»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

ja, so kann es manch­mal gehen: der cel­list ist krank gewor­den – da wird auch dem kam­mer­mu­sik­abend natür­lich nix mehr. die pia­nis­tin hat sich erbarmt und spielt ein­fach ein solo­pro­gramm – und ein ziem­lich über­zeu­gen­des. das mei­ne ich dazu:

hal­be sachen sind je meist kein grund für beson­de­res freun­de­aus­brü­che. hal­be kon­zer­te schon gar nicht. aber man­cha­mal sind sie ein ganz beson­de­rer, unver­hoff­ter genuss. so soll­te das vom main­zer haus bur­gund und dem erba­cher hof ver­an­stal­te­te kon­zert im rah­men des „fes­ti­val musi­cal des grand crus de bour­go­gne“ eigent­lich musik für cel­lo und kla­vier bie­ten. der cel­list her­ni demar­quet­te muss­te aller­dings das bett hüten und ließ sei­ne kla­vier­part­ne­rin clai­re désert allein. das war aller­dings alles ande­re als eine kata­stro­phe. denn désert zau­ber­te im erba­cher hof einen beein­dru­cken­den kla­vier­abend her­vor. schon die pro­gramm­aus­wahl ließ auf­mer­ken. die­se pia­nis­tin muss sich ihrer fähig­kei­ten sehr sicher sein: cla­ra schu­manns varia­tio­nen op. 20, robert schu­manns „davids­bünd­ler­tän­ze“, beet­ho­vens sona­te nr. 17 und noch zwei pre­ludes von clau­de debus­sy – das ist bestimmt kei­ne ver­le­gen­heits­lö­sung. und clai­re désert hat sich mit die­sem tech­nisch und musi­ka­lisch anspruchs­vol­len pro­gramm auch nicht über­ho­ben. nur der klei­ne flü­gel setz­te deut­li­che limits. mit einem bes­se­re instru­ment wären die klang­flu­ten, die aus den hän­den der pia­nis­tin ent­stan­den, sicher noch beein­dru­cken­der gewe­sen. auch so war die schie­re mäch­tig­keit, die über­bor­den­de fül­le ihres spiels aller­dings schon auf rein phy­si­scher ebe­ne sehr über­wäl­ti­gend. das ist oft ein rich­tig­ge­hen­des tönen­des schlach­ten­ge­mäl­de: das don­nert und blitzt mit erschre­cken­der rea­li­tät auch ohne tech­ni­sche kino-effek­te. die musik wird hier zur reli­ef­kunst: mit aus­ge­spro­chen deut­li­cher plas­ti­zi­tät wer­den ecken und kan­ten, wohl­be­kann­te und bizarr-erschre­cken­de for­ma­tio­nen hör­bar.: eine uner­müd­li­che fol­ge von ganz sorg­fäl­tig gear­bei­te­ten, schein­bar unmit­tel­ba­ren schal­l­erup­tio­nen. die­se musik ist offen­bar auch weni­ger von intel­lek­tu­el­len über­le­gun­gen, son­dern von for­scher, unver­hoh­le­ner musi­ka­li­tät gesteu­ert. für die beet­ho­ven-sona­te ist das aller­dings nicht ganz hin­rei­chend, das bleibt zu ein­sei­tig, zu stark auf den stür­misch drän­gen­den impuls der sona­te kon­zen­triert. für schu­manns „davids­bünd­ler­tän­ze“ hät­te es aller­dings kaum pas­sen­der sein kön­nen. in ganz natür­li­chem kolo­rit und mit geschick­ter balan­ce zwi­schen anmut und unver­hoh­len­der kräft­de­mons­tra­ti­on fließt die musik voll­kom­men frei und unbe­schwert, als könn­te es gar nicht anders sein – und das alles ande­re als eine hal­be sache.

eine wunderbar sprechende „gegensprechstadt“

ja genau, so heißt näm­lich der neu­es­te lyrik­band von ger­hard falk­ner. genau­er gesagt: gegen­sprech­stadt – ground zero. und im grun­de ist es auch gar kein lyrik­band, son­dern nur ein gedicht, ein lan­ges eben – so ca. 70 sei­ten. und es kommt nicht nur in der kook­books-typi­schen aus­stat­tung daher, son­dern auch noch mit cd. dadrauf hat falk­ner gro­ße tei­le (lei­der nicht alles) sei­nes gedich­tes gele­sen, und david moss macht ein wenig musik dazu. aller­dings sehr wenig – das ist ziem­lich ent­täu­schend: ein mit­schnitt einer live-lesung, zu der moss nicht beson­ders viel ein­ge­fal­len ist – ein eher unge­wöhn­li­cher zustand für die­sen künstler.

egal, eigent­lich geht es ja vor allem um das gedicht. nach­dem mich falk­ners alte meis­ter nicht so sehr begeis­tern konn­te, schafft gegen­sprech­stadt das vom ers­ten bis zum letz­ten vers. das ist nicht nur das bes­te (und in dem umfang auch ers­te) ber­lin-gedicht, das ich ken­ne. das ist auch eine sehr zeit­ge­mä­ße form des dich­tens: mit geschich­te gesät­tigt, ohne des­halb so bedeu­tungs­hu­be­risch-bil­dungs­schwer daher­zu­kom­men wie die letz­ten durs-grün­bein-bän­de. falk­ner treibt das spiel mit den allu­sio­nen, den zita­ten und den quer­ver­wei­sen ziem­lich kunst­voll – und ziem­lich weit. es ist öfters kurz davor, wirk­lich zu ner­ven, die stän­di­gen halb-bedeu­ten­den pop­kul­tu­rel­len anspie­lun­gen. aber sie tun es dann meis­tens eben doch nicht. denn „moti­ve bekann­ter gedich­te“ „sind humus. mon­ta­ge­teil. zitat. anlei­he. link. refe­renz. ver­beu­gung.“ (74) – ein klei­ner hieb auf die „pop­li­te­ra­ten“ darf in einem sol­chen fall nicht feh­len: „eine zeit, in der man bei künst­lern /​wenn man sie aus­zieht /​auf ck- oder joop!-unterwäsche stößt /​(als letz­te schicht sozu­sa­gen /​vor der eigent­li­chen inspi­ra­ti­on) /​ist reif für eine revi­si­on /​sie soll­te bei tschechow /​wie­der in die leh­re gehen, /​oder mit pyn­chon her­aus­zu­fin­den ver­su­chen /​wo die wirk­li­chen ver­fol­ger ste­cken /​damit sie zurück­fin­det /​(um im bild der spra­che zu blei­ben) /​zum ehr­li­chen baum­woll­ripp mit ein­griff /​denn gro­ße poe­sie /​auch wo sie glück­lich ver­wirrt /​ist mar­ken und moden abhold“ (36)

