»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

porno-pop noch einmal

so, jetzt ist auch der rest des ban­des bewäl­tigt – mit durch­aus zwie­späl­ti­gen ein­drü­cken. aber wie soll­te es bei einem sam­mel­band auch anders sein. der anfang war ja sehr viel­ver­spre­chend, der rest aller­dings lei­der nicht immer genau­so span­nend. clau­dia gehr­ke hat einen etwas wir­ren erfah­rungs­be­richt (rot­käpp­chen und die por­no­gra­fie) bei­gesteu­ert, in dem sie von der publi­ka­ti­on „mein heim­li­ches auge“ berich­tet und den schwie­rig­keit des umgangs damit, was ins­be­son­de­re an der schwie­rig­keit einer kla­ren (juris­ti­schen) defi­ni­ti­on von por­no­gra­phie liegt. jörg met­tel­man hat in fle­sh for fan­ta­sy. das por­no-pop-for­mat dage­gen sehr schön die kon­stan­ten und vari­an­zen des por­no her­aus­ge­ar­bei­tet, ins­be­son­de­re auf theo­re­ti­scher ebe­ne recht erquick­lich. er beob­ach­tet dabei neben ande­rem vor allem den ver­lust der erre­gung, die mit dem obs­zö­nen und sei­ner über­schrei­tung ver­bun­den war. die hin­wen­dung zur kunst voll­zieht zunächst hol­ger liebs, der in spul mal vor, alter vor allem die gegen­sei­ti­ge befruch­tung von kunst und por­no­gra­fie in den blick nimmt – nicht sehr span­nend, weil nicht beson­ders viel dabei her­aus kommt. kath­rin rög­g­la ver­zwei­felt dann an ihren figu­ren, die ficken wol­len, wenn sie nicht sol­len bezie­hungs­wei­se umge­kehrt und so wei­ter… die­mar schmidt nimmt in zwi­schen den medi­en die trans­me­dia­li­tät als por­no­gra­phi­sche bewe­gung (und die por­no­gra­phie als inter­me­dia­le unter­neh­mung) mit bezug auf schnitz­lers traum­no­vel­le und kubricks anleh­nung, eyes wide shut, in den blick. das schien mir aber vor allem kuri­os, nicht ganz klar ist mir gewor­den, war­um er so dar­auf beharrt, dass inter­me­dia­li­tät ein por­no­gra­phi­sches phä­no­men sei. dem rap wen­det sich flo­ri­an wer­ner mit „por­no­gra­phy on wax“? zu. schlüs­sig unter­sucht er rap-tex­te, ins­be­son­de­re von emi­nem, auf den vor­wurf der por­no­gra­phie (ins­be­son­de­re natür­lich im zusam­men­hang mit der mut­ter­be­schimp­fung) und erkennt sie als im grun­de als auf­klä­re­ri­sche por­no­gra­phie: ankla­ge und stil­mit­tel zugleich, gefan­gen in der ambi­gui­tät des under­dogs im main­stream etc… und sven­ja flaß­pöh­ler ver­sucht mit shake your tits!, die rol­le der frau bzw. ihrer stel­lung zwi­schen mensch und sex-objekt in diver­sen schat­tie­run­gen anhand der bei­spie­le madon­na, chris­ti­na agui­lera und brit­ney spears zu beleuch­ten. aber das bleibt ziem­li­ches wischi-waschi…

den mann nicht zu ken­nen, ist fast unmög­lich. zumin­dest sei­ner musik kann man nicht ent­kom­men: klaus dol­din­ger ist ein­fach fast all­ge­gen­wär­tig. dafür sorgt allein sei­ne wohl bekann­tes­te melo­die, das titel­the­ma des „tat­orts“, das den kri­mi seit mehr als drei­ßig jah­ren eröff­net. dabei hat­te klaus dol­din­ger das zunächst gar nicht vor­ge­se­hen: jazz woll­te er eigent­lich spie­len. in ber­lin am 12. mai 1936 gebo­ren, erhielt er sein aus­bil­dung am robert-schu­mann-kon­ver­sa­to­ri­um in düs­sel­dorf und hat­te auch schon wäh­rend sei­nes stu­di­ums mit der dixie­land-com­bo „the feet­war­mers“ die ers­ten erfol­ge. vom blues und aus­ge­spro­chen tra­di­tio­nel­lem jazz kam er in die­ser zeit zum modern jazz und blieb dabei, bis hin zur jüngs­ten for­ma­ti­on, den „old fri­ends“, die eini­ge urge­stei­ne des deut­schen jazz ver­sam­melt und immer noch ver­dammt frisch klingt. ab den frü­hen sech­zi­gern kom­po­nier­te er auch unter­hal­tungs­mu­sik wie kaum ein ande­rer: für wer­bung, für’s fern­se­hen und immer wie­der für das kino.

