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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

ges­tern abend gehört – im auf­trag, frei­wil­lig wäre es nicht ganz mein ding gewe­sen: arturo san­d­oval group im frank­fur­ter hof mainz.

das ist die offi­zi­el­le fas­sung mei­nes berich­tes:

kurz vor acht herrscht auf der büh­ne des frank­fur­ter hofs noch reges trei­ben. da wird noch flei­ßig geschraubt, instru­men­te aus­ge­rich­tet, kabel ver­legt und mikros getes­tet: die frisch aus ali­can­te ein­ge­flo­ge­ne arturo san­d­oval group ist noch gar nicht so rich­tig in mainz ange­kom­men. doch dann geht es schlag auf schlag: die musi­ker neh­men die büh­ne in besitz und das publi­kum gleich noch dazu. so lang­sam kon­sti­tu­iert sich im ers­ten ritu­el­len rund­gang von the­ma und soli ein­mal quer durch die band auch der sound. natür­lich sticht arturo san­d­oval in der ansons­ten sehr jung besetz­ten grup­pe beson­ders her­vor: er knallt, quietscht, presst, stöhnt und wir­belt die töne aus sei­ner trom­pe­te nur so her­vor. nicht ganz zufäl­lig ist er den gan­zen abend das unan­ge­foch­te­ne zen­trum nicht nur der büh­ne, son­dern des gesam­ten gesche­hens: bei ihm lau­fen alle fäden zusam­men, er greift immer wie­der ein und gibt anwei­sun­gen. und er ist außer­dem eine band in der band: er spielt nicht nur trom­pe­te, son­dern auch schlag­werk und sogar der pia­nist muss ihm zeit­wei­se wei­chen.

es scheint fast so, als ver­fin­ge er sich dabei selbst immer wie­der im gestrüpp sei­ner musik: was zunächst wie unkon­trol­lier­ter wild­wuchs wirkt, ent­puppt sich beim genaue­ren hin­hö­ren aber immer als minu­ti­ös geplan­te und sorg­sam kul­ti­vier­te berech­nung – hier hat der zufall kein platz, selbst der spon­ta­ne ein­fall muss schwer ums über­le­ben kämp­fen. doch die arran­ge­ments zei­gen immer wie­der uner­war­te­tes: gera­de noch mit­ten im kuba­ni­schen power-groo­ve, stößt san­d­oval einen schrei in die trom­pe­te und alles ver­wan­delt sich jäh: mit einem schlag baut er eine voll­kom­men neue sze­ne­rie, aus dem hek­ti­schen par­ty­ge­sche­hen wech­selt er unver­mu­tet an den strand einer roman­ti­schen voll­mond­nacht und beob­ach­tet ein ver­lieb­tes pär­chen. aber die ruhe trügt schon wie­der: nicht lan­ge, und die nächs­te par­ty nähert sich bereits –für die­se mal zieht sie noch vor­über, aber doch nicht ganz ohne effekt: der fun­ke ist über­ge­sprun­gen, ganz lang­sam und zunächst noch unmerk­lich zieht es jetzt alle doch wie­der zum tan­zen – wo san­d­oval unwei­ger­lich mit sei­ner strah­len­den trom­pe­te und sei­nen uner­müd­li­chen mit­spie­lern schon war­tet. das per­fekt cho­reo­gra­phier­te auf und ab der musik sind ein­fach sei­ne stär­ke – was eben noch ein blue­si­ges kla­vier­so­lo war, wird ruck­zuck zu einer groo­ve-atta­cke, nur um weni­ge herz­schlä­ge spä­ter erneut zum blues zu mutie­ren. und dabei las­sen alle musi­ker ihrer pro­fil­neu­ro­se frei­en lauf. das wäre uner­träg­lich, käme dabei nicht so kraft­vol­le musik her­aus, die schlech­ter stim­mung ein­fach kei­ne chan­ce lässt.

und das die inof­fi­zi­el­le (aber wah­re) ergän­zung:

frei­heit ist hier nicht wirk­lich mög­lich. auch wenn sie so tun, als wür­den sie impro­vi­sie­ren. denn in dem fort­wäh­ren­den mäan­dern ist dafür kein platz: sicher, da scheint alles vor­han­den zu sein – vie­le schlei­fen, uner­war­te­te bie­gun­gen, strom­schnel­len, was­ser­fäl­le, beschau­li­che strän­de – mal als gemüt­li­cher wie­sen­fluss, meist aber als rei­ßen­des wild­was­ser. aber es ist immer nur das da, was san­d­oval sehen und hören will. und auch wenn er das aus­schwei­fen­de, ver­schnör­kel­te liebt – es muss schon nach sei­nem wil­len sich rich­ten.

