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Schlagwort: klassik Seite 6 von 11

Frank­reich hat viel zu bie­ten – auch musi­ka­lisch. Wirk­lich bekannt und gut ver­tre­ten in den deut­schen Kon­zert­sä­len ist davon aber nur sehr wenig. Allein schon des­halb ist die Frank­reich-Rei­se des Phil­har­mo­ni­schen Orches­ters unter Cathe­ri­ne Rück­wardt sehr zu begrüßen

Ohne sich aus den beque­men Thea­ter­ses­seln erhe­ben zu müs­sen, darf man das Orches­ter beim 6. Sin­fo­nie­kon­zert auf eine kur­ze tour d’ho­ri­zon beglei­ten. Die Rei­se­lei­te­rin Cathe­ri­ne Rück­wardt hat­te die Schäf­chen ihrer Rei­se­grup­pe dabei per­ma­nent fest unter Kon­trol­le. Und sie bot eine über­aus sach­kun­di­ge Füh­rung durch die frem­den musi­ka­li­schen Land­schaf­ten und Sehenswürdigkeiten.

Die ers­te Sta­ti­on war die Orches­ter­be­ar­bei­tung des Priè­res op. 20 von César Franck. Mit viel Ruhe und vol­ler Innig­keit strahl­ten die sat­ten Strei­ch­er­klän­ge und bezau­ber­ten die solis­ti­schen Ein­la­gen der Holzbläser.

Für die zwei­te Attrak­ti­on zog die Rei­se­lei­tung noch die Hil­fe eines exter­nen Exper­ten hin­zu: Der jun­ge Vio­li­nist Barn­abás Kele­men sorg­te für den rich­ti­gen Blick­win­kel auf Hen­ri Dutil­leux Noc­turne „Sur le même accord“. Die­ses obses­si­ves Krei­sen um einen Akkord hat vie­le lan­ge und getrag­ne, melan­cho­lisch-ver­han­gen umher­schwei­fen­de Pas­sa­gen. Aber auch so eini­ge Brü­che und raue Kan­ten fin­den sich hier – ein sehr viel­sei­ti­ges Gebil­de, ein inne­res Pan­op­ti­kum. Im Staats­thea­ter gab es sich fili­gran zise­liert, oft fast ver­schnör­kelt. Kele­men sorg­te mit druck­vol­lem Strich und exakt dosier­tem Ein­satz dafür, dass es nicht zu ver­spielt wur­de. Sei­ne Ernst­haf­tig­keit und Gerad­li­nig­keit führ­te immer wie­der zu ver­blüf­fen­den Klangeffekten.

Viel Zeit zum Stau­nen blieb aller­dings auch hier nicht, denn schon ging es wei­ter zur nächs­ten Sehens­wür­dig­keit. Noch blieb der Gei­ger zur Unter­stüt­zung des Orches­ters bei der drit­ten Sta­ti­on. Hier waren die Rol­len jetzt kla­rer ver­teilt, in Camil­le Saint-Saens „Intro­duc­tion et Ron­do capric­cio­so“: Kele­men führ­te die­ses Mal mit Über­schwang und wil­den Engan­ge­ment – selbst Rück­wardt schau­te gebannt immer wie­der hin­über, was der Solist denn da so trieb. Und bei­de berausch­ten sich am for­schen Spiel­witz und vita­len Klang­sinn des Konzertstücks.

Danach konn­te die Diri­gen­tin wie­der allei­ne die Füh­rung über­neh­men. Und wie sie das tat: Francks Sin­fo­nie d‑Moll setz­te noch ein­mal ganz neue Akzen­te. Wie eine gru­se­li­ge Schau­er­mu­sik, düs­ter und mäch­tig, führt das Orches­ter die­se Sin­fo­nie mit beein­dru­cken­der Geschmei­dig­keit und ele­gant aus­ge­form­ten, strei­chelz­ar­ten Samt­klän­gen aus wei­ter Fer­ne ins Main­zer Thea­ter. Und so ging der span­nen­de Aus­flug ins Nach­bar­land schon wie­der zu Ende – scha­de, dass es nur eine kur­ze Stipp­vi­si­te war.

schubert is not dead

na, wer hät­te das gedacht ;-). aber in der tat, wenn ich mir die­se bei­den cds anhö­re (schu­bert is not dead, pump­kin records 2007) wird wie­der ein­mal klar, wie belast­bar schu­berts lie­der (denn nur dar­um geht es hier) auch im 21. jahr­hun­dert sind. die ers­te schei­be ist ganz der (lei­der nicht kom­plet­ten) win­ter­rei­se gewid­met, die zwei­te springt dann kreuz und quer durch das rest­li­che voka­le schaf­fen schu­berts. gut, alles ist nicht gera­de gro­ße kunst, man­ches ist auch für mich zu tra­shig und lo-fi. aber so alles in allem ist das doch eine net­te idee – und weil die meis­ten der (mir sowie­so unbe­kann­ten, vor­wie­gend offen­bar öster­rei­chi­schen) musi­ker sich nicht gera­de skla­visch an schu­berts noten­text hal­ten, den kern aber doch in der regel recht gut tref­fen, ist das eine der bes­se­ren „aktua­li­sie­run­gen” eines klas­si­schen kom­po­nis­ten der let­zen jahr(zehnt)e. anhören!

