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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

auch das rheingau musik festival hat mal wieder ein ende gefunden

und zwar mit mozarts gro­ßer c‑moll-mes­se. dum­mer­wei­se (muss man echt fast sagen) habe ich die letz­te woche aber gera­de ganz fan­tas­tisch in mainz gehört. da konn­te die all­zweck­waf­fe hel­muth ril­ling im klos­ter eber­bach lei­der nicht ganz mit­hal­ten – vor allem, weil sei­ne musi­ker, ins­be­son­der der chor, nicht auf dem sel­ben niveau ange­sie­delt waren. dafür war der bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter da…

hoch hin­aus woll­ten sie: zum abschluss­kon­zert hat das rhein­gau musik fes­ti­val im klos­ter eber­bach noch ein­mal eine enor­me tri­bü­ne für den chor auf­ge­baut. gehol­fen hat es aber nicht viel. um es gleich zu sagen, mozarts c‑moll-mes­se war an die­sem abend kaum mehr als soli­des kunst­hand­werk. das ist nichts schlech­tes, aber auch nicht beson­ders aufregend.

dabei war es eigent­lich eine viel­ver­spre­chen­de kon­stel­la­ti­on. schließ­lich war hel­muth ril­ling der auf­trag­ge­ber die­ser mes­se. denn mozart selbst, der sie übri­gens ganz aus­nahms­wei­se ohne expli­zi­ten auf­trag plan­te und begann, hat sie wohl nie fer­tig kom­po­niert. aber es gibt ja robert d. levin, pia­nist und mozart-spe­zia­list, der schon des meis­ters requi­em mit einer vor­treff­li­chen ergän­zung ver­arz­tet hat. und der eben letz­tes jahr für hel­muth ril­ling die c‑moll-mes­se kv 427 zu ende geschrie­ben hat. bemer­kens­wert dar­an ist, wie gut sich sei­ne arbeit – die sich nur zum klei­nen teil auf skiz­zen stüt­zen kann – in den rest inte­griert. aber aus­ge­rech­net ril­ling lässt an die­sem abend viel von dem poten­zi­al, dass die mischung aus mozart und levin bie­tet, unge­nutzt. viel­leicht liegt’s ja dar­an, dass er aus­wen­dig diri­giert – aber eine gan­ze men­ge bleibt unge­mein pau­schal und ober­fläch­lich. das kyrie etwa ist vor allem stei­fe rou­ti­ne bar jeder span­nung, ohne die andeu­tung eines geheim­nis­ses. und gera­de davon bie­tet die­ses mes­se unge­heu­er viel – man muss es nur ent­de­cken und zum leben erwe­cken. aber dafür schei­nen sich weder das durch­ge­hend wuch­ti­ge orches­ter und der oft genug unfle­xi­bel har­te, nicht beson­ders durch­set­zungs­fä­hi­ge chor (bei­de vom fes­ti­val des euro­päi­schen musik­fests stutt­gart in den rhein­gau gekom­men) begeis­tern zu können.

erst ab dem glo­ria taucht dann, vor allem in den letz­ten chö­ren und dem quo­niam-ter­zett, ech­ter und inni­ger aus­druck immer häu­fi­ger auf. und wenn man mal vom etwas lust­lo­sen, trä­gen cre­do absieht, wird es mit fort­schrei­ten­der dau­er immer bes­ser. das sanc­tus ist ein rich­tig kräf­ti­ges, tat­säch­lich erfüll­tes stück musik. und im bene­dic­tus dür­fen die solis­ten noch ein­mal um die wet­te sin­gen. die sopra­nis­tin ruth zie­sak, stel­len­wei­se beängs­ti­gend unsi­cher, mach­te aus­ge­rech­net hier aller­d­ins kei­ne beson­ders gute figur. simo­na hou­da-satur­o­vá blieb zwar etwas unschein­bar, aber soli­de. ganz ähn­lich lie­ßen sich die män­ner hören: sowohl tenor cor­by welch als auch bass mar­kus mar­quardt bemüh­ten sich, mög­lichst wenig auf­zu­fal­len. doch in den letz­ten momen­ten, im agnus dei, kam dann tat­säch­lich bei allen doch noch das feu­er zum vor­schein, das den ers­ten tei­len so sehr gefehlt hat: der vol­le ein­satz aller keh­len und see­len, der die­se mes­se erst zu einem ereig­nis wer­den lässt.

piazzolla tanzt, mozart schaut zu

so, noch ein­mal nach­rich­ten vom main­zer musik­som­mer. dies­mal habe ich das ma’a­lot-quin­tett erwischt, im wei­her­gar­ten, gespielt wur­de die selt­sa­me kom­bi­na­ti­on von piaz­zolla und mozart, die total blöd­sin­nig neben­ein­an­der stan­den und sich bloß anschwie­gen… viel mehr gibt’s eigent­lich nicht sagen – außer das die bestuh­lung im wei­her­gar­ten nicht gera­de sehr bequem ist.. und das publi­kum dies­mal ziem­lich trä­ge war…

also, so hat’s die rhein-zei­tung bekommen:

die frä­cke waren eigent­lich über­flüs­sig: die wah­re kul­tur zeigt sich schließ­lich im klang und nicht in der klei­dung. und sie pass­ten auch nicht so recht ins gemüt­li­che ambi­en­te des wei­her­gar­ten. vor allem aber ging die dienst­klei­dung des ma’alot-quintetts (zumin­dest ihrer vier män­ner) nicht so recht mit der musik zusam­men, die sie am meis­ten spiel­ten. denn astor piaz­zoll­as wer­ke sind nie nur rei­ne kon­zert­saal­mu­si­ken, son­dern immer auch noch unterhaltung.