am bekann­tes­ten ist er aber als jazz-saxo­pho­nist, kom­po­nist und band­lea­der. und vor allem als chef von „pass­port“. mit die­ser band hat dol­din­ger zu beginn der sieb­zi­ger den jazz­rock in deutsch­land popu­lär gemacht und in den letz­ten drei jahr­zehn­ten an die 30 alben ver­öf­fent­licht. aber ein ende ist noch nicht in sicht: gera­de erst erschien „pass­port to marok­ko“, eine hom­mage dol­din­gers an die musik nordafrikas.

so viel­sei­tig und gefragt sei­ne film­mu­si­ken sind – mit dem sound­track für „das boot“ fei­er­te er gro­ße erfol­ge -, so per­sön­lich ist sein jazz immer geblie­ben. denn dol­din­ger ver­stand es, stets eine gewis­sen ein­gän­gig­keit zu pfle­gen und die aktu­el­len trends der musik­sze­ne, ob es nun bos­sa nova, beat oder ganz aktu­ell welt­mu­sik und hip-hop waren, nicht zu kopie­ren, son­dern in sei­ne musi­ka­li­sche welt ein­zu­bau­en. sei­ne stärks­te leis­tung ist viel­leicht die­se inte­gra­ti­ve kraft: egal, wel­che anre­gung er auf­greift, die musik bleibt immer dol­din­ger pur.

inzwi­schen hat er so über 2000 songs kom­po­niert, mehr als 4000 kon­zer­te in der gan­zen welt gespielt und über 50 alben auf­ge­nom­men. und obwohl er mit 70 jah­ren das ren­ten­al­ter schon längst erreicht hat, ist er immer noch unter­wegs. sei­nen geburts­tag fei­ert er mit einem gro­ßen hap­py-bir­th­day-kon­zert in mainz, für das er die klas­si­sche pass­port-beset­zung aus den sieb­zi­gern mit der aktu­el­len for­ma­ti­on und einer men­ge gäs­te wie udo lin­den­berg und uwe och­sen­knecht zusam­men bringt.

mozart und die orgel

ein gesprächs­kon­zert mit ger­hard gnann in st. johan­nis, mainz.

Mozart war schon ein gemei­ner Kerl: Da lobt er die Orgel als Köni­gin der Instru­men­te immer wie­der – und kom­po­niert ein­fach nichts für sie. Aber die Orga­nis­ten haben sich davon noch nie stö­ren las­sen. Denn es gibt einen Aus­weg: Sie spie­len Wer­ke, die Mozart für eine Orgel­wal­ze geschrie­ben hat. Das ist, wie Ger­hard Gnann zu Beginn sei­nes Gesprächs­kon­zer­tes in St. Johan­nis erläu­ter­te, nichts ande­res als eine klei­ne Orgel, deren Pfei­fen von einer mecha­nisch beweg­ten Wal­ze gesteu­ert wer­den – ein Orga­nist ist also unnötig.

Aber das war ein­mal, die­se Wal­zen sind längst ver­lo­ren. Doch die Noten sind immer noch da – eine unwi­der­steh­li­che Chan­ce für die Orga­nis­ten. Gnann erzähl­te dan­kens­wer­ter­wei­se aber auch den Rest der Geschich­te: Dass die Phan­ta­sien Auf­trags­wer­ke für ein Wie­ner Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett waren. Und dass Mozart sie nur ungern und allein aus peku­nä­ren Inter­es­sen kom­po­nier­te. Ver­ständ­lich wäre die Musik aber auch ohne das gewe­sen. Denn Gnann beflei­ßigt sich bei sei­nem Vor­trag ange­neh­mer Tugen­den. Die Phan­ta­sie in f‑Moll KV 594 ist ihm nicht nur eine pracht­vol­le Schau­mu­sik, son­dern vor allem eine tönen­de Sze­ne­rie. Mit ehr­li­cher, ein­fühl­sa­mer Sach­lich­keit spielt er das und hält sich selbst vor­bild­lich zurück. Auch das in der Aus­stel­lung für das Schlaf­ge­mach der Gra­zi­en vor­ge­se­he­ne Andan­te wird auf die­se dezen­te Wei­se leben­dig: Anmu­tig schrei­ten die Gra­zi­en, fast schwe­ben sie wie zar­te Schlaf­wand­le­rin­nen im fah­len Mond­licht, ohne den Schlei­er je zu lüf­ten. Etwas kraft­vol­ler kommt dage­gen die zwei­te Phan­ta­sie KV608 daher: Auch wenn Gnann hier eini­ge Über­gän­ge etwas höl­zern gerie­ten, bleibt doch die ele­gan­te Mischung aus flie­ßen­der Anmut und zuge­spitz­ter, aber maß­vol­ler Dra­ma­tik verdienstvoll.

