Die Konkurrenz ist nicht gerade klein. Landauf, landab steht es momentan auf dem Programm, die CD-Regale quillen über von Einspielungen. Und doch wagt es der Michelstädter Dekanatskirchenmusiker Hans-Joachim Dumeier, „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms aufzuführen. Das ist nie ein leichtes Unterfangen. Denn nicht nur ist diese Trauermusik ausgesprochen bekannt, sondern auch noch dazu recht schwierig – für Chor und Orchester genauso wie für die beiden Solisten. Deshalb haben sich in der Michelstädter katholischen Kirche die Kantoreien aus den beiden Dekanaten Odenwald und Reinheim zu einem großen Konzertchor zusammengetan, um das Großwerk gemeinsam zu stemmen. Und sie haben noch die Heidelberger Kurpfalzphilharmonie gemietet sowie zwei Solisten engagiert. Die Stimmung am Totensonntag ist entsprechend angespannt und erwartungsvoll: Schon früh sind die Bänke der katholischen Kirche St. Sebastian voll besetzt.
Und dann geht es endlich los: Die großartigen ersten Takte des deutschen Requiems erklingen, mit den tiefen Streichern schleicht sich Dumeier ganz sacht und flexibel hinein in die Welt des deutschen Requiems, in das Gebiet der Trauer, in den Bereich von Tod und ewigen Leben. Ein gemächliches Tempo schlägt er an. Und formt den ersten Satz damit zu einer Musik von großer Ruhe und Kraft. Mit Hingabe kostet er gemeinsam mit den Choristen jeden Takt voll aus – und darüber kann es auch schon mal passieren, dass er den Überblick ein kleines bisschen zu verlieren scheint.Das ist allerdings weit weniger störend als die mangelnde Sorgfalt und das holzschnittartige Gedudel des Orchesters, das sich an diesem Tag wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Der zweite Satz erfüllt die immanente Gänsehaut-Garantie wiederum ganz problemlos. Nur schade, dass die Kurpfalzphilharmonie den Anfeuerungen Dumeiers wieder kaum folgen mag. Der gab hier nämlich alles: Mit Faustschlägen, Stößen, und Haken malt, zeichnet und formt er seine Klangvorstellung in die Luft. Und der Chor folgt ihm dabei wunderbar: Herrliche Kontraste und kräftige Impulse verbinden sich zu wunderbar geformten großen Bögen und schwingen breit im schönen Abschluss aus: Eine Musik voller Gewissheit einer Zeit der Erlösung von Leid und Schmerz.
Auch weiterhin ist es vor allem der Chor, der die besonderen Akzente setzt. Die beiden Solisten kamen da nicht so recht heran: Peter Arestov sang ausgesprochen pathetaisch-theatralisch – aber nie so beseelt und begeistert wie die Amateure. Und die etwas angestrengt-schrille Stimme der Sopranistin Sigrun Haaser war nicht nur kaum zu verstehen, sondern auch recht eindimensional in der Klanggestaltung.
Solche Probleme hatte der Chor überhaupt nicht. Die Sorgfalt der Erarbeitung, die viele Probenzeit, die ein solches Großprojekt erfordert, wurden von den Sängerinnen und Sängern immer wieder nicht nur in sorgfältige Klänge, sondern vor allem in engagierten Ausdruck umgesetzt. Bestes Beispiel dafür: Der hochdramatisch angelegte sechste Satz mit den großartigen Chorpassagen, die hier schon fast höhnisch fragen: „Tod, wo ist dein Stachel?“. Das ist ohne Zweifel der absolute Kulminationspunkt an diesem Sonntagnachmittag: Die ungebrochene Gewissheit, dass der Tod keineswegs das letzte Wort haben wird.
(so stand es am 27.11.2007 im odenwälder echo und hat einige reaktionen hervorgerufen, zu denen ich mich hier im blog noch einmal geäußert habe)

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