»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Was für ein grandioser Spaß!

gera­de höre ich die cd sehr schnee sehr wald sehr des schwei­zer akkor­deo­nis­ten hans hass­ler, die mir der post­bo­te heu­te aus der schweiz in den brief­kas­ten gelegt hat. schon das label, bei dem die­ses genia­le meis­ter­werk erschie­nen ist, zeigt ja, was für ein akkor­deo­nist das ist: intakt ist alles ande­re als die hei­mat der volks­mu­sik. und dann ver­wun­dert es kaum mehr, was hier aus den laut­spre­chern tönt. aber die­ser kau­zi­ge und skur­ril-kru­de mix aus volks­mu­sik (ja, in anklän­gen lässt hass­ler mal einen zer­fetz­ten länd­ler auf­tau­chen oder eine pol­ka auf­schei­nen), jazz und vor allem frei­er impro­vi­sa­ti­on erstaunt dann doch ein biss­chen: dass der kerl so gut ist, hät­te ich nicht erwar­tet. denn begeg­net ist er mir bis­her noch nicht bewusst (unbe­wusst muss ich ihn mal in geb­hard ull­manns ensem­ble gehört haben). jeden­falls, hass­ler hat hier nicht nur klei­ne, win­zi­ge spon­ta­ne genie­strei­che auf­ge­nom­men. son­dern auch meh­re­re gro­ße „wer­ke” mit dau­ern von 5–15 minu­ten. das über­ra­gen­de dabei ist etwas, was ich nur ganz sel­ten hör­te bis­her: das steckt vol­ler anspie­lun­gen, allu­sio­nen, zita­te, hin­wei­se, quer­ver­wei­se wie kaum eine musik. aber, das ist das ent­schei­den­de, hass­ler packt das so geni­al zusam­men, schweißt das so per­fekt inein­an­der, dass die ver­schie­dens­ten her­künf­te zwar beim nach­den­ken dar­über klar wer­den, aber nicht zu hören sind: das ist näm­lich ech­te musik aus einem guss. frü­her hät­te man hass­ler sicher einen musi­kan­ten genannt, doch heu­te hat das immer so einen abwer­ten­den bei­geschmack. aber es scheint mir sehr gut zu tref­fen zur cha­rak­te­ri­sie­rung: er spielt ein­fach, wie ihm die fin­ger fal­len – mit aus­ge­spro­che­ner vir­tuo­si­tät in tech­nik und gestal­tung der form. natür­lich tut er dies mit wachem, schar­fen ver­stand – anders lie­ße sich so mons­trös-aus­ufernd gute musik gar nicht erzeu­gen. pir­min boss­art bezeich­net ihn im book­let als „musi­ka­li­schen frei­geist par exel­lence”. und er schreibt noch etwas, dass eigent­lich sehr genau zutrifft und kei­ner ergän­zung bedarf: „es ist nicht immer fass­bar, was geschieht. aber es geschieht.” ach, gäbe es doch nur mehr solch her­vor­ra­gen­de musik. und wür­de sie auch ihren weg zu mir fin­den .… es näm­lich immer wie­der erbau­end, so etwas zu ent­de­cken, es das ers­te, zwei­te, drit­te mal zu hören und über noch mit begeis­te­rung und vor stau­nen auf­ge­sperr­ten lau­schern dazu­sit­zen. doch das pas­siert viel zu sel­ten in der inten­si­tät, wie es hans hass­ler bei mir gera­de schafft. aber das wich­tigs­te hät­te ich jetzt bei­na­he ver­ges­sen. denn essen­ti­ell für die musik die­ser schei­be ist die tat­sa­che, dass hass­ler ein spie­ler ist. und zwar in allen hin­sich­ten, die das wort und sei­ne nut­zer sich nur vor­stel­len kön­nen. gren­zen für die­sen uner­sätt­li­chen spiel­trieb gibt es nicht. und des­halb macht die­se musik, so pro­fund und wahr sie ist, auch noch sol­chen unbän­di­gen spaß. hans hass­ler: sehr schnee sehr wald sehr. intakt 2008. nach­trag: ein por­trät (aus der wochen­zei­tung) und eine knap­pe kri­tik (aus dem tages-anzei­ger) gibt es beim label intakt.

