Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: pop Seite 2 von 3

fun­ny van dan­nen ist ein net­ter musi­ker mit lus­ti­gen cds. harald sack zieg­ler ist so etwas wie ein fun­ny van dan­nen für fort­ge­schrit­te­ne: die musik ist noch tra­shi­ger, noch impro­vi­sier­ter und kon­zen­trier­ter. und die tex­te sind noch absur­der, noch stär­ker redu­ziert und kon­den­siert. da heißt es dann z.b. in der bar­bie hym­ne  (auf der cd live 28.04.2006 – köln bür­ger­haus kalk, pri­o­n­mu­sik 110): „ich lie­be mei­ne bar­bie sehr, weil ich nie von ihr ver­las­sen wer­de”. oder es gibt einen taschen­tuch­wal­zer, der

wun­der­bar auf­bau­en­de, geschickt ein­ge­setz­te, gesta­pel­te, getürm­te loops – bis der turm kurz vorm ein­stür­zen ist, dann schnei­det er ein­fach ab … da er sowohl sei­nen gesang als auch sei­ne – rudi­men­tä­ren – instru­men­te so in den elek­tro­ni­schen kreis­lauf schickt, bau­en sich ziem­lich dich­te, kraft­vol­le klangar­ran­ge­ments auf.

ein­fach skur­ril ist das. und herr­lich unter­halt­sam. und alles live von einem one-man-orches­ter auf der büh­ne – mit hil­fe des loo­pings alles kein problem.

harald sack zieg­ler: live 28.04.2006. pri­o­n­mu­sik 2007.

schubert is not dead

na, wer hät­te das gedacht ;-). aber in der tat, wenn ich mir die­se bei­den cds anhö­re (schu­bert is not dead, pump­kin records 2007) wird wie­der ein­mal klar, wie belast­bar schu­berts lie­der (denn nur dar­um geht es hier) auch im 21. jahr­hun­dert sind. die ers­te schei­be ist ganz der (lei­der nicht kom­plet­ten) win­ter­rei­se gewid­met, die zwei­te springt dann kreuz und quer durch das rest­li­che voka­le schaf­fen schu­berts. gut, alles ist nicht gera­de gro­ße kunst, man­ches ist auch für mich zu tra­shig und lo-fi. aber so alles in allem ist das doch eine net­te idee – und weil die meis­ten der (mir sowie­so unbe­kann­ten, vor­wie­gend offen­bar öster­rei­chi­schen) musi­ker sich nicht gera­de skla­visch an schu­berts noten­text hal­ten, den kern aber doch in der regel recht gut tref­fen, ist das eine der bes­se­ren „aktua­li­sie­run­gen” eines klas­si­schen kom­po­nis­ten der let­zen jahr(zehnt)e. anhören!

muntermacher am morgen und am abend

ich hät­te nie gedacht, dass das funk­tio­niert: raja­ton sings abba with lah­ti sym­pho­ny orches­tra. und dass ich so eine cd wirk­lich mag. aber es ist pas­siert. gera­de höre ich sie wie­der ein­mal, mei­ne momen­ta­ne lieb­lings-a-cap­pel­la-grup­pe: die fin­ni­schen raja­ton. (in finn­land ist die­se cd übri­gens ein gigan­ti­scher hit gewe­sen). und es ist enorm bemer­kens­wert, wie dicht die orches­ter­par­ti­tur am ori­gi­nal ist – das ist ziem­lich klas­se. und natür­lich die sän­ge­rin­nen und sän­ger: das fas­zi­nie­ren­de an raja­ton ist ja gene­rell ihre rie­si­ge band­brei­te an voka­len klang­far­ben. und hier wird das wie­der ein­mal deut­lich: sie klin­gen unwahr­scheinl sehr nach dem ori­gi­nal – nur ein tick bes­ser – gesang­lich gese­hen. noch eine neben­be­mer­kung: die songs von abba, das ist mir beim hören wie­der ein­mal sehr klar gewor­den, zäh­len ohne fra­ge zum bes­ten der pop-geschich­te – ech­te kunst­wer­ke schon, nahe an der per­fek­ti­on. das bes­te die­ser cd sind aber wirk­lich die rei­nen a‑cap­pel­la-ver­sio­nen (obwohl money, money, money auch nicht schlecht und vor allem der unwirk­lich zwar­te anfang von the win­ner takes it all bedrü­ckend schön ist): da ist etwa das ver­blüf­fen­de vou­lez-vous (mit zusätz­li­cher human beat­box), da einen enor­men dri­ve hat und wirk­lich groovt. und dann head over heels – das fängt fast harm­los, zieht dann mit sei­ner klang­li­chen macht aber total in den bann (auch wenn es nicht zu mei­nen abba-lieb­lings-songs gehört). und schließ­lich, ganz gro­ße kunst, bezau­bernd vom ers­ten voka­len trom­mel­wir­bel bis zum schluss­ton, fas­zi­nie­rend und ein­neh­mend: fer­nan­do. ganz gro­ße musik – thank you for the music, the song and the singing!

raja­ton sings abba with lah­ti sym­pho­ny orches­tra. plast­in­ka records 2006.

die­se woche im frank­fur­ter hof gehört: die nor­we­gi­sche sän­ge­rin kari brem­nes – war mir bis­her unbe­kannt. ist aber auf ihre wei­se ganz schön:

Sie kommt von weit her – aus der nörd­lichs­ten Ecke Nor­we­gens. Da wun­dert es kaum, dass ihre letz­te CD den Titel „Rei­se“ trägt. Und trotz ihrer fer­nen Her­kunft hat Kari Brem­nes in Deutsch­land einen treu­en Fan­kreis. Auch in Mainz: Der Frank­fur­ter Hof war mehr als ausverkauft.

Und das Publi­kum kann sich vom ers­ten Moment an gebor­gen füh­len. Denn in ihren aus der Zeit gefal­le­nen Lie­dern fin­det jeder Halt. Sie erzäh­len in poe­ti­scher Manier vom rau­en Leben im hohen Nor­den, von Dun­kel­heit und Licht, von den klei­nen und gro­ßen Wun­den des Lebens, von Men­schen und Land­schaf­ten, von Über­le­ben­den und Opfern. Aber immer, egal wor­um es gera­de geht, ob es ein Text von Edvard Munch ist oder eine Eigen­schöp­fung, ob eng­lisch oder nor­we­gisch, immer sind es die Gefüh­le, die zäh­len. Und genau da kommt auch die Musik her: Aus den inners­ten Win­keln der See­le. Und die­se Emp­find­sam­keit macht die Musik Kari Brem­nes‘ so beein­dru­ckend ehr­lich und wirkungsvoll.

