»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Sprache und die Unmöglichkeiten ihrer Kritik

so, der nach­trag vom wochen­en­de. mei­ne haupt­lek­tü­re: das neu­es­te buch von die­ter e. zim­mer: spra­che in zei­ten ihrer unver­bes­ser­lich­keit. ham­burg: hoff­mann und cam­pe 2005. ins­ge­samt nicht ganz so erquick­lich wie ich es mir erhoffte.
grund­sätz­lich hat er ja die rich­ti­gen ideen, ins­be­son­de­re im ers­ten kapi­tel zu den grund­säzt­li­chen mög­lich­kei­ten der sprach­kri­tik – auch wenn das arg aus­schwei­fend und pene­trant red­un­dant for­mu­liert ist. spä­ter frei­lich krankt sei­ne dar­stel­lung – und auch schon sein gedan­ken­gang – v.a. zum pri­va­ten schrift­li­chen all­tags­deutsch an einem abso­lut untaug­li­chen kor­pus (nur inter­net-quel­len, noch dazu sol­che wie ebay-auk­tio­nen…) und sei­ner wie­der­um weit aus­ho­len­den, aber arg ein­sei­ti­gen dis­kus­si­on des anglizismen-„problems“.

im zen­trum (auch ganz pro­fan in der mit­te des buches) des gan­zen steht sicher nicht zufäl­lig die recht­schrei­bung und ihre reform inklu­si­ve der aus­ufern­den debat­te dazu und über­haupt die reform­fä­hig­keit von recht­schreib­vor­schrif­ten. hier hat zim­mer durch­aus ver­nünf­ti­ge vor­schlä­ge – was vor allem an sei­ner dezi­diert prag­ma­ti­schen aus­rich­tung liegt. reform soll­te schon mal sein, aber vor allem ein wenig bes­ser durch­dacht, kon­se­quen­ter und auch jetzt noch mit eini­gen modi­fi­ka­tio­nen – etwa bei der von zim­mer abge­lehn­ten, sinn­wid­ri­gen und unäs­the­ti­schen mecha­ni­schen tren­nung sowie natür­lich bei der getrennt- und zusammenschreibung.
der gesam­te zwei­te teil dient vor allem zwei zwe­cken: der offi­zi­el­le grund ist wohl, zu zei­gen, dass gro­ße tei­le der lin­gu­is­tik aus fal­schen grün­den die sprach­kri­tik ableh­nen. der eigent­lich grund scheint aber eher zu sein: seht her, das habe ich alles gele­sen, das ken­ne und beherr­sche ich alles. zim­mer bedient sich dafür äußrst groß­zü­gig am buf­fet der sprach­wis­sen­schaft, lässt aber auch ganz gro­ße berei­che ein­fach außer acht, scheint sie noch nicht ein­mal zu ken­nen. das betrifft vor allem neue­re theo­rien sowohl der gram­ma­tik (natür­lich nimmt er von der opti­ma­li­täts­theo­rie kei­ne notiz), aber auch fast die kom­plet­te, inzwi­schen ja sehr expe­ri­men­tell aus­ge­rich­te­te, psy­cho­lin­gu­is­tik wür­digt er kei­nes bli­ckes. ent­spre­chend alt­ba­cken und mager sind die ergeb­nis­se. über das niveau der ein­füh­rungs-pro­se­mi­na­re kommt er kaum her­aus. und auch da beschränkt er sich schon außer­or­dent­lich stark: auf­grund sei­nes ver­ständ­nis­ses von sprach­kri­tik (das er so frei­lich nie expli­ziert) als kri­tik v.a. der wort-seman­tik und des „rich­ti­gen“ gebrauchs der wör­ter, mit ein wenig syn­tax dazu, lässt er gro­ße tei­le der sprach­wis­sen­schaft außer acht, u.a. eben die tei­le der seman­tik, die über das ein­zel­ne wort hin­aus­ge­hen – das, was ja erst so rich­tig span­nend wird…

er bemüht sich sehr, die neu­tra­li­tät der lin­gu­is­tik zurück­zu­wei­sen – aller­dings aus fal­schen grün­den. im kern behaup­tet zim­mer näm­lich, die lin­gu­is­tik sei ideo­lo­gisch kon­ta­mi­niert und des­halb nicht wil­lens, sprach­kri­tik zu betrei­ben. das macht er vor allem am nati­vis­mus der (post-)chomsky’schen aus­prä­gung fest, den er aber sehr ent­stellt und längst nicht mit sei­nen aktu­el­le­ren ent­wick­lun­gen vor­stellt. wenn er etwa viel mühe dar­auf ver­wen­det, zu zei­gen, dass lexi­ka nicht ange­bo­ren sein kön­nen, weil dafür gar nicht genug „spei­cher­platz“ in den genen sei, zeigt er vor allem, wie wenig er ver­stan­den hat. denn wenn ich recht sehe, glaubt das doch sowie­so nie­mand mehr – es geht doch gera­de dar­um, dass die zugrun­de­lie­gen­den struk­tu­ren gene­tisch ver­mit­telt wer­den und dann mit­tels des inputs „gefüllt“ wer­den. das ist alles umso erschre­cken­der, als zim­mer gera­de den lin­gu­is­ten fal­sche und ideo­lo­gi­sche moti­vier­te schluss­fol­ge­run­gen vor­wirft – sei­ne eige­nen schlüs­se erschei­nen mir aber wesent­lich fahr­läs­si­ger und ein­sei­ti­ger. das pro­blem der ver­er­bung bzw. der ent­wick­lung eines „sprach­ge­ns“ scheint mir gar nicht so sehr ein pro­blem zu sein: es wur­de inzwi­schen ja durch­aus gezeigt, dass kom­ple­xe sys­tem sich der­art ent­wi­ckeln kön­nen – das bes­te bei­spiel dafür ist ja das auge (womit die krea­tio­nis­ten ja so ger­ne argu­men­tie­ren). aber so etwas nimmt zim­mer genau­so wenig zur kennt­nis wie neue­re for­schun­gen zur evo­lu­tio­nä­ren lern­bar­keit von spra­che, die in expe­ri­men­ten (mit algo­rith­men etc.) ja inzwi­schen durch­aus gesi­chert ist.

