Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: kritik Seite 8 von 15

die­se woche im frank­fur­ter hof gehört: die nor­we­gi­sche sän­ge­rin kari brem­nes – war mir bis­her unbe­kannt. ist aber auf ihre wei­se ganz schön:

Sie kommt von weit her – aus der nörd­lichs­ten Ecke Nor­we­gens. Da wun­dert es kaum, dass ihre letz­te CD den Titel „Rei­se“ trägt. Und trotz ihrer fer­nen Her­kunft hat Kari Brem­nes in Deutsch­land einen treu­en Fan­kreis. Auch in Mainz: Der Frank­fur­ter Hof war mehr als ausverkauft.

Und das Publi­kum kann sich vom ers­ten Moment an gebor­gen füh­len. Denn in ihren aus der Zeit gefal­le­nen Lie­dern fin­det jeder Halt. Sie erzäh­len in poe­ti­scher Manier vom rau­en Leben im hohen Nor­den, von Dun­kel­heit und Licht, von den klei­nen und gro­ßen Wun­den des Lebens, von Men­schen und Land­schaf­ten, von Über­le­ben­den und Opfern. Aber immer, egal wor­um es gera­de geht, ob es ein Text von Edvard Munch ist oder eine Eigen­schöp­fung, ob eng­lisch oder nor­we­gisch, immer sind es die Gefüh­le, die zäh­len. Und genau da kommt auch die Musik her: Aus den inners­ten Win­keln der See­le. Und die­se Emp­find­sam­keit macht die Musik Kari Brem­nes’ so beein­dru­ckend ehr­lich und wirkungsvoll.

Der kom­pak­te Sound ist ihr Mar­ken­zei­chen. Genau wie ihre war­me Alt­stim­me. Im sanf­ten Auf und Ab glei­tet sie über der Klang­flä­che der Key­boards, den ver­trau­ten Riffs der Gitar­re und dem beru­hi­gen­den Gewu­schel des Schlag­zeugs dahin. Ganz ohne Zwei­fel ist ihre sanft und unbe­irrt über allem schwe­ben­de Stim­me die Haupt­sa­che hier. Die Band bleibt dann auch den Abend über im Halb­dun­kel – obwohl die drei Musi­ker durch­aus beacht­li­ches bie­ten und unver­zicht­bar für die har­mo­ni­sche Stim­mung des Kon­zer­tes sind.

Im stän­di­gen Pen­deln zwi­schen Folk und Pop, Rock und Jazz bewahrt Brem­nes in aller Viel­falt immer die Ein­heit – die Har­mo­nie ihre kris­tal­li­nen Stim­me, die Über­ein­stim­mung ihrer mit­rei­ßen­den voka­len Kraft mit den inten­si­ven Arran­ge­ments las­sen die Welt außer­halb des Kon­zert­saa­les schnell verblassen.

Natür­lich muss hier auch unbe­dingt noch die nor­di­sche Melan­cho­lie erwähnt wer­den, die Brem­nes immer wie­der ange­dich­tet wird. Aber das trifft es eigent­lich über­haupt nicht. Denn ihre Songs sind alles ande­re als schwer­mü­tig. Sie sind aller­dings fast alle klei­ne oder gro­ße Träu­me­rei­en: Ihre Musik ist ein per­ma­nen­ter Kampf der Musik gegen die ein­bre­chen­de Rea­li­tät, eine immer wie­der erneu­te Flucht aus der har­ten Wirk­lich­keit in das wohl­tu­en­de Land der Phantasie.

so weit der „offi­zi­el­le” text. jetzt stellt sich natür­lich doch noch die eine oder ande­re fra­ge. näm­lich zum bei­spiel, war­um die nor­di­sche musik – ins­be­son­de­re die sän­ge­rin­nen – eigent­lich so erfolg­reich ist? ver­mut­lich ist es ganz ein­fach die kom­bi­na­ti­on von exo­tik und ver­traut­heit in genau dem rich­ti­gen maße, die das aus­macht: es klingt so fremd, dass es unge­wohnt und span­nend ist. ande­rer­seits nicht so fremd, dass es die eige­nen über­zeu­gun­gen und erfah­run­gen in fra­ge stel­len könn­te – es ist noch so ver­traut, dass sich jeder pro­blem­los dar­in zurecht findet. 

trotz­dem: die musik ist eigent­lich gefähr­lich. näm­lich inso­fern sie eine befrei­ung vom ver­ste­hen-müs­sen (also von der anstren­gung) anbie­tet und sug­ge­riert, das sei doch ganz in ord­nung so, also sich nicht um ver­ste­hen zu bemü­hen. übrig bleibt klang – und eine ahnung, eine ver­hei­ßung, dass der unver­ständ­li­che text noch mehr bie­ten könn­te. und natür­lich ein gefühl der über­ein­stim­mung: der stän­di­ge rekurs auf mehr oder weni­ger ver­trau­te gefüh­le, auf ein­sam­keit, ver­las­sen-sein, ent­täusch­te oder gelin­gen­de lie­be, angst (etwa in edvard munchs „der schrei”). das bleibt, weil es immer wie­der genau dabei ste­hen bleibt, zwar intel­lek­tu­ell zutiefst unbe­frie­di­gend. aber dem publi­kum gefällt’s. wahr­schein­lich genau deshalb …

was kann, soll und darf kritik?