Der kom­pak­te Sound ist ihr Mar­ken­zei­chen. Genau wie ihre war­me Alt­stim­me. Im sanf­ten Auf und Ab glei­tet sie über der Klang­flä­che der Key­boards, den ver­trau­ten Riffs der Gitar­re und dem beru­hi­gen­den Gewu­schel des Schlag­zeugs dahin. Ganz ohne Zwei­fel ist ihre sanft und unbe­irrt über allem schwe­ben­de Stim­me die Haupt­sa­che hier. Die Band bleibt dann auch den Abend über im Halb­dun­kel – obwohl die drei Musi­ker durch­aus beacht­li­ches bie­ten und unver­zicht­bar für die har­mo­ni­sche Stim­mung des Kon­zer­tes sind.

Im stän­di­gen Pen­deln zwi­schen Folk und Pop, Rock und Jazz bewahrt Brem­nes in aller Viel­falt immer die Ein­heit – die Har­mo­nie ihre kris­tal­li­nen Stim­me, die Über­ein­stim­mung ihrer mit­rei­ßen­den voka­len Kraft mit den inten­si­ven Arran­ge­ments las­sen die Welt außer­halb des Kon­zert­saa­les schnell verblassen.

Natür­lich muss hier auch unbe­dingt noch die nor­di­sche Melan­cho­lie erwähnt wer­den, die Brem­nes immer wie­der ange­dich­tet wird. Aber das trifft es eigent­lich über­haupt nicht. Denn ihre Songs sind alles ande­re als schwer­mü­tig. Sie sind aller­dings fast alle klei­ne oder gro­ße Träu­me­rei­en: Ihre Musik ist ein per­ma­nen­ter Kampf der Musik gegen die ein­bre­chen­de Rea­li­tät, eine immer wie­der erneu­te Flucht aus der har­ten Wirk­lich­keit in das wohl­tu­en­de Land der Phantasie.

so weit der „offi­zi­el­le” text. jetzt stellt sich natür­lich doch noch die eine oder ande­re fra­ge. näm­lich zum bei­spiel, war­um die nor­di­sche musik – ins­be­son­de­re die sän­ge­rin­nen – eigent­lich so erfolg­reich ist? ver­mut­lich ist es ganz ein­fach die kom­bi­na­ti­on von exo­tik und ver­traut­heit in genau dem rich­ti­gen maße, die das aus­macht: es klingt so fremd, dass es unge­wohnt und span­nend ist. ande­rer­seits nicht so fremd, dass es die eige­nen über­zeu­gun­gen und erfah­run­gen in fra­ge stel­len könn­te – es ist noch so ver­traut, dass sich jeder pro­blem­los dar­in zurecht findet. 

trotz­dem: die musik ist eigent­lich gefähr­lich. näm­lich inso­fern sie eine befrei­ung vom ver­ste­hen-müs­sen (also von der anstren­gung) anbie­tet und sug­ge­riert, das sei doch ganz in ord­nung so, also sich nicht um ver­ste­hen zu bemü­hen. übrig bleibt klang – und eine ahnung, eine ver­hei­ßung, dass der unver­ständ­li­che text noch mehr bie­ten könn­te. und natür­lich ein gefühl der über­ein­stim­mung: der stän­di­ge rekurs auf mehr oder weni­ger ver­trau­te gefüh­le, auf ein­sam­keit, ver­las­sen-sein, ent­täusch­te oder gelin­gen­de lie­be, angst (etwa in edvard munchs „der schrei”). das bleibt, weil es immer wie­der genau dabei ste­hen bleibt, zwar intel­lek­tu­ell zutiefst unbe­frie­di­gend. aber dem publi­kum gefällt’s. wahr­schein­lich genau deshalb …

Die Haa­re sind grau gewor­den. Und die Stim­me im Fal­sett nicht mehr ganz so klar und rein, son­dern an man­chen Stel­len auch mal etwas brüchig.Die gro­ßen Sta­di­en füllt er auch nicht mehr, die Räu­me sind klei­ner gewor­den. Aber sonst hat sich nicht viel geän­dert. Jon Ander­son ist immer noch ein gro­ßer Sän­ger. Und ein cha­ris­ma­ti­scher Unter­hal­ter, der sein Publi­kum immer gut im Griff hat. Er braucht nicht viel dafür: Ein Gitar­re, ein Mikro, zwi­schen­durch auch ein­mal ein Kla­vier – das war schon alles. Denn Ander­son ist allei­ne auf der Büh­ne des Frank­fur­ter Hofes – allei­ne mit den vie­len Songs sei­ner lan­gen, lan­gen Kar­rie­re. Hin­ter ihm flim­mert aller­dings auch noch eine Video­pro­jek­ti­on mit aus­ge­sucht kit­schi­gen Bil­der­ni. Eine gewis­se Nost­al­gie ist dem Abend also nicht abzu­spre­chen. Und das Publi­kum – vor­wie­gend ech­te Fans, die mit ihrem Start groß (und älter) gewor­den sind und sein Reper­toire in- und aus­wen­dig ken­nen – erwar­tet auch gar nichts anderes.

Vie­le Remi­nis­zen­zen bestim­men das Pro­gramm, vie­le alte Hits vor allem, ins­be­son­de­re natür­lich aus der gro­ßen Zeit von Yes. Und aus der Zusam­men­ar­beit mit Van­ge­lis, die eini­ge groß­ar­ti­ge Songs her­vor­ge­bracht hat. Ander­son erzählt ger­ne davon. Und wenn er dar­über plau­dert, wie das gro­ße „Soon“ für Yes ent­stand, damals, in den wil­den 70ern, gerät er noch ein­mal rich­tig ins Schwär­men. Doch in der Haupt­sa­che singt er. Und dabei ist er sich immer treu geblie­ben: Er klingt heu­te noch fast genau­so wie vor 40 Jah­ren, als Yes gera­de anfing. Gut, die für Ander­son typ­si­che Fal­sett-Stim­me ist ein klei­nes biss­chen geal­tert. Aber das ver­leiht ihr nur noch mehr Charakter.

