Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: klassik Seite 5 von 11

brahms-geburtstag, der 175.

Es ist fast wie bei einer Fami­li­en­fei­er. Nur der Jubi­lar ist lei­der nicht erschie­nen. Das wäre auch selt­sam, denn gefei­ert wur­de immer­hin der 175. Geburts­tag von Johan­nes Brahms. Die Musik­hoch­schu­le hat dazu in die Vil­la Musi­ca ein­ge­la­den. Bes­ser gesagt: Hans Chris­toph Bege­mann hat gebe­ten. Und als form­voll­ende­ter Gast­ge­ber begrüßt der Bari­ton Gäs­te selbst­ver­ständ­lich per­sön­lich – und erläu­tert auch erst­mal, wie das Pro­gramm rich­tig zusam­men­ge­setzt wer­den muss, damit die Lied­tex­te auch in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge ste­hen. Das war dann aber auch schon der ein­zi­ge Feh­ler, der hier passierte.

Denn der Lie­der­abend zu Ehren des Meis­ters gelang ihm ganz ausgezeichnet.Dafür hat er nicht ohne Plan im reich­hal­ti­gen Lied­schaf­fen des Jubi­lars gewil­dert, son­dern gezielt nach Lie­dern auf Tex­te von Georg Fried­rich Dau­mer gesucht. Der wur­de von Brahms zwar recht hoch geschätzt, von der Nach­welt aber kaum. Das ist durch­aus ver­ständ­lich, denn wirk­lich gro­ße Dich­tung sieht ein wenig anders aus. Aber wie so oft tut das den Lie­dern, sobald sie erklin­gen, über­haupt kei­nen Abbruch.

Doch der ver­ges­se­ne Dich­ter stört in der Vil­la Musi­ca nie­man­den. Denn der sym­pa­thi­scher Bari­ton lässt sich davon nicht wei­ter beein­flus­sen und legt sei­ne nicht unbe­trächt­li­che Kunst­fer­tig­keit in den Vor­trag. Mit sei­ner etwas kör­ni­gen Stim­me, die weder zu fins­ter noch zu strah­lend klingt, ist er genau der rich­ti­ge Mann, um den inti­men Salon der Vil­la Musi­ca pracht­voll aus­zu­fül­len. Vor allem aber, und das wür­de wohl Brahms und Dau­mer glei­cher­ma­ßen erfreu­en, sang er immer mit Gewicht und Nach­druck. Schließ­lich geht es ja auch um viel, um alles eigent­lich: Sehn­sucht, Lie­be, Ein­sam­keit, Tod – die klas­si­schen Lied­the­men der Roman­tik eben.

Der ganz kla­re Höhe­punkt in die­ser Rei­he war der Zyklus mit der Opus-Num­mer 32, der Dau­mer und August von Pla­ten zusam­men­führt. Bege­mann gelang es näm­lich, die Span­nung auch bei den alt­be­kann­ten Lie­dern immer wie­der neu auf­zu­bau­en: Alles ist ihm ernst, nichts geschieht leicht­hin – selbst Iro­nie und Witz sind Arbeit und künst­le­ri­sche Anstren­gung. Beson­ders sein ziel­ge­rich­te­tes Sin­gen ermög­licht die vol­le Ent­fal­tung jedes Lie­des: Nie ver­säumt er es, den Kern in Angriff zu neh­men, nie lässt er die Zuhö­rer im Zwei­fel, nie bleibt er undeutlich.

Und Tho­mas Sey­boldt unter­stützt ihn dabei auf ange­nehm prä­zi­se, unauf­dring­li­che Art nicht nur exakt, son­dern auch genau im Aus­druck – und dabei immer sehr syn­chron mit sei­nem Sän­ger: „Nur dein Gefühl ent­hül­le mir, dein wah­res!“ heißt es dabei ein­mal. Das hät­te ein wun­der­ba­res Mot­to für die­sen Abend sein kön­nen. Aber der Geburts­tag des Kom­po­nis­ten war eben naheliegender.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

schostakowitsch pur (fast)

Es war ein gewag­ter Ein­stieg: Mit Schost­a­ko­witschs Vio­la-Sona­te begann das vier­te Kam­mer­kon­zert im Staats­thea­ter mit dem Schluss. Aber der exklu­si­ve Zuhö­rer­kreis im Klei­nen Haus gou­tier­te das Wag­nis mit beson­de­rer Auf­merk­sam­keit und sorg­sam gespitz­ten Ohren.

