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junge musik im staatstheater

beim kon­zert für jun­ge leu­te im staats­thea­ter – sehr schön zu beob­ach­ten, wie sich eine inter­pre­ta­ti­on noch ent­wi­ckeln kann. und was es für einen unter­schied macht, wenn das orches­ter mit lust und lau­ne und etwas ent­spann­ter spielt:

für eine ordent­li­che por­ti­on musi­ka­li­schen jugend­wahns ist das kon­zert für jun­ge leu­te genau der rich­ti­ge platz. cathe­ri­ne rück­wardt hat sich zum letz­ten kon­zert die­ser rei­he in der lau­fen­den spiel­zeit nicht nur musik von jun­gen kom­po­nis­ten aus­ge­sucht, son­dern auch einen sehr jun­gen main­zer pia­nis­ten ein­ge­la­den. arne gies­hoff hat zwar im ver­gan­ge­nen jahr den bun­des­wett­be­werb von jugend musi­ziert gewon­nen, wirkt aber immer noch sehr zurück­hal­tend und ver­schlos­sen: die zuga­be muss­te die diri­gen­tin rich­tig aus ihm her­aus­kit­zeln. und sie war dann auch kein bra­voustück­chen, son­dern ein eige­nes inter­mez­zo, ein nach­denk­lich-medi­ta­ti­ve minia­tur. bra­vour gab’s davor auch mehr als genug: denn in cho­pins opus 2, den varia­tio­nen über ein the­ma aus mozarts don gio­van­ni, muss der pia­nist über eine soli­de tech­nik ver­fü­gen. gies­hoff kann das, und so konn­te nicht viel schief gehen beim vir­tuo­sen wir­bel. was ihm aller­dings noch ein wenig fehlt, ist einer­seits die behaup­tung gegen­über dem orches­ter. und die klang­li­che gestal­tung – es klingt ein­fach noch zu ein­sei­tig, um wirk­lich die gan­ze par­ti­tur zu erfas­sen. aber das wäre von einem 17-jäh­ri­gen wohl zu viel ver­langt. denn nicht jeder gute musi­ker ist gleich ein genie wie cho­pin oder mozart. die haben, und dafür gab das kon­zert genug stoff, in dem alter schon ziem­lich aus­ge­fuchst kom­po­niert – cho­pin eben die varia­tio­nen. und mozart war auch erst zwei jah­re älter, als er „la fin­ta giar­di­nie­ra“ kom­po­nier­te. mit einem zügi­gen marsch durch die ouver­tü­re hat­te das phil­har­mo­ni­sche staats­or­ches­ter den abend eröff­net. ans ande­re ende von mozarts leben führ­te sie das publi­kum dann mit mozarts g‑moll sin­fo­nie. die hat rück­wardt im moment wohl beson­ders ins herz geschlos­sen. nach der auf­füh­rung im ach­ten sin­fo­ni­kon­zert und dem son­der­kon­zert in der phö­nix­hal­le nahm sie mozarts letz­te sin­fo­nie nun auch noch in das kon­zert für die jun­gen leu­te. und die ste­te beschäf­ti­gung mit mozart tut sowohl dem orches­ter als auch der musik gut. wenn dazu noch die fami­liä­re atmo­sphä­re die­ses kon­zer­tes kommt, klingt das nicht ganz anders als im letz­ten sin­fo­nie­kon­zert, aber doch ein gan­zes stück frei­er und unbe­sorg­ter. mit druck­vol­ler wucht und kräf­ti­gen impul­sen musi­zie­ren sie und machen die letz­ten bei­den sät­ze zu einem rich­ti­gen bedro­hungs­sze­na­rio, so klar kon­tu­riert und drän­gend packt rück­wardt das an. noch ein paar auf­führ­run­gen und das wird rich­tig spitze.

kroetz gibt auf

heu­te gele­sen in einer der lie­gen geblie­be­nen aus­ga­ben der süd­deut­schen von letz­ter woche (die nach­richt beruht auf einer vor­ab­mel­dung der zeit):

franz xaver kroetz hat genug. nach­dem er zwei jah­re an sei­nem neu­es­ten thea­ter­stück „tän­ze­rin­nen & drü­cker” geses­sen habe und von sei­nem jüngs­ten gedicht­band ledig­lich 490 exem­pla­re ver­kauft habe, wol­le er das schrei­ben künf­tig sein las­sen. auch auf der büh­ne wer­de man ihn nicht mehr sehen, sag­te kroetz, der sich selbst als ‚depres­si­ver, aus­ge­brann­ter schrift­stel­ler’ bezeich­net: ‚mit dem schau­spie­lern ist es ja auch vor­bei. als regis­seur will ich arbeiten.

