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Schlagwort: klassik Seite 8 von 11

immer wieder gut: kammermusik in der villa musica

das kon­zert hieß dies­mal „con flau­to“ und prä­sen­tier­te kun­ter­bun­te kam­mer­mu­sik aus euro­pa mit und ohne flö­te (genau, so deut­lich und zwin­gend war die pro­gramm­fol­ge). und mit etwas unter­schied­li­chen ergebnissen:

Ein­mal quer durch Euro­pa geht die Rei­se – und immer mit einer Flö­te. Aber schon das stimmt nicht ganz: Bei Men­dels­sohn-Bar­thol­dys Sex­tett op. 110 ist nicht ein­mal eine Flö­te dabei. Auch sonst sind die Zusam­men­hän­ge bei die­sem Kon­zert in der Vil­la Musi­ca eher lose. Und das dis­pa­ra­te Pro­gramm bie­tet auch sehr unter­schied­li­che Ergeb­niss von den Sti­pen­dia­ten um Davi­de For­mi­s­a­no und Mar­tin Oster­tag. Das eröff­nen­de Quin­tett von Joseph Mar­tin Kraus für Flö­te und Streich­quar­tett etwa blieb lei­der ziem­lich blass und leb­los. Das pas­siert beim Mozart-Zeit­ge­nos­sen Kraus zwar oft, ist aber aus­ge­spro­chen scha­de. Denn das ist durch­aus fri­sche Musik.

Auch Men­dels­sohn-Bar­thol­dys Sex­tett für Kla­vier und Strei­cher, ein Jugend­werk, blieb zunächst eher unbe­frie­di­gend. Das lag vor allem an der Pia­nis­tin Sarah Hil­ler, die sich gera­de im ers­ten Satz alle Mühe gab, mög­lichst hin­ter den Strei­chern zu ver­schwin­den. Und das ist lei­der genau ver­kehrt, denn gera­de hier hät­te das Pia­no unbe­dingt die Füh­rung bean­spru­chen müs­sen. Sie revan­chier­te sich dann mit einer fast schon wie­der über­ar­ti­ku­lier­ten Ada­gio – ab dem drit­ten Satz pen­del­te sich das dann end­lich auf das rich­ti­ge Maß ein. Den­noch ließ auch das Sex­tett noch Wün­sche offen – zu hak­lig war das Zusam­men­spiel noch, zu wenig Natür­lich­keit und unge­zwun­ge­ner Fluss war in die­ser fast salon­fä­hi­gen Musik zu spüren,
Rich­tig gut, ja beein­dru­ckend schlüs­sig wur­de es also erst nach der Pau­se. Da war zunächst „Archi­tec­to­nics I“ des est­ni­schen Kom­pon­siten Erkki-Sven Tüür zu hören.
Des­sen locke­re Struk­tur mit ste­tig wech­seln­der Instru­men­ta­ti­on in schwe­ben­der Rhyht­mik, die sich in zuneh­men­der Bewe­gung immer stär­ker zusam­men­zieht, um frei­lich wie­der ganz ähn­lich dem Anfang in aus­ge­spro­chen ruhi­gen Wech­sel­spiel zu enden, musi­zier­ten die Blä­ser gelas­sen, mit nüch­ter­ne Stren­ge und Küh­le ganz überzeugend.
Und das bot einen wun­der­ba­ren Kon­trast zum abschlie­ßen­den Nonett von Joseph Rhein­ber­ger: Hier die geis­ti­ge und kon­struk­ti­ve Stren­ge der (Post-)Moderne, durch­aus mit sinn­li­chem Anspruch, dort der beden­ken­los ver­schwen­de­ri­sche Über­fluss mit Anspruch auf kon­struk­ti­ve Form der spä­ten Spä­te­ro­man­tik. Rhein­ber­ger sprengt damit zwar die Gren­zen der Kam­mer­mu­sik – oft behan­delt er das Ensem­ble eher wie ein klei­nes Orches­ter. Aber genau das konn­ten die Sti­pen­dia­ten um den Flö­tis­ten Davi­de For­mi­s­a­no her­vor­ra­gend umset­zen: Mit gro­ßen Ges­ten spiel­ten sie das weit aus­ufernd, kos­te­ten die Rafi­nes­se und Fül­le der moti­vi­schen und har­mo­ni­schen Ver­zah­nun­gen wun­der­bar aus – ein herr­li­cher Abschluss. 

auch in essenheim gibt es kultur -

- heu­te sogar aus­ge­spro­chen gute: ein sehr schö­nes, über­ra­schend gutes kon­zert mit kla­vier­tri­os bei den essen­hei­mer musik­ta­gen des herrn moeller.