ausgespielt

in der tat, „aus­ge­spielt” hat nor­man lebrecht. er behaup­tet zwar, die „klas­sik­in­dus­trie” habe aus­ge­spielt. klas­sik­in­dus­trie meint übri­gens hier nur die majors der plat­ten­la­bels. und das ist eines der größ­ten pro­ble­me des autors: er sieht immer nur die hal­be wahr­heit, ist aber fel­sen­fest über­zeugt, dass er unbe­stech­lich bis auf den grund der tat­sa­chen sieht. sei­ne tat­sa­chen sind aber einer­seits ziem­lich banal, ande­rer­seits – und das lei­der viel häu­fi­ger – klatsch und tratsch. davon ist auch sei­ne schrei­be bestimmt – ziem­lich ner­vend, das gan­ze. z.b. zitiert er lie­bend ger­ne irgend­wel­che mana­ger oder musi­ker (vor­wie­gend diri­gen­ten …), die aber alle nichts sagen oder schrei­ben, son­dern stöh­nen, keu­chen, seuf­zen, jubi­lie­ren oder was auch immer … (das fast alle quel­len für die­se zita­te schrift­lich sind und über den akt des spre­chens nichts aus­sa­gen, ist da nur neben­säch­lich). in der tat, und das ist auch so ein pro­blem, kann lebrecht nur per­so­na­li­sie­ren: es sind nicht irgend­wel­che struk­tu­ren oder markt­ver­än­de­run­gen oder geschmacks­wan­del oder neue publi­ka, die den markt der majors beein­träch­ti­gen, son­dern immer nur – ganz weni­ge natür­lich – per­so­nen, die sei­ner mei­nung nach offen­bar nur in ihrer eige­nen rea­li­tät leben. auf die dau­er nervt das gan­ze ziem­lich, weil die eigent­li­chen infor­ma­tio­nen dar­in ver­schütt gehen und der kern der sache sowie­so ver­lo­ren ist. dass sich um die drei, vier gro­ßen labels inzwi­schen eine rie­si­ge men­ge mitt­le­rer und klei­ner labels gebil­det hat, die durch­aus erfolg­reich ope­rie­ren und den markt ver­sor­gen kön­nen, regis­triert lebrecht nur am ran­de – sein aktu­ells­tes bei­spiel dafür ist naxos, die inzwi­schen ihre ehe­mals vor­rei­ter­rol­le ja auch schon eine gan­ze wei­le ein­ge­büßt haben.

beson­ders abar­tig sind dann die ver­sam­mel­ten auf­nah­me-kri­ti­ken: da arbei­tet lebrecht näm­lich genau­so. er erzählt lie­ber irgend­wel­che klatsch­ge­schich­ten über die ent­ste­hung der plat­te oder cd, als sich mit den musi­ka­li­schen ergeb­nis­sen zu beschäf­ti­gen … nun­ja, ich fand’s aus­ge­spro­chen dürf­tig und sehr enttäuschend .…

nor­man lebrecht: aus­ge­spielt. auf­stieg und fall der klas­sik­in­dus­trie. mainz: schott 2007.

genial: mozart und ligeti und schubert befruchten sich gegenseitig

Die­ses Kon­zert ist kein Spaß, son­dern schwe­re Arbeit. Nicht nur für Paul Lewis, den jun­gen bri­ti­schen Pia­nis­ten, den der SWR für die Rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ nach Mainz geholt hat. Auch die Zuhö­rer im Frank­fur­ter Hof kön­nen sich nicht locker zurück­leh­nen. Denn Lewis ver­wei­gert sich jeder Ent­span­nung, jeder bil­li­gen Affir­ma­ti­on und gut­gläu­bi­gen Gefühls­du­se­lei. Er treibt fast alles bis zum Äußers­ten. Sein Pro­gramm dafür ist eine genia­le Kom­bi­na­ti­on von Mozart, Schu­bert und Györ­gy Ligeti.