das liegt natür­lich am tan­go, von dem (fast) jeder note aus sei­ner hand beseelt ist. zwar wür­de es wohl schwer­fal­len, zu sei­nem tan­go nue­vo einen klas­si­schen paar­tanz aufs par­kett zu legen, aber ganz lässt piaz­zolla sei­ne her­kunft nie los. bes­tes bei­spiel dafür ist wohl die „his­toire du tan­go“, eine vier­sät­zi­ge suite, die genau das tut, was ihr titel ver­spricht: eine geschich­te der tan­go­mu­sik in klin­gen­den bei­spie­len zu schrei­ben. der kla­ri­net­tist des ma’alot-quintetts, ulf-gui­do schä­fer, hat das für sein ensem­ble zurecht­ge­rückt. und die fün­fe brin­gen mit die­ser musik sogar die stuhl­bei­ne zum tan­zen. das ist näm­lich genau das, was der gemei­ne mit­tel­eu­ro­päi­sche kon­zert­be­su­cher mit dem tan­go ver­knüpft: lei­den­schaft pur. und das ma’alot-quintett zeigt wun­der­bar die ent­wick­lung von der nacht­mu­sik in den kon­zert­saal, vom anrü­chi­gen tanz zur hochkultur.

fast eben­so erfolg­reich nahm sich das blä­ser­quin­tett des „tan­go bal­lets“ von piaz­zolla an. immer wie­der wech­sel­ten sie ganz non­cha­lant und bei­läu­fig vom flö­ten­den froh­sinn zur besinn­li­chen nach­denk­lich­keit und der gedan­ken­ver­lo­ren melan­cho­lie. so kam nie lang­wei­le auf. geschlos­se­ner blieb das ensem­ble bei den „estacio­nes por­tenas“, der argen­ti­ni­schen ver­si­on von vival­dis „vier jah­res­zei­ten“. hier­bei fiel die para­do­xe mischung des ma’alot-quintetts viel­leicht am deut­lichs­ten auf: da ver­su­chen sich fünf musi­ker in einer klas­si­schen beset­zung der euro­päi­schen kunst­mu­sik an mehr oder min­der ech­ter süd­ame­ri­ka­ni­schen folk­lo­re. und es funk­tio­niert erstaun­lich gut. viel­leicht ist es ein wenig zu gut, zu schön – aber das stört ja kaum.

ganz umsonst hat sich das ma’alot-quintett übrin­gens doch nicht in die frä­cke gewor­fen: für mozart gehört sich das immer noch. und weil eben mozart­jahr ist, darf auch mög­lichst kein kon­zert ohne den jubi­lar vor­über­ge­hen. auch wenn es über­haupt nicht ins pro­gramm passt. die har­mo­nie­mu­sik zu „così fan tut­te“ und das andan­te für eine orgel­wal­ze, die ulf-gui­do schä­fer für sein ensem­ble bear­bei­tet hat, sind zwar auch schö­ne musik und die fünf blä­ser spie­len auch frisch und fröh­lich drauf los – aber das ist im wei­her­gar­ten, umge­ben von piaz­zoll­as musik, weder beson­ders pas­send noch beson­ders spannend.

der trom­pe­ter axel dör­ner hat ges­tern den swr-jazz­preis bekom­men. und er hat dafür einen abend lang gezeigt, war­um das unbe­dingt rich­tig war: weil er nicht nur ein guter trom­pe­ter ist, son­dern – was für mich viel ent­schei­den­der scheint – weil er es ver­mag, grup­pen zu for­men. zwei davon hat er nach mainz mit­ge­bracht: „die ent­täu­schung“ – alles ande­re als der name…, und sein expe­ri­men­tel­les trio „TOOT“. und dör­ner zeig­te sich eigent­lich den gan­zen abend nicht nur kaum, son­dern nie im mit­tel­punkt. bei der ent­täu­schung war es vor allem der unge­heu­er­li­che rudi mahall, der das zen­trum des gesche­hens ger­ne an sich zog (ohne das das schlecht wäre, wer so inten­siv und inno­va­ti­ons­freu­dig mit der bass­kla­ri­net­te arbei­ten und spie­len kann, darf so etwas), bei toot vor allem tho­mas lehn und sein syn­the­si­zer, die das klang­li­che gesche­hen doch sehr stark präg­ten. aber ich hat­te dann doch den ein­druck, dass es sehr stark von dör­ner abhing, dass die­se kon­stel­la­tio­nen ent­ste­hen konn­ten – kon­stel­la­tio­nen, in denen neu­es, fas­zi­nie­ren­des, expe­ri­men­tel­les ent­ste­hen und aus­pro­biert wer­den kann – fer­ti­ge lösun­gen hat er nicht, will er wohl auch nicht (das wäre ja still­stand). für den zuhö­rer ist das natür­lich mehr „arbeit“, er muss sich das selbst noch for­men, nach anknüp­fungs­punk­ten, nach (be-)deutungen suchen – eine musik, die kein (oder nur ein sehr mini­ma­les, extrem redu­zier­tes) bedeu­tungs- und formin­ven­tar hat bzw. gera­de dar­auf aus ist, die­se vor­ga­ben mit allen mit­teln zu unter­lau­fen und zu ver­hin­dern, ist wesent­lich anstren­gen­der und unbe­que­mer zu hören. und dazu kommt natür­lich noch, dass die klang­land­schaft von toot ziem­lich karg ist, oft eher wie ver­blass­te schwarz-weiß-bil­der, schnapp­schüs­se, als wie ein cine­ma­scope-farb­film. gera­de dör­ne arbei­tet mit sei­ner ver­ka­bel­ten trom­pe­te schließ­lich vor allem an for­men des klan­ges kurz vor dem ver­stum­men, for­men des mehr oder min­der ton­hal­ti­gen rau­sches etc.