im grun­de ist das aber mehr sport als musik – oder mehr por­no als kunst: höher, schnel­ler, wei­ter – nein, lau­ter – dar­um geht es hier. und arturo san­d­oval bleibt natür­lich immer, wel­che über­ra­schung, unan­ge­foch­te­ner cham­pi­on, dafür weiß er schon zu sor­gen. und das publi­kum scheint das unbe­wusst auch zu wis­sen – denn genau die sport­li­chen erfol­ge, die beson­ders hohen töne, die beson­ders schnel­len läu­fe und wir­bel, die beson­ders lau­ten trom­mel­schlä­ge wer­den am begeis­ters­ten beju­belt – nicht die außer­ge­wöhn­lich gelun­ge­ne phra­se, nicht dier pas­sen­de aus­druckk. aber um so etwas geht es hier eben über­haupt nicht, das unter­läuft den musi­kern nur so neben­bei und offen­bar auch eher unge­wollt. kunst ist das des­halb eigent­lich nicht mehr, das ist nur noch öffent­li­che selbst­be­frie­di­gung von sechs machos – ob es wirk­lich zufall ist, dass sol­che grup­pen (auch die von arturo san­d­oval) fast immer aus­schließ­lich aus män­nern bestehen?

auf jeden fall ist so etwas eine unge­heu­re anma­ßung, im grun­de eine unver­schämt­heit gegen­über dem publi­kum: der zuhö­rer wird hier ganz offen­sicht­lich für dumm ver­kauft, er wird als kulis­se für die selbst­be­weih­räu­che­rung und selbst­be­stä­ti­gung der betei­lig­ten musi­ker (ja, ich bin der bes­te, ich kann am öftes­ten, ich hab‘ den größ­ten…) wie eine tape­te, oder ein­fach wie eine ware, benutzt. von respekt ist da nichts, aber auch gar nichts zu spü­ren. ok, wei­ter will ich mich dar­über jetzt nicht auf­re­gen…

halbmarathon

heu­te bin ich mal wie­der mal mei­nen oden­wäl­der halb­ma­ra­thon gelau­fen: von der les­sing­stra­ße in erbach auf den buch­wald­s­kopf ist der anfang. eigent­lich woll­te ich gar nicht viel wei­ter, nur eine klei­ne hal­be run­de, viel­leicht mit einer zusätz­lich schlei­fe, dre­hen. aber dann lief es so gut, dass ich ein­fach mal wei­ter rich­tung son­nen­weg gerannt bin. und dort war ich immer noch so fit, dass ich kur­zer­hand rich­tung bullau­er bild abge­bo­gen bin. dort ange­kom­men, war das dau­ern­de berg­auf-lau­fen zwar schon zu spü­ren, aber da ich nun schon ein­mal auf der höhe war, habe ich gleich den weg zum würz­ber­ger jäger­tor ein­ge­schla­gen. da fing es dann all­mäh­lich an, tro­cken zu wer­den: da ich ja eigent­lich nur ein klei­ne run­de lau­fen woll­te, hat­te ich nichts zu trin­ken dabei. und zuvor habe ich auch nicht sehr gut auf­ge­tankt. von würz­berg aus ging es dann ruck­zuck durch die hohl nach erns­bach, von dort natür­lich ins drei­se­en­tal, wo es lang­sam wirk­lich hap­pig wur­de: dehy­driert und zuneh­mend unter­zu­ckert fing ich an, mich zu quä­len. der weg durch dorf-erbach wur­de dann zu einer ziem­li­chen qual. aber der letz­te anstieg am kreuz­weg hat das dann natür­lich noch ein­mal getoppt – so quä­lend war das schon sehr lan­ge nicht mehr. zuhau­se ange­kom­men, ging es mir zwar nicht beson­ders gut, es dau­er­te zwei, drei stun­den, bis ich wie­der eini­ger­ma­ßen fit war. aber der blick auf die uhr mach­te mich dann doch stolz: ich muss ziem­lich flott unter­wegs gewe­sen sein, die genaue zeit weiß ich zwar nicht, weil ich natür­lich wie­der ein­mal erst spät nach der rück­kehr auf die uhr schau­te, aber mehr als 1:50 kön­nen es auf kei­nen fall gewe­sen sein, eher wohl um die 1:45 – und das ist doch gar nicht so schlecht für die­se stre­cke (und ohne was­ser!).