ob das jetzt eine gute nach­richt ist? nach dem letz­ten erzäh­lungs­band kann ich immer­hin sei­nen ent­schluss befür­wor­ten, mit dem schrei­ben auf­zu­hö­ren … doch ob er als regis­seur noch etwas ver­nünf­ti­ges hin­be­kommt, ent­zieht sich aller­dings mei­ner kennt­nis. aber wenn er wirk­lich so spar­sam ist, dann muss er ja höchst­wahr­schein­lich auch nicht mehr viel arbeiten…

elisabeth hagedorn singt sich durch die romantik

zum abschied aus dem main­zer ensem­ble hat die sän­ge­rin eli­sa­beth hage­dorn sich aus­ge­rech­net einen lie­der­abend aus­ge­dacht – mit einem ziem­lich kun­ter­bun­ten pro­gramm und durch­aus wech­sel­haf­ten qualitäten:

was wohl pas­sie­ren wür­de, wenn die­se frau wirk­lich am rhein stün­de und sän­ge? gut, ihre haa­re sind ein wenig kurz – aber sonst möch­te man sich lie­ber nicht vor­stel­len, wel­che fol­gen ein lied­vor­trag eliza­beth hage­dorns am lore­lei-fel­sen auf die rhein­schiff­fahrt hät­te. im klei­nen haus setz­te sie in gül­de­nem kleid und rotem schal jeden­falls scham­los so ziem­lich alle ver­füh­rungs­küns­te ein, über die eine sän­ge­rin von ihrem for­mat gebie­tet. und wenn sie dann also traum­ver­lo­ren am flü­gel lehnt und die berühm­ten ver­se der „lore­lei“ in der ver­to­nung von franz liszt singt, ist die vol­le macht der musik zu spü­ren. dar­um geht es ihr an die­sem abend, einem abschied aus dem main­zer ensem­ble, offen­bar. so ganz klar war das zunächst aber nicht. denn wäh­rend der noten­stän­der kon­ti­nu­ier­lich von einer sei­te auf die ande­re wan­dert, wird ganz schnell klar: das spie­len ist ihre wah­re domä­ne. da, wo sie als sän­ge­rin und schau­spie­le­rin gefragt ist, singt sie auch am bes­ten: bei richard strauss, bei franz liszt und alban berg und auch noch bei den lie­dern von charles ives. mit robert schu­mann und johan­nes brahms hat sie aller­dings noch zwei kom­po­nis­ten auf ihrem pro­gramm, die viel mehr inti­mi­tät und abso­lu­te klar­heit im detail for­dern. und das ist ihre stär­ke an die­sem abend nicht so ganz. schu­manns „bel­sa­zar“ singt sie etwa mit spek­ta­ku­lä­rem stimm­li­chen auf­wand – das reißt schon mit. aber das lässt auch viel unter­ge­hen, von der iro­nie des hei­nes-gedich­tes ist nicht mehr viel zu spü­ren. auch die schlich­ten volks­lied­ver­to­nun­gen von brahms pas­sen nicht so recht zu ihrem stil: selbst hier sucht sie noch nach der gro­ßen büh­ne, dem thea­ter in der musik.

dort, wo der kom­po­nist genau das ver­langt, ist sie dann aber auch wirk­lich beein­dru­ckend. etwa richard strauss – schon das ers­te lied von ihm, „die nacht“, zeigt nicht nur die streng kon­trol­lier­te tech­nik, son­dern auch die tref­fen­de sub­ti­li­tät und das klang­li­che eben­maß ihrer stim­me. auch ihr pia­nist andre­as stoehr kann mit spinn­web-fei­nen begleit­fi­gu­ren wirk­lich überzeugen.

und so geht es dann auch den rest­li­chen abend wei­ter. ob mit der idyl­lisch-rei­nen süße von liszts „fischer­kna­be“ oder alban bergs „nach­ti­gall“: eliza­beth hage­dorn ser­viert immer genau die rich­ti­ge por­ti­on expres­si­vi­tät, wech­selt vom emp­find­sa­men ver­wei­len zu schwe­ben­den traum­ge­dan­ken und lässt schließ­lich auch noch die schlich­te poe­sie der musik von charles ives erblü­hen. und immer wie­der wan­dert der noten­stän­der von der einen sei­te zur andern. ein glück nur, das die­se geball­te por­ti­on ver­füh­rung und ver­zü­ckung auf der büh­ne des klei­nen hau­ses nie­man­den von sei­nem weg ablen­ken konnte.

ironische musik? schumanns heine-vertonungen unter der lupe

robert schu­mann und hein­rich hei­ne, die bei­den gro­ßen genies der roman­tik, haben in die­sem jahr ihren 150. todes­tag – auch wenn sich mozart vor­drängt. dabei ist gera­de die­ses traum­paar viel inter­es­san­ter. und es ist auch noch lan­ge nicht alles gesagt. bei­de ver­bin­det näm­lich nicht nur das jahr ihres todes, son­dern auch ein blick für die jeweils ande­re kunst. bei­de waren außer­dem wun­der­ba­re musik­schrift­stel­ler. und nicht zuletzt hat schu­mann eben hei­ne öfter ver­tont als jeden ande­ren dich­ter. die­se lie­der muss­ten aller­dings im lau­fe der zeit so eini­ge unbill erfah­ren. genau das hat tho­mas syn­of­zik, direk­tor des robert-schu­mann-hau­ses in zwi­ckau, offen­bar gereizt. denn sei­ne pünkt­lich zum jubi­lä­um erschie­ne­ne stu­die hat zwei zie­le: zum einen will syn­of­zik mit der rezep­ti­ons­ge­schich­te mal so rich­tig auf­räu­men. und er will das ver­hält­nis von musik und iro­nie unter die lupe neh­men. der titel ver­spricht dabei aller­dings ein wenig mehr als das buch ein­lö­sen kann. denn sein fokus bleibt beschränkt: es geht um die hei­ne-lie­der – und um nichts anderes.

