de rot der gewän­der strahlt von den
hohen kir­chen­fens­tern und schiebt sie in die lorenz­gas­se vor
zur kapel­le an die neckar­schlei­fe und weckt den lei­sen strom

von zau­ber­klän­gen, als ob die blei­chen und die müh­len sän­gen
rings von der alten schö­nen zeit. vom via­dukt ein kur­zer blick.
die letz­ten war­men tage im sep­tem­ber. es rauscht der traum

ver­wir­rend aus der tie­fe und von den vögeln tönt jetzt ein gesang
im ers­ten mor­gen­licht die könig­stra­ße lang: es ist, als ob die son­ne
sie aus ihrem innern rie­fe. sie kehrt ins zim­mer unterm dach zurück. 

Nad­ja Küchen­meis­ter (in: Unter dem Wachol­der. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2020, S. 91.)

Heimfahrt mit dem Rad: 300 Kilometer, 2100 Höhenmeter

Die Idee trieb mich schon län­ger um: Wäre es nicht mög­lich, von Regens­burg in die Hei­mat, also nach Erbach im Oden­wald, an einem Tag mit dem Fahr­rad zu fah­ren? Ers­te Test mit Komoot und BRou­ter erga­ben: Das sind unge­fähr 300 Kilo­me­ter. Das soll­te doch mach­bar sein! Mei­ne längs­te Tages­stre­cke bis­her war 240 Kilo­me­ter lang – und von da bis 300 Kilo­me­ter sind es ja nur noch ein Katzensprung …

Also habe ich das mal ins Auge gefasst und ange­fan­gen, eine Rou­te aus­zu­ar­bei­ten. Wie bei lan­gen Stre­cken­tou­ren habe ich die Rou­te zunächst mit Bik­e­rou­ter (also BRou­ter-Web) erstellt (mit dem Renn­rad­pro­fil für mini­ma­len Ver­kehr, das hat mir bis­her immer gute Diens­te geleis­tet) und den Track danach in Komoot noch mini­mal bear­bei­tet. Vor allem bei den Orts­durch­fahr­ten, gera­de bei Dör­fern und klei­nen Städ­ten, macht BRou­ter oft etwas unnö­ti­ge Umwe­ge über Sei­ten-/Wohn­stra­ßen, wo ich die direk­te­re Durch­fahrt bevor­zu­ge. Aber viel habe ich nicht geän­dert, bevor die Stre­cke auf mei­nen Gar­min kam. Am Tag zuvor hat­te ich die groß­ar­ti­ge Idee, noch ein­mal alles zu upda­ten – und da hat Gar­min Express wohl Mist gemacht, denn trotz Erfolgs­mel­dung hat­te ich am nächs­ten Tag ein­fach über­haupt kei­ne Kar­te auf dem Gerät (abge­se­hen von der Base­map, die ja über­haupt nicht hilft für irgend­et­was). Das merk­te ich aber natür­lich erst, als ich unter­wegs war – und dann war es zu spät. Also fuhr ich den gan­zen Tag nur mit Brot­kru­men­na­vi­ga­ti­on. Das ging aber übeer­ra­schend gut: Klar, mit Kar­te ist es ange­neh­mer, vor allem an unüber­sicht­li­chen Stel­len und ver­zwick­ten Abzwei­gen. Aber mit nur weni­gen Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen, bei denen mich der Gar­min ja schnell auf die Stre­cken­ab­wei­chung hin­wies, habe ich den Weg auch so gut gefunden.

Dann war nur noch ein geeig­ne­ter Ter­min zu fin­den … Das es im Juni/​Juli sein soll­te, war schnell klar – ich brau­che ja einen lan­gen, hel­len Tag für so eine lan­ge Tour, um mög­lichst wenig mit Licht fah­ren zu müs­sen. Und ein Sams­tag soll­te es wer­den: Da erwar­te­te ich etwas weni­ger Ver­kehr, aber die Läden sind den­noch offen und bie­ten mir ein­fa­che Mög­lich­keit, mich unter­wegs (nach) zu ver­sor­gen, so dass ich nicht immer auf Fried­hö­fe aus­wei­chen muss.

Da ich ja „heim“ fuhr, woll­te ich mit mini­ma­lem Gepäck fah­ren und habe Klei­dung für die nächs­ten Tage per Post vor­aus­ge­schickt. So hat­te ich am Rad nur die klei­ne Sat­tel­ta­sche und eine Ober­rohr­ta­sche für zusätz­li­che Rie­gel und eine Power­bank, denn mein Gar­min (Edge 520 Plus) hält auf kei­nen Fall so lan­ge durch, ich brau­che also Strom, um unter­wegs nach­la­den zu kön­nen. Außer­dem habe ich das Varia-Rück­licht (das ich ja vor allem wegen des Radars habe) um ein klei­ne­res, star­kes Rück­licht ergänzt und ein Front­schein­wer­fer ergänzt, der unten an der Com­pu­ter­hal­tung zum Hän­gen kam.

In gewohn­ter und erprob­ter Manier habe ich dann zwei 0,75-Liter-Flaschen im Rah­men gehabt und eine zusätz­li­che Was­ser­fla­sche glei­cher Grö­ße im Tri­kot. Das Tri­kot trug außer­dem eini­ge Cliff-Bars und zusätz­lich noch etwas Gel-Vor­rat (Ham­mer­gels und Sankt Bern­hard Liquid Ener­gie Pur in den etwas gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen Tuben).