briefe einer freundschaft

nun ja, eigent­lich sind es ja nur frag­men­te: hwh war offen­bar doch recht schlam­pig beim auf­he­ben… jeden­falls feh­len vor allem von bach­manns brie­fe ein gro­ßer teil, auch sonst eini­ge lücken, die die lek­tü­re nicht gera­de erleich­tern, weil die bezü­ge stän­dig feh­len.

ansons­ten sind die brie­fe die­ser ach so tol­len, fast schon mytho­lo­gi­sier­ten freund­schaft nicht dazu ange­tan, mein eher abnei­gen­des ver­hält­nis zu hwh zu revi­die­ren. denn der brief­wech­sel ist ganz schön asy­m­e­trisch: hwh for­dert und ver­langt und drän­gelt, bach­mann hält dage­gen lan­ge zeit auf abstand. und aus dem von hwh immer wie­der ange­for­der­ten libret­to wird ja auch lan­ge nix…

das lie­be geld, die schwie­ri­gen arbeits­be­din­gun­gen, see­li­sche mühen und jubel – und natür­lich ita­li­en, das gelob­te land für hwh sind die immer wie­der auf­tau­chen­den the­men. und auch wenn er ib immer wie­der davon über­zeu­gen zu ver­sucht, es ihm mit dem gang ins exil nach­zu­tun, dar­an schei­tert er immer wie­der: ib bleibt höchs­ten ein paar wochen, mal mona­te, dann ist sie wie­der unter­wegs, rast­los wie immer.

über die gemein­sa­men arbei­ten erfährt man aber dann doch gar nicht so viel – außer, dass sie sol­ches lie­ber münd­lich bespra­chen. ein­zi­ge aus­nah­me: die libret­to-arbeit am „prinz von hom­burg“ – aber die war von hwh auch so schon recht aus­führ­lich doku­men­tiert

übri­gens auch die edi­ti­on nicht so wahn­sin­nig umwer­fend: die kom­men­ta­re sind teil­wei­se blo­ße selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, die auch noch oft wie­der­holt wer­den, ande­res wich­ti­ges fehlt dage­gen ganz – irgend­wie bleibt der ein­druck eines halb­her­zi­gen ver­suchs, nicht fisch noch fleisch.
inge­borg bach­mann, hans wer­ner hen­ze: brie­fe einer freund­schaft. hrsg. von hans höl­ler. mün­chen, zürich: piper 2004

porno-pop oder wem gehören die töchter?

heu­te mor­gen beim umsta­peln der unge­le­se­nen bücher gefun­den: jörg metel­mann (hrsg.): por­no-pop. sex in der ober­flä­chen­welt. würz­burg: königs­hau­sen & neu­mann 2005. und gleich mal den ers­ten auf­satz gele­sen: cle­mens porn­schle­gel (die kalau­er zum namen ver­bie­te ich mir jetzt mal…): wem gehö­ren die töch­ter? zum sexu­el­len macht­an­spruch der kon­sum­ge­sell­schaf­ten.

porn­schle­gel macht ein paar gute punk­te zur „ver­wand­lung des weib­li­chen kör­pers in eine ware und die dar­aus fol­gen­de pro­no­gra­fi­sie­rung der kon­sum­ge­sell­schaft“ (18) auf: „was als sexu­el­le befrei­ung und fort­schritt auf­tritt [näm­lich die ver­fü­gungs­ge­walt der frau­en über ihren kör­per und die selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der sie ihn prä­sen­ta­bel machen/​halten und prä­sen­tie­ren], ent­puppt sich als frei­set­zung des weib­li­chen kör­pers für den uni­ver­sa­len markt und die ent­spre­chen­de zir­ku­la­ti­on.“ – die fol­ge­rung dar­aus ist klar: „das mäd­chen, das sein ver­füh­rungs­po­ten­zi­al nicht her­zeigt, mit string, push-up und top, ver­kauft sich bekannnt­lich unter wert.“ (17) und ver­stößt damit gegen die regeln des hei­li­gen mark­tes, auch wenn das gan­ze von libe­ra­lis­ten etc. natür­lich als gran­dio­se errun­gen­schaft der per­sön­li­chen frei­heit der frau apo­stro­phiert und gefei­ert wird.

von dort aus ist es für porn­schle­gel dann ein leich­tes, das isla­mi­sche kopf­tuch zu deu­ten – und vor allem den vehe­men­ten wider­spruch der femi­nis­tin­nen etc. gegen das tra­gen eines sol­chen. denn „die ver­hül­lung bedeu­tet eine absur­de sexu­el­le ‚nicht­zu­gäng­lich­keit‘“ – „man kann die frau nicht haben“ (19) – und das wider­spricht natür­lich allen regeln des ubi­quä­ren mark­tes.

