»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

abtrünnig: eine trümmerlandschaft aus text

eine inten­si­ve und denkauf­wän­di­ge lek­tü­re: rein­hard jirgl: abtrün­nig. roman aus der ner­vö­sen zeit. mün­chen: han­ser 2005. ich bin jetzt nach einer lan­gen – meh­re­re wochen – lese­rei­se bis ans ende vor­ge­drun­gen. und ich kann jedem nur emp­feh­len, sich die­ser erfah­rung, die manch­mal zwar den cha­rak­ter eines exer­zi­ti­ums anneh­men kann, zu unter­zie­hen. den jirgl, schon lan­ge einer mei­ner favo­ri­ten unter den noch leben­den und schrei­ben­den autoren, hat hier ein beein­dru­cken­des kunst­werk geschaf­fen. und als sol­ches muss man es auch ganz bewusst und offen­siv rezi­pie­ren: als kunst – nicht als unter­hal­tung, denn als bett­lek­tü­re taugt die­ser roman sicher­lich über­haupt nicht.

da ist zunächst ein­mal sei­ne per­so­na­le son­der­or­tho­gra­phie, die hier – wie etwa auch in der genea­lo­gie des tötens – sehr eigen­wil­lig erscheint. v.a. scheint sie ihre sys­te­ma­ti­sie­rung ein wenig ver­lo­ren zu haben. kri­ti­ken the­ma­ti­sie­ren die­se sehr augeschein­li­che beson­der­heit der spä­te­ren jirgl­schen tex­te beson­ders gern. in der tat muss man aber sagen, dass sie ent­ge­gen etwa­iger befürch­tun­gen kein lese­hin­der­nis dar­stellt – sie wird sehr schnell sehr ver­traut. was sie aller­dings gera­de in abtrün­nig nicht wird, ist voll­kom­men ver­ständ­lich: vie­les bleibt zumin­dest bei der ers­ten lek­tü­re (viel­leicht hül­fe da eine sys­te­ma­ti­sche durch­drin­gung?) auf dem niveau der spie­le­rei, weil sich einer­seits kei­ne bedeu­tungs­zu­wachs oder ‑dif­fe­ren­zie­rung erken­nen lässt, ande­rer­seits auch weder eine absicht noch eine wenigs­tens ver­mut­ba­re regel­haf­tig­keit. in man­chen pas­sa­gen wirkt die­se extre­me ver­meh­rung der signi­fi­kan­zen oder zumin­dest außer­or­dent­li­che ver­deut­li­chung der viel­deu­tig­keit des geschrie­be­nen wor­tes, ins­be­son­de­re natür­lich durch die (ortho-)graphische eigen­wil­lig­keit, wie eine künst­lich for­cier­te annä­he­rung an die münd­lich­keit, das ora­le erzäh­len. ande­rer­seits ist sie in ihrer viel­ge­stal­tig­keit, die ja weit über die ver­ein­heit­li­chen­de, nor­mier­te (und damit ein­schrän­ken­de) regel­or­tho­gra­phie hin­aus­geht, auch offen­bar der ver­such der dis­am­bi­gu­ie­rung – der aller­dings wie­der dazu führt, das das schrift­bild extrem her­me­tisch, abschre­ckend & unüber­sicht­lich wirkt & auch tat­säch­lich wird: ent­zif­fer­bar ist das kaum noch, weil das sys­tem nicht so ein­fach zu durch­schau­en ist (ist es über­haupt ein sys­tem?). und das führt schließ­lich auch dazu, dass man ihm leicht den vor­wurf der spie­le­rei machen kann. tat­säch­lich scheint man­ches auch nur das zu sein, lässt sich man­che wort-ver­for­mung auch kaum anders auf­fas­sen. in sei­ner gesamt­heit ist das, wenn man außer­dem noch die for­ma­len irre­gu­la­ri­en und stol­per­stei­ne – etwa die quer­ver­lin­kun­gen und text­bau­stei­ne – bedenkt, ein kom­plett ver­min­ter text und damit (auch) ein angriff auf den leser: die irre­gu­lä­ren sat­zei­chen als klei­ne spreng­kör­per, als angrif­fe auf das schnel­le, ein­fa­che & gewöhn­li­che verstehen.

in abtrün­nig ist die geschich­te, die fabel, weit­ge­hend zur neben­sa­che gewor­den – noch nie war das bei jirgl (soweit ich sehe) so sehr der fall wie hier. im kern geht es um zwei män­ner, zwei lie­ben­de, die auf ver­schlun­ge­nen wegen nach ber­lin kom­men und dort auf tra­gisch-gro­tes­ke wei­se am und im leben schei­tern. das ist aber auch schon wie­der nur halb rich­tig, weil der zwei­te lie­ben­de, ein aus der ddr-nva in den bgs über­nom­me­ner grenz­schüt­zer, der einer flüch­ten­den ost­eu­ro­päe­rin zum ille­ga­len grenz­über­gang nach deutsch­land ver­hilft, auf der suche nach ihr nach ber­lin kommt, dort als taxi­fah­rer arbei­tet, sie wie­der­fin­det und just in dem moment, als sie zurück in ihre hei­mat gekehrt ist, um für die geplan­te hei­rat die not­wen­di­gen papie­re zu orga­ni­se­ren, von ihrem offen­bar psy­chisch gestör­ten bru­der ersto­chen wird, weil also die­ser zwei­te lie­ben­de, des­sen geschich­te natür­lich durch begeg­nung mit der des ande­ren man­nes ver­knüpft ist, gar kei­ne beson­ders gro­ße rol­le spielt.