Dann ging es also los: Der Wecker klin­gel­te um 4 Uhr, ein kur­zes Früh­stück und ein Becher Tee soll­ten schon noch sein. Die Abfahrt war dann doch erst um 4.45 Uhr und nicht wie ange­peilt 15 Minu­ten frü­her. Das war aber früh genug … Und noch rich­tig frisch drau­ßen, in kur­zer Bib und kur­zem Tri­kot. Auf den ers­ten Kilo­me­tern war ich erst ein­mal allein, nur an der Eisen­bahn­brü­cke Sin­zig arbei­te­te die Nacht­schicht an der Bau­stel­len­ein­rich­tung. Die Rou­ter führ­te mich zunächst ent­spannt von Regens­burg an der Naab ent­lang nach Etterz­hau­sen. Da ging es dann das ers­te Mal spür­bar berg­auf, in Rich­tung Undorf aus dem Naab­tal her­aus und hin­über in das Tal der Laaber. Da blieb ich aber auch nicht lang, son­dern mach­te mich auf in Rich­tung Hemau über Hohen­scham­bach. Da oben, auf der Ebe­ne, wur­de es dann ruck­ar­tig wär­mer: Die Son­ne kam über den Hori­zont und fing an, spür­bar zu wär­men. Vom Son­nen­auf­gang bekam ich aller­dings kaum etwas mit, die Son­ne war ja in mei­nem Rücken, denn mei­ne Rou­te führ­te mich ja nach Wes­ten und Nordwesten.

So peda­lier­te ich also durch die Ober­pfalz, die Orte wach­ten lang­sam auf … Und schon war es Zeit für mei­ne ers­te Pau­se. Mein Plan war, unge­fähr alle 50 Kilo­me­ter eine kur­ze Pau­se ein­zu­le­gen, wenn es sich anbot – um kurz zu ent­span­nen und den Gar­min nach­zu­la­den. Das hat genau ein­mal geklappt, beim ers­ten Mal – die zwei­te Pau­se war dann schon etwas ver­spä­tet, bei etwa 120 Kilo­me­ter. Und danach habe ich den Plan ganz auf­ge­ge­ben und eher nach Gefühl pau­siert. Also dann, wenn es mir zweck­dien­lich erschien oder wenn ich Nach­schub brauch­te. Das hat natür­lich zu ungleich­mä­ßi­gen Pau­sen geführt. Aber sei’s drum, es zwingt mich ja kei­ner zu irgend etwas. Na gut, ich mich selbst. Denn sobald ich wirk­lich unter­wegs war, gab es kaum mehr ein Zurück: Ein Abbre­chen wur­de zuneh­mend schwie­rig, je län­ger ich unter­wegs war. Gut, ich kam am Rand von Nürn­berg vor­bei, da hät­te ich auch zum Bahn­hof fah­ren kön­nen. Aber spä­ter wur­de das zuneh­mend unrea­lis­ti­scher bis unmög­lich, weil kei­ne mach­ba­ren Ver­bin­dun­gen, weder zurück zum Start noch zum Ziel, mehr an der Stre­cke erreich­bar waren. Ich war mir also selbst aus­ge­lie­fert … Zunächst hat­te ich ja auch durch­aus Zwei­fel, ob das so alles klap­pen wür­de: Die Stre­cke selbst war ja län­ger als alles, was ich bis dahin gefah­ren bin. Und kurz vor Schluss kam noch der längs­te und höchs­te Anstieg, der sich lei­der abso­lut nicht anders pla­nen ließ, irgend­wie muss­te ich ja in den Oden­wald und ins Müm­ling­tal gelan­gen. Aber irgend­wann am Nach­mit­tag ver­schwan­den die Zwei­fel zuneh­mend, gera­de jen­seits der 200-Kilo­me­ter-Mar­ke wur­de all­mäh­lich klar: Das bekom­me ich irgend­wie schon hin. Und so war es ja dann auch …

Aber so weit war ich noch nicht. Zunächst ging es wei­ter ein wenig auf und ab, ich kam gut vor­an. Zwi­schen­durch wur­de es merk­lich wär­mer – in zwei Schü­ben gegen 11 Uhr und am Nach­mit­tag, gegen 15 Uhr schien die Tem­pe­ra­tur jeweils zu sprin­gen. Aber trotz Wer­ten um 30 °C war das noch gut aus­zu­hal­ten. Nur war ich recht viel – mehr als ich erwar­te­te – in der direk­ten Son­ne unterwegs.