eini­ge über­le­gun­gen aus aktu­el­lem anlass. näm­lich mei­ne kri­tik der auf­füh­rung des deut­schen requi­ems von johan­nes brahms in michel­stadt. mit einem lai­en­chor, pro­fes­sio­nel­lem orches­ter, solis­ten und diri­gen­ten. das muss ich vor­weg schi­cken, sonst wird das fol­gen­de zu unverständlich.

also, was soll­ei­gent­lich kri­tik? das ist natür­lich – auch – eine sache der per­sön­li­chen über­zeu­gung. ich bin der ansicht, sie soll kri­ti­sie­ren. und das heißt vor allem: ver­ste­hen, erklä­ren und ein­ord­nen. dafür braucht man maß­stä­be. was sie nicht soll: unre­flek­tiert lob­hu­deln oder die künst­ler um jeden preis bestä­ti­gen – dafür gibt es freun­de, ver­wand­te und psychologen.

maß­stä­be also. die sind in der kunst abso­lut – in dem sin­ne, das sie fest ste­hen. sie kön­nen frei­lich unter­schied­lich sein, von per­son zu per­son. natür­lich ist des­halb eine kri­tik nie voll­kom­men objek­tiv, also un-sub­jek­tiv. aber die kri­tik legt ihre grün­de dar, sie lässt in der beur­tei­lung erken­nen, wor­an gemes­sen wird. und sie ver­sucht, ihre über­zeu­gun­gen zu vermitteln.

etwa die über­zeu­gung, wie ein bestimm­tes kunst­werk zu ver­ste­hen sei – und bei der musik heißt das eben auch: wie es auf­zu­füh­ren ist. was nicht heißt, dass sie ande­re auf­fas­sun­gen nicht aner­kennt. im gegen­teil, gera­de das macht kri­tik aus: sie prüft das ver­ständ­nis und die aus­füh­rung, d.h. die ver­mitt­lung, anhand den kri­tie­ri­en des kunst­wer­kes. das meint: stim­mig­keit. fol­ge­rich­tig­keit. erkenn­bar­keit. über­zeungs­kraft. aber auch: ver­mit­teln­de aspek­te: also inwie­weit die kon­kre­te aus­füh­rung in der auf­füh­rung geeig­net war, die­ses bild des wer­kes zu ver­mit­teln. und da spie­len durch­aus auch gewis­se hand­werk­li­che din­ge eine rol­le. ein orches­ter zum bei­spiel, das schlecht into­niert, wenig dyna­mik zur ver­fü­gung hat, unge­nü­gen­de arti­ku­la­ti­ons- und klang­viel­falt – ein sol­ches orches­ter wird die bes­te idee nur man­gel­haft über­mit­teln können.

hier ist dann auch der ansatz­punkt, auf die spe­zi­fi­sche auf­füh­rungs­si­tua­ti­on reagie­ren zu können.denn das pro­blem ist: wie gut muss es sein? das hat sich noch nie so scharf gestellt wie heu­te, wo wir über unend­li­che viel­falt mehr oder min­der guter bis – zumin­dest tech­nisch – per­fek­ter repro­duk­tio­nen, d.h. auf­nah­men mehr oder weni­ger unmit­tel­bar ver­fü­gen kön­nen. des­sen muss sich sowohl die kri­tik als auch die kunst aber bewusst sein – es hilft eben nichts, die situa­ti­on ist eben die­se. das hat ja auch zur fol­ge, dass man musi­ka­li­sche wer­ke nicht mehr nur live rezi­pie­ren kann – und damit, dass man (auch inten­si­ve) kennt­nis der wer­ke auch dann erlan­gen kann, wenn sie nicht vor ort auf­ge­führt wer­den. unter umstän­den wird dann die­se auf­füh­rung sogar obso­let – wenn sie näm­lich die fähig­kei­ten der betei­lig­ten offen­sicht­lich übersteigt.

so, jetzt zu den reak­tio­nen des kon­kre­ten anlas­ses. da ver­ber­gen sich näm­lich wie­der­um eini­ge miss­ver­ständ­nis­se, was die auf­ga­be der kri­tik angeht.

am ent­täu­schends­ten der brief des kon­zert­meis­ters der von mir ob ihrer tech­ni­schen unzu­läng­lich­kei­ten etwas harsch beur­teil­ten kurz­pfalz­phil­har­mo­nie, arne mül­ler. von sei­ner unter­stel­lung, es gin­ge mir vor­wie­gend um das „klein­schrei­ben musi­ka­li­scher Groß­ereig­nis­se vom Rang einer Groß­stadt” ein­mal abge­se­hen (aber schon die­se unter­stel­lung ist sym­pto­ma­tisch, zeigt sie näm­lich die voll­kom­me­ne ver­ken­nung oder leug­nung der maß­stä­be – oder zumin­dest die unkennt­nis der groß­städ­ti­schen musik­sze­nen). mül­ler ver­tritt näm­lich offen­bar die auf­fas­sung, kri­tik sol­le die aus­üben­den bestä­ti­gen. das ist natür­lich hane­bü­che­ner unsinn, nichts liegt ihr ferner.