Groß­ar­ti­ger hät­te der Schluss kaum sein kön­nen: Mit drei meis­ter­lich inter­pre­tier­ten Tri­os gin­gen die Essen­hei­mer Musik­ta­ge zu Ende. Das vor­läu­fig letz­te Kon­zert im Kunst­fo­rum bot dabei noch ein­mal Kam­mer­mu­sik vom Feins­ten, vom Anfang bis zum Ende. Denn das Kla­vier­trio um die Cel­lis­tin Nata­lia Gut­man mit dem Gei­ger Svia­to­s­lav Moroz und Pia­nist Dimi­t­ri Vin­nik war nicht nur beim abschlie­ßen­den zwei­ten Kla­vier­trio von Dmi­t­ri Schost­a­ko­witsch erst­klas­sig. Schon der Beginn, Joseph Haydns Kla­vier­trio in C‑Dur op. 86, war weit mehr als nur ein ver­hei­ßungs­vol­ler Auf­takt. Schlicht und schnör­kel­los beschränk­ten die drei Musi­ker sich auf das, was sie am Bes­ten kön­nen: mit Hin­ga­be musi­zie­ren. So gelang ihnen eine sprit­zi­ge, unbe­schwer­te Inter­pre­ta­ti­on, die stets kon­trol­liert und aus­ge­wo­gen blieb. Nur der Pia­nist war lei­der gehan­di­capt. Denn der Minia­tur­flü­gel bot Dimi­t­ri Vin­nik ein­fach nur sehr wenig Mög­lich­kei­ten für eine dif­fe­ren­zier­te Gestal­tung der Klang­far­ben. Umso erstaun­li­cher, wie prä­sent er den­noch in jedem Moment war. 
Bei Anton Are­n­skis ers­tem Kla­vier­trio muss­te er sich dann frei­lich geschla­gen geben. Denn Are­n­ski war­tet mit star­kem Kon­trast zu klas­si­scher Ele­ganz des Haydn auf: Sei­ne Musik ist ein groß ange­leg­tes, weit aus­ho­len­de spät­ro­man­ti­sche Schwel­gen in Emo­tio­nen. Und mit die­ser wil­den und unge­zü­gel­ten Jagd durch eine phan­tas­ti­sche Fül­le an Ein­fäl­len traf das Trio den Geschmack des Publi­kums offen­bar ganz beson­ders genau. 
Aber die Kro­ne des Abends war das Fina­le, Schost­a­ko­witsch zwei­tes Kla­vier­trio. Denn hier ver­ein­ten sich kom­po­si­to­ri­sche Strin­genz und inter­pre­ta­to­ri­sche Raf­fi­nes­se aufs Bes­te. Gera­de die Span­nun­gen zwi­schen selbst­ver­ges­se­ner Trau­er und gro­tes­ker, frat­zen­haf­ter Fröh­lich­keit mach­ten die drei Inter­pre­ten beson­ders deut­lich. Mit vol­lem Kör­per­ein­satz stürz­ten sie sich immer wie­der aufs Neue in die­se fas­zi­nie­ren­de Musik der Gegen­sät­ze und eröff­ne­ten dem Publi­kum ein fas­zi­nie­ren­des Pan­ora­ma mensch­li­cher Gefühle.
Nicht nur dem Publi­kum hat das gefal­len. Auch der Initia­tor und Ver­an­stal­ter der Essen­hei­mer Musik­ta­ge, Klaus-Ulrich Moel­ler, ist sehr zufrie­den. Zwar muss er einen finan­zi­el­len Ver­lust ver­schmer­zen: Unge­fähr 65 Pro­zent Aus­las­tung über die fünf Kon­zer­te in den letz­ten Wochen reich­ten nicht aus, um alle Kos­ten zu decken. Aber trotz­dem bereut der Essen­hei­mer Kul­tur­ma­na­ger, der die Kon­zer­te in Eigen­in­tia­ti­ve inner­halb der letz­ten Mona­te orga­ni­siert und finan­ziert hat, die­ses Wag­nis nicht: „Die posi­ti­ve Reso­nanz bei der Bevöl­ke­rung zeigt, dass das eine gute Idee war.“ Ob er damit aller­dings wei­ter­ma­chen wird, weiß er selbst auch noch nicht. Denn auf Dau­er hät­te er schon ger­ne etwas mehr Unter­stüt­zung durch die Gemein­de oder ande­re Spon­so­ren – nicht nur zur finan­zi­el­len Absi­che­rung, son­dern auch zur bes­se­ren Ver­mark­tung der Musiktage.

ein recht gewöhn­li­ches pro­gramm und auch ein recht durch­schnitt­li­ches ergeb­nis: nicht schlecht war das meis­ter­kon­zert in der rhein­gold­hal­le, aber auch nicht außer­ge­wöhn­lich gut, kei­ne über­ra­schun­gen, nix neu­es – wie’s bei sol­chen abon­nen­ten­kon­zer­ten halt so ist.…

