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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Erste Wahl

irè­ne schwei­zer erfährt ja schon län­ger mei­ne hoch­ach­tung – sie ist ein­fach eine rund­um her­vor­ra­ge­ne musi­ke­rin (dia­bo­li­ques und die vie­len duos bezeu­gen das immer wie­der). und sie ver­sorgt mich auch immer wie­der mit ganz span­nen­den kla­vier-solo erfah­run­gen, die weit über das hin­aus­ge­hen, wofür leu­te wie keith jar­rett und kon­sor­ten immer noch gefei­ert wer­den. der bezugs­punkt ist hier natür­lich auch wohl eher cecil tay­lor – und auf ihre wei­se darf man irè­ne schwei­zer durch­aus auf tay­lors stu­fe stellen.

auch „first choice“, die cd-auf­nah­me des jubi­lä­ums­kon­zerts im kkl luzern (intakt) besticht durch die typi­schen schwei­zer-qua­li­tä­ten. in ers­ter linie ist da zu nen­nen: die abso­lut erstaun­li­che, ver­blüf­fen­de klar­heit der klang­ge­stal­tung – hier ist das auch ein ver­dienst der aus­ge­zeich­ne­ten ton­tech­nik. auch die viel­sei­tig­keit ihrer klang­far­ben ist wie­der zu bewun­dern, v.a. aber – und das macht die cd für mich so beson­ders reiz­voll, weil das mei­nen momen­tan­ten ganz gene­rel­len ästhe­ti­schen vor­lie­ben ganz beson­ders gut ent­spricht – ist es die wahn­sin­ni­ge luzi­di­tät der ent­wick­lung, die mich begeis­tert: das sind wirk­li­che akus­ti­sche licht­bli­cke, gro­ße musik. mehr muss man eigent­lich gar nicht sagen. aber man kann.
was mit die­ser lob­hu­de­lei gemeint ist, zei­gen schon die umfas­sen­de lini­en der ers­ten gro­ßen impro­vi­sa­ti­on, first choice: zwan­zig minu­ten, die wie im flu­ge ver­ge­hen, ganz ohne gro­ßes tra­ra, aber vol­ler ideen und ein­fäl­le, die­in ihrer gesamt­heit einen abso­lu­ten flow erzeu­gen – aber, und das ist eben schwei­zers genie, man muss nicht aufs ende war­ten, um die genia­li­tät und fri­sche die­ser musik zu erfah­ren – sie steckt näm­lich in (fast) jeder note.
mit direk­ter erfahr­ba­rer moti­vik und stär­ke­ren ener­ge­ti­schen impul­sen war­tet dann „into the hall of fame“ auf, immer­hin auch noch fast 10 minu­ten impro­vi­sier­tes spiel an den tas­ten. dann kom­men noch eini­ge klei­ne­re stü­cke, mit klas­si­kern – schwei­ze­res eige­ne kom­po­si­ti­on „the bal­lad of the sad café“ etwa: sehr zurück­ge­nom­men, schlicht und ein­fach melan­cho­lisch schwe­bend, eben „sad“, aber auch sehr „fein“ und kul­ti­viert. wie schwei­zer über­haupt immer deut­li­cher auf alles brim­bo­ri­um ver­zich­tet, immer deut­li­cher den ver­such macht, zum kern der aus­drucks­ge­walt von impro­vi­sier­ter musik vor­zu­drin­gen, ohne die gan­zen über­flüs­sig gewor­de­nen ges­ten und (revier-)markierungen. beim ers­ten hören: etwas gemes­se­ner, ruhi­ger im posi­ti­ven sin­ne, näm­lich poe­ti­scher, oft sogar zärt­li­cher als frü­he­re soli (man den­ke nur an die „wil­de seno­ri­tas“!) – dabei nicht ver­weich­licht, aber doch befreit von der not­wen­dig­keit des revo­lu­tio­nä­ren befrei­ungs­schla­ges, von der kämp­fe­ri­schen behaup­tung der frei­heit der musik, der impro­vi­sa­ti­on, die sich im krie­ge­ri­schen tas­ten­ge­wit­ter ent­lädt – so etwas fin­det sich in die­ser auf­nah­me eigent­lich gar nicht, zumin­dest nicht in rein­form, nur als bewuss­tes zitat, motiv, als form­bau­stein (in „first choice“ etwa).

die tech­ni­schen mög­lich­kei­ten, die der frei­en impro­vi­sa­ti­on am flü­gel heu­te, nach jahr­zehn­ten neu­er musik und free jazz, zu ver­fü­gung ste­hen, demons­triert sehr schön die fast schon stu­die oder etü­de zu nen­nen­de impro­vi­sa­ti­on „scrat­ching at the kkl“ – schwei­zer beschränkt sich dabei in der tat (fast) voll­stän­dig auf die­se art der ton­erzeu­gung, genau­er gesagt, des spiels eines tas­ten­in­stru­men­tes ohne die tas­ten, näm­lich im inne­ren des flü­gels, direkt an, auf und neben den sai­ten. weil schwei­zer aber eben in ers­ter linie musi­ke­rin ist, wird dar­aus auch wie­der ech­te musik und nicht nur die zum gäh­nen lang­wei­li­gen tech­ni­schen fir­le­fanz-spie­le­rei­en der hul­di­gun­gen an den material-fetischismus.

schwei­zer über­führt das eher expe­ri­men­tel­le klang­stück fol­ge­rich­tig in „the loneli­ne­ss of the long distance pia­no play­er“ – als mot­to könn­te das über gro­ße tei­le ihrer kar­rie­re geschrie­ben wer­den. erschöp­fung, anstren­gung der krea­ti­ven her­vor­brin­gung… das ist offen­bar die not­wen­di­ge klei­ne atem­pau­se, denn mit theo­lo­nious mon­ks „oska t.“ legt schwei­zer noch ein­mal so rich­tig los, geht sozu­sa­gen schon fast in den end­spurt: stär­ker ryhth­misch betont.… dage­gen wirkt – für mich – das abschlie­ßen­de „jungle beats ii“ doch ein wenig wie ein fremd­kör­per, etwas leer und ziel­los scheint mir das (im ver­gleich zum anfang der auf­nah­me vor allem)

kugelblitze sausen quer durch die lüfte und mittenhinein in mein literarisches nervenzentrum

noch eine frucht des wochen­en­des: end­lich habe ich ulri­ke draes­ners letz­ten gedicht­band mit dem titel kugel­blitz (mün­chen: luch­ter­hand 2005) gele­sen – er lag ja schon eine wei­le bereit und hat auch schon zwei anläu­fe hin­ter sich gehabt, die aller­dings bei­de ins lee­re lie­fen. auch die­ses mal reich­te die begeis­te­rung nicht für den gan­zen band, der in drei gro­ße abschnit­te (mit vor­spiel und nach­spiel) unter­teilt ist: „(lie­ben)“, „(krie­ge)“ und „(spä­ter)“. fas­zi­niert hat mich vor allem der ers­te teil, im zwei­ten abschnitt fand ich viel mehr rou­ti­ne und lan­ge­wei­le für den leser, der drit­te teil zeigt aber dann wie­der stark nach oben.

das ist wirk­lich zeit­ge­nös­si­sche, moder­ne (oder schon zwei­te moder­ne?) lyrik. wesent­li­ches, immer wie­der auf­tau­chen­des moment ist die erfah­rung der natur bezie­hungs­wei­se die pro­ble­me mit der erfahr­bar­keit von natur, mit dem kon­takt zwi­schen mensch und natur, v.a. die unfä­hig­keit des ver­ste­hens ihrer zei­chen und die uner­klär­lich­keit ihrer vor­gän­ge: „nie /​sag­te jemand /​ein beg­re­fi­li­ches /​wort dazu“ (9). eben­so wie­der­keh­rend: die gemacht­heit der natur­er­fah­rung. dazu pas­sen die dunk­len ver­glei­che natur – technik/​zivilisation, wie sie in der „enten­brust“ der stra­ßen­bahn auf­taucht. und fol­ge­rich­tig heißt ein gedicht dann auch „novo e raro mira­col di natura“.