Er beginnt schon Mozarts Fan­ta­sie c‑Moll KV 475 als eine der radi­kals­ten Moder­ni­sie­run­gen, die man sich vor­stel­len kann: Mozart klingt plötz­lich wie ein Avant­gar­dist. Die Noten sind noch die ori­gi­na­len, aber vom Mozart­schen Geist ist nichts mehr zu spü­ren. Das ist aber kein Ver­lust, denn an sei­ne Stel­le tritt etwas neu­es, bezau­bern­des: Sprö­de, kah­le und sehr frem­de, immer gehö­rig distan­zier­te Klän­ge bricht Lewis aus Mozarts Fan­ta­sie her­aus, im Zau­ber der tota­len klang­li­chen Reduk­ti­on baut sich immer wie­der kör­per­lich greif­ba­re, bru­tal erschei­nen­de Span­nung auf. So ver­lo­ren, so rest­los depri­mie­rend trau­rig und ziel­los hört man Mozart sel­ten. Und der Bri­te führ­te das dann auch noch naht­los wei­ter – mit Lige­tis „Musi­ca Ricer­ca­ta“. Die elf Stü­cke waren ihm erneut ein Pan­op­ti­kum der extre­men Sprö­dig­keit. Die Span­nung, mit der Lewis die kar­gen Kon­struk­tio­nen Lige­tis auf­lädt, lässt die raf­fi­nier­ten Stü­cke gera­de­zu implo­die­ren. Sein drän­gen­der Wil­le macht jede Note gewich­tig wie eine Enzy­klo­pä­die, jedes der elf Stü­cke zu einer Biblio­thek der sinn­li­chen und ratio­nel­len Erfah­rung: Mit eben­mä­ßi­ger, kon­zen­trier­ter Klar­heit wird jede Note zu einem Gral, jede Phra­se zu einem Heiligtum.

Das ist extrem, ja fast tota­lis­tisch, wie Lewis hier eine inter­pre­ta­to­ri­sche Idee zum abso­lu­ten Prin­zip erklärt. Aber es ist – weil er eben ein aus­ge­zeich­ne­ter Pia­nist ist – in jedem Moment trag­fä­hig. Sein Mozart spielt, lässt sich leicht – und auch mit guten Grün­den – ablehnen.Wenn man sich aber dar­auf ein­lässt, erkennt man hier­in den ein­zi­gen Grund, Mozart heu­te über­haupt noch zu spie­len: Weil die­se Musik immer noch zeit­ge­mäß sein kann. Gera­de in ihrer Nüch­tern­heit, die Lewis fast bis zur Lako­nie treibt, ver­bin­det sich Mozart – auch im Ron­do a‑Moll, das er bruch­los an die „Musi­ca ricer­ca­ta“ anfüg­te – per­fekt mit den Lige­ti­schen Schöpfungen.

Im zwei­ten Teil des Kon­zer­tes wid­me­te Lewis sich dann Schu­berts Sona­te G‑Dur op. 78. Mit genaiu die­ser Ernst­haf­tig­keit, die­ser unbe­ding­ten Hin­ga­be. Und wie er auch hier die Zer­ris­sen­heit die­ser Musik ent­wi­ckelt, die Kämp­fe und das Schwan­ken zwi­schen Grö­ße und Erbärm­lich­keit deut­lich macht in bru­ta­ler Scho­nungs­lo­sig­keit, das nimmt gefan­gen. Wie­der fehlt jede poe­ti­sche Ver­klä­rung. An ihre Stel­le tritt ein­mal mehr der Zau­ber der klar prä­pa­rier­ten Struk­tur – und damit ist Paul Lewis mit Sicher­heit einer der ehr­lichs­ten Pia­nis­ten unse­rer Zeit.

schwierig: viel gutes und viel schlechtes beim „messias“

ein schwie­ri­ges unter­fan­gen: das semes­ter­ab­schluss­kon­zert. viel gutes war dabei, aber auch viel mist und ver­werf­li­che ideen… das ist dabei herausgekommen:

Das ers­te gesun­ge­ne Wort ist Pro­gramm: „Trös­tet“ beginnt der „Mes­si­as“ von Hän­del. Denn Trost und Freu­de über die Ankunft des Erlö­sers sind es, die das Ora­to­ri­um bestim­men. Sel­ten wird das so deut­lich wie beim Semes­ter­ab­schluss­kon­zert von Chor und Orches­ter des Col­le­gi­um musi­cum in der Phö­nix­hal­le. Denn hier kommt die­se Initi­al­zün­dung aus dem Mund von Dani­el Sans – nicht nur aus dem Mund, aus tiefs­ter See­le scheint sich die Gewiss­heit Bahn zu bre­chen. Ganz zart und weich setzt der Main­zer Tenor damit ein, ent­wi­ckelt das eine, immer wie­der wie­der­hol­te Wort dann mit genau dosier­ter, nie über­trie­be­ner Über­zeu­gung mit sanf­ter Nach­drück­lich­keit bis zur fes­ten Gewiss­heit und Bestä­ti­gung: Der Trost ist gerecht­fer­tigt, der Mes­si­as erschienen.