Auch sei­ne Musik ist sich treu geblie­ben: Das neue Mate­ri­al füg­ti sich bruch­los in das Reper­toire ein. Er ver­sucht sich auch mal am Reg­gae oder unter­legt sein Gitar­ren­spiel mit syn­the­ti­schen Rhyth­men. Aber immer noch singt er ger­ne von ver­gan­ge­nen Tagen und Zei­ten, vom Lie­ben und Leben überhaupt.Und trotz­dem bleibt er dabei ein unver­bes­ser­li­cher Opti­mist: „Buddha’s Home“, eines sei­ner neue­ren Stü­cke, ist getränkt vom Glau­ben an eine bes­se­re Welt, an die Mög­lich­keit von ewi­gen Frie­den. Wenn sich doch nur alle ein biss­chen mehr lieb­ha­ben würden.Und ein wenig mehr Jon Ander­son hören wür­den – denn dann hät­te kei­ner mehr Lust auf Krieg und Verderben.

aelita – schwere- und orientierungslos im weltraum?

das tied+tickled trio (das auf die­ser auf­nah­me ein quin­tett ist) klingt auft aeli­ta ein wenig anders als gewohnt. vor allem gibt es sich, als sei es elek­tro­nik pur – das klingt viel künst­li­cher und com­pu­ter­las­ti­ger als ich frü­he­re alben in erin­ne­rung habe. und oft aber auch wie­der mit der fürs ttt bestim­men­den typi­schen melan­cho­lie: kei­ne selbst­ver­ges­sen­heit des gef­ri­ckels, kei­ne pes­si­mis­ti­sche welt­un­ter­gangs­stim­mung, aber doch immer etwas, nur eine spur, ver­zwei­felt; immer etwas ange­wi­dert und des­il­lu­sio­niert von der häß­lich­keit der welt; und – ja, auch das – immer ein klei­nes biss­chen empört, dass sich nie­mand außer ihnen dar­an stört und dar­um kümmert.

nur lei­der wie­der viel zu kurz: ein hap­pen für das kur­ze hören zwi­schen­durch sozu­sa­gen ;-) schwe­re kost ist es ja gera­de nicht. aber schön ist es schon. chleb­nikov vor allem – wun­der­bar poe­ti­sche klang­zu­sam­men­stel­lung, total eklek­ti­zis­tisch – aber was solls, das macht eben spaß. (inter­es­sant auch, dass mir in letz­ter zeit immer wie­der ver­wei­se und anspie­lun­gen auf chleb­nikov begeg­nen. über­haupt scheint die rus­si­sche kunst des frü­hen 20. jahr­hun­derts als refe­renz­rah­men gera­de wie­der eine gewis­se beliebt­heit zu erfahren …)

laut​.de ist damit nicht so ganz glück­lich gewor­den. da steht auch ein satz, der mir noch ein­mal sehr klar mach­te, war­um ich das so anders wahr­nahm als frü­he ttt-alben: „ Auf „Aeli­ta“ ver­schwin­det die von allen Sei­ten geschätz­te Jazz-Ästhe­tik, die den Stil des T&TT und das Spiel der Prot­ago­nis­ten bis­her her­vor­ra­gend kenn­zeich­ne­te, in vol­lem Umfang.” das ist lei­der wahr. und mani­fes­tiert sich am stärks­ten in der nicht vor­han­de­nen ent­wick­lung der ein­zel­nen stü­cke: die sind von anfang an da – und blei­ben ein­fach, wie sie sind, gera­de so ste­hen – bis dann irgend­wie mal irgend­wann schluss ist. von daher ist es dann doch wie­der gera­de nicht zu kurz, son­dern man­ches mal fast zu lang… exit-music sieht das ähn­lich. und kann noch auf eine ande­re refe­renz ver­wei­sen: „Drei mal ver­wei­sen die Instru­men­tal-Musi­ker auf die sagen­um­wo­be­ne Aeli­ta, die Mars-Köni­gin aus dem gleich­na­mi­gen Roman des rus­si­schen Autors Ale­xej Tolstoi.”

und jetzt, wo ich das alles geschrie­ben habe, sehe ich auch, was das label auf sei­ner home­page dazu schreibt: „[…] the Tied+Tickled Trio made a record, that deals with long gone uto­pi­as, con­cen­tra­ted, mini­mal and melan­cho­ly”. na, das passt dann ja …

aeli­ta ist übri­gens auch ein sowje­ti­scher stumm­film – und ein sowje­ti­scher mono­pho­ner syn­the­si­zer

tied+tickled trio: aeli­ta. morr music 2007.

alles wieder geschlossen

nein, so heißt es gera­de nicht: „alles wie­der offen” behaup­tet das neue album (pha­se 3 der sup­port­er-zeit) der ein­stür­zen­den neu­bau­ten. aber lei­der stimmt das immer weni­ger. das letz­te war ja noch als ver­such in die rich­ti­ge rich­tung war­zu­neh­men (nach­dem per­pe­tu­um mobi­le auch schon nicht mehr die kraft der frü­hen en hat­te). aber das wird jetzt immer schlimmer.

blixa bar­geld dreht mitt­ler­wei­le total ab in die rol­le des poè­te mau­dit. er kann sie aber dum­mer­wei­se nicht wirk­lich aus­fül­len: kli­schee über kli­sche über kli­schee häu­fen sei­ne tex­te inzwi­schen. das war ja schon eine wei­le abzu­se­hen. aber inzwi­schen strahlt die­se hal­tung auch auf die musik aus. und er scheint die grup­pe immer mehr zu domi­nie­ren. ent­täu­schend vor allem bass von alex hacke – das ist völ­lig belang­los geworden.