Aber das war noch nicht alles. Die Orga­nis­ten ken­nen näm­lich noch mehr Tricks. Mozart hat schieß­lich, in sei­ner Salz­bur­ger Zeit, auch eini­ge Sona­ten kom­po­niert, bei den die Orgel mal mit­spie­len durf­te – manch­mal sogar solis­tisch. Gnann spar­te sich die obli­ga­to­ri­schen Strei­cher und mach­te gleich alles selbst: Locker aus dem Hand­ge­lenk schüt­telt er die­se Musik, voll­kom­men unkirch­lich ver­kün­det er die sehr „fro­he“ Bot­schaft mit immer wie­der tän­ze­risch anmu­ten­den, ver­füh­ren­den Klän­gen. So etwas für den sonn­täg­li­che Got­tes­dienst zu kom­po­nie­ren, ist wirk­lich fast fri­vol – und ein klein wenig subersiv.

pop­theo­rie, pop­dis­kurs und pop­krik­tik sind schwer ver­min­te und hef­tig umkämpf­te zonen. auch beh­rens spart nicht mit deut­li­chen wor­ten und har­ten atta­cken vor allem in rich­tung jour­na­lis­mus, aber auch pro­du­zen­ten und kon­su­men­ten bekom­men ihren teil ab. „das reden über pop ist bis­wei­len mehr pop als das, wor­auf es gerich­tet ist“ – die gna­den­lo­se per­for­ma­ti­ve selbst­be­züg­lich­keit des pop-sys­tems ist sein aus­gangs­punkt – und das in wei­ten tei­len immer noch ekla­tant naï­ve reden über pop­p­hä­no­me­ne, die genau die­sen umstand nicht erken­nen kön­nen und wol­len. dazu gehört für beh­rens auch die man­gel­haf­te beob­ach­tung und erkennt­nis der ver­flech­tung von markt und pop, von pro­duk­ti­ons- und kon­su­ma­ti­ons­be­din­gun­gen: „zur dies­kur­si­ven struk­tur gehört aller­dings, daß die­sem pro­du­zen­ten­da­sein, also der ver­flech­tung im kru­den öko­no­mi­schen zusam­men­hang kauf auf­merk­sam­keit geschenkt wird.“ – „pop erscheint als ein außen­raum inner­halb des kapi­ta­lis­mus“, eine posi­ti­on die beh­rens nicht befrie­di­gen kann. denn er ver­sucht doch, genau die­ses desi­de­rat ein­zu­ho­len und den pop als poli­tisch-gesell­schaft­li­ches phä­no­men wenn nicht zu ret­ten (weil er nur das schei­tern des pro­jek­tes attes­tie­ren kann), so doch immer­hin zu durch­leuch­ten und zu verstehen.

dazu kommt ein wei­te­rer fak­tor, der das den­ken und reden/​schreiben über bzw. in pop bestimmt (und der immer wie­der, etwa von died­rich died­rich­sen, reflek­tiert wur­de und wird): der zusam­men­hang zwi­schen pop und posi­ti­vis­mus: „der pop recht­fer­tigt dne posi­ti­vis­mus und der posi­tiv­si­mus recht­fer­tigt den pop“, das, was man auch als authen­ti­zi­täts­fal­le bezeich­nen könn­te: „jeder zugang, jedes urteil steht und fällt mit dem beweis, dabei­ge­we­sen zu sein. wer nicht da war, kann nicht mit­re­den.“ egal wie fein man pop nun also in sze­nen, grup­pen, fel­der dif­fe­ren­ziert: „pop ist wesent­lich eine bestimm­te umgangs­form mit musik im kapi­ta­lis­mus.“ und dann wird es wirk­lich schwie­rig, denn anschluss an die poli­ti­sche kraft des pop zu garan­tie­ren oder gar sei­ne sub­ver­si­tät zu bestim­men, denn es bleibt ein­fach immer dabei: „wesent­lich ist das geschäft der pop­mu­sik eines von reklame“.

beh­rens schlägt dann noch eine wei­te­re schlei­fe, von die­sem punkt des posi­ti­vis­mus oder der sub­jekt-zen­trier­ten authen­ti­zi­täts­fal­le: „pop ist ver­spä­te­te spät­ro­man­tik“ – auch wenn ihm hier, gera­de in der par­al­le­li­sie­rung mit der „kunst“-musik, eini­ge unge­nau­gi­kei­ten und feh­ler unter­lau­fen. doch dadaurch ist nund klar: „am ende der bür­ger­li­chen kunst­mu­sik steht der pop: eine sub­jek­ti­ve inner­lich­keit, der alles sub­jek­ti­ve genom­men ist“.

da nun aber auch zu beboach­ten ist: „der affir­ma­ti­ve cha­rak­ter der pop­kul­tur tritt […] nicht prä­ven­tiv [wie in der kul­tur des bür­ger­tum, als schutz vor den eige­nen wider­sprü­chen], son­dern aggres­siv auf.“ und weil pop das leben gna­den­los mit der kunst ver­mischt und zwar in dem sin­ne, das er pro­kla­miert, „das leb­ne zum kunst­werk erhe­ben zu kön­nen“ – ver­schwin­det pop in der kul­tur­in­dus­trie. die weni­gen räu­me der sub­ver­si­on kann er dann aller­dings auch nicht mehr nut­zen: „die sub­ver­si­on, die hier statt­fin­det, hat sich je schon mit ihrem platz abge­fun­den; sie schlägt des­halb so leicht vom poli­ti­schen ins ästhe­ti­sche um, weil ihr poli­tik­ver­ständ­nis künst­le­risch gemeint war“. pro­ble­ma­tisch wird dann vor allem, dass die „sub­ver­si­ve indi­vi­du­al­ti­ät des pop­sub­jekts unter­stellt wird“, die doch eigent­lich erst das ende der sub­ver­si­on sein könn­te. das ist es, was beh­rens dann in aller schär­fe als die „ideo­lo­gi­sche lüge im rebel­li­schen pro­gramm“ ver­or­tet: pop und sub­ver­si­on bil­den so einen schö­nen zirkel.

