»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

ich helfe wissenschaftlern ja gerne …

… aber wenn ich dann so einen fra­ge­bo­gen wie den der gram­ma­tik­be­nut­zer­for­schung (immer­hin in zusam­men­ar­beit mit dem duden-ver­lag) vor mir habe, zweif­le ich doch manch­mal, ob man sich nicht kon­se­quent ver­wei­gern soll­te. wofür braucht man z.b. bei einem fra­ge­bo­gen im netz (schon die nomen­kla­tur zeigt ja an, dass hier jemand was nicht ver­stan­den hat …) eine druck­vor­schau? und wie­so kann man nicht pri­mi­tivs­te pro­gam­mie­rungs­kennt­nis­se ein­be­zie­hen und die mög­lich­kei­ten nut­zen, fra­gen ent­spre­chend den bereits gege­be­nen ant­wor­ten zu selek­tie­ren anstatt das auch noch den beant­wor­tern auf­zu­bür­den? so schafft man sich doch nur mas­sig feh­ler­haf­te datensätze …

und es kommt noch bes­ser: klickt man nach dem aus­fül­len auf „sen­den“, so erscheint – ein lee­re sei­te. klasse.

gerade gesehen: drawing restraint 9

noti­zen beim und nach dem sehen:

ziem­lich ver­que­re sache, das. aber span­nend. gera­de die selt­sam­keit ist ja manch­mal – eigent­lich oft – fas­zi­nie­rend … und selt­sa­me din­ge gehen da genug vor sich. kul­tu­rel­le dif­fe­renz sicher eine rol­le: mit den augen eines japa­ners wahr­schein­lich wesent­lich weni­ger exo­tisch. oft ver­rü­cken­de mischung aus cho­reo­gra­phiert schei­nen­den bewe­gun­gen und gleich­zei­tig doku­men­ta­ri­schem charakter.

gran­dio­se, star­ke bil­der jeden­falls. von anfang bis ende eigent­lich unun­ter­bro­chen. deren fas­zi­no­sum durch die inten­si­ve mischung von ori­gi­nal­ton mit musik noch poten­ziert wird. musik ist hier auch wesent­lich. und extra­klas­se. funk­tio­nier­te ja auch solo schon (als „offi­zi­el­les“ björk-album). und ent­fal­tet im film den­noch ganz beson­de­re magie.

mas­sen – indi­vi­du­en kaum aus­zu­ma­chen – , spie­len genau wie die sym­me­trien (vor allem der maschi­nen bzw. anla­gen über­haupt) eine gro­ße rol­le offenbar.

aus­nah­me: zwei haupt­rol­len. aber die sind auch kei­ne wirk­li­chen indi­vi­du­en. schlüp­fen von einer rol­le in die ande­re mit auf­wen­di­gem meta­mor­pho­sen-pro­zess, näm­lich ver-/um­klei­dung in irgend eine ent­per­sön­lich­te (?) figur. irgend­wann begin­nen sie dann, bis zu hüf­te in der alles über­flu­ten­den vase­li­ne-lösung sit­zend, mit ihren mes­sern gegen­sei­tig im kör­per des ande­ren her­um­zu­schlit­zen und zu sto­chern und tei­le von sich selbst und des ande­ren zu essen.

gera­de die­se bei­den haben vie­le archai­sche ele­men­te. nicht nur die. über­haupt gro­ße tei­le des fil­mes. der reli­giö­ser ernst, mit dem die kunst hier zele­briert wird: sie ist nicht mehr (nur) ersatz­re­li­gi­on, sie ist glau­bens­sys­tem pur. und wahr­schein­lich auch eine form der meta­phy­sik – nur wel­cher? und daher rührt wohl der hei­li­ge ernst aller (!) hand­lun­gen und bil­der. pseu­do-mythi­sche über­hö­hung im (pseduo-)zeremoniell?

