»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Wo man Files shared, da lass Dich ruhig nieder,
böse Men­schen haben kei­ne Speichersticks.
(frei nach Seume)

(aus der arno-schmidt-mai­ling-list)

klas­se: so kann man mit der all­ge­gen­wär­ti­gen über­wa­chung auch umge­hen.

schostakowitsch pur (fast)

Es war ein gewag­ter Ein­stieg: Mit Schost­a­ko­witschs Vio­la-Sona­te begann das vier­te Kam­mer­kon­zert im Staats­thea­ter mit dem Schluss. Aber der exklu­si­ve Zuhö­rer­kreis im Klei­nen Haus gou­tier­te das Wag­nis mit beson­de­rer Auf­merk­sam­keit und sorg­sam gespitz­ten Ohren.

Mit der Sona­te für Vio­la und Kla­vier schrieb der fast Sieb­zig­jäh­ri­ge Schost­a­ko­witsch am Ende sei­nes Lebens einen gro­ßen Abschied mit lau­ter klei­nen Abschie­den. Die Zeit hat hier nur noch eine Rich­tung: In die Ver­gan­gen­heit. Mal­te Schae­fer und Eri­ka le Roux spie­len das mit vor­sich­ti­ger Sorg­falt, fast skru­pu­lös. Und sie neh­men sich bei­de recht stark zurück: Das soll nicht ihre Musik wer­den, allein der Kom­po­nis­ten hat das Wort. Des­halb scheint die Musik auch immer so über­aus klar und glä­sern. Eri­ka le Roux am Kla­vier ist eine tro­cke­ne, prä­zi­se Beglei­te­rin ohne die Selb­stän­dig­keit je auf­zu­ge­ben. Und Mal­te Schae­fer spielt schlank und gedämpft, zurück­hal­tend, aber in jedem Moment beseelt. Selbst gro­ße Ges­ten, selbst das letz­te Auf­bäu­men und selbst das wie­der­keh­ren­de heroi­sche Auf­wal­len bleibt bei die­sem Duo herr­lich pathos­frei. Statt­des­sen kon­zen­trie­ren sie sich ganz auf das per­ma­nen­te Pen­deln zwi­schen Zer­brech­lich­keit und Unbe­irr­bar­keit eines bewuss­ten Abschiedes.

Der Kon­trast zur Cel­lo-Sona­te ist ein Unter­schied wie zwi­schen Tag und Nacht – oder bes­ser wie zwi­schen Nacht und Tag. Es liegt ja auch mehr als ein hal­bes Künst­ler­le­ben zwi­schen der Vio­la-Sona­te und der Cel­lo-Sona­te. Jeden­falls ist letz­te­re schon grund­sätz­lich viel posi­ti­ver. Doch wie Judith Tie­mann und Eri­ka le Roux zeig­ten, ist das noch lan­ge nicht alles.

Forsch, aber mit Gespür für die dra­ma­ti­schen Augen­bli­cke ent­wi­ckel­ten sie die Mischung aus tra­di­tio­nel­len For­men und Gro­tes­ken Ein­fäl­len in einer recht groß­flä­chi­gen Dra­ma­tur­gie. Vor allem spie­len sie den für Schost­a­ko­witsch typi­schen schwar­zen Humor mit Knur­ren und Knar­zen wun­der­bar aus.

So rich­tig hei­le Welt gab es dann noch ein­mal mit Alex­an­der Zem­lin­skys Trio in d‑Moll. Vor allem natür­lich der mons­trö­se Kopf­satz wirk­te nach so viel Schost­a­ko­witsch fast sur­re­al – und ist doch alles ande­re als das: Der Glau­be an das Gute, Wah­re, Schö­ne funk­tio­nier­te hier noch unge­bro­chen. Doch so ganz glau­ben die drei Musi­ker das Zem­lin­sky auch schon nicht mehr. Das ver­riet sich in man­chen Sto­ckun­gen, im behut­sa­men Abmil­dern all­zu forsch opti­mis­ti­scher Pas­sa­gen. Doch letzt­end­lich las­sen auch sie sich von Zem­lin­skys Ima­gi­na­ti­on und Klang­bil­dern gefan­gen neh­men – das kann und darf bei die­ser Musik schon ein­mal pas­sie­ren und tut der Begeis­te­rung auch über­haupt kei­nen Abbruch.