das schlimms­te dar­an ist vor allem die per­ma­nen­te bil­dungs­hu­be­rei der tex­te und ihre plat­te meta­pho­rik, die immer so tut, als sei sie gro­ße kunst. ein paar bei­spie­le? ger­ne doch. „enkla­ve mei­ner wahl” in „nagor­ny kara­bach” ist zunächst – was für eine über­ra­schung – die „enkla­ve mei­nes her­zens” – aber mehr als die­se par­al­le­li­sie­rung bringt das gan­ze lied nicht fer­tig. ja, es ist wirk­lich ein lied. und selbst klang ist inzwi­schen fast radio­kom­pa­ti­bel, so belie­big. und roman­tisch ver­klärt immer wie­der. das klingt ganz ein­fach viel zu „nor­mal”, nach stan­dard-instru­men­ten – auch wenn bar­geld betont, dass das alles „authen­tisch” sei: „Jeder Ton basiert auf einem natür­li­chen Klang, nicht auf Com­pu­ter­sounds, auch wenn esich das mit­un­ter so anhört.” (in einem ziem­lich schlech­ten inter­view mit dirk peitz in der süd­deut­schen zei­tung vom 30. okto­ber 2007) … es gibt kei­ne aus­brü­che mehr – unvor­stell­bar, dass die heu­te noch mit flex und schweiß­ge­rät auf die büh­nen gin­gen: sie wer­den halt auch älter.

und so mit­tel­mä­ßig geht es eigent­lich durch­weg wei­ter: „ich hat­te ein wort /​ ein lan­ges, selbst­ge­zim­mer­tes wie eine Rin­ne, mit Rädern /​ schmal wie ein Ein­baum, oder etwas das Zement lei­ten soll /​ ein Modell zwar, wind­schnit­tig und wind­schief, aber meins” – so fängt „ich hat­te ein wort” an – grau­sam. und pri­mi­tiv – auch der schluss: „ich gebs nim­mer­mehr preis”

„von wegen” hat immer­hin noch eini­ge ahnun­gen und anklä­ge frü­he­rer ideen, des frü­her strah­len­den spiel­triebs, der ent­de­cker­freu­de der „wah­ren” ein­tür­zen­den neu­bau­ten. und end­lich wer­den auch ein­mal rosso­lo und mar­ti­net­ti zitiert – aber der­ma­ßen platt, mit der­ma­ßen grau­sam-pein­lich-pri­mit­ven geräusch­hin­ter­grund – das ist schlim­mer als nichts.

es fehlt mir bei die­ser plat­te also ein­fach der knack­punkt – der „win­ter­speck der mög­lich­kei­ten” (auch so eine tol­le zei­le) ver­birgt das poten­zi­al. ok, jetzt ist genug geschimpft, ganz so schlimmm ist es dann eigent­lich doch nicht – aber das ist ein­fach viel zu nett und zu belang­los für eine cd der ein­stür­zen­den neu­bau­ten, das bleibt hin­ter ihren frü­he­ren wer­ken zu weit zurück. das zeigt sich übri­gens stär­ker noch in den die ent­ste­hung der plat­te beglei­ten­den „jewels” – da lässt sich eher inter­es­san­te musik fin­den. aller­dings auch nur noch mit der zuhil­fe­nah­me von tricks: um zu ideen zu kom­men, müs­sen sie sich dem zwang der alea­to­rik unter­wer­fen und kar­ten mit spiel­an­wei­sun­gen ziehen …

ein­stür­zen­de neu­bau­ten: alles wie­der offen (sup­port­er-ver­si­on). poto­mak 2007.

tristesse royale revisited

lukas hein­ser (cof­fee and tv) hat noch ein­mal in der alten schar­te­ke, der pro­gramm­schrift der neue­ren pop­li­te­ra­tur in deutsch­land aus den frü­hen neun­zi­gern, geblät­tert. und eini­ge inter­es­san­te beob­ach­tun­gen zusam­men getra­gen – vor allem zur belang­lo­sig­keit die­ses mani­fes­tes für die heu­ti­ge gesell­schaft, lite­ra­tur und den pop.

udo mader: fuchsbaumelodien

ihren weg hat die­se cd zu mir mit der 55. aus­ga­be der bad alche­my gefun­den. und natür­lich war ich sofort ganz beson­ders gespannt – die ton­trä­ger-bei­la­gen, die rigo ditt­mann sei­nen hef­ten bei­legt, haben mich noch nie ent­täuscht. und die­ses mal war es sogar ein namens­vet­ter (noch nie habe ich von einem mader musik gehört …). und die­se cd hat mich nicht ent­täuscht, son­dern mit jedem hören erneut begeis­tert. denn zunächst ist das alles ganz harm­los, was hier in lan­ger arbeit solis­tisch im heim­stu­dio zusam­men­ge­baut wurde.

das sind näm­lich wirk­lich aus­ge­spro­chen syn­the­ti­sche, also im ech­ten wort sin­ne zusam­men gefüg­te schön­hei­ten, die immer wie­der hoch­gra­dig aus­ge­tüf­telt sind und mit ihrer kom­ple­xi­tät (die vor allem die klang­li­che kon­sti­tu­ti­on eines phantastischen/​imaginären fel­des betrifft, weni­ger die ablau­fen­den struk­tu­ren) kaum hin­ter dem berg hal­ten. aller­dings, und das macht das gan­ze wie­der so ange­nehm (und nie nerv­tö­tend-bes­ser­wis­se­risch), stel­len sie ihre kon­struk­ti­on aller­dings auch nicht aus: man darf sie wahr­neh­men (und schät­zen), muss sie aber über­haupt nicht regis­trie­ren, kann sie sogar getrost über­hö­ren und trotz­dem spaß an der musik haben.

über all dem hängt dabei immer eine leicht resi­gna­ti­ve melan­cho­lie: das bewusst­sein, dass die welt damit nicht zu ändern sei – aber was soll’s, davon las­sen wir uns trotz­dem nicht vom musik­ma­chen abhal­ten – das scheint die ein­stel­lung udo maders (bei mam­bo-bar steht ein biss­chen etwas über ihn) zu sein.

zugleich sind die fuchs­baum­me­lo­dien auch ein schö­nes bei­spiel für ent-tabui­sie­rung (um es vor­läu­fig ein­mal so zu bezeich­nen) des akkor­de­ons in der aktu­el­len musik­kul­tur, dem zeit­ge­nös­si­schen musik-dis­kurs (in sei­ner gesam­ten brei­te). was udo mader dar­an offen­bar inter­es­siert, ist gera­de die unvoll­kom­men­heit sei­nes ein­fa­chen, ten­den­zi­ell beschä­dig­ten instru­men­tes (das klang­lich wirk­lich sehr beschei­den ist), dass er mit­samt sei­nen dys­funk­tio­na­li­tä­ten aller­dings wie­der­um per­fekt und naht­los in die klei­nen idyl­len, die minia­tu­ren sei­ner traum-phan­ta­sien einbaut.

der pseu­do-dilet­tan­tis­mus die­ser cd geht aber über die wahl der instru­men­te hin­aus. denn die musik gibt sich ger­ne den cha­rak­ter des unfer­ti­gen, unkon­trol­lier­ten, unbe­zähm­ten, spon­ta­nei­tät – aber das stimmt alles wie­der nur halb, das ist (natür­lich) in lan­ger arbeit genau­es­tens ausgetüftelt. 