und die sus­pen­dier­te zeit­er­fah­rung eines nor­ma­len men­schen: nach 15 minu­ten des knapp zwei­ein­halb­stün­di­gen films immer­hin schon der titel. dann gerät immer­hin aber auch schon der wal­fän­ger in den blick. erzäh­lung gibt es kaum, bzw. erst in rie­si­gen zeit­span­nen (ver­gleichs­wei­se zu ande­ren fil­men v.a.) zu erkennen.

ande­rer punkt: aus­beu­tung der natur als neben(?)-thema: ern­ten­der mensch … – aber irgend­wie doch im wech­sel­sei­ti­gen ein­klang (viel­leicht zumin­dest?): „In Japan, we reco­gni­ze our­sel­ves as part of natu­re. And by accep­ting the imper­ma­nence of our exis­tence we try to gain a deeper under­stan­ding of the world” weiß der meis­ter der tee­ze­re­mo­nie – dem ein­zi­gen teil des fil­mes, in dem gespro­chen wird.

ein film ohne wor­te zeigt, dass der spra­che viel zu viel bedeu­tung zuge­schrie­ben wird …

selt­sa­me meta­mor­pho­sen bestim­men alles: wo aus­gangs­punkt genau­so wie ziel unklar bleibt, ganz zu schwei­gen von sinn …

ach­ja, dann ist da noch die par­al­lel-hand­lung: die ent­ste­hung bzw. metarm­o­pho­se eines bzw. meh­re­re selt­sa­mer gebil­de (kunst­wer­ke?) aus vase­li­ne oder so auf dem schiff, das erst ent­steht und sich dann auch wie­der auf­löst, sowie­so nie eine ein­zi­ge, gül­ti­ge form hat/​annimmt …

und noch ein paar ver­wei­se: die film-home­page, eini­ge gesam­mel­te kri­ti­ken und „no res­traint”, die doku über den film und eine über­sichts-sei­te zu matthew barney

matthew bar­ney: dra­wing res­traint 9.2005.

die fas missversteht rainald goetz

und zwar ziem­lich aus­führ­lich. das bes­te und bezeich­nends­te kommt kurz vor schluss:

Jeder ist anders, aber ich für mei­nen Teil ver­mag in Josch­ka Fischer, der uns nicht nur in Tau­sen­den von Inter­views, son­dern auch mit best­ver­kauf­ten Memoi­ren­bän­den über jede Win­dung sei­nes Lebens, sei­ner Poli­tik und sei­ner Lei­bes­fül­le infor­miert hat, kei­nen opa­ken Dun­kel­mann der Macht zu sehen. Ich weiß schon jetzt viel zu viel über ihn.

genau das zeigt ja, dass nils mink­mar gar nichts kapiert hat. zumin­dest nichts von dem, wor­um es goetz geht. das wäre ja kein pro­blem, wür­de er es ihm nicht vor­wer­fen … schon der anfang ist ja wie­der ein­mal typisch faz/​fas:

Es wird ein gro­ßes Fest gewe­sen sein, ges­tern Nacht in der Ora­ni­en­bur­ger Stra­ße 189, schließ­lich waren expli­zit „alle“ sogar „herz­lich“ ein­ge­la­den, um das Ende von Rai­nald Goetz’ Inter­net­ta­ge­buch „Kla­ge“ auf Vani​ty​fair​.de zu fei­ern; ja, und dann kom­men zumin­dest viele.

trie­fend vor neid, vor ver­ach­tung der mas­se und/​oder men­ge, vor über­heb­li­cher selbst­si­cher­heit und gewiss­heit, sich in den eli­tä­ren redak­ti­ons­stu­ben nie mit so einem pro­le­ten­haf­ten dreck näher beschäf­ti­gen zu müs­sen. dass er über­haupt der tira­de wert ist, so scheint es, liegt nur in sei­nem ver­gan­ge­nen erfolg begrün­det: „Rai­nald Goetz, ein seit Jahr­zehn­ten legen­dä­rer deut­scher Schrift­stel­ler von vier­und­fünf­zig Jah­ren”, den die fas halt auch nicht igno­rie­ren möch­te. aber ein text, der ande­ren ver­ach­tung vor­wirft, soll­te selbst viel­leicht wenigs­tens eine spur ach­tung für den gegen­über haben. doch das will sich mink­mar anschei­nend nicht leisten.