Wenigs­tens ein­mal im Jahr wird Mainz zur Jazz­me­tro­po­le. Dann wer­den im Funk­haus des SWR gro­ße Jaz­zer mit dem SWR-Jazz­preis geehrt. Und zum Glück für die Main­zer gibt es immer auch ein Kon­zert dazu, so dass jeder die Jury-Ent­schei­dung nach­voll­zie­hen kann. Die­ses Jahr wähl­te sie das Duo Micha­el Woll­ny und Heinz Sau­er für den mit 10.000 Euro dotie­ren, von Land und SWR gemein­sam getra­ge­nen Preis. Und bei der Preis­ver­lei­hung konn­te Staats­se­kre­tär Joa­chim Hoff­mann-Göt­ting gleich noch eine zwei­te gute Nach­richt ver­kün­den: Ab nächs­tem Jahr wird der Jazz­preis auf 15.000 Euro auf­ge­stockt – und zieht damit mit dem Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Jazz­preis gleichauf.

Das Duo Woll­ny-Sau­er war zwar kei­ne über­ra­schen­de Ent­schei­dung, aber eine siche­re Bank – seit eini­gen Jah­ren schon sor­gen der jun­ge Pia­nist Woll­ny und der Frank­fur­ter Saxo­phon-Vete­ran Sau­er mit ihrer Zusam­men­ar­beit für Auf­se­hen. Im Foy­er des SWR war das gut nach­zu­voll­zie­hen. Ihr aus­ge­spro­chen rei­ches Reper­toire an Mit­teln und sti­lis­ti­schen Mög­lich­kei­ten macht ihre Musik näm­lich immer wie­der span­nend. Und ihre Offen­heit im Zusam­men­spiel sorgt für vie­le über­ra­schen­de und über­wäl­ti­gen­de Momen­te. Vor allem beim lis­ti­gen Fuchs Heinz Sau­er bricht dabei immer wie­der der Schalk durch. Dabei ist ihre Musik eigent­lich gar nicht beson­ders komisch. Im Gegen­teil, sie wird von einem fast hei­li­gen Ernst getra­gen. Ihre Brü­chig­keit ver­wei­gert sich sehr kon­se­quent fer­ti­gen Ant­wor­ten und stellt lie­ber ein paar Fra­gen zu viel als zu wenig.

Das Duo nutzt den Auf­tritt in Mainz auch gleich wie­der für einen Ver­such: Für die zwei­te Hälf­te haben sie sich die Unter­stüt­zung Jörg Meders geholt. Das ist ein Expe­ri­ment, weil er das für Jaz­zer eher unge­wöhn­li­che Instru­ment Vio­la da Gam­ba spielt. Es bleibt aller­dings auch recht expe­ri­men­tell: Das Zusam­men­spiel von Kla­vier, Vio­la und Tenor­sa­xo­phon ist vor allem akus­tisch pro­ble­ma­tisch, weil Woll­ny und Sau­er den Gam­bis­ten ger­ne an die Wand spie­len. Und auch sonst zeigt sich der Erpro­bungs­sta­tus noch deut­lich: Die Mög­lich­kei­ten vor allem der klang­li­chen Berei­che­rung des Duos sind erkenn­bar, aber ihr Poten­zi­al ist noch lan­ge nicht aus­ge­schöpft. Aber der SWR-Jazz­preis soll ja auch nicht das Ende einer Musi­ker­kar­rie­re feiern.

Aus­schnit­te wer­den am 18.6. ab 19.05 Uhr in SWR2 gesen­det.