„lass dei­ne spra­che nicht allein“ ist zim­mers fazit – damit hat er ja recht. nur sei­ne grün­de sind lei­der die fal­schen. denn die lin­gu­is­ten dür­fen das durch­aus – und zwar genau so, wei bio­lo­gen nicht natur­schüt­zer sein müssen.

noch einmal bier-prosa. diesmal von franz dobler

nach „blut & bier“, den ja wirk­lich sehr unge­wa­sche­nen sto­ries von franz xaver kroetz, kommt gleich die nächs­te alko­hol-lek­tü­re: bier­herz. flüs­si­ge pro­sa von franz dobler (ham­burg: nau­ti­lus 1994). so rich­tig sau­ber ist das hier natür­lich auch nicht, das wäre von franz dobler auch wohl zu viel ver­langt. den anfang macht die wie­der­ver­wer­tung des vor­wor­tes zu einem thea­ter­stück mit dem über­ra­schen­den namen „bier­herz“, in dem dobler v.a. erklärt, dass man mit sei­nem stück so ziem­lich alles machen kann, so lan­ge nur der text von irgend jemand gespro­chen wird. das gan­ze fix ver­quirlt mit ein paar tief­schür­fen­den und jeder men­ge flach­schür­fen­den gedan­ken und ideen zum bier und sei­nem kon­sum und fer­tig sind die ers­ten drei­ßig sei­ten des neu­en büch­leins.… danach kommt lei­der nicht mehr viel: eine klei­nes „rei­se­ta­ge­buch“ durch loui­sia­na und texas mit ein paar lau­ni­gen beschrei­bun­gen der musik‑, tanz‑, bar- und bier­ver­hält­nis­se dor­ten ist da noch der höhe­punkt. der rest total ver­nach­läs­sig­bar: anek­do­ten, lau­nig erzählt, abso­lut unschein­bar und ohne beson­de­re stil­merk­ma­le, ästhe­ti­sche eigen­hei­ten oder sons­ti­ge her­aus­ra­gen­de eigen­schaf­ten: flüs­sig eben, und schnell verronnen.…

joachim lottmann beobachtet zombies in freier wildbahn

der neu­es­te anschlag lott­manns auf guten geschmack und über­kom­me­ne wer­te: joa­chim lott­mann: zom­bie nati­on. köln: kie­pen­heu­er & witsch 2006.

der erzäh­ler – ein autor-klon mit dem namen johan­nes­loh­mer, „erfin­der“ des pop-romans – beob­ach­tet sich beim recher­chie­ren /​schrei­ben eines fami­li­en­ro­mans, der sei­nem jugend­ro­man fol­gen soll: „der ers­te fami­li­en­ro­man der pop­li­te­ra­tur“ behaup­tet der klap­pen­text (was natür­lich blöd­sinn ist, allein fich­te hat da ja schon eini­ges dazu geschrie­ben). und natür­lich ist „zom­bie nati­on“ auch gar kei­ner. höchs­tens als per­si­fla­ge auf die aktu­el­le schwem­me auf dem bücher­markt. dazu ist lott­mann ja immer wie­der gut: als seis­mo­graph. und als schlag­wort-lie­fe­rant – ein bei­spiel? aber klar doch, gleich auf dem umschlag: „was frau­en den män­nern antun, ist der eigent­li­che irak-krieg unse­rer epo­che.“ das steht da ein­fach mal so und war­tet, dass jemand drauf anspringt. was ja hier­mit offi­zi­ell erle­digt wäre …

„die letz­ten tage der ber­li­ner repu­blik“ sind das zen­trum des romans – die ansprü­che sind gesun­ken, die mensch­heit war ein­mal, heu­te geht es nur noch um uns: die mit­drei­ßi­ger oder vier­zi­ger kul­tur­schaf­fen­den… typisch für lott­mann ist natür­lich wie­der der iro­nie-over­kill, sein schein-rea­lis­mus, inklu­si­ve voll­zi­tat eini­ger jour­na­lis­ti­schen arbei­ten lottmanns
(aus der sz und der taz), ver­quickt noch dazu mit eini­gen pri­va­ten abson­der­lich­kei­ten – und schon ist das neue buch fer­tig. schnell geschrie­ben, schnell gele­sen und wahr­schein­lich auch schnell wie­der vergessen.

das fabu­lie­ren hat lott­mann aber ganz gut draf: die hyper­tro­phe meta­phern­schlacht im geis­te einer simu­lier­ten erzäh­le­ri­schen unschuld, die natür­lich stän­dig geschickt umspielt wird – genau wie das ima­gi­nier­te zwie­ge­spräch zwi­schen erzäh­ler und ima­gi­nä­rem leser ger­ne mal reflek­tiert, umge­dreht wird, um dann doch kei­ne rück­sicht zu neh­men oder gera­de erst recht, je nach momen­ta­ner stim­mung: „es fällt mir schwer, den leser mit einer wie­der­ga­be eines frem­den lebens zu behel­li­gen, anstatt über das eige­ne leben zu berich­ten.“ – „der lite­ra­tur­be­trieb ver­zei­he mir, aber ich konn­te nicht anders, als wie­der mit ihr zu schlafen.“

das gesamt­pa­ket wird dann mit dem herr­li­chen rosa des umschlags abge­run­det: die züch­ti­ge unschuld – aber dann natür­lich die streich­zei­chung der bar­bu­si­gen jung­frau mit gül­de­nem haar –, die beob­ach­tung der schreck­lich ange­pass­ten jugend des jah­res 2005 und ver­zweif­lung über ihre sinn­lo­sig­keit beschäf­ti­gen lott­mann: wer schon in sei­ner jugend das leben sei­ner eltern führt – was soll aus dem noch wer­den? und wenn das ein gan­zes volk so macht? dann amü­siert man sich mit sei­ner heim­li­chen lie­be, der bild-zei­tung: „ein schö­ner beginn, eine tol­le geschich­te, mit einem nach­teil: sie stand in der bild­zei­tung und war somit erfunden.“

und wer sind nun eigent­lich die zom­bies? und die zom­bie nati­on? kei­ne ahnung. aber sie haben die gro­ße koali­ti­on ver­schul­det und verantwortet.