der ver­such, der roman­ti­schen iro­nie über­haupt ana­ly­tisch hab­haft zu wer­den, macht den anfang. syn­of­zik sieht sie vor allem als aus­druck der ambi­va­lenz und der ambi­gui­tät. das beob­ach­tet er in hei­nes lyrik und danach sucht er in sei­nen detail­lier­ten har­mo­ni­schen, metri­schen, melo­di­schen und struk­tu­rel­len ana­ly­sen der musik. und er fin­det dabei so vie­le und ein­deu­ti­ge musi­ka­li­schen umset­zun­gen der iro­nie, dass man die frü­he­ren ver­su­che, genau das schu­manns ver­to­nun­gen abzu­spre­chen, kaum glau­ben mag. ob es nun die boden­lo­se har­mo­nik des chor­sat­zes „die lotus­blu­me“, die tona­le ambi­va­lenz von „im wun­der­schö­nen monat mai“, die ros­si­ni-per­si­fla­ge in „die rose, die lilie, die tau­be“ oder die para­do­xen schluss­wen­dun­gen und iro­ni­schen poin­ten – syn­of­zik spürt sie mit viel ana­ly­ti­schem geschick und scharf­blick auf. was sei­nem buch gera­de am ende der lek­tü­re aller­dings ein wenig abgeht, ist der grö­ße­re zusam­men­hang. inter­es­sant wäre schon noch, wie sich die­se beob­ach­tun­gen mit ande­ren lie­der schu­manns oder hei­ne-ver­to­nun­gen ande­rer kom­po­nis­ten ver­glei­chen ließen.

tho­mas syn­of­zik: hein­rich hei­ne – robert schu­mann. musik und iro­nie. köln: dohr 2006. 191 sei­ten. 24,80 euro.

ist reich-ranicki ein literaturkritiker?

die fra­ge ist nicht ganz so banal wie sie scheint. denn es tau­chen zumin­dest bei mir immer wie­der zwei­fel auf. ver­steht er über­haupt, was lite­ra­tur ist? und was kri­tik? wenn ich dann heu­te in der taz ein inter­view mit unser aller lieb­ling mar­cel reich-rani­cki lese, kom­me ich aus dem ver­zwei­fel­ten lachen kaum noch her­aus. denn wenn ein lite­ra­tur­kri­ti­ker sät­ze von sich gibt wie: „der leser liest bücher zu einem ein­zi­gen zweck: um sich die zeit zu ver­trei­ben“ – dann ist wohl wirk­lich hop­fen und malz ver­lo­ren. dann bleibt uns wohl wirk­lich nur noch elke hei­den­reich. aber noch ist es ja nicht so weit. zumin­dest nicht ganz. ein paar rest-leser gibt es ja noch. sonst wür­de hand­ke auch kei­ne bücher ver­kau­fen. über den will mrr sich bezeich­nen­der­wei­se gar nicht erst äußern. na ja, wenn man als lite­ra­tur­kri­ti­ker immer noch und immer wie­der dar­auf besteht, dass man bei der lek­tü­re wis­sen muss „in wel­cher situa­ti­on war der autor“, dann soll­te man sich schleug­nist nach einem pas­sen­de­ren gehirn oder einem ange­mes­se­ne­ren job umse­hen. so wird das jeden­falls nix mehr – denn was weiß er denn im güns­tigs­ten fall über die situa­ti­on des autors? er kann viel­leicht raus­be­kom­men, ob er mate­ri­ell abge­si­chert war. ob er gera­de irgend­wel­chen öffent­li­chen oder offen­sicht­li­chen ärger hat­te und hat. aber sonst? sonst bleibt ihm doch auch nur die lek­tü­re und der text. und das reicht ja auch, damit hat man doch auch mehr als genug zu tun.

