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Schlagwort: klassik Seite 9 von 11

mal wieder ein sinfoniekonzert

dies­mal darf im main­zer thea­ter der kapell­meis­ter ran – und er macht sei­ne sache nicht schlecht, bei einem ziem­lich anspruchs­vol­len programm…

das träu­men ist das vor­recht der jugend. kein wun­der also, das beim zwei­ten sin­fo­nie­kon­zert, das aus­drück­lich den jugend­li­chen kom­po­nis­ten gewid­met war, ganz viel ver­träum­te roman­tik zu hören war – aus dem 19., dem 20. und dem 21. jahr­hun­dert. im mit­tel­punkt dabei: zwei orches­ter­wer­ke von anno schrei­er, des­sen oper „kein ort. nir­gends“ gera­de im klei­nen haus auf dem spiel­plan steht. und die ver­ra­ten schon in den titeln ihre nähe zu den ideen der roman­tik: nacht­stück heißt das eine, frag­men­te ist das ande­re überschrieben.
schrei­ers orches­ter­stü­cke sind eine art von musik, die alles auf ein­mal sein will und des­halb kaum eine chan­ce hat, irgend­et­was bestimm­tes tat­säch­lich zu sein. das rie­si­ge orches­ter beherrscht er sou­ve­rän, ver­an­stal­tet mit ihm ein ent­spre­chen­des getüm­mel und zuwei­len recht auf­dring­li­ches klang­li­ches gewu­sel: fes­te zustän­de gibt es hier nie, selbst das sowie­so stän­dig sich ver­än­dern­de klang­ge­sche­hen wird immer wie­der unter­bro­chen und mit einer art kom­men­tar ver­se­hen – sehr gekonnt, aber irgend­wie auch unge­heu­er ziel­los und belie­big beim ers­ten hören. ganz ähn­lich erschei­nen die vier frag­men­te, die in mainz in ihrer revi­dier­ten fas­sung zum ers­ten mal erklan­gen. die sind so sehr voll­ge­stopft mit moti­vi­schen und sti­lis­ti­schen zita­ten und anklän­gen, dass es ihnen nur sel­ten gelingt, einen eige­nen ton­fall zu ent­wi­ckeln. tho­mas dorsch schaff­te es immer­hin, die­se mischung aus kra­chen­der gro­tes­ke und gefüh­li­ger see­len­schau sehr plas­tisch und mit groß­zü­gig dimen­sio­nier­tem kraft­ein­satz auch sehr packend zu gestalten.
als zuver­läs­si­ger klang­ver­wal­ter trat er auch mit hans wer­ner hen­zes „la sel­va incan­ta­ta“ auf: prä­zi­se misch­te er hier die mat­ten strei­ch­er­klän­ge mit den beein­dru­cken holz­blä­sern, ver­bin­det schwe­re­lo­se träu­me und gewich­ti­ge ernst­haf­tig­keit in sehr kla­ren, über­sicht­li­chen abläu­fen. aber er konn­te noch mehr. bei men­dels­sohn-bar­thol­dys ers­ter sin­fo­nie, auch ein ech­tes jugend­werk des zwan­zig­jäh­ri­gen kom­po­nis­ten, griff er näm­lich noch ein­mal ganz tief in die trick­kis­te. im ver­gleich zu dem bro­deln­den feu­er­topf, des­sen deckel er im ers­ten satz mit gro­ßer ges­te bei­sei­te schleu­der­te und die gan­ze gewalt der grim­mi­gen atta­cke auf das publi­kum los lies, war der rest des kon­zer­tes auf ein­mal nur noch vor­ge­plän­kel. und er konn­te die­sen ein­druck auch wei­ter­hin behaup­ten: geschmei­dig zele­brier­te er den zwei­ten satz, blieb auch im scher­zo ein uner­müd­lich wir­bel­wind, der das orches­ter immer wie­der an die gren­zen trieb und pfef­fer­te das fina­le so sehr mit lei­den­schaft, dass die musi­ker noch ein­mal wirk­lich auf­blüh­ten und ech­te klas­se zeigten.

Der Erlöser und Erretter ist da – Messias in der Christuskirche

also, ich hal­te davon ja nicht so viel, jetzt auch noch die gan­zen bear­bei­tun­gen gezielt auf­zu­füh­ren, als eigen­stän­di­ge kunst­wer­ke sozu­sa­gen. zumal ich mozarts ver­si­on weder not­wen­dig noch – aus heu­ti­ger zuhö­rer­sicht, mit den mög­lich­kei­ten und erfol­gen (–> paul mccree­shs her­aus­ra­gen­de ein­spie­lung bei der archiv-pro­duk­ti­on etwa!) im ohr und kopf, – für gelun­gen erach­te – aus der heu­ti­gen sicht, wohl­ge­merkt und betont. denn zu mozarts zei­ten mag das durch­aus ein ehren­wer­ter ver­such gewe­sen sein, zumal er ja in die makro­struk­tur erfreu­lich wenig ein­ge­grif­fen hat. aber das völ­lig neue orches­ter, die umin­stru­men­tie­run­gen und neu­en stim­men, ändern doch (fast) alles. der bach­chor macht sei­ne sache trotz­dem wun­der­bar, auch wenn ich mich wie so oft für den mes­si­as die­ses mal wie­der nicht unbe­dingt begeis­tern kann – das schaff­te bis­her nur mccree­sh. ok, soviel zum auf­wär­men, jetzt geht es zur sache:

gewöhn­lich wird der „mes­si­as“ von hän­del im advent oder even­tu­ell noch vor den oster­fei­er­ta­gen musi­ziert. ihn am tag der deut­schen ein­heit aufs pro­gramm zu set­zen, führt des­halb zu eini­gen unge­wohn­ten asso­zia­tio­nen. aber es gibt ja jetzt auch schon leb­ku­chen, weih­nach­ten kann also nicht mehr weit sein. ralf otto lässt sich von sol­chen äußer­lich­kei­ten sowie­so nicht beson­ders beein­dru­cken. und gera­de beim „mes­si­as“, den er für das dies­jäh­ri­ge kon­zert des bach­chors am deut­schen natio­nal­fei­er­tag aus­wähl­te, hat er damit ganz beson­ders recht. denn hän­dels ora­to­ri­um ist ja über­haupt kei­ne kir­chen­mu­sik und außer­dem der­ma­ßen abs­trakt und – zumin­dest was den text angeht – so undra­ma­tisch, dass man es für fast jeden anlass nut­zen kann. zumal in der chris­tus­kir­che gar nicht der ori­gi­na­le mes­si­as – von dem es ja auch schon mehr als genü­gend ver­sio­nen gibt – zu hören war, son­dern die von mozart ange­fer­tig­te bear­bei­tung: das ist his­to­ri­sche auf­füh­rungs­pra­xis auf meta-ebe­ne. die­se fas­sung hat aber jeden­falls den vor­teil, dass sie immer schon deutsch ist.

sie klingt dann auch gleich von beginn an völ­lig anders. das liegt vor allem an der geän­der­ten orches­trie­rung, hier hat mozart am stärks­ten ein­ge­grif­fen und ergänzt. in der chris­tus­kir­che ist tat­säch­lich auch ein kom­plet­tes moder­nes sin­fo­nie­or­ches­ter, die staats­phil­har­mo­nie rhein­land-pfalz, am werk – und gar nicht so schlecht. davor ste­hen natür­lich die vier obli­ga­to­ri­schen solis­ten: tenor dani­el sans bleibt in jeder sekun­de sou­ve­rän, die mez­zo­so­pra­nis­tin ger­hild rom­ber­ger, die die­ses mal aller­dings etwas farb­los blieb, lässt sich genau­so wenig aus der ruhe brin­gen wie die bieg­sa­me stim­me der sopra­nis­tin moni­ka mauch. so rich­tig umwer­fend war von den solis­ten allein der bass: aus­ge­rech­net klaus mer­tens, der eigent­lich nur eine recht beschei­de­ne rol­le hat, über­zeug­te mit aus­neh­mend prä­zi­ser und fes­seln­der dar­bie­tung beson­ders. denn damit lag er voll auf der linie von ralf otto. der heiz­te wie­der ein­mal kräf­tig ein: star­ke akzen­te for­der­te er, bau­te die chö­re wun­der­bar zur erha­be­nen grö­ße auf und ent­liess doch das ein­zel­ne wort nie aus sei­ner ver­ant­wor­tung. mit jedem schub­ser, den er sei­nen musi­kern ver­ab­reich­te, setz­te er einen wei­te­ren bau­stein in die sorg­fäl­tig geplan­te archi­tek­tur des klang­doms von hän­del und mozart, hiev­te mäch­ti­ge bro­cken mit viel kraft genau­so sicher an ihren platz wie er feins­te zise­lie­run­gen her­aus­ar­bei­te­te. kunst und dra­ma, hand­werk und inspi­ra­ti­on gin­gen so eine frucht­ba­re ver­bin­dung ein –- egal, ob jetzt gera­de weih­nach­ten, ostern oder der tag der deut­schen ein­heit ist.

schon wieder mozart: notturni und divertimenti

das ist aber, wenn es schon immer mozart sein muss, wenigs­tens ein­mal etwas, was sonst nicht zu fin­den ist: die not­tur­ni für drei sing­stim­men und drei bas­set­hör­ner. ulf roden­häu­ser hat damit wie­der ein­mal ein typi­sches vil­la-musi­ca-pro­gramm gestrickt: klug und schön gleichermaßen…

nachts ist alles anders. was sonst ver­schie­den ist, erscheint nun plötz­lich gleich: die kat­zen sind alle grau. das ist ein per­fek­tes umfeld für mozarts not­tur­ni und die kat­zen­wie­gen­lie­der von igor stra­win­sky. in der vil­la musi­ca war es aller­dings noch hel­ler nach­mit­tag, als die stu­den­ten – sti­pen­dia­ten der vil­la und teil­neh­mer der sin­ging-sum­mer-kur­se – die büh­ne betra­ten. aber hin­der­nis war das kei­nes, sie kön­nen es trotz­dem errei­chen, das klas­sen­ziel – die ver­schmel­zung von mensch­li­cher stim­me und instru­men­ten der kla­ri­net­ten­fa­mi­lie zu einem klang.

die kla­ri­net­te, vor allem aber die bas­sett­hör­ner, ihre tie­fe­ren ver­wand­ten, die man in frei­er wild­bahn kaum mehr antrifft , war schon zu mozarts zei­ten ein scheu­es tier. der hat sie aber trotz­dem geliebt und ihnen nicht nur instru­men­ta­les wie die diver­ti­men­ti kv 439b geschrie­ben, er hat sie auch mit leib­haf­ti­gen sän­gern zusam­men gebracht. schon zu sei­ner zeit sag­te man die­sen blas­in­stru­men­ten beson­de­re nähe zur gesangs­stim­me nach. und genau das war auch in der vil­la musi­ca zu beob­ach­ten: die jun­gen stu­den­ten bemüh­ten sich unter der lei­tung ihrer dozen­ten, ulf roden­häu­ser für die musi­ker und clau­dia eder für die sän­ger, aus­ser­or­den­lich um das mischen der klang­far­ben. und in den sechs minia­tur­dra­men der not­tur­ni, den aufs höchs­te ein­ge­dampf­ten opern­sze­nen, gelang ihnen nicht nur das, sie bewahr­ten sich und ihrem publi­kum aus­ser­dem auch noch ein ganz kla­res klang­bild, dass es den sän­gern leicht mach­te und neben­bei für die zuhö­rer die text­hef­te auch noch über­flüs­sig machte.

auch ohne die sän­ger zeig­ten die kla­ri­net­tis­ten, dass man auch ohne sen­ti­men­ta­len kitsch emo­tio­na­le musik machen kann: mit ver­stand und kön­nen nut­zen sie die rei­chen mög­lich­kei­ten, blei­ben dabei immer gelas­sen und ohne auf­re­gung: so wünscht man sich den mozart: zart anschmieg­sa­mer wohl­klang mit rück­grat sozu­sa­gen, beson­ders berüh­rend aus­ge­führt im ada­gio kv 580a. stra­win­skys kat­zen­wie­gen­lie­der sind genau­so kurz, vor allem aber sehr humor­voll – und das geniesst die mez­zo­so­pra­nis­tis regi­na pät­zer sichtlich.

damit es nicht bei den klei­nig­kei­ten aus der nacht blieb, stand auch noch jens-peter osten­dorfs „1791“ auf dem pro­gramm, eine hom­mage an mozart aus anlass des letz­ten jubi­lä­ums, vor allem aber ein zeug­nis des spie­le­ri­schen umgangs mit klang­ma­te­ria­len aus der musik­ge­schich­te, mit viel­fach gebro­che­nen und reflek­tier­ten motiv­tei­len, die mit gros­sen effek­ten den anspruch auf gross­ar­tig­keit erhe­ben. und die in ermü­den­der aus­führ­lich­keit bis zum ver­stum­mend er musik füh­ren – was roden­häu­ser aber nie dar­an hin­dert, sei­ne schü­ler immer wie­der neu zu gröss­ter musi­ka­li­scher exakt­heit anzutreiben.

kurz zusam­men­ge­fasst: gut erklärt (viel­leicht ein wenig anspruchs­voll und viel, aber immer­hin…), schlecht gespielt. das orches­ter ist offen­bar noch mit­ten im urlaub…

kon­zen­tra­ti­on auf das wesent­li­che ist ange­sagt: eine sin­fo­nie – sonst nichts stand auf dem pro­gramm­zet­tel für das ers­te kon­zert für jun­ge leu­te die­ser spiel­zeit im staats­thea­ter. dafür war es aber auch nicht irgend­ei­ne sin­fo­nie: beet­ho­vens fünf­te, eines der berühm­tes­ten und bekann­tes­ten exem­pla­re die­ser gat­tung hat­te sich die diri­gen­tin cathe­ri­ne rück­wardt aus­ge­sucht, um der jugend mal zu zei­gen, wie das funk­tio­niert. und wo die vier berühm­tes­ten töne der musik­ge­schich­te her­kom­men, was sie für ein gewal­ti­ges werk in gang setzen.

denn die fünf­te ist und bleibt ein mords­bro­cken, der nor­ma­ler­wei­se recht schwer ver­dau­lich ist. aber rück­wardt mach­te ihren fans im thea­ter die sache ein gutes stück leich­ter: sie zer­glie­der­te die form, trö­sel­te the­men und moti­ve auf, zer­leg­te die sät­ze in klei­ne bruch­stü­cke und lau­ter schöns­te, bes­te, groß­ar­tigs­te stel­len. sie zeig­te beet­ho­vens genia­li­tät bei der ent­wick­lung und ver­ar­bei­tung von mini­mal­mo­ti­ven, erklär­te den „längs­ten schluss­ak­kord aller zei­ten“ und ließ das orches­ter zur demons­tra­ti­on der sin­gu­la­ri­tät der beet­ho­ven­schen sin­fo­nik auch mal schnell einen hal­ben satz mozart spie­len. denn zwei sachen nahm sie ganz beson­ders wich­tig: den form­auf­bau und die dra­ma­tur­gie die­ser sin­fo­nie. nur auf das gebiet der deu­tung wag­te sie sich kaum vor. das ist ja auch das gute recht der prak­ti­ker, die genau das in tönen­der wei­se, in der voll­stän­di­gen auf­füh­rung der sin­fo­nie, erledigt.

aber ganz ehr­lich, die leis­tun­gen des orches­ters bei den klang­bei­spie­len lie­ßen wenig gutes hof­fen. und so kam es dann auch tat­säch­lich: die som­mer­pau­se – die fünf­te war ihr ers­tes kon­zert in die­ser sai­son – scheint den musi­kern noch sehr in den kno­chen zu ste­cken. schon lan­ge hat das phil­har­mo­ni­sche orches­ter nicht mehr so unkor­di­niert, so grob und unge­nau gespielt. vom main­zer klang, der sich in den letz­ten jah­ren gera­de anfing zu ent­fal­ten, waren da nur noch rui­nen übrig. hof­fent­lich ändert sich das schnell wieder.