ande­re leser­brief­schrei­ber sind aber noch schlim­mer. eine dame ent­blö­det sich nicht, sät­ze wie die­se zu papier zu geben: „Selbst wenn [er] in eini­gen Punk­ten Recht haben soll­te, muss man sich nicht bei jeder Gele­gen­heit beru­fen füh­len, Kri­tik zu üben” – ja, was soll eine Kri­tik denn sonst tun? das wirft nicht nur ein licht auf die zuhö­re­rin – die ihrer unkennt­nis immer­hin ein­ge­steht (und dass sie von der auf­füh­rung ange­rührt war, will und kann ich ihr ja nun wirk­lich nicht abspre­chen. aber dar­um genau geht es mir ja auch nie.) – son­dern vor allem auf den trau­ri­gen zustand der publi­zis­ti­schen kri­tik im länd­li­chen raum. die ist näm­lich, das wird mir immer kla­rer, außer­halb der städ­te über­haupt nicht mehr, qua­si nur noch als gerücht, vor­han­den. des­halb wun­dert es mich dann auch kaum noch, dass rezi­pi­en­ten mit kri­tik, die nicht ihrem hör­ein­druck ent­spricht, so schlecht umge­hen kön­nen. was mich aber doch immer wie­der wurmt, sind feh­ler­haf­te behaup­tun­gen von leu­ten, die es eigent­lich bes­ser wis­sen müss­ten. etwa eine kir­chen­mu­si­ke­rin, die meint, mei­ne qua­li­ta­ti­ve ein­schrän­kung der solis­ten des brahms-requi­em mit behaup­tun­gen wie „Und zum Glück kam die Sopra­nis­tin mühe­los in schwin­del­erre­gen­de Höhen.“ wider­le­gen zu kön­nen. denn wer das deut­sche requi­em auch nur ein biss­chen kennt, der weiß, dass die sopran-par­tie nir­gends sol­che höhen auf­zu­wei­sen hat! immer wie­der schim­mert in die­sen reak­ti­on der vor­wurf – mehr oder weni­ger offen geäu­ßert – hin­durch, ich hät­te dem publi­kum das kon­zert ver­miest. aber das stimmt ein­fach nicht. es mag sein, dass anspruchs­lo­se­ren ohren und köp­fen als mei­nem das bes­ser gefal­len hat. aber jeder, der nur ein klit­zes­klei­nes biss­chen selbst den­ken kann, merkt ers­tens, dass das nicht alles so wun­der­bar war und zwei­tens, das mei­ne kri­tik selbst dann noch nicht den per­sön­li­chen ein­druck ande­rer besu­cher berührt. der mag sein wie er will – mir geht es um grö­ße­re, all­ge­mei­ne­re maß­stä­be – und um auf­klä­rung über das qua­li­täts­ni­veau, das schon. wie kommt es dann aber, dass mei­ne kri­tik sol­che reak­tio­nen her­vor­ruft? ich glau­be und ver­mu­te, das hat meh­re­re grün­de. zum einen wird damit ja schon die labi­le gewiss­heit, teil eines groß­ar­ti­gen kul­tur­er­eig­nis­ses gewe­sen zu sein, erschüt­tert. der zorn zeigt aber, dass dies eine aus­ge­spro­chen unsi­che­re, labi­le gewiss­heit gewe­sen sein muss – sonst könn­te sie sol­che kri­tik beque­mer igno­rie­ren. zum ande­ren aber auch die befürch­tung, dass die eige­ne begeis­te­rung eben doch auf eher wack­li­gen füßen ste­hen könn­te – das aber betrifft dann wie­der den kern, näm­lich die selbst­si­cher­heit jedes indi­vi­du­ums. aber noch ein­mal: die bestä­ti­gung des­sen ist nicht die auf­ga­be des (kunst-)kritikers.

dr. beethoven? michael korstick in mainz

Schön anzu­se­hen ist er wahr­lich nicht. Aber das ewi­ge Gri­mas­sie­ren und Frat­zen­schnei­den scheint Micha­el Kor­stick zu hel­fen. Offen­bar braucht der Pia­nist die­ses Ven­til, um sein Pro­gramm zu meis­tern. Und in der Tat, er hat­te sich eini­ges vor­ge­nom­men für sein Reci­tal im Rah­men der SWR-Rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ im Frank­fur­ter Hof. Es begann ganz klas­isch – mit dem Andan­te con varia­zio­ni in f‑Moll von Joseph Haydn: Gewöhn­li­cher geht es kaum. Aber ganz gewöhn­lich war die­ser klang­li­che Auf­takt dann doch nicht. Denn Kor­stick macht mit fes­tem Anschlang und unnach­gie­bi­ger Klar­heit jede noch so klei­ne Ver­äs­te­lung der kom­po­si­to­ri­schen Struk­tur extrem deutlich.