Zwi­schen­zeit­lich fin­gen die Rad­hand­schu­he an zu ner­ven. Nun, da ich unter­wegs war, erin­ner­te ich mich, war­um ich doch immer wie­der bevor­zugt die alten, fast aus­ein­an­der­fal­len­den benutz­te. Denn die neue­ren Exem­pla­re von Rose haben die unan­ge­neh­me Eigen­schaft, anch eini­gen Stun­den Tra­ge­zeit sich in die Zwi­schen­räu­me der Fin­ge förm­lich hin­ein­zu­fres­sen. Und zwar so, dass das durch­aus weh tut. Also bin ich über wei­te Stre­cken ab spä­ten Vor­mit­tag ohne Hand­schu­he gefah­ren. Zum Glück hat­te ich kurz vor der Tour das Len­ker­band neu gewi­ckelt. Mit dem alten, schon fast aus­ein­an­der­fal­len­den Exem­plar, wäre das nicht so ange­nehm gewe­sen. Den­noch, die Hän­de und, nicht ganz so stark, die Füße wur­den im Lau­fe der Zeit die größ­ten Schmerz­punk­te. Die Hän­de müs­sen ja viel Gewicht abstüt­zen, dass sind sie nicht so aus­dau­ernd gewöhnt. Und die Füße waren Stun­de um Stun­de in den Rad­schu­hen ein­ge­sperrt. Mit ein wenig Locke­run­gen in den Pau­sen ging das dann noch. Immer­hin mach­te mein Hin­tern mir kei­ne Pro­ble­me. Die gute und bewähr­te Me-Hose von Ever­ve sorg­te da für unpro­ble­ma­ti­sches lan­ges Sit­zen im Sattel.

Nach­mit­tags hat­te ich dann zuneh­mend und für län­ge­re Zeit Gegen­wind, meist schräg von links vor­ne. Das kam mir vor, als wür­de es gar nicht auf­hö­ren … Natür­lich war ich zu dem Zeit­punkt auch alles ande­re als frisch. Die Sprit­zig­keit und die ech­te Kraft für den Druck auf den Peda­len war sowie­so schnell weg. Ich hat­te mir im Wis­sen um die lan­ge Stre­cke vor­ge­nom­men, so lan­ge wie mög­lich mit eher mäßi­ger Kraft zu fah­ren und gera­de klei­ne­re Stei­gun­gen und Wel­len nicht ein­fach mit hohem Kraft­ein­satz weg­zu­drü­cken, son­dern bewusst her­un­ter­zu­schal­ten und die Ver­lang­sa­mung in Kauf zu neh­men. Das hat auch anschei­nend gut geklappt, denn auch nach­mit­tags und in den Abend­stun­den konn­te ich noch pro­blem­los peda­lie­ren. Ergän­zend hat­te ich immer einen Blick auf den Puls, um den nach Mög­lich­keit gar nicht erst in die obe­ren Berei­che zu trei­ben. Erfah­rungs­ge­mäß dau­ert es dann näm­lich, gera­de bei gro­ßer Wär­me, doch recht lan­ge, bis der wie­der her­un­ter geht. Das hat sicher­lich auch gehol­fen, die lan­ge Stre­cke gut durchzustehen.

So führ­te mich also mein Weg, von Regens­burg durch die Ober­pfalz vor­bei an Pars­berg und Neu­markt (wo ich mich beim Ein­gang zum Fir­men­ge­län­de von Max Bögl kurz ein wenig ver­hed­der­te) in den Süden Nürn­bergs. Die eigent­lich Stadt konn­te ich ver­mei­den, aber die Außen­be­zir­ke und dann vor allem der Hafen und das umge­ben­de Gebiet mit den mit­tel­mä­ßi­gen Rad­we­gen haben mir schon gereicht. Von Nürn­berg aus ging es west­wärts durch die Fel­der und Wie­sen, knapp an Bad Winds­heim vor­bei über die Mili­tär­stra­ßen bei dem ame­ri­ka­ni­schen Stütz­punkt in Ille­sheim nach Uffen­heim. Dort nutz­te ich die Gele­gen­heit für einen kur­zen Zwi­schen­stopp im Super­markt, frisch­te mei­ne Was­ser­vor­rä­te auf und gönn­te mir ein Eis ;-)

Wei­ter ging es durch eine Bau­stel­le (zum Glück waren die Bür­ger­stei­ge, im Gegen­satz zu der Stra­ße in Goll­ho­fen, nicht auf­ge­ris­sen) in leich­ten Bögen oder Zick-Zack-Wen­dun­gen nach Nord­wes­ten. Bei Son­der­ho­fen fiel die 200-Kilo­me­ter-Mar­ke, der Wind nerv­te so lang­sam. So gelang­te ich schon bald ins Tau­ber­tal und schlich mich an Tau­ber­bi­schofs­heim vor­bei. Die­ses Mal hat­te ich mei­ne Rou­te über König­heim und Schwein­berg geplant – aus dem Tau­ber­tal wie­der her­aus­zu­kom­men, ist immer mit gewis­sen Anstren­gun­gen ver­bun­den ;-) So auch hier, obwohl das die bes­se­re Vari­an­te schien. Denn der Anstieg ist lan­ge recht kon­stant in einer annehm­ba­ren Stei­gung, nur gegen Ende wird das mal (aber auch nur ver­hält­nis­mä­ßig kurz) deut­lich steiler.