und noch ein konzert: (fast) nur schnittke-kammermusik

gera­de eben noch fer­tig gewor­den: mei­ne bespre­chung des heu­ti­gen kon­zer­tes der rei­he „neue musik in der alten patro­ne“, deren defi­ni­ti­on von neu­er musik und dem­entspre­chend auch die pro­gramm­ge­stal­tung mich sonst sel­ten wirk­lich zufrie­den stel­len kann. aber auch wenn ich immer noch kein wirk­li­che fan von alfred schnitt­ke bin ‑unter dem heu­te gehör­ten war doch eini­ges beden­kens­wer­tes, etwa die ers­te sona­te für cel­lo und kla­vier. und auch das kla­vier­quar­tett „mahler-scher­zo“ (basie­rend auf dem frag­ment von mahlers zwei­tem satz in sei­nem nie voll­ende­ten kla­vier­quar­tett) hat durch­aus rei­ze ent­fal­ten kön­nen. auch wenn die dar­bie­tung zwar größ­ten­teils ziem­lich ordent­lich war, aber noch luft nach oben ließ – was m.e. vor allem dar­an lag, dass die orches­ter­mu­si­ker sol­che wer­ke ein­fach zu oft spie­len, da fehlt die rou­ti­ne und tech­ni­sche gelas­sen­heit, mit der das „haupt­amt­li­che“ kam­mer­mu­si­ker spie­len kön­nen, ein­fach an vie­len stellen.

offi­zi­ell klingt das dann etwas gemä­ßig­ter bzw. freundlicher:

so etwas gehört ja eigent­lich ver­bo­ten. denn das ist nichts ande­res als emo­tio­na­le erpres­sung, was judith tie­mann und mar­ti­na graf-nieß­ner in der alten patro­ne mit alfred schnitt­kes ers­ter vio­lon­cel­lo-sona­te anstel­len. ein­fach gemein ist es, denn jede gegen­wehr ist sowie­so zum schei­tern ver­ur­teilt. die bei­den sind ein­fach unver­schämt inten­siv, las­sen die schat­ti­gen klän­ge die­ser medi­ta­ti­on und ihre gro­tes­ken anwand­lun­gen der­ma­ßen nach­drück­lich in den raum schwe­ben, dass man der ver­blüf­fen­den kohä­renz die­ser empha­ti­schen grat­wan­de­rung, die die bei­den musi­ke­rin­nen mit unfass­ba­rer sicher­heit absol­vie­ren, ein­fach nicht ent­kom­men kann. selbst auf dem schma­len grat zwi­schen emo­tio­na­ler inten­si­tät und purem kitsch, auf dem schnitt­ke so oft wan­delt, scheu­en sie selbst gro­ße ges­ten nicht. und weil das für sie so selbst­ver­ständ­lich scheint, gelingt es auch: nur wer sei­ner selbst wirk­lich sicher ist, kann sich so etwas erlau­ben, ohne zu schei­tern. dage­gen wirk­te schnitt­kes vio­lin­so­na­te, die anet­te sey­fried davor gespielt hat­te, auf ein­mal ganz blass und unschein­bar. und das, obwohl sie zunächst recht strin­gend und tref­fend musi­ziert schien.

der zwei­te teil des kon­zer­tes war dann dem kla­vier­quar­tett gewid­met, für dass sich die trois femmes mal­te schae­fer und sei­ne vio­loa als ver­stär­kung geholt haben. auch hier das glei­che spiel: die suite im alten stil, von den musi­kern selbst für kla­vier­quar­tett arran­giert, ist vor allem brav und recht­schaf­fen bie­der, aber auch reich­lich nichts­sa­gend und lang­wei­lig. doch das war ja noch nicht alles. denn für schnitt­kes kla­vier­quar­tett „mahler-scher­zo“ berei­te­ten die vier sich zunächst mit mahlers quar­tett­satz vor. schnitt­ke bezieht sich in sei­nem quar­tett ja auf die skiz­zen mahlers für den nie kom­po­nier­ten zwei­ten satz zu einem kla­vier­quar­tett, von dem nur der anfang fer­tig wur­de. der mahler klang dann in der alten patro­ne vor allem sehr orches­tral, reich­lich auf­ge­plus­tert und dadurch an ent­schei­den­den stel­len etwas unscharf. aber das über­bo­ten die musi­ker bei schnitt­kes mahler-fort­schrei­bung mit leich­tig­keit: den dich­ten, eng ver­wo­be­nen satz lie­ßen sie gekonnt zwi­schen spät­ro­man­tik und post­mo­der­ne schwan­ken, beton­ten geschickt immer wie­der die dif­fe­ren­zen die­ser klang­wel­ten und das düs­ter-gro­tes­ke, die auf­lö­sung der in den mahler­schen ent­wür­fen noch halb­wegs zusam­men­hän­gen­den welt in den clus­tern und der klin­gen­den entro­pie des endes – ein pas­sen­der schluss­punkt lässt sich kaum finden.