ok, soweit die kon­fu­sen über­le­gun­gen. so habe ich das dann für die rhein-zei­tung beschrieben:

wer sei­ne band „die ent­täu­schung“ nennt, muss sich schon ziem­lich sicher sein, das sie genau das nicht her­vor­ruft. axel dör­ner ist in die­ser hin­sicht völ­lig unge­fähr­det. immer­hin war sei­ne arbeit mit der „ent­täu­schung“ einer der grün­de, war­um der trom­pe­ter die­ses jahr die vom land rhein­land-pfalz und dem swr gestif­te­ten 10.000 euro des swr-jazz­prei­ses über­reicht bekam. und nach alter musi­ker sit­te bedank­te er sich dafür mit einem kon­zert. „die ent­täu­schung“ war dabei als der tra­di­tio­nel­le teil ange­kün­digt wor­den – aber zum glück pflegt das quar­tett eine sehr zeit­ge­nös­si­sche art, mit der trad­ti­ti­on des jazz umzu­ge­hen. sicher basiert das hör­bar auf dem bebop, aber ist auch unver­kenn­bar aus dem jahr 2006. vor allem der witz und humor aller vier musi­ker sorgt dafür. das schaut recht harm­los aus, ein ganz nor­ma­les quar­tett mit schlag­zeug, bass, bass­kla­ri­net­te (der fan­tas­ti­sche rudi mahall) und trom­pe­te. und es fängt auch unauf­fäl­lig an. doch dann bre­chen die musi­ker immer wie­der aus: da gibt es die selt­sams­ten sprün­ge, die ver­rück­tes­ten tem­pi­wech­sel an den absur­des­ten stel­len, da gehen die bei­den blä­ser mit­ten in einer num­mer ins trep­pen­haus und spie­len dort wei­ter. das ist rei­ne camou­fla­ge, der suber­si­ve bebop einer post­mo­der­nen zap­per-gene­ra­ti­on – unge­heu­er frisch und unter­halt­sam. und auch wenn es schein­bar total unkon­trol­liert daher kommt, die musi­ker um den coo­len, voll­kom­men gelas­se­nen axel dör­ner haben das in jedem moment fest im griff.

doch das änder­te sich bald: mit dem trio toot ver­ließ der preis­trä­ger dann die letz­ten res­te des fes­ten bodens. jetzt gaben auch kei­ne kom­po­nier­ten the­men mehr halt, nicht ein­mal die her­kömm­li­chen töne spiel­ten eine rol­le, von tra­di­tio­nel­len song-struk­tu­ren ganz zu schwei­gen. was der vokal­ar­tist phil min­ton und tho­mas lehn am syn­the­si­zer da mit dör­ner pro­du­zier­ten, ist nur noch eine ein­zi­ge suche, eine jagd nach neu­en, ange­mes­se­nen aus­drucks­mög­lich­kei­ten. und das recht mini­ma­lis­ti­sche gef­ri­ckel, knar­zen, rau­schen und wis­pern, das nun aus den laut­spre­chern dringt, ver­langt scharf gespitz­te ohren und geschärf­te auf­merk­sam­keit. das tran­sis­to­ri­sche ist die­ser expe­ri­men­tel­len impro­vi­sa­ti­on fest ein­ge­schrie­ben, nie sind die drei mit einem klang zufrie­den, nie pro­du­zie­ren sie behag­li­che wohl­fühl-musik. ihr métier ist, ganz ähn­lich wie bei der „ent­täu­schung“, die suche nach alter­na­ti­ven, der impuls zum nach­den­ken, auch zum nicht-ein­ver­stan­den-sein. damit hat dör­ner die gren­zen des jazz frei­lich längst hin­ter sich gelas­sen – und das publi­kum im main­zer funk­haus auch sehr stra­pa­ziert: die rei­hen lich­te­ten sich unter­des­sen spürbar.

natur und kunst

die bei­den kom­men ja ab und an mit­ein­an­der in berüh­rung, meist aller­dings nur in einer rich­tung, um die es hier jetzt auch geht: ein net­tes klei­nes kon­zert loka­ler kräf­te im gon­sen­hei­mer rat­haus, das um das the­ma „natur­ver­to­nun­gen“ kreist – mit hef­ti­gem hin- und her-sprin­gen zwi­schen den sti­len und jahr­hun­der­ten (ein bei­trag zur tat­säch­lich statt­fin­den­den berüh­rung in umge­kehr­ter rich­tung, also kul­tur in der natur, fin­det sich etwa hier.) so, genug der vor­re­de, jetzt der eigent­lich text:

rau­schen­de flüs­se, spru­deln­de quel­len, wogen­de wäl­der – fer­tig ist die natur. viel mehr bekommt die musik näm­lich nicht von ihr mit, wären da nicht nur die vogel­stim­men. aber die sind ja immer schon mehr oder weni­ger musik gewe­sen. und obwohl sich die natur in der rea­li­tät noch ein wenig viel­fäl­tig prä­sen­tiert, die mög­lich­kei­ten sind auch so für die musik schon uner­gründ­lich. ein paar, ganz weni­ge eigent­lich, die­ses ein­drin­gens der natur in die akus­ti­sche kunst waren jetzt im gon­sen­hei­mer rat­haus zu hören. die drei musi­ke­rin­nen des duo flau­tia­no machen das mit einem rund­um­schlag: aus barock, roman­tik und gegen­wart haben sie der kam­mer­mu­sik ein paar stich­pro­ben zum the­ma „wind, wald und was­ser“ entnommen.

nicht feh­len darf bei einem sol­chen the­ma natür­lich oli­vi­er mes­siaen, der meis­ter der inte­gra­ti­on von vogel­stim­men in die kom­po­nier­te musik. von ihm haben sich die pia­nis­tin ange­li­ka raff und ihre part­ne­rin, die flö­tis­tin susan­ne gimm, sein ers­tes werk, in dem er sich ganz dem klang eines vogels ver­schreibt, aus­ge­sucht: „le mer­le noir“, die schwa­re amsel. damit kön­nen die bei­den zuge­lich zei­gen, wie gut sie auf­ein­an­der abge­stimmt sind: im stän­di­gen auf und ab, in den viel­fäl­ti­gen stim­mun­gen des kur­zen stücks bil­det das duo eine geschlos­se­ne ein­heit, das den unzäh­li­gen details, den natur­nach­ah­mun­gen und atmo­sphä­ri­schen ein­drü­cken ihren raum lässt.