Jetzt stieß ich auch wie­der in bekann­te Gefil­de vor. Zwi­schen Nürn­ber und Tau­ber­bi­schofs­heim bin ich ziem­lich ori­en­tie­rungs­los, auch wenn ich Tei­le der Rou­te von frü­he­ren Fahr­ten immer­hin wie­der erkann­te. Spä­tes­tens ab Hard­heim – wo ich noch ein­mal einen schnel­len Ein­kaufs­stopp ein­leg­te – hät­te ich aber auch ohne Gar­min nach Hau­se gefun­den. Dabei führ­te mich mei­ne Rou­te von Hard­heim zunächst über das Erftal nach Mil­ten­berg. Das war, gera­de jetzt, nach knapp 260 Kilo­me­tern, ein Traum: Kon­stant in leich­tem Gefäl­le auf guter Stra­ße mit wenig Ver­kehr berg­ab. Da konn­te ich tat­säch­lich mal mei­nen Schnitt etwas hoch­trei­ben. Die Rou­te über Mil­ten­berg ist zwar nicht der direk­tes­te Weg nach Amorbach,aber die Alter­na­ti­ve über Wall­dürn hat einer­seits mehr Stei­gung und ande­rer­seits vor allem deut­lich mehr Verkehr.

In Mil­ten­berg selbst muss­te ich mich dann dum­mer­wei­se mit­ten durch die Alt­stadt (und Kopf­stein­pflas­ter!) quä­len, weil die Main­stra­ße wegen Volks­fest gesperrt war. Aber auch das ging vor­über und ich war wie­der auf dem Weg Rich­tung Amor­bach. Kurz vor Amor­bach ging es dann auf die B47 und – nach einer kur­zen Ver­pfle­gungs­pau­se – hin­auf in die größ­te Stei­gung des Tages. Die ließ sich aber erwar­tungs­ge­mäß so gut fah­ren, wie ich das auf­grund der Daten erwar­te­te: Die Stei­gung ist zwar über meh­re­re Kilo­me­ter kon­stant, aber recht gleich­mä­ßig und nicht zu extrem. Mit 9–10 km/​h ließ sich das noch alles schön gemäch­lich und gleich­mä­ßig durch­ge­hend im sel­ben Gang peda­lie­rend bewäl­ti­gen. Die Autos waren auch gar nicht so schlimm, nur ein paar Motor­rad­spin­ner nerv­ten bei der ein­setz­ten­den Dun­kel­heit mit extrem dich­ten Über­ho­len und aus­ge­prägt über­höh­ten Geschwin­dig­kei­ten. Über­haupt waren die aller­meis­ten Autofahrer*innen zumin­dest bemüht, aus­rei­chend Abstand ein­zu­hal­ten – nur weni­ge haben das deut­lich unterschritten.

Irgend­wann – genau­er gesagt, nach einer knap­pen Drei­vier­tel­stun­de, war dann die Höhe von Box­brunn erreicht. Nach einer letz­ten Pau­se am Wald­rand ging es dann in den letz­ten Abschnitt. Zunächst auf der Höhe nach Eul­bach und dann geschwind hin­un­ter nach Erbach. Zum Glück war zu die­ser Uhr­zeit sehr wenig Ver­kehr, da konn­te ich wun­der­bar mei­ne Geschwin­dig­keit fah­ren. Nur ein paar weni­ge Autos kamen mir ent­ge­gen – die dach­ten sicher, da ist ein ganz schö­ner Spin­ner unter­wegs, im Dun­keln mit dem Renn­rad auf die­ser Stre­cke … Aber der Front­schein­we­fer hat sich hier gut bewährt, auch bei über 60 km/​h war das hell genug aus­gegleuch­tet. Der letz­te Kilo­me­ter in Befrie­di­gung über die voll­brach­te Tat kei­nen Abbruch mehr tun.

Die Daten:

  • 307 Kilo­me­ter
  • +2.047/-2.162 Höhen­me­ter (Gar­min hat mehr, ca. 2.400 m Anstieg)
  • 13:27:50 gefah­re­ne Zeit
  • 17:46:59 ver­stri­che­ne Zeit (also mit Pau­sen – das macht sich, obwohl ich die auf 15–20 Minu­ten beschränk­te, doch sehr bemerkbar …)
  • 3 Bun­des­län­der ;-)

Die Stre­cke:

Gefahrene Strecke von Regensburg nach Erbach, eingefärbt in gefahrener Geschwindigkeit
Gefah­re­ne Stre­cke von Regens­burg nach Erbach

Tage Alter Musik Regensburg 2025

Eini­ge weni­ge sub­jek­ti­ve und unge­ord­ne­te An- und Bemer­kun­gen zu mei­nem Besuch der Tage Alter Musik (TAM) in Regens­burg in der vier­zigs­ten Aus­ga­be an Pfings­ten 2025.