Mit der Sona­te für Vio­la und Kla­vier schrieb der fast Sieb­zig­jäh­ri­ge Schost­a­ko­witsch am Ende sei­nes Lebens einen gro­ßen Abschied mit lau­ter klei­nen Abschie­den. Die Zeit hat hier nur noch eine Rich­tung: In die Ver­gan­gen­heit. Mal­te Schae­fer und Eri­ka le Roux spie­len das mit vor­sich­ti­ger Sorg­falt, fast skru­pu­lös. Und sie neh­men sich bei­de recht stark zurück: Das soll nicht ihre Musik wer­den, allein der Kom­po­nis­ten hat das Wort. Des­halb scheint die Musik auch immer so über­aus klar und glä­sern. Eri­ka le Roux am Kla­vier ist eine tro­cke­ne, prä­zi­se Beglei­te­rin ohne die Selb­stän­dig­keit je auf­zu­ge­ben. Und Mal­te Schae­fer spielt schlank und gedämpft, zurück­hal­tend, aber in jedem Moment beseelt. Selbst gro­ße Ges­ten, selbst das letz­te Auf­bäu­men und selbst das wie­der­keh­ren­de heroi­sche Auf­wal­len bleibt bei die­sem Duo herr­lich pathos­frei. Statt­des­sen kon­zen­trie­ren sie sich ganz auf das per­ma­nen­te Pen­deln zwi­schen Zer­brech­lich­keit und Unbe­irr­bar­keit eines bewuss­ten Abschiedes.

Der Kon­trast zur Cel­lo-Sona­te ist ein Unter­schied wie zwi­schen Tag und Nacht – oder bes­ser wie zwi­schen Nacht und Tag. Es liegt ja auch mehr als ein hal­bes Künst­ler­le­ben zwi­schen der Vio­la-Sona­te und der Cel­lo-Sona­te. Jeden­falls ist letz­te­re schon grund­sätz­lich viel posi­ti­ver. Doch wie Judith Tie­mann und Eri­ka le Roux zeig­ten, ist das noch lan­ge nicht alles.

Forsch, aber mit Gespür für die dra­ma­ti­schen Augen­bli­cke ent­wi­ckel­ten sie die Mischung aus tra­di­tio­nel­len For­men und Gro­tes­ken Ein­fäl­len in einer recht groß­flä­chi­gen Dra­ma­tur­gie. Vor allem spie­len sie den für Schost­a­ko­witsch typi­schen schwar­zen Humor mit Knur­ren und Knar­zen wun­der­bar aus.

So rich­tig hei­le Welt gab es dann noch ein­mal mit Alex­an­der Zem­lin­skys Trio in d‑Moll. Vor allem natür­lich der mons­trö­se Kopf­satz wirk­te nach so viel Schost­a­ko­witsch fast sur­re­al – und ist doch alles ande­re als das: Der Glau­be an das Gute, Wah­re, Schö­ne funk­tio­nier­te hier noch unge­bro­chen. Doch so ganz glau­ben die drei Musi­ker das Zem­lin­sky auch schon nicht mehr. Das ver­riet sich in man­chen Sto­ckun­gen, im behut­sa­men Abmil­dern all­zu forsch opti­mis­ti­scher Pas­sa­gen. Doch letzt­end­lich las­sen auch sie sich von Zem­lin­skys Ima­gi­na­ti­on und Klang­bil­dern gefan­gen neh­men – das kann und darf bei die­ser Musik schon ein­mal pas­sie­ren und tut der Begeis­te­rung auch über­haupt kei­nen Abbruch.