aber reich-rani­cki freut sich lie­ber über die tol­le arbeit, die er mit sei­nem kanon geleis­tet hat – und hat immer noch nicht kapiert, wie sinn­los und über­flüs­sig die­se gan­ze sache ist. denn ers­tens lie­ße er sich mit sei­nen eige­nen waf­fen schla­gen: wenn er der ansicht ist, bücher oder lite­ra­tur all­ge­mein wür­den nur zum zeit­ver­treib gele­sen, dann bräuch­te ja nie­mand einen kanon, dann könn­te jeder lesen, was er lus­tig fän­de (und so ist es ja auch). das zeigt ja, wie undurch­dacht und wider­sprüch­lich mrrs posi­ti­on ist. wer nur den kanon lesen will – braucht er dafür einen kof­fer mit allen tex­ten? nein, natür­lich nicht. und erst recht nicht, wenn die tex­te sowie­so alle stän­dig ver­füg­bar sind. damit fällt näm­lich reich-rani­ckis haupt­ab­wehr­ar­gu­ment gegen kri­tik an sei­ner aus­wahl – die ja, wie er selbst wie­der zugibt, auch eine sub­jek­ti­ve ist, also kei­nen wirk­li­chen „kanon“ im eigent­li­chen sin­ne dar­stellt – schon wie­der weg: wür­de es ihm wirk­lich dar­um gehen, einen ver­bind­li­chen kanon zu zemen­tie­ren, lie­ße er sich nicht von so läp­pi­schen und rein kom­mer­zi­ell gedach­ten argu­men­ten wie dem gewicht der aus­ga­be der tex­te sei­nes kanons beein­flus­sen. dann könn­te er näm­lich schlicht und ein­fach eine ent­spre­chen­de lis­te ver­öf­fent­li­chen. aber dar­an zeigt sich eben: es geht ein­fach um das geld. und nicht um die lite­ra­tur. des­halb ist mrr auch kein lite­ra­tur­kri­ti­ker, son­dern – wie auch schon zu zei­ten des liteari­schen quar­tetts, des­sen schwund­stu­fe jetzt halt eine solo­per­for­mance von elke hei­den­reich ist – nur ein bera­ter für die frei­zeit­ge­stal­tung. und das ist etwas ganz anderes.

ist peter licht eine trübe tasse?

ich blei­be jetzt ein­fach mal bei der frü­he­ren schreib­wei­se als nor­ma­ler name. obwohl die neue kon­tra­hier­te form den kunst­cha­rak­ter die­ser bezeich­nung ja schon deut­li­cher macht. ande­rer­seits war es ja gera­de der witz, das man (zunächst) nicht wuss­te, wo der künst­ler auf­hört und der mensch anfängt, der den frü­he­ren peter licht inter­es­san­ter gemacht hat. auch die musik sei­ner ers­ten bei­den alben, stra­to­sphä­ren­lie­der und 14 lie­der, hat mir bes­ser gefal­len als sein aktu­ells­tes, die lie­der vom ende des kapi­ta­lis­mus. und zwar nicht nur (aber auch ein wenig) text­lich (frü­her: mehr witz, mehr sku­r­il­li­tä­ten, absur­di­tä­ten der gegen­wär­tig­keit), son­dern vor allem musi­ka­lisch – wenn peter licht so stink­nor­ma­len gitar­ren­pop macht, wird das gan­ze pro­jekt irgend­wie doch eben auch ganz nor­mal und nichts beson­de­res mehr. frü­her war zwar nicht alles bes­ser, aber sei­ne musik hat­te den ent­schei­den­den kick über­dreht­heit mehr, der sie inter­es­sant wir­ken ließ.

aber hier soll es ja eigent­lich um sein buch gehen: peter­licht: wir wer­den sie­gen! buch vom ende des kapi­ta­lis­mus. mün­chen: blu­men­bar 2006. und das lässt zunächst ein­mal die übli­chen befürch­tun­gen wahr wer­den: geschrie­ben, sozu­sa­gen schwarz auf weiß, wirkt das alles nur noch halb so gut – plötz­lich merkt man eben, wie bil­lig und abge­nutzt die wort­wit­ze­lei­en in wirk­lich­keit schon sind. schwarz auf weiß ist übri­gens falsch, das buch ist in (hell-)blau (mit ein wenig blass­rot) gedruckt. und in einer ziem­lich kata­stro­pha­len schrift gesetzt, mit abso­lut unmög­li­chen i‑ligaturen – sogar rück­wärts bei der ver­bin­dung gi, die einem das lesen schon fast wie­der ver­lei­den. aber immer­hin kann man ja noch peter lichts kugel­schrei­ber-gekrit­zel bestau­nen. aber auch das gab es schon mal, in der per­fek­ten form etwa bei die­ter roths tele­fon­zeich­nun­gen – wenn man sich das vor augen hält, wirkt peter licht auf ein­mal wie­der wie ein ganz klei­nes licht (‚tschul­di­gung, der witz muss­te jetzt mal sein).

die abso­lu­te und ganz typi­sche all-round-ver­mark­tung hat inzwi­schen von peter licht besitz ergrif­fen: musik, thea­ter, buch, dem­nächst kommt bestimmt noch ein kino­film… auch sei­ne masche mit der anony­mi­tät ist natür­lich eben nur eine masche, die bei der öko­no­mi­schen ver­wer­tung hilft: peter­licht ist die mar­ke, die muss erkenn­bar sein und sich vom rest abhe­ben. immer­hin behaup­tet peter licht m.w. nicht, dass es anders sei…

was ist das also für ein buch: das ist ein net­tes und hüb­sches sam­mel­su­ri­um: klei­ne erzäh­lun­gen, nota­te, gedan­ken-fund­stel­len, sinn­sprü­che und natür­lich lied­tex­te (kom­plett erwar­tungs­ge­mäß die „lie­der vom ende des kapi­ta­lis­mus“, aber auch ande­re, älte­re – inklu­si­ve dem fast unver­meid­li­chem „son­nen­deck“, das über­ra­schen­der­wei­se zu den gelun­gens­ten sei­ten die­ses buches gehört:

