Dieses Konzert ist kein Spaß, sondern schwere Arbeit. Nicht nur für Paul Lewis, den jungen britischen Pianisten, den der SWR für die Reihe „Internationale Pianisten“ nach Mainz geholt hat. Auch die Zuhörer im Frankfurter Hof können sich nicht locker zurücklehnen. Denn Lewis verweigert sich jeder Entspannung, jeder billigen Affirmation und gutgläubigen Gefühlsduselei. Er treibt fast alles bis zum Äußersten. Sein Programm dafür ist eine geniale Kombination von Mozart, Schubert und György Ligeti.
Er beginnt schon Mozarts Fantasie c‑Moll KV 475 als eine der radikalsten Modernisierungen, die man sich vorstellen kann: Mozart klingt plötzlich wie ein Avantgardist. Die Noten sind noch die originalen, aber vom Mozartschen Geist ist nichts mehr zu spüren. Das ist aber kein Verlust, denn an seine Stelle tritt etwas neues, bezauberndes: Spröde, kahle und sehr fremde, immer gehörig distanzierte Klänge bricht Lewis aus Mozarts Fantasie heraus, im Zauber der totalen klanglichen Reduktion baut sich immer wieder körperlich greifbare, brutal erscheinende Spannung auf. So verloren, so restlos deprimierend traurig und ziellos hört man Mozart selten. Und der Brite führte das dann auch noch nahtlos weiter – mit Ligetis „Musica Ricercata“. Die elf Stücke waren ihm erneut ein Panoptikum der extremen Sprödigkeit. Die Spannung, mit der Lewis die kargen Konstruktionen Ligetis auflädt, lässt die raffinierten Stücke geradezu implodieren. Sein drängender Wille macht jede Note gewichtig wie eine Enzyklopädie, jedes der elf Stücke zu einer Bibliothek der sinnlichen und rationellen Erfahrung: Mit ebenmäßiger, konzentrierter Klarheit wird jede Note zu einem Gral, jede Phrase zu einem Heiligtum.
Das ist extrem, ja fast totalistisch, wie Lewis hier eine interpretatorische Idee zum absoluten Prinzip erklärt. Aber es ist – weil er eben ein ausgezeichneter Pianist ist – in jedem Moment tragfähig. Sein Mozart spielt, lässt sich leicht – und auch mit guten Gründen – ablehnen.Wenn man sich aber darauf einlässt, erkennt man hierin den einzigen Grund, Mozart heute überhaupt noch zu spielen: Weil diese Musik immer noch zeitgemäß sein kann. Gerade in ihrer Nüchternheit, die Lewis fast bis zur Lakonie treibt, verbindet sich Mozart – auch im Rondo a‑Moll, das er bruchlos an die „Musica ricercata“ anfügte – perfekt mit den Ligetischen Schöpfungen.
Im zweiten Teil des Konzertes widmete Lewis sich dann Schuberts Sonate G‑Dur op. 78. Mit genaiu dieser Ernsthaftigkeit, dieser unbedingten Hingabe. Und wie er auch hier die Zerrissenheit dieser Musik entwickelt, die Kämpfe und das Schwanken zwischen Größe und Erbärmlichkeit deutlich macht in brutaler Schonungslosigkeit, das nimmt gefangen. Wieder fehlt jede poetische Verklärung. An ihre Stelle tritt einmal mehr der Zauber der klar präparierten Struktur – und damit ist Paul Lewis mit Sicherheit einer der ehrlichsten Pianisten unserer Zeit.

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