so, das war jetzt heu­te ein pro­duk­ti­ver tag.…

der kategorische medienimperativ der testcard

im ori­gi­nal zwar nur eine abo-wer­be-kam­pa­gne, aber auch davon los­ge­löst eine sehr schö­ne und nett umge­setz­te idee:

kate­go­ri­scher medienimperativ

der kate­go­ri­sche medi­en­im­pe­ra­tiv lau­tet in sei­ner aktu­el­len, vom bun­des­tag ende 2009 als gesetz ver­ab­schie­de­ten form:

äuße­re dich in den medi­en so, als könn­ten dei­ne for­de­run­gen jeder­zeit auch auf dich sel­ber appli­ziert werden.

dem gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren war eine öffent­li­che dis­kus­si­on im gefol­ge drei­er tra­gi­scher ereig­nis­se vorausgegangen:

wäh­rend der fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 2006 wur­de ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter jung, nach­dem er laut­stark für flug­zeug­ab­schüs­se in gefah­ren­si­tua­tio­nen gekämpft und die­se schließ­lich durch­ge­setzt hat­te, beim dienst­hub­schrau­ber­an­flug auf den bet­zen­berg von einer flak­ein­heit ver­se­hent­lich für eine ter­ro­ris­ten­waf­fe gehal­ten und eliminiert.

mit­te 2008 wur­de innen­mi­nis­ter wolf­gang schäub­le, der sich für die ver­wend­bar­keit von unter fol­ter erpress­ten geständ­nis­sen stark gemacht und die­se auch erreicht hat­te, von unbe­kann­ten ver­schleppt und der­art gefol­tert, dass auf­grund der von den ent­füh­rern ver­öf­fent­lich­ten aus­sa­gen sowohl er selbst als auch alt­bun­des­kanz­ler hel­mut kohl, minis­ter­prä­si­dent roland koch und eini­ge ande­re cdu-poli­ti­ker zu lang­jäh­ri­gen haft­stra­fen ver­ur­teilt wer­den konnten.

fast zeit­gleich geschah es, dass ex-innen­mi­nis­ter otto schi­ly für eine drin­gen­de herz­ope­ra­ti­on in kana­da auf ein bestimm­tes flug­zeug gemusst hät­te, infol­ge eines tech­ni­schen defekts im von ihm sel­ber ein­ge­führ­ten bio­me­tri­schen per­so­nal­aus­weis jedoch nicht durch die absper­rung gelas­sen wur­de. obwohl ihn jeder gleich erkann­te, konn­te er die maschi­ne nicht betre­ten und erlitt vor auf­re­gung einen herzanfall.

in allen fäl­len hat­ten die opfer bis zum schluss zu ihrer sicher­heits­po­li­ti­schen mis­si­on gestan­den (schi­lys letz­te wor­te: »recht so, ich könn­te schließ­lich genau­so gut ein ter­ro­rist sein.«) und dafür viel bei­fall bekom­men. den­noch ent­spann sich in der fol­ge eine debat­te dar­über, wie man öffent­li­che inter­es­sen­ver­tre­ter künf­tig bes­ser vor den kon­se­quen­zen ihrer inter­ven­tio­nen schüt­zen kön­ne. die­se mün­de­te dann in der legis­la­ti­ven ver­an­ke­rung der obi­gen maxime.

gut zwei jah­re nach der ein­füh­rung ist die bilanz gespal­ten. ton­an­ge­ben­de medi­en­for­ma­te wie die sabi­ne-chris­ti­an­sen-show, die may­brit-lll­ner-show oder die kom­men­tar­spal­ten der frank­fur­ter all­ge­mei­nen zei­tung muss­ten kurz nach inkraft­tre­ten der rege­lung kom­plett ein­ge­stellt wer­den, wodurch hoch­do­tier­te arbeits­plät­ze ver­nich­tet wur­den. wich­ti­ge gesell­schaft­li­che stim­men sind ver­stummt (z. b. die­ter hundt, ex-prä­si­dent des bun­des­ver­ban­des der deut­schen arbeit­ge­ber­ver­bän­de: »dann hät­te ich ja sel­ber unter sol­chen bedin­gun­gen leben müs­sen, wie ich sie für arbeits­neh­mer for­de­re. ich bin doch nicht ver­rückt, da hal­te ich doch lie­ber mei­nen mundt.«). auf der ande­ren sei­te stößt das gesetz durch­aus auch auf akzep­tanz – gera­de unter jün­ge­ren. auf­se­hen erreg­te jüngst der fall eines jung­un­ter­neh­mer­ver­bands­ver­tre­ters, der in einer radio­dis­kus­si­on eine anru­fe­rin, die ihre über­le­bens­stra­te­gien auf hartz vi geschil­dert hat­te, für ihre vor­bild­li­che eigen­in­itia­ti­ve lob­te. gleich der nächs­te anruf kam vom kate­go­ri­schen medi­en­im­pe­ra­tivs­über­wa­chungs­amt, das dem ver­bands­ver­tre­ter per com­pu­ter­stim­me mit­teil­te, sein ver­mö­gen und papis erb­teil sei­en kon­fis­ziert, er sei ab sofort auf hartz iv und kön­ne nun die von ihm für vor­bild­lich erklär­te eigen­in­itia­ti­ve zei­gen. wor­auf­hin der jun­ge mann in einen wein­krampf aus­brach und »ich wider­ru­fe!« schrie.