„wenn ich nicht hier bin
bin ich aufm sonnendeck
bin ich bin ich bin ich bin ich
und wenn ich nicht hier bin
bin ich aufm sonnendeck
oder im aquarium
bin ich bin ich
und alles was ist
dau­ert drei sekunden:
eine sekun­de für vor­her eine für nachher
und eine für mittendrin
für da wo der glet­scher kalbt
wo die sekunden
ins blaue meer fliegen

und wenn ich nicht hier bin
bin ich aufm sonnendeck
bin ich bin ich bin ich bin ich“

[mit den drei sekun­den hat er sogar mal wirk­lich recht, das haben die psy­cho­lo­gen ja als die unge­fäh­re zeit­span­ne der „gegen­wart“ bestim­men kön­nen.]

dane­ben steht aber auch etli­ches an lei­der ziem­lich ein­fäl­tig-pri­mi­ti­ven lyrik – zusam­men gemischt zu einer in jedem zei­chen, in jedem bana­len gekrit­zel bedeu­tung sug­ge­rie­ren­den mix­tur, die aber auch wie­der nur lee­res geblub­ber ist. das gan­ze dreht sich ger­ne immer wie­der um licht & damit ver­bun­de­ne meta­phern. aber die zweit- oder dritt­ver­wer­tung sei­ner ideen & gedan­ken, die in ihren ursprüng­li­chen for­men – meist eben dem lied – wesent­lich fri­scher & inter­es­san­ter wir­ken & auch sind, wie das die „trans­syl­va­ni­sche ver­wand­te“ sehr deut­lich macht, lässt sich am bes­ten wie­der mit peter licht selbst cha­rak­te­ri­sie­ren: „das hier macht lala­la und ver­sen­det sich“ punkt.

sei­nem spiel­trieb hat er dabei rei­lich frei­en lauf gelas­sen – oft wünscht man sich nichts sehn­li­cher, als den gebrauch der ver­nunft und des ver­stan­des durch den autor. ich muss dann aller­dings auch zuge­ben, dass es nicht ganz so schlimm ist, wie sich das hier jetzt lesen mag. und dass trotz allem geme­cker auch ein paar net­tig­kei­ten dabei sind. und zwar vor allem da, wo die poe­ti­sche beschrei­bun­gen ein gleich­ge­wicht mit den bana­li­tä­ten des all­tags, denen sich peter licht so ger­ne wid­met, auch sprach­lich ein­ge­hen. und außer­dem lässt sich gene­rell beob­ach­ten: eine gewis­se leich­tig­keit, ein schwe­ben, – fast wie in der schwe­re­lo­sig­keit – die schwer­kraft ist ja, dar­auf hat peter licht bereits frü­her hin­ge­wie­sen – über­flüs­sig – im welt­raum geht’s ja auch ohne sie…

aber trotz­dem: im gesam­ten scheint mir das doch eben genau die art von bedeu­tungs­schwan­ge­rem gerau­ne und pseu­do­in­tel­lek­tu­el­ler pseu­do­kunst zu sein, die mir den pop in sei­ner ein­fa­chen form der gegen­wart so oft so sehr ver­lei­det. ist das jetzt womög­lich ein deut­sches phänomen?

der einzelne gegen die masse: meisterkonzert in der rheingoldhalle

was das pro­gramm – beet­ho­ven, leo­no­re 3; chris­ti­an jost, luxaeter­na; rim­s­ki-kor­sa­kow, sche­he­zer­a­de – zunächst gar nicht so erwar­ten ließ: ein span­nen­des und wirk­lich gutes, über­zeu­gen­des kon­zert bei den meis­ter­kon­zer­ten in der rhein­gold­hal­le. der text trifft es eigent­lich auch ohne ergän­zun­gen ziem­lich gut:

streng und ernst steht er da, von kopf bis fuß in schlich­tes schwarz gewandt. geor­ge peh­li­va­ni­an nimmt sei­ne auf­ga­be als diri­gent der staats­phil­har­mo­nie rhein­land-pfalz aus­ge­spro­chen ernst. zum ers­ten mal war der „ers­te gast­di­ri­gent“ des orches­ters beim letz­ten meis­ter­kon­zert in der main­zer rhein­gold­hal­le. und was sei­ne aske­ti­sche dienst­klei­dung an ele­ganz ver­mis­sen lässt, macht sei­ne diri­gier­kunst wett. so ele­gant und geschmei­dig wie er diri­giert kaum ein orchesterleiter.

