gerade höre ich die cd sehr schnee sehr wald sehr des schweizer akkordeonisten hans hassler, die mir der postbote heute aus der schweiz in den briefkasten gelegt hat. schon das label, bei dem dieses geniale meisterwerk erschienen ist, zeigt ja, was für ein akkordeonist das ist: intakt ist alles andere als die heimat der volksmusik. und dann verwundert es kaum mehr, was hier aus den lautsprechern tönt. aber dieser kauzige und skurril-krude mix aus volksmusik (ja, in anklängen lässt hassler mal einen zerfetzten ländler auftauchen oder eine polka aufscheinen), jazz und vor allem freier improvisation erstaunt dann doch ein bisschen: dass der kerl so gut ist, hätte ich nicht erwartet. denn begegnet ist er mir bisher noch nicht bewusst (unbewusst muss ich ihn mal in gebhard ullmanns ensemble gehört haben). jedenfalls, hassler hat hier nicht nur kleine, winzige spontane geniestreiche aufgenommen. sondern auch mehrere große „werke” mit dauern von 5–15 minuten. das überragende dabei ist etwas, was ich nur ganz selten hörte bisher: das steckt voller anspielungen, allusionen, zitate, hinweise, querverweise wie kaum eine musik. aber, das ist das entscheidende, hassler packt das so genial zusammen, schweißt das so perfekt ineinander, dass die verschiedensten herkünfte zwar beim nachdenken darüber klar werden, aber nicht zu hören sind: das ist nämlich echte musik aus einem guss. früher hätte man hassler sicher einen musikanten genannt, doch heute hat das immer so einen abwertenden beigeschmack. aber es scheint mir sehr gut zu treffen zur charakterisierung: er spielt einfach, wie ihm die finger fallen – mit ausgesprochener virtuosität in technik und gestaltung der form. natürlich tut er dies mit wachem, scharfen verstand – anders ließe sich so monströs-ausufernd gute musik gar nicht erzeugen. pirmin bossart bezeichnet ihn im booklet als „musikalischen freigeist par exellence”. und er schreibt noch etwas, dass eigentlich sehr genau zutrifft und keiner ergänzung bedarf: „es ist nicht immer fassbar, was geschieht. aber es geschieht.” ach, gäbe es doch nur mehr solch hervorragende musik. und würde sie auch ihren weg zu mir finden .… es nämlich immer wieder erbauend, so etwas zu entdecken, es das erste, zweite, dritte mal zu hören und über noch mit begeisterung und vor staunen aufgesperrten lauschern dazusitzen. doch das passiert viel zu selten in der intensität, wie es hans hassler bei mir gerade schafft. aber das wichtigste hätte ich jetzt beinahe vergessen. denn essentiell für die musik dieser scheibe ist die tatsache, dass hassler ein spieler ist. und zwar in allen hinsichten, die das wort und seine nutzer sich nur vorstellen können. grenzen für diesen unersättlichen spieltrieb gibt es nicht. und deshalb macht diese musik, so profund und wahr sie ist, auch noch solchen unbändigen spaß. hans hassler: sehr schnee sehr wald sehr. intakt 2008. nachtrag: ein porträt (aus der wochenzeitung) und eine knappe kritik (aus dem tages-anzeiger) gibt es beim label intakt.
Wenigstens einmal im Jahr wird Mainz zur Jazzmetropole. Dann werden im Funkhaus des SWR große Jazzer mit dem SWR-Jazzpreis geehrt. Und zum Glück für die Mainzer gibt es immer auch ein Konzert dazu, so dass jeder die Jury-Entscheidung nachvollziehen kann. Dieses Jahr wählte sie das Duo Michael Wollny und Heinz Sauer für den mit 10.000 Euro dotieren, von Land und SWR gemeinsam getragenen Preis. Und bei der Preisverleihung konnte Staatssekretär Joachim Hoffmann-Götting gleich noch eine zweite gute Nachricht verkünden: Ab nächstem Jahr wird der Jazzpreis auf 15.000 Euro aufgestockt – und zieht damit mit dem Baden-Württembergischen Jazzpreis gleichauf.