  1. Das Fes­ti­val bot wie­der eine wun­der­ba­re Viel­falt im Pro­gramm zwi­schen gewal­tig-bom­bas­tisch-pom­pö­sen Prunk­mu­si­ken und inti­men Kammermusiksettings.
  2. Mei­ne Tage waren die­ses Mal sehr katholisch ;-).
  3. Es nerv­te micht erstaun­lich stark, wenn die ange­ge­be­ne Kon­zert­dau­er so über­haupt nicht stimm­te. Ich war in eini­gen Kon­zer­ten, bei denen die Musiker*innen deut­lich über­zo­gen. Eigent­lich ist das ja zunächst mal über­haupt nicht schlimm, irgend­wie hat es mich – und auch eini­ge ande­re, mit denen ich sprach – doch ein wenig ver­stimmt. Ver­mut­lich, weil die Erwar­tungs­hal­tung dann ein­fach nicht mehr pass­te. Meis­tens war das ja auch nicht wild: 90 Minu­ten statt 70 sind ja kein Welt­un­ter­gang (son­dern mehr gute Musik!). Am Sams­tag Abend, bei Solomon’s Knot, war mit 2,5 Stun­den der Bogen aller­dings deut­lich überspannt.
  4. Die klei­ne­ren, unschein­ba­re­ren Pro­gram­me haben mir die­ses Mal durch die Bank deut­lich bes­ser gefal­len als die ganz „gro­ßen“ Acts.
  5. Vie­le Pro­gram­me spie­len mit oder ver­su­chen zumin­dest eine irgend­wie his­to­ri­sche Über­hö­hung der Musik: Ver­bo­ten, ver­ges­sen, ver­hin­dert, ver­steckt, – und dann ein­ma­lig und ganz beson­ders in der Wie­der­auf­le­bung und so wei­ter. Das wird durch die musi­ka­li­sche Sub­stanz aus mei­ner Per­spek­ti­ve nicht immer wirk­lich gedeckt, kann man aber als Wer­be­maß­nah­me auch getrost ein­fach ignorieren.
  6. His­to­ri­sche Räu­me haben oft erstaun­lich unbe­que­me Sitz­ge­le­gen­hei­ten, Bän­ke und Stüh­le glei­cher­ma­ßen. Die Kir­chen­bän­ke der Drei­ei­nig­keits­kir­che aus dem 17. Jahr­hun­dert ste­chen da beson­ders heraus.
  7. Drei Nacht­kon­zer­te hin­ter­ein­an­der mit Beginn jeweils um 22.45 Uhr sind für mich, der ich um die­se Zeit nor­ma­ler­wei­se schon schla­fe, doch anstrengend.
  8. Die Orga­ni­sa­ti­on der TAM ist sehr sou­ve­rän, die haben das alles per­fekt im Griff. Kein Wun­der, das war ja auch schon das vier­zigs­te Mal.
  9. Das Pro­gramm­heft mit 160 Sei­ten im A4-For­mat ist für mich etwas unprak­tisch und unhand­lich. Ich hät­te mir eine pdf-Ver­si­on gewünscht. Und bei so eini­gen Pro­gram­mein­füh­run­gen ein biss­chen mehr Tief­gang in ana­ly­ti­scher und musik­ge­schicht­li­cher Hin­sicht. Ich bin mir recht sicher, das Publi­kum der TAM wür­de das ver­kraf­ten. Und: Ich habe irgend­wie im Gedächt­nis, das frü­her die Pro­gramm­fol­ge auch ohne das offi­zi­el­le Pro­gramm (auf der Web­site?) zugäng­lich war. Die am Ein­gang jeweils aus­ge­teil­ten gesun­ge­nen Tex­te sind aber eine gro­ße Hilfe.
  10. Das/​Der Hathor Cons­ort mit den Sopra­nis­tin­nen Doro­thee Mields und Han­na Blaží­ko­vá mit einer Aus­wahl von Bar­ba­ra Stroz­zi, eine der weni­gen Kom­po­nis­tin­nen der Alten Musik, war ein wun­der­ba­rer Auf­takt für mich im ers­ten Nacht­kon­zert am Frei­tag. Das war ein stim­mi­ges Pro­gramm mit guter Dra­ma­tur­gie, prä­zi­se, leben­dig und sehr far­big gesun­gen war das eine gro­ße Freu­de mit (mir) unbe­kann­ter Musik.
  11. Sams­tag Nacht, im zwei­ten Nacht­kon­zert, fei­er­te der Ten­ebrae Choir Pal­estri­nas 500. Geburts­tag mit sei­ne Mis­sa Viri Gali­laei im Mit­tel­punkt. Ein sehr schö­nes und aus­ge­wo­ge­nes Pro­gramm, in dem der wun­der­bar into­nie­ren­de Ten­ebrae Choir in der schö­nen früh­go­ti­schen St. Bla­si­us kla­re Lini­en in gelas­se­ner Ruhe und klang­li­cher Schön­heit ent­fal­te­te – ein ruhi­ger, fast medi­ta­ti­ver Abschluss des Tages.
