Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: klassik Seite 7 von 11

Fünf Rei­hen über die gan­ze Brei­te des Haupt­schif­fes benö­ti­gen sie: Die Main­zer Dom­chö­re bie­ten für „Ein deut­sches Requi­em“ von Brahms alles auf. Und den­noch stimmt das Sprich­wort „Mas­se statt Klas­se“ sel­ten so wenig wie an die­sem Nach­mit­tag. Denn der Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft kann bei­des ver­ei­nen: Mas­se mit gro­ßer Klasse.

Der Dom-Akus­tik mag es geschul­det sein, dass er vor allem auf die gro­ßen Bögen setzt, die weit an- und abschwel­len­den Span­nungs­ver­läu­fe. Vor allem in den Anfän­gen spen­det das nur wenig Trost, dafür aber ganz viel Trau­er: Und je tie­fer die Trau­er, des­to gewich­ti­ger ist auch die Erlö­sung im Glau­ben, die die­ses Musik ver­spricht. Eine tie­fe Ernst­haf­tig­keit und vol­le Hin­ga­be prä­gen die­ses deut­sche Requi­em. Sei­ne extre­me Expres­si­vi­tät der über­wäl­ti­gen­den Gefüh­le wird im Dom mit star­ken Kon­tras­ten beson­ders weit aus­ge­lo­tet. Scha­de nur, dass Breit­schaft dem Main­zer Kam­mer­or­ches­ter so wenig Auf­merk­sam­keit wid­met. Oder dass die Instru­men­ta­lis­ten ihn so wenig beach­ten. Jeden­falls ist das deut­sche Requi­em im Dom ganz und gar eine Chor­mu­sik – mit bloß beglei­ten­den­dem Orches­ter. Und mit zwei Solis­ten: Der Bari­ton Bert­hold Pos­se­mey­er gibt alles, setzt jedes Quänt­chen Kraft und Druck sei­ner Stim­me ein. So schafft er im drit­ten Satz eine phä­no­me­nal wuch­ti­ge Beleh­rung: Jeder Buch­sta­be ist hier deut­lich arti­ku­liert und prä­gnant geformt. Und dann ist das Gan­ze auch noch zu einer kla­ren Linie ver­bun­den, schwingt sich ganz har­mo­nisch mit dem Chor zusam­men zu neu­en Höhen auf. Sei­ne Kol­le­gin Katha­ri­na Woll­witz konn­te die­ses Niveau nicht mehr ganz errei­chen. In dem mitt­ler­wei­le emo­tio­nal sehr auf­ge­la­de­nen Kon­text blieb sie doch zu zurück­hal­tend und unschein­bar. Zumin­dest beim Brahms. Die ein­lei­ten­de Bach-Kantate“Ich hat­te viel Beküm­mer­nis“ – für die das Publi­kum aller­dings erst noch auf den Orga­nis­ten war­ten muss­te – lag ihr hör­bar mehr. Auch John Pier­ce, der kurz­fris­tig für den erkran­ten Mar­tin Erhard ein­sprang, brach­te dort sei­ne gewohn­ten Qua­li­tä­ten ins Spiel. Doch auch bei die­sem Auf­takt war der Chor, zwar noch in redu­zier­ter Beset­zung, schon ein­deu­tig die Haupt­sa­che. Die Chor­sät­ze über­zeu­gen beson­ders, weil sich die Sän­ger von Mathi­as Breit­schaft spür­bar mit­rei­ßen las­sen und die Schluss­fu­ge mit einem wahr­haft begeis­ter­ten „Alle­lu­ja“ krönten.

virtuose leichtigkeit ganz klassisch

ein schö­ner, unkom­pli­zier­ter, klas­si­scher kla­vier­abend im frank­fur­ter hof mit alex­ei volo­din aus der rei­he „inter­na­tio­na­le pia­nis­ten in mainz”:

Bach, Beet­ho­ven, Cho­pin und Liszt – viel klas­si­scher kann ein Pia­nist sei­nen Kla­vier­abend kaum gestal­ten. Aber es kommt ja dar­auf an, was man dar­aus macht. Und Alex­ei Volo­din mach­te im Frank­fur­ter Hof eine Men­ge dar­aus. Von Anfang an konn­te er das Publi­kum im voll besetz­ten Saal begeis­tern. Schon Bachs sechs­te Par­ti­ta wur­de bei ihm zu einem span­nen­den Erleb­nis: kno­chen­tro­cken und kon­zen­triert, kom­pakt und immer ganz und gar gelas­sen fegt er durch die Tanz­sät­ze, in jedem Moment locker bis in alle zehn Fingerspitzen.

Über­haupt die Leich­tig­keit! Tech­ni­sche Schwie­rig­kei­ten beein­dru­ckend ihn gar nicht: Leicht und schwe­bend macht er sich auf in die Appas­sio­na­ta, zau­bert iri­sie­ren­des Flim­mern aus dem Flü­gel. Natür­lich kann er auch aus­ge­spro­chen kräf­tig hin­lan­gen – aber das ist ihm nicht die Haupt­sa­che. Im Gegen­satz, es scheint ihm in Beet­ho­vens 23. Kla­vier­so­na­te nur ein not­wen­di­ges Übel zu sein. Viel mehr geht es ihm offen­bar dar­um, die Musik aus den über­la­gern­den Schich­ten des Pathos der letz­ten zwei­hun­dert Jah­re zu befrei­en. Eine phä­no­me­na­le Klar­heit und Deut­lich­keit prä­gen des­halb sei­ne for­mal stren­ge Interpretation.