Die Ver­wand­lung geschah erst am Ende des Kon­zerts. Irgend­et­was muss mit Tamás Vásá­ry, dem Diri­gen­ten der Koblen­zer Staats­phil­har­mo­nie, in der Pau­se pas­siert sein. Denn in der zwei­ten Hälf­te des Meis­ter­kon­zer­tes in der Rhein­gold­hal­le stand ein ganz ande­rer Musi­ker auf dem Podest. Zunächst zeig­te er sich aber als ver­sier­ter Diri­gier­hand­wer­ker. Die Sin­fo­nie Nr. 22 von Haydn miss­brauch­te er zwar, ent­ge­gen den Kon­zert­ge­wohn­hei­ten, nicht als blo­ßes Ein­spiel­stück. Vásá­ry ließ das Orches­ter in fast sto­isch anmu­ten­der Gelas­sen­heit beschwingt tän­zeln und blieb dabei immer in flie­ßen­der Bewe­gung. Die­ses Gleich­maß, gepaart mit einer Pri­se tro­cke­nem Humor und den knap­pen, prä­zi­sen Ges­ten pass­te ein­fach. Nach die­sem viel­ver­spre­chen­den Auf­takt war das Vio­la­kon­zert von Béla Bar­tók zu bewäl­ti­gen. Von Bar­tók selbst ist hier aller­dings nur der kleins­te Teil, sein Tod ver­hin­der­te die Voll­endung. Und das merkt man auch: Irgend­wie fehlt genau die Kraft und Ein­drück­lich­keit, die sei­ne ande­re Kon­zer­ten so sehr prägt. Dem­entspre­chend blieb das Orches­ter noch ein­mal auf­fal­lend unauf­fäl­lig, ledig­lich hier und da etwas zu mäch­tig. Der Solist Maxim Rys­a­nov schwang sich viel offen­her­zi­ger hin­ein: Mit ehr­li­cher Hin­ga­be wid­me­te er sich den Gefühls­ge­hal­ten der Musik und über­zeug­te mit viel­sei­ti­ger und aus­drucks­star­ker Gestal­tung – sei­ne man­cher­orts etwas nach­läs­si­ge Tech­nik ver­zieh man ihm da ger­ne. Aber dann eben, nach der Pau­se, die eigent­lich Haupt­sa­che. Schu­berts vier­te Sym­pho­nie wur­de jetzt von einem ganz neu­em Diri­gen­ten auf­ge­führt: Denn Vásá­ry mutier­te ganz unver­se­hens zum Tän­zer – nicht nur mit den Hän­den, son­dern mit sei­nem gan­zem Kör­per zele­brier­te er die Musik, form­te er jeden Ein­satz vor, schrieb er jede Phra­se mit allen Fasern sei­nes schmäch­ti­gen Kör­pers in die Luft. Das Orches­ter reagier­te zunächst ver­hal­ten und nahm die unbe­ding­te Empha­se des Diri­gen­ten nur zöger­lich auf. Des­halb bestand der ers­te Satz eigent­lich nur aus schö­nen Stel­len ohne ech­ten Zusam­men­hang. Das ist bei die­ser Sin­fo­nie immer eine Gefahr, denn Schu­bert pen­delt hier noch sehr stark zwi­schen eige­nen For­men und Beet­ho­ven­schen Model­len. Ab dem zwei­ten Satz wur­de es dann aber spür­bar bes­ser. Die Klang­re­li­efs wur­den von Takt zu Takt greif­bar plas­ti­scher und dras­ti­scher. Vor allem im ganz stark lako­nisch kon­zen­trier­ten Menu­ett ent­wi­ckel­te Vásá­ry immer mehr Dras­tik. Und im Fina­le stei­ger­te er das noch ein wei­te­res Mal zu einer mit­rei­ßend dra­ma­ti­schen, in vita­ler Kraft gera­de­zu explo­diernd Freu­de an die­ser Musik. 

andreas staier schafft es: schumann pur – aber ohne langeweile

ein genia­les kon­zert, das mich wirk­lich sehr berührt hat viel braucht es nicht: ein instru­ment, am bes­ten ein his­to­risch auch pas­sen­des, einen klei­nen sta­pel noten, etwa von robert schu­mann, und einen pia­nis­ten, zum bei­spiel andre­as stai­er. und schon ist frank­fur­ter hof alles ver­sam­melt, was für ein wun­der­ba­res, außer­or­dent­lich bewe­gen­des kon­zert not­wen­dig ist.

denn stai­er gelingt an die­sem abend eigent­lich alles. das ist für einen pia­nis­ten sei­nes rufes zwar fast zu erwar­ten, aber berüh­rend ist es trotz­dem. dabei ist von ihm selbst kaum etwas zu spü­ren. gera­de das ist aber sein gro­ßes erfolgs­ge­heim­nis. denn was hier im frank­fur­ter hof zu erle­ben ist, das ist sozu­sa­gen schu­mann pur. sicher, so genau weiß nie­mand wie sich der kom­po­nist das alles vor­stell­te, als er die noten aufs papier warf. aber das, was stai­er hier dem zier­li­chen instru­ment ent­lockt, scheint eine voll­kom­men plau­si­ble annah­me, wie es damals gedacht wor­den sein mag. dazu trägt natür­lich auch der flü­gel, ein his­to­ri­sches instru­ment, bei. denn sein klang unter­schei­det sich noch erheb­lich von den heu­te übli­chen. viel stär­ker ist der per­kus­si­ve anteil noch zu spü­ren, viel mehr schwin­gen ande­re sai­ten mit und ver­lei­hen jedem klang eine hauch­zar­te, silb­ri­ge hül­le. der anschein der authen­ti­zi­tät mag trü­gen, aber das ist belang­los. denn stai­er zau­bert mit den mög­lich­kei­ten des instru­ments, so beschränkt sie uns heu­te vor­kom­men mögen. er lässt die töne zu zar­ten nebel­schlei­ern ver­wi­schen, lässt den bass rum­pelnd grol­len um weni­ge augen­bli­cke die bril­lan­tes­ten per­len­ket­ten aus dem dis­kant auf­stei­gen zu las­sen. und aus jeder ton­fol­ge, jedem noch so unschein­ba­ren neben­ge­dan­ken, spricht die neu­gier des pia­nis­ten auf die­se musik. denn das ist noch so ein erfolgs­re­zept von andre­as stai­er: selbst wenn er aus dem „album für die jugend“ spielt oder gar die „kin­der­sze­nen“, mit „träu­me­rei“ und all den ande­ren abge­nutz­ten pre­zio­sen – immer wie­der schafft er es, ohne gro­ßen auf­wand den ein­druck abso­lu­ter frei­heit und spon­ta­nei­tät zu erwe­cken. und wie genau er dann jede die­ser klei­nen minia­tu­ren zur voll­endung bringt, wie prä­zi­se und fein­sin­nig er immer wie­der den letz­ten tönen beson­de­re beach­tung schenkt, sie mit unge­heu­rer inten­si­tät und bedeu­tung auf­lädt und das gan­ze so wun­der­bar in sein klang­li­ches kon­zept ein­bin­det, das man als zuhö­rer mit dem träu­men gar nicht mehr auf­hört: das ist ein­fach erst­klas­sig. nur mit dem – immer wie­der sehr vor­sich­tig und zögernd ein­set­zen­den – applaus kann sich das publi­kum da wie­der in die gegen­wart zurückholen.