vor der roman­tik rausch­te und plät­scher­te es in der musik eher sel­ten. hän­dels „neun deut­sche ari­en“ bie­ten immer­hin zwei bei­spie­le: regi­na dah­len singt mit wohl­do­sier­ter kraft und kla­rer arti­ku­la­ti­on vom zit­tern­den glän­zen der spie­len­den wel­len, von der herr­lich­keit der natur. aber erst die roman­tik ist die hoch­zeit der ver­mäh­lung von natur und kunst: ob in lie­dern oder sona­ten – ganz ohne geht es nur noch sel­ten ab. carl reine­ckes „undi­ne“, eine pro­gram­ma­ti­sche sona­te für flö­te und kla­vier, erfor­dert zwar eher groß­zü­gi­ges asso­zi­ie­ren, um die natur in der musik zu erken­nen. aber sie brei­tet ein wun­der­ba­res pan­oram aus – mit klei­nig­kei­ten geben die musi­ke­rin­nen sich hier nicht ab. immer haben sie gro­ße zusam­men­hän­ge im blick, stets bleibt alles im fluss, beharr­lich fol­gen sie den wel­len­be­we­gun­gen des emo­tio­na­len erle­bens, das erst in der besinn­li­chen ver­söh­nung des schlus­ses sei­ne erfül­lung findet.

gut, das war der also offi­zi­el­le text­teil. nicht mehr hin­ein­ge­passt hat v.a. sofia gubai­du­li­nas „klän­ge des wal­des“. obwohl das auch mal wie­der ganz schön zu hören war. natür­lich auch hier wie­der die obli­ga­ten vogel­stim­men (was wäre ein wald ohne die gefie­der­ten vie­cher), aber vor allem ein sehr atmo­sphä­ri­sches stim­mungs­bild, noch bei­na­he (naja, viel­leicht doch nicht so bei­na­he) roman­ti­sches stück musik. wobei die grund­hal­tung, das emo­tio­na­le emp­fan­gen und (hör-)bildliche wie­der­ge­ben die­ser stim­mung in der musik eben doch ziem­lich von der roman­ti­schen ästhe­tik bestimmt ist. jeden­falls sehr schö­ne, plas­ti­sche momen­te – vor dem inne­ren auge tau­chen ein­sa­me, unbe­rühr­te, leicht ver­wil­der­te mär­chen­wäl­der auf, sanf­te nebel­schwa­den, hier und da blitzt immer wie­der ein ein­sa­mer son­nen­strahl durch das dach der grü­nen wüs­te, ansons­ten eher gedämpf­tes licht etc. usw. – also irgend­wie eben die typi­schen emp­fin­dun­gen der roman­ti­ker – oder die ent­spre­chen­den klischees.

mozart, nichts als mozart

nun gut, es gibt schlim­me­res ;-) aber beson­ders begeis­tert bin ich von sol­chen pro­gram­men nun mal nicht… aber nett war’s trotz­dem, nur nicht beson­ders auf­re­gend oder gar inno­va­tiv bzw. indi­vi­du­ell, d.h. ein­ma­lig – das pro­gramm hät­ten die betei­lig­ten wahr­schein­lich an jedem abend an jedem ort genau so auch gespielt (und haben es wahr­schein­lich auch schon…)

ok, jetzt der offi­zi­el­le text:

zu mozarts zei­ten hät­te es das nicht gege­ben: ein kon­zert nur mit jahr­hun­der­te­al­ter musik. heu­te dage­gen wird gera­de so mozart gefei­ert. aber meist sind es immer­hin spe­zia­lis­ten, die so etwas tun. etwa die eng­lish baro­que soloists beim rhein­gau musik fes­ti­val. zusam­men mit dem pia­nis­ten robert levin und der mez­zo­so­pra­nis­tin ber­nar­da fink hat john eli­ot gar­di­ner im wies­ba­de­ner kur­haus einen gan­zen abend nur mozart gespielt. aber immer­hin ein bun­tes pro­gramm: ein kla­vier­kon­zert, eine sin­fo­nie, zwei ari­en (mit der grund­so­li­den ber­nar­da fink) und noch ein kon­zert­satz für vio­li­ne und klavier.

gar­di­ner ist dafür zwar in mön­chi­sches schwarz gehüllt. aber er diri­giert eher wie ein gue­ril­la­kämp­fer. mit einem fast unheim­li­chen biss packt er jede note fest am kra­gen und braust fast aggre­siv durch sein pro­gramm: lan­ge­wei­le und mit­tel­maß sind die fein­de, die es aus­zu­til­gen gilt. und er muss dabei auf nie­man­den rück­sicht neh­men, er kann den klang redu­zie­ren, bis fast nur noch struk­tu­ren zu hören sind sind und auch ganz schön grob drein­fah­ren – die baro­que soloists fol­gen ihm ohne zögern: das ist schon eine beein­dru­cken­de spiel­kul­tur. sei­ne inter­pre­ta­ti­ve leis­tung scheint sich aller­dings im inten­si­ven aus­brei­ten der extre­me in jeder musi­ka­li­schen dimen­si­on zu erschöp­fen: hohe tem­pi, gro­ße dyna­mik­un­ter­schie­de, hef­tigs­te beto­nung sor­gen in einem kos­mi­schen auf­ein­an­der­pral­len der kraft­fel­der für hef­ti­ge span­nung. so gibt gar­di­ner der musik ihre ecken und kan­ten zurück – das ist, auch wenn es nicht mehr ganz tau­frisch ist, immer noch erfrischend.

im pia­nis­ten robert levin hat er dafür einen pas­sen­den part­ner gefun­den. der geht zwar nicht ganz so rauh und kämp­fe­risch er an die solo­par­tie des c‑dur-kon­zer­tes, doch mit eben­bür­ti­ger ernst­haf­tig­keit. so bleibt das alles nicht nur aus­ge­gli­chen, son­dern auch zivi­li­siert. wie flink sei­ne fin­ger wirk­lich sind, bewies er nicht nur in der impro­vi­sier­ten kadenz, son­dern vor allem im kon­zert­satz für kla­vier, vio­li­ne und orches­ter. von mozart gibt es dazu zwar gera­de mal ein frag­ment des anfangs, aber levin hat dar­aus eini­ges gemacht. auf­fäl­lig ist vor allem die gro­ße rol­le des orches­ters: den solis­ten wird zwar eini­ges abge­for­dert – levin und kati debret­zeni bewei­sen mit blit­zend-per­len­den ton­kas­ka­den auch ihre behän­de leich­tig­keit – aber das ist mehr als eine rei­ne bra­vour­leis­tung, das ist erfül­len­de musik.