Das Duo Wollny-Sauer war zwar keine überraschende Entscheidung, aber eine sichere Bank – seit einigen Jahren schon sorgen der junge Pianist Wollny und der Frankfurter Saxophon-Veteran Sauer mit ihrer Zusammenarbeit für Aufsehen. Im Foyer des SWR war das gut nachzuvollziehen. Ihr ausgesprochen reiches Repertoire an Mitteln und stilistischen Möglichkeiten macht ihre Musik nämlich immer wieder spannend. Und ihre Offenheit im Zusammenspiel sorgt für viele überraschende und überwältigende Momente. Vor allem beim listigen Fuchs Heinz Sauer bricht dabei immer wieder der Schalk durch. Dabei ist ihre Musik eigentlich gar nicht besonders komisch. Im Gegenteil, sie wird von einem fast heiligen Ernst getragen. Ihre Brüchigkeit verweigert sich sehr konsequent fertigen Antworten und stellt lieber ein paar Fragen zu viel als zu wenig.
Das Duo nutzt den Auftritt in Mainz auch gleich wieder für einen Versuch: Für die zweite Hälfte haben sie sich die Unterstützung Jörg Meders geholt. Das ist ein Experiment, weil er das für Jazzer eher ungewöhnliche Instrument Viola da Gamba spielt. Es bleibt allerdings auch recht experimentell: Das Zusammenspiel von Klavier, Viola und Tenorsaxophon ist vor allem akustisch problematisch, weil Wollny und Sauer den Gambisten gerne an die Wand spielen. Und auch sonst zeigt sich der Erprobungsstatus noch deutlich: Die Möglichkeiten vor allem der klanglichen Bereicherung des Duos sind erkennbar, aber ihr Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Aber der SWR-Jazzpreis soll ja auch nicht das Ende einer Musikerkarriere feiern.
Ausschnitte werden am 18.6. ab 19.05 Uhr in SWR2 gesendet.
funny van dannen ist ein netter musiker mit lustigen cds. harald sack ziegler ist so etwas wie ein funny van dannen für fortgeschrittene: die musik ist noch trashiger, noch improvisierter und konzentrierter. und die texte sind noch absurder, noch stärker reduziert und kondensiert. da heißt es dann z.b. in der barbie hymne (auf der cd live 28.04.2006 – köln bürgerhaus kalk, prionmusik 110): „ich liebe meine barbie sehr, weil ich nie von ihr verlassen werde”. oder es gibt einen taschentuchwalzer, der
wunderbar aufbauende, geschickt eingesetzte, gestapelte, getürmte loops – bis der turm kurz vorm einstürzen ist, dann schneidet er einfach ab … da er sowohl seinen gesang als auch seine – rudimentären – instrumente so in den elektronischen kreislauf schickt, bauen sich ziemlich dichte, kraftvolle klangarrangements auf.
einfach skurril ist das. und herrlich unterhaltsam. und alles live von einem one-man-orchester auf der bühne – mit hilfe des loopings alles kein problem.
harald sack ziegler: live 28.04.2006. prionmusik 2007.
gerade kürzlich zitierte ich hier das neueste goetz’sche lob des internets. und jetzt erfahre ich aus der süddeutschen zeitung, dass „klage” im herbst als buch erscheinen soll – jetzt also doch. ich bin gespannt, ob und wie das funktioniert. genau wie burkhard müller, der darüber für die sz schrieb. ein recht interessantes stück übrigens, der goetzens leistung sehr gut erkennt, aber auch die schwächen nicht verschweigt. seltsam nur der eindruck, dass müller dieses projekt von rainald goetz offenbar gar nicht bekannt war (seltsam auch, dass er abfall für alle überhaupt nicht erwähnt), bis der suhrkamp-verlag die buchausgabe ankündigte. das spricht freilich wieder bände: das internet ist da – wie in so ziemlich der gesamten süddeutschen – noch nicht so richtig angekommen. zumindest nicht als ernstzunehmendes medium oder plattform, auf/in der auch kunst passieren und funktionieren kann.
„Schön ist das Internet in seiner Leisigkeit, der Unendlichkeit seiner Räume und der Heimlichkeit jedes einzelnen seiner Punkte, von dem irgendwelche geheimen Signale ausgehen.” (so fängt rainald goetz seinen klage-beitrag am freitag – mit dem titel enkomion – an.) schön finde ich diese beobachtung.