klaviermusik aus argentinien

gut, es gibt den tan­go – der aber auch kei­ne genui­ne kla­vier­mu­sik ist. aber sonst? da kennt man eigent­lich nix wei­ter. vom kon­zert des main­zer pia­nis­ten oscar vet­re war auch mir vie­les nicht bekannt – was ja nichts über die qua­li­tät aussagt.

wer argen­ti­ni­en sagt, muss auch tan­go sagen. das geht ein­fach nicht anders. also muss­te oscar vet­re auch tan­gos mit in sein kon­zert argen­ti­ni­scher kla­vier­mu­sik auf­neh­men. er hat­te aber noch wesent­lich mehr zu bie­ten: viel musik aus dem spä­ten 19. jahr­hun­dert, als sich in argen­ti­ni­en eine eigen­stän­di­ge musik­kul­tur entwickelte.
euro­pä­isch geprägt blieb sie aller­dings noch eine wei­le – fast alle kom­po­nis­ten wur­den in frank­reich oder spa­ni­en aus­ge­bil­det. und so wun­dert es kaum, dass etwa alber­to wil­liams klei­ne kla­vier­stü­cke zwar argen­ti­ni­sche land­schaf­ten und melo­dien auf­grei­fen, im grun­de aber von frü­hen impres­sio­nis­ti­schen wer­ken aus frank­reich kaum zu unter­schei­den sind. oscar vet­re, in bue­nos aires gebo­ren und seit eini­gen jah­ren kla­vier­pro­fes­sor an der main­zer musik­hoch­schu­le, ist nicht nur bio­gra­phisch bes­tens vor­be­rei­tet für die­se musik. er ist zwar nur ein klei­ner mann, aber sei­ne kraft reicht alle­mal, das foy­er der lbs mit sei­ner gräß­li­chen akus­tik zum bers­ten zu brin­gen. die fens­ter­schei­ben hal­ten stand­haft den schall der atta­cken aus dem flü­gel im raum, das publi­kum wird vom kla­vier­klang umtost wie im zen­trum eines orkans. es geht aller­dings auch so man­ches mal wild zur sache in der argen­ti­ni­schen musik. juan joa­se cas­tros „toc­ca­ta“ war dafür ein ganz beson­ders deut­li­ches bei­spiel: aben­teu­er­lich und unge­bän­digt for­dert der kom­po­nist den pia­nis­ten zu einer unwahr­schein­li­chen expe­di­ti­on in die wild­nis her­aus. wild sind nicht nur die anfor­de­run­gen an die vir­tuo­si­tät, wild ist auch die klang­li­che expres­si­vi­tät, die auf­ge­wühl­te stim­mung. vet­re gibt sich aber auch alle mühe, die­se fast besin­nungs­lo­se getau­mel in aller schär­fe zu zei­gen: da ist selbst im absur­des­ten noten­ge­tüm­mel noch jeder ton klar und deut­lich, nichts über­sieht er und über nichts lässt er die zuhö­rer im ungewissen.
vetres chir­ur­gen­mes­ser des glas­kla­ren, ana­ly­ti­schen spiels, das sich in fas­zi­nie­ren­der wei­se mit der lei­den­schaft der musik ver­bin­det, machen dann auch die tan­gos zum genuss. natür­lich darf da astor piaz­zolla nicht feh­len. forsch stürzt sich der pia­nist auch in bekann­te stü­cke wie „sent­i­do úni­co“ oder „ver­ano por­teno“. am bes­ten zeigt sich sein drauf­gän­ge­ri­sches krafspiel bei alber­to ginas­te­ras „tres danz­as argen­ti­nas“, in denen sich moder­nis­men mit folk­lo­re­ein­flüs­sen ver­bin­den. die­se viel­schich­ti­ge musik gibt vet­re zum schluss noch ein­mal gele­gen­heit, die aus­drucks­pa­let­te ganz aus­zu­rei­zen und sei­ne befä­hi­gung zum uni­ver­sal­pia­nis­ten noch ein­mal zu bekräftigen.