(aus: test­card #15, s. 302)

und das ist lei­der eine recht lang­wei­li­ge sache gewe­sen. es zeig­te sich näm­lich mal wie­der, dass musik, die ein­fach nur nett und unter­halt­sam sein will, gera­de in der mas­sie­rung eines kon­zer­tes eher ennu­ie­rend als unter­hal­tend ist. zumin­dest für mich, der ich eben auf einen gewis­sen – auch intel­lek­tu­el­len – anspruch an die kunst nicht auf­ge­ben will. so habe ich das gan­ze für die rhein-zei­tung gefasst:

musik darf auch mal nur spaß machen und ein­fach gefal­len wol­len. eine gan­ze grup­pe sol­cher wer­ke gab es jetzt in der fünf­ten mati­née des staats­thea­ters zu hören. im orches­ter­saal des main­zer thea­ters war das aller­dings ein wenig viel des guten: das sind zwar alles net­te stü­cke, aber auch kaum mehr. und sechs mal nett wird ganz schnell lang­wei­lig. das liegt lei­der zum teil auch dar­an, dass die musi­ker nicht immer zwin­gen­de grün­de für ihre aus­wahl haben. casi­mir lal­liets ter­zet­to zum bei­spiel ist ja in sei­ner ein­fa­chen ele­ganz und sei­nem schwung­vol­len charme ange­nehm anzu­hö­ren, aber lei­der spie­len mar­tin letz (oboe), erik meß­mer (fagott) und hatem nadim am kla­vier immer nur mit sicher­heits­re­ser­ve. sie las­sen nie los: das ist ordent­lich ein­stu­diert, aber sehr viel aus­strah­lung kann es nicht ver­mit­teln. auch die „sara­ban­de et alle­gro“ von gabri­el gro­v­lez für oboe und kla­vier ver­strömt vor allem den hauch einer unter­ge­gan­ge­nen epo­che: die ver­staub­te und aus­geb­li­che­ne ele­ganz des fin-de-siè­cle, immer ein wenig sno­bis­tisch, aber trotz aller kunst­hand­werk­li­chen fer­tig­keit doch inzwi­schen arg abgenutzt.

eben­falls ganz nett, aber ohne beson­de­re span­nung: die obo­en­so­na­te von gor­don jacob. gut, der eng­län­der ist immer­hin schon teil­wei­se im zwan­zigs­ten jahr­hun­dert ange­kom­men. aber auch hier sind die bei­den instru­men­ta­lis­ten dann am bes­ten, wenn sie leicht gefühls­se­lig, klang­ver­lieb­ten wohl­laut her­vor­brin­gen kön­nen, wenn sie in die welt des schö­nen trau­mes und scheins schwei­fen können.

kna­ckig wird das erst mit eugè­ne boz­za. des­sen „récit, sici­li­en­ne et ron­do“ für fagott und kla­vier zeigt zwar nicht unbe­dingt genia­le kom­po­si­ti­ons­ideen, aber immer­hint packen­des musi­kan­ten­tum, das ernst meß­mer mit nach­druck und gewand­ter geläu­fig­keit vorbringt.

das trio von jean fran­caix bringt das gan­ze dann noch ein­mal auf den punkt: musik um des spa­ßes an der musik wil­len. und hier ist das inter­pre­ten-trio auch wirk­lich wach: das spru­delt nun mit der not­wen­di­gen klang­li­chen kraft und instru­men­ta­ler prä­zi­si­on, in der das andan­te durch sei­ne coo­le läs­sig­keit und beein­dru­cken­de klar­heit beson­ders her­vor­sticht. die spie­le­ri­sche freu­de, mit der sie dann auch noch das fina­le auf­rol­len, gibt der mati­née wenigs­tens noch einen wür­di­gen abschluss, der sich nicht im puren spaß erschöpft.

mal wie­der ein beglü­cken­der abend: kar­di­nal leh­mann wird zum 70. von den dom­chö­ren mit einem mozart-kon­zert beschenkt – und die main­zer dür­fen zuhö­ren. die zeit ver­ging im flug, der dom­ka­pell­meis­ter war in hoch­form und zog alle regis­ter sei­ner kunst – bzw. eben gera­de nicht, weil er ein­fach musik mach­te und nicht kunst…

so ein geburts­tags­ge­schenk lie­ße sich wohl jeder gefal­len: ein gan­zes kon­zert, mozart pur – ein jubi­lar für den jubi­lar. aber das schö­ne am dom­kon­zert zu ehren von kar­di­nal leh­mann war ja gera­de, dass es sich jeder gefal­len las­sen konn­te. alles ande­re wäre auch bit­te­re ver­schwen­dung gewe­sen. denn mathi­as breit­schaft war ein­deu­tig in hoch­form – man könn­te fast mei­nen, er sei gedopt gewe­sen. aber er war wohl doch nur ein­fach berauscht von der musik, die da unter sei­nen hän­den ent­stand. dafür ist ja mozart immer wie­der gut – bei kaum einem kom­po­nis­ten kann man sich so leicht tra­gen las­sen von der voll­kom­men­heit der kom­po­si­ti­on, von der selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der sich ein ton an den nächs­ten fügt und mit der sich dra­ma­ti­scher aus­druck und kla­re struk­tu­ren ver­bin­den. breit­schaft lässt sich nicht nur dar­auf ein, er lässt sich davon infi­zie­ren. denn was er mit den main­zer dom­chö­ren und dem main­zer kam­mer­or­ches­ter hier ver­an­stal­tet, ist ein­fach purer über­schwang. von beginn an legt er der­ma­ßen unge­bremst und ohne beden­ken los, dass man schon als zuhö­rer zu ban­gen beginnt. kann das gelin­gen? es kann. denn breit­schaft lässt sich durch nichts ablen­ken, er kommt an kei­ner noch so glit­schi­gen stel­le ins schleu­dern, son­dern fin­det schein­bar ganz intui­tiv immer die ide­al­li­nie, die ihm ein­fach alles erlaubt. und die­se begeis­te­rung ist anste­cken­der als jeder virus. zunächst sind es die ver­sper­ae de domi­ni­ca, kv 321, die er so erblü­hen lässt. und auch wenn der dom­chor schon mal kna­cki­ger und kla­rer sang – so viel spru­deln­de fri­sche war doch sel­ten. die­se jeden moment genie­ßen­de freu­de, getra­gen von gott­ver­trau­en und selbst­be­wusst­sein, ist eine unglaub­lich star­ke mischung.