natur ist dabei (natür­lich [!]) nie ein­fach nur noch natur, son­dern erst in abgren­zung vom men­schen zur natur gewor­den. dabei wird sie aber gera­de in ihrer zwit­ter­stel­lung inter­es­sant: natur scheint hier als das ande­re auf, das gro­ße gegen­über – aber (zumin­dest schein­bar) befin­det es sich auch als sol­ches wenigs­tens teil­wei­se in der ver­fü­gungs­ge­walt des men­schen – die elek­tri­zi­tät ist, beim titel des buches nicht ver­wun­der­lich, ein gern genutz­tes bild dafür: „hüh­ner säu­bern ihr ei wäh­rend du dir bereits /​einen ihrer schen­kel in den mund“ (16, novo e raro micaol di natura)

das vor­drin­gen der (noch unge­bän­dig­ten) natur in den zivi­li­sa­ti­ons­raum, das hoheits­ge­biet des men­schen als ver­nunft­be­gab­tem tier – dafür steht natür­lich schon das titel­ge­ben­de bild des kugel­blit­zes: als blitz ist er zwar ein ele­men­ta­res und voll­kom­men unmit­tel­ba­res natur­er­eig­nis. aber er ist es nicht in nor­ma­ler erschei­nung, son­dern qua­si geformt, in behaup­te­ter (näm­lich vom men­schen) kugel-form, also einer geo­me­trisch „per­fek­ten“ form, d.h. der blitz wird zu einer rein nach ver­nunft­grün­den geform­ten erschei­nung (gedeu­tet). nicht nur natur wird zur zivi­li­sa­ti­on, son­dern auch und vor allem geschieht der trans­for­ma­ti­ons­vor­gang in ent­ge­gen­ge­setz­ter rich­tung, vom men­schen in die natur. aber das führt zu rei­bun­gen, zu zusam­men­stö­ßen: die natur bleibt eben auch dann noch, wenn men­schen sie nach eige­nen „ideen“ for­men wol­len, „ver­schlos­sen“, dun­kel und unver­ständ­lich: “ er dach­te auf ihn. /​so ver­ste­hen wir ‚natur‘. ist toll­wut /​wenn einer sich wehrt? ach, es bud­delt /​nach zufall, pfeift auf gedächt­nis, mischt.“ (77)

dazu wird dann vor draes­ner als kunst­voll erdach­ter und aus­ge­führ­ter kon­tra­punkt das dia­lo­gi­sche moment der gedich­te (in der ers­ten und der drit­ten per­son, im indi­ka­tiv und kon­junk­tiv), die anre­de des „du“ ein­ge­führt: der ver­such, die lie­be zu beschrei­ben, zu kon­sta­tie­ren, zu behaup­ten und selbst­ver­ständ­lich auch wie­der zu for­men – samt den not­wen­dig dam­ti ein­her­ge­hen­den zwei­feln. der ers­te gro­ße teil des buches heißt nicht umsonst „(lie­be)“. und spä­ter heißt es ein­mal: „falls dies stimmt /​/​wird auch das paar eine ver­mu­tung sein“ (22). die lie­be, also die ver­bin­dung von ich und du zum wir, steht dabei genau wie schon das sub­jekt für sich, immer in fra­ge, ist nicht mehr ohne wei­te­res als gelin­gen­de vor­aus­zu­set­zen: „das röhr­chen der lie­be (ver­lo­ren)“ (28), „siche­rer auch /​/​du?“ (30)

das gan­ze geschieht eigent­lich immer in sehr geziel­tem auf­bau und mehr­deu­tig­kei­ten: über­lap­pen­de sät­ze ohne glie­de­rungs­zei­chen, per­fek­ti­on des enjam­be­ments, sei­ner mehr­deu­tig­keit im syn­tak­ti­schen sinn sind mit­tel, die draes­ner per­fek­tio­niert hat. dazu passt auch der hohe grad an refle­kiert­heit – nie etwas unbe­dach­tes, kein wort, über das nicht nach­ge­dacht wur­de – genau das, was lyrik eben aus­ma­chen (soll­te). das wie­der­um ent­spricht der unmög­lich­keit der unmit­tel­ba­ren erfah­rung, von der eigent­lich auch jedes gedicht berich­tet – das wah­re träu­men: „sie dach­te wie solch ein tier wohl schläft mit dem blu­men­topf­rü­cken /​und sah mit brau­nem zucker bestreut all das ver­täum­te tra­ra /​(angeb­lich des traums) aber sofort war er wach (die ohren) sofort /​/​fiel er wie­der um wie ein kind – wie es weint – alle /​gefüh­le also sei­en erlernt“ (19). schuld an die­ser grund­le­gen­den ent­frem­dung des men­schen von sei­ner umge­bung und sei­ner selbst ist z.b. die „nähe von maschi­nen“ (19, so heißt das gedicht)

wie es sich für echt moder­ne lyrik gehört (und das ver­ges­sen ja vie­le autoren und ande­re lei­der immer wie­der) wird außer­dem auch die gene­rel­le pro­ble­ma­tik des sub­jek­tes, sei­ner iden­ti­tät und die der ande­rer men­schen (als adres­sa­ten – der spra­che, der lyrik, der lie­be) the­ma­ti­siert. „dies löch­ri­ge tuch ich spre­che /​/​dich /​/​durch es. wenn ich sage ‚du‘. wenn /​cih sage ‚ich woll­te …‘ ‚ich …‘ ein /​kin­der­ge­sicht. oh gesperrt! löch­ri­ger /​/​busch: so sprech ich dich wenn. /​ich sage: du, eben, lüs­tern“ an ande­rer stel­le heißt es dann: „du bist. doch wo? /​[…] du bist nicht /​wo nicht wen, du /​gehst, der wald steht still. /​[…] /​[…] ein /​schat­ten ruft. was altes /​weiß von dir. die keh­le /​streckt sich schon. der /​wolf liebt sei­nen satz. /​das rudel ruft.“ (81, vor gram­ma­tik). und damit wird auch der nächs­te gro­ße the­men­kom­plex die­ser lyrik deut­lich: außer­dem in fra­ge gestellt wer­den die wor­te in all­ge­mei­nen. genau­er gesagt, wird auch hier nur die grund­le­gen­de erfah­rung der moder­ne, das alles in fra­ge steht, nur noch bekräf­tigt, auf­ge­nom­men und ver­ar­bei­tet. beson­ders gilt dies natür­lich für die ver­bin­dung wort – ding: „das eich­hörn­chen dreh­te /​die nuss eif­rig wie wir das wort ‚nuss‘ /​im gehirn“ (23). auch ein titel greift das auf: „tau­cher, rade­brech /​(vom vier­fa­chen sinn der schrift)“ (82). die ver­ge­gen­wär­ti­gung der schil­ler­schen bal­la­de geht dann unge­fähr so: „anzü­ge mit füßen hin­gen /​am gelän­der, im trock­ner /​hin­gen köp­fe /​/​je wei­ter ein boot ent­fernt ist /​umso tie­fer nach unten muss man /​um es zu hören /​/​mit dem andrang der schwär­ze /​gegen die mas­ke vorm gesicht. /​/​ertrinken.verstehen“ (82) – das ist natür­lich die tra­gik über­haupt: erst ertrin­ken, dann ver­ste­hen … die bei­den letz­ten gedich­te füh­ren das noch ein­mal alles zusam­men. da heißt es dann „sehn­sucht rief mich /​hast du ner­ven /​gern kom­me ich gern /​bin dei­ner stim­me ich /​gefolgt /​immer so blu­men /​blit­zend, ver­wirrt (84), wäh­rend die letz­ten zei­len, das post­skrip­tum (außer­halb der drei gro­ßen tei­le) die schrift­form schon nahe­zu voll­stän­dig ver­lo­ren ist und nur noch spra­che ist – in laut­schrift notiert, auf eng­lisch – wenn ich das rich­tig ent­zif­fert habe, steht da: „you too /​loved you /​was invented“

der zwei­te teil, „(krie­ge)“, blieb mir zumin­dest bei der ers­ten lek­tü­re jetzt ver­schlos­se­ner, nüch­ter­ner und oft auch deut­lich gewoll­ter. die poli­ti­sche absicht etwa lässt sich zu leicht spü­ren und fas­sen – das tut der (kunst-)erfahrung der lyrik nicht gut. dabei ver­lie­ren die gedich­te glei­cher­ma­ßen an deut­lich­keit wie an der so fas­zi­nie­rend, weil stu­pend beherrsch­ten mehrdeutigkeit.
„mit eige­nen augen sehen: getrimmt /​zoo­men begrif­fe weg. bis wir tröp­felnd /​vor sehn­sucht und glau­ben dalie­gen wie /​der kopf einer gelieb­ten kat­ze unter /​einer hand, die uns strei­chelt oder streicht,“ (62f)