berg und brahms sehnen sich nach irgendetwas

trau­er ist ein wesent­li­ches motiv für kom­po­nis­ten, fast so bedeu­tend wie die sehn­sucht – nach lie­be, nach einer bes­se­ren welt, nach dem voll­ende­ten kunst­werk. das war in der roman­tik so und ist auch im 20. jahr­hun­dert noch so gewe­sen. des­halb hat sich die sin­fo­ni­et­ta mainz zwei wer­ke auf das pro­gramm gesetzt, die genau das zei­gen sol­len: alban bergs vio­lin­kon­zert und die ers­te sin­fo­nie von johan­nes brahms. zwei kom­po­si­tio­nen also, die auf den ers­ten blick so gar nichts mit­ein­an­der gemein haben. und auch auf den zwei­ten blick lie­gen immer noch wel­ten zwi­schen ihnen. denn viel­mehr als eine dif­fu­se moti­va­ti­on der sehn­sucht ver­bin­det sie wirk­lich nicht.
alban berg hat mit sei­nem vio­lin­kon­zert einer­seits den auf­trag eines gei­gers erfüllt und ande­rer­seits die trau­er um den tod von manon gro­pi­us ver­ar­bei­tet. im kur­fürst­li­chen schloss inter­es­sier­ten sich micha­el mil­lard, der diri­gent der sin­fo­ni­et­ta, und die solis­tin son­ja star­ke aller­dings vor allem für den emo­tio­na­len aspekt. sie taten dies aller­dings auf eine bestechen­de wei­se. denn auch wenn sie das vio­lin­kon­zert zu einer besinn­li­chen gedenk­fei­er mach­ten, sie taten es mit geschmack und fein­ge­fühl. denn sie wur­den nie sen­ti­men­tal. im gegen­teil, gera­de son­ja star­ke zeig­te durch ihr schnür­kel­los kon­zen­trier­tes spiel, dass man nicht gefühls­du­se­lig wer­den muss, um emo­tio­nen zu zei­gen. gera­de durch ihren prä­zi­se tra­gen­den ton, ihr bewun­derns­wer­tes lega­to und ihre uner­schütt­li­che tech­ni­sche sicher­heit ermög­licht sie die ent­fal­tung der musik als wei­he­vol­le andacht, ohne sie mit sen­ti­ment zuzu­schüt­ten. die sin­fo­ni­et­ta unter­stütz­te sie dabei her­vor­ra­gend: mit hoher prä­zi­si­on und spür­ba­rem enga­ge­ment ließ sie sich von mil­lard durch die auch nicht ein­fa­che par­ti­tur führen.
nach der pau­se saßen dann zwar mehr oder weni­ger die sel­ben leu­te auf der büh­ne, aber es war lei­der ein völ­lig ande­res orches­ter. denn mit der ers­ten sin­fo­nie von brahms hat­ten weder die musi­ker noch ihre diri­gent beson­de­re for­tu­ne. mil­lard diri­gier­te tem­pi wie aus gum­mi­band, ent­spre­chend wenig ein­heit­lich wur­den die ein­zel­nen sät­ze. und es zeig­te sich: brahms mag zunächst harm­los wir­ken, aber unter der ober­flä­che ver­birgt sich den­noch eine immer wie­der fas­zi­nie­ren­de kom­ple­xi­tät. die konn­te man im schloss aller­dings höchs­tens erah­nen. denn mil­lard ver­moch­te es hier nicht, sein orches­ter zu einem klang­kör­per zu for­men. schwer und müh­se­lig erkämpf­ten sich die musi­ker ihren weg ins fina­le, wo sie es immer­hin ordent­lich kra­chen las­sen konn­ten. ech­te sehn­sucht klingt aber anders.

streichquartett ganz klassisch: mozart und beethoven

da ist mei­ner zei­tungs­kri­tik eigent­lich nix hinzuzufügen:

urück zu den wur­zeln zu gehen muss nicht unbe­dingt ein rück­schritt sein. ab und an müs­sen etwa auch die dozen­ten der vil­la musi­ca sich von den aus­ge­feil­ten extra­va­gan­ten kon­zept­pro­gram­men erho­len und zu den grund­la­gen zurück­keh­ren. zum bei­spiel zu mozart und beet­ho­ven. erho­lung ist in sol­chen fäl­len natür­lich rela­tiv – so rich­tig ent­span­nend ist das weder für die musi­ker noch für das publi­kum. dafür hat­te sich das streich­quar­tett der vil­la musi­ca viel zu anspruchs­vol­le wer­ke aus­ge­sucht: beet­ho­vens opus 127 und das b‑dur-quar­tett kv 589 von mozart – zwei spät­wer­ke, die sich an kom­ple­xi­tät und grö­ße wenig schenken.
und außer­dem spiel­ten die vier erwar­tungs­ge­mäß mit vol­len ernst und vor allem, was noch viel wich­ti­ger ist, mit gan­zem ein­satz und ihrem gesam­ten kön­nen. nicht uner­heb­lich ist natür­lich auch ihre erfah­rung. das zeig­te sich ganz neben­säch­lich am fast blin­den ver­trau­en der musi­ker: sie müs­sen sich kei­ne zei­chen geben, sie kön­nen ganz in ruhe und kon­zen­triert stets stur in ihre noten bli­cken – und trotz­dem unter­ein­an­der und mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. musik, die so ein­ver­nehm­lich im gleich­klang gemacht wird schlägt ohne wei­te­res die brü­cke von podi­um ins publikum.
ein wesent­li­cher grund dafür ist ihre ehr­lich­keit: sie sind eben grund­so­li­de musi­ker. und sowohl die geschlos­sen­heit des ensem­bles als auch die schein­bar uner­schöpf­li­che kraft kom­pri­mie­ren beet­ho­vens streich­quar­tett hier zu einem aus­ge­spro­chen dich­ten klang­ge­we­be. neben­bei gelingt es ihen sogar noch, in die groß­di­men­sio­nier­ten anla­ge, die sie in vor­treff­li­cher klar­heit auf­schei­nen lie­ßen, auch den esprit. den witz die­ses wer­ke ganz selbst­ver­ständ­lich zu integrieren.
bei mozarts quar­tett ver­scho­ben sich die schwer­punk­te dann ein wenig: das klang­bild lös­te sich auf, schon durch die kom­po­si­to­ri­sche gestal­tung, aber auch durch die locke­re spiel­hal­tung des quar­tetts. dabei ver­zich­te­ten sie aller­dings kei­nes­wegs auf ihre unbe­ding­ten, kraft­vol­len impul­se: immer wie­der explo­dier­ten sie bei­na­he vor taten­drang. zwang­haf­te dis­zi­plin leg­ten sie hier eben­so wenig an den tag wie blo­ßes stre­ben nach tech­ni­scher per­fek­ti­on hör­bar stand viel­mehr das tönen­de gestal­ten einer oft aus­ge­spro­chen glut­voll geleb­ten klang­welt im vor­der­grund. ganz so, wie die­se musik ursprüng­lich gedacht war.