„der pop rea­li­siert in sei­nem rebel­li­ons­ge­bah­ren gleich­sam das grund­mo­tiv des jugenstils: ‚das träu­men, man sei erwacht‘ [w. ben­ja­min, pas­sa­gen-werk].“ – „gleich­wohl bricht alle sub­ver­si­on im pop nicht nur am schei­tern sol­cher sub­jek­ti­vi­tät, son­dern auch an ihrem drän­gen und ihrer not, die uto­pi­sche in der musik noch nach­hallt. davon möcht sich der [.…] pop frei­ma­chen, weil alles ver­spre­chen, was noch nicht mit den monatl­ci­hen neu­erschei­nun­gen abge­gol­ten ist, als geschäft­s­chä­di­gend gilt.“ – und so scheint mir die ein­zi­ge mög­lich­keit, über pop heu­te über­haupt noch gewinn­brin­gend nachzudenken.

roger beh­rens: die raving socie­ty frißt ihre kin­der. anmer­kun­gen zum zwei­ten jugendstil.

blut & bier

mein gott, schon wie­der so eine ent­täu­schung. man­che leu­te soll­ten wohl ein­fach nur bis zu einem bestimm­ten alter schrei­ben. und bei franz xaver kroetz ist das offen­bar inzwi­schen über­schrit­ten. denn was er hier unter dem titel blut & bier. 15 unge­wa­sche­ne sto­ries vor­legt, ist bei tages­licht bese­hen, ein­fach mist. und zwar ziem­lich großer.

ich hat­te ja eigent­lich gehofft, etwas von der sprach­li­chen poe­sie des frü­hen kroetz, wie in bau­ern ster­ben, wunsch­kon­zert oder furcht und hoff­nung in deutsch­land auch in die­sen geschich­ten wie­der­zu­fin­den. aber nix da, das ist nur noch selbst­hil­fe­pro­sa aus der schreib­werk­statt eines abge­wrack­ten dich­ters, der genau weiß, dass er nichts mehr auf die rei­he bringt. noch nicht ein­mal mehr ordent­li­che beob­ach­tun­gen sind auf­zu­zei­gen, kein inter­es­san­tes the­ma oder ein gelun­ge­ner plot. wobei die meis­ten die­ser wirk­lich recht dre­cki­gen g’schichten nicht ein­mal so etwas haben. apro­pos dreck: die vor­ge­täusch­te kol­lo­quia­li­tät, die bedeu­tungs­voll-unab­sicht­lich/­be­deu­tungs­los ein­floch­te­nen flos­kel der umgangs­spra­che sind kei­nes­weg legi­ti­ma­ti­on für irgend­et­was, son­dern bloß nervend.

denn wor­um geht es hier eigent­lich: genau, um kroetz. der taucht ziem­lich offen­sicht­lich in fast allen erzäh­lun­gen auf – immer gibt es einen altern­den schrift­stel­ler, der kaum noch etwas zu stan­de bringt, der über der schreib­ma­schi­ne brü­tet, der von alko­hol und über­haupt dem aus­schwei­fen­den leben sei­ner erfolg­rei­chen jugend gezeich­net ist: „er schick­te sich rum. such­te eine neue. er fand ein loch. ein ech­tes. das war er. ein arsch­loch.“ (28)

oder die tol­len, ach so wage­mu­ti­gen, ein­fach pein­li­chen phan­ta­sien des altern­den herrn beim anblick sei­ner fami­lie – sei­ner frau und sei­ner bei­den töch­ter: „sie zogen sich aus. sechs tit­ten, drei ärsche, drei mösen, straf­fe haut über jun­gem fleisch“ … „mein gott, die­se nut­ten, dach­te er, die­se gott­ver­damm­ten nut­ten.“ (38) und so geht das dann die gan­ze zeit…

manch­mal immer­hin scheint noch etwas vom sozi­al­kri­ti­schen beob­ach­ter, dem ehe­ma­li­gen mit­glie­der der kom­mu­nis­ti­schen par­tei, in den tex­ten auf – sel­ten genug. etwa wenn er im letz­ten text „der ganz nor­mal super­mann“ das sze­na­rio einer öko­lo­gisch-ega­li­tä­ren gesell­schaft ent­wirft, in der alles, auch sex etc., streng limi­tiert sind, damit alle mal zum zuge kommen.