Mozarts Großtat – die unvollendete Messe

den bei­na­men „gro­ße mes­se“ hat sie zu recht, mozarts c‑moll-mes­se. fer­tig gewor­den ist mozart damit zwar nicht, aber was er geschrie­ben hat, ist schon groß­ar­ti­ge musik. und zum glück gibt es men­schen, die solch einen tor­so nicht in ruhe las­sen kön­nen. robert d. levin etwa hat, wie schon eini­ge vor ihm, eine kom­plet­te mes­se aus mozarts mate­ria­li­en gemacht – zum glück.

denn trotz der vie­len ein­drück­li­chen, nach­denk­lich-zör­gen­den momen­te ist sie im gan­zen unzwei­fel­bar eine mes­se des freu­di­gen beja­hens und der beglü­ckung. schließ­lich ist sie ja auch ganz ech­te beken­ner-musik: mozart hat sie ohne direk­ten auf­trag kom­po­niert, also wohl zumin­dest teil­wei­se aus einem reli­giö­sen und künst­le­ri­schen mit­tei­lungs­drang her­aus. und das hört man: da ist nichts blo­ßes hand­werk, da ist – auch in den ergän­zun­gen von levin übri­gens – immer die kraft des glau­bens spür­bar. einen gro­ßen teil der beglü­ckung des publi­kums hat beim main­zer musik­som­mer aber ralf otto über­nom­men. denn der diri­gent hat für die chris­tus­kir­che eine hoch­ka­rä­ti­ge beset­zung zusam­men­ge­stellt. der main­zer bach­chor singt wie­der ein­mal mit wun­der­bar wei­chem klang und nicht nur sehr ver­ständ­lich, son­dern auch begeis­ternd fle­xi­bel. gemein­sam mit der staats­phil­har­mo­nie lässt otto nicht nur die struk­tu­ren ganz klar her­vor­tre­ten, son­dern ver­leiht ihnen auch noch eine gehö­ri­ge por­ti­on emo­tio­na­ler kraft. dafür braucht man ihn nur anzu­se­hen: die­ser mann lebt die mes­se mit dem gan­zen kör­per, vom schei­tel bis zur schuh­soh­le bleibt nichts unbe­tei­ligt. alles an ihm tanzt und jubi­liert, lei­det und seufzt mit der musik, mit jeder ein­zel­nen note.

so eine enor­me begeis­te­rung über­trägt sich natür­lich auf die­je­ni­gen, die den von otto gewünsch­ten klang her­vor­brin­gen – das orches­ter, der chor und auch die solis­ten. denn auch die kön­nen mit den gran­dio­sen leis­tun­gen des bach­chors gut mit­hal­ten. vor allem die vir­tuo­se sopra­nis­tin hélè­ne guil­met­te und ger­hild rom­ber­gers glei­cher­ma­ßen war­mer und klar arti­ku­lier­ter alt bezeu­gen die hohe qua­li­tät die­ser auf­füh­rung. der bass klaus mer­tens darf aller­dings ers kurz vor schluss ein wenig mit­ma­chen. etwas mehr kann dani­el sans bei­tra­gen – wie stets ist auch er bes­tens in form.

letz­lich ist es aber eben immer wie­der ralf otto, der mozart mes­se wirk­lich groß macht: indem er die dra­ma­ti­schen monu­men­tal­klän­ge mit den innigs­ten emp­fin­dun­gen span­nungs­voll kon­tras­tiert und aus­ba­lan­ciert, schafft er eine musik, die auf­re­gen­de ver­dich­tung und ent­span­nung zugleich sein kann. denn die tie­fe viel­schich­tig­keit, die er den tönen­den struk­tu­ren ver­leiht, bezeugt den glau­bens mozarts auf ganz unmit­tel­ba­re und über­zeu­gen­de weise.

singer pur singt lechner und marenzio – zwei stunden renaissance-musik und sonst nix