Im zwei­ten Satz gerät die Gren­ze zur Lako­nie dann durch­aus das eine oder ande­re Mal in Sicht­wei­se – aber er über­schritt sie nie auch nur einen Mil­li­me­ter. Immer wie­der beein­druckt dage­gen die zar­te Innig­keit sei­ner Klang­ge­stal­tung, die ganz ohne roman­ti­sche Ver­klä­rung aus­kommt und den­noch ver­zückt. Selbst den Don­ner­hall des Shclus­ses stampft Volo­din dann ganz radi­kal auf den musi­ka­li­schen Kern ein – nur weni­ge Pia­nis­ten redu­zie­ren das gan­ze Bim­bo­ri­um so weit, um zur wah­ren Musi­ka­li­tät vorzudringen.

Über­haupt die Schlüs­se! Da läuft der jun­ge rus­si­sche Pia­nist immer wie­der zur Hoch­form auf. Auch bei Cho­pins Impromp­tus sind es immer wie­der die letz­ten Tak­te, die beson­ders fas­zi­nie­ren. Zwar gibt Volo­din sei­ner Ver­an­la­gung zum rausch­haf­ten Klang­zau­ber hier erheb­lich wei­ter nach als zu Beginn des Abends – sei­ne stu­pen­de Vir­tuo­si­tät erlaubt es ihm trotz­dem, reiz­vol­le Klang­fol­gen zu schaf­fen. Doch so rich­tig aus­le­ben durf­te er sei­ne phä­no­me­na­le Fin­ger­fer­tig­keit vor allem in den „Rémi­nis­cen­ces de Don Juan“ von Franz Liszt, die sein Auf­tritt in der Rei­he der „Inter­na­tio­na­len Pia­nis­ten in Mainz“ been­de­ten. Das ist zwar unter ande­rem auch eine Hul­di­gung an Mozart, aber vor allem ein rasan­tes Vir­tuo­sen­stück. Und genau so spielt es Volo­din auch: Mit Effekt und Phan­ta­sie tobt er durch die aber­tau­send Noten – und scheint nicht ein­mal beson­ders beein­druckt vom pia­nis­ti­schen Anspruch. Dem Publi­kum impo­niert er damit aber umso mehr.

mal sehen was passiert: thomas quasthoff singt jazz

und es klingt genau so, wie man sich es vor­stellt, wenn ein klas­sisch aus­ge­bil­de­ter (und guter!) sän­ger jazz singt. nicht schlecht, nur – für mich – aus­ge­spro­chen lang­wei­lig, weil eigent­lich voll­kom­men vor­her­seh­bar und erwart­bar. ab und an gibt’s immer­hin ver­su­che der frei­heit, des befrei­ten klangs – aber das ist unge­fähr so authen­tisch wie der soul von mariah carey (ok, das war jetzt gemein …).

auch die auf dem cover (dazu spä­ter mehr) so hoch geprie­se­nen arran­ge­ments sind mei­nes erach­tens eher belang­los. im kern ist es eine soli­de jazz­band ver­sier­ter stu­dio­mu­si­ker, ab und an zur big­band erwei­tert, eini­ge mal auch durch das deut­sche sym­pho­nie-orches­ter abge­löst. aber da gab es schon vor 50 jah­ren span­nen­de­re sachen – wenn ich etwas an neil hef­tis arbei­ten für count basie den­ke. oder an so man­che auf­nah­me von stan kenton.

das ist aber über­haupt das pro­blem für mich mit die­ser cd: das ist letzt­lich halt ein­fach alles furcht­bar alt­mo­disch, tra­di­tio­nell, ja fast stau­big. ist es, so fra­ge ich mich bei so etwas immer wie­der, immer noch jazz, wenn man über jahr­zehn­te stets das­sel­be spielt? jaz­zi­ge musik ist es, klar. aber für ech­ten jazz braucht es in mei­nen augen (und ich mag da etwas radi­kal sein) mehr, näm­lich unbe­dingt einen kon­takt zur jetzt­zeit, eine kom­mu­ni­ka­ti­on mit der gegen­wart, die sich akus­ti­sche nie­der­schlägt – hät­te jazz das nicht geleis­tet, wäre er nie so wich­tig und inter­es­sant gewesen.

wolf kamp­mann wirft die­se fra­ge im book­let auch auf, ohne sie aber zu beant­wor­ten. über­haupt, das book­let – kamp­mann schät­ze ich ja eigent­lich sehr. aber so eine schlei­me­rei wie das hier … und nur, weil das alles für die vita von tho­mas quast­hoff und pro­du­zent (und gast­so­list) till brön­ner rele­van­te musik sein soll, muss ich mir das ja nicht unbe­dingt anhö­ren – das ist doch ein abso­lut pein­li­cher fehl­schluss. und genau so geht mir halt das gan­ze ver­mark­tungs­ge­seie­re gehö­rig auf den wecker. natür­lich muss hier alles wie­der schön in der aus­ge­lutsch­ten song-form, schön brav im radio-kom­pa­ti­blen drei-minu­ten-for­mat sein – das haben ech­te jaz­zer auch schon vor fünf­zig jah­ren hin­ter sich gelas­sen. und natür­lich muss der name von tho­mas quast­hoff – der hier nur singt, nichts arran­giert, diri­giert, kom­po­niert, impro­vi­siert – pro­mi­nen­ter als alles ande­re sein. und die krö­nung ist natür­lich die bei­lie­gen­de wer­bung für klin­gel­tö­ne mit musik aus die­sen auf­nah­men – deut­li­cher kann man doch die angeb­lich so heh­ren bemü­hun­gen der künst­ler gar nicht ad absur­dum führen …