fun­ny van dan­nen ist ein net­ter musi­ker mit lus­ti­gen cds. harald sack zieg­ler ist so etwas wie ein fun­ny van dan­nen für fort­ge­schrit­te­ne: die musik ist noch tra­shi­ger, noch impro­vi­sier­ter und kon­zen­trier­ter. und die tex­te sind noch absur­der, noch stär­ker redu­ziert und kon­den­siert. da heißt es dann z.b. in der bar­bie hym­ne (auf der cd live 28.04.2006 – köln bür­ger­haus kalk, pri­o­n­mu­sik 110): „ich lie­be mei­ne bar­bie sehr, weil ich nie von ihr ver­las­sen wer­de”. oder es gibt einen taschen­tuch­wal­zer, der

wun­der­bar auf­bau­en­de, geschickt ein­ge­setz­te, gesta­pel­te, getürm­te loops – bis der turm kurz vorm ein­stür­zen ist, dann schnei­det er ein­fach ab … da er sowohl sei­nen gesang als auch sei­ne – rudi­men­tä­ren – instru­men­te so in den elek­tro­ni­schen kreis­lauf schickt, bau­en sich ziem­lich dich­te, kraft­vol­le klangar­ran­ge­ments auf.

ein­fach skur­ril ist das. und herr­lich unter­halt­sam. und alles live von einem one-man-orches­ter auf der büh­ne – mit hil­fe des loo­pings alles kein problem.

harald sack zieg­ler: live 28.04.2006. pri­o­n­mu­sik 2007.

jetzt also doch

gera­de kürz­lich zitier­te ich hier das neu­es­te goetz’sche lob des inter­nets. und jetzt erfah­re ich aus der süd­deut­schen zei­tung, dass „kla­ge” im herbst als buch erschei­nen soll – jetzt also doch. ich bin gespannt, ob und wie das funk­tio­niert. genau wie burk­hard mül­ler, der dar­über für die sz schrieb. ein recht inter­es­san­tes stück übri­gens, der goet­zens leis­tung sehr gut erkennt, aber auch die schwä­chen nicht ver­schweigt. selt­sam nur der ein­druck, dass mül­ler die­ses pro­jekt von rai­nald goetz offen­bar gar nicht bekannt war (selt­sam auch, dass er abfall für alle über­haupt nicht erwähnt), bis der suhr­kamp-ver­lag die buch­aus­ga­be ankün­dig­te. das spricht frei­lich wie­der bän­de: das inter­net ist da – wie in so ziem­lich der gesam­ten süd­deut­schen – noch nicht so rich­tig ange­kom­men. zumin­dest nicht als ernst­zu­neh­men­des medi­um oder platt­form, auf/​in der auch kunst pas­sie­ren und funk­tio­nie­ren kann.

schönheit

„Schön ist das Inter­net in sei­ner Lei­sig­keit, der Unend­lich­keit sei­ner Räu­me und der Heim­lich­keit jedes ein­zel­nen sei­ner Punk­te, von dem irgend­wel­che gehei­men Signa­le aus­ge­hen.” (so fängt rai­nald goetz sei­nen kla­ge-bei­trag am frei­tag – mit dem titel enko­mi­on – an.) schön fin­de ich die­se beobachtung.

wunschkonzert der klassikliebhaber

Das 19. Jahr­hun­dert ist sehr beliebt in Mainz. Zumin­dest wenn es um klas­si­sche Musik geht. Beim gro­ßen Wunsch­kon­zert des Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­ches­ters in der Phö­nix-Hal­le war jeden­falls fast nur Musik aus die­ser Zeit zu hören. Und den ein­zi­gen Kom­po­nis­ten des 18. Jahr­hun­derts, Joseph Haydn, hat ein Tipp­feh­ler im Pro­gramm auch noch um hun­dert Jah­re jün­ger gemacht. Aber der Rei­he nach: Das Kon­zert begann mit einem furio­sen Auf­akt. Die Car­men-Ouver­tü­re von Geor­ges Bizet mach­te es dem Orches­ter leicht, das Publi­kum gleich mit den ers­ten Tönen für sich ein­zu­neh­men. Zügig zieht die Diri­gen­tin Cathe­ri­ne Rück­wardt das durch. Über­haupt hat sie heu­te nicht beson­ders viel Ruhe. Beson­ders deut­li­ches Bei­spiel war Sme­ta­nas „Die Mol­dau“. Da wirkt gera­de der Beginn fast schon gehetzt – aus­ru­hen kann man sich auf die­ser Fluss­fahrt jeden­falls kaum. Ein­zi­ge gro­ße Aus­nah­me bleibt da Samu­el Bar­bars berühm­tes „Ada­gio for Strings“. Da zeigt sich das Main­zer Orches­ter nicht nur mit wei­chen Strei­ch­er­klän­gen und für sei­ne Ver­hält­nis­se viel Schmelz, Rück­wardt kos­tet den Kitsch auch in jeder Note aus – jede ande­re Stra­te­gie ist bei die­sem Hit sowie­so vergebens.