Sorg­falt geht dem Quar­tett über alles. Fast so, wie man es von Ban­kern und Bau­spa­rern erwar­tet. Denn die Vil­la Musi­ca hat mit dem von ihr geför­der­ten Streich­quar­tett Bian­co-Quar­tett einen Aus­flug von der Bas­tei ins Zen­trum gemacht. Scha­de nur, dass das offen­bar kaum jemand gemerkt hat: Das Foy­er der LBS blieb weit­ge­hend leer. Dabei hät­te sich ein Besuch durch­aus gelohnt. Denn das Bian­co-Quar­tett ist zwar noch sehr jung – sowohl das Ensem­ble als auch die ein­zel­nen Musi­ker –, aber den­noch schon erstaun­lich reif.

Der ers­te Beweis kam von Franz Schu­bert: Ernst­haf­tig­kei­te strahlt das Es-Dur-Quar­tett mit jeder ein­zel­nen Note aus. Mit weich abge­run­de­tem Klang und doch ordent­lich dosier­tem Druck ver­zich­te­te das Bian­co-Quar­tett auf jedes ober­fläch­li­che Auf­trump­fen. Sie ver­sag­ten sich aber auch ganz und gar dem Ver­sin­ken in der Gemüt­lich­keit: Stren­ge Nüch­tern­heit präg­te alle vier Sät­ze. Schu­bert als Klas­si­ker – das ist ein­fach Musik, und sonst nichts.

Das sel­ten gespiel­te ers­ten Streich­quar­tett von Peter Tschai­kow­sky mach­te dann eigent­lich noch deut­li­cher, auf wel­chem Niveau die vier unter­wegs sind. Beson­ders die Gleich­be­rech­ti­gung der Stim­men, für die das Streich­quar­tett immer wie­der gerühmt wird, nah­men sie wesent­lich wört­li­cher als dies vie­le Ensem­bles tun. Dadurch erhiel­ten die Mit­tel­stim­men und das Cel­lo ver­gleichs­wei­se gro­ßes Gewicht. Aber doch blieb ihre Geschlos­sen­heit und ihr aus­ge­wo­ge­ner Klang immer erhal­ten. Der visu­ell inspi­rier­ten Musik Tschai­kow­skys tat das sehr wohl: Immer wie­der neu lies­sen sie ihren Blick über das wei­te Land schwei­fen und mach­ten das Publi­kum auf neue Merk­wür­dig­kei­ten und Schön­hei­ten auf­merk­sam, ohne den beleh­ren­den Zei­ge­fin­ger zu benö­ti­gen. Und wie sie dann zart schmel­zend, fast ver­ge­hend die köst­li­sche Mischung aus Tris­tesse, Melan­cho­lie und eben immer auch einer Spur Hoff­nung, gespeist aus der Erin­ne­rung an ver­gan­ge­nes Glück, des Andan­te aus­brei­te­ten, das war hin­rei­ßend. Das Ende sol­chen Genus­ses ist immer schmerz­lich – aber mit dem def­ti­gen Fina­le, vom Bian­co-Quar­tett stel­len­wei­se fast derb zupa­ckend, die Bögen über die Sai­ten rei­ßend, gespielt, konn­ten sie dann genau die rich­ti­ge Dosis Tem­pe­ra­ment und orches­tra­ler Klang­pracht auf­bie­ten, um die Zuhö­rer wie­der zurück­zu­ho­len – zurück in die Wirk­lich­keit. Und selbst das gelang dem Quar­tett noch mit einer Ele­ganz, die den Ver­lust der Traum­welt schnell ver­ges­sen machte.

(gehört & geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

Die Sage von Undi­ne ist ein alter mytho­lo­gi­scher Stoff: Die Nym­phe Undi­ne, ein Was­ser­geist, kann nur durch Hei­rat eine See­le erlan­gen. Vor allem die Roman­ti­ker haben sol­che The­men geliebt und immer wie­der neu erzählt.