und zwar in der süd­deut­schen, anläss­lich der ableh­nung des lis­sa­boner ver­tra­ges durch die iri­sche bevöl­ke­rung. und da heißt es dann:

Das pikier­te Schwei­gen der Regie­run­gen über die Zukunft Euro­pas deckt den Ziel­kon­flikt zu, der der euro­päi­schen Eini­gung seit Jah­ren die Per­spek­ti­ve und die Anste­ckungs­kraft raubt. Soll Euro­pa zu einem gestal­tungs­fä­hi­gen Akteur wer­den, der nach innen und nach außen poli­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit gewinnt – oder bleibt es bei der zivi­li­sie­ren­den Anzie­hungs­kraft eines Erwei­te­rungs­pro­jek­tes für die Anrai­ner­staa­ten, die sich für den Bei­tritt zu einer immer grö­ße­ren Uni­on fitmachen?

Der Preis für das dif­fu­se Erwei­te­rungs­pro­jekt ist die feh­len­de poli­ti­sche Gestal­tungs­kraft in einer öko­no­misch zusam­men­wach­sen­den Welt­ge­sell­schaft, die seit 2001 poli­tisch aus­ein­an­der­drif­tet. Man muss nur die tris­ten Bil­der der Duo­dez­fürs­ten Brown, Sar­ko­zy und Mer­kel sehen, die bei Prä­si­dent Geor­ge W. Bush einer nach dem ande­ren und jeder für sich anti­cham­brie­ren, dann weiß man, dass sich Euro­pa von der Welt­büh­ne verabschiedet.

spä­ter heißt es dann:

Aber nach dem iri­schen Signal soll­ten wir von unse­ren Regie­run­gen zwei Din­ge erwar­ten. Sie müs­sen sich ein­ge­ste­hen, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind. Und sie dür­fen ihren läh­men­den Dis­sens nicht wei­ter ver­drän­gen. Am Ende bleibt ihnen nichts ande­res übrig, als die Bevöl­ke­run­gen selbst ent­schei­den zu lassen.

er plä­diert dann ziem­lich deut­lich für ein „euro­pa der zwei geschwin­dig­kei­ten” – und zwar ein euro­pa, in dem die bevöl­ke­run­gen ent­schei­den sol­len, wel­cher grup­pe sie sich anschlie­ßen möch­ten. in der tat scheint mir die uni­on inzwi­schen ein sol­cher koloss gewor­den zu sein, dass ein ande­res vor­ge­hen nicht mehr sinn­voll mög­lich ist – es sei denn um den preis des still­stan­des, der ewi­gen behar­rung. nötig ist aber etwas ganz ande­res: eine unbe­ding­te poli­ti­sche demo­kra­ti­sie­rung der eu, der zusam­men­ar­beit der natio­nen und auch (!) und ganz beson­ders der insti­tu­tio­nen, die weit über die bis­he­ri­ge libe­ral orga­ni­sier­te wirt­schaft­li­che zusam­men­ar­beit hin­aus­ge­hen müss­te. denn nur so kann ein wirk­li­ches euro­pa wachsen.

endlich ist es vorbei: der bundestag schafft hessen ab

die gan­ze lang erwar­te­te nach­richt: hier kli­cken.