das ist alles zusam­men natür­lich ein fast wahn­sin­ni­ges pro­gramm. wer glaubt, ob all die­ser fra­gen, die­ser theo­re­tisch-reflek­tie­ren­den gedan­ken­gän­gen gin­ge der kunst­cha­rak­ter der gedich­te ver­lo­ren, der itt. denn es ist kein wahn, kei­ne hybris. denn die gedich­te blei­ben trotz der gefahr der theo­re­ti­schen über­las­tung meist, d.h. in ihren über­wie­gen­den tei­len, immer auch sinn­li­che gebil­de. eine unmit­tel­ba­re qua­li­tät der fügung ihrer wor­te (weni­ger der rhyth­men, mehr aus dem klang und den ver­misch­ten, kreuz und quer geschich­te­ten bild­lich­kei­ten gear­bei­tet) fes­selt das lesen­de auge und hirn, die vor­stel­lungs­kraft. und sie zeu­gen von der fas­zi­nie­ren­den kon­zen­tra­ti­on, die die­se gedich­te bestimmt. mehr lässt sich von lyrik eigent­lich kaum noch ver­lan­gen. man­ches ist dabei durch­aus grenz­wer­tig – qua­li­täts­mä­ßig gese­hen: wenn genau die­se kon­zen­tra­ti­on sich ver­liert, wirkt das gan­ze sehr schnell nur noch manie­ris­tisch. aber es bleibt fest­zu­hal­ten: das sind 85 sei­ten pure poe­sie unse­rer zeit mit der ver­hei­ßung, die­se auch zu über­dau­ern. w

dunkle bilder und düstere texte

das soll jetzt nicht den ein­druck erwe­cken, bei peter schü­ne­manns klei­nem, aber fei­nem band mit erzäh­lun­gen: dunk­les bild (mün­chen: han­ser 2005) han­de­le es sich um depres­si­ve pro­sa. aber die erfah­rung der dun­kel­heit in ver­schie­de­nen gra­den, der düs­ter­nis (gera­de im kon­trast mit den auf­schei­nen­den licht(blitzen)) ist doch ein pär­gen­des ele­ment die­ser drei herr­li­chen tex­te. ihre dun­kel­heit, sprach­macht und ja, auch ihre men­schen­lie­be, sowie natür­lich ihre bild­lich­keit erin­nern mich teil­wei­se (v.a. im dunk­len bild) doch recht deut­lich an tex­te von chris­toph rans­mayr, beson­ders des­sen letz­te welt.

zwei tex­te haben mich beson­ders beein­druckt: zunächst der die samm­lung eröff­nen­den und titel­ge­ben­de, dunk­les bild. schü­ne­mann erzählt in andeu­tun­gen, sorg­fäl­tig gesteu­er­te infor­ma­ti­ons­ver­ga­be (d.h. vor allem infor­ma­ti­ons­kon­trol­le: das ist einer die­ser ganz sel­te­nen tex­te, die nur ganz wenig und nur ganz all­mäh­lich mit­tei­len, aber den­noch unge­heu­er leben­dig und fas­zi­nie­rend sind), der erzählt also von einem maler, der vor­über­ge­hend (die grün­de und umstän­de sind nicht so ganz klar), ein blin­des kind bei sich auf­ge­nom­men hat. zusam­men erfah­ren sie vor allem die käl­te (und den man­gel über­haupt). der maler ist auf der suche, auf der rei­se zu einem unge­mal­ten und unge­se­he­nen bild – er wird es erst im moment sei­nes selbst­mor­des erken­nen, der so zu einem wah­ren und wirk­li­chen moment der erlö­sung und der schau der rei­nen wahr­heit (was natür­lich auch einen anspie­lung auf nova­lis, der jüng­ling zu sais, ist) wird (übri­gens ist der tod (absicht­lich her­bei­ge­führt oder nicht) zen­tra­les motiv von schü­ne­manns erzäh­lun­gen): „dann ließ ich los; un in der ver­hal­len­den sekun­de sah ich end­lich das bild, es waren nicht mehr die kal­ten augen der sta­tu­en, jahr­tau­send­alt, es war das klei­ne gesicht, weiß, die ver­brann­te hoff­nung in der licht­lo­sen nacht, nur sehr fern und allein das zar­te leuch­ten in der tie­fe sei­ner augen, das bild nun, nach dem ich geforscht, und der lei­se laut, der micht im sturz noch traf. “ (24)

im zitat wird die qua­li­tät der schü­ne­mann­schen pro­sa schon ziem­lich deut­lich: expres­sio­nis­tisch beein­flusst, man könn­te es fast eine bil­der­or­gie nen­nen. die spra­che lebt von der kraft ihrer bild­lich­keit, d.h. ihrer meta­phern und ver­glei­che. beson­ders in der mas­sie­rung wirkt das gera­de in dunk­les bild unge­heu­er kon­zen­triert – obwohl die­se erzäh­lung nur ein kur­zes stück ist, so ist sie doch von fes­seln­der, unbe­zwun­ge­ner und unge­zähm­ter, also unmit­tel­ba­rer kraft. aller­dings eben nicht so, wie das im moment eher zeit­ge­mäß wäre, als schein­ba­re rea­li­täts­na­he, unmit­tel­ba­re spra­che ohne stil­wil­len. gera­de der enor­me stil­wil­len, die enor­me geformt­heit der spra­che, der wor­te und ihrer ver­knüp­fun­gen zu sät­zen und absät­zen, ist es erst, was mich beim lesen so unge­heu­er fes­selt. dazu kommt dann die bereits ange­spro­che­ne rei­che meta­pho­rik und die post­fi­gu­ra­ti­ve motivik.

die treibt vor allem in der zwei­ten erzäh­lung, zwie­land. eine büch­ner suite, ihre spiel­chen mit dem leser. denn die­ser text ist bis zum über­quel­len voll­ge­stopft mit anspie­lun­ge­nen, wie­der­auf­nah­men, abwan­deln­dem auf­grei­fen von bestimm­ten for­mu­lie­run­gen, moti­ven, ideen aus büch­ners tex­ten – aus dem dan­ton, aus leon­ce und lena, natür­lich aus dem lenz, aber auch aus den brie­fen und vie­lem ande­ren mehr. die erzähl­si­tua­ti­on ist recht ein­fach: eine betrach­tung der letz­ten tage georg büch­ners. der autor liegt mit faul­fie­ber in sei­ner eige­nen vari­an­te der matra­zen­gruft, wird von caro­li­ne und wil­helm schulz gepflegt, von min­na besucht. das gan­ze sowohl in der eigen­per­spek­ti­ve büch­ners als auch beob­ach­tend, mit gro­ßer klar­heit als auch im fie­ber­traum eine para­dies der post­fi­gu­ra­tio­nen im quer­gang durch rück­blick, bio­gra­phie und werkschau.

der drit­te text in die­sem band, die novel­le zen­ons spur, scheint mir gegen die­se bei­den erzäh­lun­gen etwas abzu­fal­len. jetzt ist es vor allem die auf­lö­sung des (künst­le­ri­schen) lebens in das nichts, das erzählt wird: ein bru­der­paar, maler und schrift­stel­ler, an der schwel­le zum tod. der maler, epi­lep­ti­ker, erliegt einer krank­heit, hat zuvor noch sämt­li­che über­res­te sei­ner künst­le­ri­schen tätig­keit getilgt. sein bru­der, schrift­stel­ler, folgt ihm offen­bar in den tod. mir aller­dings fehlt die­ser novel­le die spann­kraft, das fes­seln­de moment oder ein­fach die kon­zen­tra­ti­on der bei­den ande­ren erzäh­lun­gen. es kann frei­lich auch sein, dass ich nur noch nicht den pas­sen­den zugang, den rich­ti­gen moment der lek­tü­re erwischt habe.