Über die fol­gen­de Beet­ho­ven-Sona­te, die Num­mer 31 (in As-Dur) möch­te man am liebs­ten den gnä­di­gen Man­tel des Schwei­gens decken. Denn was der ger­ne als „Dr. Beet­ho­ven“ titu­lier­te Kor­stick, der sich mit sei­ner Gesamt­auf­nah­me der Beet­ho­ven­schen Kla­vier­so­na­ten zu recht einen guten Namen auf die­sem Gebiet gemacht hat, hier ablie­fer­te, war nicht gera­de ein pia­nis­ti­sches Glanz­stück: Mit ein­falls­los unmo­du­lier­tem, gna­den­los har­ten Anschlag arbei­tet er sich in nüch­terns­ter Beam­ten­ma­nier durch die Noten und lässt mit unbarm­her­zi­ger Schär­fe die Sona­te split­tern und bers­ten wie eine Glas­schei­be. Das ent­wi­ckelt manch­mal, vor allem im drit­ten Satz, durch­aus einen gewis­sen Charme, bleibt ins­ge­samt aber ziem­lich langweilig.

Die zwei­te Kon­zert­hälf­te ver­sprach da Bes­se­rung. Denn nun zog Kor­stick durch das Grenz­ge­biet zwi­schen Spät­ro­man­tik und Imrpes­sio­nis­mus. Aber auch dort ließ er in dem einen und ande­ren Schar­müt­zel so eini­ge Federn. Spä­tes­tens bei Charles Koech­lins „Au loin“ wur­de Kor­sticks Metho­de, die Melo­die­stim­me in wirk­lich jedem Moment über­deut­lich aus dem Klang­ge­sche­hen her­vor­zu­he­ben, end­gül­tig zur Marot­te. Damit mach­te er so ziem­lich jede klang­li­che Deli­ka­tes­se die­ser wun­der­ba­ren Kom­po­si­ti­on zunich­te. Aber dann gab es inmit­ten die­ser Wüs­te­nei doch immer wie­der Momen­te, in denen ihm die Ver­zü­ckung wirk­lich gelang. Die­ses Pen­deln zwi­schen den bei­den Polen, die­ser Wech­sel zwi­schen gekonn­ter klang­li­cher Ima­gi­na­ti­on und purer vir­tuo­ser Schau­kunst, blieb aller­dings rät­sel­haft und ein wenig ver­stö­rend. Erst mit Liszts „Val­lée d’Obermann“ (aus dem ers­ten Teil der Années de pèle­ri­na­ge) lös­te sich das. Denn hier konn­te er die ima­gi­nier­te Land­schaft und die lite­ra­ri­schen Bezü­ge ganz kon­kret und dra­ma­tisch mit Leben fül­len: Düs­ter und nach­denk­lich zögernd zu Beginn, mit nur ganz weni­gen Auf­hei­te­run­gen am schwarz dräu­en­den Him­mel zog es ihn Schritt für Schritt zur mäch­tig dnner­nen­den Ent­la­dung. Dass sol­che ein Kon­zert­schluss eini­ge Zuga­ben erfor­der­te, war dann wahr­lich selbstverständlich.

Die Haa­re sind grau gewor­den. Und die Stim­me im Fal­sett nicht mehr ganz so klar und rein, son­dern an man­chen Stel­len auch mal etwas brüchig.Die gro­ßen Sta­di­en füllt er auch nicht mehr, die Räu­me sind klei­ner gewor­den. Aber sonst hat sich nicht viel geän­dert. Jon Ander­son ist immer noch ein gro­ßer Sän­ger. Und ein cha­ris­ma­ti­scher Unter­hal­ter, der sein Publi­kum immer gut im Griff hat. Er braucht nicht viel dafür: Ein Gitar­re, ein Mikro, zwi­schen­durch auch ein­mal ein Kla­vier – das war schon alles. Denn Ander­son ist allei­ne auf der Büh­ne des Frank­fur­ter Hofes – allei­ne mit den vie­len Songs sei­ner lan­gen, lan­gen Kar­rie­re. Hin­ter ihm flim­mert aller­dings auch noch eine Video­pro­jek­ti­on mit aus­ge­sucht kit­schi­gen Bil­der­ni. Eine gewis­se Nost­al­gie ist dem Abend also nicht abzu­spre­chen. Und das Publi­kum – vor­wie­gend ech­te Fans, die mit ihrem Start groß (und älter) gewor­den sind und sein Reper­toire in- und aus­wen­dig ken­nen – erwar­tet auch gar nichts anderes.

Vie­le Remi­nis­zen­zen bestim­men das Pro­gramm, vie­le alte Hits vor allem, ins­be­son­de­re natür­lich aus der gro­ßen Zeit von Yes. Und aus der Zusam­men­ar­beit mit Van­ge­lis, die eini­ge groß­ar­ti­ge Songs her­vor­ge­bracht hat. Ander­son erzählt ger­ne davon. Und wenn er dar­über plau­dert, wie das gro­ße „Soon“ für Yes ent­stand, damals, in den wil­den 70ern, gerät er noch ein­mal rich­tig ins Schwär­men. Doch in der Haupt­sa­che singt er. Und dabei ist er sich immer treu geblie­ben: Er klingt heu­te noch fast genau­so wie vor 40 Jah­ren, als Yes gera­de anfing. Gut, die für Ander­son typ­si­che Fal­sett-Stim­me ist ein klei­nes biss­chen geal­tert. Aber das ver­leiht ihr nur noch mehr Charakter.