lite­ra­risch ist das ein­fach mist: „schrei­ben kann doch heut­zu­ta­ge jeder depp, aber er war ein guter mann, und dar­auf kommts doch letzt­lich an!“ (79). das, was mich an sol­chen tex­ten immer wie­der am meis­ten anwi­dert, ist die tat­sa­che, dass ihr autor durch­aus zu wis­sen scheint, dass er nur mist, nur bil­li­ges geschwur­bel ohne künst­le­ri­schen wert, pro­du­ziert – und trotz­dem nichts dage­gen unter­nimmt, nichts bes­se­res schreibt oder wenigs­tens den dreck unver­öf­fent­lich lässt.

damit wäre kroetz also auch abge­hakt – es sei denn, er macht einen münch­hau­sen und holt sich selbst noch ein­mal aus dem sumpf sei­ner selbst­be­züg­li­chen, selbst­ver­lieb­ten (immer­hin mit dem obli­ga­to­ri­schen win­zi­gen schuss iro­nie), vor allem aber ein­fach schlech­ten pro­sa wie­der heraus.

franz xaver kroetz: blut & bier. 15 unge­wa­sche­ne sto­ries. ham­burg, rot­buch 2006

musicalisches vielerley

lon­don, ams­ter­dam, darm­stadt, salz­burg, ber­lin, ham­burg – da ist jemand weit her­um gekom­men. und das war nur der anfang, frank­reich und ita­li­en hat er auch aus­gie­big bereist: der eng­li­sche musik­for­scher charles bur­ney. das inter­es­san­te an sei­nen fahr­ten ist, dass er nicht ein­fach urlaub gemacht hat, son­dern sozu­sa­gen auf fort­bil­dung war. und er hat getreu­lich buch geführt – dort kann man heu­te noch vie­les über das musik­le­ben euro­pas im 18. jahr­hun­dert ler­nen: ein „musi­cal­i­sches vie­ler­ley“. das ist der titel für die abschluss­kon­zer­te einer koope­ra­ti­on des musik­wis­sen­schaft­li­chen insti­tu­tes und der musik­hoch­schu­le in der vil­la musica.

die stu­den­ti­schen musi­ker kom­men gera­de aus einem inter­pra­ti­ons­kurs, die musik­wis­sen­schaft­ler haben ein pro­gramm­heft bei­gesteu­ert, das zu einem regel­rech­ten büch­lein gewor­den ist – mit vie­len abbil­dun­gen, quel­len und instruk­ti­ven einführungen

aber das ist nur bei­werk, eigent­lich geht es um die musik, und zwar um kam­mer­mu­sik mit vio­li­ne aus eini­gen von bur­ney besuch­ten städ­ten – mit einem zusätz­li­chen abste­cher nach des­sau, um auch fried­rich wil­helm rust mit einer vio­lin-sona­te vor­zu­füh­ren. so-young park hat sich der apar­ten mischung aus aus­drucks­wil­len und form­stren­ge mit kla­ren ton und gro­ßen ges­ten angekommen.l doch das ist schon vor­ge­grif­fen – bur­neys rei­se begann natür­lich in lon­don. das ist durch eine trio­so­na­te von hän­del reprä­sen­tiert. mehr zu bestau­nen gab es aber in ams­ter­dam. dort war näm­lich etwas ziem­lich ver­rück­tes zu fin­den „il labi­rin­to armo­ni­co“ von pie­tro locatel­li. das ist ein teuf­lisch schwe­res capric­co – ein vor­läu­fer paga­ni­nis sozu­sa­gen. musik kann man das kaum nen­nen, aber bewun­dern darf man die stu­pen­de vir­tuo­si­tät schon, mit der sich igor tsin­man an den gebro­che­nen drei­klän­gen, den dop­pel­grif­fen und den ande­ren absur­di­tä­ten abar­bei­tet. salz­burg wird – natür­lich – von mozart ver­tre­ten. jochen klein­schmidt und annet­te zieg­ler zei­gen mit zwei sei­ner kir­chen­so­na­ten ganz unbe­schwert und freund­lich, wie groß der abstand zu den meis­ten sei­ner zeit­ge­nos­sen war.

und schließ­lich in ham­burg, kurz vor der rück­kehr auf die insel, der ver­such, georg phil­ipp tele­mann mal wie­der von sei­nem image als bie­de­re kom­po­nier­ma­schi­ne zu befrei­en. das gelingt den bei­den gei­gern mit der sona­te in b‑dur für zwei vio­li­nen aber nur halb­wegs: das andan­te ist ohne zwei­fel außer­or­dent­lich anrüh­rend – weil die bei­den es mit bedacht und vor­sicht so schwe­ben las­sen, als erklän­ge es in der schwe­re­lo­sig­keit. der rest der sona­te ist da nur die not­wen­di­ge vor­be­rei­tung, der take-off ins all und die – span­nen­de, weil ja immer beson­ders kri­ti­sche – rück­kehr auf die erde. tele­mann hat davon wohl noch nichts gewusst, aber das macht ja nichts.

ges­tern abend gehört – im auf­trag, frei­wil­lig wäre es nicht ganz mein ding gewe­sen: arturo san­d­oval group im frank­fur­ter hof mainz.

