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klaus doldinger wird 70 – und spielt ein umwerfendes konzert

klaus dol­din­gers geburts­tags­kon­zert die­ses jahr in der main­zer phö­nix­hal­le: ein lan­ges (drei­ein­halb stun­den) glück, mit eini­gen tro­cke­nen, eher lah­men tei­len (der anfang) und eher pein­li­chen momen­ten – udo lin­den­berg ver­sucht zu sin­gen und, ach­tung!, zu scat­ten. vor allem in den bei­den passport-​teilen aber jede men­ge beglü­cken­de momen­te – nicht nur momen­te, son­dern lan­ge peri­oden wun­der­ba­rer musik. mit extrem smoot­her power bei der classic-​formation – wie hier bas­sist und schlag­zeu­ger etwa mit­ein­an­der agie­ren, ein­fach wun­der­bar – und reich­lich musi­ka­li­schem exo­tis­mus, ein­ge­bun­den in modern jazz mit viel gespür für dra­ma­ti­sche abläu­fe und inte­gri­tät im passport-​today teil mit den marok­ka­ni­schen gäs­ten. und vor allem mit einem mei­ner lieb­lings­key­boar­der, mit rober­to di gio­ia. wie der spielt und schraubt zugleich, das hat schon enor­me klas­se. und, weil er fast immer eine hand und einen fuss an den reg­lern hat, kann er fas­zi­nie­rend leben­di­ge klä­ge ent­wi­cke­len. zum schluss, in den abschlie­ßen­den „saha­ra sket­ches“ auch bis hin zu fast rei­nen, leicht modu­lier­ten sinus-​tönen und ähn­li­chen elek­tro­ni­schen spie­le­rei­en. da kommt dann dol­din­ger selbst gera­de noch so, qua­si mit hecheln­der zun­ge, mit: bei stü­cken die­ser art hält er sich selbst stär­ker zurück, er scheint doch zu mer­ken, dass sei­ne grund­sätz­lich dem heu­te eher tra­di­tio­nell schei­nen­den modern jazz zuge­hö­ri­gen impro­vi­sa­ti­ons­mus­ter und ‑tak­ti­ken nicht mehr ganz in die­se musik pas­sen. aber trotz­dem: klas­se. auch wenn die unver­schäm­ten und tra­di­tio­nell eh‘ sau­dum­men blöd­köp­pe vom fern­se­hen (unver­schämt, wie sehr die für ihre paar bil­der, die sie dann eh‘ nur mit­ten in der nacht – damit es ja nie­mand sieht – aus­strah­len, das zah­len­de! publi­kum beläs­ti­gen) ziem­lich genervt haben. dafür war der ton­tech­ni­ker ziem­lich klas­se – sehr fle­xi­bel mit der dyna­mik vor allem, er konn­te den master-​regler auch mal wie­der run­ter­fah­ren (dann hat man zwar das enor­me grund­rau­schen der anla­ge gehört, aber was soll’s). so nun genug der krit­te­lei (obwohl, da fällt mir gera­de noch das fernseh-​zitat von rai­nald goe­tz ein: „die hohl­heit der leu­te vom fern­se­hen ist wirk­lich abso­lut unüber­trof­fen.“ (abfall für alle) – und noch bes­ser: „wer vom fern­se­hen kommt, wer da arbei­tet, ist dumm, es hilft nichts, es hilft nichts, bis unter den eit­ri­gen schei­tel, eitel und dumm­frech, dummdumm und sau­dumm, viel­leicht sogar teil­wei­se super­sau­dumm.“ (aus rave))

jetzt aber der offi­zi­el­le text:

von „häns­chen klein“ bis in die saha­ra ist es ein wei­ter weg. aber klaus dol­din­ger steht ja auch schon ein paar jah­re auf der büh­ne. zu sei­nem 70. geburts­tag ist er mit einer gan­zen bus­la­dung freun­de und weg­ge­fähr­ten in die main­zer phö­nix­hal­le gekom­men. und wie im rich­ti­gen leben macht „häns­chen klein“ auf dem kla­vier den anfang – mit einer impro­vi­sa­ti­on über die­se melo­die hat er als schü­ler sei­ne auf­nah­me­prü­fung fürs kon­ser­va­to­ri­um geschafft. aber dann geht es ruck­zuck in musi­ka­lisch etwas kom­ple­xe­re gefil­de.

plau­dernd weist der jubi­lar den weg durch sein leben mit dem jazz: die anfän­ge mit dem klaus dol­din­ger quar­tett, das er auch fast kom­plett noch ein­mal auf die büh­ne holt, sind für heu­ti­ge ohren doch leicht ange­staubt. aber dizzy gil­le­spies „night in tuni­sia“ weist schon den weg – nicht nur des titels wegen, son­dern auch musi­ka­lisch: die unge­heue­re begeis­te­rung für den jazz ist erwacht. und sie ist heu­te immer noch spür­bar, wenn die vier alten her­ren den damals moder­nen jazz noch ein­mal zum leben erwe­cken. die nächs­te gro­ße sta­ti­on dol­din­gers war dann „pass­port“.

und auch die­se vier sind noch ein­mal nach mainz gekom­men. jetzt geht es so rich­tig los: „pass­port clas­sic“ schleu­dert den main­zern eine explo­si­ve mischung aus psy­ched­li­schen key­boards, kla­ren saxo­phon­li­ni­en, fun­ky bass­läu­fen und knall­har­ten drums um die ohren. ein regel­rech­tes euphorie-​gewitter ist es , das die hal­le jetzt zum kochen bringt – nicht, dass das bei den mas­sen an schein­wer­fern beson­ders schwer gewe­sen wäre. aber jetzt ist klar: sol­che musik kann man nur mit gro­ßer über­win­dung im sit­zen hören, das muss man tan­zen kön­nen.

so rich­tig schmerz­haft wird einem das mit der aktu­el­len beset­zung von pass­port bewusst. die muss­te zwar zunächst ein­mal dafür her­hal­ten, udo lin­den­berg bei sei­nen zwei geträl­ler­ten schla­gern beglei­ten. aber danach konn­ten sie so rich­tig los­le­gen. die titel­me­lo­die aus „das boot“ war dafür ein wun­der­ba­rer über­gang – denn nun begann die zeit der musi­ka­li­schen aus­flü­ge in alle tei­le der welt, nach ame­ri­ka, bra­si­li­en und natür­lich nach nach marok­ko, die letz­te sta­ti­on von pass­port. und da ist er auch schon wie­der: dol­din­gers unver­wech­sel­ba­rer dri­ve, sein nie ver­sie­gen­der élan und sein gol­de­nes händ­chen bei der aus­wahl sei­ner musi­ker – wer leu­te wie rober­to di gio­ia für sich spie­len lässt, hat schon fast gewon­nen. und den rest über­nimmt dol­din­ger selbst. er lässt die mus­keln sei­ner inte­gra­ti­ven kraft ganz unauf­fäl­lig spie­len. des­halb ist das kein belang­lo­ser mix, son­dern eine ech­te sym­bio­se von afri­ka­ni­scher, euro­päi­scher und ame­ri­ka­ni­scher musik – jen­seits aller gren­zen, nicht nur geo­gra­phisch, son­dern auch emo­tio­nal: ein­fach unglaub­lich gute musik.

Veröffentlicht in kritik musik

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