über­haupt bie­tet udo mader mit sei­nen fuchs­bau­me­lo­dien immer eine viel­zahl der hör­mög­lich­kei­ten (viel­leicht passt der von win­ter & win­ter so gern ver­wen­de­te und gepräg­te begriff „hör­film“ hier in beson­de­rer wei­se: als hör-kurz­film sozu­sa­gen …). denn sei­ne melo­dien sind vor­wie­gend kur­ze ein­drück, oft kaum mehr als klei­ne ein­fäl­le, die nie in grö­ße oder umfas­sen­de for­men gezwun­gen wer­den. das hat auch des­halb immer etwas anar­chis­tisch-archai­sches: die unbe­küm­mert­heit um wir­kung und posi­tio­nie­rung im geschicht­li­chen und ästhe­ti­schen feld scheint das klang­li­che ergeb­nis wesent­lich zu bestim­men: just for fun sozu­sa­gen, kein ziel ist damit beab­sich­tigt (schon gar nicht das des pop, näm­lich star-sta­tus/­be­rühmt­heit …), ein­fach für eige­nes ich gemacht (was natür­lich nie wirk­lich stim­men kann, denn dann wäre es nicht ver­öf­fent­licht wor­den – aber indem es im eigen­ver­lag, völ­lig selbst bestimm­ter her­stel­lung pro­du­ziert, erscheint, wird das pro­blem zumin­dest extrem redu­ziert, nahe ins unwahr­nehm­ba­re verschoben …)

es bleibt aber kate­go­ri­al doch sehr schwer zu fas­sen: alles, was mir dazu ein­fällt, stimmt immer nur halb oder teil­wei­se. mei­ne kon­zep­te pas­sen alle nicht rich­tig. viel­leicht macht das die­se cd so reiz­voll: obwohl sie eigent­lich doch so unspek­ta­ku­lär ist: dass sie in kei­ne schub­la­de passt. und dass ich mir auch kei­ne lade für sie kon­stru­ie­ren kann, die wirk­lich passt.

udo mader: fuchs­baum­me­lo­dien.

ein kleiner nachtrag zum hubert-fichte-jubiläum

„Es erge­ben sich Über­schnei­dun­gen“ heißt es am Anfang der Palet­te. Und das ist, das klit­ze­klei­ne Hubert-Fich­te-Jahr zum 20. Todes­tag macht es deut­lich, noch sehr unter­trie­ben. Im Zen­trum steht natür­lich das etwas über­ra­schen­de Erschei­nen des Ban­des Die zwei­te Schuld von Fich­te selbst. Fischer, inzwi­schen Fich­tes Haus­ver­lag, hat sich ent­schlos­sen, die Geschich­te der Emp­find­lich­keit, die­ses viel­köpf­ri­ge Mons­ter, mit dem Fich­te sein schrift­stel­le­ri­sches Werk krö­nen woll­te, damit vor­zei­tig zum Abschluss zu brin­gen. Das bringt aller­dings wenig Über­ra­schun­gen, wenig prin­zi­pi­ell Uner­war­te­tes. Auch die span­nen­de Fra­ge, war­um Fich­te die­ses Buch mit einem Sperr­ver­merk ver­se­hen hat­te, hängt plötz­lich ganz und gar in der Luft: So spek­ta­ku­lär ist das alles gar nicht. Über den Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung kann man übri­gens treff­lich strei­ten. Und das ist schon typisch für alles, was mit der Geschich­te der Emp­find­lich­keit zu tun hat: Defi­ni­ti­ve Klar­hei­ten gibt es hier im Moment fast gar kei­ne, zu oft hat Fich­te hier selbst noch geschwankt. Auch sei­ne Anga­ben zur Dau­er der Sperr­frist vari­ie­ren, man hät­te das Buch auch guten Gewis­sens  und mit guten Argu­men­ten erst in 10 Jah­ren her­aus­brin­gen kön­nen. Davon abge­se­hen, ist Die zwei­te Schuld eigent­lich ein unmög­li­ches Buch. Und das mehr­fach: Es ist ein­fach nicht fer­tig – und nir­gends­wo in der Geschich­te der Emp­find­lich­keit fällt das so sehr auf wie hier -, es ist aber auch eine dop­pel­te Zumu­tung an den Leser: Von Fich­te selbst und sei­tens der Herausgeber.

Das The­ma ist der deut­sche Lite­ra­tur­be­trieb – mit einem leicht eth­no­lo­gisch gefärb­ten Blick und der ewi­gen Suche suche nach den wah­ren Moti­ven des Han­delns ent­wi­ckelt Fich­te die Sze­ne­rie des Lite­ra­ri­schen Col­lo­qi­ums in Ber­lin mit sei­nen Teil­neh­mer, den Dozen­ten und Fich­te selbst. Das Buch trägt außer­dem den Unter­ti­tel „Abbit­te an Joa­chim Neu­grö­schel“. Und damit ist offen­bar das stärks­te Motiv für die­se Arbeit genannt. Denn Fich­te geht es gar nicht so sehr um das LCB selbst, son­dern viel mehr um die sich dort mani­fes­tie­ren­den Macht­struk­tu­ren und kreuz und quer ver­lau­fen­den Anti- und Sym­pa­thien. Erar­bei­tet und geschrie­ben ist das ganz offen­sicht­lich aus einem Unbe­ha­gen, als Teil­neh­mer in die­seSi­tua­ti­on selbst ver­wi­ckelt gewe­sen zu sein, die anläss­lich einer Kri­tik eines Tex­tes von Neu­grö­schel durch Grass, die Fich­te beden­ken­los fort­setz­te, in einem sym­bo­li­schen Juden- und/​oder Schwu­len­mord gip­felt. Dafür hat Fich­te eini­ge der dama­li­gen Teil­neh­mer inter­viewt. Und das sind natür­lich wie­der typi­sche Fich­te-Inter­views, mit ihrer beson­de­ren Inten­si­tät und dem zwar genau geführ­ten und gesteu­ert, aber sich stets kol­lo­quial geben­den Dia­log-Ablauf. Gespro­chen hat er mit Neu­grö­schel selbst, mit Elfrie­de Gers­tel, Her­mann Peter Piwitt und Wal­ter Höl­le­rer. Dazu kom­men immer wie­der kur­ze Skiz­zen, klei­ne Situa­ti­ons­be­schrei­bun­gen aus Ber­lin und der Grup­pe 47. Und am Ende noch eine frü­he Fich­te-Erzäh­lung, „Im Tiefstall“.