Auch sonst ist es ein Abend der Details. Die waren schon immer die beson­de­re Spe­zia­li­tät von Jos­hard Daus. Die­ses Mal über­treibt er es damit aller­dings ein wenig. Denn die gera­de­zu mikro­sko­pi­sche Genau­ig­keit ermög­licht zwar Klang­stu­di­en von beson­de­rer Güte, führ­te aber ande­rer­seits zum Ver­lust von Klar­heit und Struk­tur. Akzen­te gab es etwa fast gar nicht. Auch Hän­del­sche Idee las­sen sich kaum noch fin­den – die­ser Mes­si­as ist viel mehr Mozart als Hän­del. Denn Daus hat sich für die Mozart’sche Bear­bei­tung des Ora­to­ri­ums ent­schie­den. Die hat unter ande­rem den Vor­teil, dass man auf deutsch sin­gen darf. Und das geschieht hier aus­ge­zeich­net. Sowohl die Solis­ten als auch der Chor sind ganz beson­ders gut ver­ständ­lich. Und gera­de der Chor ist das Zen­trum die­ser Auf­füh­rung. Unent­wegt strahlt er Besinn­lich­keit und Andacht aus. Über­haupt spielt die Rein­heit des Klan­ges eine ganz gro­ße Rol­le für Daus. So vor­sich­tig nähert er sich dem Werk, als wäre die Musik selbst schon etwas Hei­li­ges. Ande­rer­seits scheint der Diri­gent bedacht zu sein, immer eine gewis­se Min­dest­di­stanz zum Werk und sei­ner Über­zeu­gung der Erlö­sung zu wah­ren. Das wird vor allem dann deut­lich, wenn einer der Solis­ten – etwa der impul­si­ve Bass Ulf Bäst­lein – die­sen Abstand überwindet.

Und so groß­ar­ti­ge Klangstill­le­ben Jos­hard Daus dabei auch gelin­gen, vol­ler feins­te Schat­tie­run­gen und unglaub­lichs­ter Nuan­cen, umso stär­ker fal­len die Nach­läs­sig­kei­ten an ande­ren Stel­len auf. Etwa die grau­sam unter­be­lich­te­ten Holz­blä­ser. Aber auch das struk­tu­rel­le Pro­blem sei­nes Ansat­zes liegt immer wie­der deut­lich zu Tage: Sei­ne Klang­bil­der sind eben Still­le­ben im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes – ohne Bewe­gung und Ent­wick­lung füh­ren sie nir­gends hin, son­dern blei­ben rei­ne Moment­auf­nah­men. Das Ora­to­ri­um wird des­halb zu einer lan­gen Rei­he von – an sich wun­der­schö­nen – Stand­bil­dern, die den eigent­lich beab­sich­tig­ten Film aber nicht erset­zen können.

Drei Kom­po­nis­ten, drei Wer­ke, ein Kla­vier­abend: Das Pro­gramm ist schnell gele­sen. Aber die Wir­kung ist nach­hal­tig. Denn Evge­nia Rubi­no­va ver­steht ihr Hand­werk. Und das, obwohl die in Frank­furt leben­de Rus­sin ihre Aus­bil­dung eigent­lich noch gar nicht been­det hat. Doch davon war im Frank­fur­ter Hof nichts zu spü­ren. Der SWR hat die jun­ge Pia­nis­tin im Rah­men der Rei­hen „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ nach Mainz geholt.

Drei Wer­ke also – viel wei­ter lässt sich das sowie­so schon puris­ti­sche Kla­vier­re­ci­tal kaum noch redu­zie­ren. Mit Cho­pin, Rach­ma­nin­off und Skria­bin stan­den zwar bekann­te Namen auf dem Pro­gramm. Die Stü­cke, die sich Rubi­no­va aus­ge­sucht hat­te, sind aber alle­samt nicht gera­de die größ­ten Hits.