wesent­li­cher als das ist aber das moment, der abtrün­nig als „roman aus der ner­vö­sen zeit“ cha­rak­te­ri­siert. das ist das autis­ti­sche mono­lo­gi­sie­ren, das durch­bro­chen wird von essay­ar­ti­gen pas­sa­gen und geni­al erzähl­ten tei­len. natür­lich spie­gelt das wie­der­um nur das gro­ße, zen­tra­le pro­blem der haupt­fi­gur und der moder­nen gesell­schaft über­haupt: die suche nach dem ich, der iden­ti­tät, dem holis­ti­schen sub­jekt, dem eige­nen lebens- und sinn­ent­wurf – ein suche, die gran­di­os schei­tern muss und nur frag­men­te, zer­stö­rung und beschä­dig­te personen/​figuren/​menschen hin­ter­lässt. der ein­druck eines gro­ßen bruch­wer­kes bleibt dabei nicht aus: frag­men­tier­te per­sön­lich­kei­ten, sich auf­lö­sen­de sozia­le bin­dun­gen und gewis­sen­hei­ten, kurz eine recht radi­kal aus­ge­rich­te­te gesell­schafts­kri­tik sucht ihre form – und ver­liert sich dabei man­ches mal in essay-ein­schü­ben: abtrün­nig ist in ers­ter linie ein/​das buch vom schei­tern, sei­ne bibel sozu­sa­gen: „es gibt kein rich­ti­ges leben im fal­schen“ – oder: das gelin­gen ist ganz und gar unmög­lich gewor­den – & das muss man auch genau so kate­go­ri­al for­mu­lie­ren, denn es gilt nicht nur für die figu­ren des tex­tes, son­dern auch für ihn selbst. des­halb ist er so, wie er ist; ist er in einer nach her­kömm­li­chen maß­stä­ben defi­zi­tä­ren ver­fas­sung – er kann natür­lich auch nicht mehr anders sein, das lässt die moder­ne welt, die „ner­vö­se zeit“ nicht mehr zu. und genau wie die­se ist er eine ziem­lich gewal­ti­ge zu-mutung für den leser. denn er will ja nichts ande­res, als die­se schö­ne neue welt erklä­ren oder min­des­tens auf­zei­gen – des­halb natür­lich auch die (zeit­wei­se durch­aus über­hand neh­men­den) essay-pas­sa­gen, die den kunst­cha­rak­ter des gesam­ten tex­tes beein­flus­sen – & das durch­aus mit grenz­wer­ti­gen ergeb­nis­sen. denn im gan­zen ist das wohl so etwas wie ein anar­chis­ti­sches kunst­werk – hoff­nungs­los unüber­sicht­lich, kreuz und quer ver­linkt durch die selt­sa­men „link“-kästen, die ver­wei­se vor und zurück im text, die ein­ge­streu­ten zita­te und auch wie­der­ho­lun­gen, neu­an­läu­fe der beschrei­bung einer situa­ti­on aus ver­schie­de­nen blick­win­keln. das alles hat zum ergeb­nis, das der roman, der vom tod der gesell­schaft, vom tod des sozia­len lebens, spricht, auch den tod des romans beschreibt, exem­pli­fi­ziert – und auch refle­xiert. denn auch wenn es gar nicht oder höchst sel­ten expli­zit geschieht – vie­les im text (etwa schon die daten der nie­der­schrift (oder die behaup­te­ten daten – schließ­lich befin­den wir uns mit ihnen immer noch im fik­tio­na­len text)) deu­tet auf eine refle­xi­on der mög­lich­kei­ten des schrei­bens in einer ner­vö­sen, defi­zi­tä­ren, ver­kom­me­nen und immer wei­ter ver­kom­men­den gesell­schaft hin. und wenn ein text wie abtrün­nig das ergeb­nis die­ser pro­zes­se ist, kann man nun sagen, dass das schrei­ben unmög­lich oder gar obso­let wird? das scheint mir zwei­fel­haft – denn trotz sei­ner unzwei­fel­haft zu kon­sta­tie­ren­den schwä­chen ist abtrün­nig als gesam­tes doch ein beein­dru­cken­des kunst­werk bemer­kens­wer­ter güte. inter­es­sant wird aller­dings die fort­set­zung – mir scheint es gera­de mit die­sem buch so, als schrie­be sich der sowie­so schon am ran­de des ästhe­ti­schen und ins­be­son­de­re des lite­ra­ri­schen dis­kur­ses ste­hen­de jirgl immer mehr ins abseits: ob er die­se bewe­gung noch frucht­bar wei­ter­füh­ren kann?

wm vorzeitig beendet

guten tag, mei­ne damen und herren.

die euro­päi­sche kom­mis­si­on hat am spä­ten sams­tag­abend in einer eil­ver­ord­nung die fifa wm 2006 in deutsch­land für been­det erklärt. wie die kom­mis­si­on in einer pres­se­er­klä­rung mit­teil­te, sei nach dem aus­schei­den von bra­si­li­en die fort­füh­rung des tur­niers hin­fäl­lig: da nur noch euro­päi­sche staa­ten um den titel kämp­fen wür­den, sei­en wei­te­re k.-o.-spiele nicht nötig. die eu sei ohne­hin bereits sie­ger. klein­lich halb­fi­nal- und final­spie­le sei­en der euro­päi­schen inte­gra­ti­on abträg­lich und zudem ange­sichts der höchst ange­spann­ten gesamt­eu­ro­päi­schen finanz­la­ge nicht zu ver­tre­ten. die ein­ge­spar­ten mit­tel sol­len für agrar­sub­ven­tio­nen genutzt werden.

wir sind welt­meis­ter … hur­ra, hurra.

(damit also doch noch ein ein­trag zur wm – steht heu­te im „ver­bo­ten“ der taz.)

strauss und das musiktheater – ein weites, aber sehr verholztes und ausgelaugtes feld

sam­mel­bän­de zu bespre­chen ist meist kei­ne beson­ders dank­ba­re auf­ga­be – das edi­tie­ren aller­dings oft auch nicht. die regel­mä­ßig über­gro­ße zahl der bei­trä­ge, ihre metho­di­sche und the­ma­ti­sche viel­falt und oft auch noch ihre stark diver­gie­ren­de qua­li­tät machen ein ein­heit­li­ches urteil fast unmög­lich. das gilt auch für den band „richard strauss und das musik­thea­ter“, der die vor­trä­ge der gleich­na­mi­gen inter­na­tio­na­len fach­kon­fe­renz in bochum 2001 ver­sam­melt. schon der titel zeigt ja an, wie umfas­send das spek­trum sein wird. zwei dut­zend bei­trä­ge unter­schied­lichs­ten umfangs und erkennt­nis­dich­te fül­len dann auch gut vier­hun­dert sei­ten. und die her­aus­ge­be­rin julia lieb­scher betont auch aus­drück­lich, das richard strauss aus allen mög­li­chen blick­win­keln betrach­tet wer­den soll, im ver­ein mit thea­ter- und film­wis­sen­schaft, mit der libretto­for­schung und der dra­ma­tur­gie. den ange­streb­ten „metho­do­lo­gi­schen plu­ra­lis­mus“ hebt sie zudem beson­ders hervor.

ein zwei­ter leit­ge­dan­ke, der die meis­ten arbei­ten prägt, ist die über­zeu­gung von der moder­ni­tät und fort­schritt­lich­keit sowie der „uni­ver­sa­li­tät“ des strauss’schen oeu­vre: „zwei­fel­los ist strauss als letz­ter musi­ker der euro­päi­schen muik­ge­schich­te zu wür­di­gen, der jene uni­ver­sa­li­tät der musi­ka­li­schen kul­tur reprä­sen­tier­te, die in den plu­ra­len kunst­strö­mun­gen und spe­zia­li­sie­run­gen des 20. jahr­hun­derts end­gül­tig zer­bro­chen ist“ heißt es in der ein­füh­rung von lieb­scher. den anhal­ten­den ruhm strauss’ auf die­se fak­to­ren zurück­zu­füh­ren, hat sich ja in den letz­ten jah­ren – gegen etwa ador­nos frü­hes ver­dikt – zuneh­mend durchgesetzt.