Ver­zwei­feln kann man an die­sem Buch, d.h. an sei­ner äuße­ren Gestalt. Denn so lobens­wert es ja von den Leu­ten bei Fischer ist, das noch zu ver­öf­fent­li­chen – hät­te man das nicht gleich rich­tig machen kön­nen? Wie die gesam­te Geschich­te der Emp­find­lich­keit ist das auch ein furcht­ba­rer misch­masch und nicht nur völ­lig inkon­se­quent, son­dern auch unprak­tisch und dadurch fast unles­bar. Z.B. das Höl­le­rer-Inter­view, oder bes­ser gesagt die kärg­li­chen Res­te, die Fich­te noch selbst tran­skri­biert hat­te. Im Manu­skript sind die Gesprächs­fet­zen noch mit den Initia­len ver­se­hen – weil zwi­schen­durch vie­le Dia­log­tei­le feh­len, ist das ja nicht gera­de ganz ver­kehrt. Jetzt ste­hen da nur noch Spie­gel­stri­che. Und spä­tes­tens nach ein paar sei­ten muss man raten, wer gera­de spricht – sehr müh­sam ist so etwas… Denn damit ist der zen­tra­le Teil des geplan­ten Ban­des eigent­lich über­haupt nicht les­bar, ganz zu schwei­gen davon, dass noch zwei wich­ti­ge Inter­views ganz und gar feh­len, die hat Fich­te noch nicht ein­mal geführt: Mit Oswald Wie­ner und HC Artmann.

Schon des­halb wäre der Unter­ti­tel, den Fich­te notiert hat, eigent­lich gar nicht so schlecht gewe­sen: Frag­men­te. Nun heißt der Band aber „Glos­sen“, eine der frag­wür­di­ge­re­ren Her­aus­ge­ber-Ent­schei­dun­gen. Die zwei­te Schuld ist wahr­schein­lich vor allem der Band der Geschich­te der Emp­find­lich­keit, der die Schwie­rig­kei­ten – und lei­der eben auch die Unzu­läng­lich­kei­ten – die­ser pos­tu­men Edi­ti­on am stärks­ten her­vor­te­ten lässt. Nur als zwei Bei­spie­le noch: Das unfer­ti­ge Höl­le­rer-Inter­view dru­cken die Her­aus­ge­ber mit den Coun­ter­num­mer ab, denn: „Die Lizenz Fich­tes, eine unor­tho­do­xe Gram­ma­tik und Syn­tax unge­fil­tert zu belas­sen und dafür eine ent­spre­chen­de infor­mel­le Inter­punk­ti­on ein­zu­set­zen, machen die­se zum Instru­ment, das prä­zi­se das Aus­ge­sagt über­mit­telt“ – was immer das hei­ßen soll. Oder die abschlie­ßen­de Erzäh­lung „Im Tief­stall“. Die wird gedruckt nach einer Ver­öf­fent­li­chung von 1965, nicht nach der Form, in der sie Hubert Fich­te maschi­nen­ge­schrie­ben in das Manu­skript ein­ge­fügt hat­te – ohne das irgend­wie zu begründen.

Ähn­lich unbe­frie­di­gend sind auch ande­re Novi­tä­ten,  z.B. die Edi­ti­on der Hör­wer­ke bei Zwei­tau­send­eins. Immer­hin ist sie jetzt über­haupt mal erschie­nen, nach lan­gen, lan­gen Ver­zö­ge­run­gen. Aber auch hier wie­der ist die Art der Ver­öf­fent­li­chung zumin­dest ernüch­ternd, wenn nicht ver­är­gernd. Davon, dass die Kom­pri­mie­rung auf 2 mp3-CDs weder der klang­qua­li­tät noch dem Hand­ling irgend­wie ent­ge­gen­kommt (so teu­er sind doch CD-Pres­sun­gen gar nicht mehr?), die Aus­wahl bleibt, um es mil­de aus­zu­drü­cken, unbe­frie­di­gend. Fast alles wich­ti­ges fehlt: die vie­len Hör­spie­le – zu nen­nen wäre ja nur Ich wür­de ein oder Lohen­steins Ibra­him Bassa schlum­mern wei­ter­hin in den Rund­funk­ar­chi­ven – mit Aus­nah­me von Gott ist ein Mathe­ma­ti­ker, das ja schon vor eini­ger Zeit bei sup­po­sée wie­der zugäng­lich gemacht wur­de. Dort gibt es ja auch schon die wirk­lich her­aus­ra­gen­de Fich­te-Lesung im Ham­bur­ger Star­club, sei­ne Palais‑d’amour-Interviews und sei­ne Gesprä­che mit Lil Picard. Das alles hat Zwei­tau­send­eins natür­lich nicht. Dafür eine Men­ge Rund­funk­le­sun­gen, deren Aus­sa­ge­kraft sich in sehr engen Gren­zen bewegt. Denn die sind zwar alle­samt nicht schlecht, aber doch auch ziem­lich belang­los. Denn Fich­te liest in der ste­ri­len Atmo­sphä­re des Stu­di­os gewöhn­lich auch ent­spre­chend nüch­tern. Höhe­punk­te sind aber auch zu ver­zeich­nen. Das Fea­ture Djem­ma el Fna, das fast schon ein Hör­spiel ist (und damit ganz typisch für Fich­tes ganz eige­nen umgang mit dem Medi­um Radio). Auch das kur­ze Hör­spiel Romy und Juli­us von 1973, eine rol­len­ver­tau­sche Ver­si­on von Romeo und Julia, gehört ohne Zwei­fel zu den bes­se­ren arbei­ten Fich­tes. Und immer­hin ist auch San Pedro Cla­ver dabei, das Fich­te selbst zu sei­nen zen­tra­len Wer­ken gezählt hat und das sich die letz­ten Lebens­ta­ge des spa­ni­schen Jesui­ten und Mis­sio­nars in einem echt radio­pho­nen, 14stimmigen ima­gi­nä­ren Raum vor­stellt – eine para­do­xe Figur, gefan­gen zwi­schen ihrer Lie­be zu den Skla­ven und der Ange­hö­rig­keit zu einer ver­skla­ven­den Macht, der katho­li­schen Kir­che,  vor­ge­stellt in einer Art sze­ni­scher Ritus, den Fich­te fas­zi­nie­rend sicher und wirk­mäch­tig beherrschte.