Schon von Fré­dé­ric Cho­pin wähl­te sie aus­ge­rech­net die zwei­te Kla­vier­so­na­te. Das war aus­ge­spro­chen raf­fi­niert, denn zumin­dest die Mar­cia funèb­re dar­aus kennt jeder. Und zugleich war die­se Sona­te im Frank­fur­ter Hof, wo Rubi­no­va sie in all ihren Kon­tras­ten sehr schön aus­leuch­te­te und gera­de den Trau­er­marsch zu einem rich­tig­ge­hen­den Mys­te­ri­um mach­te, zugleich war die­se Sona­te gera­de in ihrer Aus­drucks­viel­falt eine wun­der­ba­re Über­lei­tung und Vor­be­rei­tung für den nächs­ten Pro­gramm­punkt. Denn Alex­an­der Skria­b­ins Fan­ta­sie in h‑Moll zählt ganz bestimmt nicht zu den meist­ge­spiel­ten Stü­cken. Und die unge­heu­er­li­che Dich­te des unab­läs­si­gen Flus­ses an Ideen und har­mo­ni­schen Gedan­ken machen es weder dem Inter­pre­ten noch dem Publi­kum beson­ders leicht. Doch da kann Evge­nia Rubi­no­va hel­fen: Locker und leicht wie eine Par­füm­wol­ke ent­flieht die Fan­ta­sie ihren gefühl­vol­len Fin­gern. Nahe­zu schwe­re­los sinkt die­se Musik ins Ohr und ins Hirn, brei­tet sich aus und füllt jeden Win­kel des Den­kens und Füh­lens aus. Gera­de die fra­gi­le, immer wie­der gefähr­de­te Zusam­men­set­zung der Klang­welt Skria­b­ins ver­moch­te Rubi­no­va ganz rei­zend aus­zu­kos­ten – da fehlt zur Per­fek­ti­on nur noch das letz­te biss­chen Kon­se­quenz und Durch­set­zungs­kraft, vor der die jun­ge Pia­nis­tin immer wie­der zurück­zu­scheu­en schien.

Die kom­plet­te Hexa­lo­gie der Moments musi­caux von Ser­gej Rach­ma­nin­off schließ­lich ist eben­falls nur all­zu sel­ten kom­plett zu hören. Schwär­me­risch agi­tiert in die­se Klang­welt boh­rend, wandt die Pia­nis­ten die­se Pre­zio­sen immer wie­der ins Offe­ne und Unbe­stimm­te: Nur der unmit­tel­ba­re Augen­blick zählt hier, eine fort­wäh­ren­de Ket­te von ein­präg­sa­men Ein­drü­cken ent­steht so – Momen­te der Erfül­lung und des rei­nen, unver­fälsch­ten Genusses.

dr. beethoven? michael korstick in mainz

Schön anzu­se­hen ist er wahr­lich nicht. Aber das ewi­ge Gri­mas­sie­ren und Frat­zen­schnei­den scheint Micha­el Kor­stick zu hel­fen. Offen­bar braucht der Pia­nist die­ses Ven­til, um sein Pro­gramm zu meis­tern. Und in der Tat, er hat­te sich eini­ges vor­ge­nom­men für sein Reci­tal im Rah­men der SWR-Rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ im Frank­fur­ter Hof. Es begann ganz klas­isch – mit dem Andan­te con varia­zio­ni in f‑Moll von Joseph Haydn: Gewöhn­li­cher geht es kaum. Aber ganz gewöhn­lich war die­ser klang­li­che Auf­takt dann doch nicht. Denn Kor­stick macht mit fes­tem Anschlang und unnach­gie­bi­ger Klar­heit jede noch so klei­ne Ver­äs­te­lung der kom­po­si­to­ri­schen Struk­tur extrem deutlich.

Über die fol­gen­de Beet­ho­ven-Sona­te, die Num­mer 31 (in As-Dur) möch­te man am liebs­ten den gnä­di­gen Man­tel des Schwei­gens decken. Denn was der ger­ne als „Dr. Beet­ho­ven“ titu­lier­te Kor­stick, der sich mit sei­ner Gesamt­auf­nah­me der Beet­ho­ven­schen Kla­vier­so­na­ten zu recht einen guten Namen auf die­sem Gebiet gemacht hat, hier ablie­fer­te, war nicht gera­de ein pia­nis­ti­sches Glanz­stück: Mit ein­falls­los unmo­du­lier­tem, gna­den­los har­ten Anschlag arbei­tet er sich in nüch­terns­ter Beam­ten­ma­nier durch die Noten und lässt mit unbarm­her­zi­ger Schär­fe die Sona­te split­tern und bers­ten wie eine Glas­schei­be. Das ent­wi­ckelt manch­mal, vor allem im drit­ten Satz, durch­aus einen gewis­sen Charme, bleibt ins­ge­samt aber ziem­lich langweilig.