als gan­zes mag das zwar zunächst wie ein reich­lich ana­chro­nis­ti­sches unter­neh­men erschei­nen, was schü­ne­mann hier vor­legt. aber jen­seits von plat­tem aktua­li­täts­drang, von pseu­do-kunst und gewoll­ter bedeut­sam­keit, ist das offen­sicht­lich ein ver­such der ver­schmel­zung: das durch­aus in hohen dosen vor­han­den pathos die­ser expres­sio­nis­tisch ange­hauch­ten spra­che und ihrer väter wie kleist, nova­lis, höl­der­lin (büch­ner natür­lich auch) zeigt sei­ne über­zeit­lich­keit, stellt sei­ne wei­ter­hin mög­li­che funk­ti­on auch im 20. (alle tex­te sind nicht mehr ganz tau­frisch) bzw. natür­lich auch im 21. jahr­hun­dert zumin­dest zur dis­kus­si­on, wenn nicht gar unter beweis. zumin­dest ich möch­te das behaup­ten, denn der ver­such, das echo, den ruf ver­gan­ge­ner zei­ten hier ein­zu­fan­gen und leben­dig und vor allem wirk­mäch­tig zu machen, ist schü­ne­mann offen­sicht­lich gelun­gen. das sagt nun aller­dings wenig über die all­ge­mei­ne ver­füg­bar­keit die­ser art von spra­che (die auch eine bestimm­te art des den­kens, vor allem aber der wahr­neh­mung der welt und des sub­jek­tes impli­ziert) aus – peter schü­ne­mann kann dar­über gebie­ten, und das ist ein glor­rei­cher sieg für den autor, aber auch für den leser, der dafür noch ein paar offe­ne ner­ven­enden hat.

die all­jähr­li­che som­mer­loch-repor­ta­ge erwischt heu­te die orgel­an­la­ge im main­zer dom. in der rhein-zei­tung noch mit schö­nen fotos garniert.

die köni­gin ist über­all zugleich und tritt in vie­ler­lei ver­klei­dung her­vor. sie wis­pert ein­mal zart aus dem west­chor, braust unmit­tel­bar darauft mit der gan­zen kraft ihrer mecha­ni­schen lun­gen über das chor­ge­stühl. und vom ost­chor kommt ver­hal­ten das sanft tönen­de echo zurück: das ist die orgel im main­zer dom.

sie kann selbst im son­nigs­ten hoch­som­mer den advent her­auf beschwö­ren und weih­na­chen in unmit­tel­ba­re nähe rücken. denn mit ihrem uner­schöpf­li­chen reich­tum an klang­far­ben und fein abge­stuf­ten laut­stär­ken lässt sie dem orga­nis­ten freie hand: sie lässt ihn melan­cho­li­sche trau­er andeu­ten, in über­schäu­men­der freu­de jubeln oder mit sanf­ter ein­dring­lich­keit zur ein­kehr mah­nen. denn seit dem letz­ten gro­ßen umbau von 1965 ist die main­zer dom­or­gel ein instru­ment, das es so nur ein­mal in deutsch­land gibt. eigent­lich besteht sie aus gleich vier orgeln: da ist die hin­ter dem chor­ge­stühl ver­steck­te orgel im west­chor und eine kom­plet­te orgel auf der ande­ren sei­te des doms, im ost­chor. dazu kommt das instru­ment an der nord­wand des quer­hau­ses und natür­lich das zen­trum, die pfei­fen auf der süd­em­po­re. dort steht auch der spiel­tisch, von dem der dom­or­ga­nist albert schön­ber­ger die fast 8000 pfei­fen der 114 regis­ter beherrst. denn wenn die orgel die köni­gin der instru­men­te ist, dann müss­te schön­ber­ger der könig der musik im main­zer dom sein. aber dafür ist er frei­lich viel zu beschei­den und zurück­hal­tend: ihn inter­es­sie­ren nur die mög­lich­kei­ten, die das zusam­men­spiel von raum und klang für die musik ber­gen. auf die ein­ma­li­ge anla­ge der main­zer dom­or­geln ist er aber schon ein wenig stolz. schließ­lich steht hier der größ­te spiel­tisch deutsch­lands: eine kom­pli­zier­te steu­er­zen­tra­le, die so man­chem flug­zeug zur ehre gerei­chen wür­de. nicht nur sechs tas­ta­tu­ren und die peda­le, die unzäh­li­gen schal­ter und steue­run­gen für die ein­zel­nen regis­ter, zur farb­wahl, auch tele­fon, laut­spre­cher, mikro­fon und video­ka­me­ra samt bild­schirm hat der orga­nist an sei­nem arbeits­platz oben auf der süd­li­chen chorempore.

die im gan­zen raum ver­teil­ten ein­zel­tei­le der gro­ßen orgeln machen dem orga­nis­ten das leben und vor allem das spie­len aller­dingst nicht gera­de leicht. die main­zer orgel gehört selbst für den dom­or­ga­nis­ten albert schön­ber­ger zu den am schwers­ten zu bespie­len­den orgeln über­haupt. aber sie hat für ihn auch einen unschätz­ba­ren vor­teil: „sie bringt den raum zum schwin­gen – kaum eine kir­che ist so von klang erfüllt wie der main­zer dom“, schwärmt er. dafür nimmt er dann nicht nur den stei­len auf­stieg über die enge wen­del­trep­pe auf die süd­em­po­re ger­ne in kauf, son­dern auch den umstand, dass er immer wie­der „auf den hei­li­gen geist war­ten muss, mit strom und luft“. bis der ton, den sein fin­ger­druck auf die tas­te erzeugt, ihm über­haupt zu ohren kommt, dau­ert es näm­lich stets eini­ge sekun­den – der teil der orgel im ost­chor ist weit ent­fernt. aber schön­ber­ger wür­de die­se beson­de­ren spi­ri­tu­el­len mög­lich­kei­ten nie auf­ge­ben wol­len: „der raum ver­edelt die musik nach sei­ner art. die impul­se muss man als orga­nist natür­lich auf­neh­men“ – und dafür ist schön­ber­ger ja auch genau der rich­ti­ge, näm­lich ein raf­fi­nier­ter und gewand­ter impro­vi­sa­tor. frei­lich, bei der dar­stel­lung von orgel­wer­ken mit beson­ders kunst­voll ver­schlun­ge­nen stim­men bekommt aller­dings auch er pro­ble­me: der lan­ge nach­hall lässt hier vie­les ein­fach ver­schwin­den. doch für sol­che musik hat schön­ber­ger inzwi­schen noch eine extra-orgel, die in der gott­hard-kapel­le steht. ein neu­bau, in klas­si­scher tra­di­ti­on gefer­tigt, bes­tens geeig­net für poly­pho­ne orgel­wer­ke vom barock bis in die romantik.

das aller­neu­es­te ele­ment in die­sem tönen­den orga­nis­mus sind aber die kar­di­nal­s­trom­pe­ten, die zum zwan­zig­jäh­ren jub­liäum von bischof leh­mann 2003 in die wäch­ter­stu­be ein­ge­baut wur­den. und sie sind mit sicher­heit der spek­ta­ku­lärs­te teil: fern­ge­steu­ert schal­tet sich das licht in der wäch­ter­stu­be ein, die fens­ter zum dom öff­nen sich auto­ma­tisch und die auf einen schlit­ten mon­tie­ren trom­pe­ten­pfei­fen fah­ren in den dom hin­ein – und schmet­tern dann so rich­tig los.

so eine gewal­ti­ge anla­ge braucht auch eine men­ge pfle­ge. vor allem, wenn sie in die jah­re gekom­men ist. die haupt­tei­le der orgel sind mitt­ler­wei­le über 40 jah­re in betrieb und des­halb sehr stör­an­fäl­lig: „die elek­tri­schen kon­tak­te, die lei­tun­gen – das ist damals alles sehr bil­lig und ein­fach gebaut wor­den. und heu­te haben wir unheim­li­che pro­ble­me damit“, erzählt schön­ber­ger. der orgel­bau­er ernst-micha­el breit­mann ist immer wie­der im ein­satz, um defek­te tei­le aus­zu­tau­schen und über­haupt die spiel­bar­keit der dom­or­geln zu sichern. doch abge­se­hen davon zeigt sich schön­ber­ger immer noch sehr zufrie­den mit sei­nem instru­ment. auch bei der sanie­rung des dom­in­nen­rau­mes in den nächs­ten jah­ren wird es wohl kei­ne grund­le­gen­den ände­run­gen geben. „hier und da lässt sich noch etwas opti­mie­ren, damit die gemein­de von der orgel bes­ser ange­spro­chen wer­den kann. die orgel spielt näm­lich über­all hin, nur nicht dort, wo die gemein­de ver­sam­melt ist“, gesteht er ein. aber an der beson­de­ren ver­tei­lung der orgeln über den dom­raum möch­te er aber unbe­dingt festhalten.