ganz beson­ders gilt das für die mis­sa kv 257, die soge­nann­te gro­ßen­cre­do-mes­se. obwohl er nie­man­dem eine noch so klei­ne erho­lungs­pau­se gönnt, kein wenigs­tens momen­ta­nes zurück­neh­men der span­nung zulässt, gerät er nie in atem­no. gut, die eine oder ande­re stel­le hät­te viel­leicht genau­er aus­ge­ar­bei­tet wer­den könn­nen, das stimm­ge­we­be etwas trans­pa­ren­ter sein kön­nen – aber die sich immer wie­der selbst ent­zün­den­de begeis­te­rung greift nicht nur auf die musi­ker über, son­dern wird ganz schnell zum flä­chen­brand, der alle anwe­sen­den über­rollt. am wenigs­ten las­sen sich selt­sa­mer­wei­se die solis­ten davon berüh­ren – allein die sopra­nis­tin sabi­ne goetz kann wirk­lich mit­hal­ten. vor allem im exsul­ta­te, jubi­la­te. das näm­lich brei­tet sie in rei­ner inten­si­tät und inni­ger ent­fal­tung ganz ent­zü­ckend aus. ein wun­der­ba­res geschenk – nicht nur für den kar­di­nal, son­dern alle zuhörer.

willensfreiheit – aber richtig, bitte!

end­lich das mer­kur-heft von märz ange­gan­gen. wie so oft steht das bes­te am anfang: ein text von jan phil­ipp reemts­ma, das schein­pro­blem „wil­lens­frei­heit”. ein plä­doy­er für das ende einer über­flüs­si­gen debat­te. denn reemts­ma gelingt – mit zunächst erstaun­lich gerin­gem, sehr schnell aber bewun­dernd beob­ach­tet öko­no­mi­schen ein­satz von gehirn­schmalz und argu­men­ta­ti­on, die von den neu­ro­lo­gen (um wolf sin­ger und kon­sor­ten) ange­zet­tel­te debat­te um die neu­ro­lo­gi­sche vor­be­stim­mung aller mensch­li­chen ent­schei­dun­gen und die damit angeb­lich ein­her­ge­hen­de unmög­lich­keit des kon­struk­tes, der idee einer per­so­na­len, sub­jek­ti­ven, ich-gebun­de­nen wil­lens­frei­heit, – ja man muss sagen, abzu­schmet­tern und mit eini­gen ver­nich­tend genau plat­zier­ten schlä­gen auf den boden zu schi­cken. wenn ich das rich­tig ver­stan­den habe, geht die argu­men­ta­ti­on unge­fähr so: zunächst muss man natür­lich erst mal klar­stel­len, was wil­lens­frei­heit ist – näm­lich die unter­stel­lung, „men­schen hät­ten auch anders han­deln kön­nen, als sie es getan haben”. das impli­ziert ja gera­de die idee der ver­w­ant­wor­tung des sub­jek­tes für sei­ne ent­schei­dun­gen und v.a. taten, und ent­spre­chend sei­ne schuld­fä­hig­keit. der ent­schei­den­de schritt, der reemts­ma von den schein­bar phi­lo­so­phi­schen argu­men­ten der neu­ro­bio­lo­gen trennt, ist nun fol­gen­der: „nichts spricht gegen die annah­me, daß sol­che phä­no­me­ne [d.h. ent­schei­dun­gen, gedan­ken, stim­mun­gen etc.] als hirn­vor­gän­ge in einem neu­ro­bio­lo­gi­schen respek­ti­ve bio­che­mi­schen voka­bu­lar voll­stän­dig beschrie­ben wer­den kön­nen. nichts spricht für die annah­me, daß mit der mög­lich­keit einer sol­chen beschrei­bung ein voka­bu­lar der mora­li­schen oder eines der ästhe­ti­schen oder eines der juris­ti­schen beschrei­bung sol­chen ver­hal­tens über­flüs­sig wür­de.” und vor allem dann: „eben­so­we­nig spricht dafür, daß die letzt­ge­nann­ten voka­bu­la­ri­en das wesent­li­che an die­sen phä­no­me­nen erfaß­ten, woge­gen die ers­te­ren nur die ‚mate­ri­el­le erschei­nungs­form’.” par­al­lel dazu weist reemts­ma natür­lich auch das kau­sa­li­täts­ar­gu­ment zurück – das lässt sich ja durch ein­fa­chen regress ad adsur­bum füh­ren: „wenn alles vom urknall an wie eine gut gebau­te linie domi­no­stei­ne durch die jahr­mil­lio­nen klap­pert, dann ist auch die art und wei­se, wie ernst jemand dies als argu­ment nimmt, eben­so deter­mi­niert wie das vor­brin­gen des argu­ments selbst. dann ist das für-läp­pisch-hal­ten die­ses argu­ments bei eini­gen eben­so not­wen­dig deter­mi­niert wie das vor­brin­gen des argu­ments selbst.“ der nächs­te schritt ist nun, das libet-expe­ri­ment als argu­ment für einen neu­ro­lo­gi­schen deter­mi­nis­mus zurück­zu­wei­sen. denn das expe­ri­ment sagt ja bei genau­er betrach­tung nur aus, dass „das bereit­schafts­po­ten­ti­al ent­steht, bevor die ver­suchs­per­son der emp­fin­dung, einen ent­schluß gefaßt zu haben, aus­druck ver­leiht.” das ent­schei­den­de hier­bei ist näm­lich, nicht aus den augen zu ver­lie­ren, dass „wir nie­mals jene momen­te des bewuß­ten über­gangs, des schwan­ken zwi­schen meh­re­ren mög­lich­kei­ten” einer ent­schei­dung über­haupt erle­ben. der wich­ti­ge schritt von den neu­ro­bio­lo­gi­schen vor­gän­gen zu den gedan­ken schafft näm­lich die neu­ro­bio­lo­gie offen­bar noch nicht, da ist noch eine – ent­schei­den­de – lücke. wie reemts­ma nun aber zei­gen kann, muss sin­ger die „vor­stel­lung eines sub­jek­tes ‚hin­ter’ den neu­ro­na­len pro­zes­sen, das sich ihrer gleich­sam bedient” über­haupt erst eta­blie­ren, um es dann ach so wir­kungs­voll abweh­ren zu kön­nen. und die ursa­che die­ser argu­men­ta­ti­ven mise­re sieht reemts­ma in der man­gel­haf­ten phi­lo­so­phi­schen bil­dung sin­gers. denn: „das kurio­se dabei ist, daß in die­ser wei­se ambi­tio­nier­te aka­de­mi­ker den anspruch der phi­lo­so­phie zunächst ernst neh­men müs­sen, um ihn dann vehe­ment bestrei­ten zu kön­nen.” „denn die unkennt­nis der phi­lo­so­phi­schen tra­di­ti­on ist ja bei die­sen tex­ten oft mit hän­den zu grei­fen.“ und aus all dem folgt schieß­lich ganz unauf­dring­lich: „die moder­ne hirn­for­schung zeigt uns, wie wir im lau­fe unse­res lebens zu dem wer­den, was wir sind. … wenn wir unter ‚frei­heit’ ver­ste­hen wür­den, daß men­schen han­del­ten, als hät­ten sie ein­ge­bau­te zufalls­ge­nera­to­ren, wür­den wir die frei­heit nicht schät­zen” – „die bedeu­tung von ‚wil­lens­frei­heit’ ist nie­mals die unter­stel­lung, jemand kön­ne oder sol­le han­deln, als wäre er nicht er selbst oder jemand ande­res.” frei­heit meint also – das ist nicht über­ra­schend – auto­no­mie: „frei­heit heißt nicht han­deln, als wäre ich nicht ich selbst, son­dern anders han­deln zu kön­nen als jemand ande­res.” und dann ist die gan­ze neu­ro­bio­lo­gie und ihr deter­mi­nis­mus doch ziem­lich belang­los: „was tut es hin­zu, zu erwäh­nen, daß dies ‚wol­len’, ‚die ent­schei­dung’, wie immer wir es nen­nen, im gehirn statt­fin­det? … was tut es hin­zu, daß sich dies ‚wol­len’, ‚die ent­schei­dung’, wie immer wir es nen­nen, als eine abfol­ge neu­ro­na­ler pro­zes­se beschrei­ben läßt? nichts.” genau, das ist es!