das ist die offi­zi­el­le fas­sung mei­nes berichtes:

kurz vor acht herrscht auf der büh­ne des frank­fur­ter hofs noch reges trei­ben. da wird noch flei­ßig geschraubt, instru­men­te aus­ge­rich­tet, kabel ver­legt und mikros getes­tet: die frisch aus ali­can­te ein­ge­flo­ge­ne arturo san­d­oval group ist noch gar nicht so rich­tig in mainz ange­kom­men. doch dann geht es schlag auf schlag: die musi­ker neh­men die büh­ne in besitz und das publi­kum gleich noch dazu. so lang­sam kon­sti­tu­iert sich im ers­ten ritu­el­len rund­gang von the­ma und soli ein­mal quer durch die band auch der sound. natür­lich sticht arturo san­d­oval in der ansons­ten sehr jung besetz­ten grup­pe beson­ders her­vor: er knallt, quietscht, presst, stöhnt und wir­belt die töne aus sei­ner trom­pe­te nur so her­vor. nicht ganz zufäl­lig ist er den gan­zen abend das unan­ge­foch­te­ne zen­trum nicht nur der büh­ne, son­dern des gesam­ten gesche­hens: bei ihm lau­fen alle fäden zusam­men, er greift immer wie­der ein und gibt anwei­sun­gen. und er ist außer­dem eine band in der band: er spielt nicht nur trom­pe­te, son­dern auch schlag­werk und sogar der pia­nist muss ihm zeit­wei­se weichen.

es scheint fast so, als ver­fin­ge er sich dabei selbst immer wie­der im gestrüpp sei­ner musik: was zunächst wie unkon­trol­lier­ter wild­wuchs wirkt, ent­puppt sich beim genaue­ren hin­hö­ren aber immer als minu­ti­ös geplan­te und sorg­sam kul­ti­vier­te berech­nung – hier hat der zufall kein platz, selbst der spon­ta­ne ein­fall muss schwer ums über­le­ben kämp­fen. doch die arran­ge­ments zei­gen immer wie­der uner­war­te­tes: gera­de noch mit­ten im kuba­ni­schen power-groo­ve, stößt san­d­oval einen schrei in die trom­pe­te und alles ver­wan­delt sich jäh: mit einem schlag baut er eine voll­kom­men neue sze­ne­rie, aus dem hek­ti­schen par­ty­ge­sche­hen wech­selt er unver­mu­tet an den strand einer roman­ti­schen voll­mond­nacht und beob­ach­tet ein ver­lieb­tes pär­chen. aber die ruhe trügt schon wie­der: nicht lan­ge, und die nächs­te par­ty nähert sich bereits –für die­se mal zieht sie noch vor­über, aber doch nicht ganz ohne effekt: der fun­ke ist über­ge­sprun­gen, ganz lang­sam und zunächst noch unmerk­lich zieht es jetzt alle doch wie­der zum tan­zen – wo san­d­oval unwei­ger­lich mit sei­ner strah­len­den trom­pe­te und sei­nen uner­müd­li­chen mit­spie­lern schon war­tet. das per­fekt cho­reo­gra­phier­te auf und ab der musik sind ein­fach sei­ne stär­ke – was eben noch ein blue­si­ges kla­vier­so­lo war, wird ruck­zuck zu einer groo­ve-atta­cke, nur um weni­ge herz­schlä­ge spä­ter erneut zum blues zu mutie­ren. und dabei las­sen alle musi­ker ihrer pro­fil­neu­ro­se frei­en lauf. das wäre uner­träg­lich, käme dabei nicht so kraft­vol­le musik her­aus, die schlech­ter stim­mung ein­fach kei­ne chan­ce lässt.

und das die inof­fi­zi­el­le (aber wah­re) ergänzung:

frei­heit ist hier nicht wirk­lich mög­lich. auch wenn sie so tun, als wür­den sie impro­vi­sie­ren. denn in dem fort­wäh­ren­den mäan­dern ist dafür kein platz: sicher, da scheint alles vor­han­den zu sein – vie­le schlei­fen, uner­war­te­te bie­gun­gen, strom­schnel­len, was­ser­fäl­le, beschau­li­che strän­de – mal als gemüt­li­cher wie­sen­fluss, meist aber als rei­ßen­des wild­was­ser. aber es ist immer nur das da, was san­d­oval sehen und hören will. und auch wenn er das aus­schwei­fen­de, ver­schnör­kel­te liebt – es muss schon nach sei­nem wil­len sich richten.