inter­es­sant wird es aber, wenn porn­schle­gel noch einen schritt wei­ter geht: das kopf­tuch ent­zieht sei­ne trä­ge­rin dem markt „und steht damit natür­lich auch dem prin­zip der gren­zen­lo­sen nach­fra­ge im weg, mit ande­ren wor­ten: der frei­heit“ (20). und des­halb ist es, psy­cho­ana­ly­tisch gedeu­et, nicht anders als „ein gro­ßes, has­sens­wer­tes vater­ge­spenst“ (20), gegen das man – fast reflex­hat – ankämp­fen muss.

der zwei­te teil sei­nes auf­sat­zes ver­schränkt das dann mit der beob­ach­tung und beschrei­bung des (sex-)marktes in michel hou­el­le­becqs platt­form, in dem porn­schle­gel vor allem die beschrei­bung der welt erkennt: „jedes ande­re sub­jekt wird von vorn­her­ein auf ein kon­sum­gut redu­ziert“ (23), der roman zeigt „den zusam­men­hang zwi­schen kon­sum­öko­no­mie und uni­ver­sa­ler pro­sti­tu­ti­on“ (23) – und damit nach porn­schle­gel auch den ver­lust der wün­sche. denn wenn alles nur noch kon­su­mier­bar ist, alles nur noch auf kon­sum redu­ziert und bezo­gen wird, bleibt der wunsch immer außen vor – „das objekt des wun­sches ist nicht kon­su­mier­bar“ zitiert er dazu miche­la mar­za­no.

mal sehen, ob der rest des ban­des genau­so inter­es­sant ist…

was kann literatur?

genau, das ist immer wie­der die fra­ge.

aber hier geht es um sebas­ti­an kie­fers essay mit die­sem titel. eigent­lich könn­te hier vie­les und inter­es­san­tes pas­sie­ren, aber bei kie­fer kommt vor allem eini­ges selt­sa­mes her­aus. das fängt damit an, dass für ihn lite­ra­tur nur aus sät­zen besteht. und die pro­ble­me fan­gen damit ja gera­de erst an. immer­hin hat er bemerkt, dass kon­kre­te poe­sie und laut­poe­sie da pro­ble­ma­tisch wer­den. aber er weist ihnen den schwar­zen peter gleich wie­der selbst zu: sie müs­sen ihm bewei­sen, dass sie über­haupt lite­ra­tur sei­en – und das kön­nen sie sei­ner mei­nung nach eben nicht. (mal abge­se­hen von der frag­wür­di­gen argu­men­ta­ti­ons­stra­te­gie: müs­sen sie über­haupt lite­ra­tur sein? muss man das bestim­men kön­nen, ob es lite­ra­tur oder „bil­den­de“ kunst ist? ich sage nur die­ter roth…) so ein­sich­tig das argu­ment des sat­zes als grund­la­ge aller lite­ra­tur auch schein mag, mir scheint doch eine unter­for­de­rung des lesers vor­zu­lie­gen: kie­fer behaup­tet näm­lich, dass jeder unvoll­stän­di­ge satz vom leser auto­ma­tisch (!) ver­voll­stän­digt wür­de, auch die gebil­de der kon­kre­ten poe­sie zu sät­zen geformt wür­den. das ist natür­lich ein sehr ein­ge­schränk­ter begriff des ver­ste­hens. und das pro­blem der ein­ge­schränk­ten sicht­wei­sen setzt sich fort: er schlägt dann ein ver­such der „bau­haus-lite­ra­tur“ vor, die – im anschluss an höl­der­lins poe­tik und klop­stock – eine art ton-satz-leh­re der lite­ra­tur sein soll – einer lite­ra­tur, die „nicht ande­res als eine kom­po­si­ti­ons­kunst des satz­ar­ti­gen bezug­neh­mens sein kann“ (60). da bin ich doch sehr skep­tisch, ob sich das so wirk­lich hal­ten lässt.

man muss kie­fer bei allen fra­ge­zei­chen, die in mei­nem text auf­blin­ken, doch zugu­te hal­ten, dass er sich dezi­diert von der „mehr­heits­li­te­ra­tur“ abwen­det und den kunst­cha­rak­ter des lite­ra­ri­schen schrei­bens wie­der gestärkt sehen will – in einer art neu­en „hohen“ tons, die die lite­ra­tur aus der „zone des geschmacks“ (169) rück­führt und eine extrem eli­tä­re „bra­ve new art world“ begrün­det.