das gan­ze chan­giert dann ziem­lich unre­gel­mä­ßig (nach dem ers­ten lek­tü­re­ein­druck) zwi­schen his­to­risch vor­ge­form­ten lang­ge­dicht und der vor­lie­be für ein­zel­im­pres­sio­nen, anein­an­der­ge­reiht und sequen­ziert. die üer­gän­ge – und das macht gegen­sprech­stadt wahr­schein­lich so geschmei­dig – blei­ben aber immer flie­ßend. denn falk­ner schafft es eben, dem all­täg­li­chen nach­zu­bli­cken, das musi­ka­li­sche detail der stadt ber­lin über­all zu fin­den und in wor­te zu fas­sen – aber auch, die gro­ßen momen­te, die revo­lu­tio­nen und kata­stro­phen, den 11. sep­tem­ber, den 3. okto­ber und den 15. märz (falk­ners geburts­tag, iden des märz) mit einzubeziehen.

rhyth­misch erscheint das aufs ers­te, ohne genaue­re ana­ly­se, sehr leicht und unbe­schwert: ein unge­zwun­ge­ner umgang mit vers­for­men macht das gedicht – und davon legt gera­de falk­ners lesung beson­ders deut­lich zeug­nis ab – sehr flie­ßend. die­se „poly­me­re poe­sie“, wie der autor das nennt, kreist immer wie­der um phä­no­me­ne der zeit, ihrer sub­jek­tiv total zer­split­ter­ten wahr­neh­mung, um das zäh­len. spra­che scheint da als medi­um und bewe­gung glei­cher­ma­ßen ret­tung zu bie­ten – als flucht­punkt und als ver­ar­bei­tungs­mög­lich­keit: „auch die­ses gedicht ist ein gedicht ohne einen /​hel­den ist natür­lich ein gedicht /​ohne einen hel­den ist natür­lich /​ein gedicht“ (56). und ein gedicht ist das hier auf jeden fall – ein wirk­lcih beein­dru­cken­des – schon lan­ge nicht mehr so begeis­tert lyrik verschlungen.

ger­hard falk­ner: gegen­sprech­stadt – ground zero. gedicht & cd mit music by david moss. idstein: kook­books 2005.

30 Jahre Krieg als Trauma und integrierender Faktor für Deutschland

„der drei­ßig­jäh­ri­ge krieg ist das bis ins 20. jahr­hun­dert nach­wir­ken­de trau­ma des deut­schen vol­kes.“ (83) heißt es in georg schmidts klei­ner abhand­lung der drei­ßig­jäh­ri­ge krieg (mün­chen: beck 6/​2003). als sol­cher hat er natür­lich ent­spre­chend vie­le (um-)deutungen und ver­ein­nah­mun­gen erfah­ren. georg schmidt, ein aus­ge­wie­se­ner ken­ner der deut­schen geschich­te und spe­zia­list für das alte reich hat sich davon nur inso­fern beein­dru­cken las­sen, als er sich um ein mög­lichst sach­li­che und zunächst wert­neu­tra­le dar­stel­lung der abläu­fe und gescheh­nis­se bemüht. beson­de­ren stel­len­wert erfah­ren in sei­ner dar­stel­lung immer wie­der die viel­fäl­ti­gen kreuz- und quer lie­gen­den ver­bin­dun­gen, die eine wirk­li­che kau­sa­li­tät der gescheh­nis­se gera­de die­ser zeit so schwer erken­nen las­sen und leicht für ver­wir­rung sor­gen. schmidt hat das pro­blem ziem­lich gut und über­zeu­gend gemeis­tert, sein klei­ner text ist trotz der enor­men kon­zen­tra­ti­on noch erstaun­lich gut les­bar und leicht ver­ständ­lich – auch ohne all­zu gro­ßes vorwissen.