nach­dem das drum­her­um (ach ja: der sound ist übri­gens aus­ge­spro­chen mit­tel­mä­ßig, sehr unecht, total auf die stim­me kon­zen­triert, klignt sehr zusam­men­ge­setzt) jetzt aber auch noch ein paar wor­te zur musik: zu hören sind songs von gershwin und kon­sor­ten wie fre­de­rich loe­we und rod­ger & hart (also eher musi­cal-/broad­way- als jazz-kom­po­nis­ten …). aber lei­der zu hören ohne impro­vi­sa­ti­on, ohne sinn. und dann kommt aus­ge­rech­net dazu noch die anma­ßung, das gan­ze the jazz album zu nen­nen. immer­hind wird dann im book­let auch noch jeder kopist (natür­lich hat jeder arran­geur sei­nen eige­nen – wozu eigent­lich im zeit­al­ter des com­pu­ters?) nament­lich erwähnt – nur das raum­pfle­ger-team der stu­di­os haben sie vergessen …

alles in allem ist es für mei­nen geschmack auch noch viel zu nahe am kitsch gebaut (aller­dings alle­mal bes­ser, als wenn pop­sän­ger klas­sik zu sin­gen ver­su­chen). ohne fra­ge ist es immer­hin – was ande­res wäre aber auch sehr ver­wun­der­lich – gesangs­tech­nisch eine wun­der­schö­ne sache. etwa smi­le oder in my soli­tu­de – in die­sen schmon­zet­ten kann quast­hoff schon eini­ges bie­ten. aber jazz? mit vie­len fra­gen­zei­chen und klam­mern höchs­tens, eigent­lich ist nur die reka­pi­tu­la­ti­on einer frü­her mal aktu­el­len musik, die schon damals kaum noch jazz war, heu­te aber eben in mei­nen augen das recht auf die­sen ehren­ti­tel ver­lo­ren hat.

tho­mas quast­hoff: the jazz album. watch what hap­pens. deut­sche gram­mo­phon 2007.

grandios: ralf otto mit mendelsohn bartholdys „elias“

Unver­rück­bar fest und breit steht er da. Dann fängt Peter Lika an zu sin­gen, zu toben und zu fle­hen, zu don­nern und zu schmei­cheln – ohne sich auch nur einen Deut zu bewe­gen, zieht er als Eli­as sämt­li­che Regis­ter. Und es ist sofort klar: Das wird ein beson­de­rer Abend, hier in der Chris­tus­kir­che. Dass der „Eli­as“ von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy mit dem Bach­chor unter Ralf Otto ein Genuss wer­den wür­de, das war auch zu erwar­ten. Denn dafür hat Otto in den ver­gann­gen Jah­ren zu viel Gespür und Kön­nen bewie­sen, um etwas ande­res auch in der noch recht jun­gen Tra­di­ti­on der Kon­zer­te zum Tag der Deut­schen Ein­heit her­vor­zu­ru­fen. Der Fei­er­tag ist ihm vor allem ein schö­ner Anlass zur Auf­füh­rung gro­ßer Chor­wer­ke – einen beson­de­ren, poli­ti­schen Grund soll­te man ihm bei der Wahl des „Eli­as“ wohl nicht unter­stel­len. Jeden­falls ist es ein Abend der Schön­heit, der über­wäl­ti­gend mit­rei­ßen­den dra­ma­ti­schen Musik.

Die Prä­senz aller Betei­lig­ten vom Anfang an ist beein­dru­ckend. Der Bach­chor ist natür­lich wie­der in vol­ler Schön­heit und Leben­dig­keit zu hören. Denn Ralf Otto spart wahr­lich nicht an groß­ar­ti­gen Kul­mi­na­ti­ons­punk­ten, an dra­ma­ti­scher Wir­kung. Sein Zau­ber­wort ist dabei vor allem die Prä­zi­si­on. Nicht nur cho­risch gilt das als Leit­wort, auch sonst ach­tet Otto auf Genau­ig­keit. So ist auch das bewähr­te Orches­ter L‘arpa fest­an­te wie­der ein Fest für die Ohren, mit ihren his­to­ri­schen Instru­men­ten sor­gen sie für einen war­men, leben­di­gen und vor allem klar und durch­sich­ti­gen Orches­ter­klang. Doch Haupt­at­trak­ti­on bleibt – wie­der ein­mal – der Chor: Mit Beweg­lich­keit und Klang­fle­xi­bi­li­tät weiß er für sich ein­zu­neh­men. Und bei aller Nei­gung zum exak­ten Musi­zie­ren gelingt es Otto trotz­dem, nie kalt und mecha­nisch zu wer­den. Gera­de die klang­li­che Wär­me und das Mit­emp­fin­den prägt sei­ne Inter­pre­ta­ti­on hör­bar: groß ist das, stel­len­wei­se sogar groß­ar­tig. Aber zum Glück nie pathe­tisch oder pom­pös über­zo­gen, trotz aller emo­tio­na­ler und musi­ka­li­scher Wucht, die Otto dem „Eli­as“ mit­gibt. Denn er sorgt eben nicht nur für schö­ne Stel­len, son­dern der selbst­ver­ständ­li­che wir­ken­de Fluss, mit dem sich eines aus dem ande­ren wie von selbst ergibt, macht das Beson­de­re aus. Im zwei­ten Teil kann Otto zwar auch nicht zau­bern, aber trotz­dem wei­ter­hin vie­les gut machen. Hier spie­len sei­ne Solis­ten, ins­be­son­de­re der Sopran Ruth Zie­sak und die Altis­tin Ger­hild Rom­ber­ger, ihre vol­le Stär­ke aus. Ein Regen­gott ist Otto damit zwar noch nicht – aber man möch­te es fast ver­mu­ten, wenn man hört, wie plas­tisch und mit­rei­ßend er mit dem Bach­chor die Was­ser­strö­me auf das ver­trock­ne­te Isra­el strö­men lässt.