625 km

bin ich im april gelau­fen. so viel wie noch nie in mei­nem leben. es war teil­wei­se auch ganz schön anstren­gend. und vor allem kos­tet es doch ziem­lich viel zeit – 8–9 trai­nings­ein­hei­ten in der woche wol­len erst ein­mal unter­ge­bracht wer­den. dafür bin ich jetzt ziem­lich fit. und schon sehr braun …

kleines gebet, große wirkung (zumindest musikalisch)

Es sind nur 28 Tak­te. Aber sie sind ernst gemeint. Vid­man­t­as Bar­tu­lis‘ „Mal­delé“ ist wirk­lich ein „klei­nes Gebet“ (so lässt sich „Mal­delé“ über­set­zen) – ein lei­ses aber inni­ges, ganz offen­bar von Her­zen kom­men­des Fle­hen und Bit­ten. 1995 hat der 1954 gebo­re­ne Litaue Bar­tu­lis sein „Gebet“ auf einen Text des litaui­schen Dich­ters Vale­ri­jus Rud­zins­kas kom­po­niert, jetzt ist es in der Rei­he „Neue Chor­mu­sik aus Litau­en“ beim Eres-Ver­lag, der auch sonst der bal­ti­schen Chor­mu­sik beson­de­re Auf­merk­sam­keit wid­met, erschienen.

Aus dem Beginn, einem kur­zen klang­ma­le­ri­schen Gemur­mel schält sich der Text her­aus. Für einen sicher vier­stim­mig sin­gen­den Chor (nur ganz kurz, näm­lich für zwei Tak­te, wird die Vier­stim­mig­keit zum acht­stim­mi­gen Chor auf­ge­teilt) ist das kei­ne beson­de­re Her­aus­for­de­rung. Bar­tu­lis ver­weilt durch­weg – mit mini­ma­len Aus­wei­chun­gen in die Moll­par­al­le­le – in ange­nehm sing­ba­ren G‑Dur. Kom­po­si­to­risch ver­folgt er offen­bar eine Stra­te­gie der tota­len Reduk­ti­on: Har­mo­nisch wird das Gebet fast aus­schließ­lich von Kaden­z­drei­klän­gen bestimmt, eine zusätz­li­che Quar­te ist schon das höchs­te. Auch sonst zeich­net sich „Mal­delé“ kon­se­quent durch sei­ne Schlicht­heit aus: Eine ein­fachs­te Repri­sen-Form, ganz leicht fass­ba­re Har­mo­nik, völ­lig unkom­pli­zier­te Melo­dik und Rhyth­mik – alle ste­hen sie ganz im Dienst des Betens, der fra­gen­den Suche nach dem gött­li­chen Licht, von dem der Text spricht.

Vid­man­t­as Bar­tu­lis: Mal­delé für gemisch­ten Chor. Eres Chor­edi­ti­on 3503 (Neue Chor­mu­sik aus Litau­en). 3 Sei­ten. 1,65 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008).

wolfgang haffners akustische formen

Er strei­chelt sei­ne Becken und Trom­meln sanft und zärt­lich wie den Kör­per einer Gelieb­ten: Wolf­gang Haff­ner liebt sein Instru­ment. Und er liebt sei­nen Beruf. Das ist ganz offen­sicht­lich, denn die Freu­de ist ihm bei sei­nem Auf­tritt im Frank­fur­ter Hof ins Gesicht geschrieben.

Viel­leicht war es ja auch die Gele­gen­heit, mit zwei alten Kum­pels zusam­men Musik zu machen. Jeden­falls haben sie eine Men­ge Spaß auf der Büh­ne. Damit sind sie nicht allein – auch das Publi­kum lässt sich das ger­ne gefallen.

Eigent­lich ist es zwar ein ganz klas­si­sches Jazz­trio, das der Schlag­zeu­ger sich zusam­men­ge­stellt hat. Aber sie sind erfri­schend eigen­stän­dig. Das liegt ganz wesent­lich an den Arran­ge­ments. Die bie­ten näm­lich so man­che Über­ra­schun­gen, wen­den sich hin und her. Aber sie füh­ren immer wie­der zu zen­tra­len Treff­punk­ten. Doch stets nur, um gleich wie­der neu auf­zu­bre­chen in unbe­kann­te Gefil­de. Und es liegt auch am Zusam­men­spiel: Jeder weiß genau, was die ande­ren gera­de tun – und was sie im nächs­ten Moment tun wer­den. Ent­spre­chend gut reagie­ren sie, ent­spre­chend per­fekt sind sie auf­ein­an­der abge­stimmt. Haff­ners Part­ner sind ja auch ech­te Kön­ner: Chris­ti­an Die­ner sorgt mit sei­nem Bass für mehr als ein soli­des Fun­da­ment: Er baut gleich noch ein gan­zes Haus dar­auf. Und Hubert Nuss ist sowie­so eine Klas­se für sich: Kaum einer ist am Kla­vier so raf­fi­niert viel­schicht, so gewandt-aus­drucks­stark und so sub­til wie er. Das ergibt in der Sum­me gera­de­zu eine Super­no­va explo­die­ren­der Ideen und Ein­fäl­le, Wen­dun­gen und immer wie­der neue Vor­stö­ße in unbe­kann­te Räu­me des Alls. Wah­re Ent­de­cker im unend­li­chen Kos­mos des Jazz.