Es hat sich aber noch mehr getan. Schon im letz­ten jahr, 2005, war in den Ham­bur­ger Deich­tor­hal­len die „Lebens­rei­se“ von Hubert Fich­te und Leo­no­re Mau zu sehen. Das Kata­log­buch dazu schrieb Wil­fried F. Schmoel­ler – als eine Art vor­läu­fi­ge Bio­gra­phie Fich­tes.  Er scheut nicht vor sei­nen Urtei­len zurück, weiß auch viel und hat eini­ges Licht in die Rei­sen Fich­tes gebracht. Nur zu Leo­no­re Mau und ihren Foto­gra­phien fällt ihm erstaun­lich wenig ein, näm­lich fast gar nichts. Dafür gibt es – bei einem als Aus­stel­lungs­ka­ta­log kon­zi­pier­ten Buch natür­lich kaum anders zu erwar­ten – eine gro­ße Aus­wahl von ihr und ande­ren Foto­gra­phen (etwa Chris­ti­an von Alvens­le­ben, der Fich­te für sein wun­der­schön kit­schi­ges Port­fo­lio 1960 einen Tag bei der Land­wirt­schafts­ar­beit  in der Pro­vence beob­ach­te­te). Das hät­te ein schö­nes und ein gutes Buch wer­den kön­nen, das auch ohne die Aus­stel­lung hilf­reich und wohl­tu­end ist. Denn Schoel­ler schreckt nie vor deut­li­chen Wor­ten und eige­nen Wer­tun­gen zurück. Aber es ist doch nur eine Mogel­pa­ckung, ein Eti­ket­ten­schwin­del: Leo­no­re Mau ist eben wie­der ein­mal nur die foto­gra­fie­ren­de Dich­ter­gat­tin, die zur Illus­tra­ti­on ein paar Bil­der bei­steu­ern darf, sonst aber nach Mög­lich­keit über­haupt nicht vor­kommt. Es bleibt also doch wie­der nur Fich­tes „Lebens­rei­se“, die für Schoel­ler eher ein „Lebens­la­by­rinth“ ist (aber wer kann das nicht von sich behaup­ten?) Sei­nem „Rei­se­fahr­plan“ folgt Schoel­ler, mit aus­wer­tung der ver­streu­ten Daten, auch der Rei­se­päs­se, und stellt pflicht­ge­mäß auch die dabei ent­stan­den Bücher vor, was bei der Geschich­te der Emp­find­lich­keit zu recht kurio­sen Ein­schät­zun­gen und Ver­knap­pun­gen führt. Es hat fast den Anschein, als sei das als Vor­ar­beit, Para­li­po­me­na einer Bio­gra­phie zu ver­ste­hen – die Fra­ge ist dann nur noch, wer wagt sich als ers­tes, sei­ne Arbeit wirk­lich so zu nen­nen. Denn geschrie­ben wird sie, mehr oder weni­ger aus­führ­lich und direkt, von nahe­zu allen, die über Fich­te ver­öf­fent­li­chen. Es wäre wohl auch das nächs­te, das fol­ge­rich­ti­ge Pro­jekt – neben einer „rich­ti­gen“ Werk­aus­ga­be. Aber gera­de die wird wohl, vor allem was die Geschich­te der Emp­find­lich­keit betrifft, noch eine Wei­le Desi­de­rat bleiben.