reemts­ma ergänzt das gan­ze dann noch um eini­ge anmer­kun­gen zum pro­blem der mora­li­schen (und recht­li­chen) ver­ant­wor­tung, der schuld – fra­gen, die ja die neu­ro­bio­lo­gen auch ger­ne auf­wer­fen. auch hier besteht reemts­ma natür­lich auf die wei­ter­hin gül­ti­ge vor­aus­set­zung der wil­lens­frei­heit: „daß jemand gehan­delt hat, wie er gehan­delt hat, beweist natür­lich über­haupt nicht, daß er nicht anders han­deln konn­te, son­dern allein, daß er nicht anders han­deln woll­te.“ –> „wer meint, die neu­ro­bio­lo­gie kön­ne das straf­recht auf ein ganz ande­res wis­sen­schaft­li­ches fun­da­ment stel­len, hat das funk­tio­nie­ren moder­ner gesell­schaf­ten nicht ver­stan­den. denn das straf­recht ruht auf über­haupt kei­nem wis­sen­schaft­li­chen (oder phi­lo­so­phi­schen) fun­da­ment, son­dern beruht auf den unter­schei­dun­gen, die sein spe­zi­fi­sches voka­bu­lar erlaubt, in der welt zu tref­fen.” und damit wäre das jetzt auch end­lich mal geklärt.

die rheinische orchesterakademie entdeckt amerika

ein net­tes abschluss­kon­zert der fünf­ten arbeits­pha­se der rhei­ni­schen orches­ter­aka­de­mie mainz im kur­fürst­li­chen schloss – mit drei ganz ver­schie­de­nen ver­tre­tern „ame­ri­ka­ni­scher“ musik:

ame­ri­ka ist ein gro­ßes land mit vie­len leu­ten, die ger­ne auch so viel tra­di­ti­on und geschich­te hät­ten wie die euro­pä­er. vor allem wenn es um die musik für den kon­zert­saal geht – da taten sich die sied­ler und ihre nach­fah­ren näm­lich lan­ge schwer.

inzwi­schen ist das pro­blem frei­lich nicht mehr so zu erken­nen, auch die ame­ri­ka­ner haben eine musiktradition.

drei mög­lich­kei­ten des kom­po­nie­rens in und mit ame­ri­ka beschäf­ti­get die fünf­te aus­ga­be der rhei­ni­schen orches­ter­aka­de­mie mainz (roam), die ihre ergeb­nis­se bei einem abschluss­kon­zert im schloss präsentierte.

ser­gej pro­kof­jew muss her­hal­ten als ein emi­grant, der zumin­dest zeit­wei­se in den usa leb­te. sei­ne 7. sin­fo­nie frei­lich ist erst viel spä­ter ent­stan­den und ver­ar­bei­tet des­halb auch ande­re ein­flüs­se, vor allem die bestim­mun­gen der sowje­ti­schen kul­tur­po­li­tik nach dem zwei­ten welt­krie. aber letzt­lich ist es auch ein­fach nur musik. die stren­ge, fast mili­tä­risch straf­fe orga­ni­sa­ti­on, die der jun­ge diri­gent tobi­as rokahr der roam ver­ord­ne­tet, ver­hilft die­ser sin­fo­nie zu ein­drück­li­chem erfolg. kei­ne spur von cha­os, kein unkon­trol­lier­ter tumult trü­ben die gro­ße überzeugungskraft.