  12. Für das drit­te Nacht­kon­zert luden Cap­pel­la Pra­ten­sis und das mir schon von frü­her als famos bekann­te Soll­az­zo Ensem­ble ins Brau­haus am Schloss. Nun­ja, das Set­ting war zwar von der Idee her pas­send und nahe­lie­gend: Das Pro­gramm war eine Rekon­struk­ti­on des „Schwa­nen­mahls“ der Mari­en­gil­de in ’s‑Hertogenbosch. Aber mich hat das ein wenig gestört. Der Raum war arg über­be­legt, es war schon im Nor­mal­zu­stand kaum ein Durch­kom­men zwi­schen den Tischen. Was hier pas­siert wäre bei einem Unglück mag ich mir kaum aus­ma­len, zumal auch der ein­zi­ge Not­aus­gang mit einem Tisch zuge­stellt war (die gan­ze Bele­gung kann mei­nes Erach­tens feu­er­po­li­zei­lich nicht geneh­mi­gungs­fä­hig gewe­sen sein). Die Bedie­nun­gen haben trotz anders­lau­ten­der Ankün­di­gung im Pro­gramm noch die ers­ten 15 Minu­ten des Kon­zer­tes (das es ja doch war und auch sein soll­te!) bedient, das war sehr stö­rend. Aber die Musik! Die fünf Män­ner der Cap­pel­la Pra­ten­sis san­gen Mess­tei­le, direkt aus Fak­si­mi­les der ori­gi­na­len Quel­len (und nicht aus moder­nen Tran­skrip­tio­nen). Das heißt ja auch, dass sie alle aus einem Exem­plar san­gen, sich also dort her­um ver­sam­meln. Und das setzt natür­lich vor­aus, dass alle die his­to­ri­schen Nota­tio­nen (die ja nach heu­ti­gen Stan­dards eher rudi­men­tär sind und viel Zusatz­wis­sen um die kor­rek­te Les­art erfor­dern) genau­so beherr­schen wie die Umset­zung in Klang. Ich weiß nicht, ob das wirk­lich einen ent­schei­den­den Unter­schied macht, aber sie beherr­schen die Kunst und ihre rei­nen Stim­men auf jeden Fall bis ins letz­te Detail. Das war wirk­lich fas­zi­nie­rend in jedem Augen­blick und jedem Detail. Und zusam­men mit dem Soll­az­zo Ensem­ble erge­ben sich noch zusätz­li­che wun­der­ba­re Farb­kom­bi­na­tio­nen, die auch sehr inten­siv und direkt mit­ein­an­der agie­ren. Das gilt natür­lich gnaz beson­ders, wenn sie so etwas wie Scherz­cou­plets mit schlüpf­ri­gen Andeu­tun­gen auf­füh­ren. Ein wirk­lich wun­der­ba­rer Aus­flug ins 15. und 16. Jahr­hun­dert, der mich sehr entzückte!
  13. Mei­ne Skep­sis gegen­über Rekon­struk­tio­nen ver­lo­ren gegan­ge­ner Musik hat sich zumin­dest teil­wei­se bestä­tigt. Schon im letz­ten Jahr hat­te mich die Bach-Rekon­struk­ti­on nur halb über­zeugt, in die­sem Jahr gar nicht: Für Solomon’s Knot hat Chad Kel­ley die Trau­er­mu­sik Bachs für Leo­pold von Köthen, sei­nen ehe­ma­li­gen Dienst­her­ren, rekon­stru­iert oder neu geschrie­ben. Über­lie­fert ist nur das Libret­to von Pican­der und der Hin­weis, dass Bach für die Trau­er­mu­sik (unter ande­rem) aus der Mat­thä­us­pas­si­on par­odiert hat. Das war ja gän­gi­ge Pra­xis und gibt heu­ti­gen Spe­zia­lis­ten viel Mög­lich­keit, Pseu­do-Bach neu zu schrei­ben. Ob es dann tat­säch­lich so klang, ist in der Regel rei­ne Spe­ku­la­ti­on – was genau er und vor allem wie par­odiert hät­te, ist ja gera­de nicht bekannt. Jeden­falls hat die Köthe­ner Trau­er­mu­sik also eini­ge Hits aus der Mat­thä­us­pas­si­on. Da kann man lus­ti­ges Erken­nen spie­len. Aber der Text ist halt doch rein situa­ti­ons­be­zo­gen, weist eigent­lich nie wirk­lich über den kon­kre­ten Anlass, das Begräb­nis des Fürs­ten, hin­aus, tran­szen­diert das also über­haupt nicht vom kon­kre­ten Trau­er­fall in all­ge­mei­ne­re Ideen, Glau­bens­sät­ze oder Inhal­te zu Tod oder Trau­er. Die Kom­bi­na­ti­on dann, also rein situa­ti­ver Text mit Musik, die aus ande­ren Kon­tex­ten sehr gut bekannt ist, mach­te das Werk für mich weit­ge­hend unin­ter­es­sant (zumal das auch noch recht umfang­reich war). Obwohl Solomon’s Knot das aus­ge­spro­chen groß­ar­tig musi­ziert haben! Die vor­an­ge­stell­te Trau­er-Ode fand ich wesent­lich inten­si­ver, fas­zi­nie­ren­der und berührender.
  14. Musi­ka­li­sche Wit­ze kön­nen auch ner­vend wer­den. Das ita­lie­ni­sche Ensem­ble Zefi­ro unter dem Obo­is­ten Alfre­do Ber­nar­di­ni hat ein Pro­gram „Fol­lia“ prä­sen­tiert, das mir ein wenig arg auf die komi­sche und wit­zi­ge Vari­an­te hin­aus­lief, die – vor allem in der wie­der­hol­ten Kom­bi­na­ti­on – dann doch etwas platt geriet. Viel­leicht bin ich dafür aber nur zu sau­er­töp­fisch, die Musiker*innen selbst und das Publi­kum schie­nen viel Spaß zu haben …
  15. Immer wie­der aber groß­ar­tig die Ensem­bles, die sich mit viel Ein­satz und Genau­ig­keit der Musik und ihren Pro­gramm ver­schrie­ben. The Beggar’s Ensem­ble mit/​unter Augus­tin Luss­on prä­sen­tie­ren „Meis­ter des fran­zö­si­schen Barocks“ – Orches­ter­stü­cke von Rameau und Vio­lin­kon­zer­te von Jean-Marie Leclair und Joseph Bodin die Bois­mor­tier. Das war nicht nur (gera­de in den Kon­zer­ten) hoch­vir­tu­os, son­dern vor allem aus­ge­spro­chen far­big, obwohl ein rei­nes Strei­cher­en­sem­ble. Aber die Pla­si­zi­tät und Aus­drucks­kraft, die The Beggar’s Ensem­ble aus ihrem Pro­gram her­aus­hol­ten, hat mich durch­weg begeis­tert. Grandios.