rück­wardt bemüht sich zwar sehr, aus dem klang­mas­sen ein gro­ßes dra­ma zu for­men. und die musi­ker las­sen sich offen­bar so sehr mit­rei­ßen, dass sie sich schon das eine oder ande­re mal gehen las­sen. die gro­ßen zusam­men­hän­ge, die dra­ma­tur­gie der kom­plet­ten sin­fo­nie wer­den so immer­hin recht deut­lich. aber dafür müs­sen eben alle klang­li­chen fines­sen, alle dif­fi­zi­len fein­hei­ten und hin­ter­sin­ni­gen ent­wick­lun­gen geop­fert wer­den. die paar weni­gen lich­ten momen­te, vor allem in den eck­sät­zen, rei­chen da ein­fach nicht aus: freu­de macht das so nicht.

auch das rheingau musik festival hat mal wieder ein ende gefunden

und zwar mit mozarts gro­ßer c‑moll-mes­se. dum­mer­wei­se (muss man echt fast sagen) habe ich die letz­te woche aber gera­de ganz fan­tas­tisch in mainz gehört. da konn­te die all­zweck­waf­fe hel­muth ril­ling im klos­ter eber­bach lei­der nicht ganz mit­hal­ten – vor allem, weil sei­ne musi­ker, ins­be­son­der der chor, nicht auf dem sel­ben niveau ange­sie­delt waren. dafür war der bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter da…

hoch hin­aus woll­ten sie: zum abschluss­kon­zert hat das rhein­gau musik fes­ti­val im klos­ter eber­bach noch ein­mal eine enor­me tri­bü­ne für den chor auf­ge­baut. gehol­fen hat es aber nicht viel. um es gleich zu sagen, mozarts c‑moll-mes­se war an die­sem abend kaum mehr als soli­des kunst­hand­werk. das ist nichts schlech­tes, aber auch nicht beson­ders aufregend.

dabei war es eigent­lich eine viel­ver­spre­chen­de kon­stel­la­ti­on. schließ­lich war hel­muth ril­ling der auf­trag­ge­ber die­ser mes­se. denn mozart selbst, der sie übri­gens ganz aus­nahms­wei­se ohne expli­zi­ten auf­trag plan­te und begann, hat sie wohl nie fer­tig kom­po­niert. aber es gibt ja robert d. levin, pia­nist und mozart-spe­zia­list, der schon des meis­ters requi­em mit einer vor­treff­li­chen ergän­zung ver­arz­tet hat. und der eben letz­tes jahr für hel­muth ril­ling die c‑moll-mes­se kv 427 zu ende geschrie­ben hat. bemer­kens­wert dar­an ist, wie gut sich sei­ne arbeit – die sich nur zum klei­nen teil auf skiz­zen stüt­zen kann – in den rest inte­griert. aber aus­ge­rech­net ril­ling lässt an die­sem abend viel von dem poten­zi­al, dass die mischung aus mozart und levin bie­tet, unge­nutzt. viel­leicht liegt’s ja dar­an, dass er aus­wen­dig diri­giert – aber eine gan­ze men­ge bleibt unge­mein pau­schal und ober­fläch­lich. das kyrie etwa ist vor allem stei­fe rou­ti­ne bar jeder span­nung, ohne die andeu­tung eines geheim­nis­ses. und gera­de davon bie­tet die­ses mes­se unge­heu­er viel – man muss es nur ent­de­cken und zum leben erwe­cken. aber dafür schei­nen sich weder das durch­ge­hend wuch­ti­ge orches­ter und der oft genug unfle­xi­bel har­te, nicht beson­ders durch­set­zungs­fä­hi­ge chor (bei­de vom fes­ti­val des euro­päi­schen musik­fests stutt­gart in den rhein­gau gekom­men) begeis­tern zu können.

erst ab dem glo­ria taucht dann, vor allem in den letz­ten chö­ren und dem quo­niam-ter­zett, ech­ter und inni­ger aus­druck immer häu­fi­ger auf. und wenn man mal vom etwas lust­lo­sen, trä­gen cre­do absieht, wird es mit fort­schrei­ten­der dau­er immer bes­ser. das sanc­tus ist ein rich­tig kräf­ti­ges, tat­säch­lich erfüll­tes stück musik. und im bene­dic­tus dür­fen die solis­ten noch ein­mal um die wet­te sin­gen. die sopra­nis­tin ruth zie­sak, stel­len­wei­se beängs­ti­gend unsi­cher, mach­te aus­ge­rech­net hier aller­d­ins kei­ne beson­ders gute figur. simo­na hou­da-satur­o­vá blieb zwar etwas unschein­bar, aber soli­de. ganz ähn­lich lie­ßen sich die män­ner hören: sowohl tenor cor­by welch als auch bass mar­kus mar­quardt bemüh­ten sich, mög­lichst wenig auf­zu­fal­len. doch in den letz­ten momen­ten, im agnus dei, kam dann tat­säch­lich bei allen doch noch das feu­er zum vor­schein, das den ers­ten tei­len so sehr gefehlt hat: der vol­le ein­satz aller keh­len und see­len, der die­se mes­se erst zu einem ereig­nis wer­den lässt.