Auch in ande­rer Hin­sicht ist das Ada­gio eine Aus­nah­me: Der Rest des Kon­zer­tes besteht näm­lich vor­wie­gend aus mehr oder weni­ger fet­zi­gen und schmis­si­gen Wer­ken. Zum Bei­spiel Felix Men­dels­sohn-Bar­thol­dy Ouver­tü­re „Die schö­ne Melu­si­ne“. Die spielt das Orches­ter schön prä­zi­se und sehr beredt als direk­te Klang­erzäh­lung. Eben­falls sehr plas­tisch formt Rück­wardt Rein­hold Gliè­res Matro­sen­tanz aus dem Bal­lett „Roter Mohn“. Ob es frei­lich irgend­wo Matro­sen gibt, die zu die­sem pit­to­res­ken, def­tig wum­mern­den Pracht­stück tan­zen kön­nen, ist doch sehr zwei­fel­haft. Die Fra­ge stellt sich bei Jean Sibe­l­i­us’ „Fin­lan­dia“ gar nicht erst: Da reicht schon das Hören. Und Hören kann man in der Phö­nix-Hal­le eine Men­ge. Denn das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter zele­briert zum Abschluss des Wunsch­kon­zer­tes noch ein­mal die Musik und sich selbst. Breit und schwer­ge­wich­tig kom­men die Klang­mas­sen mit einer Unmen­ge an Pathos pom­pös daher­ge­schrit­ten – genau so, wie ein sol­ches natio­na­les Klang­po­em es eben verdient.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

knapp vorbei ist auch daneben

der lauf

kühl war es um kurz vor halb sechs, als ich mit über 1800 wei­te­ren Läu­fern auf dem eisen­acher markt­platz ankam. so rich­tig wach wur­de ich erst all­mäh­lich – um kurz nach vier nach eini­gen stun­den unru­hi­gen schla­fes im gemein­schafts­quar­tier (einer schu­le) auf­zu­se­hen, ist nicht unbe­dingt mein ding. kühl blieb es auch noch eine wei­le. pünkt­lich um sechs ging es los – ich hat­te mich sehr weit hin­ten im feld ein­ge­ord­net und über­quer­te 2 minu­ten spä­ter die start­li­nie. dann ging es erst ein­mal lang­sam und sehr, sehr gemüt­lich an den rand von eisen­ach und über eini­ge keh­ren hoch zu den wie­sen und dem wald – immer in rich­tung renn­steig. das feld war noch sehr dicht und mach­te das lau­fen etwas schwie­rig – man muss­te halt sehr auf­pas­sen. dafür hat­te ich kei­ne gele­gen­heit, zu früh zu schnell zu wer­den. eher im gegen­teil. späs­tens so nach 10 km hat­te sich das feld dann aber schon erheb­lich aus­ein­an­der gezo­gen. aber zunächst ging es mehr oder wenig ste­tig berg­auf, bis zum gro­ßen insel­s­berg bei km 25. schlimm war dann der abstieg: saus­teil und rut­schig – kaum ver­nünf­tig zu lau­fen. es hat­te ja auch gera­de vor­her ein wenig geregnet …