weni­ger glück­lich zeig­te sich rokahr dage­gen beim con­cer­ti­no für marim­ba­phon und orches­ter von paul cres­ton, das für die zwei­te mög­lich­keit des ame­ri­ka­ni­schen kom­po­nie­rens stand: die ver­bin­dung von u- und e‑musik, wohl die erfolg­reichs­te form. am solis­ten ben­ja­min schä­fer lag das frei­lich nicht: der ließ sei­ne schle­gel mit viel feu­er und gehö­rig druck tan­zen. die roam wirk­te dage­gen wie ziem­lich schwer­fäl­li­ger damp­fer – aber da sie eh’ nicht so wich­tig ist für das gelin­gen die­ses con­cer­ti­nos, macht das nichts.

charles ives schließ­lich ist einen drit­ten weg gegan­gen: vor allem der künst­le­ri­schen avant­gar­de ver­pflich­tet, ohne sei­ne hei­mat dar­über zu ver­ges­sen. „the unans­we­red ques­ti­on“ ist ein ech­ter dau­er­bren­ner, um das zu bewei­sen. zum glück spiel­te die roam auch den dazu­ge­hö­ri­gen zwei­ten teil. denn schon der anfang ist ein­fach unwer­fend: zart flir­ren die strei­cher, dar­über erhebt sich die tas­tend fra­gen­de trom­pe­te, die eigent­lich schon jede hoff­nung auf eine ant­wort auf­ge­ge­ben hat und zuneh­mend des­pa­ra­ter wirkt, aber den sta­chel der hoff­nung nie ganz ent­fer­nen kann: viel­leicht klappt es ja doch noch ein­mal. die ant­wort ver­su­chen die holz­blä­ser – und fin­den kei­ne. sie erge­hen sich in hek­ti­schem gestam­mel, wis­sen aller­dings selbst immer schon, dass das kei­ne ant­wort wer­den wird, bis sie schließ­lich genug haben und selbst den ver­such auf­ge­ben – da hat tobi­as rokahr die tra­gik der moder­ne wirk­lich wun­der­bar herausgekitzelt.

deutsche (?) geschichte (?) im mittelalter (?)

die neu­es­te lek­tü­re­frucht: frank rex­roth: deut­sche geschich­te im mit­tel­al­ter. mün­chen: beck 2005.

im all­ge­mei­nen sind die bänd­chen der rei­he „wis­sen“ aus dem beck-ver­lag ja sehr zu emp­feh­len: kom­pak­te dar­stel­lung, kom­pe­ten­te schrei­ber, infor­ma­tiv und les­bar. aber rex­roths büch­lein hat mich nicht wirk­lich über­zeugt. viel­leicht sind 120 sei­ten doch zu wenig, um eine sinn­vol­le, aus­rei­chend aus­führ­li­che, les­ba­re und ver­ständ­li­che geschich­te deutsch­lands oder der deut­schen oder des deut­schen reichs im mit­tel­al­ter zu schrei­ben. rex­roth reflek­tiert die­se pro­ble­me, also was in die­sem zeit­rah­men über­haupt deutsch heißt, natür­lich – in der gebo­te­nen kür­ze und folgt dann einem recht prag­ma­tisch schei­nen­dem ansatz, der sich vor allem auf die wie­der­ent­de­ckung von taci­tus‘ „ger­ma­nia“ bezieht. auch wenn die vor­ge­schich­te (karo­lin­ger, ent­ste­hung des reichs etc.) wirk­lich extrem knapp ausfällt.

in den haupt­tei­len gilt rex­roths inter­es­se dann zum einen der macht­öko­no­mie und den herr­scher­ideo­lo­gien (also vor allem ihren recht­fer­ti­gungs­ver­su­chen und unter­neh­mun­gen der dynas­tie­grün­dung etc.). gro­ßen wert legt er des­halb auf die beschrei­bung der kon­sti­tu­ti­on, gestal­tung, ausweitung/​erhaltung/​pflege von poli­ti­scher macht in den hän­den der köni­ge und kai­ser, aber eben auch der fürs­ten und kle­ri­ker. das ver­bin­det er grob gesagt zu einer geschich­te der (men­ta­len) reichsbildung.

da rex­roth geschich­te offen­bar vor allem als dia­lo­gi­sches gesche­hen auf­fasst (ins­be­son­de­re wenn es um die deut­sche geht), als bewe­gung von dia­lo­gi­schen span­nun­gen, tritt neben die­sen macht­po­li­ti­schen fokus noch ein (in der dar­stel­lung frei­li­che ent­täu­schend pau­scha­ler) blick auf die sozi­al­ge­schich­te der betrach­te­ten zeit­räu­me. gera­de im zusam­men­spiel die­ser bei­den fak­to­ren ist rex­roth beson­ders dar­auf bedacht, lang­fris­ti­ge ent­wick­lun­gen und ver­bin­dungs­li­ni­en auf­zu­zei­gen. das ein­zel­ne ereig­nis inter­es­siert ihn dabei weni­ger bzw. vor allem als sym­ptom oder anstoss sol­cher entwicklungen.

die­se per­spek­ti­ven auf die deut­sche geschich­te des mit­tel­al­ters sind ohne zwei­fel inter­es­sant, durch die stän­dig wech­seln­den foki wird die dar­stel­lung aber äußerst unüber­sicht­lich und wirkt oft unsys­te­ma­ti­scher als sie eigent­lich ist. auf­grund der zusätz­li­chen, sehr gedräng­ten kom­pakt­heit der schil­de­rung ist das gan­ze ohne durch­aus eini­ger­ma­ßen detail­lier­tes vor­wis­sen im grun­de nicht nutz­bar zu lesen und auch kaum ver­ständ­lich. das gilt vor allem, was die bezie­hung zwi­schen den jeweils han­deln­den betrifft. da zeigt sich vor allem, dass geschich­te eben doch immer noch auch etwas mit geschich­ten zu tun hat – doch dafür hat rex­roth hier ein­fach kei­nen platz.

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