haben sie oder haben sie nicht? man weiß es einfach nicht, aber möglich wäre es schon, dass sich der südtiroler leonhard lechner und der oberitalienische luca marenzio einmal getroffen haben. zu erzählen hätten sie sich schon einiges gehabt nicht nur, weil sie beide 1553 geboren wurden. sondern auch, weil sie sich beide der vokalmusik verschrieben hatten. und weil lechner, das ist nun wirklich ganz sicher zu bestätigen, seinem italienischen kollegen die reverenz erwiesen hat und ein komplette messvertonung auf marenzios madrigal non fu mai cervo bezogen hat. hören kann das heute kaum jemand, aber es reicht, um dem ensemble singer pur den anlass für ihr konzert beim mainzer musiksommer zu geben, das sich ausschließlich der musik dieser beiden zeitgenossen der renaissance widmet. im grunde ging es auch vor über vierhundert jahren in der musik immer nur um das eine: die liebe. dafür stehen die vertonungen aus dem hohelied salomos. und natürlich ist die liebe auch damals schon oft genug eine schmerzliche erfahrung gewesen von allen liebenden bi ich der unglücklichste heißt es in einem madrigal von luca marenzios. das gemisch aus liebe und leid wird dann noch mit ein wenig religiösität, also geistlicher musik, vermengt und schon sind die üblichen zwei stunden wieder vorbei. den sängern ist die unnatürlichkeit dieser anhäufung von vokaler kunstfertigkeit natürlich nicht entgangen. und sie tun einiges, um die situation wieder auzulockern. schon die programmauswahl ist der erste schritt in die richtige richtung: lieber ein paar kleine nummern als eine große komposition. aber singer pur gehen noch ein entscheidendes stück weiter. denn im gegensatz zu vielen anderen vokalensembles sind sie keine reine klangfetischisten. nein, ihnen ist die lebendigkeit der musik viel wichtiger und dabei muss es auch einmal etwas rauer zugehen dürfen, wenn die töne und texte es so wollen. denn oberstes gebot für die fünf sänger und ihre weibliche mitstreiterin ist die möglichst genaue verbindung von textdeutlichkeit und deutlicher artikulation. dafür greifen sie nicht nur auf eine breite und sehr ausgefeilte dynamik zurück, sondern wählen auch ihre tempi entsprechend. das erst und ander kapitel des hohen liedes salomonis von leonhard lechner wird so zu einer unvermutet dramatischen, fast theatralischen musik. und für ein zartes strophenlied wie lechners ich weiß ein blum schwenken die sänger dann ganz plötzlich auf einen vollkommen anderen, strahlenden klang um. besonders zum tragen kommt ihr dramatisches interpretationsgeschick aber bei den madrigalen von luca marenzio. das großartige non fu mai cervo ist hier ein wahres fest der vielfalt: jeder wort hat schon der komponist mit seinem eigenen klang versehen. und singer pur verhilft in st. peter jedem dieser klänge zu seiner eigenen, individuellen auferstehung.
soweit meine offizielle meinung. über den sinn solcher unternehmungen denke ich jetzt lieber nicht nach, das würde zu weit führen und mein bett ruft…

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