dann mach­te ich mich all­mäh­lich ans auf­ho­len. denn mei­ne anvi­sier­te ziel­zeit waren ja 7 stun­den – und dafür muss­te der schnitt noch eini­ges fal­len. das hat aber lan­ge, lan­ge gedau­ert: in ebe­nen oder abwärts gehen­den pas­sa­gen habe ich eini­ge sekun­den raus­ge­schun­den, die ich dann zur hälf­te an der nächs­ten stei­gung – inzwi­schen ging ich vie­le berg­auf-pas­sa­gen – wie­der ver­lor. das spiel­chen wur­de müh­sam … aber noch hat­te ich genü­gend kraft und eigent­lich ging es mir gut. auch wegen der aus­ge­zeich­ne­ten ver­sor­gung durch die vie­len aus­ge­spro­chen freund­li­chen und net­ten hel­fern an den stän­den. ich hat­te von anfang wo mög­lich immer ein wenig bana­ne geges­sen und vor allem was­ser und tee getrun­ken. irgend­wo jen­seits der km 35 wur­de mir ein wenig flau, so dass ich schon hier das menü mit cola ergänzt habe (eigent­lich woll­te ich mir das ja für spä­ter auf­he­ben). die vie­le koh­len­säu­re such­te sich dann immer weni­ge schrit­te spä­ter erup­tiv den weg ins freie, denn lei­der gab es nur mine­ral­was­ser. aber das war auch okay. über­haupt war ich erstaunt, wie wenig pro­ble­me ich mit der ver­dau­ung hat­te – und wie wenig hun­ger (übri­gens noch nicht ein­mal im ziel). geges­sen habe ich aus­schließ­lich bana­nen – den hafer­schleim woll­te ich dann doch nicht noch pro­bie­ren. dafür habe ich ein ab der vier­ten stun­den drei gels ein­ge­wor­fen, die wie erwar­tet funk­tio­nier­ten und zusätz­li­che ener­gie frei­set­zen. so lief es also bei dem eigent­lich ziem­lich idea­len lauf­wet­ter (vor­wie­gend bewölkt, mil­de tem­pe­ra­tu­ren irgend­wo knapp unter 20 °C (geschätzt), ab und an ein paar son­nen­strah­len) immer wei­ter über die höhen und kup­pen des thü­rin­ger wal­des – eini­ge schö­ne aus­bli­cke gab es, soweit ich das ohne bril­le beur­tei­len konnte.

das ende

7 stun­den oder zumin­dest 7:05 schie­nen zuneh­mend trotz des eigent­lich zu lang­sa­men beginns mach­bar: es lief ziem­lich gut, ich fühl­te mich noch erstaun­lich frisch. aber dann begann ab dem wie­der anlau­fen nach dem ver­pfle­gungs­punkt schmü­cke die lin­ke wade außen zu schmer­zen. ich konn­te mit dem schmerz aber nichts anfan­gen und hoff­te des­halb, die letz­ten 8 kilo­me­ter noch gut durch­zu­ste­hen. aber dann kam ich zum kilo­me­ter 68. da schoss dann auf ein­mal noch ein gewal­ti­ger schmerz in den mus­kel, das bein kipp­te unter mir weg. und dann ging gar nichts mehr. ich ver­such­te noch ein paar mal, wie­der anz­lau­fen. aber das ein­zi­ge, was noch ging, war gehen. so bin ich dann zu den nächs­ten sani­tä­tern gehum­pelt, die konn­ten mir aber über­haupt nicht hel­fen (viel ahnung schie­nen sie nicht zu haben …). also bin ich halt wei­ter gegan­gen – es waren ja nur noch 4 kilo­me­ter. immer wie­der ver­sucht mich die läu­fer, die micht über­hol­ten (und die ich alle vor­her müh­sam ein­ge­sam­melt hat­ten), zu ermun­tern – aber das hat­te infach kei­nen sinn mehr. erstaun­lich fand ich, dass ich mich eigent­lich kaum geär­gert habe – irgend­wie war mir ziem­lich schnell klar, dass ich da jetzt nichts mehr machen kann. aus den guten 7 stun­den wur­den dann 7:48 h – aber das ist auch okay. und es for­dert natür­lich eine revanche.

im ziel bin ich dann erst­mal zu den not­ärz­ten – die haben gleich einen mus­kel­fa­ser­riss dia­gnos­ti­ziert. und der schmerzt jetzt noch lus­tig vor sich hin. nach­dem ich dann geduscht war und noch ein wenig mit frett gequatscht hat­te, bin ich auch schon zurück nach eisen­ach – ich hat­te kei­nen bock mehr, da jetzt noch rumzuhängen.