Aber das ist nur eine von vie­len Geschich­ten, die im Kon­zert­saal des Peter-Cor­ne­li­us-Kon­ser­va­to­ri­ums zu hören waren. Denn die Flö­tis­tin Rena­te Kehr hat mir ihrer Kla­vier­be­glei­te­rin Clau­dia Hölb­ling ein Pro­gramm aus­ge­ar­bei­tet, dass sich ganz auf den erzäh­len­den Aspekt der Musik kon­zen­trier­te. Und da war Carl Reine­ckes Undi­ne-Sona­te ein groß­ar­ti­ger Höhe­punkt. Groß­ar­tig nicht nur, weil schon Rei­ne­cke an nichts gespart hat: Aus­schwei­fen­de Har­mo­nik, ein­gän­gi­ge Melo­dien, raf­fi­nier­te Form – die Sona­te zeigt den Roman­ti­ker auf dem Höhe­punkt sei­nes Kön­nens. Und da stan­den die bei­den Dozen­tin­nen des PCK ihm in nichts nach: Weich und sanft flie­ßen die Was­ser, idyl­lisch erhebt sich die Nym­phe. Und das alles geschieht qua­si ein­fach so, ohne Anstren­gung, ganz locker und unauf­ge­regt. Selbst rasant-beweg­te Tei­le wie das Inter­mez­zo wir­ken dadurch fast bei­läu­fig. Auch das Feh­len gro­ßer Ges­ten und empha­ti­schen Pathos hilft, die Geschich­te die­ser Sona­te sehr non­cha­lant zu erzählen.

Auch Clau­de Debus­sy war ein gro­ßer Erzäh­ler. Sei­ne „Geschich­ten aus alter Zeit“ machen das ganz unmit­tel­bar deut­lich. Auch wenn sie wesent­lich abs­trak­ter blei­ben und ihre Inhal­te nur andeu­ten – das ist deli­ka­te Musik. Und die zar­te Raf­fi­nes­se, mit der sowohl Kehr als auch Hölb­ling das aus­kos­ten, macht die­se Stü­cke zu wah­ren Dia­man­ten: Stark kon­zen­triert und unter enor­men Druck hoch ver­dich­tet fun­keln sie mit­ein­an­der um die Wette.

Astor Piaz­zoll­as „His­toire du Tan­go“ stan­den dann für eine ande­re Vari­an­te des Erzäh­lens: Statt Geschich­ten wird jetzt Geschich­te geschrie­ben – die des Tan­gos natür­lich. Das mach­ten die bei­den zwar stil­echt mit Kas­ta­gnet­ten, aber lei­der auch etwas aka­de­misch. So blieb aus­ge­rech­net die Tanz­mu­sik recht tro­cken und steif. Doch selbst das konn­te den Genuss nur gering­fü­gig trü­ben. Denn es blie­ben die klang­li­che Bril­lanz und die per­fek­te Zusam­men­ar­beit der bei­den Musi­ke­rin­nen, die schon das gan­ze Kon­zert hin­durch überzeugten.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

an die sterne. schumanns weltliche chormusik

An die Ster­ne“ ist die ers­te CD mit Robert Schu­manns welt­li­cher Chor­mu­sik beti­telt, die das Orpheus Vokal­ensem­ble unter Cary Gra­den bei Carus vor­ge­legt hat. Ganz rei­chen die Sän­ger aber nicht ans Fir­ma­ment. Das 2005 gegrün­de­te Orpheus-Vokal­ensem­ble, des­sen ers­te Auf­nah­me die­se CD ist, über­zeugt näm­lich nur bedingt. Stö­rend wir­ken sich nicht nur das fast per­ma­nen­tes Über­ge­wicht der Frau­en­stim­men und die teil­wei­se auf­fal­lend mit­tel­mä­ßi­ge tech­ni­sche Prä­zi­si­on aus, irri­tie­ren­der sind vor allem an der Man­gel an Klang­dif­fe­ren­zie­rung und Cha­ris­ma. Dabei ist es ja wirk­lich nicht so, dass Schu­manns Chö­re fade Kost sind. Die „Fünf Lie­der“ op. 55 (auf Gedich­te von Robert Burns) sind zum Bei­spiel ganz aus­ge­zeich­ne­te klei­ne Kost­bar­kei­ten. Und hier zeigt dass Orpheus-Vokal­ensem­ble auch, dass es durch­aus fähig ist: Die­se fünf Lie­der sind wirk­li­che klei­ne glit­zern­de Sterne.