tref­fend schon die sich ver­bin­den­den ursa­chen, die ver­kno­ten­den lini­en der auf­lö­sung der reichs­ge­walt oder der kohä­si­on des rei­ches durch die von der kon­fes­sio­na­li­sie­rung und ihrer immer wie­der auf­flam­men­den riva­li­tä­ten sowie der ver­här­te­ten lager­bil­dung in katho­li­sche liga und pro­tes­tan­ti­sche uni­on erreich­ten blo­cka­de der ent­schei­den­den insti­tu­tio­nen (reichs­kam­mer­ge­richt, reichs­ver­samm­lung, reichs­tag etc.). was inso­fern beson­ders pro­ble­ma­tisch ist, als das reich in sei­ner kom­pli­ziert aus­ta­rier­ten ver­fasst­heit ganz beson­ders auf den kon­sens aller betei­lig­ten ange­wie­sen war. in dem zusam­men­hang spielt natür­lich vor allem das recht­sys­tem des rei­ches eine beson­de­re rol­le: mit dem eher pro­tes­tan­tisch aus­ge­rich­te­ten reichs­kam­mer­ge­richt und dem eher kai­ser­na­hen reichs­hof­rat stan­den zwei gro­ße juris­ti­sche regu­la­ri­en zur ver­fü­gung, die auch rege genutzt wur­den. der drei­ßig­jäh­ri­ge krieg führt also zu einer (erneu­ten) ver­recht­li­chung des deut­schen staa­ten­ge­bil­des, die jetzt mit den para­gra­phen der west­fä­li­schen frie­de vor allem die macht des kai­sers und damit eines ein­heit­li­chen, zen­tra­len mon­ar­chi­schen sys­tems in deutsch­land erheb­lich ein­schränkt, ande­rer­seits auch – wie­der – die grund­la­gen für die abso­lu­tis­ti­sche territorialherrschaft(en) sichert – zwar unter ein­be­zug der stän­de, aber eben im gro­ßen und gan­zen mit der spä­ter offen­bar wer­den­den ten­denz zur zer­split­te­rung des reichs-gebie­tes. schmidt zeigt dabei ins­be­son­de­re die kon­ti­nui­tä­ten zur zeit vor dem drei­ßig­jäh­ri­gen krieg auf: „all dies hat­te sich bereits vor dem drei­ßig­jäh­ri­gen krieg ein­ge­pen­delt, und all dies ließ der west­fä­li­sche frie­den unan­ge­tas­tet.“ (82) – schmidt spricht des­halb auch von einem „bei­na­he per­fek­ten poli­ti­schen sys­tem, das allen betei­lig­ten grup­pen rech­te, frei­räu­me und teil­ha­be­mög­lich­kei­ten garan­tier­te, ohne des­we­gen sei­ne hand­lungs­fä­hig­keit einz­bü­ßen.“ (98) und er weist dar­auf hin, dass ins­be­son­der die zer­stö­rung der „alten über­re­gio­na­len wirt­schafts­be­zie­hun­gen“ durch die kriegs­er­eig­nis­se wesent­lich zum auf­stieg des abso­lu­tis­mus bei­tru­gen: jeder lan­des­fürst muss­te nun selbst „regu­lie­rend in das sozi­al- und wirt­schafts­sys­tem ein­grei­fen“ (92), um das land aus der öko­no­mi­schen star­re der kriegs­zeit wie­der zu erwe­cken. dabei ist aller­dings auch wie­der zu beach­ten: „in deutsch­land fand aller­dings weder wäh­rend noch nach dem krieg eine groß­flä­chi­ge wirt­schaft­li­che moder­ni­sie­rung statt.“ (93) dem­entspre­chend kam es ende der 1640er auch nicht zum öko­no­mi­schen boom (ange­sichts der zer­stö­run­gen einer­seits und des bevöl­ke­rungs­rück­gangs ande­rer­seits durch­aus denk­bar), son­dern nur zu einer müh­sa­men wie­der­be­le­bung. ana­lo­ges kann schm­dit für das sozia­le sys­tem kon­sta­tie­ren: „der drei­ßig­jäh­ri­ge krieg erscheint mit blick auf das gesell­schafts­sys­tem als stör­fall ohne gro­ße nach­wir­kun­gen: aus der aus­nah­me­si­tua­ti­on wech­sel­ten die men­schen zurück in ihren all­tag“ (95).

wei­ter­hin legt er beson­de­ren wert auf die ver­knüp­fung der (eigent­lich) deut­schen pro­ble­me mit letzt­lich ganz euro­pa, unter beson­de­rer beach­tung der aus­wir­kun­gen auf deut­sche staat­lich­keit. des­halb unter­nimmt schmidt auch die abwehr des 1998 auf­ge­kom­me­nen schlag­wor­tes vom „euro­päi­schen frie­den“ – ihm geht es v.a. dar­um, „krieg und frie­den als inte­grie­ren­de fak­to­ren der deut­schen natio­nal­ge­schich­te zu begrei­fen“ (103) das schlägt sich ent­schei­dend in der dar­stel­lung nie­der. ins­be­son­de­re die moti­ve erfah­ren eine ent­spre­chen­de wür­di­gung: es geht nicht dar­um, rich­tig oder falsch zu kon­sta­tie­ren, son­dern (mög­li­che) grün­des die­ses und jenes hand­lens auf­zu­zei­gen – dar­in ist schmidt sehr kon­se­quent. was man evtl. bemän­geln könn­te, ist sein hang, alle oder doch zumin­dest die meis­ten gesche­hen und ver­wick­lun­gen nicht nur in ihrer (ver­mu­te­ten) kau­sa­li­tät zu beschrei­ben, son­dern dies so zu tun, dass sie ger­ne als zwangs­läu­fi­ge, ein­zig mög­li­che ent­wick­lun­gen daste­hen. am schlech­tes­ten komm dabei fer­di­nand II. weg, der immer wie­der vor­ge­hal­ten bekommt, dass er mit sei­nem stur katho­li­zis­ti­schem behar­ren auf dem rekon­sti­tu­ti­ons­edikt vie­le chan­cen zum frü­he­ren frie­den ver­spielt habe. so schreibt schmidt den krieg dann vor allem als geschich­te von macht­drän­gen, nicht ein­ge­hal­te­nen abspra­chen und gegen­sei­ti­gen ver­su­chen der über­trump­fung bzw. aus­schal­tung zwi­schen den fürs­ten, in denen die kon­fes­si­on bald und oft genug kaum mehr als ein anlass war – aller­dings auf bei­den seiten…

ein beson­de­res augen­merk erfährt natür­lich wal­len­stein, der hier als (let­zer) kriegs­un­ter­neh­mer mit maß­geb­li­chem ein­fluss auf das gesche­hen in deutsch­land por­trä­tiert wird – nicht nur mili­tä­risch, son­dern auch poli­tisch (durch sein eige­nes macht­stre­ben und vor allem als angst­ku­lis­se für kai­ser, habs­bur­ger und den rest der liga). das ist ange­nehm sach­lich und ohne unnö­ti­ge über­hö­hung oder dämo­ni­sie­rung, ande­rer­seits auch ohne all­zu denk­mal­stür­ze­ri­schen ges­tus. ähn­li­ches gilt für den nüch­tern-skep­ti­schen blick auf gus­tav adolf (genau, den „löwen aus mitternacht“).