alex­an­der ghin­din quält sein instru­ment – und begeis­tert sein publikum:

Der Anspruch könn­te kaum höher sein, an die­sem Abend in Schloss Waldt­hau­sen. Alex­an­der Ghin­din hat sich für den Main­zer Musik­som­mer ein fast wahn­wit­zi­ges Pro­gramm auf­ge­bür­det: Extre­me Vir­tuo­si­tät, gepaart mit größ­ten Anfor­de­run­gen ans Musi­ka­li­tät und Gestal­tungs­kraft, die­se Mischung prägt das Pro­gramm des rus­si­schen Pia­nis­ten. Und er ist dem Anspruch gewapp­net. Ghin­din ist ein klas­si­scher Vir­tuo­se – ein Typ, der wohl nie aus­stirbt. Mit dem typi­schen thea­tra­li­schen Geha­be, dem wil­den Gri­mas­sie­ren und hef­ti­gem Gezap­pel auf der Kla­vier­bank. Aber auch mit den ent­spre­chen­den Tugen­den: Mit stu­pen­der Tech­nik und unbe­ding­ter Beherr­schung der pia­nis­ti­schen Anfor­de­run­gen wird selbst­ver­ständ­lich alles aus­wen­dig dar­ge­bo­ten. Aber er ist auch ein Musi­ker. Alex­an­der Skria­b­ins ers­te Kla­vier­so­na­te, mit der er sein Reci­tal eröff­ne­te, macht das unüber­hör­bar deut­lich. Aus­ge­spro­chen hörens­wert ist es, wie gelun­gen er sei­ne Inter­pre­ta­ti­on der Sona­te struk­tu­riert, wie er die for­ma­len Ver­läu­fe deut­lich und über­sicht­lich zum Klin­gen bringt und den­noch in kei­nem Augen­blick die Phan­ta­sie unnö­tig ein­schränkt. Den intro­ver­tier­ten Klän­ge des fina­len Trau­er­marschs ver­leiht er eine gehö­ri­ge Por­ti­on Span­nung. Von die­sem ver­zau­bern­den Ner­ven­kit­zel stürzt Ghin­din sich dann ganz hart und unver­mit­telt in die „Trois mou­ve­ments de Pétrouch­ka“ von Igor Stra­win­ski: Ein ein­zig­ar­ti­ges, froh­ge­mu­tes Getüm­mel. Die Nach­ah­mung des Orches­ters ist dem Kom­po­nis­ten in die­ser Kla­vier­fas­sung so gut geglückt, dass es kaum ein Pia­nist spie­len kann und mag. Ghin­din schreckt die Her­aus­for­de­rung nicht, im Gegen­teil: Gera­de die beson­de­re tech­ni­sche Schwie­rig­keit feu­ert ihn zu außer­ge­wöhn­li­cher Bril­lanz an, setzt ihn spür­bar unter Strom. Das don­nert und braust, klirrt und häm­mert, dröhnt und rauscht der­ma­ßen ent­hemmt , dass man fast um Gna­de für den Flü­gel bit­ten möch­te. Doch der ist noch lan­ge nicht erlöst, genau­so wenig wie sein Bew­zin­ger. Denn der wah­re Prüf­stein erst steht am Ende des Pro­gramms: Franz Liszts h‑Moll-Sona­te. Und hier stößt Ghin­din dann im Schloss Waldt­hau­sen doch noch an sei­ne Gren­zen – was ihn immer­hin wie­der etwas mensch­li­cher macht. Denn sei­ne Dar­bie­tung die­ser ein­ma­li­gen Sona­te ist zwar tech­nisch bril­lant. Aller­dings fin­det er nicht immer das rech­te Maß, das ist mehr berauscht als berau­schend. Immer wie­der leuch­ten herr­li­che Abschnit­te auf, aber immer wie­der ver­sumpft Ghin­din auch zu sehr im Unge­fäh­ren, um das zu einer wirk­lich kon­szi­sen Dar­stel­lung zu ver­bin­den. Noch ein paar Jah­re mehr Erfah­rung, und das könn­te etwas Gro­ßes wer­den. Die Tech­nik dafür steht ihm jeden­falls zur Verfügung.

anna netrebko: opernstar der neuen generation oder publikumshure?