mein pro­blem damit noch ein­mal: das ziel deckt sich ver­blüf­fend genau mit mei­nen ansprü­chen und idea­len der lite­ra­tur (etwa: „wort­kunst mit uni­ver­sa­li­sier­ba­rem erkennt­nis­an­spruch“ (170)), aber die sta­tio­nen dahin sind doch mit selt­sam­kei­ten gepflas­tert …

sebas­ti­an kie­fer: was kann lite­ra­tur? graz, wien: dro­schl 2006 (essay 55)

ellenberger und diez in st. johannis

bachs „chro­ma­ti­sche fan­ta­sie und fuge“ in ver­schie­de­nen ver­sio­nen beim stu­dio­kon­zert in st. johan­nis

frei­heit und stren­ge, chro­ma­tik und poly­pho­nie, inti­mi­tät und kon­zert­stück – das sind so unge­fähr die pola­ri­tä­ten der chro­ma­ti­schen fan­ta­sie und fuge von johann sebas­ti­an bach. daür­ber hin­aus ist aber kaum etwas bekannt – nicht ein­mal, wann das stück kom­po­niert wur­de. und auch über den anlass kann man nur spe­ku­lie­ren, mög­li­cher­wei­se war es eine reak­ti­on auf den tod sei­ner ers­ten frau.

aber genau das wol­len vol­ker ellen­ber­ger und diez eich­ler bei ihrem ers­ten stu­dio­kon­zert in der johan­nis­kir­che gera­de nicht. sie ver­las­sen sich viel­mehr auf die klang­re­de der musik und ihre uner­schöpf­li­che viel­falt. dazu stel­len sie die chro­ma­ti­sche fan­ta­sie gleich drei mal vor – in ganz und gar unter­schied­li­chen dar­bie­tun­gen auf drei völ­lig ver­schie­de­nen instru­men­ten, dem cla­vichord, dem cem­ba­lo und der orgel. drei total ver­schie­de­ne stü­cke sind das jetzt auf ein­mal:. zu beginn spiel­te eich­ler eine frü­he fas­sung der fan­ta­sie auf dem cla­vichord. das ist ein ganz klei­nes und zar­tes instru­ment, das bach für das häus­li­che musi­zie­ren sehr schät­ze. und so klingt die fan­ta­sie dann auch: als inni­ge träu­me­rei, weich schwe­ben­de klän­ge lösen immer wie­der ver­spiel­te figu­ra­tio­nen ab – so stellt man sich ger­ne eine ein­sa­me stun­de des meis­ters, eine „musi­ka­li­sche pri­vat­un­ter­hal­tung“ im arbeits­zim­mer, vor. und die kann man mit fug und recht schon als vor­läu­fer des sturm und drang sehen, vor allem wenn man sie so fein­sin­nig und gefühl­voll nuan­ciert spielt wie diez eich­ler.

dage­gen knallt das cem­ba­lo, das eich­ler für die all­ge­mein als end­gül­ti­ge fas­sung der fan­ta­sie und der fuge nut­ze, rich­tig kräf­tig in den raum. jede inti­mi­tät geht hier ver­lo­ren, statt des­sen ent­wi­ckeln sich for­sche, fast offen­si­ve spiel­wei­sen mit star­kem hang zur pro­non­cier­ten dra­ma­tik. so rich­tig ver­zwickt wur­de es aber erst zum schluss: der haus­herr vol­ker ellen­ber­ger hat sich noch max regers bear­bei­tung für orgel ange­nom­men. aber das muss er selbst noch ein zwei­tes mal adap­tie­ren – eigent­lich ist die orgel der johan­nis­kir­che für so etwas näm­lich nicht geeig­net, da feh­len die typisch roman­ti­sche dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­kei­ten ein­fach. ellen­ber­ger hat das aber den­noch ganz gut im griff, mit eini­gen tricks ent­wi­ckelt er eine impo­san­te, deut­lich als gro­ße kunst mar­kier­te fan­ta­sie, deren fuge dann nichts mehr von per­sön­li­chen gedan­ken oder eige­nen gefüh­len ent­hält: das ist rei­ne satz­kunst, die reger hier aus der bach­schen vor­la­ge her­aus­kit­zelt.