Auch sei­ne Musik ist sich treu geblie­ben: Das neue Mate­ri­al füg­ti sich bruch­los in das Reper­toire ein. Er ver­sucht sich auch mal am Reg­gae oder unter­legt sein Gitar­ren­spiel mit syn­the­ti­schen Rhyth­men. Aber immer noch singt er ger­ne von ver­gan­ge­nen Tagen und Zei­ten, vom Lie­ben und Leben überhaupt.Und trotz­dem bleibt er dabei ein unver­bes­ser­li­cher Opti­mist: „Buddha’s Home“, eines sei­ner neue­ren Stü­cke, ist getränkt vom Glau­ben an eine bes­se­re Welt, an die Mög­lich­keit von ewi­gen Frie­den. Wenn sich doch nur alle ein biss­chen mehr lieb­ha­ben würden.Und ein wenig mehr Jon Ander­son hören wür­den – denn dann hät­te kei­ner mehr Lust auf Krieg und Verderben.

west und ost friedlich vereint im meisterkonzert

Die Blech­blä­ser schei­nen ein wenig ner­vös zu sein, vor die­sem Kon­zert in der Rhein­gold­hal­le. Bis zur letz­ten Minu­te üben sie noch ihre Soli. Das ist ja auch kein Wun­der, denn das ers­te Stück besteht eigent­lich nur aus Soli für Blä­ser und Schlag­zeu­ger: Aaron Cop­lands „Fan­fa­re for the Com­mon Man“ mach­te den Beginn beim Meis­ter­kon­zert. Und es ist ein aus­ge­spro­chenn pas­sen­der Auf­takt. Denn das Kon­zert trug schließ­lich den Titel „Aus Ost und West“. Bevor die Klang­rei­se im zwei­ten Teil aber in den Osten ging, blieb die Deut­sche Staats­phil­har­mo­nie nach der geglück­ten Cop­land-Eröff­nung noch ein wenig im Wes­ten. Im tiefs­ten Wes­ten sozusagen.

Denn das Vio­lin­kon­zert von Samu­el Bar­ber ist eben­falls eine echt ame­ri­ka­ni­sche Musik. Da passt es natür­lich, dass die Solis­tin auch aus den USA kommt. Anne Aki­ko Mey­ers erfüllt ihren Part mit rou­ti­niert-sou­ve­rä­ner Genau­ig­keit – auch im vir­tu­os wir­beln­den Per­pe­tu­um Mobi­le des drit­ten Sat­zes. Mit kla­rem und deut­li­chen Ton, der trotz­dem fül­lig blieb und immer wie­der auch mit groß­zü­gi­gem Vibra­to dient geriet das an man­cher Stel­le viel­leicht ein Tick zu prot­zig. Dabei hät­te sie das gar nicht nötig, wie die erfri­schend luzi­de Gestal­tung des ers­ten Sat­zes zeig­te. Aber ande­rer­seits kommt bei Bar­ber eben ohne Sen­ti­men­ta­li­tät auch nicht weit. Und gemein­sam mit dem Diri­gen­ten der Staats­phil­har­mo­nie Geor­ge Peh­li­va­ni­an dosiert sie die sehr genau – so genau, dass das Vio­lin­kon­zert nie zum Kitsch wird.

Den Osten durf­te in der Rhein­gold­hal­le die 15. und letz­te Sym­pho­nie von Dimi­t­ri Schost­a­ko­witsch reprä­sen­tie­ren. Die stellt sich hier als ein gro­tes­ker Zau­ber­gar­ten, voll­ge­stopft mit aller­lei abson­der­li­chen Kurio­si­tä­ten, vor. Und der klei­ne drah­ti­ge Liba­ne­se auf dem Diri­gen­ten­po­dest hat sei­ne Freu­de dar­an, hat hör- und sicht­bar Spaß am über­dreh­ten Absur­di­stan die­ser Sym­pho­nie. Die Schär­fe, mit der Geor­ge Peh­li­va­ni­an das Klang­bild kon­tu­riert, die Klar­heit, mit der er die vie­len Schnit­te die­ses Monu­men­tes akzen­tu­iert, das ist gro­ße Klas­se. Und wie er dann in einem win­zi­gen Wim­pern­schlag umschal­tet auf die epi­sche Tra­gik der lang­sa­men Sät­ze, das ist ein­fach wun­der­bar. Denn gera­de die genau aus­ba­lan­cier­te Mischung aus­ge­spiel­ter Mat­tig­keit und locke­re Tol­le­rei zeich­net sei­ne Dar­bie­tung der letz­ten Sym­pho­nie des Rus­sen aus. Und dafür bekam er zurecht groß­zü­gi­gen Beifall.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

gar nicht schlecht: „ein deutsches requiem“ von brahms in michelstadt

Die Kon­kur­renz ist nicht gera­de klein. Land­auf, land­ab steht es momen­tan auf dem Pro­gramm, die CD-Rega­le quil­len über von Ein­spie­lun­gen. Und doch wagt es der Michel­städ­ter Deka­nats­kir­chen­mu­si­ker Hans-Joa­chim Dum­ei­er, „Ein deut­sches Requi­em“ von Johan­nes Brahms auf­zu­füh­ren. Das ist nie ein leich­tes Unter­fan­gen. Denn nicht nur ist die­se Trau­er­mu­sik aus­ge­spro­chen bekannt, son­dern auch noch dazu recht schwie­rig – für Chor und Orches­ter genau­so wie für die bei­den Solis­ten. Des­halb haben sich in der Michel­städ­ter katho­li­schen Kir­che die Kan­to­rei­en aus den bei­den Deka­na­ten Oden­wald und Rein­heim zu einem gro­ßen Kon­zert­chor zusam­men­ge­tan, um das Groß­werk gemein­sam zu stem­men. Und sie haben noch die Hei­del­ber­ger Kur­pfalz­phil­har­mo­nie gemie­tet sowie zwei Solis­ten enga­giert. Die Stim­mung am Toten­sonn­tag ist ent­spre­chend ange­spannt und erwar­tungs­voll: Schon früh sind die Bän­ke der katho­li­schen Kir­che St. Sebas­ti­an voll besetzt.