deutsche literaturgeschichte in einer stunde

auch wenn kla­bund der ver­fas­ser der jetzt als nach­druck der zwei­ten auf­la­ge von 1921 beim tex­tem-ver­lag erschie­nen deut­schen lite­ra­tur­ge­schich­te in einer stun­de. von den ältes­ten zei­ten bis zur gegen­wart ist – die auto­ri­tät des schrift­stel­lers reicht in die­sem fal­le nicht aus, über die män­gel sol­cher unter­neh­men hin­weg­zu­täu­schen. das sind natür­lich zufor­derst ganz prin­zi­pi­el­le – eine sol­che „lite­ra­tur­ge­schich­te“ kann weder lite­ra­tur noch geschich­te sein, sie ist bloß eine knap­pe ver­samm­lung der höhen­kamm­li­te­ra­tur, eine auf­zäh­lung des kanons. auch wenn kla­bund sein ziel noch anders ver­fehlt – in einer stun­de wird der text kaum zu schaf­fen sein, ich brauch­te fast drei dafür (und habe nicht sehr getrö­delt). auf­fal­lend an kla­bunds unter­neh­mung sind eher die immer wie­der ein­ge­streu­ten unbe­kann­ten namen – z.b. johann chris­ti­an gün­ther, zu dem ihm ein­fällt: „wie ein sturm­wind braust [er], der göt­ter­bo­te einer neu­en zeit, in die deut­sche dich­tung.“ (35) anläss­lich eines ande­ren unbe­kann­ten schwingt er sich zu wah­ren groß­ta­ten auf: salo­mon „geß­ner war ein­mal eine euro­päi­sche berühmt­heit. es wird nicht bes­ser wer­den in der welt, ehe es geß­ner nicht wie­der ist. wir wer­den erst dann ewi­gen frie­den haben, wenn arka­di­sche dich­ter wie er wahr­haft popu­lär gewor­den sind.“ (41)

und damit sind wir ja auch schon beim eigent­li­chen pro­blem: kla­bund ist ein beken­nen­der und gna­den­lo­ser empha­ti­ker, um eine kürz­lich auf­ge­brach­te unter­schei­dung hier anzu­wen­den. als autor hat er natür­lich jedes recht, ein sol­cher zu sein – als lite­r­ar­his­to­ri­ker mei­nes erach­tens aber über­haupt kei­nes. und es ist natür­lich sehr pas­send, dass aus­ge­rech­net vol­ker wei­der­mann, an des­sen „licht­jah­re“ sich die von hubert win­kels (zeit vom 30.3.) ein­ge­führ­te unter­schei­dung der lite­ra­tur­kri­ti­ker zwi­schen empha­ti­kern und gnos­ti­kern über­haupt ent­zün­de­te, das vor­wort zu die­sem nach­druck bei­steu­ert: eine rück­ver­ge­wis­se­rung des eige­nen unter­neh­mens – seht her, auch der gro­ße kla­bund war (wie ich) ein empha­ti­ker! und die „licht­jah­re“ sind dann auf ein­mal so etwas wie eine fort­set­zung von kla­bunds werk, der ja zu beginn des 20. jahr­hun­derts auf­hört zu lesen und sich zu begeis­tern (und schon ab der zwei­ten hälf­te des 19. jahr­hun­derts gehö­rig ins schwim­men gerät und kaum noch sor­tiert bzw. zwi­schen gut und schlecht unter­schei­det und des­halb not­ge­drun­gen auch nichts mehr wirk­lich beschreibt, son­dern alles nur noch gehetzt anrei­ßen kann).

als sol­cher prä­sen­tiert kla­bund natur­ge­mäß einen voll­kom­men sub­jek­ti­ven blick auf die geschich­te der deut­schen lite­ra­tur und tut doch gleich­zei­tig so, als sei dies eine rich­ti­ge lite­ra­tur­ge­schich­te. dazu pas­send ist sein ansatz viel zu sehr per­so­nal geprägt, um wirk­lich zu rele­van­ten ein­schät­zun­gen zu kom­men – per­so­nal inso­fern, als er bedeu­tung zunächst an sei­ner eige­nen lese­er­fah­rung misst und per­so­nal auch inso­fern, als er lite­ra­tur­ge­schich­te als geschich­te von autoren­per­so­nen schreibt (die fast durch­weg männ­lich sind, natür­lich). das ergibt ein ziem­li­ches misch-masch, geprägt von einer fast aus­schließ­lich iden­ti­fi­ka­to­ri­schen lek­tü­re. epo­chen, geis­ti­ge ver­bin­dungs­li­ni­en, tra­di­tio­nen etc. kom­men bei ihm allen­falls am ran­de vor. und solch ein ansatz führt natur­ge­mäß zu eini­gen gerech­ten, aber auch zu eini­gen unge­rech­ten urtei­len und feh­lern (z.b. das hier: „fried­rich schil­ler ist der dich­ter der jugend“ (53) – dazu muss man schon eini­ges aus dem werk schil­lers aus­blen­den) – immer­hin unter­nimmt kla­bund nicht noch den ver­such, das zu ver­ber­gen: die (selbst-)sicherheit des urtei­lens hat schon fast etwas groß­ar­ti­ges. als zeit­do­ku­ment und in sei­ner aus­gra­bung gera­de zu die­sem zeit­punkt heu­te, wo sich immer mehr lite­ra­tur­kri­ti­ker als empha­ti­ker genü­gen und dar­auf auch noch stolz sind (was natür­lich in der tra­di­ti­on des gro­ßen grau­en­haf­ten anti-kri­ti­kers reich-rani­cki steht), ist das immer­hin eine ergötz­li­che lek­tü­re – für his­to­ri­sche wahr­heit und gerech­tig­keit ist kla­bund hier halt nicht zuständig.

dreckig oder sauber? peaches’ drittes album „impeach my bush“

in der spex ein grau­en­haft text über oder bes­ser gesagt neben das album (das näm­lich kaum vor­kommt). aber immer­hin schafft er es, mich dann doch zum hören zu inspi­rie­ren – was denn so einen krieg der begrif­fe, so ein schlag­wort­ge­stam­mel heut­zu­ta­ge noch aus­lö­sen kann, will ich schon wis­sen: pea­ches: impeach my bush. das ist, da muss man natür­lich fair sein, trotz allen gere­des zunächst ein­mal eine pop‑, d.h. elek­tro­punk oder so ähn­lich, plat­te. und als sol­che ist sie ziem­lich erfolg­reich. die zeit hat pea­ches mal die „punk­in­spi­rier­te gen­der-theo­re­ti­ke­rin” genannt, weil sie so schön spie­le­risch auf den ent­spre­chen­den vor­ur­tei­len, ste­reo­ty­pen und kon­struk­ten her­um­spielt, sie lächer­lich macht und das gan­ze schön gekonnt per­for­ma­tiv vor­führt. vor allem ist das aber (lei­der) viel weni­ger poli­tisch als ich hoff­te, und auch viel weni­ger kri­tisch oder gen­der-theo­re­tisch – aber ich bin ja sowie­so immer mehr der über­zeu­gung, dass kunst und ins­bes. pop nur bedingt für sol­che din­ge geeig­net sind – und gera­de wenn sie es ganz fes­te wol­len, klappt es meis­tens über­haupt nicht – weder inhalt­lich sozu­sa­gen noch künst­le­risch. das ist bei pea­ches wenigs­tens inso­fern anders, als impeach my bush nach kri­te­ri­en des pop ziem­lich gut zu funk­tio­nie­ren scheint – und gar nicht so wenig spaß macht. – songs wie „tent in your pants” oder „slip­pery dick” kön­nen durch­aus mit text­li­chem und musi­ka­li­schem witz auf­war­ten – auch wenn mir eini­ges schon wie­der zu rockig (halt ein wenig elek­tro­ni­scher ver­spielt und kon­stru­iert) wird. schön ist frei­lich auch die wen­dung in der kur­zen ein­lei­tung der cd, „fuck or kill”: „i’d rather fuck who i want, when kill who i told to” – klar, das wür­den wohl die meis­ten von uns. aber was folgt dar­aus? außer­dem: beson­ders dre­ckig ist das alles gar nicht mehr – genau das ist ja das alles läh­men­de pro­blem des pop: sub­ver­si­on ist in die­sem feld nicht mehr mög­lich (vgl. dazu beh­rens’ auf­satz), und schon gar nicht „revo­lu­ti­on” – auch wenn pea­ches das behaup­ten mag: „die revo­lu­ti­on kann jetzt auf gan­zer ebe­ne los­ge­hen.” (steht so in der spex vom juli). denn auch „als infil­trie­rung ver­stan­de­nes enter­tain­ment“ (ebd.) ist eben enter­tain­ment und kommt da – in der regel – nicht mehr lebend her­aus: auch pea­ches ist inso­fern nur eine mar­ke. und die ist zwar noch nicht ganz so kli­nisch rein wie vie­le ande­re auf dem glo­ba­len markt der selbst­ver­käu­fer, aber so rich­tig dre­ckig auch nicht (mehr). inte­res­ant übri­gens, dass die ber­li­ner zei­tung das viel bes­ser ver­stan­den hat als die spex: da heißt es näm­lich: „Das ist alles ehren­haft. Als ernst­ge­mein­ter Dis­kurs­bei­trag wirkt die Sexe­rei jedoch über­holt. Schließ­lich gibt es für jed­we­de sexu­el­le Prä­fe­renz eine coo­le Vor­abend­se­rie; und die Ubi­qui­tät der Por­no­gra­phie, ob in enzy­klo­pä­di­schen Fetischspar­ten im Netz, in Kon­zept­kunst und Kunst­ki­no bringt wohl außer Hard­core-Isla­mis­ten und christ­li­chen Eksta­ti­kern nie­man­den mehr in Ver­le­gen­heit. Sich metro­se­xu­ell für den Markt her­zu­rich­ten ist ande­rer­seits vom smar­ten Ban­ker zum gegel­ten Tür­ken­kid längst zwin­gen­des Pro­gramm. Zu den­ken, es hel­fe dem Kna­cken von Iden­ti­täts­fi­xie­run­gen, wenn alle gemein­sam an alber­nen Kör­per­nor­mie­run­gen lei­den, wirkt so kurz­schlüs­sig wie die Idee, sexu­el­le Macht­ver­hält­nis­se zer­brä­chen, wenn man sie ein­fach umkehrt.” (ber­li­ner zeitung)