der ers­te teil des ban­des ist „musi­ka­li­sche dra­ma­tur­gie“ über­schrie­ben und wid­met sich vor allem den ver­schie­de­nen for­men der über­füh­rung des (theater-)textes in musik­thea­ter. und obwohl er damit auf eine lan­ge for­schungs­tra­di­ti­on auf­bau­en kann, ist er doch ins­ge­samt der schwächs­te teil des ban­des. die meis­ten auf­sät­ze kau­en näm­lich bloß – teil­wei­se sehr minu­ti­ös – die ent­ste­hungs­ge­schich­ten, die pro­zes­se der zusam­men­ar­beit zwi­schen libret­tist und kom­po­nist, also die trans­for­ma­tio­nen von thea­ter in oper bzw. musik­thea­ter, durch. beson­de­re erkennt­nis­se erwach­sen dar­aus nicht oder zumin­dest arg sel­ten. eine deut­li­che aus­nah­me ist aller­dings jür­gen maeh­ders gekonn­te stu­die zur „klang­far­ben­kom­po­si­ti­on und dra­ma­ti­schen instru­men­ta­ti­ons­kunst in den opern von richard strauss“. die­se grund­le­gen­de arbeit, eine instru­men­ta­ti­ons­ana­ly­se in der nach­fol­ge von egon wel­lesz, macht sich die „inter­de­pen­denz von klang­far­be und orches­ter­satz“ mit der dra­ma­tur­gi­schen akti­on zu ihrem the­ma. und genau in die­ser schnitt­men­ge begibt er sich auf die suche nach der werk­in­ten­ti­on – eine müh­sa­me auf­ga­be. vor allem die ein­füh­rung neu­er instru­men­te, die erwei­te­rung und ver­dich­tung des appa­ra­tes las­sen maeh­der dann strauss als nach­fol­ger und fort­set­zer der bemü­hun­gen richard wag­ners erken­nen – ein nach­fol­ger, der aller­dings weit über sei­nen vor­gän­ger hin­aus­reicht. das vor­drin­gen in und aus­lo­ten von grenz­be­rei­chen orches­tra­ler klang­far­ben wie dem ton­hö­hen­lo­sen akkord und dem über­gang zum geräusch, dem umschwung des ver­schmel­zungs­klan­ges in die ver­schleie­rung beto­nen die fort­schritt­lich­keit des opern­kom­po­nis­ten: „durch wech­sel­sei­ti­ge dena­tu­rie­rung der ein­zel­nen töne erzeug­te der kom­po­nist das ers­te »syn­the­ti­sche geräusch« der musik­ge­schich­te, den grenz­fall extre­men instru­men­ta­to­ri­schen raf­fi­ne­ments.“ und mit der hil­fe einer detail­lier­ten situ­ie­rung der strauss’schen tech­ni­ken in der orchestra­ti­ons­tech­nik des fin de siè­cle kann maeh­der zu dem schluss kom­men, dass mit strauss der abschied von der epi­go­na­len nach­fol­ge des musik­dra­mas aus der „ein­sicht in das inners­te sei­ner musi­ka­li­schen spra­che“ voll­zo­gen wor­den sei.

der zwei­te teil, „insze­nie­rung – dar­stel­lung – gesang“ vesam­melt eini­ge über­le­gun­gen zur auf­füh­rungs­pra­xis. joa­chim herz als prak­ti­ker pro­pa­giert den begriff der „werk­ge­rech­tig­keit“ anstel­le der für ihn unmög­li­chen „werk­treue“ und legt anhand der „frau ohne schat­ten“ die beweg­grün­de sei­ner insze­nie­rung dar. dabei kreist er in ers­ter linie um das pro­blem der ver­ständ­lich­keit – eine insze­nie­rung sol­le, so herz, sich dar­um bemü­hen, text, musik und vor allem die büh­ne, d.h. letzt­lich die gan­ze insze­nie­rung beson­ders zur „expli­ka­ti­on der fabel“ zu nut­zen – im fal­le sei­ner „frau ohne schat­ten“ wäre das für ihn ein „hohe­lied von der ver­än­der­bar­keit des menschen“.

peter-micha­el fischer lie­fert eine sehr grund­le­gen­de und tech­nisch soli­de arbeit zu den „anfor­de­run­gen an die pro­fes­sio­nel­le sän­ger­stim­me“ und reflek­tiert dabei vor allem das pro­blem des „opern­mu­se­ums“: jede zeit­epo­che hat nicht nur ein ande­res stimm­ide­al, son­dern auch ande­re stimm­tech­ni­schen fähig­kei­ten und mög­lich­kei­ten, die es heu­te sowohl bei der beset­zung als auch bei der inter­pre­ta­ti­on ent­spre­chend zu berück­sich­ti­gen gilt. im fal­le strauss sieht er das beson­de­re in der eta­blie­rung eines neu­en, aus dem natür­li­chen sprach­duk­tus ent­wi­ckel­ten gesangs­stil durch den kom­po­nis­ten, der den bel­can­to um neue anfor­de­run­gen – bedingt durch die erwei­ter­te ver­to­nung von spra­che – ergänzt. tho­mas see­dorf ver­voll­stän­digt die­se aus­füh­run­gen mit sei­nem bei­trag „kom­po­si­to­ri­sche rol­len­kon­zep­ti­on und sän­ge­ri­sche rea­li­sie­rung“ im wesent­lich details. see­dorf kann näm­lich anhand der vor­be­rei­tung der urauf­füh­run­gen zei­gen, dass strauss, immer der thea­ter­rea­li­tät ver­pflich­tet, „im prag­ma­ti­schen umgang mit dem eige­nen werk“ zu gro­ßen kon­zes­sio­nen hin­sicht­lich der details der stimm­füh­rung bereit war, um aus dar­stel­le­risch und musi­ka­li­schen grün­den gewünsch­ten sän­ge­rin­nen die ent­spre­chen­den par­tien zu ermög­li­chen und fol­gert dar­aus: „strauss hat auf sei­nem ursprüng­li­chen ide­al nicht bestan­den, son­dern ande­re inter­pre­ta­tio­nen zuge­las­sen.“ eine sol­che, näm­lich die ari­ad­ne-insze­nie­rung von jos­si wie­ler und ser­gio morabi­to, nimmt sich robert braun­mül­ler zum gegen­stand. er lie­fert eine aus­führ­li­che auf­füh­rungs­ana­ly­se und ver­gleicht dabei die kon­kre­te insze­nie­rungs­pra­xis mit den vor­ga­ben von strauss – mit ernüch­tern­dem ergeb­nis. „seit jah­ren erschöp­fen sich die meis­ten insze­nie­run­gen in der kon­ti­nu­ier­li­chen fort­füh­rung einer tradition.“