im grun­de ist das aber mehr sport als musik – oder mehr por­no als kunst: höher, schnel­ler, wei­ter – nein, lau­ter – dar­um geht es hier. und arturo san­d­oval bleibt natür­lich immer, wel­che über­ra­schung, unan­ge­foch­te­ner cham­pi­on, dafür weiß er schon zu sor­gen. und das publi­kum scheint das unbe­wusst auch zu wis­sen – denn genau die sport­li­chen erfol­ge, die beson­ders hohen töne, die beson­ders schnel­len läu­fe und wir­bel, die beson­ders lau­ten trom­mel­schlä­ge wer­den am begeis­ters­ten beju­belt – nicht die außer­ge­wöhn­lich gelun­ge­ne phra­se, nicht dier pas­sen­de aus­druckk. aber um so etwas geht es hier eben über­haupt nicht, das unter­läuft den musi­kern nur so neben­bei und offen­bar auch eher unge­wollt. kunst ist das des­halb eigent­lich nicht mehr, das ist nur noch öffent­li­che selbst­be­frie­di­gung von sechs machos – ob es wirk­lich zufall ist, dass sol­che grup­pen (auch die von arturo san­d­oval) fast immer aus­schließ­lich aus män­nern bestehen?

auf jeden fall ist so etwas eine unge­heu­re anma­ßung, im grun­de eine unver­schämt­heit gegen­über dem publi­kum: der zuhö­rer wird hier ganz offen­sicht­lich für dumm ver­kauft, er wird als kulis­se für die selbst­be­weih­räu­che­rung und selbst­be­stä­ti­gung der betei­lig­ten musi­ker (ja, ich bin der bes­te, ich kann am öftes­ten, ich hab‘ den größ­ten…) wie eine tape­te, oder ein­fach wie eine ware, benutzt. von respekt ist da nichts, aber auch gar nichts zu spü­ren. ok, wei­ter will ich mich dar­über jetzt nicht aufregen…

halbmarathon

heu­te bin ich mal wie­der mal mei­nen oden­wäl­der halb­ma­ra­thon gelau­fen: von der les­sing­stra­ße in erbach auf den buch­wald­s­kopf ist der anfang. eigent­lich woll­te ich gar nicht viel wei­ter, nur eine klei­ne hal­be run­de, viel­leicht mit einer zusätz­lich schlei­fe, dre­hen. aber dann lief es so gut, dass ich ein­fach mal wei­ter rich­tung son­nen­weg gerannt bin. und dort war ich immer noch so fit, dass ich kur­zer­hand rich­tung bullau­er bild abge­bo­gen bin. dort ange­kom­men, war das dau­ern­de berg­auf-lau­fen zwar schon zu spü­ren, aber da ich nun schon ein­mal auf der höhe war, habe ich gleich den weg zum würz­ber­ger jäger­tor ein­ge­schla­gen. da fing es dann all­mäh­lich an, tro­cken zu wer­den: da ich ja eigent­lich nur ein klei­ne run­de lau­fen woll­te, hat­te ich nichts zu trin­ken dabei. und zuvor habe ich auch nicht sehr gut auf­ge­tankt. von würz­berg aus ging es dann ruck­zuck durch die hohl nach erns­bach, von dort natür­lich ins drei­se­en­tal, wo es lang­sam wirk­lich hap­pig wur­de: dehy­driert und zuneh­mend unter­zu­ckert fing ich an, mich zu quä­len. der weg durch dorf-erbach wur­de dann zu einer ziem­li­chen qual. aber der letz­te anstieg am kreuz­weg hat das dann natür­lich noch ein­mal getoppt – so quä­lend war das schon sehr lan­ge nicht mehr. zuhau­se ange­kom­men, ging es mir zwar nicht beson­ders gut, es dau­er­te zwei, drei stun­den, bis ich wie­der eini­ger­ma­ßen fit war. aber der blick auf die uhr mach­te mich dann doch stolz: ich muss ziem­lich flott unter­wegs gewe­sen sein, die genaue zeit weiß ich zwar nicht, weil ich natür­lich wie­der ein­mal erst spät nach der rück­kehr auf die uhr schau­te, aber mehr als 1:50 kön­nen es auf kei­nen fall gewe­sen sein, eher wohl um die 1:45 – und das ist doch gar nicht so schlecht für die­se stre­cke (und ohne wasser!).

briefe einer freundschaft

nun ja, eigent­lich sind es ja nur frag­men­te: hwh war offen­bar doch recht schlam­pig beim auf­he­ben… jeden­falls feh­len vor allem von bach­manns brie­fe ein gro­ßer teil, auch sonst eini­ge lücken, die die lek­tü­re nicht gera­de erleich­tern, weil die bezü­ge stän­dig fehlen.

ansons­ten sind die brie­fe die­ser ach so tol­len, fast schon mytho­lo­gi­sier­ten freund­schaft nicht dazu ange­tan, mein eher abnei­gen­des ver­hält­nis zu hwh zu revi­die­ren. denn der brief­wech­sel ist ganz schön asy­m­e­trisch: hwh for­dert und ver­langt und drän­gelt, bach­mann hält dage­gen lan­ge zeit auf abstand. und aus dem von hwh immer wie­der ange­for­der­ten libret­to wird ja auch lan­ge nix…

das lie­be geld, die schwie­ri­gen arbeits­be­din­gun­gen, see­li­sche mühen und jubel – und natür­lich ita­li­en, das gelob­te land für hwh sind die immer wie­der auf­tau­chen­den the­men. und auch wenn er ib immer wie­der davon über­zeu­gen zu ver­sucht, es ihm mit dem gang ins exil nach­zu­tun, dar­an schei­tert er immer wie­der: ib bleibt höchs­ten ein paar wochen, mal mona­te, dann ist sie wie­der unter­wegs, rast­los wie immer.