Und musi­ka­li­sches Ein­füh­lungs­ver­mö­gen beweist der Chor unter Gary Gra­den (und auch der beglei­ten­de Pia­nist, Kon­rad Elser) immer wie­der in über­ra­schen­dem Maße – das macht vie­les wett. Es ist aber schon auf­fal­lend, dass gera­de die getra­ge­nen, lang­sa­men Lie­der (fast) immer bes­ser sind als die beweg­ten, mehr Gespür für Atmo­sphä­re und Klang­sinn verr­ra­ten. Und je kom­ple­xer die Kom­po­si­tio­nen wer­den, des­to bes­ser wird auch der Chor – wie die beson­ders plas­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on der „Vier dop­pel­chö­ri­gen Gesän­ge“ op. 141 sehr deut­lich zeigt. Gera­de der Wech­sel zwi­schen aus­ge­spro­chen kunst­vol­len Chor­sät­zen und volks­lied­haft ein­fa­chen Chor­lie­dern, der die gan­ze Band­brei­te des cho­ri­schen Wer­kes Schu­manns auf­zeigt, macht aber den beson­de­ren Reiz die­ser Samm­lung aus.

Robert Schu­mann: An die Ster­ne. Welt­li­che Chor­mu­sik I. Orpheus-Vokal­ensem­ble. Kon­rad Elser, Kla­vier. Lei­tung. Gary Gra­den. Carus 83.173.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, janu­ar 2008)

franz lachner: requiem f‑moll op. 146

Fast das gan­ze 19. Jahr­hun­dert hat er durch­lebt, von der Beet­ho­ven- und Schu­bert-Zeit bis zum Wag­ner-Wahn. Aber nicht nur bio­gra­phisch ist Franz Lach­ner fest in die­sem Zen­ten­ari­um ver­an­kert. Auch sei­ne Musik ist unbe­dingt, mit jeder Faser ihres Wesens, ihm ver­bun­den. Dazu gehört auch die Ver­pflan­zung der Kir­chen­mu­sik in den Kon­zert­saals: Sein Requi­em f‑Moll op. 146 hat er aus­schließ­lich außer­halb des Got­tes­hau­ses auf­ge­führt. Es ist auch unbe­dingt ein sin­fo­ni­sche gedach­tes und grun­dier­tes Werk – zugleich aber auch (noch) eine nach­denk­li­che, lei­se Toten­fei­er. Gera­de die­se Ver­bin­dung macht den Reiz des Requi­ems aus, das jetzt in einer Welt­er­stein­spie­lung mit Chor und Orches­ter der Kam­mer­so­lis­ten Augs­burg unter Her­mann Mey­er vorliegt.

Die Musi­ker keh­ren aller­dings die sach­li­chen, nüch­ter­nen Aspek­te viel­leicht etwas zu sehr her­vor: Gera­de Abschnit­ten wie dem gran­di­os-mit­rei­ßen­den „Dies irae“ fehlt es doch an Pathos und gro­ßer Ges­te. Dafür gibt es aber reich­lich Ent­schä­di­gung: Die Toten­mes­se hat in die­ser Auf­nah­me viel Dri­ve und schwung­vol­le Fri­sche – jedes biss­chen Schwulst wird mit dem Pathos eben auch radi­kal aus­ge­merzt. Chor und Solis­ten sind alle­samt aus­ge­spro­chen soli­de Musi­ker. Nur scheint die Angst, sich dem Gefühl hin­zu­ge­ben, eben manch­mal über­hand zu neh­men. Denn Lach­ners Requi­em hat unend­lich vie­le wun­der­schö­ne Stel­len, die genau das erfor­dern: Viel Gefühl. Trotz­dem hat auch die­se Auf­nah­me wun­der­ba­re Sei­ten. Etwa das herr­li­che Lacri­mo­sa mit den Figu­ra­tio­nen der Solo-Vio­la: ein ech­tes Schmuck­stück, ein rei­nes Ver­gnü­gen. Oder das weit aus­ho­len­de, himm­li­sche ruhe ver­strö­men­de Sanc­tus. Auch das ist hier, auf die­ser CD, ein­fach herr­lich anzuhören.