  16. Wirk­lich schön auch das Pro­gramm „Il Con­cer­to Segre­to“ von La Néré­i­de. Mit drei Sopra­nis­tin­nen und eher zurück­hal­ten­der (und klein besetz­ter) Beglei­tung führ­ten sie eine schö­ne Aus­wahl der Madri­ga­le von Luz­zas­co Luzaa­schi und Kol­le­gen aus Ita­li­en kurz vor 1600 auf. Das war mir ein völ­lig unbe­kann­tes Reper­toire, das die Mino­ri­ten­kir­che aber schön, fein­sin­nig und im durch­aus vir­tuo­sen Gesang auch sehr klang­sin­nig füll­te. Zum Glück stör­te das Mar­tins­horn erst beim Ende der zwei­ten Zugabe.
  17. Nicht alle Aus­gra­bun­gen sind beson­ders zwin­gend. Xenia Löff­ler und die Batz­dor­fer Hof­ka­pel­le haben sich in der Biblio­thek der Thurn-und-Taxi’schen Hof­ka­pel­le umge­se­hen und eine Aus­wahl sin­fo­ni­scher Musik mit beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der Obo­en in St. Emer­am auf­ge­führt (also fast am his­to­ri­schen Ort der Urauf­füh­rung im Schloss Thurn und Taxis). Ins­be­son­de­re Theo­do­re von Schachts Con­cer­tan­te mit 3 Obo­en ist in Bezug auf die ver­lang­te und hier tadel­los vor­ge­führ­te Viruo­si­tät durch­aus bein­dru­ckend. Sowohl Haydns „Schulmeister“-Sinfonie als auch die Sin­fo­nia von Johann Gott­lieb Graun waren für mich nun aber kei­ne unbe­dingt zwin­gen­de Ausgrabungen.
  18. Immer wie­der wahr: Begeis­te­rung und Hin­ga­be der Aus­füh­ren­den erzeugt fast zwangs­läu­fig Begeis­te­rung auch beim Publikum.
  19. Das Prunk­pro­gramm „Sple­ndor Aus­triae“ von Ars Anti­qua Aus­tria und den St. Flo­ria­ner Sän­ger­kna­ben unter Gunar Letz­bor mit Mes­sen und ande­ren geist­li­chen Wer­ken von Bene­dikt Auf­schnai­ter und Hein­rich Ignaz Franz Biber hat mich nur teil­wei­se begeis­tert. Gera­de die 32-stim­mi­ge Ves­per­ae von Biber konn­te sich für mich nicht so recht ent­fal­ten, da ging mir zu viel ver­lo­ren – was viel­leicht auch an mei­nem Platz auf der Empo­re lag. Das war kei­nes­falls schlecht, son­dern in der Ernst­haf­tig­keit durch­aus auch beein­dru­ckend (auch wenn Letz­bor mir ein wenig zu sehr Ram­pen­sau war), hat mich aber jen­seits der tech­ni­schen Exe­ku­ti­on nicht so recht berührt oder erreicht.
  20. Die dies­jäh­ri­gen TAM hat­ten einen sehr spek­ta­ku­lä­re Schluss mit Le Con­cert Spi­ri­tuel, die unter Her­vé Niquet die Rekon­struk­ti­on der musi­ka­li­schen Tei­le einer Fest­mes­se in den schö­nen Raum von St. Bla­si­us brach­ten. Fünf jeweils acht­stim­mi­ge Chö­re (also 40 Sän­ge­rin­nen und Sän­ger) und ein blä­ser­las­ti­ges Instru­men­tal­ensem­ble füll­ten die Kir­che mit sehr erha­be­nen und erhe­ben­den Klän­gen. Schon die Ein­gangs­pro­zes­si­on der Musiker*innen mit einem gre­go­ria­ni­schen Cho­ral und dann auch der gan­ze Rest ver­mit­telt mehr als eine Andeu­tung des­sen, was die Florentiner*innen bei einer Mes­se zum Johan­nis­fest um 1560 gehört haben könn­ten. Im Detail ging für mich im hin­te­ren Drit­tel des Publi­kums aber viel ver­lo­ren, die Mehr­chö­rig­keit war dort nur noch andeu­tungs­wei­se wirk­lich zu erle­ben.
    Das ist ja ein gene­rel­les Pro­blem die­ser oft extrem artis­tisch aus­ge­feil­ten Musi­ken, sei es in ita­lie­ni­schen Städ­ten oder in Kir­chen des Reichs. Das ist oft an sehr bestimm­te archi­tek­to­ni­sche und akus­ti­sche Gele­gen­h­ei­en gebun­den (das Mus­ter­bei­spiel ist natür­lich S. Mar­cus in Vene­dig mit sei­nen meh­re­ren Empo­ren) und lässt sich so heu­te kaum ent­spre­chend rekon­stru­ie­ren. Zumal auch schon unter ori­gi­na­len Gege­ben­hei­ten das natür­lich nur für ver­hält­nis­mä­ßig weni­ge genau so wie inten­diert erfahr­bar war. Es bleibt aber im Ide­al­fall doch genü­gend gro­ße und groß­ar­ti­ge Musik, die auch unter sub­op­ti­ma­len Hör­be­din­gun­gen berüh­ren und gefal­len kann. Und das gelang Le Con­cert Spi­ri­tuel definitiv.