oper – eine aussterbende kunst

war’s das dann schon? stirbt die oper als kunst­form und gat­tung jetzt nach 400 jah­ren oder so tat­säch­lich doch noch aus? und nur, weil kei­ner mehr hin­geht? mög­lich ist das – und es scheint immer wahr­schein­li­cher zu wer­den. jens mal­te fischer hat im aktu­el­len mer­kur (heft 691, novem­ber 2006, s. 1067–1072) schon fast einen nach­ruf geschrie­ben. er ist nicht sehr zuver­sicht­lich, was die zukunft des musik­thea­ters angeht – das zeigt schon der titel: oper wohin? schon im ers­ten absatz schreibt fischer, mit sicher­heit alles ande­re als ein ver­äch­ter der oper: “wohin sie geht, ist unkla­rer denn je.” aku­tel­ler anlass für die aus­las­sun­gen fischers ist unter ande­rem der ber­li­ner wahl­kampf, in dem die oper(nhäuser) ja wie­der mal eine gro­ße rol­le spiel­ten – heu­te ist bekannt gewor­den, dass der kul­tur­se­na­tor ber­lins in der neu­en regie­rung nicht mehr exis­tiert, sei­ne auf­ga­ben wer­den vom regie­ren­den bür­ger­meis­ter (”des­sen ver­hält­nis zur kul­tur als bes­ten­falls unge­klärt zu bezeich­nen ist” (fischer)) übernommen.das grund­le­gen­de pro­blem für fischer ist fol­gen­des: oper ist auf­wän­dig und teu­er. die ein­nah­men der opern­häu­ser kön­nen aber nicht belie­big erhöht wer­den: “opern­kar­ten sind bereits über­all in deutsd­ch­land nicht ganz bil­lig, wenn man nicht cle­ver, stu­dent oder schü­ler, steh­platz­kom­pa­ti­bel ist, am bes­ten alles zusam­men. daß die deut­schen für urlaubs­rei­sen unend­lich viel mehr aus­ge­ben als für kul­tur, wird man ihnen nicht mehr aus­re­den kön­nen, da das recht auf urlaubs­rei­sen ja im grund­ge­setz ver­an­kert ist.” trotz­dem, es gibt sie ja immer (noch), die opern­be­su­cher und ‑fans: es gilt wei­ter­hin, “daß pro jahr in deutsch­land mehr men­schen die thea­ter, kon­zer­te und fest­spie­le besu­chen als die fuß­ball­sta­di­en, aber es ist nun ein­mal so: 35,6 mil­lio­nen besu­cher waren es in der spiel­zeit 2003/​2004.” und das alles for­dert ja gera­de mal einen rela­tiv gese­hen aus­ge­spro­chen lächer­li­chen anteil der öffent­li­chen aus­ga­ben – bei groß­zü­gi­ger rech­nung, also bei wei­tem nicht nur oper, sind es auf allen glie­de­rungs­ebe­nen seit ewig­kei­ten unge­fähr 0,2 pro­zent! die oper ist nur, wegen ihrer aus­ge­spro­chen hohen fes­ten kos­ten (orches­ter, chor, etc. pp.) “der pro­ble­ma­tischs­te ort der deut­schen theaterlandschaft”.