da es bei die­sem kon­zert aber offen­bar um den gegen­satz zwi­schen indi­vi­du­um und gesell­schaft, zwi­schen auf­be­geh­ren und anpas­sung geht, braucht der maes­tro, der sich so unauf­dring­lich in sein orches­ter ein­füg­te, einen gewich­ti­gen wider­sa­cher. die­se rol­le füll­te der saxo­pho­nist arno born­kamp per­fekt aus. er geht ganz in sei­ner rol­le als kämp­fe­ri­scher indi­vi­dua­list, die der kom­po­nist chris­ti­an jost ihm in sei­nem saxo­phon­kon­zert „luxaeter­na“ ver­ord­net, auf: mit ums haupt geschlun­ge­nem stirn­band agiert er neben geor­ge peh­li­va­ni­an bei der deut­schen erst­auf­füh­rung fast wie ein stadt­gue­ril­la – da fehlt nur noch die tarn­fle­cken-hose. der diri­gent kämpft unter­des­sen um sei­ne läs­si­ge ele­ganz und muss doch akzep­tie­ren, dass hier born­kamp die marsch­rich­tung vor­gibt. mit allen mög­lich­kei­ten zwi­schen kla­ren sta­tet­ments, vibrie­ren­den gefühls­aus­brü­chen, schrei­en­der ver­zweif­lung und lamen­tie­ren­der trau­er hilft das saxo­phon, die in stän­di­ger unsi­cher­heit immer wie­der sto­cken­den orches­ter­klang­fel­der zusam­men­zu­schwei­ßen. unauf­hör­lich bringt das solo­in­stru­ment melo­di­sche frag­men­te ins spiel, wäh­rend das orches­ter stär­ker in farb­va­ria­tio­nen und raum­klän­gen orga­ni­siert ist. das ist zwar kei­ne linea­re erzäh­lung, aber doch eine form der musik, die ent­wick­lun­gen durch­macht, die plötz­li­che ent­schei­dun­gen und lan­ges nach­den­ken, kämp­fe­ri­sches agie­ren und gelas­se­nes abwar­ten des kamp­fes des ein­zel­nen mit und gegen die gemein­schaft in immer neu­en vari­an­ten verbindet.

der diri­gent hat da ver­gleichs­wei­se wenig zu sagen. sein tak­stock, der sich bei beet­ho­vens drit­ter leo­no­ren-ouver­tü­re als gefähr­lich spit­zes flo­rett gebär­de­te, darf hier nur noch als uner­bitt­li­cher takt­ge­ber fun­gie­ren. dafür kann er bei niko­lai rim­s­ki-kor­sa­kows sche­he­zer­a­de zum tän­zeln­den, unbe­re­chen­ba­ren der­wisch wer­den. denn peh­li­va­ni­an spielt das orches­ter mit sei­nen hän­den wie ein gro­ßes instru­ment: er malt ihnen die musik förm­lich in die luft. und die lud­wigs­ha­fe­ner reagie­ren auf die­se füh­rung wun­der­bar geschmei­dig und ein­mü­tig. eine blen­den­de mischung aus war­men, gedeck­ten klang­far­ben und plas­tisch-kör­per­haft greif­ba­ren struk­tu­ren wird das – nicht nur eine augen­wei­de, son­dern auch ein ohrenschmaus.

Sprache und die Unmöglichkeiten ihrer Kritik

so, der nach­trag vom wochen­en­de. mei­ne haupt­lek­tü­re: das neu­es­te buch von die­ter e. zim­mer: spra­che in zei­ten ihrer unver­bes­ser­lich­keit. ham­burg: hoff­mann und cam­pe 2005. ins­ge­samt nicht ganz so erquick­lich wie ich es mir erhoffte.
grund­sätz­lich hat er ja die rich­ti­gen ideen, ins­be­son­de­re im ers­ten kapi­tel zu den grund­säzt­li­chen mög­lich­kei­ten der sprach­kri­tik – auch wenn das arg aus­schwei­fend und pene­trant red­un­dant for­mu­liert ist. spä­ter frei­lich krankt sei­ne dar­stel­lung – und auch schon sein gedan­ken­gang – v.a. zum pri­va­ten schrift­li­chen all­tags­deutsch an einem abso­lut untaug­li­chen kor­pus (nur inter­net-quel­len, noch dazu sol­che wie ebay-auk­tio­nen…) und sei­ner wie­der­um weit aus­ho­len­den, aber arg ein­sei­ti­gen dis­kus­si­on des anglizismen-„problems“.