Und dann geht es end­lich los: Die groß­ar­ti­gen ers­ten Tak­te des deut­schen Requi­ems erklin­gen, mit den tie­fen Strei­chern schleicht sich Dum­ei­er ganz sacht und fle­xi­bel hin­ein in die Welt des deut­schen Requi­ems, in das Gebiet der Trau­er, in den Bereich von Tod und ewi­gen Leben. Ein gemäch­li­ches Tem­po schlägt er an. Und formt den ers­ten Satz damit zu einer Musik von gro­ßer Ruhe und Kraft. Mit Hin­ga­be kos­tet er gemein­sam mit den Cho­ris­ten jeden Takt voll aus – und dar­über kann es auch schon mal pas­sie­ren, dass er den Über­blick ein klei­nes biss­chen zu ver­lie­ren scheint.Das ist aller­dings weit weni­ger stö­rend als die man­geln­de Sorg­falt und das holz­schnitt­ar­ti­ge Gedu­del des Orches­ters, das sich an die­sem Tag wahr­lich nicht mit Ruhm bekle­ckert. Der zwei­te Satz erfüllt die imma­nen­te Gän­se­haut-Garan­tie wie­der­um ganz pro­blem­los. Nur scha­de, dass die Kur­pfalz­phil­har­mo­nie den Anfeue­run­gen Dum­ei­ers wie­der kaum fol­gen mag. Der gab hier näm­lich alles: Mit Faust­schlä­gen, Stö­ßen, und Haken malt, zeich­net und formt er sei­ne Klang­vor­stel­lung in die Luft. Und der Chor folgt ihm dabei wun­der­bar: Herr­li­che Kon­tras­te und kräf­ti­ge Impul­se ver­bin­den sich zu wun­der­bar geform­ten gro­ßen Bögen und schwin­gen breit im schö­nen Abschluss aus: Eine Musik vol­ler Gewiss­heit einer Zeit der Erlö­sung von Leid und Schmerz.

Auch wei­ter­hin ist es vor allem der Chor, der die beson­de­ren Akzen­te setzt. Die bei­den Solis­ten kamen da nicht so recht her­an: Peter Ares­tov sang aus­ge­spro­chen pathe­ta­isch-thea­tra­lisch – aber nie so beseelt und begeis­tert wie die Ama­teu­re. Und die etwas ange­strengt-schril­le Stim­me der Sopra­nis­tin Sig­run Haa­ser war nicht nur kaum zu ver­ste­hen, son­dern auch recht ein­di­men­sio­nal in der Klanggestaltung.

Sol­che Pro­ble­me hat­te der Chor über­haupt nicht. Die Sorg­falt der Erar­bei­tung, die vie­le Pro­ben­zeit, die ein sol­ches Groß­pro­jekt erfor­dert, wur­den von den Sän­ge­rin­nen und Sän­gern immer wie­der nicht nur in sorg­fäl­ti­ge Klän­ge, son­dern vor allem in enga­gier­ten Aus­druck umge­setzt. Bes­tes Bei­spiel dafür: Der hoch­dra­ma­tisch ange­leg­te sechs­te Satz mit den groß­ar­ti­gen Chor­pas­sa­gen, die hier schon fast höh­nisch fra­gen: „Tod, wo ist dein Sta­chel?“. Das ist ohne Zwei­fel der abso­lu­te Kul­mi­na­ti­ons­punkt an die­sem Sonn­tag­nach­mit­tag: Die unge­bro­che­ne Gewiss­heit, dass der Tod kei­nes­wegs das letz­te Wort haben wird.

(so stand es am 27.11.2007 im oden­wäl­der echo und hat eini­ge reak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen, zu denen ich mich hier im blog noch ein­mal geäu­ßert habe)

gewagt und gewonnen: die rheinische orchesterakademie spielt webern, schubert und strauss

Es ist wie­der ein­mal ein aus­ge­spro­chen anspruchs­vol­les Pro­gramm, dass sich die Rhei­ni­sche Orches­ter­aka­de­mie Mainz (ROAM) für ihre ach­te Arbeits­pha­se vor­ge­nom­men hat­te. Wer ein Kon­zert mit Anton Weberns Pas­sa­ca­glia eröff­net, beweist zumin­dest ein­mal ordent­li­ches Selbst­ver­trau­en. Aber das Wag­nis lohnt sich, wie das Abschluss­kon­zert im Schloss zeig­te. Denn die Mischung aus for­ma­ler Kon­zen­tra­ti­on und Schwel­gen im noch spät­ro­man­ti­schen Klang gelang den jun­gen Musi­kern erstaun­lich gut. Vor allem dank der stren­gen Hand des Diri­gen­ten Manu­el Nawri blieb das Opus 1 Weberns trotz sei­ner kom­ple­xen Struk­tu­ren klar und über­schau­bar: Pure Span­nung und rei­ne Inten­si­tät – ein wirk­lich beein­dru­cken­der und ver­hei­ßungs­vol­ler Auf­takt. Und es ging auf hohem Niveau wei­ter: Mit den „Vier letz­ten Lie­dern“ von Richard Strauss führ­te der Weg ein Stück zurück in die „ech­te“ Spät­ro­man­tik. Die Orcehster­lie­der sind zwar erheb­lich spä­ter als die Pas­sa­ca­glia kom­po­niert wor­den, leben aber noch ganz aus und im Geist der spä­ten Romantik.