zusam­men genom­men „…wird deut­lich, wie wich­tig das locker gefüg­te poli­ti­sche sys­tem des hei­li­gen römi­schen rei­ches deut­scher nati­on für die euro­päi­sche ord­nung war. das nicht expan­si­ve reich stell­te kei­ne gebiets­an­sprü­che an sei­ne nach­barn und paß­te sich jeder ver­schie­bung im mäch­te­sys­tem an. es wirk­te als über­di­men­sio­na­ler puf­fer zwi­schen den staa­ten und mäch­ten: jeder such­te und fand hier ver­bün­de­te. das reich und die vor­mo­der­ne euro­päi­sche frie­dens­ord­nung beding­ten ein­an­der.“ (64)
der sehr zu emp­feh­len­de band wird dann noch durch eine aus­führ­li­che, gut kom­men­tier­te biblio­gra­phie, die lei­der etwas unüber­sicht­lich gewor­den ist, abgerundet.

junge musik im staatstheater

beim kon­zert für jun­ge leu­te im staats­thea­ter – sehr schön zu beob­ach­ten, wie sich eine inter­pre­ta­ti­on noch ent­wi­ckeln kann. und was es für einen unter­schied macht, wenn das orches­ter mit lust und lau­ne und etwas ent­spann­ter spielt:

für eine ordent­li­che por­ti­on musi­ka­li­schen jugend­wahns ist das kon­zert für jun­ge leu­te genau der rich­ti­ge platz. cathe­ri­ne rück­wardt hat sich zum letz­ten kon­zert die­ser rei­he in der lau­fen­den spiel­zeit nicht nur musik von jun­gen kom­po­nis­ten aus­ge­sucht, son­dern auch einen sehr jun­gen main­zer pia­nis­ten ein­ge­la­den. arne gies­hoff hat zwar im ver­gan­ge­nen jahr den bun­des­wett­be­werb von jugend musi­ziert gewon­nen, wirkt aber immer noch sehr zurück­hal­tend und ver­schlos­sen: die zuga­be muss­te die diri­gen­tin rich­tig aus ihm her­aus­kit­zeln. und sie war dann auch kein bra­voustück­chen, son­dern ein eige­nes inter­mez­zo, ein nach­denk­lich-medi­ta­ti­ve minia­tur. bra­vour gab’s davor auch mehr als genug: denn in cho­pins opus 2, den varia­tio­nen über ein the­ma aus mozarts don gio­van­ni, muss der pia­nist über eine soli­de tech­nik ver­fü­gen. gies­hoff kann das, und so konn­te nicht viel schief gehen beim vir­tuo­sen wir­bel. was ihm aller­dings noch ein wenig fehlt, ist einer­seits die behaup­tung gegen­über dem orches­ter. und die klang­li­che gestal­tung – es klingt ein­fach noch zu ein­sei­tig, um wirk­lich die gan­ze par­ti­tur zu erfas­sen. aber das wäre von einem 17-jäh­ri­gen wohl zu viel ver­langt. denn nicht jeder gute musi­ker ist gleich ein genie wie cho­pin oder mozart. die haben, und dafür gab das kon­zert genug stoff, in dem alter schon ziem­lich aus­ge­fuchst kom­po­niert – cho­pin eben die varia­tio­nen. und mozart war auch erst zwei jah­re älter, als er „la fin­ta giar­di­nie­ra“ kom­po­nier­te. mit einem zügi­gen marsch durch die ouver­tü­re hat­te das phil­har­mo­ni­sche staats­or­ches­ter den abend eröff­net. ans ande­re ende von mozarts leben führ­te sie das publi­kum dann mit mozarts g‑moll sin­fo­nie. die hat rück­wardt im moment wohl beson­ders ins herz geschlos­sen. nach der auf­füh­rung im ach­ten sin­fo­ni­kon­zert und dem son­der­kon­zert in der phö­nix­hal­le nahm sie mozarts letz­te sin­fo­nie nun auch noch in das kon­zert für die jun­gen leu­te. und die ste­te beschäf­ti­gung mit mozart tut sowohl dem orches­ter als auch der musik gut. wenn dazu noch die fami­liä­re atmo­sphä­re die­ses kon­zer­tes kommt, klingt das nicht ganz anders als im letz­ten sin­fo­nie­kon­zert, aber doch ein gan­zes stück frei­er und unbe­sorg­ter. mit druck­vol­ler wucht und kräf­ti­gen impul­sen musi­zie­ren sie und machen die letz­ten bei­den sät­ze zu einem rich­ti­gen bedro­hungs­sze­na­rio, so klar kon­tu­riert und drän­gend packt rück­wardt das an. noch ein paar auf­führ­run­gen und das wird rich­tig spitze.

kroetz gibt auf

heu­te gele­sen in einer der lie­gen geblie­be­nen aus­ga­ben der süd­deut­schen von letz­ter woche (die nach­richt beruht auf einer vor­ab­mel­dung der zeit):

franz xaver kroetz hat genug. nach­dem er zwei jah­re an sei­nem neu­es­ten thea­ter­stück „tän­ze­rin­nen & drü­cker” geses­sen habe und von sei­nem jüngs­ten gedicht­band ledig­lich 490 exem­pla­re ver­kauft habe, wol­le er das schrei­ben künf­tig sein las­sen. auch auf der büh­ne wer­de man ihn nicht mehr sehen, sag­te kroetz, der sich selbst als ‚depres­si­ver, aus­ge­brann­ter schrift­stel­ler’ bezeich­net: ‚mit dem schau­spie­lern ist es ja auch vor­bei. als regis­seur will ich arbeiten.