Franz Lach­ner: Requi­em in f‑Moll op. 146. Kam­mer­so­lis­ten Augs­burg, Her­mann Mey­er. Carus 83.178 (CD/​SACD)

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008)

joseph marx: berghymne

Joseph Marx ist vor allem als Lie­der­kom­po­nist bekannt – sei­ne Chor­wer­ke sind weit­ge­hend Ver­ges­sen. Auch die Berg­hym­ne blieb lan­ge Zeit in der Öster­rei­chi­schen Natio­nal­bi­blio­thek ver­steckt. Kom­po­niert wahr­schein­lich zwi­schen 1910 und 1914, galt sie bis­her als unvoll­ende­tes Werk. Das Manu­skript zeigt aber, dass Marx die Berg­hym­ne bis zum Par­ti­cell fer­tistell­te – nur die Orches­trie­rung blieb aus. Die­sen letz­ten Schritt haben nun Ste­fan Esser und Ber­kant Hay­din, Marx-Spe­zia­list, nach­ge­holt und die Pari­tur bei der Uni­ver­sal Edi­ti­on ver­öf­fent­licht. Das ist eine in ihrer hym­ni­schen Enfal­tung abso­lu­te Fei­er der Frei­heit der Berg­welt auf einen Text von Alfred Frit­sch: „O Freun­de, stei­get nicht zu Tal, schöft aus der Höh‘“, heißt es, und: „hier oben ewig frei­er Klang“. Das gan­ze wird in einer fas­zi­nie­ren­den Mischung aus unge­zü­gelt lei­den­schaft­lich spät­ro­man­ti­schem Impres­sio­nis­mus und sowohl cho­ri­scher als auch orches­tra­ler Empha­se zele­briert. Zwar dau­ert der Hym­nus gera­de ein­mal drei Minu­ten, aber er enfal­tet den­noch unge­heu­re, erhe­ben­de Wir­kung. Das liegt natür­lich am kon­se­quen­ten Uni­so­no des gesam­ten gemisch­ten Cho­res eben­so wie an dem unauf­hör­lich in die Selig­keit ver­hei­ßen­de Höhe stre­ben­dem gro­ßen sym­pho­ni­schen Orches­ter, das in heu­te schier unglaub­li­chem Pathos die Erhe­bung des Sub­jekts in der majes­tä­ti­schen Berg­welt fei­ert: „Die Brust schwellt in die Wei­te, in Son­nen­flug befreit von altem Leide.“

Joseph Marx: Berg­hym­ne für gemisch­ten Chor und Orches­ter, arran­giert von Ste­fan Esser und Ber­kant Hay­din. Stu­di­en­par­ti­tur. Wien: Uni­ver­sal Edi­ti­on 2006. UE 33 303. 11 Sei­ten. 15,50 Euro.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit, april 2008)

puccini: messa di gloria

Auch die heh­re Kunst ist bekannt­lich nicht vor dem pro­sa­ischen Phä­no­men der Finanz­not gefeit. So fris­ten vie­le gro­ßen Wer­ke ihr Dasein in den Schub­la­den des Archivs, weil sich kaum jemand den nöti­gen Auf­wand ihrer Auf­füh­rung leis­ten kann und mag. Gera­de gro­ße Chor­wer­ke mit volu­mi­nö­sem Orches­ter haben das Pro­blem: Vie­le Chö­re haben schlicht nicht (mehr) die benö­tig­te Beset­zungs­stär­ke und kön­nen sich gro­ße Sin­fo­nie­or­ches­ter für ein Kon­zert auch nicht mehr leis­ten. So ver­sin­ken Wer­ke wie Puc­ci­nis Mes­sa di Glo­ria wie­der im Tief­schlaf. Und das ist beson­ders scha­de, wenn sie wie die­se groß­ar­ti­ge, wir­kungs­mäch­ti­ge Mes­se gera­de erst dar­aus auf­ge­taucht sind. Das moch­te der Ber­li­ner Kir­chen­mu­si­ker Ingo Schulz nicht mit anse­hen. Des­halb und aus ganz eigen­nüt­zi­gen Moti­ven hat er sich Puc­ci­nis Jugend­werk ange­nom­men – mit eige­nem Chor wäre eine Auf­füh­rung sonst nicht zu machen gewe­sen – und eine Fas­sung für Chor, Soli und Kam­mer­or­ches­ter erstellt. Die stellt er sei­nen Kol­le­gen im Lan­de kos­ten­frei zur Verfügung.