piazzolla tanzt, mozart schaut zu

so, noch ein­mal nach­rich­ten vom main­zer musik­som­mer. dies­mal habe ich das ma’a­lot-quin­tett erwischt, im wei­her­gar­ten, gespielt wur­de die selt­sa­me kom­bi­na­ti­on von piaz­zolla und mozart, die total blöd­sin­nig neben­ein­an­der stan­den und sich bloß anschwie­gen… viel mehr gibt’s eigent­lich nicht sagen – außer das die bestuh­lung im wei­her­gar­ten nicht gera­de sehr bequem ist.. und das publi­kum dies­mal ziem­lich trä­ge war…

also, so hat’s die rhein-zei­tung bekommen:

die frä­cke waren eigent­lich über­flüs­sig: die wah­re kul­tur zeigt sich schließ­lich im klang und nicht in der klei­dung. und sie pass­ten auch nicht so recht ins gemüt­li­che ambi­en­te des wei­her­gar­ten. vor allem aber ging die dienst­klei­dung des ma’alot-quintetts (zumin­dest ihrer vier män­ner) nicht so recht mit der musik zusam­men, die sie am meis­ten spiel­ten. denn astor piaz­zoll­as wer­ke sind nie nur rei­ne kon­zert­saal­mu­si­ken, son­dern immer auch noch unterhaltung.

das liegt natür­lich am tan­go, von dem (fast) jeder note aus sei­ner hand beseelt ist. zwar wür­de es wohl schwer­fal­len, zu sei­nem tan­go nue­vo einen klas­si­schen paar­tanz aufs par­kett zu legen, aber ganz lässt piaz­zolla sei­ne her­kunft nie los. bes­tes bei­spiel dafür ist wohl die „his­toire du tan­go“, eine vier­sät­zi­ge suite, die genau das tut, was ihr titel ver­spricht: eine geschich­te der tan­go­mu­sik in klin­gen­den bei­spie­len zu schrei­ben. der kla­ri­net­tist des ma’alot-quintetts, ulf-gui­do schä­fer, hat das für sein ensem­ble zurecht­ge­rückt. und die fün­fe brin­gen mit die­ser musik sogar die stuhl­bei­ne zum tan­zen. das ist näm­lich genau das, was der gemei­ne mit­tel­eu­ro­päi­sche kon­zert­be­su­cher mit dem tan­go ver­knüpft: lei­den­schaft pur. und das ma’alot-quintett zeigt wun­der­bar die ent­wick­lung von der nacht­mu­sik in den kon­zert­saal, vom anrü­chi­gen tanz zur hochkultur.

fast eben­so erfolg­reich nahm sich das blä­ser­quin­tett des „tan­go bal­lets“ von piaz­zolla an. immer wie­der wech­sel­ten sie ganz non­cha­lant und bei­läu­fig vom flö­ten­den froh­sinn zur besinn­li­chen nach­denk­lich­keit und der gedan­ken­ver­lo­ren melan­cho­lie. so kam nie lang­wei­le auf. geschlos­se­ner blieb das ensem­ble bei den „estacio­nes por­tenas“, der argen­ti­ni­schen ver­si­on von vival­dis „vier jah­res­zei­ten“. hier­bei fiel die para­do­xe mischung des ma’alot-quintetts viel­leicht am deut­lichs­ten auf: da ver­su­chen sich fünf musi­ker in einer klas­si­schen beset­zung der euro­päi­schen kunst­mu­sik an mehr oder min­der ech­ter süd­ame­ri­ka­ni­schen folk­lo­re. und es funk­tio­niert erstaun­lich gut. viel­leicht ist es ein wenig zu gut, zu schön – aber das stört ja kaum.

ganz umsonst hat sich das ma’alot-quintett übrin­gens doch nicht in die frä­cke gewor­fen: für mozart gehört sich das immer noch. und weil eben mozart­jahr ist, darf auch mög­lichst kein kon­zert ohne den jubi­lar vor­über­ge­hen. auch wenn es über­haupt nicht ins pro­gramm passt. die har­mo­nie­mu­sik zu „così fan tut­te“ und das andan­te für eine orgel­wal­ze, die ulf-gui­do schä­fer für sein ensem­ble bear­bei­tet hat, sind zwar auch schö­ne musik und die fünf blä­ser spie­len auch frisch und fröh­lich drauf los – aber das ist im wei­her­gar­ten, umge­ben von piaz­zoll­as musik, weder beson­ders pas­send noch beson­ders spannend.

natur und kunst

die bei­den kom­men ja ab und an mit­ein­an­der in berüh­rung, meist aller­dings nur in einer rich­tung, um die es hier jetzt auch geht: ein net­tes klei­nes kon­zert loka­ler kräf­te im gon­sen­hei­mer rat­haus, das um das the­ma „natur­ver­to­nun­gen“ kreist – mit hef­ti­gem hin- und her-sprin­gen zwi­schen den sti­len und jahr­hun­der­ten (ein bei­trag zur tat­säch­lich statt­fin­den­den berüh­rung in umge­kehr­ter rich­tung, also kul­tur in der natur, fin­det sich etwa hier.) so, genug der vor­re­de, jetzt der eigent­lich text:

rau­schen­de flüs­se, spru­deln­de quel­len, wogen­de wäl­der – fer­tig ist die natur. viel mehr bekommt die musik näm­lich nicht von ihr mit, wären da nicht nur die vogel­stim­men. aber die sind ja immer schon mehr oder weni­ger musik gewe­sen. und obwohl sich die natur in der rea­li­tät noch ein wenig viel­fäl­tig prä­sen­tiert, die mög­lich­kei­ten sind auch so für die musik schon uner­gründ­lich. ein paar, ganz weni­ge eigent­lich, die­ses ein­drin­gens der natur in die akus­ti­sche kunst waren jetzt im gon­sen­hei­mer rat­haus zu hören. die drei musi­ke­rin­nen des duo flau­tia­no machen das mit einem rund­um­schlag: aus barock, roman­tik und gegen­wart haben sie der kam­mer­mu­sik ein paar stich­pro­ben zum the­ma „wind, wald und was­ser“ entnommen.