ob das jetzt eine gute nach­richt ist? nach dem letz­ten erzäh­lungs­band kann ich immer­hin sei­nen ent­schluss befür­wor­ten, mit dem schrei­ben auf­zu­hö­ren … doch ob er als regis­seur noch etwas ver­nünf­ti­ges hin­be­kommt, ent­zieht sich aller­dings mei­ner kennt­nis. aber wenn er wirk­lich so spar­sam ist, dann muss er ja höchst­wahr­schein­lich auch nicht mehr viel arbeiten…

elisabeth hagedorn singt sich durch die romantik

zum abschied aus dem main­zer ensem­ble hat die sän­ge­rin eli­sa­beth hage­dorn sich aus­ge­rech­net einen lie­der­abend aus­ge­dacht – mit einem ziem­lich kun­ter­bun­ten pro­gramm und durch­aus wech­sel­haf­ten qualitäten:

was wohl pas­sie­ren wür­de, wenn die­se frau wirk­lich am rhein stün­de und sän­ge? gut, ihre haa­re sind ein wenig kurz – aber sonst möch­te man sich lie­ber nicht vor­stel­len, wel­che fol­gen ein lied­vor­trag eliza­beth hage­dorns am lore­lei-fel­sen auf die rhein­schiff­fahrt hät­te. im klei­nen haus setz­te sie in gül­de­nem kleid und rotem schal jeden­falls scham­los so ziem­lich alle ver­füh­rungs­küns­te ein, über die eine sän­ge­rin von ihrem for­mat gebie­tet. und wenn sie dann also traum­ver­lo­ren am flü­gel lehnt und die berühm­ten ver­se der „lore­lei“ in der ver­to­nung von franz liszt singt, ist die vol­le macht der musik zu spü­ren. dar­um geht es ihr an die­sem abend, einem abschied aus dem main­zer ensem­ble, offen­bar. so ganz klar war das zunächst aber nicht. denn wäh­rend der noten­stän­der kon­ti­nu­ier­lich von einer sei­te auf die ande­re wan­dert, wird ganz schnell klar: das spie­len ist ihre wah­re domä­ne. da, wo sie als sän­ge­rin und schau­spie­le­rin gefragt ist, singt sie auch am bes­ten: bei richard strauss, bei franz liszt und alban berg und auch noch bei den lie­dern von charles ives. mit robert schu­mann und johan­nes brahms hat sie aller­dings noch zwei kom­po­nis­ten auf ihrem pro­gramm, die viel mehr inti­mi­tät und abso­lu­te klar­heit im detail for­dern. und das ist ihre stär­ke an die­sem abend nicht so ganz. schu­manns „bel­sa­zar“ singt sie etwa mit spek­ta­ku­lä­rem stimm­li­chen auf­wand – das reißt schon mit. aber das lässt auch viel unter­ge­hen, von der iro­nie des hei­nes-gedich­tes ist nicht mehr viel zu spü­ren. auch die schlich­ten volks­lied­ver­to­nun­gen von brahms pas­sen nicht so recht zu ihrem stil: selbst hier sucht sie noch nach der gro­ßen büh­ne, dem thea­ter in der musik.

dort, wo der kom­po­nist genau das ver­langt, ist sie dann aber auch wirk­lich beein­dru­ckend. etwa richard strauss – schon das ers­te lied von ihm, „die nacht“, zeigt nicht nur die streng kon­trol­lier­te tech­nik, son­dern auch die tref­fen­de sub­ti­li­tät und das klang­li­che eben­maß ihrer stim­me. auch ihr pia­nist andre­as stoehr kann mit spinn­web-fei­nen begleit­fi­gu­ren wirk­lich überzeugen.

und so geht es dann auch den rest­li­chen abend wei­ter. ob mit der idyl­lisch-rei­nen süße von liszts „fischer­kna­be“ oder alban bergs „nach­ti­gall“: eliza­beth hage­dorn ser­viert immer genau die rich­ti­ge por­ti­on expres­si­vi­tät, wech­selt vom emp­find­sa­men ver­wei­len zu schwe­ben­den traum­ge­dan­ken und lässt schließ­lich auch noch die schlich­te poe­sie der musik von charles ives erblü­hen. und immer wie­der wan­dert der noten­stän­der von der einen sei­te zur andern. ein glück nur, das die­se geball­te por­ti­on ver­füh­rung und ver­zü­ckung auf der büh­ne des klei­nen hau­ses nie­man­den von sei­nem weg ablen­ken konnte.

ironische musik? schumanns heine-vertonungen unter der lupe

robert schu­mann und hein­rich hei­ne, die bei­den gro­ßen genies der roman­tik, haben in die­sem jahr ihren 150. todes­tag – auch wenn sich mozart vor­drängt. dabei ist gera­de die­ses traum­paar viel inter­es­san­ter. und es ist auch noch lan­ge nicht alles gesagt. bei­de ver­bin­det näm­lich nicht nur das jahr ihres todes, son­dern auch ein blick für die jeweils ande­re kunst. bei­de waren außer­dem wun­der­ba­re musik­schrift­stel­ler. und nicht zuletzt hat schu­mann eben hei­ne öfter ver­tont als jeden ande­ren dich­ter. die­se lie­der muss­ten aller­dings im lau­fe der zeit so eini­ge unbill erfah­ren. genau das hat tho­mas syn­of­zik, direk­tor des robert-schu­mann-hau­ses in zwi­ckau, offen­bar gereizt. denn sei­ne pünkt­lich zum jubi­lä­um erschie­ne­ne stu­die hat zwei zie­le: zum einen will syn­of­zik mit der rezep­ti­ons­ge­schich­te mal so rich­tig auf­räu­men. und er will das ver­hält­nis von musik und iro­nie unter die lupe neh­men. der titel ver­spricht dabei aller­dings ein wenig mehr als das buch ein­lö­sen kann. denn sein fokus bleibt beschränkt: es geht um die hei­ne-lie­der – und um nichts anderes.