Die Solis­tin Bet­sy Hor­ne sang das über wei­te Pas­sa­gen sehr zurück­ge­nom­men und wun­der­bar in den Orches­ter­klang inte­griert. Nie exal­tiert, aber doch immer ange­spannt, klar fokus­siert und so natür­lich, wie solch kunst­vol­le Lie­der über­haupt noch zu sin­gen sind. Fein­sin­nig gestal­tet und sen­si­bi­li­siert für feins­te Nuan­cen: In die­ser fast über­spann­ten ner­vö­sen Emp­find­lich­keit traf sie sich genau mit dem Orches­ter. Das hat­te jetzt sei­ne Klang­dich­te und vor allem die beweg­li­che Geschmei­dig­keit noch ein­mal spür­bar gestei­gert. Alle waren aller­dings auch fest ent­schlos­sen, nicht zu über­trei­ben, der Emp­find­sam­keit nicht voll­ends nach­zu­ge­ben – das macht die­se Lie­der in ihrer sanf­te Form- und Klang­ge­bung zu wun­der­ba­ren Juwe­len des Abschie­des, die in ihren letz­ten Tönen doch noch viel Zukunft verheißen.

Die ROAM ließ die­se Ver­hei­ßung aller­dings erst ein­mal hin­ter sich und mach­te sich noch ein gutes Stück wei­ter in die Ver­gan­gen­heit auf: Zu Schu­berts vier­ter Sin­fo­nie, der „Tra­gi­schen“. Jetzt wech­sel­ten sich fei­ne Ara­bes­ken immer wie­der mit aus­ge­spro­chen mas­si­ve Klän­gen. Manu­el Nar­wi sorg­te für ein ein­fühl­sa­mes Glei­ten durch die Par­ti­tur. Selt­sam nur, dass bei­de Mit­tel­sät­ze so deut­lich abfie­len – da fehl­te schlicht zuviel inne­re Span­nung als Antriebs­fe­der. Die Eck­sät­ze dage­gen lie­fen wie am Schnür­chen: Die­se vita­le Musik spiel­te die ROAM mit hör­ba­rer Freu­de und Enthusiasmus.

Fünf Rei­hen über die gan­ze Brei­te des Haupt­schif­fes benö­ti­gen sie: Die Main­zer Dom­chö­re bie­ten für „Ein deut­sches Requi­em“ von Brahms alles auf. Und den­noch stimmt das Sprich­wort „Mas­se statt Klas­se“ sel­ten so wenig wie an die­sem Nach­mit­tag. Denn der Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft kann bei­des ver­ei­nen: Mas­se mit gro­ßer Klasse.

Der Dom-Akus­tik mag es geschul­det sein, dass er vor allem auf die gro­ßen Bögen setzt, die weit an- und abschwel­len­den Span­nungs­ver­läu­fe. Vor allem in den Anfän­gen spen­det das nur wenig Trost, dafür aber ganz viel Trau­er: Und je tie­fer die Trau­er, des­to gewich­ti­ger ist auch die Erlö­sung im Glau­ben, die die­ses Musik ver­spricht. Eine tie­fe Ernst­haf­tig­keit und vol­le Hin­ga­be prä­gen die­ses deut­sche Requi­em. Sei­ne extre­me Expres­si­vi­tät der über­wäl­ti­gen­den Gefüh­le wird im Dom mit star­ken Kon­tras­ten beson­ders weit aus­ge­lo­tet. Scha­de nur, dass Breit­schaft dem Main­zer Kam­mer­or­ches­ter so wenig Auf­merk­sam­keit wid­met. Oder dass die Instru­men­ta­lis­ten ihn so wenig beach­ten. Jeden­falls ist das deut­sche Requi­em im Dom ganz und gar eine Chor­mu­sik – mit bloß beglei­ten­den­dem Orches­ter. Und mit zwei Solis­ten: Der Bari­ton Bert­hold Pos­se­mey­er gibt alles, setzt jedes Quänt­chen Kraft und Druck sei­ner Stim­me ein. So schafft er im drit­ten Satz eine phä­no­me­nal wuch­ti­ge Beleh­rung: Jeder Buch­sta­be ist hier deut­lich arti­ku­liert und prä­gnant geformt. Und dann ist das Gan­ze auch noch zu einer kla­ren Linie ver­bun­den, schwingt sich ganz har­mo­nisch mit dem Chor zusam­men zu neu­en Höhen auf. Sei­ne Kol­le­gin Katha­ri­na Woll­witz konn­te die­ses Niveau nicht mehr ganz errei­chen. In dem mitt­ler­wei­le emo­tio­nal sehr auf­ge­la­de­nen Kon­text blieb sie doch zu zurück­hal­tend und unschein­bar. Zumin­dest beim Brahms. Die ein­lei­ten­de Bach-Kantate“Ich hat­te viel Beküm­mer­nis“ – für die das Publi­kum aller­dings erst noch auf den Orga­nis­ten war­ten muss­te – lag ihr hör­bar mehr. Auch John Pier­ce, der kurz­fris­tig für den erkran­ten Mar­tin Erhard ein­sprang, brach­te dort sei­ne gewohn­ten Qua­li­tä­ten ins Spiel. Doch auch bei die­sem Auf­takt war der Chor, zwar noch in redu­zier­ter Beset­zung, schon ein­deu­tig die Haupt­sa­che. Die Chor­sät­ze über­zeu­gen beson­ders, weil sich die Sän­ger von Mathi­as Breit­schaft spür­bar mit­rei­ßen las­sen und die Schluss­fu­ge mit einem wahr­haft begeis­ter­ten „Alle­lu­ja“ krönten.