haben sie oder haben sie nicht? man weiß es ein­fach nicht, aber mög­lich wäre es schon, dass sich der süd­ti­ro­ler leon­hard lech­ner und der ober­ita­lie­ni­sche luca maren­zio ein­mal getrof­fen haben. zu erzäh­len hät­ten sie sich schon eini­ges gehabt – nicht nur, weil sie bei­de 1553 gebo­ren wur­den. son­dern auch, weil sie sich bei­de der vokal­mu­sik ver­schrie­ben hat­ten. und weil lech­ner, das ist nun wirk­lich ganz sicher zu bestä­ti­gen, sei­nem ita­lie­ni­schen kol­le­gen die reve­renz erwie­sen hat und ein kom­plet­te mess­ver­to­nung auf maren­zi­os madri­gal „non fu mai cer­vo“ bezo­gen hat. hören kann das heu­te kaum jemand, aber es reicht, um dem ensem­ble „sin­ger pur“ den anlass für ihr kon­zert beim main­zer musik­som­mer zu geben, das sich aus­schließ­lich der musik die­ser bei­den zeit­ge­nos­sen der renais­sance wid­met. im grun­de ging es auch vor über vier­hun­dert jah­ren in der musik immer nur um das eine: die lie­be. dafür ste­hen die ver­to­nun­gen aus dem hohe­lied salo­mos. und natür­lich ist die lie­be auch damals schon oft genug eine schmerz­li­che erfah­rung gewe­sen – „von allen lie­ben­den bi ich der unglück­lichs­te“ heißt es in einem madri­gal von luca maren­zi­os. das gemisch aus lie­be und leid wird dann noch mit ein wenig reli­giö­si­tät, also geist­li­cher musik, ver­mengt und schon sind die übli­chen zwei stun­den wie­der vor­bei. den sän­gern ist die unna­tür­lich­keit die­ser anhäu­fung von voka­ler kunst­fer­tig­keit natür­lich nicht ent­gan­gen. und sie tun eini­ges, um die situa­ti­on wie­der auzu­lo­ckern. schon die pro­gramm­aus­wahl ist der ers­te schritt in die rich­ti­ge rich­tung: lie­ber ein paar klei­ne num­mern als eine gro­ße kom­po­si­ti­on. aber sin­ger pur gehen noch ein ent­schei­den­des stück wei­ter. denn im gegen­satz zu vie­len ande­ren vokal­ensem­bles sind sie kei­ne rei­ne klang­fe­ti­schis­ten. nein, ihnen ist die leben­dig­keit der musik viel wich­ti­ger – und dabei muss es auch ein­mal etwas rau­er zuge­hen dür­fen, wenn die töne und tex­te es so wol­len. denn obers­tes gebot für die fünf sän­ger und ihre weib­li­che mit­strei­te­rin ist die mög­lichst genaue ver­bin­dung von text­deut­lich­keit und deut­li­cher arti­ku­la­ti­on. dafür grei­fen sie nicht nur auf eine brei­te und sehr aus­ge­feil­te dyna­mik zurück, son­dern wäh­len auch ihre tem­pi ent­spre­chend. „das erst und ander kapi­tel des ‚hohen lie­des salo­mo­nis’“ von leon­hard lech­ner wird so zu einer unver­mu­tet dra­ma­ti­schen, fast thea­tra­li­schen musik. und für ein zar­tes stro­phen­lied wie lech­ners „ich weiß ein blum“ schwen­ken die sän­ger dann ganz plötz­lich auf einen voll­kom­men ande­ren, strah­len­den klang um. beson­ders zum tra­gen kommt ihr dra­ma­ti­sches inter­pre­ta­ti­ons­ge­schick aber bei den madri­ga­len von luca maren­zio. das groß­ar­ti­ge „non fu mai cer­vo“ ist hier ein wah­res fest der viel­falt: jeder wort hat schon der kom­po­nist mit sei­nem eige­nen klang ver­se­hen. und sin­ger pur ver­hilft in st. peter jedem die­ser klän­ge zu sei­ner eige­nen, indi­vi­du­el­len auferstehung.

soweit mei­ne offi­zi­el­le mei­nung. über den sinn sol­cher unter­neh­mun­gen den­ke ich jetzt lie­ber nicht nach, das wür­de zu weit füh­ren und mein bett ruft…

und der rest des kon­zer­tes war auch nicht ganz schlecht – obwohl ich mit dem gan­zen tan­go-kram ja nicht viel anfan­gen kann…

zum kern vor­drin­gen, das ist die vor­nehms­te auf­ga­be jedes künst­lers: zum inne­ren des wer­kes, der kunst über­haupt und des lebens sowie­so. und das ist eine intel­lek­tu­el­le, emo­tio­na­le und ästhe­ti­sche auf­ga­be, die vie­len inter­pre­ten erst nach lan­gen jah­ren der kunst­aus­übung – und des lebens – gelingt. aber aus­nah­men gibt es immer wie­der, manch­mal gelingt die expe­di­ti­on ins innen sogar jun­gen musi­kern. der gei­ger linus roth scheint zu die­ser aus­er­le­se­nen schar zu gehö­ren. denn beim main­zer musik­som­mer spiel­te er sich in die ers­te liga – mit schu­manns zwei­ter vio­lin­so­na­te op. 121. gemein­sam mit sei­nem pia­nis­ten josé gall­ar­do, der nie blo­ßer beglei­ter, son­dern immer ein fan­tas­tisch sen­si­bler part­ner war, gelang ihm hier das wah­re kunst­stück. schon mit den aller­ers­ten akkor­den, mit ihrer geball­ten kraft, ihrer auf­rütt­len­den klang­lich­keit und ihrer schar­fen prä­zi­si­on zeigt das duo, wie­viel anders die musik seit mozart gewor­den ist. damit hat­ten sie ihr kon­zert näm­lich begon­nen, mit des­sen b‑dur-sona­te für kla­vier und vio­li­ne kv 454 – ein soli­der auf­takt, dem aber ganz ein­deu­tig die inspi­ra­ti­on fehl­te, die ihre schu­mann-deu­tung so berau­schend inten­siv wer­den ließ. das beson­de­re war in die­sen augen­bli­cken nicht nur die klang­li­che inten­si­tät, die durch stän­di­ge balan­ce­ak­te per­fekt aus­ta­rier­te zusam­men­ar­beit. nein, was das wirk­lich groß­ar­tig mach­te, war die zwang­lo­se selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der bei ihnen schu­manns sona­te ihre form erhält: obwohl die tra­di­tio­nel­len satz­mus­ter durch­aus noch gel­ten, scheint es im schloss waldt­hau­sen so, als sei die musik hier schon auf dem weg zur frei­en form. und tat­säch­lich ist genau das ja auch das beson­de­re an die­ser sona­te: die auf­lö­sung von lan­ge geglaub­ten gewiss­hei­ten ins unsi­che­re, ins labi­le – bei schu­mann wird sich das in sei­ner psy­chi­schen erkran­kung noch ganz deut­lich mani­fes­tie­ren, dem rest der welt wird es erst eini­ge jahr­zehn­te spä­ter, zu zei­ten der moder­ne, so rich­tig klar wer­den. aber genau die­se per­spek­ti­ve, die sona­te als eine art vor­ah­nung der bedro­hun­gen der moder­ne für das auto­no­me sub­jekt zu sehen, macht roths und gall­ar­dos inter­pre­ta­ti­on so wertvoll.

die­sem gewal­ti­gen kraft­akt folg­te dann der unauf­halt­sa­me weg ins popu­lä­re, dem mau­rice ravel als brü­cken­glied dien­te: zunächst mit sei­ner „sona­te post­hu­me“, eigent­lich nur der ers­te satz einer sona­te, bei der sich die bei­den musi­ker etwas mehr trei­ben las­sen konn­ten, sich mehr der sinn­li­chen kraft der musik aus­lie­fern durf­ten. mit ravels fei­ner „piè­ce en for­me d’habanera“ stei­ger­ten sie die­ses moment noch, um es in astor pia­zoll­as „le grand tan­go“ gip­feln zu las­sen – und damit war in knapp zwei stun­den der weg von mozart bis zum argen­ti­ni­schen tan­go nue­vo bra­vou­rös gemeistert.