von dort aus ist der weg nicht weit zur unter­su­chung der rezeption(sgeschichte): die im drit­ten teil ver­sam­mel­ten bei­trä­ge beto­nen durch­weg die fle­xi­bi­li­tät des kom­po­nis­ten hin­sicht­lich der werk­treue – solan­ge die „inten­ti­on“ gewahrt blieb oder ihr damit gar gedient wur­de, war strauss zu kür­zun­gen und umstel­lun­gen, in guten augen­bli­cken sogar zur umar­bei­tung fähig.

wäh­rend ros­wi­tha schlöt­te­rer-trai­mer bei ihrer unter­su­chung der „mus­ter­auf­füh­run­gen“ unter cle­mens krauss in mün­chen immer­hin noch so etwas wie eine grund­ten­denz der insze­nie­ren­den inter­pre­ta­ti­on, näm­lich das „stre­ben nach größt­mög­li­cher deut­lich­keit“ fin­det, begnügt sich gün­ther les­nig gleich mit einer rei­nen daten­samm­lung zu den salo­me-auf­füh­run­gen in wien, mai­land und new york. sonst glänzt der drit­te, mit „rezep­ti­on“ über­schrie­be­ne teil vor allem durch sei­ne glanz­lo­sig­keit. hans-ulrich fuss kann in sei­ner unter­su­chung ver­schied­ner auf­nah­men der salo­me immer­hin zei­gen, dass es bei strauss nicht immer sinn­voll ist, mög­lichst exakt zu spie­len: bestimm­te tex­tu­ren for­dern die undeut­lich­keit als eigen­stän­di­ges ästhe­ti­sches attri­but über­haupt erst her­aus. und mar­tin els­te macht sich eini­ge gedan­ken über den unter­schied einer oper als ton­auf­nah­me oder als thea­ter: grund­ver­schie­de­ne tem­pi-not­wen­dig­kei­ten für ent­spre­chen­de dra­ma­tur­gi­sche effek­te for­dert er etwa. vor allem aber: „das blo­ße hören einer oper kommt dem ein­tau­chen in eine traum‑, in eine schein­welt gleich“ – und kon­stan­tiert dann noch wenig über­ra­schend: „oper von schall­plat­te wird pri­mär als abso­lu­te musik gehört.“ das ver­bin­det er – ein wenig para­dox – mit der qua­si-natür­li­chen bevor­zu­gung der spra­che, d.h. der gesangs­stim­men bei ton­auf­nah­men. er sieht dann dar­in auch eine nahe­zu idea­le rezep­ti­ons­wei­se der oper – befreit von allen neben­säch­lich­kei­ten, als purer akus­ti­scher traum. das scheint mir aber dann doch ein arger fehl­schluss, der viel zu stark von der per­sön­li­chen fas­zi­na­ti­on des autors durch opern­auf­nah­men aus­geht – es gibt ja durch­aus auch rezi­pi­en­ten, die opern mehr oder weni­ger aus­schließ­lich in der kom­bi­na­ti­on aus akus­ti­schen und visu­el­len rei­zen genie­ßen können.

ande­res schließ­lich sam­melt sich unter der rubrik „tri­via“: richard strauss’ leben und wer­ke sind ja nicht ganz uner­forscht. da kann man sich also auch durch­aus mal auf neben­schau­plät­zen tum­meln und dort nach inter­es­san­tem mate­ri­al suchen. der ertrag lässt frei­lich wie­der­um meist zu wün­schen übrig. und den­noch, schließ­lich ist strauss’ werk auch noch nicht wirk­lich umfas­send und detail­liert unter­sucht – da böten sich durch­aus noch mög­lich­kei­ten für inter­es­san­te ana­ly­sen – die aller­dings auch zeit­ge­mä­ße metho­den erfor­der­ten. aber damit hat, und das zeigt die­ser band in sei­ner gesamt­heit eben auch, die musik­wis­sen­schaft nicht immer die glück­lichs­te hand: das meis­te hier vesam­mel­te ist in die­ser hin­sicht vor allem hoch­gra­dig unspek­ta­ku­lär, unbe­darft bis unre­flek­tiert und arbei­tet mit alt­mo­di­scher, teil­wei­se auch ein­fach unzu­rei­chen­der metho­dik. dass etwa die musik strauss „an der leben­di­gen auf­füh­rung ori­en­tiert“ und „auf unmit­tel­bar sinn­li­che gegen­wart“ aus­ge­rich­tet ist (hans-ulrich fuss), wird zwar wie­der­holt ange­merkt, schlägt sich in den ana­ly­sen aber erstaun­lich wenig nie­der. ver­mut­lich ist genau das einer grün­de, war­um die erfor­schung der musik­thea­ter­pro­duk­ti­on richard strauss’, wie sie die­ser band prä­sen­tiert, oft so bie­der und alt­ba­cken wirkt.

julia lieb­scher (hrsg.): richard strauss und das musik­thea­ter. bericht über die inter­na­tio­na­le fach­kon­fe­ren­ze bochum, 14. bis 17. novem­ber 2001. ber­lin: hen­schel 2005.

ein grö­ße­rer kon­trast lässt sich kaum den­ken: direkt vom vier­tel­fi­na­le in die hei­li­gen hal­len der eber­ba­cher klos­ter­ba­si­li­ka, zu den heh­ren klän­gen von mahler und bruck­ner. die bei­den haupt­ak­teu­re scheint es auch ein wenig mit­ge­nom­men zu haben. der ein­druck stellt sich zumin­dest beim ers­ten der „lie­der eines fah­ren­den gesel­len“ von mahler ein. denn bari­ton chris­ti­an ger­ha­her und diri­gent elia­hu inbal bemü­hen sich so sehr, die ver­schie­de­nen schich­ten die­ser musik zu ver­deut­li­chen, dass sie bei jedem zusam­men­tref­fen ordent­lich anein­an­der­ge­ra­ten. scha­de, denn der ansatz ist so ver­kehrt gar nicht. das zei­gen dann auch die rest­li­chen drei gesän­ge – das gan­ze kon­so­li­diert sich in gro­ßer ernst­haf­tig­keit. ger­ha­her ver­hilft den tex­ten in schlich­ter stren­ge zu sehr ein­dring­li­cher prä­senz, inbal ver­knüpft das sehr ziel­stre­big zum zyklus.