der ver­such, der roman­ti­schen iro­nie über­haupt ana­ly­tisch hab­haft zu wer­den, macht den anfang. syn­of­zik sieht sie vor allem als aus­druck der ambi­va­lenz und der ambi­gui­tät. das beob­ach­tet er in hei­nes lyrik und danach sucht er in sei­nen detail­lier­ten har­mo­ni­schen, metri­schen, melo­di­schen und struk­tu­rel­len ana­ly­sen der musik. und er fin­det dabei so vie­le und ein­deu­ti­ge musi­ka­li­schen umset­zun­gen der iro­nie, dass man die frü­he­ren ver­su­che, genau das schu­manns ver­to­nun­gen abzu­spre­chen, kaum glau­ben mag. ob es nun die boden­lo­se har­mo­nik des chor­sat­zes „die lotus­blu­me“, die tona­le ambi­va­lenz von „im wun­der­schö­nen monat mai“, die ros­si­ni-per­si­fla­ge in „die rose, die lilie, die tau­be“ oder die para­do­xen schluss­wen­dun­gen und iro­ni­schen poin­ten – syn­of­zik spürt sie mit viel ana­ly­ti­schem geschick und scharf­blick auf. was sei­nem buch gera­de am ende der lek­tü­re aller­dings ein wenig abgeht, ist der grö­ße­re zusam­men­hang. inter­es­sant wäre schon noch, wie sich die­se beob­ach­tun­gen mit ande­ren lie­der schu­manns oder hei­ne-ver­to­nun­gen ande­rer kom­po­nis­ten ver­glei­chen ließen.

tho­mas syn­of­zik: hein­rich hei­ne – robert schu­mann. musik und iro­nie. köln: dohr 2006. 191 sei­ten. 24,80 euro.

ist reich-ranicki ein literaturkritiker?

die fra­ge ist nicht ganz so banal wie sie scheint. denn es tau­chen zumin­dest bei mir immer wie­der zwei­fel auf. ver­steht er über­haupt, was lite­ra­tur ist? und was kri­tik? wenn ich dann heu­te in der taz ein inter­view mit unser aller lieb­ling mar­cel reich-rani­cki lese, kom­me ich aus dem ver­zwei­fel­ten lachen kaum noch her­aus. denn wenn ein lite­ra­tur­kri­ti­ker sät­ze von sich gibt wie: „der leser liest bücher zu einem ein­zi­gen zweck: um sich die zeit zu ver­trei­ben“ – dann ist wohl wirk­lich hop­fen und malz ver­lo­ren. dann bleibt uns wohl wirk­lich nur noch elke hei­den­reich. aber noch ist es ja nicht so weit. zumin­dest nicht ganz. ein paar rest-leser gibt es ja noch. sonst wür­de hand­ke auch kei­ne bücher ver­kau­fen. über den will mrr sich bezeich­nen­der­wei­se gar nicht erst äußern. na ja, wenn man als lite­ra­tur­kri­ti­ker immer noch und immer wie­der dar­auf besteht, dass man bei der lek­tü­re wis­sen muss „in wel­cher situa­ti­on war der autor“, dann soll­te man sich schleug­nist nach einem pas­sen­de­ren gehirn oder einem ange­mes­se­ne­ren job umse­hen. so wird das jeden­falls nix mehr – denn was weiß er denn im güns­tigs­ten fall über die situa­ti­on des autors? er kann viel­leicht raus­be­kom­men, ob er mate­ri­ell abge­si­chert war. ob er gera­de irgend­wel­chen öffent­li­chen oder offen­sicht­li­chen ärger hat­te und hat. aber sonst? sonst bleibt ihm doch auch nur die lek­tü­re und der text. und das reicht ja auch, damit hat man doch auch mehr als genug zu tun.

aber reich-rani­cki freut sich lie­ber über die tol­le arbeit, die er mit sei­nem kanon geleis­tet hat – und hat immer noch nicht kapiert, wie sinn­los und über­flüs­sig die­se gan­ze sache ist. denn ers­tens lie­ße er sich mit sei­nen eige­nen waf­fen schla­gen: wenn er der ansicht ist, bücher oder lite­ra­tur all­ge­mein wür­den nur zum zeit­ver­treib gele­sen, dann bräuch­te ja nie­mand einen kanon, dann könn­te jeder lesen, was er lus­tig fän­de (und so ist es ja auch). das zeigt ja, wie undurch­dacht und wider­sprüch­lich mrrs posi­ti­on ist. wer nur den kanon lesen will – braucht er dafür einen kof­fer mit allen tex­ten? nein, natür­lich nicht. und erst recht nicht, wenn die tex­te sowie­so alle stän­dig ver­füg­bar sind. damit fällt näm­lich reich-rani­ckis haupt­ab­wehr­ar­gu­ment gegen kri­tik an sei­ner aus­wahl – die ja, wie er selbst wie­der zugibt, auch eine sub­jek­ti­ve ist, also kei­nen wirk­li­chen „kanon“ im eigent­li­chen sin­ne dar­stellt – schon wie­der weg: wür­de es ihm wirk­lich dar­um gehen, einen ver­bind­li­chen kanon zu zemen­tie­ren, lie­ße er sich nicht von so läp­pi­schen und rein kom­mer­zi­ell gedach­ten argu­men­ten wie dem gewicht der aus­ga­be der tex­te sei­nes kanons beein­flus­sen. dann könn­te er näm­lich schlicht und ein­fach eine ent­spre­chen­de lis­te ver­öf­fent­li­chen. aber dar­an zeigt sich eben: es geht ein­fach um das geld. und nicht um die lite­ra­tur. des­halb ist mrr auch kein lite­ra­tur­kri­ti­ker, son­dern – wie auch schon zu zei­ten des liteari­schen quar­tetts, des­sen schwund­stu­fe jetzt halt eine solo­per­for­mance von elke hei­den­reich ist – nur ein bera­ter für die frei­zeit­ge­stal­tung. und das ist etwas ganz anderes.