ganz viele zeichen – zu viele?

macht die anein­an­der­rei­hung von ganz vie­len zei­chen einen text zum roman? „die gar­ni­tur“, eine art textagen­tur mit dem anspruch beson­de­rer inno­va­ti­vi­tät, scheint der idee nicht abge­neigt zu sein. ihre chefs mat­thi­as edling und jörg stein­leit­ner haben die 205.293 zei­chen einen roman genannt. so vie­le zei­chen sind das aber gar nicht – im groß­zü­gi­gen druck gut 150 seiten.wie das buch auf mei­ne lese­lis­te gekom­men ist – ich habe kei­ne ahnung, das ist eben manch­mal der nach­teil so exten­si­ver lis­ten­füh­re­rei­en… – gelohnt hat es sich jeden­falls nicht, noch nicht ein­mal als unter­hal­tung ist es wirk­lich brauch­bar. es ist so ein ver­such, die ame­ri­ka­ni­sche gangs­ter­sto­ry oder eher den gangs­ter­film nach euro­pa zu ver­le­gen. weil die autoren (oder, wie sie sich selbst benen­nen, das „autoren­team“) dafür aber über zu wenig krea­ti­vi­tät, vor­stel­lungs­kraft, stil­ge­fühl und ästhe­ti­sche urteils­si­cher­heit ver­fügt, klappt das nicht so rich­tig – ist auch alles eine stu­fe harm­lo­ser: stu­dent, der im pfle­ge­heim arbei­te­te, schnappt sich das vie­le bar­geld einer sei­ner gera­de ver­stor­be­nen pati­en­tin­nen, haut in den süden ab, nimmt auf dem weg noch eine hei­ße frau mit, die sich auch noch als klug her­aus­stellt, erlebt ver­schie­de­ne „aben­teu­er“ etc. etc. – kommt natür­lich reich, wenn auch etwas ver­sehrt, mit sei­ner traum­frau aus dem schla­mas­sel heraus.
so ein text ist wohl das unaus­weich­ba­re ergeb­nis, wenn krea­ti­ve beson­ders krea­tiv und auch noch inno­va­tiv oder avant­gar­dis­tisch sein wol­len: eine außer­or­dent­lich bemüh­te plot-kon­struk­ti­on (deut­lich zu mer­ken der kon­struk­ti­ons­plan…), ein grau­en­haft bana­ler sti­lis­ti­scher brei, total plat­te und abge­lut­sche moti­ve und so wei­ter. – ande­re erklä­rungs­mög­lich­keit: so etwas pas­siert, wenn krea­ti­ve kur­se für krea­ti­ves schrei­ben besu­chen. der kunst­wil­len führt aber nur zur pseu­do­kunst – etwa im nach­rich­ten­ti­cker, der unten über die sei­ten läuft. viel­leicht ist das ja als beson­de­re rea­li­täts­ver­si­che­rung gemeint, es bringt aber über­haupt nichts
das bes­te noch der titel oder eigent­lich der gesam­te para­text, etwa auch das mot­to von nico­las cage (klar, deut­li­cher ver­weis auf das refe­renz­sys­tem die­ses tex­tes: frü­her stand hier ein bon­mot eines dich­ters, eine sen­tenz oder so etwas ähn­li­ches, jetzt ist es halt das ergeb­nis eines halb­wegs hel­len augen­blicks eines schau­spie­lers): „es gibt zu vie­le schwät­zer, zu vie­le lüg­ner, zu vie­le die­be. das beschleu­ni­gungs­tem­po unse­rer kul­tur [!!] ist so hoch, das bie­tet güns­ti­ge bedin­gun­gen für arsch­lö­cher. nur wer die his­to­rie kenn, kann sich eine kor­rek­te mei­nung bil­den.“ oder auch die auf­ma­chung – wirkt fast wie real­sa­ti­re (titel mit prä­sen­ta­tor, auf­ruf zur text­ein­sen­dung „aller gewichts­klas­sen“), über­treibt es damit aber („stab“, inkl. „per­for­mance-musik“, cate­ring von „mama&mama“ – sehr wit­zig…) so weit, dass es offen­bar doch tat­säch­lich ernst gemeint war (natür­lich wohl mit dem zwin­kern­den auge – es gibt kaum schlim­me­res als so ent­stan­de­ne tex­te – die sind näm­lich fast nie wirk­lich wit­zig und schon gar nicht gut)

macht die anein­an­der­rei­hung von ganz vie­len zei­chen einen text zum roman? „die gar­ni­tur“, eine art textagen­tur mit dem anspruch beson­de­rer inno­va­ti­vi­tät, scheint der idee nicht abge­neigt zu sein. ihre chefs mat­thi­as edling und jörg stein­leit­ner haben die 205.293 zei­chen einen roman genannt. so vie­le zei­chen sind das aber gar nicht – im groß­zü­gi­gen druck gut 150 seiten.wie das buch auf mei­ne lese­lis­te gekom­men ist – ich habe kei­ne ahnung, das ist eben manch­mal der nach­teil so exten­si­ver lis­ten­füh­re­rei­en… – gelohnt hat es sich jeden­falls nicht, noch nicht ein­mal als unter­hal­tung ist es wirk­lich brauch­bar. es ist so ein ver­such, die ame­ri­ka­ni­sche gangs­ter­sto­ry oder eher den gangs­ter­film nach euro­pa zu ver­le­gen. weil die autoren (oder, wie sie sich selbst benen­nen, das „autoren­team“) dafür aber über zu wenig krea­ti­vi­tät, vor­stel­lungs­kraft, stil­ge­fühl und ästhe­ti­sche urteils­si­cher­heit ver­fügt, klappt das nicht so rich­tig – ist auch alles eine stu­fe harm­lo­ser: stu­dent, der im pfle­ge­heim arbei­te­te, schnappt sich das vie­le bar­geld einer sei­ner gera­de ver­stor­be­nen pati­en­tin­nen, haut in den süden ab, nimmt auf dem weg noch eine hei­ße frau mit, die sich auch noch als klug her­aus­stellt, erlebt ver­schie­de­ne „aben­teu­er“ etc. etc. – kommt natür­lich reich, wenn auch etwas ver­sehrt, mit sei­ner traum­frau aus dem schla­mas­sel heraus.
so ein text ist wohl das unaus­weich­ba­re ergeb­nis, wenn krea­ti­ve beson­ders krea­tiv und auch noch inno­va­tiv oder avant­gar­dis­tisch sein wol­len: eine außer­or­dent­lich bemüh­te plot-kon­struk­ti­on (deut­lich zu mer­ken der kon­struk­ti­ons­plan…), ein grau­en­haft bana­ler sti­lis­ti­scher brei, total plat­te und abge­lut­sche moti­ve und so wei­ter. – ande­re erklä­rungs­mög­lich­keit: so etwas pas­siert, wenn krea­ti­ve kur­se für krea­ti­ves schrei­ben besu­chen. der kunst­wil­len führt aber nur zur pseu­do­kunst – etwa im nach­rich­ten­ti­cker, der unten über die sei­ten läuft. viel­leicht ist das ja als beson­de­re rea­li­täts­ver­si­che­rung gemeint, es bringt aber über­haupt nichts
das bes­te noch der titel oder eigent­lich der gesam­te para­text, etwa auch das mot­to von nico­las cage (klar, deut­li­cher ver­weis auf das refe­renz­sys­tem die­ses tex­tes: frü­her stand hier ein bon­mot eines dich­ters, eine sen­tenz oder so etwas ähn­li­ches, jetzt ist es halt das ergeb­nis eines halb­wegs hel­len augen­blicks eines schau­spie­lers): „es gibt zu vie­le schwät­zer, zu vie­le lüg­ner, zu vie­le die­be. das beschleu­ni­gungs­tem­po unse­rer kul­tur [!!] ist so hoch, das bie­tet güns­ti­ge bedin­gun­gen für arsch­lö­cher. nur wer die his­to­rie kenn, kann sich eine kor­rek­te mei­nung bil­den.“ oder auch die auf­ma­chung – wirkt fast wie real­sa­ti­re (titel mit prä­sen­ta­tor, auf­ruf zur text­ein­sen­dung „aller gewichts­klas­sen“), über­treibt es damit aber („stab“, inkl. „per­for­mance-musik“, cate­ring von „mama&mama“ – sehr wit­zig…) so weit, dass es offen­bar doch tat­säch­lich ernst gemeint war (natür­lich wohl mit dem zwin­kern­den auge – es gibt kaum schlim­me­res als so ent­stan­de­ne tex­te – die sind näm­lich fast nie wirk­lich wit­zig und schon gar nicht gut)