der bari­ton hat sei­nen auf­tritt damit nach zwan­zig minu­ten schon erle­digt, wäh­rend der dri­gient sozu­sa­gen noch in der auf­wärm­pha­se ist. denn für ihn geht es erst mit bruck­ners vier­ter sym­pho­nie so rich­tig zur sache. sei­ne inten­ti­on wird schnell deut­lich und zeigt sich wun­der­bar klar: die gan­ze sym­pho­nie ist eine spi­ra­le nach oben, eine enor­me auf­wärts­be­we­gung. raum­ge­winn gibt es zwar kei­nen, aber dafür gelangt inbal mit dem wdr-sin­fo­nie­or­ches­ter immer höher, im wei­ter hinauf.

dazu bemüht er sich, die vom kom­po­nis­ten selbst als „roman­ti­sche“ titu­lier­te sym­pho­nie nach­ge­ra­de unro­man­tisch zu spie­len: das block­haf­te kom­po­nie­ren bruck­ners, sei­ne sequen­zier­te sta­tik ist ihm hör­bar wich­ti­ger als schwel­ge­ri­sche klang­ma­le­rei­en. dadurch ist die vier­te aber auch von vorn­her­ein sehr offen: inbal legt dem publi­kum sozu­sa­gen das ske­lett der sym­pho­nie zur begut­ach­tung vor – nicht immer mit opti­ma­ler auf­lö­sung, aber das liegt weni­ger am diri­gen­ten als an den sich häu­fen­den klei­nen pat­zern des wdr-sin­fo­nie­or­ches­ters. der dri­gient selbst ver­rich­tet sei­nen anteil mit beson­ne­ner gründ­lich­keit, er baut mit uner­müd­li­chem fleiß immer neue schich­ten der enor­men klän­ge auf und ent­wi­ckelt die in straf­fer orga­ni­sa­ti­on zu gro­ßer prä­senz und offen­heit: das strahlt gera­de im letz­ten satz, kurz vor dem ende, in fast blen­den­der hel­lig­keit und beein­dru­cken­der klarheit.

und sich an einer neu­en oder sagen wir ein­mal unbe­kann­ten wag­ner-ope­ret­te erfreu­en (genau, richard wag­ner hat auch eine ope­ret­te geschrie­ben, man muss sie nur aus ihrem kor­sett des gro­ßen musik­dra­mas – dem rhein­gold – befrei­en): die rheintor-saga.

was haben ein pump­ge­nie, eine bio-bäue­rin, zwei mit­tel­stän­di­sche bau­un­ter­neh­mer und eine alko­hol­o­ab­hän­gi­ge dame der hohen gesell­schaft gemein? genau, sie alle kom­men im „rhein­gold“ vor. zumin­dest in der zur „rhein­tor-saga“ umge­bo­ge­nen vari­an­te, mit der der kul­tur­fonds main­zer wirt­schaft geld für die erhal­tung der main­zer rhein­to­re sammelte.

das pump­ge­nie ist natür­lich wie im rich­ti­gen leben nie­mand ande­res als richard wag­ner der ii, der eigent­lich der ech­te ist und ganz eigent­lich wie­der­um der gast­ge­ber im wei­her­g­art, peter han­ser-stre­cker. er ist zwar in den letz­ten jah­ren ein wenig gewach­sen und aus dem säch­si­schen akzent ist meen­ze­risch gewor­den, aber sonst ein ganz ech­ter wag­ner. und er zieht den leu­ten auch genau­so geschickt das geld aus der tasche – nur ziem­lich wahr­schein­lich erheb­lich unter­halt­sa­mer. denn die ver­an­stal­ter haben sich von chris­ti­an pfarr extra für die­sen abend, als urauf­füh­rung ohne jede wie­der­ho­lung­mög­lich­keit, ein libret­to für ein neu­es klei­nes ope­rett­chen schrei­ben las­sen. wolf­ram kolo­seus hat die musik dazu gemacht – oder genau­er gesagt, er hat die pas­sen­den stel­len aus dem „rhein­gold“ gesucht und ver­an­stal­tet damit am flü­gel ein ordent­lich blät­ter­or­gi. die stu­den­ten aus dem jun­gen ensem­ble der hoch­schu­le für musik unter der lei­tung von clau­dia eder haben gesun­gen. die fri­cka von sarah kuff­ner ist davon fre­lich so gelang­weilt, dass sie sich unent­wegt sekt hin­ter die bin­de kippt. dabei hät­te sie nur ihren mit­strei­tern zuhö­ren müs­sen, um erst­klas­si­ge unter­hal­tung geli­f­ert zu bekommen.

das rhein­gold passt zum geld­sam­meln natür­lich wun­der­bar – schließ­lich geht’s da ja auch um einen neu­bau. mit einer fül­le sol­cher klei­ne­ren umdeu­tun­gen hat pfarr das wun­der­bar humo­ris­tisch ange­passt. der richard wag­ner von han­ser-stre­cker darf dabei für die not­wen­di­gen stich­wor­te und außer­dem für neue, lokal­pa­trio­ti­sche ver­knüp­fun­gen der klei­nen aus­schnit­te sor­gen – so kommt dann etwa auch noch die fin­the­ner flur­be­rei­ni­gung ins spiel.

und da ja die rhein­to­re fast das glei­che sind wie der rei­ne tor, darf in die­ser wag­ner-ver­wurs­tung auch par­si­fal (dani­el jenz, der auch schon als loge sich mit dem rhein­gold pla­gen muss­te) noch ein­mal kurz zu wort kom­men. und er darf sich zum schluss von den blu­men­mäd­chen sogar noch ver­füh­ren las­sen, ohne dafür bezah­len zu müssen.

die klangwelten des peter kiefer sind ein recht zeitloses gebilde

oder jeden­falls zeit­arm – immer­hin füh­ren sie in ihrer oft mehr als uner­schüt­ter­li­chen ruhe zu einer gewis­sen ver­lang­sa­mung des per­sön­li­chen zeitempfindens:

die esg-kir­che gibt sich ver­schlos­sen, kühl und düs­ter liegt ein geheim­nis­vol­ler blau­er schim­mer als ein­zi­ge beleuch­tung auf den kah­len wän­den des leer geräum­ten saals. sanft blub­bern ab und an elek­tro­ni­sche geräu­sche aus den laut­spre­chern. natür­lich ist es wie­der „mainz-musik“, das von der kir­che besitz ergrif­fen hat. genau­er gesagt, die klang­kunst von peter kie­fer okku­piert den sakra­len raum. und sie fühlt sich da offen­bar recht heimisch.