nicht feh­len darf bei einem sol­chen the­ma natür­lich oli­vi­er mes­siaen, der meis­ter der inte­gra­ti­on von vogel­stim­men in die kom­po­nier­te musik. von ihm haben sich die pia­nis­tin ange­li­ka raff und ihre part­ne­rin, die flö­tis­tin susan­ne gimm, sein ers­tes werk, in dem er sich ganz dem klang eines vogels ver­schreibt, aus­ge­sucht: „le mer­le noir“, die schwa­re amsel. damit kön­nen die bei­den zuge­lich zei­gen, wie gut sie auf­ein­an­der abge­stimmt sind: im stän­di­gen auf und ab, in den viel­fäl­ti­gen stim­mun­gen des kur­zen stücks bil­det das duo eine geschlos­se­ne ein­heit, das den unzäh­li­gen details, den natur­nach­ah­mun­gen und atmo­sphä­ri­schen ein­drü­cken ihren raum lässt.

vor der roman­tik rausch­te und plät­scher­te es in der musik eher sel­ten. hän­dels „neun deut­sche ari­en“ bie­ten immer­hin zwei bei­spie­le: regi­na dah­len singt mit wohl­do­sier­ter kraft und kla­rer arti­ku­la­ti­on vom zit­tern­den glän­zen der spie­len­den wel­len, von der herr­lich­keit der natur. aber erst die roman­tik ist die hoch­zeit der ver­mäh­lung von natur und kunst: ob in lie­dern oder sona­ten – ganz ohne geht es nur noch sel­ten ab. carl reine­ckes „undi­ne“, eine pro­gram­ma­ti­sche sona­te für flö­te und kla­vier, erfor­dert zwar eher groß­zü­gi­ges asso­zi­ie­ren, um die natur in der musik zu erken­nen. aber sie brei­tet ein wun­der­ba­res pan­oram aus – mit klei­nig­kei­ten geben die musi­ke­rin­nen sich hier nicht ab. immer haben sie gro­ße zusam­men­hän­ge im blick, stets bleibt alles im fluss, beharr­lich fol­gen sie den wel­len­be­we­gun­gen des emo­tio­na­len erle­bens, das erst in der besinn­li­chen ver­söh­nung des schlus­ses sei­ne erfül­lung findet.

gut, das war der also offi­zi­el­le text­teil. nicht mehr hin­ein­ge­passt hat v.a. sofia gubai­du­li­nas „klän­ge des wal­des“. obwohl das auch mal wie­der ganz schön zu hören war. natür­lich auch hier wie­der die obli­ga­ten vogel­stim­men (was wäre ein wald ohne die gefie­der­ten vie­cher), aber vor allem ein sehr atmo­sphä­ri­sches stim­mungs­bild, noch bei­na­he (naja, viel­leicht doch nicht so bei­na­he) roman­ti­sches stück musik. wobei die grund­hal­tung, das emo­tio­na­le emp­fan­gen und (hör-)bildliche wie­der­ge­ben die­ser stim­mung in der musik eben doch ziem­lich von der roman­ti­schen ästhe­tik bestimmt ist. jeden­falls sehr schö­ne, plas­ti­sche momen­te – vor dem inne­ren auge tau­chen ein­sa­me, unbe­rühr­te, leicht ver­wil­der­te mär­chen­wäl­der auf, sanf­te nebel­schwa­den, hier und da blitzt immer wie­der ein ein­sa­mer son­nen­strahl durch das dach der grü­nen wüs­te, ansons­ten eher gedämpf­tes licht etc. usw. – also irgend­wie eben die typi­schen emp­fin­dun­gen der roman­ti­ker – oder die ent­spre­chen­den klischees.

mozart, nichts als mozart

nun gut, es gibt schlim­me­res ;-) aber beson­ders begeis­tert bin ich von sol­chen pro­gram­men nun mal nicht… aber nett war’s trotz­dem, nur nicht beson­ders auf­re­gend oder gar inno­va­tiv bzw. indi­vi­du­ell, d.h. ein­ma­lig – das pro­gramm hät­ten die betei­lig­ten wahr­schein­lich an jedem abend an jedem ort genau so auch gespielt (und haben es wahr­schein­lich auch schon…)

ok, jetzt der offi­zi­el­le text:

zu mozarts zei­ten hät­te es das nicht gege­ben: ein kon­zert nur mit jahr­hun­der­te­al­ter musik. heu­te dage­gen wird gera­de so mozart gefei­ert. aber meist sind es immer­hin spe­zia­lis­ten, die so etwas tun. etwa die eng­lish baro­que soloists beim rhein­gau musik fes­ti­val. zusam­men mit dem pia­nis­ten robert levin und der mez­zo­so­pra­nis­tin ber­nar­da fink hat john eli­ot gar­di­ner im wies­ba­de­ner kur­haus einen gan­zen abend nur mozart gespielt. aber immer­hin ein bun­tes pro­gramm: ein kla­vier­kon­zert, eine sin­fo­nie, zwei ari­en (mit der grund­so­li­den ber­nar­da fink) und noch ein kon­zert­satz für vio­li­ne und klavier.