Es ist schon ein wenig erstaun­lich: Da über­nimmt eine nur weni­gen Insi­dern wirk­lich bekann­te Sän­ge­rin eine Rol­le bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len – und kurz dar­auf ist die gan­ze Welt ver­rückt nach Anna Netreb­ko. Dafür gibt es meh­re­re Grün­de, ihre stimm­li­chen Fähig­kei­ten und ihre Gesangs­küns­te sind nur ein Teil davon. Unbe­dingt dazu gehö­ren auch ihre Attrak­ti­vi­tät, ihre Aus­strah­lung auf der Opern­büh­ne und natür­lich eine ganz gehö­ri­ge Por­ti­on Mar­ke­ting. Aber viel mehr scheint hin­ter dem Coup dann doch nicht zu stecken.
Das ist zumin­dest das Ergeb­nis aus Mari­an­ne Reis­sin­gers „Por­trät“ und Gre­gor Dolaks Über­le­gun­gen, den ers­ten bei­den umfang­rei­che­ren, als Buch erschie­nen Ver­su­chen über Per­son und Erfolg der Netreb­ko. Viel­leicht lässt sich auch noch fest­hal­ten, dass es sich bei der Star­so­pra­nis­tin um einen mehr oder min­der ego­ma­nisch ver­an­lag­ten Cha­rak­ter han­delt, der nach Auf­merk­sam­keit und Publi­kum giert – so direkt mag das aber kei­nen der bei­den sagen.
Dolak, Musik­re­dak­teur beim „Focus“, macht die rus­si­sche Sopra­nis­tin dafür gleich auch noch zum Pro­to­ty­pen eines „Opern­stars der neu­en Gene­ra­ti­on“. Aber das bleibt eine Behaup­tung, die von ihm nir­gends unter­mau­ert wird. Im Unter­schied zu der etwas zurück­hal­ten­de­ren Mari­an­ne Reis­sin­ger, auch als Musik­re­dak­teu­rin („Abend­zei­tung“) erprobt, wagt Dalok sich näher an die Per­son her­an und zitiert aus­führ­lich aus län­ge­ren Gesprä­chen. Reis­sin­ger dage­gen führt mit Vor­lie­be lan­ge, zuwei­len sehr lan­ge Pas­sa­gen aus rus­si­schen und deut­schen Kri­ti­ken an. Damit ist der Focus-Redak­teur viel zurück­hal­ten­der. Auf andem Gebiet legt er dafür mäch­tig vor: Als ech­ter Maga­zin-Jour­na­list fei­ert er ein wah­res Fest der Adjek­ti­ve und der aus­ge­wählt blu­mi­gen Spra­che – die Sopra­nis­tin wird da schon mal zur „sin­gen­den Köni­gin der Klatsch­spal­ten“. Nicht nur sprach­lich, auch inhalt­lich ist Reis­sin­gers Ver­such jedoch immer wie­der eine Spur exak­ter: Sie schaut genau­er auf die Fak­ten und ver­bleibt nicht so stark wie Dolak in der Per­spek­ti­ve des begeis­ter­ten Fans.
Doch bei­de bemü­hen sich, die Fra­gi­li­tät die­ses spe­zi­el­len Star­tums zu zei­gen, den Spa­gat zwi­schen ambi­tio­nier­ter Gesangs­kunst und Pop-Ver­mark­tung. Bei­de schwä­cheln dann lei­der auch auf einem eigent­lich zen­tra­lem Gebiet: Der Kri­tik oder wenigs­tens der Ana­ly­se der sän­ge­ri­schen Fähig­kei­ten und Inter­pre­ta­tio­nen der Netreb­ko. Über gröbs­te Schlag­wor­te oder Zita­te wol­len und kön­nen sie offen­bar nicht hin­aus kom­men. Und noch eines ist ihnen gemein­sam: Wirk­lich erklä­ren kön­nen sie weder Anna Netreb­ko noch ihren Erfolg.

Gre­gor Dolak: Anna Netreb­ko. Opern­star der neu­en Gene­ra­ti­on. Mün­chen: Hey­ne 2005. 255 Seiten.
Mari­an­ne Reis­sin­ger: Anna Netreb­ko. Ein Por­trät. Rein­bek bei Ham­burg: Rowohlt 2005. 205 Seiten.

erschie­nen in der zeit­schrift des deut­schen chor­ver­ban­des, der „neu­en chor­zeit”, aus­ga­be juli/​august 2007.

Nun ist es also wie­der so weit: Der Main­zer Musik­som­mer ist eröff­net. Wie immer geschah das im Dom mit einem gan­zen Bün­del fest­li­cher Musik. Die­ses Jahr hat­te sich der Dom­or­ga­nist Albert Schön­ber­ger dafür die Unter­stüt­zung des jun­gen Trom­pe­ters Tho­mas Ham­mes gesi­chert. Auch sonst war das ein Musik­som­mer-Beginn wie immer: Am Anfang des von SWR und der Stadt aus­ge­rich­te­ten Main­zer Somm­fes­ti­vals der klas­si­schen Musik stand wie­der ein klas­si­sches Albert-Schön­ber­ger-Kon­zert. Und das ver­heißt eine minu­ti­ös geplan­te Dra­ma­tur­gie, ein wei­tes Spek­trum viel­fäl­ti­ger Musik und nicht zuletzt musi­ka­li­sche Könnerschaft.
Das bedeu­tet unter ande­rem, dass er von der ers­ten bis zur letz­ten Minu­te voll dabei ist und in jedem Moment mit höchs­ter Kon­zen­tra­ti­on und Prä­zi­si­on die gro­ße Dom­or­gel bedient. Schon die eröff­nen­den Aus­schnit­te aus der „Suite Gothi­que“ von Léon Boëllmann machen das klar. Denn Schön­ber­ger ver­sagt sich hier – und nicht nur hier, son­dern den gan­zen Abend über – jede spek­ta­ku­lä­re Ges­te. So kann er sogar sol­che Schmacht­fet­zen par excel­lence wie das pseu­do-baro­cke „Celeb­re Ada­gio“, das immer noch ger­ne Toma­so Albi­no­ni unter­ge­ju­belt wird, doch noch und wie­der zu ech­ter Musik machen. Tho­mas Ham­mes hilft ihm mit sei­nem zar­ten, anschmieg­sa­men Ton und der voll­kom­me­nen Anpas­sungs­be­reit­schaft an die Orgel und ihren Meis­ter aber auch auf wun­der­ba­re, über­zeu­gen­de Weise. 
Und so nimmt der Main­zer Musik­som­mer immer mehr an Fahrt auf und streift nach aus­gie­bi­gen Streif­zü­gen im Barock mit dem Lar­go aus Dvo­raks Neun­ter Sin­fo­nie in einer Orgel­be­ar­bei­tung auch die Neue Welt. Sicher, manch­mal erscheint das fast zu vor­sich­tig und rück­sichts­voll, manch­mal ver­lie­ren sich die bei­den mit zuviel Lust am Detail schein­bar im klein­tei­li­gen Pro­gramm. Aber das macht nichts. Denn zusam­men ergibt das doch unbe­dingt einen atmo­sphä­risch sehr dich­ten Abend. Und die wah­ren Höhe­punk­te hat­ten sie sich natür­lich für den Schluss auf­ge­ho­ben. Zwar spiel­ten sie von Petr Ebens „Die Fens­ter“ lei­der nur den zwei­ten Satz, das „Grü­ne Fens­ter“. Und doch reich­te das, um zu fas­zi­nie­ren. Hier war die Span­nung am höchs­ten, hier erklang Musik, die nicht so leicht zu durch­schau­en ist. Schön­ber­ger konn­te zusam­men mit Ham­mes aber auch ganz aus­ge­zeich­net die fei­nen Fäden und die geheim­nis­vol­le Aura die­ser tönen­den Far­big­keit zie­hen, ohne sich dar­in zu ver­hed­dern. Doch es wäre kein Schön­ber­ger-Kon­zert gewe­sen, wenn nicht min­dest eine Impro­vi­sa­ti­on dabei wäre: Die war die­ses Mal recht knapp gehal­ten, ver­ein­te in der fina­len „Ver­söh­nung“ mit reich­hal­ti­gen Anklän­gen an das gan­ze Pro­gramm Tho­mas Ham­mes und Albert Schön­ber­ger in aus­ge­gli­che­ner Über­ein­stim­mung – ein unbe­dingt har­mo­ni­scher Aus­klang des Auftaktes. 