parsifal (frankfurt)

richard wag­ners par­si­fal in der oper frank­furt, insze­nie­rung von chris­tof nel, diri­gent pao­lo carigna­ni (beset­zung hier)

die insze­nie­rung für einen par­si­fal gar nicht so schlecht – extrem zurück­hal­tend, aber selbst in dem ewig dau­ern­den ers­ten akt auf der büh­ne nicht ganz und gar im still­stand ver­sun­ken. das liegt aber vor allem am genia­len raum­kon­zept, das die bei­den frank­fur­ter dreh­büh­nen mit die gesam­te büh­nen­hö­he nut­zen­den lat­ten­zäu­nen so geschickt voll­stell­te, dass durch die kom­bi­nier­te dre­hung der bei­den büh­nen­tei­le immer wie­der neue, sehr inspi­rie­ren­de räu­me ent­stan­den: „zum raum ward die zeit“ heißt es im libret­to ja (was auch immer das hei­ßen soll und wie das für das büh­nen­weih­fest­spiel über­haupt funk­tio­nie­ren kann und ernst­zu­neh­men ist) – hier hat­te man immer­hin eine ahnung davon. und carigna­ni hat­te auch durch­weg akzep­ta­ble tem­pi, schö­ne klang­bil­der, beson­ders im zwei­ten akt die ja fast eksta­si­schen, für den par­si­fal schon fast rasan­ten hand­lun­gen, sehr genau aus­ge­leuch­tet und doch den sän­gern noch genü­gend raum gelas­sen. das war im drit­ten akt nicht immer so: sowohl gurn­emanz (den jan-hen­drik roo­te­ring eigent­lich sehr prä­zi­se und bewe­gend sang, auch wenn er mit sei­ner figur als grals­rit­ter nur noch bedingt glaub­wür­dig war…) als auch par­si­fal (stuart skel­ton, der mich nicht so sehr begeis­ter­te, immer etwas nüch­tern und blass wirk­te) waren inzwi­schen doch hör­bar erschöpft und ange­schla­gen. da stach die kundry von michae­la schus­ter immer wie­der posi­tiv her­vor: nicht nur schau­spie­le­risch (ein­deu­tig die bes­te leis­tung auf der büh­ne, wie sie immer mehr ins irre abdrif­te­te, in sich selbst ver­schlos­sen, über­haupt nix mehr kapier­te), son­dern gera­de auch sän­ge­risch: beein­dru­ckend, wie sie trotz der gro­ßen anfor­de­run­gen noch so prä­zi­se und vor allem aus­drucks­stark sin­gen kann. der amfor­tas von alex­an­der mar­co-buhr­mes­ter ist ähn­lich gut, im gegen­satz zu dem grot­ti­gen titu­rel von magnus bald­vins­son, der nur rum­ei­ert… das ver­bin­det ihn übri­gens mit den chö­ren, die erstaun­lich schlecht into­niert waren.

was mich – neben so vie­lem ande­ren, was mich an par­si­fal ver­stört und unver­ständ­lich bleibt – rat­los zurück­lies, war nur die suche nach einer posi­ti­on des regis­seurs: was soll­te das gan­ze eigent­lich? gut, wir leben alle irgend­wie in einem gefäng­nis, um uns heraum zäu­ne und kein platz, die män­ner pres­sen blut und leben aus den frau­en und las­sen sie fast als abfall zurück (wenn man den fall kundry hier so ver­all­ge­mei­nern darf und kann), aber sonst? was soll das gan­ze mit der erlö­sung? ganz zu schwei­gen von den berüch­tig­ten schluss­wor­ten „erlö­sung dem erlö­ser“? da bie­tet nel mir irgend­wie über­haupt kei­ne ant­wort, das wird nicht wirk­lich klar, da ist er, wie sei­ne gan­ze insze­nie­rung, viel zu zurück­hal­tend, fast posi­ti­ons­los. zumin­dest ich kann sei­nen stand­punkt nicht erken­nen.

aber eines muss man ihm zugu­te hal­ten: in sei­ner insze­nie­rung wirkt das mons­trö­se werk doch erheb­lich zugäng­li­cher als in der kon­zer­tan­ten auf­füh­rung der frank­fur­ter oper – da war das nur ein gigan­ti­scher musi­ka­li­scher bro­cken. und doch blei­be ich dabei: par­si­fal ist das bes­te mit­tel, jeden anflug von wag­ne­ris­mus zu hei­len. das werk als sol­ches ist ein­fach zu – wie soll ich sagen? – selt­sam, abar­tig auf eine mit­un­ter fast hoch­stap­le­risch anmu­ten­de wei­se: kei­ner kann mit bestimmt­heit sagen, was der par­si­fal als gan­zes über­haupt soll, aber alle ver­eh­ren ihn als hohe kunst…