Das 19. Jahrhundert ist sehr beliebt in Mainz. Zumindest wenn es um klassische Musik geht. Beim großen Wunschkonzert des Philharmonischen Staatsorchesters in der Phönix-Halle war jedenfalls fast nur Musik aus dieser Zeit zu hören. Und den einzigen Komponisten des 18. Jahrhunderts, Joseph Haydn, hat ein Tippfehler im Programm auch noch um hundert Jahre jünger gemacht. Aber der Reihe nach: Das Konzert begann mit einem furiosen Aufakt. Die Carmen-Ouvertüre von Georges Bizet machte es dem Orchester leicht, das Publikum gleich mit den ersten Tönen für sich einzunehmen. Zügig zieht die Dirigentin Catherine Rückwardt das durch. Überhaupt hat sie heute nicht besonders viel Ruhe. Besonders deutliches Beispiel war Smetanas „Die Moldau“. Da wirkt gerade der Beginn fast schon gehetzt – ausruhen kann man sich auf dieser Flussfahrt jedenfalls kaum. Einzige große Ausnahme bleibt da Samuel Barbars berühmtes „Adagio for Strings“. Da zeigt sich das Mainzer Orchester nicht nur mit weichen Streicherklängen und für seine Verhältnisse viel Schmelz, Rückwardt kostet den Kitsch auch in jeder Note aus – jede andere Strategie ist bei diesem Hit sowieso vergebens.
Auch in anderer Hinsicht ist das Adagio eine Ausnahme: Der Rest des Konzertes besteht nämlich vorwiegend aus mehr oder weniger fetzigen und schmissigen Werken. Zum Beispiel Felix Mendelssohn-Bartholdy Ouvertüre „Die schöne Melusine“. Die spielt das Orchester schön präzise und sehr beredt als direkte Klangerzählung. Ebenfalls sehr plastisch formt Rückwardt Reinhold Glières Matrosentanz aus dem Ballett „Roter Mohn“. Ob es freilich irgendwo Matrosen gibt, die zu diesem pittoresken, deftig wummernden Prachtstück tanzen können, ist doch sehr zweifelhaft. Die Frage stellt sich bei Jean Sibelius’ „Finlandia“ gar nicht erst: Da reicht schon das Hören. Und Hören kann man in der Phönix-Halle eine Menge. Denn das Philharmonische Staatsorchester zelebriert zum Abschluss des Wunschkonzertes noch einmal die Musik und sich selbst. Breit und schwergewichtig kommen die Klangmassen mit einer Unmenge an Pathos pompös dahergeschritten – genau so, wie ein solches nationales Klangpoem es eben verdient.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
der lauf
kühl war es um kurz vor halb sechs, als ich mit über 1800 weiteren Läufern auf dem eisenacher marktplatz ankam. so richtig wach wurde ich erst allmählich – um kurz nach vier nach einigen stunden unruhigen schlafes im gemeinschaftsquartier (einer schule) aufzusehen, ist nicht unbedingt mein ding. kühl blieb es auch noch eine weile. pünktlich um sechs ging es los – ich hatte mich sehr weit hinten im feld eingeordnet und überquerte 2 minuten später die startlinie. dann ging es erst einmal langsam und sehr, sehr gemütlich an den rand von eisenach und über einige kehren hoch zu den wiesen und dem wald – immer in richtung rennsteig. das feld war noch sehr dicht und machte das laufen etwas schwierig – man musste halt sehr aufpassen. dafür hatte ich keine gelegenheit, zu früh zu schnell zu werden. eher im gegenteil. spästens so nach 10 km hatte sich das feld dann aber schon erheblich auseinander gezogen. aber zunächst ging es mehr oder wenig stetig bergauf, bis zum großen inselsberg bei km 25. schlimm war dann der abstieg: sausteil und rutschig – kaum vernünftig zu laufen. es hatte ja auch gerade vorher ein wenig geregnet …