kie­fer hat für die­sen abend eine klei­ne werk­schau mit sei­nen arbei­ten der letz­ten jah­re zusam­men­ge­stellt und das gan­ze zu einem kon­ti­nu­ier­li­chen strom aus elek­tro­nisch erzeug­ten und in ganz weni­gen fäl­len auch nur bear­bei­te­ten klang­for­men ver­knüpft. „klang­wel­ten“ hat er das über­schrie­ben, und die­ser begriff trifft das gesche­hen auch recht gut. vor allem der plu­ral ist wich­tig. denn kie­fer belässt es nicht bei einer welt, sei­ne kunst ist dafür viel zu viel­sei­tig und viel­schich­tig. zu den bloops und beeps kom­men bald knir­scher und kna­cker, ver­bin­den sich zu einer kulis­se aus dem grenz­be­reich zwi­schen geräusch und klang, zwi­schen lärm und musik. das ist mal metal­lisch glit­zernd, mal hohl dröh­nend, mal kusch­lig gemüt­lich und new-age-mäßig ent­spannt, dann aber auch wie­der erwar­tungs­froh drän­gend – vor allem aber ist es immer eine dezi­diert künst­li­che und künst­le­risch geform­te akus­ti­sche umge­bung. natür­li­che klän­ge gibt es in die­sem kos­mos nicht, sieht man von eini­gen weni­gen mensch­li­chen stim­men ab. aber selbst die nutzt kie­fer nur als mate­ri­al, formt sie nach sei­nem gus­tos, macht etwa aus einer ein­zi­gen voka­li­se eine raumklang-stimmenorgie.

dazu mon­tiert er dann even­tu­ell noch ver­ein­zel­te, ein­sam schwe­ben­de töne – das ist eine kunst, die unheim­lich viel zeit zu haben scheint. tat­säch­lich ver­lang­samt kie­fer mit sei­nen klan­kom­po­si­tio­ne das zeit­emp­fin­den oft sehr erheb­lich: es wird ein­mal eine gro­ße ruhe kom­men – und peter kie­fer wird ihren klang gestal­ten. denn vie­les von dem, was sei­ne klang­bän­der struk­tu­riert, pas­siert so fein und fast unmerk­lich, dass jedes gespür für die­se ver­läu­fe in gefahr gerät, sich zu ver­lie­ren. aber dann gibt es ja bei eini­gen arbei­ten auch noch die vide­os, an denen man sich fest­hal­ten kann.

beson­ders gilt das natür­lich für sei­ne film­mu­sik zu dem stumm­film „la pas­si­on de jean­ne d’arc“ von c.t. drey­er, mit der er sei­nen klang­wel­ten einen sehr illus­tra­ti­ven und in sei­ner insis­tie­ren­den klang­ge­walt sehr ver­füh­re­ri­schen höhe- und schluss­punkt setzte.

da waren es nur noch drei. das ers­te kon­zert der als „ensem­ble in resi­den­cy“ ver­pflich­te­ten musi­ca anti­qua köln beim rhein­gau-musik-fes­ti­val war vom pech ver­folgt. schon vor eini­ger zeit muss­te der zwei­te gei­ger nach einem unfall absa­gen, das pro­gramm wur­de ent­spre­chend geän­dert. doch am kon­zert­tag stell­te sich dann her­aus, dass auch rein­hard goe­bel, der lei­ter und ers­te gei­ger des ensem­bles, auf­grund einer hand­ver­let­zung nicht spie­len kann. übrig blie­ben also nur noch der cem­ba­list léon ber­ben, cel­list klaus-die­ter brandt und die flö­tis­tin vere­na fischer.

es wur­de dann aller­dings doch noch ein schö­ner abend in der pfarr­kir­che von oestrich. denn die mit­glie­der der musi­ca anti­qua köln sind natür­lich rou­ti­niers genug, um mit sol­chen wid­rig­kei­ten fer­tig­zu­wer­den. das pro­gramm bot nach der zwei­ten ände­rung nun eine blü­ten­le­se aus unter­halt­sa­men sona­ten und sui­ten des 18. jahr­hun­derts für alle noch ver­blie­be­nen mög­li­chen besetzungen.

die kom­bi­na­ti­on aus cel­lo und cem­ba­lo erwies sich als dabei beson­ders frucht­brin­gend. tele­mann sona­te in d‑dur für die­se bei­den instru­men­te gaben die zwei musi­ker nicht nur die ensem­ble-typi­sche auf­ge­weck­te fri­sche und ent­schlos­sen­heit mit, son­dern dar­über hin­aus auch noch eine präch­ti­ge klang­ent­fal­tung. das cel­lo zog im herr­lichs­ten lega­to wun­der­bar fül­li­ge lini­en in jeder ton­la­ge. die lang­sa­men sät­zen wur­den dadurch zu schmel­zen­den schön­hei­ten ganz beson­de­rer art. ähn­lich erfolg­reich spiel­ten ber­ben und brandt auch wil­lem de feschs d‑moll-sona­te. wie­der war es vor allem das cel­lo, das auf­fiel. die­ses mal vor allem durch die über­zeu­gen­de rhe­to­rik, die sich fast schon zur ver­füh­rung stei­ger­te. dabei arbei­te­te brandt mit sehr unauf­fäl­li­gen mit­teln – und dem bes­ten trick über­haupt: der eige­nen über­zeu­gung, dem unmit­tel­ba­ren intel­lek­tu­el­len und emo­tio­na­len ein­satz, der sich der tän­ze­ri­schen alle­man­de genau­so hin­gab wie dem grüb­le­ri­schen largo.

wenig anlass zum grü­beln bot die flö­ten­so­na­te a‑moll von carl phil­ipp ema­nu­el bach. hier war die galan­te­rie, die das gesam­te kon­zert durch­zog, am stärks­ten aus­ge­prägt – und das trio der musi­ca anti­qua auch sehr spiel­freu­dig. das aber bringt doch immer wie­der die bes­ten ergeb­nis­se: wenn die musi­ker ein­fach mit lust und über­zeu­gung spie­len – auch wenn die umstän­de ein­mal nicht opti­mal sind.

zum bei­spiel die 1892 (!) kom­po­nier­te schau­spiel­mu­sik „le fils des étoi­les“ – so an die neun­zig minu­ten auf der stel­le tre­ten – bru­tal, aber irgend­wie auch span­nend. bei „mainz musik“ war sie jetzt kom­plett zu hören, ergänzt außer­dem durch eine lichtinstallation.