so habe ich es für die main­zer rhein-zei­tung geschrie­ben. aber eigent­lich stimmt das nicht ganz. denn mein wesent­li­ches pro­blem mit der musi­zier­wei­se schön­ber­gers ist mir in die­sem kon­zert wie­der (es war ja nicht das ers­te mal, das mir klar wur­de, das hier irgend etwas schief läuft) sehr klar gewor­den: er ver­ge­wal­tigt jede musik. und zwar vor­nehm­lich der­art, dass er sie nicht ernst nimmt. so, wie er sie aus­wählt, pro­gram­miert und auch spielt, negiert er fast mit jeder note die auto­no­mie, die eigen­ge­setz­lich­keit die­ser kunst­wer­ke. und das ist – in mei­nen augen – ein ziem­lich hef­ti­ges ver­bre­chen gegen­über den wer­ken, der musik und der kunst über­haupt. schön­ber­ger tut dies natür­lich nicht aus lau­ter mut­wil­len, son­dern auf­grund sei­ner auf­fas­sung der musik – als irgend­wie spi­ri­tu­el­le hil­fe zum ver­ste­hen des wesens got­tes (oder so ähn­lich, ich bin mir nie sicher, ob ich das typisch katho­lisch-spi­ri­tua­lis­ti­sche gere­de um das geheim­nis­vol­le wesen got­tes, das sich im den dom­kon­zer­ten irgend­wie (womit eigent­lich?) erspü­ren las­sen soll, rich­tig ver­ste­he. aber das ist auch nciht so wich­tig: ent­schei­dend ist (für mich), dass ich den sehr star­ken ein­druck habe, dass schön­ber­ger die auto­no­mie der von ihm gespiel­ten kom­po­si­tio­nen negiert (aus eben die­sem grund negie­ren muss!) – und das ist wohl der grund, war­um ich mich bei die­ser musik, trotz all ihrer kunst­fer­tig­keit, nie wohl­füh­le: weil das mei­nen ästhe­ti­schen über­zeu­gun­gen eben fun­da­men­tal widerspricht.

so langsam fängt es an zu nerven

die bericht­erstat­tung und/​oder kri­tik der inter­pre­ten-super­stars auf dem gebiet der klas­sik. der ers­te gro­ße fall war anna netreb­ko: anfangs waren alle begeis­tert (gut, man­che mehr und fach­lich weni­ger fun­diert als ande­re), bis ihnen dann nach einer wei­le der hype selbst auf die ner­ven ging und ihnen außer­dem auf­fiel, dass sie zwar gut oder auch sehr gut ist (in dem ein­ge­schränk­ten reper­toire, das sie bis­her zeig­te), dass das aber noch lan­ge nicht die­sen wahn­sinns­rum­mel und die­se ver­göt­te­rung, die­se ver­ab­so­lu­tie­rung recht­fer­tigt. und jetzt pas­siert schon wie­der so etwas, die­ses mal mit lang lang. gut, er hat der ernst­haf­ten kri­tik (die ja zunächst auch von ihm ziem­lich ange­tan war) eine steil­vor­la­ge gelie­fert, indem er mit sei­nen hit-kon­zer­ten auf open-air-tour­nee ging – das zeig­te auch dem letz­ten hörer und schrei­ber, wor­um es ihm wirk­lich geht – näm­lich eben nicht um die musik (egal was er beteu­ert), son­dern um geld und ruhm – das sind die ein­zi­gen grün­de, die so etwas legi­ti­mie­ren. die süd­deut­sche hat ihn dann hetue im gro­ßen auf­ma­cher des feuil­le­tons auch glatt als „musi­ken­ter­tai­ner” bezeich­net: das trifft das phä­no­men voll­kom­men. rein­hard brem­beck ver­sucht aber auch gleich­zei­tig, das gan­ze noch durch einen rekurs auf die geschich­te des kon­zert­we­sens zu ret­ten: „Sie alle ste­hen für eine Rück­kehr zu den Wur­zeln des Kon­zert­we­sens im 19. Jahr­hun­dert, als Klas­sik ein vor allem gesell­schaft­li­ches Ereig­nis war, bei dem weni­ger die Kunst als das Event im Vor­der­grund stand.” Das Pro­blem mit sol­chen Behaup­tun­gen: sie stim­men schon – irgend­wie. sie sind aber auch nicht ganz rich­tig. denn natür­lich hat brem­beck recht, wenn er die gro­ßen vir­tuo­sen­schau­stü­cke und ihre dar­bie­tun­gen (liszt, paga­ni­ni …) meint. aber das betrifft eben nicht das gan­ze 19. jahr­hun­dert. und auch nicht das gan­ze kon­zert­we­sen, son­dern nur einen teil. doch genau das ist ja das pro­blem – und der grund, war­um es sol­che phä­no­me­ne (wie lang lang) gibt: weil die medi­en, selbst die soge­nann­ten qua­li­täts­me­di­en, alles ver­schlag­wor­ten müssen.