der sommer ist wieder da: mit mainz-musik hat das erste festival begonnen

„Immer Neu­es ans Licht brin­gen“ hat­te sich Paul Hin­de­mith in den Zwan­zi­gern des letz­ten Jahr­hun­derts vor­ge­nom­men. Imme Neu­es will auch Mainz-Musik vor­füh­ren: Das klei­ne Som­mer­fes­ti­val der Musik­hoch­schu­le hat sich vor allem der Neu­en Musik zuge­wandt. Mit gro­ßem N, weil nach 85 Jah­ren eine Kom­po­si­ti­on eigent­lich kei­ne Novi­tät mehr ist. Aber wenn sie, wie Hin­de­mit­hs Cel­lo-Sona­te op. 25/​3 immer noch den Ruf trägt, neu, unge­wohnt und schwie­rig zu sein, passt sie auch zu Mainz-Musik.

Und sie ist neben­bei auch noch wun­der­schö­ne Musik, die man gar nicht oft genug hören kann. Zumin­dest wenn sie Manu­el Fischer-Die­skau spielt. Denn er gibt ihr sein gan­zes Feu­er, rückt ihr mit fes­ter Atta­cke zu Lei­be. Jeder Ton strahlt dadurch eine abso­lu­te Gewiss­heit aus: So ist es rich­tig, so muss es klin­gen. Von die­sem elo­quen­ten Esprit lässt man sich ger­ne über­zeu­gen und anstecken.

Schon der Beginn des Eröff­nungs­kon­zer­tes hat­te ähn­li­che Akzen­te gesetzt. Den ver­dich­te­ten Cha­rak­ter­stü­cken von Hans Wer­ner Hen­zes Cel­lo-Sona­te ver­lieh Fischer-Die­skau mit noblem Ton gro­ße Ele­ganz. Und sein kla­rer Musi­zier­stil ver­schlei­er­te dabei nichts: Er ver­bin­det die mensch­li­che Wär­me ganz unauf­fäl­lig mit der Rein­heit der Kunst, ihrer Frei­heit von den Ver­su­chun­gen der Welt. In der abge­schie­de­nen Atmo­sphä­re der Johan­nis­kir­che konn­te sich das wun­der­bar ent­fal­ten. Zumal Fischer-Die­skau den wei­chen Klang des Rau­mes geschickt mit ein­be­zog in sei­ne Interpretation.

Dazwi­schen stand ein recht star­ker Kon­trast: „La Ten­ta­ti­on de Saint Antoine“ von Wer­ner Egk – also die Geschich­te der Ver­su­chung des hei­li­gen Anto­ni­us. Das Streich­quar­tett der Musik­hoch­schu­le unter Lei­tung Tobi­as Rokahrs sorg­te für einen oft orches­tral wir­ken­den Hin­ter­grund, vor dem die Altis­tin Regi­na Pät­zer als per­so­ni­fi­zier­te Ver­su­chung im sün­di­gen Rot mit ver­lo­cken­der Stim­me den armen Antoine ganz schön in Bedräng­nis brach­te. Auch wenn der fran­zö­si­sche Text kaum zu ver­ste­hen war, ver­führt die auf­ge­wühl­te, tief füh­len­de Musik allein durch ihren Klang schon mehr als genug.

Zusam­men­ge­bun­den wur­de das Pro­gramm durch eine eigent­lich eher neben­säch­li­che Tat­sa­che: Die drei Kom­po­nis­ten waren alle Autoren des Schott-Ver­la­ges. Das hat­te sei­nen guten Grund, denn in St. Johan­nis ver­band sich das Eröff­nungs­kon­zert von Mainz-Musik mit der Erin­ne­rung an den Main­zer Ver­le­ger Lud­wig Stre­cker, der die­ses Jahr sei­nen 125. Geburts­tag gefei­ert hät­te. Und ihm war die Neue Musik genau­so ein Anlie­gen wie den Machern von Mainz-Musik.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