der erste offizielle halbmarathon

am wochen­en­de war es jetzt end­lich soweit: mein ers­ter halb­ma­ra­thon stand auf dem ter­min­ka­len­der – beim 11. güt­ters­ba­cher volks­lauf. güt­ters­bach befand sich am sams­tag nach­mit­tag im aus­nah­me­zu­stand: das gan­ze dorf ein gro­ßer park­platz für die läu­fer, die stra­ße zeit­wei­se kom­plett gesperrt, weil die lauf­stre­cke vom start aus zunächst kurz auf der stra­ße rich­tung olfen geführt wur­de, dann aber in rich­tung gras­el­len­bach zunächst durch die wei­den (und die ziem­lich ver­schreckt drein­schau­en­den kühe) und dann ste­tig berg­auf in den wald zum spes­sart­kopf und am sieg­frieds­brun­nen vor­bei ging. dann ging es auch schon wie­der zurück in rich­tung güt­ters­bach, immer berg­ab. und kurz vor dem ers­ten durch­lauf des zie­les zwi­schen km 14 und 15 wur­de es so rich­tig steil. das war inso­fern fies, als es nach dem start­be­reich eben wie in der ers­ten run­de gleich wie­der berg­auf ging – das hat nicht nur bei mir voll rein­ge­hau­en, da ging das tem­po auf ein­mal bei fast allen deut­lich run­ter. sonst war das tem­po für einen volks­lauf doch ganz schön hoch, immer­hin war auch der über­wie­gen­de teil der läu­fer von ver­schie­de­nen ver­ei­nen, vie­le aus der berg­stra­ße, darm­stadt und hei­del­berg. vor allem berg­ab zogen die alle wie die dep­pen los und lie­ßen mich ziem­lich blöd aus­schau­en. bei der nächs­ten stei­gung habe ich dann aber immer wie­der eini­ge ein­ge­holt. nur zum schluss ging das eben nicht mehr, denn das ziel war ja am ende einer stei­len abwärts­ram­pe. dort war ich genau nach 1:49:33,3 – doch eini­ge minu­ten bes­ser, als ich mir vor­ge­nom­men hat­te. vor allem erheb­lich bes­ser, als ich in der zwei­ten run­de, so zwi­schen km 15 und 17, befürch­tet hat­te. dort war ich näm­lich kurz vor dem auf­ge­ben… und der abstieg ins ziel hat mir dann auch wirk­lich den rest gege­ben, danach bin ich halb besin­nungs­los her­um­ge­stol­pert. immer­hin waren es ja knapp 400 höhen­me­ter, die auf den 21,1 km zu bewäl­ti­gen waren. zum glück war das wet­ter zum lau­fen eigent­lich sehr ange­nehm: mode­ra­te tem­pe­ra­tu­ren, der regen hat­te pünk­lich am vor­mit­tag auf­ge­hört und die orga­ni­sa­ti­on sowie ver­pfle­gung war spit­ze. wie der halb­ma­ra­thon an der spit­ze so aus­sah, beschreibt übri­gens der laufreport. 

und mit beet­ho­ven fällt er dabei ordent­lich auf die nase:

eigent­lich soll­te es ein rich­tig roman­ti­scher kla­vier­abend wer­den: aus­schließ­lich varia­tio­nen von brahms, tschai­kovs­ky und schu­mann woll­te niko­lai toka­rew beim main­zer musik­som­mer im schloss waldt­hau­sen spie­len. kurz vor beginn ent­schied er sich dann aber, statt tschai­kovs­ky „the­ma mit varia­tio­nen in f‑dur“ doch lie­ber beet­ho­vens appas­sio­na­ta-sona­te zu spie­len. und das war kein beson­ders klu­ger zug. denn jetzt war es zwar ein rein deut­scher kla­vier­abend, aber das half über die unzu­läng­lich­kei­ten toka­rews bei der beet­ho­ven-sona­te lei­der auch nicht hin­weg. sicher trägt die sona­te die lei­den­schaft schon im titel. aber der ist ers­tens gar nicht von beet­ho­ven und zwei­tens bie­tet sie auch noch viel mehr als nur das. doch das tan­gier­te toka­rew nur sehr wenig. er stürz­te sich mit tie­fer inbrunst hin­ein und pro­du­ziert dabei viel gefühl, aber auch viel undif­fe­ren­zier­ten klang­brei. struk­tu­ren, for­men, ver­läu­fe- für all das, was in beet­ho­vens sona­ten von so gro­ßer bedeu­tung ist, hat er hör­bar über­haupt kein gespür, all das ent­zieht sich sei­ner auf­merk­sam­keit ganz und gar.

auch die dra­ma­tur­gie grö­ße­rer zusam­men­hän­ge ist sein ding nicht unbe­dingt. genau des­halb gelingt ihm der rest des abends auch viel bes­ser, näm­lich rich­tig gut. denn schon in brahms’ „hän­del-varia­tio­nen“ zeigt sich, wie viel gewinn es brin­gen kann, so einem empha­ti­schen pia­nis­ten zu lau­schen. sicher freut er sich manch­mal zu offen­sicht­lich an vir­tuo­sen spie­le­rei­en, aber das fällt kaum ins gewicht. denn inti­mi­tä­ten, klei­ne details, feins­te stim­mungs­ver­schie­bun­gen – das spürt er ganz genau und das kann er auch ganz prä­zi­se und mit­füh­lend zum klin­gen brin­gen. das führt mit­un­ter zu recht exal­tier­ten ergeb­nis­sen, aber selbst die sind emo­tio­nal immer ver­blüf­fend genau. denn toka­rew fühlt sich nicht nur in jede nuan­ce der musik ein, er errich­tet regel­rech­te par­al­lel­wel­ten des klangs, die ganz und gar aus gefüh­len zu bestehen schei­nen. das wur­de vor allem bei den „sin­fo­ni­schen etü­den“ von robert schu­mann deut­lich. toka­rew gelin­gen hier noch ein­mal groß­ar­ti­ge momen­te – aber es blei­ben momen­te, die mehr oder weni­ger unver­mit­telt neben­ein­an­der ste­hen. und es wird bei ihm wie­der zu musik, die den ver­stand nicht braucht und will: wer sich ganz auf’s mit­füh­len und mit­emp­fin­den ein­lässt, dem beschert niko­lai toka­rew vie­le inten­si­ve erfahrungen.