maarauelauf 2006

so, ges­tern war es dann soweit: am sonn­tag schon um 8.30 auf­ge­stan­den, um noch schnell ein biss­chen was zu früh­stü­cken und dann mit dem fahr­rad auf die ande­re rhein-sei­te zu fah­ren: zum maar­au­elauf 2006. net­te stim­mung war schon, aber das wet­ter war zunächst nicht gera­de ange­nehm: für ende april sau­kalt (so um die 8 grad), immer wie­der regen. auch kurz vor dem start muss­ten natür­lich noch ein­mal alle nass wer­den… die ers­te run­de (3,7 km) der 11,1 km lan­gen stre­cke lief bei mir dann nicht ganz so gut, ich war ein­fach noch zu kalt und ver­fro­ren. außer­dem bin ich mor­gens eh‘ nicht so wahn­sin­nig fit. so gegen ende der run­de wur­de ich dann aber lang­sam warm und mit schwung ging’s in die zwei­te run­de rund um die kost­hei­mer maar­aue, die ich dann ziem­lich zügig absol­vier­te und so immer­hin ein wenig zeit auf­ho­len konn­te. auch die drit­te run­de lief noch ziem­lich gut, das feld der um die 500 läu­fer war inzwi­schen sehr weit – fast über die gan­ze run­de – aus­ein­an­der gezo­gen. und obwohl ich das tem­po dann doch ein wenig früh anzog und die letz­ten 200 meter auf dem sport­platz des tv kost­heim ziem­lich quä­lend waren, bin ich mit 55:06 minu­ten gut unter­wegs gewe­sen – auf jeden fall deut­lich unter mei­nem anvi­sier­ten limit von 60 minu­ten. aber abends, im frank­fur­ter par­si­fal, habe ich die anstren­gung doch recht gut gemerkt und war nach der geis­ti­gen anstren­gung dann so fer­tig, dass ich zumin­dest sehr gut geschla­fen habe…

saisoneröffnung auf dem altrhein

23. april 2006: – so, die neue sai­son ist end­lich eröff­net, ganz klas­sisch mit einer küh­kopf-run­de. (das reicht für mei­ne arme und schul­tern nach der lan­gen win­ter­pau­se auch mehr als genug). auf der hin­fahrt erhei­tern wir uns an einem hüb­schen text aus dem kanu­ma­ga­zin, den thors­ten mit­ge­bracht hat: sze­nen eines video­abends unter padd­lern. da joa­chim sein boot inzwi­schem im ver­eins­heim des kc darm­stadt in erfel­den lagert, erweist sich die gan­ze unter­neh­mung als herr­lich unkom­pli­ziert. und da mein com­bi noch in erbach im win­ter­schlaf liegt, war ich im pri­jon bar­ra­cu­da von thors­ten unter­wegs – ein wenig eng für mich, aber eigent­lich ein sehr schö­nes boot, wenn es nur nicht so blöd­sin­nig schwer wäre. auf der stre­cke kei­ne beson­de­ren vor­komm­nis­se, der rhein hat immer noch sehr viel was­ser, so dass die rast­plät­ze man­gel­wa­re sind. aber wir fin­den trotz­dem einen. und geben so dem zwei­er, der fast zeit­gleich mit uns gestar­tet ist, eine chan­ce, uns wie­der zu über­ho­len… mit knapp drei stun­den waren wir dann doch recht flott unter­wegs. und die kraft reich­te auch noch für einen kur­zen test von joa­chims stream­li­ner, der mir aller­dings nicht so beson­ders zusagt, weil er zwar ohne zwei­fel ein her­vor­ra­gen­des boot ist, aber für mich zu viel geschwin­dig­keit ver­langt – im lang­sa­men tem­po ist er doch arg unru­hig und kip­pe­lig, das macht (mir) kei­nen beson­de­ren spaß.

im kajak über die mecklenburgische seenplatte

1. – 10. august 2005: meck­len­bur­gi­sche seen­plat­te.

anrei­se am 1.8. zum cam­ping­platz kame­run an der müritz.

am 2. und 3.8. die müritz-umrun­dung (waren – bol­ter ufer – que­rung nach luh­dorf, dann am westuf­ter nord­wärts zurück nach waren) mit über­nach­tung in luh­dorf bei wun­der­ba­rem wet­ter, nur mit­tags am 2.8. mäßi­ger wind. ab dem 4.8. fahrt durch die seen­plat­te vom bol­ter kanal an der müritz, die heu­te kräf­ti­gen wel­len­gang hat, aus. dann fünf tage in mäßi­gem tem­po eine rund­tour, an den letz­ten tagen mit schau­ern und mit wahn­sin­nig viel betrieb auf den seen – vie­le kanu­ten, die ihr boot nicht beherr­schen (noch weni­ger als ich) und eben­sol­che bade­wan­nen­ka­pi­tä­ne in lei­h­yach­ten, die es kaum schaf­fen, in die schleu­sen zu navi­gie­ren. der gro­be stre­chen­ver­lauf: bol­ter ufer an der müritz (start vom cam­ping­platz aus, gute ein­stiegs­mög­lich­keit) über den bol­ter kanal und die alte fahrt in den caarp­see. von dort in den woter­fitz­wee, wei­ter durch den lep­pin­see, den gro­ßen kot­zower see und das gran­zower möschen in den mirower see, wo wir am cam­ping­platz c39 (strand­gast­stät­te mirow) über­nach­te­ten (nicht unbe­dingt emp­feh­lens­wert – klei­ner buck­li­ger platz mit weni­gen engen und über­las­te­ten sani­tä­ren anla­gen weit weg).