im zen­trum (auch ganz pro­fan in der mit­te des buches) des gan­zen steht sicher nicht zufäl­lig die recht­schrei­bung und ihre reform inklu­si­ve der aus­ufern­den debat­te dazu und über­haupt die reform­fä­hig­keit von recht­schreib­vor­schrif­ten. hier hat zim­mer durch­aus ver­nünf­ti­ge vor­schlä­ge – was vor allem an sei­ner dezi­diert prag­ma­ti­schen aus­rich­tung liegt. reform soll­te schon mal sein, aber vor allem ein wenig bes­ser durch­dacht, kon­se­quen­ter und auch jetzt noch mit eini­gen modi­fi­ka­tio­nen – etwa bei der von zim­mer abge­lehn­ten, sinn­wid­ri­gen und unäs­the­ti­schen mecha­ni­schen tren­nung sowie natür­lich bei der getrennt- und zusammenschreibung.
der gesam­te zwei­te teil dient vor allem zwei zwe­cken: der offi­zi­el­le grund ist wohl, zu zei­gen, dass gro­ße tei­le der lin­gu­is­tik aus fal­schen grün­den die sprach­kri­tik ableh­nen. der eigent­lich grund scheint aber eher zu sein: seht her, das habe ich alles gele­sen, das ken­ne und beherr­sche ich alles. zim­mer bedient sich dafür äußrst groß­zü­gig am buf­fet der sprach­wis­sen­schaft, lässt aber auch ganz gro­ße berei­che ein­fach außer acht, scheint sie noch nicht ein­mal zu ken­nen. das betrifft vor allem neue­re theo­rien sowohl der gram­ma­tik (natür­lich nimmt er von der opti­ma­li­täts­theo­rie kei­ne notiz), aber auch fast die kom­plet­te, inzwi­schen ja sehr expe­ri­men­tell aus­ge­rich­te­te, psy­cho­lin­gu­is­tik wür­digt er kei­nes bli­ckes. ent­spre­chend alt­ba­cken und mager sind die ergeb­nis­se. über das niveau der ein­füh­rungs-pro­se­mi­na­re kommt er kaum her­aus. und auch da beschränkt er sich schon außer­or­dent­lich stark: auf­grund sei­nes ver­ständ­nis­ses von sprach­kri­tik (das er so frei­lich nie expli­ziert) als kri­tik v.a. der wort-seman­tik und des „rich­ti­gen“ gebrauchs der wör­ter, mit ein wenig syn­tax dazu, lässt er gro­ße tei­le der sprach­wis­sen­schaft außer acht, u.a. eben die tei­le der seman­tik, die über das ein­zel­ne wort hin­aus­ge­hen – das, was ja erst so rich­tig span­nend wird…

er bemüht sich sehr, die neu­tra­li­tät der lin­gu­is­tik zurück­zu­wei­sen – aller­dings aus fal­schen grün­den. im kern behaup­tet zim­mer näm­lich, die lin­gu­is­tik sei ideo­lo­gisch kon­ta­mi­niert und des­halb nicht wil­lens, sprach­kri­tik zu betrei­ben. das macht er vor allem am nati­vis­mus der (post-)chomsky’schen aus­prä­gung fest, den er aber sehr ent­stellt und längst nicht mit sei­nen aktu­el­le­ren ent­wick­lun­gen vor­stellt. wenn er etwa viel mühe dar­auf ver­wen­det, zu zei­gen, dass lexi­ka nicht ange­bo­ren sein kön­nen, weil dafür gar nicht genug „spei­cher­platz“ in den genen sei, zeigt er vor allem, wie wenig er ver­stan­den hat. denn wenn ich recht sehe, glaubt das doch sowie­so nie­mand mehr – es geht doch gera­de dar­um, dass die zugrun­de­lie­gen­den struk­tu­ren gene­tisch ver­mit­telt wer­den und dann mit­tels des inputs „gefüllt“ wer­den. das ist alles umso erschre­cken­der, als zim­mer gera­de den lin­gu­is­ten fal­sche und ideo­lo­gi­sche moti­vier­te schluss­fol­ge­run­gen vor­wirft – sei­ne eige­nen schlüs­se erschei­nen mir aber wesent­lich fahr­läs­si­ger und ein­sei­ti­ger. das pro­blem der ver­er­bung bzw. der ent­wick­lung eines „sprach­ge­ns“ scheint mir gar nicht so sehr ein pro­blem zu sein: es wur­de inzwi­schen ja durch­aus gezeigt, dass kom­ple­xe sys­tem sich der­art ent­wi­ckeln kön­nen – das bes­te bei­spiel dafür ist ja das auge (womit die krea­tio­nis­ten ja so ger­ne argu­men­tie­ren). aber so etwas nimmt zim­mer genau­so wenig zur kennt­nis wie neue­re for­schun­gen zur evo­lu­tio­nä­ren lern­bar­keit von spra­che, die in expe­ri­men­ten (mit algo­rith­men etc.) ja inzwi­schen durch­aus gesi­chert ist.

„lass dei­ne spra­che nicht allein“ ist zim­mers fazit – damit hat er ja recht. nur sei­ne grün­de sind lei­der die fal­schen. denn die lin­gu­is­ten dür­fen das durch­aus – und zwar genau so, wei bio­lo­gen nicht natur­schüt­zer sein müssen.