dann machte ich mich allmählich ans aufholen. denn meine anvisierte zielzeit waren ja 7 stunden – und dafür musste der schnitt noch einiges fallen. das hat aber lange, lange gedauert: in ebenen oder abwärts gehenden passagen habe ich einige sekunden rausgeschunden, die ich dann zur hälfte an der nächsten steigung – inzwischen ging ich viele bergauf-passagen – wieder verlor. das spielchen wurde mühsam … aber noch hatte ich genügend kraft und eigentlich ging es mir gut. auch wegen der ausgezeichneten versorgung durch die vielen ausgesprochen freundlichen und netten helfern an den ständen. ich hatte von anfang wo möglich immer ein wenig banane gegessen und vor allem wasser und tee getrunken. irgendwo jenseits der km 35 wurde mir ein wenig flau, so dass ich schon hier das menü mit cola ergänzt habe (eigentlich wollte ich mir das ja für später aufheben). die viele kohlensäure suchte sich dann immer wenige schritte später eruptiv den weg ins freie, denn leider gab es nur mineralwasser. aber das war auch okay. überhaupt war ich erstaunt, wie wenig probleme ich mit der verdauung hatte – und wie wenig hunger (übrigens noch nicht einmal im ziel). gegessen habe ich ausschließlich bananen – den haferschleim wollte ich dann doch nicht noch probieren. dafür habe ich ein ab der vierten stunden drei gels eingeworfen, die wie erwartet funktionierten und zusätzliche energie freisetzen. so lief es also bei dem eigentlich ziemlich idealen laufwetter (vorwiegend bewölkt, milde temperaturen irgendwo knapp unter 20 °C (geschätzt), ab und an ein paar sonnenstrahlen) immer weiter über die höhen und kuppen des thüringer waldes – einige schöne ausblicke gab es, soweit ich das ohne brille beurteilen konnte.
das ende
7 stunden oder zumindest 7:05 schienen zunehmend trotz des eigentlich zu langsamen beginns machbar: es lief ziemlich gut, ich fühlte mich noch erstaunlich frisch. aber dann begann ab dem wieder anlaufen nach dem verpflegungspunkt schmücke die linke wade außen zu schmerzen. ich konnte mit dem schmerz aber nichts anfangen und hoffte deshalb, die letzten 8 kilometer noch gut durchzustehen. aber dann kam ich zum kilometer 68. da schoss dann auf einmal noch ein gewaltiger schmerz in den muskel, das bein kippte unter mir weg. und dann ging gar nichts mehr. ich versuchte noch ein paar mal, wieder anzlaufen. aber das einzige, was noch ging, war gehen. so bin ich dann zu den nächsten sanitätern gehumpelt, die konnten mir aber überhaupt nicht helfen (viel ahnung schienen sie nicht zu haben …). also bin ich halt weiter gegangen – es waren ja nur noch 4 kilometer. immer wieder versucht mich die läufer, die micht überholten (und die ich alle vorher mühsam eingesammelt hatten), zu ermuntern – aber das hatte infach keinen sinn mehr. erstaunlich fand ich, dass ich mich eigentlich kaum geärgert habe – irgendwie war mir ziemlich schnell klar, dass ich da jetzt nichts mehr machen kann. aus den guten 7 stunden wurden dann 7:48 h – aber das ist auch okay. und es fordert natürlich eine revanche.
im ziel bin ich dann erstmal zu den notärzten – die haben gleich einen muskelfaserriss diagnostiziert. und der schmerzt jetzt noch lustig vor sich hin. nachdem ich dann geduscht war und noch ein wenig mit frett gequatscht hatte, bin ich auch schon zurück nach eisenach – ich hatte keinen bock mehr, da jetzt noch rumzuhängen.
das nächste mal
mehr lange läufe im hügeligen werde ich mir für den nächsten angriff auf den rennsteig vornehmen. denn vor allem die vielen anstiege – die ich zu einem großen teil gegangen bin – haben mich geschlaucht. das kann noch besser werden. überrascht war ich, wie gut ich mit der länge eigentlich klarkam. so bei km 30 bis 35 hatte ich ein wenig einen durchhänger – da wurde mir klar, dass noch ein ganzer marathon vor mir lag bzw. gerade erst die hälfte hinter mit – und dass nach über drei stunden. aber es ging dann eigentlich recht locker weiter: km 40 fiel, dann schon 45 und auch 50 ‑60 waren überhaupt kein problem.