gar­di­ner ist dafür zwar in mön­chi­sches schwarz gehüllt. aber er diri­giert eher wie ein gue­ril­la­kämp­fer. mit einem fast unheim­li­chen biss packt er jede note fest am kra­gen und braust fast aggre­siv durch sein pro­gramm: lan­ge­wei­le und mit­tel­maß sind die fein­de, die es aus­zu­til­gen gilt. und er muss dabei auf nie­man­den rück­sicht neh­men, er kann den klang redu­zie­ren, bis fast nur noch struk­tu­ren zu hören sind sind und auch ganz schön grob drein­fah­ren – die baro­que soloists fol­gen ihm ohne zögern: das ist schon eine beein­dru­cken­de spiel­kul­tur. sei­ne inter­pre­ta­ti­ve leis­tung scheint sich aller­dings im inten­si­ven aus­brei­ten der extre­me in jeder musi­ka­li­schen dimen­si­on zu erschöp­fen: hohe tem­pi, gro­ße dyna­mik­un­ter­schie­de, hef­tigs­te beto­nung sor­gen in einem kos­mi­schen auf­ein­an­der­pral­len der kraft­fel­der für hef­ti­ge span­nung. so gibt gar­di­ner der musik ihre ecken und kan­ten zurück – das ist, auch wenn es nicht mehr ganz tau­frisch ist, immer noch erfrischend.

im pia­nis­ten robert levin hat er dafür einen pas­sen­den part­ner gefun­den. der geht zwar nicht ganz so rauh und kämp­fe­risch er an die solo­par­tie des c‑dur-kon­zer­tes, doch mit eben­bür­ti­ger ernst­haf­tig­keit. so bleibt das alles nicht nur aus­ge­gli­chen, son­dern auch zivi­li­siert. wie flink sei­ne fin­ger wirk­lich sind, bewies er nicht nur in der impro­vi­sier­ten kadenz, son­dern vor allem im kon­zert­satz für kla­vier, vio­li­ne und orches­ter. von mozart gibt es dazu zwar gera­de mal ein frag­ment des anfangs, aber levin hat dar­aus eini­ges gemacht. auf­fäl­lig ist vor allem die gro­ße rol­le des orches­ters: den solis­ten wird zwar eini­ges abge­for­dert – levin und kati debret­zeni bewei­sen mit blit­zend-per­len­den ton­kas­ka­den auch ihre behän­de leich­tig­keit – aber das ist mehr als eine rei­ne bra­vour­leis­tung, das ist erfül­len­de musik.

Mozarts Großtat – die unvollendete Messe

den bei­na­men „gro­ße mes­se“ hat sie zu recht, mozarts c‑moll-mes­se. fer­tig gewor­den ist mozart damit zwar nicht, aber was er geschrie­ben hat, ist schon groß­ar­ti­ge musik. und zum glück gibt es men­schen, die solch einen tor­so nicht in ruhe las­sen kön­nen. robert d. levin etwa hat, wie schon eini­ge vor ihm, eine kom­plet­te mes­se aus mozarts mate­ria­li­en gemacht – zum glück.

denn trotz der vie­len ein­drück­li­chen, nach­denk­lich-zör­gen­den momen­te ist sie im gan­zen unzwei­fel­bar eine mes­se des freu­di­gen beja­hens und der beglü­ckung. schließ­lich ist sie ja auch ganz ech­te beken­ner-musik: mozart hat sie ohne direk­ten auf­trag kom­po­niert, also wohl zumin­dest teil­wei­se aus einem reli­giö­sen und künst­le­ri­schen mit­tei­lungs­drang her­aus. und das hört man: da ist nichts blo­ßes hand­werk, da ist – auch in den ergän­zun­gen von levin übri­gens – immer die kraft des glau­bens spür­bar. einen gro­ßen teil der beglü­ckung des publi­kums hat beim main­zer musik­som­mer aber ralf otto über­nom­men. denn der diri­gent hat für die chris­tus­kir­che eine hoch­ka­rä­ti­ge beset­zung zusam­men­ge­stellt. der main­zer bach­chor singt wie­der ein­mal mit wun­der­bar wei­chem klang und nicht nur sehr ver­ständ­lich, son­dern auch begeis­ternd fle­xi­bel. gemein­sam mit der staats­phil­har­mo­nie lässt otto nicht nur die struk­tu­ren ganz klar her­vor­tre­ten, son­dern ver­leiht ihnen auch noch eine gehö­ri­ge por­ti­on emo­tio­na­ler kraft. dafür braucht man ihn nur anzu­se­hen: die­ser mann lebt die mes­se mit dem gan­zen kör­per, vom schei­tel bis zur schuh­soh­le bleibt nichts unbe­tei­ligt. alles an ihm tanzt und jubi­liert, lei­det und seufzt mit der musik, mit jeder ein­zel­nen note.