noch einmal bier-prosa. diesmal von franz dobler

nach „blut & bier“, den ja wirk­lich sehr unge­wa­sche­nen sto­ries von franz xaver kroetz, kommt gleich die nächs­te alko­hol-lek­tü­re: bier­herz. flüs­si­ge pro­sa von franz dobler (ham­burg: nau­ti­lus 1994). so rich­tig sau­ber ist das hier natür­lich auch nicht, das wäre von franz dobler auch wohl zu viel ver­langt. den anfang macht die wie­der­ver­wer­tung des vor­wor­tes zu einem thea­ter­stück mit dem über­ra­schen­den namen „bier­herz“, in dem dobler v.a. erklärt, dass man mit sei­nem stück so ziem­lich alles machen kann, so lan­ge nur der text von irgend jemand gespro­chen wird. das gan­ze fix ver­quirlt mit ein paar tief­schür­fen­den und jeder men­ge flach­schür­fen­den gedan­ken und ideen zum bier und sei­nem kon­sum und fer­tig sind die ers­ten drei­ßig sei­ten des neu­en büch­leins.… danach kommt lei­der nicht mehr viel: eine klei­nes „rei­se­ta­ge­buch“ durch loui­sia­na und texas mit ein paar lau­ni­gen beschrei­bun­gen der musik‑, tanz‑, bar- und bier­ver­hält­nis­se dor­ten ist da noch der höhe­punkt. der rest total ver­nach­läs­sig­bar: anek­do­ten, lau­nig erzählt, abso­lut unschein­bar und ohne beson­de­re stil­merk­ma­le, ästhe­ti­sche eigen­hei­ten oder sons­ti­ge her­aus­ra­gen­de eigen­schaf­ten: flüs­sig eben, und schnell verronnen.…

joachim lottmann beobachtet zombies in freier wildbahn

der neu­es­te anschlag lott­manns auf guten geschmack und über­kom­me­ne wer­te: joa­chim lott­mann: zom­bie nati­on. köln: kie­pen­heu­er & witsch 2006.

der erzäh­ler – ein autor-klon mit dem namen johan­nes­loh­mer, „erfin­der“ des pop-romans – beob­ach­tet sich beim recher­chie­ren /​ schrei­ben eines fami­li­en­ro­mans, der sei­nem jugend­ro­man fol­gen soll: „der ers­te fami­li­en­ro­man der pop­li­te­ra­tur“ behaup­tet der klap­pen­text (was natür­lich blöd­sinn ist, allein fich­te hat da ja schon eini­ges dazu geschrie­ben). und natür­lich ist „zom­bie nati­on“ auch gar kei­ner. höchs­tens als per­si­fla­ge auf die aktu­el­le schwem­me auf dem bücher­markt. dazu ist lott­mann ja immer wie­der gut: als seis­mo­graph. und als schlag­wort-lie­fe­rant – ein bei­spiel? aber klar doch, gleich auf dem umschlag: „was frau­en den män­nern antun, ist der eigent­li­che irak-krieg unse­rer epo­che.“ das steht da ein­fach mal so und war­tet, dass jemand drauf anspringt. was ja hier­mit offi­zi­ell erle­digt wäre …

„die letz­ten tage der ber­li­ner repu­blik“ sind das zen­trum des romans – die ansprü­che sind gesun­ken, die mensch­heit war ein­mal, heu­te geht es nur noch um uns: die mit­drei­ßi­ger oder vier­zi­ger kul­tur­schaf­fen­den… typisch für lott­mann ist natür­lich wie­der der iro­nie-over­kill, sein schein-rea­lis­mus, inklu­si­ve voll­zi­tat eini­ger jour­na­lis­ti­schen arbei­ten lottmanns
(aus der sz und der taz), ver­quickt noch dazu mit eini­gen pri­va­ten abson­der­lich­kei­ten – und schon ist das neue buch fer­tig. schnell geschrie­ben, schnell gele­sen und wahr­schein­lich auch schnell wie­der vergessen.

das fabu­lie­ren hat lott­mann aber ganz gut draf: die hyper­tro­phe meta­phern­schlacht im geis­te einer simu­lier­ten erzäh­le­ri­schen unschuld, die natür­lich stän­dig geschickt umspielt wird – genau wie das ima­gi­nier­te zwie­ge­spräch zwi­schen erzäh­ler und ima­gi­nä­rem leser ger­ne mal reflek­tiert, umge­dreht wird, um dann doch kei­ne rück­sicht zu neh­men oder gera­de erst recht, je nach momen­ta­ner stim­mung: „es fällt mir schwer, den leser mit einer wie­der­ga­be eines frem­den lebens zu behel­li­gen, anstatt über das eige­ne leben zu berich­ten.“ – „der lite­ra­tur­be­trieb ver­zei­he mir, aber ich konn­te nicht anders, als wie­der mit ihr zu schlafen.“

das gesamt­pa­ket wird dann mit dem herr­li­chen rosa des umschlags abge­run­det: die züch­ti­ge unschuld – aber dann natür­lich die streich­zei­chung der bar­bu­si­gen jung­frau mit gül­de­nem haar –, die beob­ach­tung der schreck­lich ange­pass­ten jugend des jah­res 2005 und ver­zweif­lung über ihre sinn­lo­sig­keit beschäf­ti­gen lott­mann: wer schon in sei­ner jugend das leben sei­ner eltern führt – was soll aus dem noch wer­den? und wenn das ein gan­zes volk so macht? dann amü­siert man sich mit sei­ner heim­li­chen lie­be, der bild-zei­tung: „ein schö­ner beginn, eine tol­le geschich­te, mit einem nach­teil: sie stand in der bild­zei­tung und war somit erfunden.“

und wer sind nun eigent­lich die zom­bies? und die zom­bie nati­on? kei­ne ahnung. aber sie haben die gro­ße koali­ti­on ver­schul­det und verantwortet.

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