mal wieder bach: johann sebastian und johann christoph in st. bonifaz

Der Gene­ral­bass ist auf der Suche nach einem Lieb­ha­ber: Eilig rennt er hin und her. Und die Gei­gen ste­hen dane­ben, schau­en mal hier und mal da nach dem rech­ten. Johann Chris­toph Bachs Motet­te „Mei­ne Freun­din, du bist schön“ bie­tet so man­che Selt­sam­keit. Natür­lich fin­det sich das Lie­bes­paar recht bald und das Gan­ze endet in einem fürst­li­chen Gast­mahl – in das der Chor mit ein­stimmt und das Lob­lied nicht nur des Essens, son­dern auch Got­tes singt. Schließ­lich sind wir in der Kir­che, in St. Boni­faz, beim 12. Bach­wo­chen­en­de des Main­zer Figu­ral­chors. Der hat die­ses Klein­od des Vor­fahrs Johann Sebas­ti­ans aus­ge­gra­ben und mit Witz und Ele­ganz in Klang und Sze­ne gesetzt. Denn für den Gang in den Gar­ten des Liebs­ten (mit pro­fun­dem Bass von Chris­ti­an Hilz ver­kör­pert) nutzt die Sopra­nis­tin Bea­te Heit­zmann den gesam­ten Kir­chen­raum. Und der Diri­gent Ste­fan Wei­ler ergänz­te die kurz­wei­li­ge Par­ti­tur noch um die erklä­ren­den Aus­füh­run­gen des Komponisten.

Dane­ben bot das Wochen­en­de, mit dem der Figu­ral­chor nun die in Mühl­hau­sen und Wei­mar ent­stan­de­nen Kan­ta­ten des Meis­ters kom­plett auf­ge­führt hat, außer­dem noch hei­te­re welt­li­che Chor­mu­sik und das übli­che Gesprächs­kon­zert zu einer Bach-Kantate.

Der Auf­takt am Frei­tag stand aber ganz im Zei­chen der alten Kir­chen­mu­sik: Neben Johann Chris­toph Bachs nicht so ganz erns­ter Motet­te waren noch zwei Kan­ta­ten Johann Sebas­ti­an Bachs,
„Ich geh und suche mit Ver­lan­gen“ und „Ach! Ich sehe, itzt, da ich zur Hoch­zeit gehe“, zu hören. Bei­de trieb Ste­fan Wei­ler kraft­voll vor­an, immer auf der Suche nach Akzen­ten. Ganz den Solis­ten zuge­wen­det, diri­gier­te er frei und impul­siv – genau so klang es dann auch, was die Main­zer Cama­ra­ta Musi­cale mit den Solis­ten zum The­ma Hoch­zeit zu ver­kün­den hatte.

Außer­dem war aber auch noch rei­ne a‑cap­pel­la-Musik zu hören: Die Hohe­lied-Ver­to­nun­gen von Mel­chi­or Franck – also noch eini­ge Jah­re älter als die Bäche. Der Figu­ral­chor nahm sich der kunst­voll ver­schlun­ge­nen früh­ba­ro­cken Poly­pho­nie mit Ein­füh­lung und Emo­ti­on an. Zunächst wirk­te der Chor aller­dings noch etwas unsi­cher und wack­lig. Doch das sta­bi­li­ser­te sich schnell zur gewohn­ten Klar­heit und Prä­gnanz, die auch her­be Klän­ge und kan­ti­ge Brü­che nicht scheut. So wirk­ten die fünf Motet­ten, ange­trie­ben von den pul­sie­rend schwin­gen­den Phra­sie­run­gen, trotz ihres hohen Alters sehr har­mo­nisch und erstaun­lich frisch.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

Die dunk­len Wol­ken über Mainz ver­hie­ßen nichts Gutes. Die düs­te­re Schau­er­ge­schich­te von Ben­ja­min Brit­tens „Lach­ry­mae“ pass­te per­fekt zum dro­hen­den Wet­ter. Im Gegen­satz zu den Gewit­ter­vor­bo­ten ver­heißt ein Antritts­kon­zert an der Musik­hoch­schu­le aller­dings hoch­ka­rä­ti­ge Musik. Die Brat­schis­tin Clau­dia Bus­si­an war kei­ne Ent­täu­schung und zeig­te sich der Pro­fes­so­ren­eh­re wür­dig. Schon der Auf­takt zeig­ten sie als ver­sier­te und kon­zen­trier­te Inter­pre­tin, die nichts über­stürzt und eine sehr schnör­kel­lo­se Schön­heit bevorzugt.