Natür­lich ist die­se For­ma­ti­on stär­ker auf das Schlag­zeug kon­zen­triert als ande­re Tri­os. Aber Wolf­gang Haff­ner hat genug Geschmack, das nicht aus­zu­nut­zen. Egal in wel­chem Takt, er groovt aus­ge­spro­chen hef­tig. Über­haupt sind die drei alle mei­len­weit ent­fernt von jedem Ego-Geprot­ze. Und das obwohl sie noch nicht ein­mal hin­term Berg hal­ten mit ihrem Kön­nen und ihren Ideen. Die schei­nen ihnen näm­lich über­haupt nicht aus­zu­ge­hen. So kann dann auch eine ein­zi­ge Bass­li­nie die Stim­mung radi­kal ändern – oder ein ein­zi­ger Schlag im rich­ti­gen Moment auf die rich­ti­ge Trommel.

Davon gibt es eine gan­ze Men­ge. Denn Wolf­gang Haff­ner wird nicht müde, sein Kön­nen aus­zu­brei­ten und das Publi­kum immer noch ein­mal und noch ein­mal zu über­ra­schen und zu über­wäl­ti­gen. Und sogar bei der Zuga­be scheint er noch genau­so ver­liebt in sei­ne Becken und Trom­meln wie am Anfang.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

heinz benker: marianisches triptychon

Kraft­voll tönt es, das „Maria­ni­sche Tri­pty­chon“ von Heinz Ben­ker für 3 bis 5 glei­che Stim­men. Aber oft ist es doch ein wenig arg aka­de­misch gedacht, arg tro­cken kom­po­niert. Gut acht Minu­ten dau­ern die drei grund­sätz­lich drei­stim­mi­gen, nur stel­len­wei­se auf vier oder fünf Stim­men erwei­ter­ten Chor­sät­ze. Und doch zeigt sich in die­ser Zeit kaum Peso­nal­stil. So bleibt das alles also außer­or­dent­lich unschein­bar, in nahe­zu jeder Hin­sicht ohne spe­zi­el­len Anspruch. Denn auch von den Inter­pre­ten ver­langt Ben­ker damit kei­ne beson­de­ren Kunst­fer­tig­kei­ten. Das ist Musik für den kirch­li­chen All­tag, die der 2000 ver­stor­be­ne baye­ri­sche Schul­mu­si­ker hier vor­ge­legt hat – nicht mehr und nicht weni­ger. Im Gedächt­nis bleibt davon aller­dings wenig haf­ten. Zu wenig for­men sich Mari­en­glau­be, Mari­en­leid und Mari­en­lob näm­lich zu einem eigen­stän­di­gen, indi­vi­du­el­len Werk. Weder text­lich noch musi­ka­lisch zei­gen sich kla­re Posi­tio­nen, die die­ser Musik ihre schlich­te Bläs­se aus­trei­ben könn­ten. Doch im rich­ti­gen Kon­text, im pas­sen­den Umfeld mag das viel­leicht tat­säch­lich gut zu gebrau­chen sein und sich ent­fal­ten kön­nen – schwer zu rea­li­sie­ren ist es jeden­falls nicht.

Heinz Ben­ker: Maria­ni­sches Tri­pty­chon für 3–5 glei­che Stim­men. Schorn­dorf: Scho­ling-Ver­lag Nr. 449. 11 Sei­ten. 5,40 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008)

Sorg­falt geht dem Quar­tett über alles. Fast so, wie man es von Ban­kern und Bau­spa­rern erwar­tet. Denn die Vil­la Musi­ca hat mit dem von ihr geför­der­ten Streich­quar­tett Bian­co-Quar­tett einen Aus­flug von der Bas­tei ins Zen­trum gemacht. Scha­de nur, dass das offen­bar kaum jemand gemerkt hat: Das Foy­er der LBS blieb weit­ge­hend leer. Dabei hät­te sich ein Besuch durch­aus gelohnt. Denn das Bian­co-Quar­tett ist zwar noch sehr jung – sowohl das Ensem­ble als auch die ein­zel­nen Musi­ker –, aber den­noch schon erstaun­lich reif.