das nächste mal

mehr lan­ge läu­fe im hüge­li­gen wer­de ich mir für den nächs­ten angriff auf den renn­steig vor­neh­men. denn vor allem die vie­len anstie­ge – die ich zu einem gro­ßen teil gegan­gen bin – haben mich geschlaucht. das kann noch bes­ser wer­den. über­rascht war ich, wie gut ich mit der län­ge eigent­lich klar­kam. so bei km 30 bis 35 hat­te ich ein wenig einen durch­hän­ger – da wur­de mir klar, dass noch ein gan­zer mara­thon vor mir lag bzw. gera­de erst die hälf­te hin­ter mit – und dass nach über drei stun­den. aber es ging dann eigent­lich recht locker wei­ter: km 40 fiel, dann schon 45 und auch 50 ‑60 waren über­haupt kein problem.

klang-bau-stelle im neubau der musikhochschule

Ein wil­der Hau­fen ist es, der sich den Neu­bau erobert hat. Zumin­dest auf den ers­ten Blick wirkt die „Klang-Bau-Stel­le“ im Neu­bau der Musik­hoch­schu­le reich­lich chao­tisch: Am Ein­gang begrü­ßen Gar­ten­schlauch­trom­pe­ten die Gäs­te, im ers­ten Stock steht ein ver­ka­bel­tes Alp­horn, der zukünf­ti­ge Kon­zert­saal ist mit einem Arse­nal Kon­ser­ven­büch­sen, einem Flü­gel und einem DJ-Stand gefüllt, in der Stu­dio­büh­ne steht sogar noch ein Beton­mi­scher. Aber natür­lich folgt das alles einer genau aus­ge­klü­gel­ten Dra­ma­tur­gie und Logis­tik. Denn die Stu­den­ten des Semi­nars „Geöff­ne­te Ohren“ haben unter der Lei­tung von Pro­fes­sor Peter Kie­fer kaum eine Mühe gescheut, sich ihr zukünf­ti­ges Domi­zil schon als Roh­bau anzueignen.

Schon der Auf­takt im Innen­hof ist ein furio­ser Beginn des Wan­del­kon­zer­tes: Eine Meta­mu­sik, die hier vom Nu Art Brass Ensem­ble urauf­ge­führ­te Cha­os-Fan­fa­re „Par­tia­les“ von Pier­lu­ca Lan­zi­lot­ta, die alle Ideen und Vor­stel­lun­gen einer Fan­fa­re gründ­lich aus­ein­an­der­nimmt um sie neu und etwas ver­quer zusam­men­zu­set­zen. Und wäh­rend dann das zen­tra­le Trep­pen­haus zum Kon­zert­raum wird, strei­chen im Hin­ter­grund die Arbei­ter noch die Wän­de. Denn noch bleibt eini­ges zu tun, damit der Bau fer­tig wird: Viel roher Beton ist noch zu sehen, gewal­ti­ge Kabel­bün­del hän­gen von den Decken. Manch­mal ist das aller­dings auch schon wie­der Absicht. Dort näm­lich, wo der Raum zum Instru­ment wird, wo eine der zahl­rei­chen Klang­in­stal­la­ti­on zu erle­ben sind. Die Sound­scapes voll­zie­hen den Über­gang von einem Haus zum ande­ren – mit Auf­nah­men, Mischun­gen der Geräu­sche und Klän­ge des alten Gebäu­des im vol­len Übe- und Unter­richts­be­trieb, die den Neu­bau erobern, mit ihrer gesteu­er­te Kako­pho­nie aus­fül­len und austasten.

Dane­ben gibt es aber auch fast klas­si­sche Kon­zert­si­tua­tio­nen. John Cages „cre­do in US“ etwa, das Flo­ri­an Bey­er und Arne Wie­gand geschickt adap­tiert haben und in einer furi­os-fan­tas­ti­schen Auf­füh­rung realisierten.

Und natür­lich ist da noch der Beton­mi­scher. Denn der ist nicht zurück­ge­las­se­nes Bau­ge­rät, son­dern ein Musik­in­stru­ment, dass sich Rai­ner Schre­ckin­ger für sei­ne „Medi­ta­ti­on???“ ange­eig­net hat.

Und man glaubt es kaum: Die Maschi­ne wird tat­säch­lich Teil einer klei­nen, knap­pen Medi­ta­ti­on, die der Gitar­rist Schre­ckin­ger mit Micha­el Wies­ner, der auf Flü­gel­horn und Abfluss­roh­ren dazu impro­vi­siert, geschickt in Sze­ne set­zen und dabei recht raf­fi­niert die Gren­zen zwi­schen Musik und Geräusch auflösen.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

die roam fährt in den norden europas

Zu Beginn wur­den die Ohren erst ein­mal rich­tig geputzt. Die Elche auf dem Pro­gramm­heft zie­hen aber völ­lig unbe­ein­druckt von Erkki-Sven Tüürs „Sear­ching for Roots“ ihres Weges. Hät­ten sie nur mal hin­ge­hört. Denn dann hät­ten sie einen kur­zen, span­nungs­ge­la­de­nen Aus­flug in die zeit­ge­nös­si­sche Musik erlebt: Dicht geschich­te und kom­plex ver­schach­tel­te Klan­ge­be­nen, die sich immer wie­der an ver­schie­de­nen Stel­len des Orches­ter lich­te­ten, um klei­ne Motiv­fet­zen frei­zu­ge­ben. Doch auch die Rhei­ni­sche Orches­ter­aka­de­mie Mainz (ROAM), die ihr neun­tes Kon­zert mit die­ser „Hom­mage à Sibe­l­i­us“ began­nen, blieb unter Cle­mens Heil bleibt aus­ge­spro­chen kühl und zurück­hal­tend, beton­te die for­ma­le Sei­te der Musik und beließ es bei deut­li­cher emo­tio­na­ler Distanz.

Alles ande­re als frisch und kühl war aller­dings die sti­ckig-dump­fe Luft im Schloss – die mach­te das Zuhö­ren eher anstren­gend. Aber die Leis­tun­gen der jun­gen Musi­ker der ROAM ent­schä­dig­ten dafür mit Leich­tig­keit. Dabei ist das Vio­lin­kon­zert von Carl August Niel­sen ein ziem­lich schwer ver­dau­li­cher Bro­cken. Die Solis­tin Dorot­tya Ujlaky schien sich auch vor­sorg­lich hin­ter ihrem Noten­pult zu ver­ste­cken. Grund dafür gab es frei­lich nicht: Sou­ve­rän, klar und vor allem im zwei­ten Satz mit schmel­zen­der Süße meis­ter­te sie das lei­der so sel­ten zu hören­de Kon­zert. Dass sie sich dabei alle Sen­ti­men­ta­li­tä­ten ver­sag­te, war mehr als kon­se­quent. Doch manch­mal schlug es fast in das Gegen­teil um – dann schien sie vom sport­li­chen Aspekt zu sehr ein­ge­nom­men. Aber das waren nur weni­ge Momen­te in einer Unzahl schö­ner Stel­len. Und im beglü­cken­den Zusam­men­spiel mit dem Orches­ter erga­ben sie ein pit­to­resk anmu­ten­des Pan­oram nor­di­scher Klischees.

Doch wie so oft hat­te sich die ROAM das Bes­te für den Schluss auf­ge­spart: Die zwei­te Sin­fo­nie von Jean Sibe­l­i­us. Der in Schwe­den gebo­re­ne Kom­po­nist ist ja soet­was wie der­Meis­ter der fin­ni­schen Musik über­haupt. Klang­schön­heit und Ner­ven­kit­zel wur­den hier auf hohem Niveau zusam­men geführt. Das, nun­ja, Groß­ar­ti­ge war aber ein­deu­tig die Fähig­keit Heils, die Span­nung über alle Brü­che und Ent­la­dun­gen hin­weg immer noch mehr anwach­sen zu las­sen. Und auch wenn das Orches­ter nun an man­cher Stel­le etwas an Prä­zi­si­on ver­lor – die Wucht und das Tem­pe­ra­ment, die ganz direkt zu hören­de Freu­de der Musi­ker beim Spie­len mach­te das alle­mal wett. Denn genau die­se Mischung aus Enga­ge­ment und for­ma­ler Klar­heit, aus Form­be­wusst­sein und Spiel­freu­de sorg­te unab­läs­sig für beacht­li­ches Gänsehaut-Potenzial.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

brahms-geburtstag, der 175.