Die Brat­scher haben frei­lich ein Pro­blem: Eigent­lich begin­nen erst die Kom­po­nis­ten des 19. und 20. Jahr­hun­derts, ihr Instru­ment über­haupt für ein Solo wert zu erach­ten. Ande­rer­seits muss das gar kein Pro­blem sein: Sie neh­men sich ein­fach Cel­lo-Lite­ra­tur vor. Zum Bei­spiel Bachs Cel­lo-Sui­ten. Bus­si­an mach­te sich die C‑Dur-Suite ganz zu eigen. Auch wenn sie dabei sehr unbe­tei­ligt schien – die Musik sprach eine ande­re Spra­che. Man muss­te aller­dings genau und auf­merk­sam hin­hö­ren. Denn sie trug nicht dick auf, ihre Kunst liegt im Detail, in der sorg­sam aus­ge­ar­bei­ten Dyna­mik, den geschmack­vol­len Tem­pi, dem effekt­si­che­ren Timing und dem siche­ren Gespür für dra­ma­tur­gi­sche Effek­te. Und nicht zu ver­ges­sen, die Nobles­se ihres geschmei­di­gen Tones. Das Poten­zi­al der Musik wird damit voll aus­ge­schöpft, aber nie über­reizt. Das ist ein schma­ler Grat, den bei Bach vie­le ver­feh­len. Bus­si­an wan­delt fest und unbe­irr­bar, auch vom ein­drin­gen­den Lärm der Fuß­ball­fans unbe­ein­druckt, mit fes­tem Schritt und das Ziel immer im Auge auf dem engen Pfad. Wer so bewusst und klar arti­ku­liert spielt, mei­det natür­lich jedes Extrem: Weder über­mä­ßi­ge Empha­se oder Pathos noch leicht­fer­ti­ges Geplän­kel haben hier eine Chan­ce. Kunst wird als Kunst unend­lich ernst genom­men – nur ein klit­ze­klei­nes Lächeln meint man in der fina­len Gigue doch zu hören.

Nach soviel Ernst wirk­te Rebec­ca Clar­kes Sona­te für Vio­la und Kla­vier fast hei­ter. Bus­si­ans Kol­le­ge Burk­hard Schaef­fer am Kla­vier hält sich – wie­der ein­mal – vor­nehm zurück in die­sem Stru­del von Gefüh­len und Far­ben, bie­tet aber stil­si­che­re Beglei­tung, die der Brat­schis­tin die weit aus­ho­len­de Ent­fal­tung ihrer klang­li­chen Über­zeu­gungs­kraft über­haupt erst ermöglicht.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

bach, bibel, hundertwasser – passt? naja …

Ein Kir­chen­kon­zert zu einer Kunst­aus­stel­lung ist immer eine gute Idee. Aber wie bringt man den Irra­tio­na­lis­ten Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser mit dem flei­ßi­gen Arbei­ter Bach zusam­men? Man ver­an­stal­tet einen Tria­log und nutzt Bibel und Para­dies als Bin­de­glied. Damit ist das Pro­blem der feh­len­den Ver­bin­dung zwar nicht gelöst, aber man hat zumin­dest einen schö­nen Titel.

Ein Tria­log war also in der Chris­tus­kir­che zu erle­ben. Wirk­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Betei­lig­ten fand aber nicht statt. Doch das Publi­kum war ja auch aus ande­rem Grund gekom­men: Weil der Main­zer Bach­chor sang. Er tat das zwar nicht sehr reich­hal­tig, aber auf gewohn­tem Niveau. Und das ist hoch in der Kaiserstraße.