so eine enor­me begeis­te­rung über­trägt sich natür­lich auf die­je­ni­gen, die den von otto gewünsch­ten klang her­vor­brin­gen – das orches­ter, der chor und auch die solis­ten. denn auch die kön­nen mit den gran­dio­sen leis­tun­gen des bach­chors gut mit­hal­ten. vor allem die vir­tuo­se sopra­nis­tin hélè­ne guil­met­te und ger­hild rom­ber­gers glei­cher­ma­ßen war­mer und klar arti­ku­lier­ter alt bezeu­gen die hohe qua­li­tät die­ser auf­füh­rung. der bass klaus mer­tens darf aller­dings ers kurz vor schluss ein wenig mit­ma­chen. etwas mehr kann dani­el sans bei­tra­gen – wie stets ist auch er bes­tens in form.

letz­lich ist es aber eben immer wie­der ralf otto, der mozart mes­se wirk­lich groß macht: indem er die dra­ma­ti­schen monu­men­tal­klän­ge mit den innigs­ten emp­fin­dun­gen span­nungs­voll kon­tras­tiert und aus­ba­lan­ciert, schafft er eine musik, die auf­re­gen­de ver­dich­tung und ent­span­nung zugleich sein kann. denn die tie­fe viel­schich­tig­keit, die er den tönen­den struk­tu­ren ver­leiht, bezeugt den glau­bens mozarts auf ganz unmit­tel­ba­re und über­zeu­gen­de weise.

und der rest des kon­zer­tes war auch nicht ganz schlecht – obwohl ich mit dem gan­zen tan­go-kram ja nicht viel anfan­gen kann…

zum kern vor­drin­gen, das ist die vor­nehms­te auf­ga­be jedes künst­lers: zum inne­ren des wer­kes, der kunst über­haupt und des lebens sowie­so. und das ist eine intel­lek­tu­el­le, emo­tio­na­le und ästhe­ti­sche auf­ga­be, die vie­len inter­pre­ten erst nach lan­gen jah­ren der kunst­aus­übung – und des lebens – gelingt. aber aus­nah­men gibt es immer wie­der, manch­mal gelingt die expe­di­ti­on ins innen sogar jun­gen musi­kern. der gei­ger linus roth scheint zu die­ser aus­er­le­se­nen schar zu gehö­ren. denn beim main­zer musik­som­mer spiel­te er sich in die ers­te liga – mit schu­manns zwei­ter vio­lin­so­na­te op. 121. gemein­sam mit sei­nem pia­nis­ten josé gall­ar­do, der nie blo­ßer beglei­ter, son­dern immer ein fan­tas­tisch sen­si­bler part­ner war, gelang ihm hier das wah­re kunst­stück. schon mit den aller­ers­ten akkor­den, mit ihrer geball­ten kraft, ihrer auf­rütt­len­den klang­lich­keit und ihrer schar­fen prä­zi­si­on zeigt das duo, wie­viel anders die musik seit mozart gewor­den ist. damit hat­ten sie ihr kon­zert näm­lich begon­nen, mit des­sen b‑dur-sona­te für kla­vier und vio­li­ne kv 454 – ein soli­der auf­takt, dem aber ganz ein­deu­tig die inspi­ra­ti­on fehl­te, die ihre schu­mann-deu­tung so berau­schend inten­siv wer­den ließ. das beson­de­re war in die­sen augen­bli­cken nicht nur die klang­li­che inten­si­tät, die durch stän­di­ge balan­ce­ak­te per­fekt aus­ta­rier­te zusam­men­ar­beit. nein, was das wirk­lich groß­ar­tig mach­te, war die zwang­lo­se selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der bei ihnen schu­manns sona­te ihre form erhält: obwohl die tra­di­tio­nel­len satz­mus­ter durch­aus noch gel­ten, scheint es im schloss waldt­hau­sen so, als sei die musik hier schon auf dem weg zur frei­en form. und tat­säch­lich ist genau das ja auch das beson­de­re an die­ser sona­te: die auf­lö­sung von lan­ge geglaub­ten gewiss­hei­ten ins unsi­che­re, ins labi­le – bei schu­mann wird sich das in sei­ner psy­chi­schen erkran­kung noch ganz deut­lich mani­fes­tie­ren, dem rest der welt wird es erst eini­ge jahr­zehn­te spä­ter, zu zei­ten der moder­ne, so rich­tig klar wer­den. aber genau die­se per­spek­ti­ve, die sona­te als eine art vor­ah­nung der bedro­hun­gen der moder­ne für das auto­no­me sub­jekt zu sehen, macht roths und gall­ar­dos inter­pre­ta­ti­on so wertvoll.

die­sem gewal­ti­gen kraft­akt folg­te dann der unauf­halt­sa­me weg ins popu­lä­re, dem mau­rice ravel als brü­cken­glied dien­te: zunächst mit sei­ner „sona­te post­hu­me“, eigent­lich nur der ers­te satz einer sona­te, bei der sich die bei­den musi­ker etwas mehr trei­ben las­sen konn­ten, sich mehr der sinn­li­chen kraft der musik aus­lie­fern durf­ten. mit ravels fei­ner „piè­ce en for­me d’habanera“ stei­ger­ten sie die­ses moment noch, um es in astor pia­zoll­as „le grand tan­go“ gip­feln zu las­sen – und damit war in knapp zwei stun­den der weg von mozart bis zum argen­ti­ni­schen tan­go nue­vo bra­vou­rös gemeistert.

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