pro­ble­ma­tisch ist das vor allem, weil die oper rasant an publi­kum ver­liert: rasen­de über­al­te­rung etwa – “gäbe es in den opern­häu­sern (auch inter­na­tio­nal gese­hen) nicht einen treu­en stamm der schwu­len opern­freak-kul­tur, [ ] wäre das bild noch deso­la­ter.” denn wor­aus rekru­tier­te sich das opern­pu­bli­kum: in ers­ter linie aus dem (bildungs-)bürgertum. doch das “zer­fällt zu staub wie dra­cu­la in den alten ham­mer-fil­men”. – und dann wird es rich­tig düs­ter: “das publi­kum wächst ein­fach nicht mehr nach, und damit feh­len die ver­tei­di­ger der kunst­form oper, wenn sie gefähr­det ist. der zur unkennt­lich­keit mini­miert musik­un­ter­richt in den schu­len umgeht die oper weit­räu­mig”, “an den uni­ver­si­tä­ten kommt die oper so gut wie gar nicht vor.” vor allem aber muss fischer (das ist weder neu noch beson­ders über­ra­schend für jeden, der ab und an opern besucht ) fest­stel­len: “das opern­pu­bli­kum in aller welt ist, man muß es lei­der so deut­lich sagen, das reak­tio­närs­te und dümms­te von allen thea­ter­pu­bli­ka (des­we­gen füh­len sich die spon­so­ren auch dort so wohl), liebt aber die kom­pli­zier­tes­te, anspruchs­volls­te und anfor­de­rungs­reichs­te kunst­form über­haupt.” – sehr schön und genau auf den punkt gebracht, die­se ewi­ge para­do­xie, aus der es heu­te weni­ger denn je einen aus­weg zu geben scheint. denn “oper erfor­dert, um tie­fen­wir­kung ent­fal­ten zu kön­nen, eine gewis­se anstren­gung des zuhö­rens, lesens, vor- und nach­be­rei­tens. begrei­fen, was einen ergreift, daß heißt gera­de in der oper mehr zu inves­tie­ren als die kur­ze lust des augen­blicks, das opern­haus ist kein stun­den­ho­tel.” aber genau das bräuch­te der aller­größ­te teil des publi­kums heu­te und genau so ver­hält er sich auch in der oper die bestands­auf­nah­me der trau­ri­gen situa­ti­on hat fischer damit schon ziem­lich been­det – gut, oper wird es auch wei­ter­hin geben, aber wohl nur in der schwund­form der kul­tur­in­dus­tri­el­len popu­la­ri­sie­rung, die ja schon deut­lich zuge­nom­men hat – lösun­gen weiß fischer halt auch kei­ne. gibt es aber auch gar kei­ne: denn nötig wäre ein­fach eine ästhe­ti­sche erzie­hung des vol­kes im gesam­ten, ein bewusst­sein für den wert sol­cher anstren­gen­den kul­tur, nicht nur ihrer fest­li­chen äußerlichkeiten 

ach ja, ein hüb­scher sei­ten­hieb fehlt noch: “der hirn- und maß­stabs­lo­se rum­mel um eine stimm­lich begab­te, als künst­le­rin und inter­pre­tin unter­ent­wi­ckel­te sopra­nis­tin namens anna netreb­ko zeigt, daß die kul­tur­in­dus­trie inzwi­schen auch im opern­be­reich alles durch­set­zen kann, was ihr beliebt.”

und noch einmal: mozarts requiem

so etwas sieht st. peter sel­ten: eine lan­ge schlan­ge win­det sich noch weni­ge minu­ten vor beginn über den vor­platz. die kir­che ist schon lan­ge dicht besetzt, selbst die steh­plät­ze auf der empo­re sind heu­te begehrt: mozarts requi­em ist es, dass die leu­te in mas­sen anzieht. oder sind es doch eher die chö­re des peter-cor­ne­li­us-kon­ser­va­to­ri­ums und der main­zer fachhochschule?
aus wel­chem grund auch immer die zuhö­rer gekom­men waren, sie hat­ten ein durch­wach­se­nen kon­zert­abend vor sich. zur ein­stim­mung gab es ein erst ein mal eine dröh­nen­de ver­si­on des „te deum“ von marc antoine char­pen­tier, das der diri­gent roland r. pel­ger erstaun­lich blass und nichts­sa­gend abwick­len ließ. und vom himm­li­chen lob­preis ging es dann im bru­ta­len schnitt hin­ein in das dun­kel des requi­ems. aber so nach und nach stell­te sich her­aus, dass der wech­sel von char­pen­tier zu mozart doch nicht ganz so hart war: immer stär­ker ließ pel­ger das requi­em näm­lich auch wie­der eine rie­si­ge ruhe aus­strah­len und schuf damit eine stim­mung gläu­bi­ger gelas­sen­heit, die sich trotz aller ver­zweif­lung und todes­not umfan­gen und gebor­gen weiß. nicht, dass pel­ger damit ein rei­nes kuschel-requi­em abge­lie­fert hät­te. die mar­ki­ge pathos-keu­le wird von ihm und sei­nen mit­strei­tern durch­aus wuch­tig geschwun­gen. dabei fehl­te aber oft das gespür für das rech­te quan­tum. im beginn des dies irae zum bei­spiel erschlug er damit kon­se­quent jede nuan­cie­rung und fein­heit. was dann aber doch ent­täu­schen muss­te, war die schnel­lig­keit, mit der sich sol­che grund­sätz­lich posi­ti­ven ansät­ze immer wie­der in belang­lo­sen all­ge­mein­plät­zen ver­lo­ren. doch da pel­ger das feu­er immer wie­der neu ent­fa­chen konn­te, pen­del­te das requi­em stän­dig zwi­schen inten­siv gefühl­ter span­nung und lascher par­ti­tur-exe­ku­ti­on. immer­hin ver­füg­te er über gut prä­pa­rier­te chö­re, die mit ihrer jugend­li­chen geschmei­dig­keit leich­tes spiel hat­ten. auch die solis­ten sind durch­weg bewähr­te kräf­te: die klar strah­len­de nico­le tam­bu­ro genau­so wie bar­ba­ra arne­ke, die ihre kraft­vol­le stim­me erfreu­lich genau dosier­te. dazu noch der soli­de, unbe­irr­ba­re bass von dani­el böhm und der hell her­au­ste­chen­de dani­el sans: die sän­ger füg­ten sich fast zu unauf­fäl­lig ein. denn wesent­li­che impul­se konn­ten sie nicht bei­steu­ern, das steu­ern über­lie­ßen sie ganz und gar pel­ger. der hat­te damit auch kei­ne pro­ble­me und hielt kla­ren kurs – nur sein antrieb schwä­chel­te eben von zeit zu zeit.