Nur 5: Self-Hosted Software

Über „Nurein­blog“ und „Jan­sens Pott“ bin ich auf die Idee gebracht wor­den, mei­ne fünf wich­tigs­ten selbst-gehos­te­ten Softw­wa­re­pa­ket vorzustellen.

Das ist mei­ne Liste:

  1. Mini­flux: Ein schö­ner, zuver­läs­si­ger RSS-Rea­der für den es auch pas­sen­de Android-Apps gibt. Vor lan­ger Zeit hat­te ich zunächst Tiny-Tiny-RSS im Ein­satz, da ist der Ent­wick­ler dann aber etwas selt­sam abge­bo­gen, wesehalb ich wechselte.
  2. Gro­cy: ERP für den Kühl­schrank: Sehr coo­les Tool zur Ver­wal­tung von Lebens­mit­teln, Ein­käu­fen und Lis­ten, aber auch Rezep­ten. Erfor­dert zunächst etwas Arbeit und Ein­ge­wöh­nung, ist aber wirk­lich hilf­reich für mich.
  3. Wal­la­bag: als Read-Later-Ser­vice, funk­tio­niert sehr gut, auch wenn die Instal­la­ti­on ein paar Eigen­hei­ten hat.
  4. Doku­wi­ki: Die­ses Datei-basier­te Wiki benut­ze ich schon lan­ge als Tage­buch und Wis­sens­ar­chiv – das läuft ein­fach und läuft und läuft …
  5. Pi-hole: Das habe ich noch nicht so lan­ge im Ein­sazt, ist aber inzwi­schen auch unver­zicht­bar: Über zwi­schen­ge­schal­te­tes DNS wird dadurch Wer­bung und Track­ing radi­kal unter­bun­den – bei mir fängt Pi-hole momen­tan über 70 % (!) aller Requests ab. Das ist Wahn­sinn, wenn man sieht, wer da so alles rum­späht und überwacht …

Pi-hole ist dabei als ein­zi­ges im stren­gen Sin­ne kom­plett selbst­ge­hos­ted, näm­lich auf einen Raspber­ry Pi neben der Friz​.Box. Alle ande­ren Diens­te lau­fen auf Uber­spaces, also eigent­lich in Shared-Hosting-Umgebungen. 

Und das sind mei­ne zusätz­li­chen Bonus-Fünf (damit ist die Lis­te dann auch wirk­lich fast komplett):

  1. Next­cloud: Kalen­der, Kon­tak­te, ein wenig Datei­syn­chro­ni­sa­ti­on (das meis­te der Syn­chro­ni­sa­ti­on erle­digt aber Syn­c­thing im loka­len Netz direkt zwi­schen den Gerä­ten). Bin inzwi­schen am Über­le­gen, ob ich Next­cloud nicht auf­ge­ben und auch auf spe­zi­lai­sier­te­re Diens­te wechs­le (z.B. Bai­kal und Seafile)
  2. Word­Press für das Blog hier und eini­ge Neben­pro­jek­te. Eigent­lich will ich das auch auf­ge­ben und migrie­ren, vor­zugs­wei­se zu einem Sta­tic-File-Gene­ra­tor wie Hugo, das liegt im Moment aber auf Halde.
  3. Snap­py­mail als schö­nes Web­mail-Front­end für mei­ne diver­sen E‑Mail-Kon­ten.
  4. Fire­fly-III als Buch­hal­tung, bis­her und momen­tan nur sehr rudi­men­tär genutzt.
  5. Kimai als Zeit­er­fas­sungs­tool, nur fall­wei­se für Pro­jek­te und ähn­li­ches genutzt

Ich bin gera­de noch am Über­le­gen, eine Fedi­ver­se-Instanz für mich selbst zu hos­ten (z.B. GoTo­So­cial). Da bin ich aber noch nicht ganz mit mir selbst im Rei­nen, ob das den Auf­wand wert ist …

Dinge

Beitrag oben halten

„Wir suchen über­all das Unbe­ding­te, und fin­den immer nur Dinge.“
—Nova­lis, Blüt­hen­staub (1798), § 1

The day the music died

Pflicht­hör­pro­gramm für den 3. Febru­ar:

Don McLean – Ame­ri­can Pie

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

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