am nächs­ten tag ging es dann wei­ter durch den rest des mirower sees in den zot­zen­see, von dort über den mös­sen­see und den öst­li­chen rand des vilz­sees in den labus­see und von da dann wei­ter in den canower see und über den klei­nen pälitzsse in den gro­ßen pälitz­see, wo wir am cam­ping­platz 54 über­nach­te­ten – der teu­ers­te platz auf unse­rer rund­fahrt.

am drit­ten tag ging es dann vom gro­ßen pälitz­see über die schleu­se stra­sen in den ell­goen see, von dem wir in den gro­ßen prie­pert­see abbo­gen. dann über die havel in den finow­see und ide havel wei­ter bis zum abzweig in die schwa­nen­ha­vel, die uns herr­lich kur­vig, eng und ver­wach­sen ind den plät­lin­see, der zum gro­ßen teil natur­schuztzge­biet ist, führ­te. mit einem kräf­ti­gen spurt kamen wir ans wus­trower ende, wo es ein gutes stü­cke umzu­tra­gen galt, um im klenzsse wei­ter­pad­deln zu kön­nen. von dort kamen wir dann in den gobe­now­see, wor wir auf dem cam­ping­platz 27 unse­re zel­te auf­schlu­gen, nach­dem wir end­lich den rich­ti­gen lan­dungs­platz gefun­den hat­ten.

am nächs­ten mor­gen schließ­lich gingt es den rest des gobe­nower­sees wei­ter in die dro­se­dower bek, die uns in den rätz­see führ­te. nach der mit­tags­pau­se an der umtra­ge­stel­le fleether müh­le (die kürz­lich abge­brannt ist) fing es an zu reg­nen. joa­chim, thors­ten und ich ver­steck­ten uns unter dem dach eines boots­hau­ses vor dem was­ser von oben, wäh­rend der rest unver­dros­sen wei­ter­pad­del­te. nach­dem der regen dann end­lich nach­ließ, mach­ten wir uns auf die auf­holg­jagd und sprin­te­ten die rest­li­chen kilo­me­ter über vilz­see in den mös­sen­s­se, an des­sen über­gang zum zot­zen­see unser nacht­quar­tier, der cam­ping­platz peetsch mit der num­mer 42 lag. die vor­hut konn­ten wir zwar nicht mehr ganz ein­ho­len – kurz bevor wir am cam­ping­platz anka­men, gin­gen sie an land – aber zum zelt­auf­bau reich­te es gera­de noch, bevor es wie­der anfing, ein wenig zu reg­nen.

am letz­ten tag der rund­fahrt ging es dann noch ein­mal über den zot­zen­see (den wir ja schon auf der hin­fahrt durch­quert hat­ten) rich­tung mirow, wo wir die­ses mal aber in die müritz-havel-was­ser­stra­ße abbo­gen. hin­ter der schleu­se mirow, die wir mit der boots­schlep­pe umgin­gen, schaff­te joa­chim es, sich in die heck­wel­le eines segel­boots zu klem­men und ließ sich von dem mehr als sie­ben kilo­me­ter bis ans ende des sumpf­sees mit­zie­hen. dort war­te­te er dann am was­ser­wan­de­rer­rast­platz am aus­gang des sees auf uns. nach der mit­tags­pau­se ging es dann wei­ter in die klei­ne müritz, die uns in die ech­te müritz zurück­führ­te und mit viel gele­gen­heit zum sur­fen auf den wel­len zurück zu unse­ren autos am cam­ping­platz bol­ter ufer brach­te. eigent­lich woll­ten wir dann noch eine tages­tour machen, bevor wir uns am 10.8. wie­der auf die rück­rei­se machen woll­ten. wegen des regens und der ver­let­zung von thors­ten haben wir das dann gelas­sen und sind mit einem zwi­schen­stopp in potsdam/​schloss sans­cous­si (selbst im regen vol­ler japa­ner ;-)) und einen besuch bei lett­mann in moers an zwei tagen quer durch deutsch­land zurück nach darmstadt/​mainz gefah­ren.

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