Die zwei­te Kon­zert­hälf­te ver­sprach da Bes­se­rung. Denn nun zog Kor­stick durch das Grenz­ge­biet zwi­schen Spät­ro­man­tik und Imrpes­sio­nis­mus. Aber auch dort ließ er in dem einen und ande­ren Schar­müt­zel so eini­ge Federn. Spä­tes­tens bei Charles Koech­lins „Au loin“ wur­de Kor­sticks Metho­de, die Melo­die­stim­me in wirk­lich jedem Moment über­deut­lich aus dem Klang­ge­sche­hen her­vor­zu­he­ben, end­gül­tig zur Marot­te. Damit mach­te er so ziem­lich jede klang­li­che Deli­ka­tes­se die­ser wun­der­ba­ren Kom­po­si­ti­on zunich­te. Aber dann gab es inmit­ten die­ser Wüs­te­nei doch immer wie­der Momen­te, in denen ihm die Ver­zü­ckung wirk­lich gelang. Die­ses Pen­deln zwi­schen den bei­den Polen, die­ser Wech­sel zwi­schen gekonn­ter klang­li­cher Ima­gi­na­ti­on und purer vir­tuo­ser Schau­kunst, blieb aller­dings rät­sel­haft und ein wenig ver­stö­rend. Erst mit Liszts „Val­lée d’Obermann“ (aus dem ers­ten Teil der Années de pèle­ri­na­ge) lös­te sich das. Denn hier konn­te er die ima­gi­nier­te Land­schaft und die lite­ra­ri­schen Bezü­ge ganz kon­kret und dra­ma­tisch mit Leben fül­len: Düs­ter und nach­denk­lich zögernd zu Beginn, mit nur ganz weni­gen Auf­hei­te­run­gen am schwarz dräu­en­den Him­mel zog es ihn Schritt für Schritt zur mäch­tig dnner­nen­den Ent­la­dung. Dass sol­che ein Kon­zert­schluss eini­ge Zuga­ben erfor­der­te, war dann wahr­lich selbstverständlich.

west und ost friedlich vereint im meisterkonzert

Die Blech­blä­ser schei­nen ein wenig ner­vös zu sein, vor die­sem Kon­zert in der Rhein­gold­hal­le. Bis zur letz­ten Minu­te üben sie noch ihre Soli. Das ist ja auch kein Wun­der, denn das ers­te Stück besteht eigent­lich nur aus Soli für Blä­ser und Schlag­zeu­ger: Aaron Cop­lands „Fan­fa­re for the Com­mon Man“ mach­te den Beginn beim Meis­ter­kon­zert. Und es ist ein aus­ge­spro­chenn pas­sen­der Auf­takt. Denn das Kon­zert trug schließ­lich den Titel „Aus Ost und West“. Bevor die Klang­rei­se im zwei­ten Teil aber in den Osten ging, blieb die Deut­sche Staats­phil­har­mo­nie nach der geglück­ten Cop­land-Eröff­nung noch ein wenig im Wes­ten. Im tiefs­ten Wes­ten sozusagen.

Denn das Vio­lin­kon­zert von Samu­el Bar­ber ist eben­falls eine echt ame­ri­ka­ni­sche Musik. Da passt es natür­lich, dass die Solis­tin auch aus den USA kommt. Anne Aki­ko Mey­ers erfüllt ihren Part mit rou­ti­niert-sou­ve­rä­ner Genau­ig­keit – auch im vir­tu­os wir­beln­den Per­pe­tu­um Mobi­le des drit­ten Sat­zes. Mit kla­rem und deut­li­chen Ton, der trotz­dem fül­lig blieb und immer wie­der auch mit groß­zü­gi­gem Vibra­to dient geriet das an man­cher Stel­le viel­leicht ein Tick zu prot­zig. Dabei hät­te sie das gar nicht nötig, wie die erfri­schend luzi­de Gestal­tung des ers­ten Sat­zes zeig­te. Aber ande­rer­seits kommt bei Bar­ber eben ohne Sen­ti­men­ta­li­tät auch nicht weit. Und gemein­sam mit dem Diri­gen­ten der Staats­phil­har­mo­nie Geor­ge Peh­li­va­ni­an dosiert sie die sehr genau – so genau, dass das Vio­lin­kon­zert nie zum Kitsch wird.

Den Osten durf­te in der Rhein­gold­hal­le die 15. und letz­te Sym­pho­nie von Dimi­t­ri Schost­a­ko­witsch reprä­sen­tie­ren. Die stellt sich hier als ein gro­tes­ker Zau­ber­gar­ten, voll­ge­stopft mit aller­lei abson­der­li­chen Kurio­si­tä­ten, vor. Und der klei­ne drah­ti­ge Liba­ne­se auf dem Diri­gen­ten­po­dest hat sei­ne Freu­de dar­an, hat hör- und sicht­bar Spaß am über­dreh­ten Absur­di­stan die­ser Sym­pho­nie. Die Schär­fe, mit der Geor­ge Peh­li­va­ni­an das Klang­bild kon­tu­riert, die Klar­heit, mit der er die vie­len Schnit­te die­ses Monu­men­tes akzen­tu­iert, das ist gro­ße Klas­se. Und wie er dann in einem win­zi­gen Wim­pern­schlag umschal­tet auf die epi­sche Tra­gik der lang­sa­men Sät­ze, das ist ein­fach wun­der­bar. Denn gera­de die genau aus­ba­lan­cier­te Mischung aus­ge­spiel­ter Mat­tig­keit und locke­re Tol­le­rei zeich­net sei­ne Dar­bie­tung der letz­ten Sym­pho­nie des Rus­sen aus. Und dafür bekam er zurecht groß­zü­gi­gen Beifall.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