ist peter licht eine trübe tasse?

ich blei­be jetzt ein­fach mal bei der frü­he­ren schreib­wei­se als nor­ma­ler name. obwohl die neue kon­tra­hier­te form den kunst­cha­rak­ter die­ser bezeich­nung ja schon deut­li­cher macht. ande­rer­seits war es ja gera­de der witz, das man (zunächst) nicht wuss­te, wo der künst­ler auf­hört und der mensch anfängt, der den frü­he­ren peter licht inter­es­san­ter gemacht hat. auch die musik sei­ner ers­ten bei­den alben, stra­to­sphä­ren­lie­der und 14 lie­der, hat mir bes­ser gefal­len als sein aktu­ells­tes, die lie­der vom ende des kapi­ta­lis­mus. und zwar nicht nur (aber auch ein wenig) text­lich (frü­her: mehr witz, mehr sku­r­il­li­tä­ten, absur­di­tä­ten der gegen­wär­tig­keit), son­dern vor allem musi­ka­lisch – wenn peter licht so stink­nor­ma­len gitar­ren­pop macht, wird das gan­ze pro­jekt irgend­wie doch eben auch ganz nor­mal und nichts beson­de­res mehr. frü­her war zwar nicht alles bes­ser, aber sei­ne musik hat­te den ent­schei­den­den kick über­dreht­heit mehr, der sie inter­es­sant wir­ken ließ.

aber hier soll es ja eigent­lich um sein buch gehen: peter­licht: wir wer­den sie­gen! buch vom ende des kapi­ta­lis­mus. mün­chen: blu­men­bar 2006. und das lässt zunächst ein­mal die übli­chen befürch­tun­gen wahr wer­den: geschrie­ben, sozu­sa­gen schwarz auf weiß, wirkt das alles nur noch halb so gut – plötz­lich merkt man eben, wie bil­lig und abge­nutzt die wort­wit­ze­lei­en in wirk­lich­keit schon sind. schwarz auf weiß ist übri­gens falsch, das buch ist in (hell-)blau (mit ein wenig blass­rot) gedruckt. und in einer ziem­lich kata­stro­pha­len schrift gesetzt, mit abso­lut unmög­li­chen i‑ligaturen – sogar rück­wärts bei der ver­bin­dung gi, die einem das lesen schon fast wie­der ver­lei­den. aber immer­hin kann man ja noch peter lichts kugel­schrei­ber-gekrit­zel bestau­nen. aber auch das gab es schon mal, in der per­fek­ten form etwa bei die­ter roths tele­fon­zeich­nun­gen – wenn man sich das vor augen hält, wirkt peter licht auf ein­mal wie­der wie ein ganz klei­nes licht (‚tschul­di­gung, der witz muss­te jetzt mal sein).

die abso­lu­te und ganz typi­sche all-round-ver­mark­tung hat inzwi­schen von peter licht besitz ergrif­fen: musik, thea­ter, buch, dem­nächst kommt bestimmt noch ein kino­film… auch sei­ne masche mit der anony­mi­tät ist natür­lich eben nur eine masche, die bei der öko­no­mi­schen ver­wer­tung hilft: peter­licht ist die mar­ke, die muss erkenn­bar sein und sich vom rest abhe­ben. immer­hin behaup­tet peter licht m.w. nicht, dass es anders sei…

was ist das also für ein buch: das ist ein net­tes und hüb­sches sam­mel­su­ri­um: klei­ne erzäh­lun­gen, nota­te, gedan­ken-fund­stel­len, sinn­sprü­che und natür­lich lied­tex­te (kom­plett erwar­tungs­ge­mäß die „lie­der vom ende des kapi­ta­lis­mus“, aber auch ande­re, älte­re – inklu­si­ve dem fast unver­meid­li­chem „son­nen­deck“, das über­ra­schen­der­wei­se zu den gelun­gens­ten sei­ten die­ses buches gehört:

„wenn ich nicht hier bin
bin ich aufm sonnendeck
bin ich bin ich bin ich bin ich
und wenn ich nicht hier bin
bin ich aufm sonnendeck
oder im aquarium
bin ich bin ich
und alles was ist
dau­ert drei sekunden:
eine sekun­de für vor­her eine für nachher
und eine für mittendrin
für da wo der glet­scher kalbt
wo die sekunden
ins blaue meer fliegen

und wenn ich nicht hier bin
bin ich aufm sonnendeck
bin ich bin ich bin ich bin ich“

[mit den drei sekun­den hat er sogar mal wirk­lich recht, das haben die psy­cho­lo­gen ja als die unge­fäh­re zeit­span­ne der „gegen­wart“ bestim­men kön­nen.]

dane­ben steht aber auch etli­ches an lei­der ziem­lich ein­fäl­tig-pri­mi­ti­ven lyrik – zusam­men gemischt zu einer in jedem zei­chen, in jedem bana­len gekrit­zel bedeu­tung sug­ge­rie­ren­den mix­tur, die aber auch wie­der nur lee­res geblub­ber ist. das gan­ze dreht sich ger­ne immer wie­der um licht & damit ver­bun­de­ne meta­phern. aber die zweit- oder dritt­ver­wer­tung sei­ner ideen & gedan­ken, die in ihren ursprüng­li­chen for­men – meist eben dem lied – wesent­lich fri­scher & inter­es­san­ter wir­ken & auch sind, wie das die „trans­syl­va­ni­sche ver­wand­te“ sehr deut­lich macht, lässt sich am bes­ten wie­der mit peter licht selbst cha­rak­te­ri­sie­ren: „das hier macht lala­la und ver­sen­det sich“ punkt.