soweit mein „offi­zi­el­ler“ text zum ers­ten von mir besuch­ten kon­zert des dies­jäh­ri­gen main­zer musik­som­mers. rich­tig echauf­fiert habe ich mich dabei aber weni­ger über die musik – das ist zwar über­haupt nicht mein fall, die­se art von inter­pre­ta­ti­on – son­dern über das vor­wort im pro­gramm­heft, gezeich­net von peter stie­ber, swr2 lan­des­mu­sik­di­rek­ti­on, und dem main­zer kul­tur­de­zer­nen­te peter kra­wi­etz. was die bei­den da für einen unsinn ver­zap­fen, ist reich­lich unge­heu­er­lich. das fängt schon mit dem ers­ten satz an: „einen platz auf dem ima­gi­nä­ren sie­ger­trepp­chen der kul­tur-welt­meis­ter­schaft hat deutsch­land seit jah­ren sicher“ – was soll das denn bit­te sein, eine kul­tur-welt­meis­ter­schaft? ist eine beet­ho­ven-sona­te bes­ser als eine chi­ne­si­sche oper? wie­der mal ein typi­sches bei­spiel (und ein ziem­lich kras­ses) für den typisch euro­päi­schen kul­tur-chau­vi­nis­mus. aber damit ja noch nicht genug, zu rich­ti­gen höhen­flü­gen schwin­gen die bei­den (natür­lich auch bei­des män­ner…) erst spä­ter auf: „in der kul­tur geht es um höchst­lei­tung, unter­hal­tung, ästhe­tik, auch um sig oder nie­der­la­ge.“ das ist ja mal wie­der ech­ter blöd­sinn: kul­tur ist doch kein wett­kampf! das ist doch etwas fun­da­men­tal ande­res, in kunst (oder auch all­ge­mei­ner kul­tur) geht es um gelin­gen und nicht­ge­lin­gen, um ver­ste­hen und nicht­ver­ste­hen, nicht um sieg – das ist wie­der so eine blöd­sin­ni­ge kampf­rhe­to­rik, aus­ge­löst von der bescheu­er­ten fußball-wm.

und genau in dem ton­fall geht es dann mun­ter wei­ter: natür­lich wird auch die „kul­tur­na­ti­on“ deutsch­land wie­der ein­mal bemüht – auch so ein hane­büch­ner unsinn, der durch stän­di­ge wie­der­ho­lung auch nicht wah­rer wird: haben ande­re natio­nen kei­ne oder weni­ger kul­tur? was ist das eigent­lich für ein anti­quier­ter und unre­flek­tier­ter kul­tur­be­griff, der hier kur­siert? und das bei soge­nann­ten „ent­schei­dern“ der kul­tur­för­de­rung! das ein­zi­ge, was deutsch­land auf dem gebiet der kul­tur von ande­ren natio­nen unter­schei­det, ist doch höchs­tens sei­ne beson­ders aus­ge­präg­te und insti­tu­tio­na­li­sier­te musea­le pfle­ge der tra­di­tio­nen des 18. und vor allem 19. jahr­hun­derts in kon­zert, thea­ter, lite­ra­tur und kunst. das schlimms­te kommt aber erst noch: kul­tur, so wird zumin­dest unter­schwel­lig nahe­ge­legt, ist vor allem eine sache der eli­ten – auch wie­der so ein blöd­sinn, für den man stie­ber sofort frist­los ent­las­sen soll­te. schließ­lich ist er in der lei­tung einer öffent­lich-recht­li­chen anstalt beschäf­tigt, die von allen finan­ziert wird. was hin­ter sol­chen ideen für ein demo­kra­tie­ver­ständ­nis steht, will ich gar nicht so genau wissen…

doch selbst wenn man den bei­den chefs zugu­te hal­ten will, dass es ihnen ja um etwas posi­ti­ves, den erhalt der kul­tur, geht (was ich so nicht unbe­dingt tun wür­de), ihr argu­men­ta­ti­ons­an­satz und ihre begrün­dung ist ein­fach völ­lig dane­ben. „kul­tur ist eine wert­vol­le res­sour­ce für den gesell­schaft­li­chen fort­schritt, sie för­dert sozia­le kom­pe­tenz, intel­li­genz und erhöht die lebens­qua­li­tät.“ und das sehen die bei­den als kon­trär zu den die dis­kus­si­on bestim­men­den „öko­no­mi­schen kon­junk­tur­da­ten“? das ist das das­sel­be in grün… man kann sicher­lich die kul­tur im rah­men einer teleo­lo­gi­schen, mehr oder weni­ger uti­li­ta­ris­ti­schen ästhe­tik auf bestimm­te zie­le und idea­le ver­pflich­ten (jost her­mand tut das ja zum bei­spiel), aber eigent­lich soll­te, so mei­ne ich, kul­tur doch mehr sein. das gilt vor allem für ihren in die­sem zusam­men­hang eigent­lich gemein­ten teil, die kunst. die soll­te näm­lich außer­dem auch einen eigen­wert haben (von auto­no­mie muss man ja noch gar nicht unbe­dingt reden), sonst ist sie doch recht eigent­lich kei­ne kunst, son­dern „nur“ eine kul­tur­leis­tung unter vie­len ande­ren (und bräuch­te wohl auch nicht die finan­zi­el­le und struk­tu­rel­le för­de­rung, die sie bei uns – zu recht – erhält). aber die unter­schei­dung von kunst und kul­tur ist auch wie­der eine kul­tur­leis­tung, die stie­ber und kra­wi­etz offen­bar noch nicht so recht geglückt ist.

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