gar nicht schlecht: „ein deutsches requiem“ von brahms in michelstadt

Die Kon­kur­renz ist nicht gera­de klein. Land­auf, land­ab steht es momen­tan auf dem Pro­gramm, die CD-Rega­le quil­len über von Ein­spie­lun­gen. Und doch wagt es der Michel­städ­ter Deka­nats­kir­chen­mu­si­ker Hans-Joa­chim Dum­ei­er, „Ein deut­sches Requi­em“ von Johan­nes Brahms auf­zu­füh­ren. Das ist nie ein leich­tes Unter­fan­gen. Denn nicht nur ist die­se Trau­er­mu­sik aus­ge­spro­chen bekannt, son­dern auch noch dazu recht schwie­rig – für Chor und Orches­ter genau­so wie für die bei­den Solis­ten. Des­halb haben sich in der Michel­städ­ter katho­li­schen Kir­che die Kan­to­rei­en aus den bei­den Deka­na­ten Oden­wald und Rein­heim zu einem gro­ßen Kon­zert­chor zusam­men­ge­tan, um das Groß­werk gemein­sam zu stem­men. Und sie haben noch die Hei­del­ber­ger Kur­pfalz­phil­har­mo­nie gemie­tet sowie zwei Solis­ten enga­giert. Die Stim­mung am Toten­sonn­tag ist ent­spre­chend ange­spannt und erwar­tungs­voll: Schon früh sind die Bän­ke der katho­li­schen Kir­che St. Sebas­ti­an voll besetzt.

Und dann geht es end­lich los: Die groß­ar­ti­gen ers­ten Tak­te des deut­schen Requi­ems erklin­gen, mit den tie­fen Strei­chern schleicht sich Dum­ei­er ganz sacht und fle­xi­bel hin­ein in die Welt des deut­schen Requi­ems, in das Gebiet der Trau­er, in den Bereich von Tod und ewi­gen Leben. Ein gemäch­li­ches Tem­po schlägt er an. Und formt den ers­ten Satz damit zu einer Musik von gro­ßer Ruhe und Kraft. Mit Hin­ga­be kos­tet er gemein­sam mit den Cho­ris­ten jeden Takt voll aus – und dar­über kann es auch schon mal pas­sie­ren, dass er den Über­blick ein klei­nes biss­chen zu ver­lie­ren scheint.Das ist aller­dings weit weni­ger stö­rend als die man­geln­de Sorg­falt und das holz­schnitt­ar­ti­ge Gedu­del des Orches­ters, das sich an die­sem Tag wahr­lich nicht mit Ruhm bekle­ckert. Der zwei­te Satz erfüllt die imma­nen­te Gän­se­haut-Garan­tie wie­der­um ganz pro­blem­los. Nur scha­de, dass die Kur­pfalz­phil­har­mo­nie den Anfeue­run­gen Dum­ei­ers wie­der kaum fol­gen mag. Der gab hier näm­lich alles: Mit Faust­schlä­gen, Stö­ßen, und Haken malt, zeich­net und formt er sei­ne Klang­vor­stel­lung in die Luft. Und der Chor folgt ihm dabei wun­der­bar: Herr­li­che Kon­tras­te und kräf­ti­ge Impul­se ver­bin­den sich zu wun­der­bar geform­ten gro­ßen Bögen und schwin­gen breit im schö­nen Abschluss aus: Eine Musik vol­ler Gewiss­heit einer Zeit der Erlö­sung von Leid und Schmerz.

Auch wei­ter­hin ist es vor allem der Chor, der die beson­de­ren Akzen­te setzt. Die bei­den Solis­ten kamen da nicht so recht her­an: Peter Ares­tov sang aus­ge­spro­chen pathe­ta­isch-thea­tra­lisch – aber nie so beseelt und begeis­tert wie die Ama­teu­re. Und die etwas ange­strengt-schril­le Stim­me der Sopra­nis­tin Sig­run Haa­ser war nicht nur kaum zu ver­ste­hen, son­dern auch recht ein­di­men­sio­nal in der Klanggestaltung.