Ein wilder Haufen ist es, der sich den Neubau erobert hat. Zumindest auf den ersten Blick wirkt die „Klang-Bau-Stelle“ im Neubau der Musikhochschule reichlich chaotisch: Am Eingang begrüßen Gartenschlauchtrompeten die Gäste, im ersten Stock steht ein verkabeltes Alphorn, der zukünftige Konzertsaal ist mit einem Arsenal Konservenbüchsen, einem Flügel und einem DJ-Stand gefüllt, in der Studiobühne steht sogar noch ein Betonmischer. Aber natürlich folgt das alles einer genau ausgeklügelten Dramaturgie und Logistik. Denn die Studenten des Seminars „Geöffnete Ohren“ haben unter der Leitung von Professor Peter Kiefer kaum eine Mühe gescheut, sich ihr zukünftiges Domizil schon als Rohbau anzueignen.
Schon der Auftakt im Innenhof ist ein furioser Beginn des Wandelkonzertes: Eine Metamusik, die hier vom Nu Art Brass Ensemble uraufgeführte Chaos-Fanfare „Partiales“ von Pierluca Lanzilotta, die alle Ideen und Vorstellungen einer Fanfare gründlich auseinandernimmt um sie neu und etwas verquer zusammenzusetzen. Und während dann das zentrale Treppenhaus zum Konzertraum wird, streichen im Hintergrund die Arbeiter noch die Wände. Denn noch bleibt einiges zu tun, damit der Bau fertig wird: Viel roher Beton ist noch zu sehen, gewaltige Kabelbündel hängen von den Decken. Manchmal ist das allerdings auch schon wieder Absicht. Dort nämlich, wo der Raum zum Instrument wird, wo eine der zahlreichen Klanginstallation zu erleben sind. Die Soundscapes vollziehen den Übergang von einem Haus zum anderen – mit Aufnahmen, Mischungen der Geräusche und Klänge des alten Gebäudes im vollen Übe- und Unterrichtsbetrieb, die den Neubau erobern, mit ihrer gesteuerte Kakophonie ausfüllen und austasten.
Daneben gibt es aber auch fast klassische Konzertsituationen. John Cages „credo in US“ etwa, das Florian Beyer und Arne Wiegand geschickt adaptiert haben und in einer furios-fantastischen Aufführung realisierten.
Und natürlich ist da noch der Betonmischer. Denn der ist nicht zurückgelassenes Baugerät, sondern ein Musikinstrument, dass sich Rainer Schreckinger für seine „Meditation???“ angeeignet hat.
Und man glaubt es kaum: Die Maschine wird tatsächlich Teil einer kleinen, knappen Meditation, die der Gitarrist Schreckinger mit Michael Wiesner, der auf Flügelhorn und Abflussrohren dazu improvisiert, geschickt in Szene setzen und dabei recht raffiniert die Grenzen zwischen Musik und Geräusch auflösen.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Zu Beginn wurden die Ohren erst einmal richtig geputzt. Die Elche auf dem Programmheft ziehen aber völlig unbeeindruckt von Erkki-Sven Tüürs „Searching for Roots“ ihres Weges. Hätten sie nur mal hingehört. Denn dann hätten sie einen kurzen, spannungsgeladenen Ausflug in die zeitgenössische Musik erlebt: Dicht geschichte und komplex verschachtelte Klangebenen, die sich immer wieder an verschiedenen Stellen des Orchester lichteten, um kleine Motivfetzen freizugeben. Doch auch die Rheinische Orchesterakademie Mainz (ROAM), die ihr neuntes Konzert mit dieser „Hommage à Sibelius“ begannen, blieb unter Clemens Heil bleibt ausgesprochen kühl und zurückhaltend, betonte die formale Seite der Musik und beließ es bei deutlicher emotionaler Distanz.
Alles andere als frisch und kühl war allerdings die stickig-dumpfe Luft im Schloss – die machte das Zuhören eher anstrengend. Aber die Leistungen der jungen Musiker der ROAM entschädigten dafür mit Leichtigkeit. Dabei ist das Violinkonzert von Carl August Nielsen ein ziemlich schwer verdaulicher Brocken. Die Solistin Dorottya Ujlaky schien sich auch vorsorglich hinter ihrem Notenpult zu verstecken. Grund dafür gab es freilich nicht: Souverän, klar und vor allem im zweiten Satz mit schmelzender Süße meisterte sie das leider so selten zu hörende Konzert. Dass sie sich dabei alle Sentimentalitäten versagte, war mehr als konsequent. Doch manchmal schlug es fast in das Gegenteil um – dann schien sie vom sportlichen Aspekt zu sehr eingenommen. Aber das waren nur wenige Momente in einer Unzahl schöner Stellen. Und im beglückenden Zusammenspiel mit dem Orchester ergaben sie ein pittoresk anmutendes Panoram nordischer Klischees.