Es ist fast wie bei einer Fami­li­en­fei­er. Nur der Jubi­lar ist lei­der nicht erschie­nen. Das wäre auch selt­sam, denn gefei­ert wur­de immer­hin der 175. Geburts­tag von Johan­nes Brahms. Die Musik­hoch­schu­le hat dazu in die Vil­la Musi­ca ein­ge­la­den. Bes­ser gesagt: Hans Chris­toph Bege­mann hat gebe­ten. Und als form­voll­ende­ter Gast­ge­ber begrüßt der Bari­ton Gäs­te selbst­ver­ständ­lich per­sön­lich – und erläu­tert auch erst­mal, wie das Pro­gramm rich­tig zusam­men­ge­setzt wer­den muss, damit die Lied­tex­te auch in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge ste­hen. Das war dann aber auch schon der ein­zi­ge Feh­ler, der hier passierte.

Denn der Lie­der­abend zu Ehren des Meis­ters gelang ihm ganz ausgezeichnet.Dafür hat er nicht ohne Plan im reich­hal­ti­gen Lied­schaf­fen des Jubi­lars gewil­dert, son­dern gezielt nach Lie­dern auf Tex­te von Georg Fried­rich Dau­mer gesucht. Der wur­de von Brahms zwar recht hoch geschätzt, von der Nach­welt aber kaum. Das ist durch­aus ver­ständ­lich, denn wirk­lich gro­ße Dich­tung sieht ein wenig anders aus. Aber wie so oft tut das den Lie­dern, sobald sie erklin­gen, über­haupt kei­nen Abbruch.

Doch der ver­ges­se­ne Dich­ter stört in der Vil­la Musi­ca nie­man­den. Denn der sym­pa­thi­scher Bari­ton lässt sich davon nicht wei­ter beein­flus­sen und legt sei­ne nicht unbe­trächt­li­che Kunst­fer­tig­keit in den Vor­trag. Mit sei­ner etwas kör­ni­gen Stim­me, die weder zu fins­ter noch zu strah­lend klingt, ist er genau der rich­ti­ge Mann, um den inti­men Salon der Vil­la Musi­ca pracht­voll aus­zu­fül­len. Vor allem aber, und das wür­de wohl Brahms und Dau­mer glei­cher­ma­ßen erfreu­en, sang er immer mit Gewicht und Nach­druck. Schließ­lich geht es ja auch um viel, um alles eigent­lich: Sehn­sucht, Lie­be, Ein­sam­keit, Tod – die klas­si­schen Lied­the­men der Roman­tik eben.

Der ganz kla­re Höhe­punkt in die­ser Rei­he war der Zyklus mit der Opus-Num­mer 32, der Dau­mer und August von Pla­ten zusam­men­führt. Bege­mann gelang es näm­lich, die Span­nung auch bei den alt­be­kann­ten Lie­dern immer wie­der neu auf­zu­bau­en: Alles ist ihm ernst, nichts geschieht leicht­hin – selbst Iro­nie und Witz sind Arbeit und künst­le­ri­sche Anstren­gung. Beson­ders sein ziel­ge­rich­te­tes Sin­gen ermög­licht die vol­le Ent­fal­tung jedes Lie­des: Nie ver­säumt er es, den Kern in Angriff zu neh­men, nie lässt er die Zuhö­rer im Zwei­fel, nie bleibt er undeutlich.

Und Tho­mas Sey­boldt unter­stützt ihn dabei auf ange­nehm prä­zi­se, unauf­dring­li­che Art nicht nur exakt, son­dern auch genau im Aus­druck – und dabei immer sehr syn­chron mit sei­nem Sän­ger: „Nur dein Gefühl ent­hül­le mir, dein wah­res!“ heißt es dabei ein­mal. Das hät­te ein wun­der­ba­res Mot­to für die­sen Abend sein kön­nen. Aber der Geburts­tag des Kom­po­nis­ten war eben naheliegender.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

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