immer wei­ter ins unbe­kann­te und unbe­que­me führt der weg von „mainz musik“. der fes­ti­val­lei­ter lud­wig strie­gel hat jetzt selbst wie­der einen gro­ßen schritt in die­se rich­tung getan: mit der auf­füh­rung von erik saties „le fils des étoi­les“. die nennt sich zwar eine schau­spiel­mu­sik zu einem thea­ter­stück des deca­dence-autors jose­phin pelá­dan, ist aber als sol­che nur schwer vor­zu­stel­len und wohl auch kaum jemals genutzt wor­den. denn dafür ist sie viel zu mäch­tig und vor allem zu eigen­sin­nig. für das jahr 1892, im dem satie „le fils des étoi­les“ kom­po­nier­te, ist das außer­dem eine unge­heu­re moder­ni­tät. heu­te hat man sich ja an sol­che klän­ge gewöhnt, aber die weni­gen pari­ser, die das damals gehört haben, müs­sen unter die­sen per­ma­nen­ten häu­fun­gen von quar­ten und dis­so­nan­zen doch erheb­lich gelit­ten haben.

ihre kunst ist vor allem, mit mög­lichst vie­len noten nichts zu sagen – ein musik, die vor allem eines erzeugt: lee­re. und die greift auch auf den hörer über. irgend­wann setzt die­se bau­kas­ten­ar­ti­ge rei­hung von simp­les­ten moti­ven und schrä­gen akkor­den das den­ken außer gefecht. in einen ganz eigen­ar­ti­gen zustand der schwe­be kann man dabei gera­ten – da hat fast etwas von einer trance. denn das gesche­hen die­ser musik ist gera­de der still­stand, das expli­zi­te nicht-pas­sie­ren von eigent­lich genu­in musi­ka­li­schen momen­ten wie ent­wick­lung und ver­än­de­rung. strieg­ler spiel­te das mit bewun­ders­wer­ter kon­zen­tra­ti­on: neun­zig minu­ten hin­durch häm­mert er immer wie­der die­se bana­len moti­ve, die­se end­los auf­ge­schich­te­ten akkor­de in das klavier.

das ist zunächst, auf der kör­per­li­chen erfah­rungs­ebe­ne, eine har­te stra­pa­ze: eine der­ma­ßen gleich­för­mi­ge musik ist unge­heu­er anstren­gend zu hören. aber in der esg-kir­che wur­de sie noch durch die licht­in­stal­la­ti­on von tan­ja löhr ergänzt. die sorgt zunächst schein­bar für opti­sche abwechs­lung: eine abfol­ge von geo­me­tri­schen for­men, wan­dern­den lini­en und recht­ecken, sich aus­deh­nen­den und wie­der zusam­men­schrump­fen­den flä­chen wer­den in gif­ti­gem gründ und grel­lem pink auf die kir­chen­wand pro­ji­ziert. spä­ter kom­men zwar noch zwei far­ben – rot und blau – und auch ab und an eine kreis­form hin­zu, doch die meis­te zeit belässt es löhr bei die­sen ein­fa­chen zuta­ten. durch die per­ma­nen­te bewe­gung ent­ste­hen immer neue for­men und mus­ter, neue kon­stel­la­tio­nen von far­ben und zustän­den. die opti­sche gestal­tung schließt damit direkt an die akus­ti­sche ästhe­tik der ver­wei­ge­rung saties an: das ist nichts, was man unmit­tel­bar ver­ste­hen kann – das kann man nur mehr erfahren.

manchmal ist sogar neue musik ganz harmlos

und manch­mal ist sie auch ein­fach nur ver­spä­te­te roman­tik – und in die­sem fall meist auch ein wenig lang­wei­lig, die roman­tik hat­ten wir halt schon ein­mal, dazu fällt nur noch den wenigs­ten kom­po­nis­ten wirk­lich neu­es ein. aber der pia­nist war nicht schlecht, sei­ne impro­vi­sa­tio­nen zwar ein biss­chen lang­at­mig, aber auch sehr gut anzu­hö­ren – das war also das zwei­te kon­zert der dies­jäh­ri­gen aus­ga­be von mainz musik:

drau­ßen zwit­schern die vögel noch froh­ge­mut, doch drin­nen trau­ern sie herz­er­wei­chend. im alten musik­saal auf dem cam­pus ist die­se ver­blüf­fen­de gleich­zei­tig­keit mög­lich. denn der jun­ge pia­nist tomasz trz­cin­ski begann sein „con­cer­to fes­tivo“ für „mainz musik“ mit den „oise­aux tris­tes“ aus mau­rice ravels „miro­irs“. er tat das sehr rück­sichts­voll und vor­sich­tig – genau so, wie er auch den flü­gel behan­del­te. denn der ist ihm offen­bar mehr als ein blo­ßes instru­ment, eine schnö­de ansamm­lung von holz und metall, son­dern eine ver­län­ge­rung sei­ner hän­de und damit schon fast zu einem teil sei­nes kör­pers gewor­den. und er behan­delt ihn ent­spre­chend: er zwingt ihm nie sei­nen wil­len auf, er akzep­tiert sei­ne schwä­chen und ver­sucht, sie mög­lichst unauf­fäl­lig und sinn­voll zu nut­zen. das führt zu über­ra­schen­den ergeb­nis­sen: schon mit dem zwei­ten stück aus ravels miro­irs, „la val­lée des clo­ches“, bringt er den raum mit prä­sen­ter, aber sehr sorg­sam dosier­ter kraft zum zit­tern und dröh­nen – die vögel haben jetzt nichts mehr zu melden.

es war auch sonst eher die nach­denk­li­che, geruh­sa­me musik, der er beson­de­re sorg­falt ange­dei­hen ließ. die „cha­conne“ von uljas voi­to pulk­kis, die ant­ti siira­la bei der urauf­füh­rung im frank­fur­ter hof im letz­ten jahr als spie­le­ri­sche plau­de­rei spiel­te, nimmt trz­cin­ski eher als roman­ti­sche träu­me­rei, als weit­läu­fi­ge fan­ta­sie. und mit sei­ner sam­ti­gen klan­gober­flä­che gewinnt das stück unter sei­nen hän­den erheb­li­ches poten­zi­al – ein immer wie­der­keh­ren­der drang zum auf­be­geh­ren wird hier auf ein­mal hör­bar. zwar lässt der kom­po­nist die­se aus­bruchs­ver­su­che aus der stren­gen form immer wie­der in die lee­re lau­fen, aber immer­hin kann trz­cin­ski die wider­strei­ten­den kräf­te der cha­conne klang­lich umset­zen, ohne sie voll­ends zu zähmen.