noch ein langweiliger abend: mozart und die frauen

das war aber wirk­lich nichts, trotz der hil­fe von der mei­ner­seits sehr geschät­zen mar­ti­na gedeck. pia­nist & diri­gent sebas­ti­an knau­er ver­wen­det offen­bar lei­der mehr zeit beim fri­seur und auf der son­nen­bank als beim nach­den­ken über mozarts musik – das war der­ma­ßen bana­les gedu­del, das hat selbst mozart nicht ver­dient. und das publi­kum klatscht auch noch wie blöd dem eit­len geck – der sich, ganz typisch für sol­che leu­te, auf der büh­ne präch­tig pro­du­ziert – und sehr, sehr lan­ge bit­ten lässt, bevor er sich noch ein­mal verbeugt…

es ist alles nur ein traum. mozarts frü­he gön­ne­rin, die baro­nin wald­stät­ten, ima­gi­niert sich ein kon­zer­pau­sen­ge­spräch mit leo­pold, dem vater des kom­po­nis­ten. sebas­ti­an und wolf­gang knau­er habe sich das aus­ge­dacht, die­sen sym­pa­the­ti­schen rück­blick auf mozart und sei­ne frau­en­ge­schich­ten, sei­ne galan­te­rien und affä­ren vor und nach der hoch­zeit. mar­ti­na gedeck durf­te der baro­nin ihre stim­me lei­hen: char­mant und läs­sig plau­dert sie sich in der glas­hal­le der main­zer rai­li­on-zen­tra­le durch den abend der mit­tel­rhein musik-momen­te. und sebas­ti­an knau­er macht die musik dazu – zwei der bekann­te­ren kla­vier­kon­zer­te hat er sich dafür aus­ge­sucht, von mozart natür­lich: das „jeunehomme“-konzert in es-dur und das spä­te d‑moll-kon­zert. auch knau­er, der zugleich als pia­nist und pseu­do-diri­gent auf­trat, agier­te eher läs­sig. sei­ne spär­li­chen ansät­ze, vom flü­gel aus zu diri­gie­ren, waren sowie­so recht über­flüs­sig: die koblen­zer staats­phil­har­mo­nie befand sich ganz offen­sicht­lich auf ver­trau­tem ter­rain und spiel­te auch ohne sei­ne hil­fe sehr geschlos­sen und zuver­läs­sig. die über­ra­schun­gen und ver­rück­ten kas­pe­rei­en mozarts, die der text immer wie­der auf­griff, schlu­gen sich in die­ser musik frei­lich nicht wie­der. das war eine rund­um ver­nünf­ti­ge, manch­mal sogar ein wenig bie­de­re inter­pre­ta­ti­on. sebas­ti­an knau­er spiel­te die kon­zer­te sehr rou­ti­niert und so voll­kom­men gelas­sen, dass sich der ein­druck gepfleg­ter lan­ge­wei­le nicht immer ver­mei­den ließ. auch sei­ne pia­nis­ti­schen fähig­kei­ten bean­sprucht er nur mäßig, da gibt es nur ansät­ze zu einer dif­fe­ren­zier­ten arti­ku­la­ti­on und kaum klang­nu­an­cen. aller­dings waren die umstän­de auch nicht die bes­ten: zunächst brach­te die schwül-sti­cki­ge atmo­sphä­re die musi­ker dazu, ihren frack abzu­le­gen. und dann wur­de es auch noch rich­tig feucht: das pras­seln der was­ser­mas­sen auf dem glas­dach ließ den beginn des d‑moll-kon­zer­tes völ­lig unter­ge­hen, da konn­te auch knau­er nichts mehr ret­ten. am bes­ten gelan­gen ihm aller­dings sowie­so bei bei­den kon­zer­ten die schluss­sät­ze: dem jeu­ne­hom­me-kon­zert gab er so einen flin­ken und ein biss­chen augen­zwin­kernd, frech ver­spiel­ten abschluss. und selbst das bei ihm eher schwer­fäl­li­ge und gemüt­li­che d‑moll-kon­zert trieb er zum ende in die mozart­sche über­mut: tur­bu­lent ließ er die musik immer wie­der um sich selbst kreiseln.

georg kleins ideen von den deutschen

georg klein zählt ja nicht gera­de zu mei­nen lieb­lings­au­toren – wer schrift­stel­ler wie jirgl, kurz­eck etc. schätzt, wird das auch sel­ten tun. als klei­ne nacht­lek­tü­re zwi­schen­durch lässt er sich aber noch aus­hal­ten. etwa sein erzäh­lungs­band von den deut­schen (ham­burg: rowohlt 2002). der ist ziem­lich typisch für sei­ne art zu schrei­ben – näm­lich größ­ten­teils harm­los – oder sogar ganz? jeden­falls ist das zwei­fel­los ganz und gar glän­zend erzählt. aber auch oft mit dem ein­druck, es gin­ge nur noch um das erzäh­len an sich: das mit­tel ist zum zweck gewor­den. typisch ist dafür die per­fek­te beherr­schung des erzäh­le­ri­schen hand­werks. aber es wird auch bloß noch als hand­werk betrie­ben, nicht mehr als kunst. dafür fehlt den tex­ten näm­lich die dring­lich­keit, der durch nichts zu bän­di­gen­de drang zur äuße­rung, zur mit­tei­lung, der sich nur in der künst­le­ri­schen for­mung, der text­kon­sti­tu­ti­on äußern kann. ein neben georg klein für eine sol­che schreib­wei­se exem­pla­risch ste­hen­der autor ist etwa bodo kirch­hoff, auch hel­mut kraus­ser vefällt sol­chen ten­den­zen manch­mal. das ist ja alles über­haupt nicht ehren­rüh­rig. was mich an sol­chen autoren (weni­ger an kirch­hoff, dafür beson­ders an klein und kraus­ser) am meis­ten stört, ist ihre behaup­tung und womög­lich sogar über­zeu­gung, das sei wirk­lich schon gro­ße kunst, sei erzäh­len auf der höhe der zeit oder wie auch immer man das aus­drü­cken will. und das stimmt ein­fach nicht. es muss ja gar nicht immer moder­nis­tisch oder (for­mal) avant­gar­dis­tisch sein. aber gera­de die­se erzäh­lun­gen von klein sind ein­fach nur net­te unter­hal­tung, die so tun, als sei­en sie was beson­de­res – genau das rich­ti­ge eigent­lich für das heu­te offen­bar (wenn man sich die ver­kaufs­zah­len bestimm­ter bücher, etwa – auch so ein lieb­lings­bei­spiel von mir – dani­el kehl­mann, anschaut) weit ver­brei­te­te pseu­do-bil­dungs-bür­ger­tum, das nur noch die erbärm­li­chen res­te von bil­dung besitzt, sich aber immer noch in der pri­veli­gier­ten lage der ken­ner und wis­sen­den glaubt. sol­che leser haben an die­sen erzäh­lun­gen bestimmt viel spaß, dafür sorgt auch noch die ten­denz zum alle­go­ri­schen auf­bau der geschich­ten – aber letzt­lich scheint es mir fast immer irgend­wie ins lee­re zu lau­fen: man spürt die bemü­hun­gen und ist ver­stimmt – so funk­tio­niert kunst nicht, inso­fern er sein selbst­ge­steck­tes ziel per­ma­nent knapp zu ver­feh­len scheint, knapp unter der mess­lat­te ihn die kräf­te ver­las­sen. was bleibt, ist ein­fach harm­lo­se augen­wi­sche­rei, zudem in vie­len tei­len erschre­ckend schnul­zig und har­mo­nie­see­lig (etwa „der gute ray“), auch mal mit exo­ti­schen zuta­ten (vor­wie­gend loka­li­tä­ten, „lm lan­de od“). erschre­ckend ist das, denn gera­de die hier ver­brei­te­te harm­lo­sig­keit ist ja beson­ders gefähr­lich: sie täuscht über den wah­ren zustand von kunst und welt, sie sug­ge­riert längst nicht mehr vor­han­de­ne mög­lich­kei­ten des guten, gelin­gen­den, erfül­len­den lebens, des rich­ti­gen ver­hal­tens und führt den leser damit nicht nur in eine ästhe­ti­sche (und phi­lo­so­phi­sche) fal­le, son­dern auch unbarm­her­zig ins abseits, ins reich der lügen. und von dort ist es dann wirk­lich nicht mehr weit bis ins reich der vor­abend-tv-seri­en – das ist dann wahr­schein­lich nur noch eine fra­ge der unter­schied­li­chen her­kunft, erzie­hung, des diver­gie­ren­den habi­tus: georg klein als tv-schnul­ze für leser….