Und sie ist durch­aus geschickt arran­giert. Natür­lich erreicht das mit gera­de ein­mal 18 Musi­kern beset­ze Kam­mer­or­ches­ter nicht das Ori­gi­nal, nicht des­sen Wucht und Ein­druck. Aber es ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass die „Mis­sa di Gloira“ auch der­art redu­ziert noch schön ist: Ein Klein­od, das hier fast mehr sei­ner Schät­ze offen­bart als in der geläu­fi­gen, bom­bas­ti­schen Ver­si­on. Und das, was man­gels Mas­se ver­lo­ren ging, lässt sich inter­pre­ta­to­risch durch­aus aus­glei­chen – so dass die­se Fas­sung eine gelun­gen Reper­toire­be­rei­che­rung für ein­ge­schränk­te­re Ver­hält­nis­se ist.

Gicao­mo Puc­ci­ni: Mes­sa di Glo­ria. Fas­sung für Chor, Soli und Kam­mer­or­ches­ter von Ingo Schulz.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit, april 2008)

schiffe, pirate und ganz viel meer

Es ging noch ein­mal wild zu im Gro­ßen Haus. Beim letz­ten Kon­zert für jun­ge Leu­te in die­ser Spiel­zeit ließ das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter sei­nem Publi­kum kaum Zeit zum Luft­schnap­pen: Immer war alles in Bewe­gung, immer ging es drun­ter und drü­ber – so ist es eben auf der hohen See. Denn vom Meer und sei­ne Bewoh­ner unter und auf dem Was­ser han­del­te die Musik.

Mate­ri­al dafür gibt die Musik­ge­schich­te mehr als genug her. Cathe­ri­ne Rück­wardt hat sich vor allem bei den Film­kom­po­nis­ten umge­se­hen. Das ist wun­der­bar spek­ta­ku­lär und zugleich immer so unmit­tel­bar ein­gän­gig, dass sie über­haupt nicht viel erklä­ren muss. Statt­des­sen liess sie ein­fach ihr Orches­ter spie­len. Und das ging mit spür­ba­rer Lust am unkom­pli­zier­ten Schwel­gen im per­ma­nen­ten Klang­rausch voll zur Sache. Von Beginn an fetz­ten sie rich­tig los. Erich Wolf­gang Korn­golds Ouver­tü­re zu „Cap­tain Blood“ gab dem gan­zen Orches­ter viel Arbeit: Die Trom­pe­ten schmet­ter­ten, die Posau­en dröhn­ten und selbst die Schlag­wer­ker hat­ten alle Hän­de voll zu tun. Und so ging es fast aus­nahm­los wei­ter. Ruhe­punk­te boten höchs­tens Anton Rubin­steins Ada­gio aus sei­ner zwei­ten Sin­fo­nie und die zwei Aus­schnit­te aus Clau­de Debus­sys „La Mer“. Die zeig­ten aber auch, dass die sub­ti­len Fein­hei­ten die­ser Klang­bil­der hier nicht so recht am Platz waren und die Musi­ker es die­ses Mal lie­ber hand­fest hat­ten. Dafür gab es ja auch genü­gend ande­re Gele­gen­hei­ten. Mit der bro­deln­den See und der flir­ren­den Span­nung bei der Begeg­nung mit dem wei­ßen Hai aus John Wil­liams’ Film­mu­sik etwa. Cathe­ri­ne Rück­wardt ließ sich von dem gefähr­li­chen Räu­ber übri­gens genau­so wenig ein­schüch­tern wie von den immer wie­der auf­kreu­zen­den Pira­ten: Mit locke­rer Hand führ­te sie ihr Orches­ter sicher und kon­trol­liert. Selbst durch die auf­ge­wühl­tes­ten, wild auf­bäu­men­den Wogen, wie sie etwa Gran­ville Bantocks „Hebride­an Sea Poem“ stür­misch und schrill zeich­net, kommt sie immer wie­der in geord­ne­te musi­ka­li­sche Bah­nen. Bei so viel Lust am puren Klang und soviel Hin­ga­be stör­te auch kaum, dass die Musik sich vor­wie­gend in Kli­schees beweg­te: Die Gei­gen seuf­zen schmach­tend, die Har­fe klim­pert mal ein Arpeg­gio dazwi­schen, die Blä­ser gibt es fast nur in der Blech­va­ri­an­te, die dafür aber auch ordent­lich dröh­nen darf. Das Spek­ta­kel gip­felt dann auch sehr fol­ge­rich­tig in der Musik aus dem „Fluch der Kari­bik“ – kein Fluch, viel­mehr ein Segen an pochen­der, mit­rei­ßen­der Musik.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