Sol­che Pro­ble­me hat­te der Chor über­haupt nicht. Die Sorg­falt der Erar­bei­tung, die vie­le Pro­ben­zeit, die ein sol­ches Groß­pro­jekt erfor­dert, wur­den von den Sän­ge­rin­nen und Sän­gern immer wie­der nicht nur in sorg­fäl­ti­ge Klän­ge, son­dern vor allem in enga­gier­ten Aus­druck umge­setzt. Bes­tes Bei­spiel dafür: Der hoch­dra­ma­tisch ange­leg­te sechs­te Satz mit den groß­ar­ti­gen Chor­pas­sa­gen, die hier schon fast höh­nisch fra­gen: „Tod, wo ist dein Sta­chel?“. Das ist ohne Zwei­fel der abso­lu­te Kul­mi­na­ti­ons­punkt an die­sem Sonn­tag­nach­mit­tag: Die unge­bro­che­ne Gewiss­heit, dass der Tod kei­nes­wegs das letz­te Wort haben wird.

(so stand es am 27.11.2007 im oden­wäl­der echo und hat eini­ge reak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen, zu denen ich mich hier im blog noch ein­mal geäu­ßert habe)

gewagt und gewonnen: die rheinische orchesterakademie spielt webern, schubert und strauss

Es ist wie­der ein­mal ein aus­ge­spro­chen anspruchs­vol­les Pro­gramm, dass sich die Rhei­ni­sche Orches­ter­aka­de­mie Mainz (ROAM) für ihre ach­te Arbeits­pha­se vor­ge­nom­men hat­te. Wer ein Kon­zert mit Anton Weberns Pas­sa­ca­glia eröff­net, beweist zumin­dest ein­mal ordent­li­ches Selbst­ver­trau­en. Aber das Wag­nis lohnt sich, wie das Abschluss­kon­zert im Schloss zeig­te. Denn die Mischung aus for­ma­ler Kon­zen­tra­ti­on und Schwel­gen im noch spät­ro­man­ti­schen Klang gelang den jun­gen Musi­kern erstaun­lich gut. Vor allem dank der stren­gen Hand des Diri­gen­ten Manu­el Nawri blieb das Opus 1 Weberns trotz sei­ner kom­ple­xen Struk­tu­ren klar und über­schau­bar: Pure Span­nung und rei­ne Inten­si­tät – ein wirk­lich beein­dru­cken­der und ver­hei­ßungs­vol­ler Auf­takt. Und es ging auf hohem Niveau wei­ter: Mit den „Vier letz­ten Lie­dern“ von Richard Strauss führ­te der Weg ein Stück zurück in die „ech­te“ Spät­ro­man­tik. Die Orcehster­lie­der sind zwar erheb­lich spä­ter als die Pas­sa­ca­glia kom­po­niert wor­den, leben aber noch ganz aus und im Geist der spä­ten Romantik.

Die Solis­tin Bet­sy Hor­ne sang das über wei­te Pas­sa­gen sehr zurück­ge­nom­men und wun­der­bar in den Orches­ter­klang inte­griert. Nie exal­tiert, aber doch immer ange­spannt, klar fokus­siert und so natür­lich, wie solch kunst­vol­le Lie­der über­haupt noch zu sin­gen sind. Fein­sin­nig gestal­tet und sen­si­bi­li­siert für feins­te Nuan­cen: In die­ser fast über­spann­ten ner­vö­sen Emp­find­lich­keit traf sie sich genau mit dem Orches­ter. Das hat­te jetzt sei­ne Klang­dich­te und vor allem die beweg­li­che Geschmei­dig­keit noch ein­mal spür­bar gestei­gert. Alle waren aller­dings auch fest ent­schlos­sen, nicht zu über­trei­ben, der Emp­find­sam­keit nicht voll­ends nach­zu­ge­ben – das macht die­se Lie­der in ihrer sanf­te Form- und Klang­ge­bung zu wun­der­ba­ren Juwe­len des Abschie­des, die in ihren letz­ten Tönen doch noch viel Zukunft verheißen.

Die ROAM ließ die­se Ver­hei­ßung aller­dings erst ein­mal hin­ter sich und mach­te sich noch ein gutes Stück wei­ter in die Ver­gan­gen­heit auf: Zu Schu­berts vier­ter Sin­fo­nie, der „Tra­gi­schen“. Jetzt wech­sel­ten sich fei­ne Ara­bes­ken immer wie­der mit aus­ge­spro­chen mas­si­ve Klän­gen. Manu­el Nar­wi sorg­te für ein ein­fühl­sa­mes Glei­ten durch die Par­ti­tur. Selt­sam nur, dass bei­de Mit­tel­sät­ze so deut­lich abfie­len – da fehl­te schlicht zuviel inne­re Span­nung als Antriebs­fe­der. Die Eck­sät­ze dage­gen lie­fen wie am Schnür­chen: Die­se vita­le Musik spiel­te die ROAM mit hör­ba­rer Freu­de und Enthusiasmus.

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