pathos hoch drei: theodorakis’ “canto general” in wiesbaden

es geht doch nichts über pure grö­ße. zumin­dest dann nicht, wenn man den „can­to gene­ral“, den „gro­ßen gesang“ von mikis theod­ora­kis auf die büh­ne brin­gen will.

und gerd rix­mann, musik­leh­rer an der guten­berg­schu­le in wies­ba­den, will genau das: eine büh­ne bau­en, mit musik, tanz und film – auch wenn theod­ora­kis eigent­lich nur ein ora­to­ri­um schrieb. aber das reicht ihm ein­fach nicht – was groß ist, lässt sich auch noch ver­grö­ßern. es ist nicht das ers­te mal, dass er so ein unter­neh­men als chor­pro­jekt star­tet: seit 1993 ist es bereits das fünf­te, wenn auch die vor­gän­ger nicht ganz so groß und mul­ti­me­di­al waren. begon­nen hat es mit einer „car­mi­na burana“, dann kam die „schöp­fung“ als eine art „chor­thea­ter“ – „aber das hat nicht so rich­tig gut funk­tio­niert“, gesteht rix­mann ein. das theod­ora­kis-pro­jekt hat für das publi­kum zumin­dest ziem­lich gut funk­tio­niert und ist sehr beju­belt wor­den bei der pre­miè­re im aus­ver­kauf­ten wies­ba­de­ner kurhaus.

das beson­de­re die­ses pro­jek­tes ist frei­lich nicht (nur) sei­ne grö­ße, son­dern auch sei­ne orga­ni­sa­ti­on. denn rix­mann geht zwar von den res­sour­cen sei­ner schu­le, vor allem den von ihm gelei­te­ten schul­chö­ren, aus. doch er wei­tet das gan­ze noch erheb­lich aus: ein zusätz­li­cher pro­jekt­chor ver­dop­pelt die sän­ger­zahl auf rund 300 stim­men. hier ver­sam­meln sich ehe­ma­li­ge, inter­es­sier­te und sän­ger aus ande­ren chö­ren, im alter von 14 bis 75 jah­ren. für rix­mann ist das auch ein mit­tel, sich von den vie­len ande­ren leis­tungs­star­ken chö­ren der regi­on abzu­set­zen, ein eige­nes pro­fil zu ent­wi­ckeln. und es scheint­zu klap­pen – schließ­lich sind nach den schnup­per­pro­ben und einem drei­vier­tel jahr sams­täg­li­cher pro­ben noch 150 sän­ger im pro­jekt­chor und erfah­ren dort die „beglü­ckung des immer wie­der sin­gens.“ auch für die ande­ren tei­le der auf­füh­rung ziegt rix­mann frei­wil­li­ge hin­zu: „die leu­te sind sehr offen für ideen“, sagt er, „wenn man auf sie zugeht.“ er kann dabei sowohl auf die kon­tak­te aus sei­ner lan­gen pra­xis zurück­grei­fen als auch gezielt suchen. der regis­seur edu­ar­do lai­nos ist etwa ein schü­ler­va­ter, die zwei­te tanz­grup­pe wird von einem chi­le­nen gelei­tet, den ent­wick­ler des films hart­mut jahn hat er sich extra ausgesucht.

so wird im grun­de in der umfas­sen­den und nicht all­täg­li­chen kom­bi­na­ti­on von musik, gesang, tanz­thea­ter und film­por­jek­tio­nen ein ganz neu­es werk. er häuft pathos über pathos, mit allen mit­teln – eine ergrei­fen­de und angrei­fen­de sache. denn das immer ganz bewusst auch eine poli­tisch gedach­te auf­füh­rung, die sich eben nicht nur im wohl­klang – den gibt es, da ist rix­mann dann als ver­sier­ter chor­lei­ter schon hin­ter­her, natür­lich auch – , son­dern eben auch in der huma­nen bot­schaft des can­to mani­fes­tiert: der freu­de an der beson­de­ren schön­heit des lan­des, der trau­er über sei­ne aus­nut­zung und die dik­ta­tu­ren, die gewiss­heit und hoff­nung auf eine mög­li­che bes­se­re gesellschaft.

dafür hat er dem „can­to gene­ral“ auch sei­ne eige­ne dra­ma­tur­gie ver­passt und die rei­hen­fol­ge geän­dert: er möch­te eine „klei­ne geschich­te erzäh­len“, von der ent­ste­hung ame­ri­kas, der lie­be zum land, von der natur und der mut­ter erde, von den tie­ren und natür­lich von den men­schen. rix­mann kennt sich damit bes­tens aus, schließ­lich hat er selbst in den 70ern fünf jah­re in süd­ame­ri­ka, in uru­gu­ay, gelebt und hat vie­les direkt erfah­ren – unter ande­rem die gro­ße ver­eh­rung des „can­to“ von neru­da in der süd­ame­ri­ka­ni­schen bevöl­ke­rung und die bedrü­ckung durch diktaturen.

die geschich­te ergibt sich vor allem aus den cho­reo­gra­phien von edu­ar­do lai­nos, der

mit sei­nen 60 tän­zern, lai­en und pro­fis glei­cher­ma­ßen, in mosa­ik-art lau­ter klei­ne geschich­ten geschaf­fen: mal plas­tisch, mal ver­schwie­gen-sym­bo­lisch. genau­so eigen­stän­dig funk­tio­niert der film, den zwei stu­den­ten unter lei­tung von hart­mut jahn, pro­fes­sor für video & film an der fach­hoch­schu­le in mainz, als semes­ter­ar­beit ange­fer­tig haben: refle­xio­nen über text und musik des „can­to“, die sowohl in form abs­trak­ter sequen­zen als auch kon­kre­ter bil­der den abend begleiten.

die orga­ni­sa­ti­on eines sol­chen pro­jek­tes ist aber auch ein enor­mer auf­wand für eine per­son: „das kann man nicht ein­fach so machen“, gesteht der diri­gent, „das kos­tet mich ein hal­bes jahr mei­nes lebens.“ denn alle fäden lau­fen immer bei ihm zusam­men, ob es um den büh­nen­auf­bau, die kos­tü­me oder die musik geht – neben­bei muss er ja auch noch diri­gie­ren. und immer­hin rich­ten sich fast 400 mit­wir­ken­de nach sei­nem stab – und das klappt erstaun­lich rei­bungs­los. als solis­ten konn­te rix­mann die zwei wies­ba­de­ner sän­ger her­an­zie­hen: kat­ja boost run­dem, fül­li­gem alt und den in jeder situa­ti­on bril­lan­ten bari­ton eike wim schul­te. und das alles simul­tan ergibt eben pathos pur.

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