Da hat er sich wie­der etwas aus­ge­dacht, der Michel­städ­ter Kir­chen­mu­si­ker Hans-Joa­chim Dum­ei­er: „Eine gro­ße Nacht­mu­sik“. Und groß ist die Musik in vie­ler­lei Hin­sicht. Auch wenn er sich die (fast) kür­zes­te Nacht des Jah­res für sein neu­es­tes Expe­ri­ment aus­ge­sucht hat. Ein Ver­such ist es, die gan­ze Nacht hin­durch zu musi­zie­ren und dabei „den Ver­lauf der Nacht auch musi­ka­lisch zu erle­ben“, wie Dum­ei­er sei­ne Idee erläu­tert. Doch die Michel­städ­ter sind das nächt­li­che Zuhö­ren inzwi­schen offen­bar gewöhnt – die Stadt­kir­che war jeden­falls gut gefüllt. 
Zunächst muss­te aber der Tag ver­ab­schie­det wer­den – noch war es drau­ßen ja auch recht hell, die Däm­me­rung hat­te ja gera­de erst ein­ge­setzt. Hans-Joa­chim Dum­ei­er und Wolf­gang Kör­ber taten das zusam­men, an der Orgel, mit Andre­as Will­schers „Ster­ben­der Tag in Mäh­ren“. Die­ser Tag in Mäh­ren ist aber recht hart­nä­ckig, er stirbt nur zöger­lich und mit einem kräf­ti­gen Auf­bäu­men. Mit die­ser kur­zen, mini­ma­lis­tisch beein­fluss­ten Musik war das Publi­kum dann bes­tens ein­ge­stimmt auf das, was da noch alles kom­men sollte. 
Stück für Stück ging es in der fol­gen­den Stun­de dann tie­fer ins Dun­kel der Nacht. Noch war unter dem Mot­to „Nach­klän­ge des Tages“ aller­dings eini­ges zu ver­ar­bei­ten an Erleb­nis­sen und Gedan­ken. Flo­ri­an und Elke Vogel­sang taten das etwa mit der viel­schich­ti­gen „Arpeg­gio­ne-Sona­te“ von Franz Schu­bert. Bevor nun aber an Nacht­ru­he zu den­ken war, lie­ßen Katha­ri­na Ger­big und Dani­el Heck mit ihren Block­flö­ten-Duos erst noch die Sze­ne­rie einer abend­li­chen Gesell­schaft auf­schei­nen. Und ihre vor­züg­lich musi­zier­te Aus­wahl vom Barock bis zur Jetzt­zeit stell­te neben­bei auch die Fami­lie der Block­flö­ten vor. 
Doch damit war das Tag­werk vor­erst zu Ende, nun zog der musi­ka­li­sche Mond­schein in die Kir­che ein – optisch ver­tre­ten durch die Ker­zen­be­leuch­tung. Die Klas­si­ker dazu spiel­te Sung­ma Schäff­ter: Den Anfang von Beet­ho­vens Mond­schein­so­na­te und natür­lich ein gefühl­vol­les, zum Glück aber jeden Anflug von Sen­ti­men­ta­li­tät ver­mei­den­des „Clai­re de Lune“ von Clau­de Debussy. 
Kurz vor Mit­ter­nacht wurd es dann wie­der span­nen­der und ner­ven­auf­rei­ben­der: Das lag zunächst Mar­tin Engel, der vor allem mit Cho­pins ers­tem Scher­zo eine hoch­dra­ma­ti­sche, wild-rasen­de Fahrt in dunk­le und kom­plex ver­win­kel­te Traum­wel­ten anbot. Zu Beginn der Geis­ter­stun­de zeig­ten Wolf­gan Kör­ber und Ernst Rup­pert mit Camil­le Saint-Saens „Dan­se macab­re“ die finstren, mori­bun­den Gestal­ten, die nun aus ihren Löchern krie­chen. Wäh­rend anstän­di­ge Bür­ger sol­che Schau­er­ge­schich­ten tief­schla­fend igno­rie­ren, sind unter­des­sen noch ganz ande­re Figu­ren unter­wegs: Denn um die­se Zeit der Nacht kommt so man­cher erst rich­tig in Fahrt. Die Jazz-Fans zum Bei­spiel. Die por­trä­tier­te Chris­toph Schöps­dau vor allem mit sei­ner Ver­si­on des Theo­lo­ni­us-Monk-Sta­nards „‘round mid­night“. Aber auch die Mit­te der Nacht blieb in der Stadt­kir­che nicht den Amü­sier­wil­li­gen über­las­sen: Peter Mar­tin stell­te mit Geor­ge Crumbs „Around mid­night“, das Mon­ks Klas­si­ker in viel­fäl­ti­ger Wei­se ver­ab­ei­tet und var­riert, avant­gar­di­sti­che Hoch­kul­tur ans Ende die­ser Stunde.
Danach frei­lich musst die E‑Musik doch das Feld räu­men. Die Big-Band der Musik­schu­le Oden­wald gab unter der Lei­tung von Jakob März eine Men­ge Klas­si­ker des Swing zum Bes­ten. Aber auch die Tanz­wü­tigs­ten müs­sen irgend­wann ein­mal schla­fen und träu­men. Und nach einem schlaf­wand­le­ri­schen Aus­flug in frem­de, vor­wie­gend süd­län­di­sche Län­der, grau­te dann auch schon der Mor­gen – und die ers­ten Vögel fan­gen an zu lär­men und sin­gen. Dafür muss­te natür­lich Oli­vi­er Mes­siaen her­hal­ten, bevor mit der sanf­ten „Mor­gen­stim­mung“ des Edvard Grieg die Nacht ganz fried­lich und behut­sam aus­klang. Und wer sich das alles ange­hört hat, der hat mit Sicher­heit mehr als genug Musik für die gan­ze Woche getankt – und er darf dann auch mal den Tag verschlafen. 