Beson­ders deut­lich mani­fes­tier­te sich das bei der Bach­schen Motet­te „Sin­get dem Herrn ein neu­es Lied“. Denn auch in der klei­nen Beset­zung zeigt sich der Bach­chor sehr kul­ti­viert. Sprit­zig und unbe­schwert führt Ralf Otto sei­ne agi­len Sän­ger durch die ver­zwick­te Poly­pho­nie der Motet­te. Er bewahrt dabei einen schlan­ken Klang, der das Stim­men­ge­wirr trans­pa­rent erschei­nen lässt. Und er setzt deut­lich akzen­tu­ier­te Impul­se, die den so spie­le­risch auf­schei­nen­den Fluss der Musik noch zusätz­lich auf­lo­ckern. Vor allem der Schluss ist ein­fach wun­der­schön. Denn es immer wie­der eine Offen­ba­rung, wie gut Otto und sein Chor zugleich die For­de­run­gen der Musik und des Tex­tes erfül­len kön­nen, wie sie Klar­heit und emo­tio­na­le Über­zeu­gung mit­ein­an­der verschmelzen.

Da bleibt auch die Kantate„Die Elen­den sol­len essen“ kei­ne Aus­nah­me. Von Anfang an ist das in der Chris­tusk­ri­che eine sehr opti­mis­ti­sche, zuver­sicht­li­che Musik mit fri­scher und gut kal­ku­lier­ter Dra­ma­tik. Vor allem in den sorg­fäl­tig geform­ten Rezi­ta­ti­ven fällt auf, wie sehr sich alle Betei­lig­ten um beons­de­re Aus­drucks­stär­ke bemü­hen, ohne in extrem Über­trei­bun­gen abzu­glei­ten. Die jun­gen Solis­ten blei­ben sonst eher unauf­fäl­lig: Es ist ein sehr homo­ge­nes Quar­tett, das sich Otto zusam­men­ge­sucht hat. Im zwei­ten Teil wird die Kan­ta­te dann sogar noch einen Tick bes­ser: Schon die Sin­fo­nia rockt rich­tig­ge­hend – das solis­tisch besetz­te, auf his­to­ri­schen Instru­men­ten spie­len­de Bach­or­ches­ter legt fet­zig los. Und Otto führt das wei­ter bis in den froh­ge­mut tän­zeln­den Schluss­chor: „Was Gott tut, das ist wohl­ge­tan“. Was Otto diri­giert, auch. Und dann ist das Kon­zert auch schon vor­bei: Ganz schlicht und unprä­ten­ti­ös ver­klin­gen die letz­ten Töne. Nur lei­der viel zu früh.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

maschinen und menschen im klang vereint

Lang­sam tröp­feln die Besu­cher her­ein und ste­hen noch etwas ver­lo­ren auf dem Gelän­de des Zement­wer­kes Wei­se­nau. Aber sie las­sen sich auch vom tröp­felnd ein­set­zen­den Regen in ihrer Aben­teu­er­lust nicht die Stim­mung ver­mie­sen. Denn es gibt viel zu sehen und noch mehr zu hören beim Per­for­mance-Pro­jekt „Mensch­Ma­schi­ne-Klang­Ma­schi­ne“, dem Auf­takt zu Neue-Musik-För­de­rung „Spek­trum Vil­la Musi­ca“. Nichts geschieht hier in nor­ma­len Dimen­sio­nen: Ein gan­zes Fabrik­ge­län­de dient als Kon­zert­raum, als Büh­ne, Par­kett, Akteur und Instru­ment zugleich. Die Sän­ge­rin Sigu­ne von Osten hat­te vie­le Ideen – viel­leicht ein paar zu vie­le. Die Ein­drü­cke stür­men per­ma­nent ein auf die Besu­cher, die durch das Zement­werk zie­hen – vom kla­ckern­den Ein­gangs­tor bis zur Illu­mi­na­ti­on nach dem akus­ti­schen Ende ist hier schein­bar nichts dem Zufall über­las­sen. Kein Dröh­nen, kein Schep­pern und Krei­schen steht außer­halb der Kunst.