ja, sie kön­nen. und nicht ein­mal schlecht. gut, das reper­toire ist recht ein­ge­schränkt – ech­te meis­ter­wer­ke gibt es wohl nicht. und der klang wird auch sehr leicht bloß flä­chig und ein­tö­nig. aber die bratschen­grup­pe des main­zer phil­har­mo­ni­schen orches­ters hat das trotz­dem nicht schlecht gemacht – sehr unter­halt­sam mode­riert von mal­te schae­fer, ein net­ter abend (auch wenn die zuga­be, an der schö­nen blau­en donau, etwas über­pro­por­tio­nal lang war…)

es sind dann doch ein paar mehr gewor­den. eigent­lich woll­te mal­te schae­fer ja kei­ne wit­ze erzäh­len, son­dern sein publi­kum in die unbe­kann­te welt der musik für drei bis acht brat­schen ein­füh­ren. aber irgend­wie muss­te der solo­brat­scher des phil­har­mo­ni­schen orches­ters im klei­nen haus ja die vie­len umbau­pau­sen über­brü­cken. und die aus­wahl an brat­schen­wit­zen ist ja auch sehr groß. ganz im gegen­satz zum reper­toire für meh­rer vio­len ohne irgend wel­che ande­ren, stö­ren­den beglei­ter. und das weni­ge, das es gibt, ist selbst­ver­ständ­lich voll­kom­men unbe­kannt, nicht ein­mal die namen ihrer schöp­fer sind geläu­fig. wer tut sich auch frei­wil­lig so etwas wan, acht brat­schen pur und ohne ablen­kung? vie­le scheint so etwas nicht zu inter­es­sie­ren, weder kom­po­nis­ten noch zuhörer.
aber denen ent­geht doch eini­ges. zum bei­spiel die „fan­ta­sia for four vio­las“ des eng­li­schen erz­ro­man­ti­kers york bowen. nein, den muss man wirk­lich nicht ken­nen. aber sei­ne fan­ta­sia ist trotz­dem bedrü­ckend schön – vor allem, weil sie sich der klang­welt der vio­la voll und ganz aus­lie­fert. es ist aber auch ein span­nen­der hör­kri­mi bei nacht und nebel, mit ver­fol­guns­jag­den, hit­zi­gen ver­hö­ren und müh­sa­mer spu­ren­su­che. die vier musi­ker spie­len das aber auch mit einer sol­chen hin­ga­be und tie­fen, aus­drucks­vol­len ver­sen­kung, das man ihren ver­füh­run­gen und über­zeu­gungs­küns­ten voll­ends aus­ge­lie­fert ist. fast genau­so ver­lo­ckend prä­sen­tie­ren sie auch max rit­ter von wein­zier­ls „nacht­stück“. das ist in den meis­ten tei­len sei­nes epi­so­den­haf­ten ver­laufs wun­der­bar zart, luf­tig und son­nig – das brat­schen so unbe­schwert klin­gen kön­nen, ist hier noch eine über­ra­schung. es wur­de dann aber schnell zur selbst­ver­ständ­lich­keit. denn die main­zer bratschen­grup­pe mach­te wirk­lich ernst und zog auch musik der leich­te­ren fas­son her­an: leo­nard ber­steins „some­whe­re“ etwa, oder jean paul mar­ti­ni­nis „plai­sir d’amour“ – für sol­che schmacht­fet­zen ist der war­me, fül­li­ge klang der vio­la natür­lich bes­tens geeignet.
damit war das oktett aber noch lan­ge nicht zufrie­den. sie haben dem chor­di­rek­tor sebas­ti­an her­nan­dez-laver­ny auch noch eine kom­po­si­ti­on ganz spe­zi­ell für ihre beset­zung ent­lockt: „intro­duk­ti­on, can­ta­bi­le und phan­tas­ti­sche fuge“ heißt die urauf­füh­rung. und sie hat es wirk­lich in sich. im leich­ten spiel der ver­satz­stü­cke wer­den die tech­ni­schen fähig­kei­ten der strei­cher außer­or­dent­lich gefor­dert. und auch die zuhö­rer muss­ten sich anstren­gen, in der acht­stim­mi­gen fuge nicht den über­blick zu ver­lie­ren. ver­wick­lun­gen gibt es in die­ser phan­tas­ti­schen mix­tur mehr als genug – aber ein publi­kum, das sich frei­wil­lig acht brat­schen anhört, hält auch das aus.

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