jasper van’t hof orgelt in mainz

Jas­per van‘t Hof ist so ein musi­ka­li­sches Cha­mä­le­on, das man nur immer wie­der stau­nend beob­ach­ten kann – was hat die­ser Pia­nist im Lau­fe sei­ner lan­gen Kar­rie­re nicht schon alles gemacht! Vom klas­si­schen Modern Jazz unter­nahm er immer wie­der Aus­flü­ge in alle Rich­tun­gen, zur klas­si­schen und vor allem zur Welt­mu­sikt. Und nicht ein­mal Kir­che ist ihm hei­lig – auch die Orgel erober­te er sich längst für sei­nen Jazz. Genau das Rich­ti­ge also für die Eröff­nung des Jazz­som­mers in der Chris­tus­kir­che. Denn der fing damit sehr viel­ver­spre­chend an. „Duo­log“ hat van‘t Hof sein Kon­zert über­schrie­ben, denn er war die­ses Mal nicht allei­ne auf der Orgel­em­po­re: Der Saxo­fo­nist Ulli Jüne­mann leis­te­te ihm Gesell­schaft. Aber die Ver­hält­nis­se waren sehr klar: Der Orga­nist ist hier der Chef. Und der Blä­ser darf sich ab und an mehr oder weni­ger zag­haft hin­zu­ge­sel­len, darf für etwas mehr Abwechs­lung und Far­be sor­gen. Denn bei aller Vir­tuo­si­tät, die der nie­der­län­di­sche Jaz­zer an den Tag leg­te: Die Mög­lich­kei­ten der Orgel nutz­te er nur sehr beschränkt, sie schien unter sei­nen Hän­den nur als ein etwas spe­zi­el­ler Syn­the­si­zer zu fun­gie­ren. Sei­ne Regis­ter­aus­wahl blieb sehr ein­sei­tig und lücken­haft. Er schien mit dem Instru­ment der Chris­tus­kir­che auch über­haupt nicht ver­traut: Immer wie­der pro­bier­te er mal die­ses oder jenes Regis­ter mit­ten im Spiel, um zu hören, was pas­siert. Es spricht aber für ihn, wie er mit der Situa­ti­on umging: Denn die so gese­hen man­gel­haf­te Vor­be­rei­tung nutz­te er immer wie­der als krea­ti­ve Anstö­ße für sei­ne Improvisationen. 
Die erschei­nen die meis­te Zeit aus­ge­spro­chen fil­misch. Veri­ta­ble Hör­fil­me sind es, klei­ne Expe­di­tio­nen ins farb­träch­ti­ge und fas­zi­nie­ren­de Reich der Natur­schön­heit viel­leicht. Auf jeden Fall eröff­nen sie der Phan­ta­sie und Vor­stel­lungs­kraft des Zuhö­rers wei­te Räu­me. Und aus den weit aus­la­den­den Pan­ora­men, die van‘t Hof mit sei­nen metrisch ver­track­ten Melo­dien und mini­ma­lis­ti­sche-repe­ti­ven Begleit­fi­gu­ren ent­wi­ckelt, ent­steht dann immer wie­der, den ganz lang­sa­men Kame­ra­schwenks und ihrer kaum merk­li­chen Per­spek­tiv­ver­schie­bung gleich, neue Zusam­men­hän­ge. Über­all fin­det er neue Schön­hei­ten, klei­ne Ara­bes­ken und ver­schnör­kel­te Lini­en, die nur einen Sinn und eine Daseins­be­rech­ti­gung haben: das Publi­kum zu erfreu­en. Und auch wenn sei­ne Metho­den leicht zu durch­schau­en sind und sei­ne Impro­vi­sa­tio­nen nicht immer vor Inspi­ra­ti­on sprü­hen, so gelingt ihm doch genau das: Eine akus­ti­sche Rei­se in ein irrea­les, geträum­tes Land der Schön­heit, ohne die läs­ti­gen Sor­gen und Gefah­ren des all­täg­li­chen Lebens. 

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