über die gemein­sa­men arbei­ten erfährt man aber dann doch gar nicht so viel – außer, dass sie sol­ches lie­ber münd­lich bespra­chen. ein­zi­ge aus­nah­me: die libret­to-arbeit am „prinz von hom­burg“ – aber die war von hwh auch so schon recht aus­führ­lich dokumentiert

übri­gens auch die edi­ti­on nicht so wahn­sin­nig umwer­fend: die kom­men­ta­re sind teil­wei­se blo­ße selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, die auch noch oft wie­der­holt wer­den, ande­res wich­ti­ges fehlt dage­gen ganz – irgend­wie bleibt der ein­druck eines halb­her­zi­gen ver­suchs, nicht fisch noch fleisch.
inge­borg bach­mann, hans wer­ner hen­ze: brie­fe einer freund­schaft. hrsg. von hans höl­ler. mün­chen, zürich: piper 2004

porno-pop oder wem gehören die töchter?

heu­te mor­gen beim umsta­peln der unge­le­se­nen bücher gefun­den: jörg metel­mann (hrsg.): por­no-pop. sex in der ober­flä­chen­welt. würz­burg: königs­hau­sen & neu­mann 2005. und gleich mal den ers­ten auf­satz gele­sen: cle­mens porn­schle­gel (die kalau­er zum namen ver­bie­te ich mir jetzt mal…): wem gehö­ren die töch­ter? zum sexu­el­len macht­an­spruch der konsumgesellschaften.

porn­schle­gel macht ein paar gute punk­te zur „ver­wand­lung des weib­li­chen kör­pers in eine ware und die dar­aus fol­gen­de pro­no­gra­fi­sie­rung der kon­sum­ge­sell­schaft“ (18) auf: „was als sexu­el­le befrei­ung und fort­schritt auf­tritt [näm­lich die ver­fü­gungs­ge­walt der frau­en über ihren kör­per und die selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der sie ihn prä­sen­ta­bel machen/​halten und prä­sen­tie­ren], ent­puppt sich als frei­set­zung des weib­li­chen kör­pers für den uni­ver­sa­len markt und die ent­spre­chen­de zir­ku­la­ti­on.“ – die fol­ge­rung dar­aus ist klar: „das mäd­chen, das sein ver­füh­rungs­po­ten­zi­al nicht her­zeigt, mit string, push-up und top, ver­kauft sich bekannnt­lich unter wert.“ (17) und ver­stößt damit gegen die regeln des hei­li­gen mark­tes, auch wenn das gan­ze von libe­ra­lis­ten etc. natür­lich als gran­dio­se errun­gen­schaft der per­sön­li­chen frei­heit der frau apo­stro­phiert und gefei­ert wird.

von dort aus ist es für porn­schle­gel dann ein leich­tes, das isla­mi­sche kopf­tuch zu deu­ten – und vor allem den vehe­men­ten wider­spruch der femi­nis­tin­nen etc. gegen das tra­gen eines sol­chen. denn „die ver­hül­lung bedeu­tet eine absur­de sexu­el­le ‚nicht­zu­gäng­lich­keit‘“ – „man kann die frau nicht haben“ (19) – und das wider­spricht natür­lich allen regeln des ubi­quä­ren marktes.

inter­es­sant wird es aber, wenn porn­schle­gel noch einen schritt wei­ter geht: das kopf­tuch ent­zieht sei­ne trä­ge­rin dem markt „und steht damit natür­lich auch dem prin­zip der gren­zen­lo­sen nach­fra­ge im weg, mit ande­ren wor­ten: der frei­heit“ (20). und des­halb ist es, psy­cho­ana­ly­tisch gedeu­et, nicht anders als „ein gro­ßes, has­sens­wer­tes vater­ge­spenst“ (20), gegen das man – fast reflex­hat – ankämp­fen muss.

der zwei­te teil sei­nes auf­sat­zes ver­schränkt das dann mit der beob­ach­tung und beschrei­bung des (sex-)marktes in michel hou­el­le­becqs platt­form, in dem porn­schle­gel vor allem die beschrei­bung der welt erkennt: „jedes ande­re sub­jekt wird von vorn­her­ein auf ein kon­sum­gut redu­ziert“ (23), der roman zeigt „den zusam­men­hang zwi­schen kon­sum­öko­no­mie und uni­ver­sa­ler pro­sti­tu­ti­on“ (23) – und damit nach porn­schle­gel auch den ver­lust der wün­sche. denn wenn alles nur noch kon­su­mier­bar ist, alles nur noch auf kon­sum redu­ziert und bezo­gen wird, bleibt der wunsch immer außen vor – „das objekt des wun­sches ist nicht kon­su­mier­bar“ zitiert er dazu miche­la marzano.

mal sehen, ob der rest des ban­des genau­so inter­es­sant ist…

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