goethe und sonst (fast) nichts

Dass der Win­ter noch ein­mal zurück nach Mainz kam, das konn­ten die Macher des Staats­thea­ters wirk­lich nicht vor­her­se­hen. So blie­ben die abs­trak­ten Blu­men­de­ko­ra­tio­nen nur Hoff­nung beim lite­ra­risch-musi­ka­li­schen Goe­the-Abend unter dem Mot­to „Lei­se Bewe­gung bebt in der Luft.“ Viel­leicht hat ja auch des­halb der Oster­spa­zier­gang aus dem „Faust“ gefehlt – vom Eise befreit sind die Bäche momen­tan ja nur bedingt. Jeden­falls gab es auch so mehr als genug Mate­ri­al für eine schnel­le Stun­de Rezi­ta­tio­nen und ein wenig Musik.

Zwei Goe­the-Pre­mie­ren im Thea­ter waren der Anlass, dafür im Foy­er des Klei­nen Hau­ses einen Salon mit Ses­sel, Chai­se­longue und Pia­no auf­zu­bau­en. Die Musik steu­er­ten Alex­an­der Spe­mann und die Pia­nis­tin Eri­ka le Roux bei. Wie sie aller­dings dazu kamen, unbe­dingt den etwas unpas­sen­den „Erl­kö­nig“ zu sin­gen, wur­de nicht so recht klar. Und so gut war er dann auch nicht, dass er sich selbst legi­ti­miert hät­te. Da wäre es doch nahe­lie­gen­der und pas­sen­der gewe­sen, den „Musen­sohn“ nicht nur vor­zu­le­sen, son­dern in Schu­berts wun­der­ba­rer Ver­to­nung erklin­gen zu las­sen. Hugo Wolfs Kom­po­si­ti­on des „Blu­men­grus­ses“ konn­te Spe­mann dage­gen schön zart und ein­fühl­sam vortragen.

Aber der Sän­ger war ja nicht die Haupt­sa­che. Son­dern der Text. Und davon gab es eine Men­ge, im schnel­len Wech­sel: Natür­lich ganz vie­le Gedich­te, dazu eini­ge Aus­schnit­te aus dem „Wert­her“ und den „Wahl­ver­wand­schaf­ten“ sowie Brie­fe Goe­thes an sei­ne Frau­en. Da gab es also Fri­vo­les, Stim­mungs­vol­les, Roman­ti­sches und Bana­les, Def­ti­ges und Sub­ti­les. Wie das bei Goe­the eben so ist.

Neben stür­mi­schen Lie­bes­er­klä­run­gen und träu­me­ri­schen Natur­be­schrei­bun­gen stan­den dann eben auch die Trau­er um gefäll­te Nuss­bäu­me im Pfarr­hof und der brief­li­che Bericht über die eigen­hän­dig gepflanz­ten Obst­bäu­me – und alles immer wie­der gedeu­tet als Bild. Alle Natur, alles Wach­sen und Gedei­hen, Blü­hen und Ver­ge­hen ist nur ein Spie­gel. Für die Lie­be natür­lich: Wie die Natur im Früh­ling sprießt und gedeiht, so wächst auch die Zunei­gung. Und für die Sehn­sucht, der Begier­de nach Nähe. Mar­cus Mis­lin und Frie­de­ri­ke Bell­stedt lasen das alles mit Rou­ti­ne und Empa­thie, mit Ein­füh­lung und auch einem klei­nen Hauch Iro­nie. Und das kam beim Publi­kum zu Recht aus­ge­zeich­net an.

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