Auch Peter Braun hat sich auf eine Rei­se bege­ben, Eine Rei­se durch das Werk von Hubert Fich­te. Das ist ein Ver­such, eine „spe­zi­fi­sche Poe­tik der Orte“ zu beob­ach­ten oder zu kon­sti­tu­ie­ren. Aber genau in die­sem Punkt bleibt die Arbeit von Braun fra­gil, schwam­mig, und unbe­stimmt: Wor­in sich denn die Orte nun genau unter­schei­den, was das „orts­ge­bun­de­ne Erzäh­len“ (43) denn nun wirk­lich aus­macht – wird kaum deut­lich. Klar, bestimm­te Din­ge passier(t)en nun ein­mal an bestimm­ten Orten. Aber ist Fich­tes Zugriff auf die Djem­ma el Fna wirk­lich kate­go­ri­al anders als der auf, sagen wir, den Gän­se­markt? Oder die Palet­te? Braun geht übri­gens noch ein Schritt­chen wei­ter als Schoel­ler und sieht den gan­zen lite­ra­ri­sche out­put gleich als „Lebens­schrei­bung“ – damit ist er dann end­gül­tig leg­timiert, das Leben und das Werk des Autors belie­big durch­ein­an­der zu wer­fen. Ent­spre­chend umstand­los springt Braun dann auch hin und her. Über­haupt ist er ein ganz gro­ßer Inte­gra­tor. Alles wird zu einem gro­ßen Buch, Leben und Werk, Roman und Inter­view, Hör­spiel und Fea­ture wird zu einem ein­zi­gen, gigan­ti­schen Werk zusam­men­ge­mixt – natür­lich hat er dabei ein klei­nes biss­chen Recht, die inter­tex­tu­el­len Bezü­ge sind ja schon bei der ers­ten Lek­tü­re über­haupt nicht zu über­se­hen. Aber er ver­liert dabei doch lei­der immer wie­der die jeweils eige­nen Qua­li­tä­ten der Tex­te aus den Augen. Zeit­li­che Struk­tu­ren der Erzäh­lun­gen Fich­tes kann Peter Braun etwa nur unzu­rei­chend, nur sehr neben­bei, über­haupt ein­mal wür­di­gen. Wenn man das so hin­ter­ein­an­der weg liest, drängt sich fast ein etwas unlieb­sa­mer Ein­druck auf: Irgend­wie bleibt ein scha­les Gefühl. Denn neu ist das nicht. Das führt bekann­te Moti­ve, Ideen, Ana­ly­sen wei­ter, aber ohne dabei wirk­lich neue Per­spek­ti­ven auf Fich­tes Wer­ke zu eröff­nen: Ein beson­de­rer Erkennt­nis­ge­winn ist hier nicht zu beob­ach­ten. Das trifft im grun­de vor allem Peter Brauns Buch – von einem Aus­stel­lungs­ka­ta­log muss man nicht unbe­dingt eigen­stän­di­ge For­schung erwar­ten. Aber auch Braun hat das bedacht und will die „Rei­se“ als Ein­füh­rung ver­stan­den sehen: „vor­ran­gi­ges Ziel […] ist es, die Schwel­le vor der eige­nen Lek­tü­re zu sen­ken.“ (16)  Aber dann stellt sich natür­lich die Fra­ge: für wen bloß? Und es macht dann doch den Ein­druck, als sol­le es den geplag­ten Stu­den­ten von der Last befrei­en, Fich­te über­haupt zu lesen – die exten­si­ve, sei­ten­lan­ge Zitie­re­rei trägt da nicht unwe­sent­lich zu bei.

Wer lesen kann und das womög­lich gar selbst tut, ist dage­gen ein­deu­tig im Vor­teil – das Meis­te von dem, was Braun hier ver­sam­melt, kann, soll und muss man doch recht eigent­lich selbst ent­de­cken – es hat etwas von Vor­ver­dau­ung, wenn er aus­führ­lich und durch­aus in der Sache zutref­fend, aber letzt­lich auch über­flüs­sig für den­ken­de und ver­ste­hen­de Leser, die gan­zen Quer­ver­bin­dun­gen in Fich­tes Pro­sa auf­zu­trö­deln sucht.
Sein Blick­win­kel ist dafür natür­lich sehr stark fokus­siert (um ihn nicht ein­ge­schränkt zu nen­nen) und etwas mono­gam: Er kon­zen­triert sich auf die ein­zel­nen Orte, wo Schoel­ler mehr das Ele­ment der Rei­se, also der Bewe­gung, im Blick­feld hat: die per­ma­nen­te Ver­än­de­rung, Trans­gres­si­on, Trans­for­ma­ti­on, wie auch immer. Und er ent­deckt die­se Pro­zes­se auch in der Pro­sa Fich­tes, v.a. in der eth­no­lo­gi­schen (falls man die mal behelfs­wei­se so benen­nen darf, auch wenn es nicht ganz exakt zutrifft) natür­lich beson­ders deut­lich. Für Schoel­ler zeigt sich Fich­tes Rei­sen dabei letzt­lich nur als (mehr oder min­der) äußer­li­cher Aus­druck einer „Expe­di­ti­on nach Innen“, eines per­ma­nen­ten For­schens in nur schein­bar chao­ti­schen Sprün­gen zwi­schen Ham­burg und Bahia de Sal­va­dor, Schro­ben­hau­sen und São Luíz de Maranhão.

Allen, die das schon selbst gemerkt haben und sich immer noch näher mit Fich­te beschäf­ti­gen wol­len, sei unbe­dingt emp­foh­len: Micha­el Fischs Biblio­gra­phie, die auch gera­de in einer Neu­fas­sung erschie­nen ist. Selbst so etwas harm­lo­ses wie eine Biblio­gra­phie, die den pas­sen­den Titel Explo­si­on der For­schung führt, geht nicht ohne Tru­bel von­stat­ten, wenn es um Hubert Fich­te geht. Damals, beim Erschei­nen der ers­ten Fas­sung 1996, gab es eini­gen Wir­bel mit der Ham­bur­ger Hubert-Fich­te-Arbeits­tel­le, die auch Anspruch auf die­se Biblio­gra­phie erhob. Aber egal wie: Hilf­reich ist das schon, auch wenn die Glie­de­rung nicht immer bis ins Letz­te über­zeugt. Und doch ist sie eben genau in die­ser Form (auch) ein kla­res Zei­chen für den momen­ta­nen Umgang mit Fich­te: Die Erfor­schung scheint sich in einer Kon­so­li­die­rungs­pha­se, im Über­gang,  zu befin­den: Der Autor ent­schwin­det lang­sam aber unauf­halt­sam und muss immer wie­der neu ent­deckt, d.h. ver­stan­den wer­den. Es könn­ten sich also noch ein paar mehr Über­schnei­dun­gen ergeben.

  • Hubert Fich­te: Die zwei­te Schuld. Glos­sen. (Die Geschich­te der Emp­find­lich­keit). Frankfurt/​Main: S. Fischer 2006.
  • Hubert Fich­te: Hör­wer­ke 1966–86. Hres­aus­ge­gebn von Robert Galitz, Kurt Krei­ler und Mar­tin Wein­mann. Frankfurt/​Main: Zwei­tau­send­eins 2006.
  • Wil­fried F. Schoel­ler: Hubert Fich­te und Leo­no­re Mau. Der Schrift­stel­ler und die Foto­gra­fin. Frankfurt/​Main: S. Fischer 2005.
  • Peter Braun: Eine Rei­se durch das Werk von Hubert Fich­te. Frankfurt/​Main: Fischer Taschen­buch 2005.
  • Micha­el Fisch: Hubert Fich­te – Explo­si­on der For­schung. Biblio­gra­phie zu Leben und Werk von Hubert Fich­te. Unter Berück­sich­ti­gung des Wer­kes von Leo­no­re Mau. Bie­le­feld. Ais­the­sis 2006.

(steht auch in der test­card no. 16)

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