Der ers­te Beweis kam von Franz Schu­bert: Ernst­haf­tig­kei­te strahlt das Es-Dur-Quar­tett mit jeder ein­zel­nen Note aus. Mit weich abge­run­de­tem Klang und doch ordent­lich dosier­tem Druck ver­zich­te­te das Bian­co-Quar­tett auf jedes ober­fläch­li­che Auf­trump­fen. Sie ver­sag­ten sich aber auch ganz und gar dem Ver­sin­ken in der Gemüt­lich­keit: Stren­ge Nüch­tern­heit präg­te alle vier Sät­ze. Schu­bert als Klas­si­ker – das ist ein­fach Musik, und sonst nichts.

Das sel­ten gespiel­te ers­ten Streich­quar­tett von Peter Tschai­kow­sky mach­te dann eigent­lich noch deut­li­cher, auf wel­chem Niveau die vier unter­wegs sind. Beson­ders die Gleich­be­rech­ti­gung der Stim­men, für die das Streich­quar­tett immer wie­der gerühmt wird, nah­men sie wesent­lich wört­li­cher als dies vie­le Ensem­bles tun. Dadurch erhiel­ten die Mit­tel­stim­men und das Cel­lo ver­gleichs­wei­se gro­ßes Gewicht. Aber doch blieb ihre Geschlos­sen­heit und ihr aus­ge­wo­ge­ner Klang immer erhal­ten. Der visu­ell inspi­rier­ten Musik Tschai­kow­skys tat das sehr wohl: Immer wie­der neu lies­sen sie ihren Blick über das wei­te Land schwei­fen und mach­ten das Publi­kum auf neue Merk­wür­dig­kei­ten und Schön­hei­ten auf­merk­sam, ohne den beleh­ren­den Zei­ge­fin­ger zu benö­ti­gen. Und wie sie dann zart schmel­zend, fast ver­ge­hend die köst­li­sche Mischung aus Tris­tesse, Melan­cho­lie und eben immer auch einer Spur Hoff­nung, gespeist aus der Erin­ne­rung an ver­gan­ge­nes Glück, des Andan­te aus­brei­te­ten, das war hin­rei­ßend. Das Ende sol­chen Genus­ses ist immer schmerz­lich – aber mit dem def­ti­gen Fina­le, vom Bian­co-Quar­tett stel­len­wei­se fast derb zupa­ckend, die Bögen über die Sai­ten rei­ßend, gespielt, konn­ten sie dann genau die rich­ti­ge Dosis Tem­pe­ra­ment und orches­tra­ler Klang­pracht auf­bie­ten, um die Zuhö­rer wie­der zurück­zu­ho­len – zurück in die Wirk­lich­keit. Und selbst das gelang dem Quar­tett noch mit einer Ele­ganz, die den Ver­lust der Traum­welt schnell ver­ges­sen machte.

(gehört & geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

Was für ein herrlicher erster Satz!

„Im Osten Deutsch­lands leb­ten vor der Wen­de nicht eben ver­gnüg­te und im gan­zen geist­lo­se Leu­te, alle mit irgend­was beschäf­tigt, das sie nicht fro­her mach­te – Arbeit, die, obwohl alle an ihr betei­ligt waren, wenig bewirk­te; und das war ihr Unglück; über das aber nicht gespro­chen wur­de in den Zei­tun­gen und sons­ti­gen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen der Regie­rung, die immer­fort Arbeits­kräf­te such­te, Mas­sen, um sie zu begeistern.”

so fängt vol­ker brauns klei­ner pro­sa­text die vier werk­zeug­ma­cher. herr­lich.

der sommer ist da

und jetzt auch so rich­tig: 20 °C im schat­ten vor der haus­tür, son­ne (nur ein paar ver­streu­te wölk­chen). da bin ich heu­te doch glatt das ers­te mal im ärmel­lo­sen ober­teil lau­fen gegan­gen – die kur­ze hose ist ja schon die gan­ze woche im ein­satz. und trotz­dem war’s eine ziem­lich schweiß­trei­ben­de sache, das heu­ti­ge trai­ning: 3 x 4000m @ 4 min/​km, mit 1600m trab­pau­sen – da brau­che ich auch kei­ne son­ne, um ins schwit­zen zu bekom­men. beim letz­ten kilo­me­ter hat­te ich dann auch ziem­li­che pro­ble­me. wenn ich noch einen tick mehr gas gege­ben hät­te, wäre ich wahr­schein­lich noch umge­kippt. so hat es sich zumin­dest ange­fühlt. denn so fer­tig war ich schon lan­ge nicht mehr. das lag wahr­schein­lich auch dar­an, dass ich nichts zu trin­ken dabei hat­te – nach knapp 90 minu­ten kleb­te mir die zun­ge dann doch ziem­lich am gau­men. aber ist ja noch mal gut­ge­gan­gen. und die schön leich­ten fire­woolfs haben wie­der viel spaß gemacht …

Seite 176 von 208

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén