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der trom­pe­ter axel dör­ner hat ges­tern den swr-​jazzpreis bekom­men. und er hat dafür einen abend lang gezeigt, war­um das unbe­dingt rich­tig war: weil er nicht nur ein guter trom­pe­ter ist, son­dern – was für mich viel ent­schei­den­der scheint – weil er es ver­mag, grup­pen zu for­men. zwei davon hat er nach mainz mit­ge­bracht: „die ent­täu­schung“ – alles ande­re als der name…, und sein expe­ri­men­tel­les trio „TOOT“. und dör­ner zeig­te sich eigent­lich den gan­zen abend nicht nur kaum, son­dern nie im mit­tel­punkt. bei der ent­täu­schung war es vor allem der unge­heu­er­li­che rudi mahall, der das zen­trum des gesche­hens ger­ne an sich zog (ohne das das schlecht wäre, wer so inten­siv und inno­va­ti­ons­freu­dig mit der bass­kla­ri­net­te arbei­ten und spie­len kann, darf so etwas), bei toot vor allem tho­mas lehn und sein syn­the­si­zer, die das klang­li­che gesche­hen doch sehr stark präg­ten. aber ich hat­te dann doch den ein­druck, dass es sehr stark von dör­ner abhing, dass die­se kon­stel­la­tio­nen ent­ste­hen konn­ten – kon­stel­la­tio­nen, in denen neu­es, fas­zi­nie­ren­des, expe­ri­men­tel­les ent­ste­hen und aus­pro­biert wer­den kann – fer­ti­ge lösun­gen hat er nicht, will er wohl auch nicht (das wäre ja still­stand). für den zuhö­rer ist das natür­lich mehr „arbeit“, er muss sich das selbst noch for­men, nach anknüp­fungs­punk­ten, nach (be-)deutungen suchen – eine musik, die kein (oder nur ein sehr mini­ma­les, extrem redu­zier­tes) bedeutungs- und formin­ven­tar hat bzw. gera­de dar­auf aus ist, die­se vor­ga­ben mit allen mit­teln zu unter­lau­fen und zu ver­hin­dern, ist wesent­lich anstren­gen­der und unbe­que­mer zu hören. und dazu kommt natür­lich noch, dass die klang­land­schaft von toot ziem­lich karg ist, oft eher wie ver­blass­te schwarz-​weiß-​bilder, schnapp­schüs­se, als wie ein cinemascope-​farbfilm. gera­de dör­ne arbei­tet mit sei­ner ver­ka­bel­ten trom­pe­te schließ­lich vor allem an for­men des klan­ges kurz vor dem ver­stum­men, for­men des mehr oder min­der ton­hal­ti­gen rau­sches etc.

ok, soweit die kon­fu­sen über­le­gun­gen. so habe ich das dann für die rhein-​zeitung beschrieben:

wer sei­ne band „die ent­täu­schung“ nennt, muss sich schon ziem­lich sicher sein, das sie genau das nicht her­vor­ruft. axel dör­ner ist in die­ser hin­sicht völ­lig unge­fähr­det. immer­hin war sei­ne arbeit mit der „ent­täu­schung“ einer der grün­de, war­um der trom­pe­ter die­ses jahr die vom land rheinland-​pfalz und dem swr gestif­te­ten 10.000 euro des swr-​jazzpreises über­reicht bekam. und nach alter musi­ker sit­te bedank­te er sich dafür mit einem kon­zert. „die ent­täu­schung“ war dabei als der tra­di­tio­nel­le teil ange­kün­digt wor­den – aber zum glück pflegt das quar­tett eine sehr zeit­ge­nös­si­sche art, mit der trad­ti­ti­on des jazz umzu­ge­hen. sicher basiert das hör­bar auf dem bebop, aber ist auch unver­kenn­bar aus dem jahr 2006. vor allem der witz und humor aller vier musi­ker sorgt dafür. das schaut recht harm­los aus, ein ganz nor­ma­les quar­tett mit schlag­zeug, bass, bass­kla­ri­net­te (der fan­tas­ti­sche rudi mahall) und trom­pe­te. und es fängt auch unauf­fäl­lig an. doch dann bre­chen die musi­ker immer wie­der aus: da gibt es die selt­sams­ten sprün­ge, die ver­rück­tes­ten tem­pi­wech­sel an den absur­des­ten stel­len, da gehen die bei­den blä­ser mit­ten in einer num­mer ins trep­pen­haus und spie­len dort wei­ter. das ist rei­ne camou­fla­ge, der sub­er­si­ve bebop einer post­mo­der­nen zapper-​generation – unge­heu­er frisch und unter­halt­sam. und auch wenn es schein­bar total unkon­trol­liert daher kommt, die musi­ker um den coo­len, voll­kom­men gelas­se­nen axel dör­ner haben das in jedem moment fest im griff.

doch das änder­te sich bald: mit dem trio toot ver­ließ der preis­trä­ger dann die letz­ten res­te des fes­ten bodens. jetzt gaben auch kei­ne kom­po­nier­ten the­men mehr halt, nicht ein­mal die her­kömm­li­chen töne spiel­ten eine rol­le, von tra­di­tio­nel­len song-​strukturen ganz zu schwei­gen. was der vokal­ar­tist phil min­ton und tho­mas lehn am syn­the­si­zer da mit dör­ner pro­du­zier­ten, ist nur noch eine ein­zi­ge suche, eine jagd nach neu­en, ange­mes­se­nen aus­drucks­mög­lich­kei­ten. und das recht mini­ma­lis­ti­sche gefri­ckel, knar­zen, rau­schen und wis­pern, das nun aus den laut­spre­chern dringt, ver­langt scharf gespitz­te ohren und geschärf­te auf­merk­sam­keit. das tran­sis­to­ri­sche ist die­ser expe­ri­men­tel­len impro­vi­sa­ti­on fest ein­ge­schrie­ben, nie sind die drei mit einem klang zufrie­den, nie pro­du­zie­ren sie behag­li­che wohlfühl-​musik. ihr métier ist, ganz ähn­lich wie bei der „ent­täu­schung“, die suche nach alter­na­ti­ven, der impuls zum nach­den­ken, auch zum nicht-​einverstanden-​sein. damit hat dör­ner die gren­zen des jazz frei­lich längst hin­ter sich gelas­sen – und das publi­kum im main­zer funk­haus auch sehr stra­pa­ziert: die rei­hen lich­te­ten sich unter­des­sen spürbar.

Veröffentlicht in kritik musik

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