sei­nem spiel­trieb hat er dabei rei­lich frei­en lauf gelas­sen – oft wünscht man sich nichts sehn­li­cher, als den gebrauch der ver­nunft und des ver­stan­des durch den autor. ich muss dann aller­dings auch zuge­ben, dass es nicht ganz so schlimm ist, wie sich das hier jetzt lesen mag. und dass trotz allem geme­cker auch ein paar net­tig­kei­ten dabei sind. und zwar vor allem da, wo die poe­ti­sche beschrei­bun­gen ein gleich­ge­wicht mit den bana­li­tä­ten des all­tags, denen sich peter licht so ger­ne wid­met, auch sprach­lich ein­ge­hen. und außer­dem lässt sich gene­rell beob­ach­ten: eine gewis­se leich­tig­keit, ein schwe­ben, – fast wie in der schwe­re­lo­sig­keit – die schwer­kraft ist ja, dar­auf hat peter licht bereits frü­her hin­ge­wie­sen – über­flüs­sig – im welt­raum geht’s ja auch ohne sie…

aber trotz­dem: im gesam­ten scheint mir das doch eben genau die art von bedeu­tungs­schwan­ge­rem gerau­ne und pseu­do­in­tel­lek­tu­el­ler pseu­do­kunst zu sein, die mir den pop in sei­ner ein­fa­chen form der gegen­wart so oft so sehr ver­lei­det. ist das jetzt womög­lich ein deut­sches phänomen?

der einzelne gegen die masse: meisterkonzert in der rheingoldhalle

was das pro­gramm – beet­ho­ven, leo­no­re 3; chris­ti­an jost, luxaeter­na; rim­s­ki-kor­sa­kow, sche­he­zer­a­de – zunächst gar nicht so erwar­ten ließ: ein span­nen­des und wirk­lich gutes, über­zeu­gen­des kon­zert bei den meis­ter­kon­zer­ten in der rhein­gold­hal­le. der text trifft es eigent­lich auch ohne ergän­zun­gen ziem­lich gut:

streng und ernst steht er da, von kopf bis fuß in schlich­tes schwarz gewandt. geor­ge peh­li­va­ni­an nimmt sei­ne auf­ga­be als diri­gent der staats­phil­har­mo­nie rhein­land-pfalz aus­ge­spro­chen ernst. zum ers­ten mal war der „ers­te gast­di­ri­gent“ des orches­ters beim letz­ten meis­ter­kon­zert in der main­zer rhein­gold­hal­le. und was sei­ne aske­ti­sche dienst­klei­dung an ele­ganz ver­mis­sen lässt, macht sei­ne diri­gier­kunst wett. so ele­gant und geschmei­dig wie er diri­giert kaum ein orchesterleiter.

da es bei die­sem kon­zert aber offen­bar um den gegen­satz zwi­schen indi­vi­du­um und gesell­schaft, zwi­schen auf­be­geh­ren und anpas­sung geht, braucht der maes­tro, der sich so unauf­dring­lich in sein orches­ter ein­füg­te, einen gewich­ti­gen wider­sa­cher. die­se rol­le füll­te der saxo­pho­nist arno born­kamp per­fekt aus. er geht ganz in sei­ner rol­le als kämp­fe­ri­scher indi­vi­dua­list, die der kom­po­nist chris­ti­an jost ihm in sei­nem saxo­phon­kon­zert „luxaeter­na“ ver­ord­net, auf: mit ums haupt geschlun­ge­nem stirn­band agiert er neben geor­ge peh­li­va­ni­an bei der deut­schen erst­auf­füh­rung fast wie ein stadt­gue­ril­la – da fehlt nur noch die tarn­fle­cken-hose. der diri­gent kämpft unter­des­sen um sei­ne läs­si­ge ele­ganz und muss doch akzep­tie­ren, dass hier born­kamp die marsch­rich­tung vor­gibt. mit allen mög­lich­kei­ten zwi­schen kla­ren sta­tet­ments, vibrie­ren­den gefühls­aus­brü­chen, schrei­en­der ver­zweif­lung und lamen­tie­ren­der trau­er hilft das saxo­phon, die in stän­di­ger unsi­cher­heit immer wie­der sto­cken­den orches­ter­klang­fel­der zusam­men­zu­schwei­ßen. unauf­hör­lich bringt das solo­in­stru­ment melo­di­sche frag­men­te ins spiel, wäh­rend das orches­ter stär­ker in farb­va­ria­tio­nen und raum­klän­gen orga­ni­siert ist. das ist zwar kei­ne linea­re erzäh­lung, aber doch eine form der musik, die ent­wick­lun­gen durch­macht, die plötz­li­che ent­schei­dun­gen und lan­ges nach­den­ken, kämp­fe­ri­sches agie­ren und gelas­se­nes abwar­ten des kamp­fes des ein­zel­nen mit und gegen die gemein­schaft in immer neu­en vari­an­ten verbindet.

der diri­gent hat da ver­gleichs­wei­se wenig zu sagen. sein tak­stock, der sich bei beet­ho­vens drit­ter leo­no­ren-ouver­tü­re als gefähr­lich spit­zes flo­rett gebär­de­te, darf hier nur noch als uner­bitt­li­cher takt­ge­ber fun­gie­ren. dafür kann er bei niko­lai rim­s­ki-kor­sa­kows sche­he­zer­a­de zum tän­zeln­den, unbe­re­chen­ba­ren der­wisch wer­den. denn peh­li­va­ni­an spielt das orches­ter mit sei­nen hän­den wie ein gro­ßes instru­ment: er malt ihnen die musik förm­lich in die luft. und die lud­wigs­ha­fe­ner reagie­ren auf die­se füh­rung wun­der­bar geschmei­dig und ein­mü­tig. eine blen­den­de mischung aus war­men, gedeck­ten klang­far­ben und plas­tisch-kör­per­haft greif­ba­ren struk­tu­ren wird das – nicht nur eine augen­wei­de, son­dern auch ein ohrenschmaus.

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