Die „Mensch­Ma­schi­ne-Klang­Ma­schi­ne“ besteht dabei zunächst meh­re­ren Sta­tio­nen auf dem Fabrik­ge­län­de. Das ist eine Cho­reo­gra­phie von nor­ma­len Fabrik­ge­räu­schen, geform­ten Geräu­schen und Musik – mit Unter­stüt­zung des Tech­ni­schen Hilf­werk und der Arbeits­ge­mein­schaft Neue Musik am Lei­din­ger-Gym­na­si­um Grün­stadt, die mit Motor­sä­gen, Trenn­schlei­fer, Bohr­ma­schi­nen und Fäs­sern ein gewal­ti­ges Spek­ta­kel ent­fa­chen. Auch dabei: Ein Tanz zwei­er Mini-Rad­la­der um den Tubisten.

Das führt dann aber erst zum „Eigent­li­chen“ in der ehe­ma­li­gen Pack­hal­le. Das Flö­ten­mons­ter am Ein­gang stimmt in der düs­te­ren und geheim­nis­vol­len Atmo­sphä­re schon auf die aben­teu­er­li­che Zeit- und Phan­ta­sie­rei­se ein, die jetzt beginnt. Mit viel Auf­wand ver­su­chen sich Instru­men­ta­lis­ten – soweit man bei den bear­bei­te­ten Klang­er­zeu­gern über­haupt noch von Instru­men­ten spre­chen kann – und Voka­lis­ten an einer ver­ton­ten Geschich­te der Indus­tria­li­sie­rung in Schlag­wor­ten. Der Text bleibt lei­der die ganz gro­ße Schwach­stel­le die­ses Unter­neh­mens: Viel unre­flek­tier­tes Res­sen­ti­ment gegen Maschi­nen, vie­le plat­te Pla­ti­tü­den und plum­be Spie­ler­ein. Áber dazwi­schen ret­ten groß­ar­ti­ge musi­ka­li­sche Momen­te das Gan­ze vor dem Unter­gang. Vor allem der Saxo­pho­nist Mat­thi­as Schu­bert und Carl Lud­wig Hübsch mit sei­ner Tuba sind wesent­li­che Säu­len der Per­for­mance. Mehr noch als Sigu­ne von Osten, die zwar krea­ti­ves und ideel­les Zen­trum ist, in der Rea­li­sie­rung aber gar nicht so form­ge­bend in Erschei­nung tritt. Der Per­for­mance-Aspekt ist in der Pack­hal­le frei­lich stark zurück getre­ten hin­ter das akus­ti­sche Ele­ment – eigent­lich besteht er nur noch in der Ver­deut­li­chung der Her­vor­brin­gung der Kläng und ein wenig unter­stüt­zen­der Lichtregie.

Das Zen­trum des Wer­kes ist ein aber ande­res Werk, Lui­gi Nonos „La fabbri­ca illu­mi­na­ta“, die­ses gro­ße Zeug­nis des Impul­ses, Musik zu schrei­ben, die gesell­schaft­li­che Miss­stän­de auf­greift und ändern will. Sie bleibt im Zement­werk aber eher ein Fremd­kör­per – und macht den Abstand deut­lich: Der Rest des Abend kann die­ses Niveau zwar immer wie­der errei­chen, aber eben nicht dau­er­haft. Denn die „Mensch­Ma­schi­ne-Klang­Ma­schi­ne“ ist ein per­ma­nen­tes Schwan­ken zwi­schen banals­tem Kitsch und genia­li­scher Inspiration.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

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