Doch wie so oft hatte sich die ROAM das Beste für den Schluss aufgespart: Die zweite Sinfonie von Jean Sibelius. Der in Schweden geborene Komponist ist ja soetwas wie derMeister der finnischen Musik überhaupt. Klangschönheit und Nervenkitzel wurden hier auf hohem Niveau zusammen geführt. Das, nunja, Großartige war aber eindeutig die Fähigkeit Heils, die Spannung über alle Brüche und Entladungen hinweg immer noch mehr anwachsen zu lassen. Und auch wenn das Orchester nun an mancher Stelle etwas an Präzision verlor – die Wucht und das Temperament, die ganz direkt zu hörende Freude der Musiker beim Spielen machte das allemal wett. Denn genau diese Mischung aus Engagement und formaler Klarheit, aus Formbewusstsein und Spielfreude sorgte unablässig für beachtliches Gänsehaut-Potenzial.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Es ist fast wie bei einer Familienfeier. Nur der Jubilar ist leider nicht erschienen. Das wäre auch seltsam, denn gefeiert wurde immerhin der 175. Geburtstag von Johannes Brahms. Die Musikhochschule hat dazu in die Villa Musica eingeladen. Besser gesagt: Hans Christoph Begemann hat gebeten. Und als formvollendeter Gastgeber begrüßt der Bariton Gäste selbstverständlich persönlich – und erläutert auch erstmal, wie das Programm richtig zusammengesetzt werden muss, damit die Liedtexte auch in der richtigen Reihenfolge stehen. Das war dann aber auch schon der einzige Fehler, der hier passierte.
Denn der Liederabend zu Ehren des Meisters gelang ihm ganz ausgezeichnet.Dafür hat er nicht ohne Plan im reichhaltigen Liedschaffen des Jubilars gewildert, sondern gezielt nach Liedern auf Texte von Georg Friedrich Daumer gesucht. Der wurde von Brahms zwar recht hoch geschätzt, von der Nachwelt aber kaum. Das ist durchaus verständlich, denn wirklich große Dichtung sieht ein wenig anders aus. Aber wie so oft tut das den Liedern, sobald sie erklingen, überhaupt keinen Abbruch.
Doch der vergessene Dichter stört in der Villa Musica niemanden. Denn der sympathischer Bariton lässt sich davon nicht weiter beeinflussen und legt seine nicht unbeträchtliche Kunstfertigkeit in den Vortrag. Mit seiner etwas körnigen Stimme, die weder zu finster noch zu strahlend klingt, ist er genau der richtige Mann, um den intimen Salon der Villa Musica prachtvoll auszufüllen. Vor allem aber, und das würde wohl Brahms und Daumer gleichermaßen erfreuen, sang er immer mit Gewicht und Nachdruck. Schließlich geht es ja auch um viel, um alles eigentlich: Sehnsucht, Liebe, Einsamkeit, Tod – die klassischen Liedthemen der Romantik eben.
Der ganz klare Höhepunkt in dieser Reihe war der Zyklus mit der Opus-Nummer 32, der Daumer und August von Platen zusammenführt. Begemann gelang es nämlich, die Spannung auch bei den altbekannten Liedern immer wieder neu aufzubauen: Alles ist ihm ernst, nichts geschieht leichthin – selbst Ironie und Witz sind Arbeit und künstlerische Anstrengung. Besonders sein zielgerichtetes Singen ermöglicht die volle Entfaltung jedes Liedes: Nie versäumt er es, den Kern in Angriff zu nehmen, nie lässt er die Zuhörer im Zweifel, nie bleibt er undeutlich.
Und Thomas Seyboldt unterstützt ihn dabei auf angenehm präzise, unaufdringliche Art nicht nur exakt, sondern auch genau im Ausdruck – und dabei immer sehr synchron mit seinem Sänger: „Nur dein Gefühl enthülle mir, dein wahres!“ heißt es dabei einmal. Das hätte ein wunderbares Motto für diesen Abend sein können. Aber der Geburtstag des Komponisten war eben naheliegender.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