mit die­sen eska­pis­ti­schen aus­flü­gen ver­ab­schie­de­te sich der pia­nist von sei­nen noten – jetzt gab es nur noch ihn, den flü­gel und sei­ne impro­vi­sa­ti­ons­kunst. dar­in erwies er sich schnell als ver­sier­ter tech­ni­ker. mit viel the­ma­ti­scher arbeit ver­blüff­te er vor allem durch sei­ne rapi­den über­lei­tun­gen: ehe man sich ver­sah, war er von frei schwei­fen­den bli­cken über medi­ter­ra­ne land­schaf­ten zu ver­träum­ten, aus­schließ­lich nach innen fokus­sier­ten gedan­ken­flüs­sen gewech­selt. und all­mäh­lich ent­stand dar­aus auch so etwas wie frei­heit – aller­dings immer mit der mög­lich­keit des rück­zugs in die ver­gleichs­wei­se siche­ren gefil­de der moti­vi­schen ver­ar­bei­tun­gen und tra­di­tio­nel­len varia­ti­ons­for­men. auch hier blieb trz­cin­ski voll­kom­men gelas­sen: das ist kei­ne erkämpf­te oder erober­te musik, son­dern ein unge­hin­der­tes, ent­spann­tes fließen.

neue musik ist kein schrecken

ganz tol­le neue musik, zum nach­den­ken, zum hören und genie­ßen, auch wenn man sie viel­leicht gar nicht ver­ste­hen kann/​mag/​will, gab es beim ers­ten kon­zert der dies­jäh­ri­gen auf­la­ge von mainz-musik, dem mini-fes­ti­val der main­zer musik­hoch­schu­le, in der esg-kir­che. zwei dozen­ten, lutz man­dler und pierre-sté­pha­ne meu­gé haben neue und neu­es­te musik für saxophon(e) und trom­pe­te bzw. deren mund­stü­cke auf­ge­führt, das gan­ze noch mit einem klei­nen biss­chen licht­de­sign – im grun­de nur ein­fa­che wech­seln­de beleuch­tun­gen – und vor allem beson­de­rer inte­gra­ti­on des rau­mes in die inter­pre­ta­ti­on – ein wirk­lich außer­or­dent­lich her­aus­ra­gen­des kon­zert­er­eig­nis – nicht nur wegen der muti­gen pro­gram­mie­rung, son­dern gera­de auch wegen der erst­klas­si­gen, kei­ne wün­sche offen­las­sen­den umset­zung. „in freund­schaft“ etwa habe ich noch nie der­ma­ßen kon­sis­tent und durch­gän­gig struk­tu­riert, der­ma­ßen klar und doch leben­dig, nie kalt und kon­stru­iert, aber immer als künst­le­ri­sche for­mung mar­kiert, gehört.

in der „off­zi­el­len“ form liest sich das dann so:

die fest­spiel­zeit ist ein untrüg­li­ches zei­chen: jetzt hat der som­mer begon­nen. ln mainz ist es in die­sem jahr die musik­hoch­schu­le, die den rei­gen eröff­net – mit einem kon­zert der ech­ten extra­klas­se. lutz man­dler und pierre-sté­pha­ne meu­gé haben mit dem auf­takt­kon­zert in der esg-kir­che näm­lich her­aus­ra­gen­des für die neue und neu­es­te musik geleistet.

und dazu gehört immer wie­der das suchen nach neu­en for­men des zusam­men­spie­lens. vin­ko glo­bo­kars „dos à dos“ ist so eine fahn­dung: saxo­phon und trom­pe­te pro­bie­ren die mög­lich­kei­ten des mit­ein­an­der und gegen­ein­an­der spie­lend aus. da das mit der für glo­bo­kar typi­schen wucht und dem ent­spre­chen­den kraft­i­auf­wand pas­siert, ist es eine hoch­dra­ma­ti­sche sache. über­haupt fiel in der esg-kir­che immer wie­der die unglaub­li­che ener­gie der bei­den musi­ker auf. selbst einem eher intro­ver­tier­ten und nach­denk­li­chem werk wie mau­ri­zio pisa­tis „ö“ lie­ßen sie davon nicht ab. bei­de ver­su­chen hier die stil­le in klang zu über­füh­ren – mit lan­gen momen­ten abso­lu­ter ruhe, die von dem dunk­len, erns­ten klang der sym­bio­tisch mit­ein­an­der ver­schmelznden instru­men­te immer stär­ker struk­tu­riert wer­den. die anhäu­fung von bedeu­tungs­vol­len, aber vagen momen­ten ent­lädt sich zum schluss in einer hoch­dra­ma­tisch nach­hal­len­den stille.

mit der urauf­füh­rung des „tage­buch ii“ von hyun-sik jin prä­sen­tier­te sich man­dler auch als solist. die­se erkun­dun­gen des sub­jekts, deren ziel frei­lich ver­bor­gen bleibt, geben dem inter­pre­ten man­nig­fal­ti­ge mög­lich­kei­ten, sei­ne tech­ni­schen fähig­kei­ten unter beweis zu stel­len. man­dler tut dies mit gro­ßer sou­ve­rä­ni­tät und sub­ti­li­tät. gelas­sen schien auch meu­gé in sei­nem solo, einem ech­ten klas­si­ker: „in freund­schaft“ von karl­heinz stock­hausen. unter der sehr genau arti­ku­lier­ten ober­flä­che ver­ber­gen sich hier aller­dings gewal­ti­ge span­nun­gen, die schon so man­chem blä­ser das genick gebro­chen haben. meu­gé dage­gen führt das ganz selbst­ver­ständ­lich zu einer phä­no­me­nal struk­tu­rier­ten ver­füh­rung der sin­ne zusam­men, in der man sich als hörer voll­ends gebor­gen und hei­misch füh­len kann.

und als wäre die­se rei­he erleb­nis­rei­cher höhe­punk­te noch nicht genug an ver­füh­rung, setz­te das duo mit den „bou­chées dou­bles“ von ernest h. papier dem abend die kro­ne auf: denn nur beim zwei­kampf ohne instru­ment, aus­schließ­lich mit ihren mund­stü­cken bewaff­net, lässt sich der wah­re meis­ter ermit­teln. das duell lief über meh­re­re, sich dra­ma­tisch zuspit­zen­de run­den. zunächst klop­fend und rückend for­der­ten sich die bei­den kom­bat­tan­ten schnell zu immer wage­mu­ti­ge­ren geräusch- und ton­kas­ka­den her­aus. doch auch in der hit­ze des gefech­tes konn­ten die bei­den sich auf ein unent­schie­den eini­gen, ihre feh­de bei­le­gen un noch ein letz­tes mal ganz har­mo­nisch, in lie­be ver­eint, zusam­men spielen.

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