virtuose leichtigkeit ganz klassisch

ein schö­ner, unkom­pli­zier­ter, klas­si­scher kla­vier­abend im frank­fur­ter hof mit alex­ei volo­din aus der rei­he „inter­na­tio­na­le pia­nis­ten in mainz”:

Bach, Beet­ho­ven, Cho­pin und Liszt – viel klas­si­scher kann ein Pia­nist sei­nen Kla­vier­abend kaum gestal­ten. Aber es kommt ja dar­auf an, was man dar­aus macht. Und Alex­ei Volo­din mach­te im Frank­fur­ter Hof eine Men­ge dar­aus. Von Anfang an konn­te er das Publi­kum im voll besetz­ten Saal begeis­tern. Schon Bachs sechs­te Par­ti­ta wur­de bei ihm zu einem span­nen­den Erleb­nis: kno­chen­tro­cken und kon­zen­triert, kom­pakt und immer ganz und gar gelas­sen fegt er durch die Tanz­sät­ze, in jedem Moment locker bis in alle zehn Fingerspitzen.

Über­haupt die Leich­tig­keit! Tech­ni­sche Schwie­rig­kei­ten beein­dru­ckend ihn gar nicht: Leicht und schwe­bend macht er sich auf in die Appas­sio­na­ta, zau­bert iri­sie­ren­des Flim­mern aus dem Flü­gel. Natür­lich kann er auch aus­ge­spro­chen kräf­tig hin­lan­gen – aber das ist ihm nicht die Haupt­sa­che. Im Gegen­satz, es scheint ihm in Beet­ho­vens 23. Kla­vier­so­na­te nur ein not­wen­di­ges Übel zu sein. Viel mehr geht es ihm offen­bar dar­um, die Musik aus den über­la­gern­den Schich­ten des Pathos der letz­ten zwei­hun­dert Jah­re zu befrei­en. Eine phä­no­me­na­le Klar­heit und Deut­lich­keit prä­gen des­halb sei­ne for­mal stren­ge Interpretation.

Im zwei­ten Satz gerät die Gren­ze zur Lako­nie dann durch­aus das eine oder ande­re Mal in Sicht­wei­se – aber er über­schritt sie nie auch nur einen Mil­li­me­ter. Immer wie­der beein­druckt dage­gen die zar­te Innig­keit sei­ner Klang­ge­stal­tung, die ganz ohne roman­ti­sche Ver­klä­rung aus­kommt und den­noch ver­zückt. Selbst den Don­ner­hall des Shclus­ses stampft Volo­din dann ganz radi­kal auf den musi­ka­li­schen Kern ein – nur weni­ge Pia­nis­ten redu­zie­ren das gan­ze Bim­bo­ri­um so weit, um zur wah­ren Musi­ka­li­tät vorzudringen.

Über­haupt die Schlüs­se! Da läuft der jun­ge rus­si­sche Pia­nist immer wie­der zur Hoch­form auf. Auch bei Cho­pins Impromp­tus sind es immer wie­der die letz­ten Tak­te, die beson­ders fas­zi­nie­ren. Zwar gibt Volo­din sei­ner Ver­an­la­gung zum rausch­haf­ten Klang­zau­ber hier erheb­lich wei­ter nach als zu Beginn des Abends – sei­ne stu­pen­de Vir­tuo­si­tät erlaubt es ihm trotz­dem, reiz­vol­le Klang­fol­gen zu schaf­fen. Doch so rich­tig aus­le­ben durf­te er sei­ne phä­no­me­na­le Fin­ger­fer­tig­keit vor allem in den „Rémi­nis­cen­ces de Don Juan“ von Franz Liszt, die sein Auf­tritt in der Rei­he der „Inter­na­tio­na­len Pia­nis­ten in Mainz“ been­de­ten. Das ist zwar unter ande­rem auch eine Hul­di­gung an Mozart, aber vor allem ein rasan­tes Vir­tuo­sen­stück. Und genau so spielt es Volo­din auch: Mit Effekt und Phan­ta­sie tobt er durch die aber­tau­send Noten – und scheint nicht ein­mal beson­ders beein­druckt vom pia­nis­ti­schen Anspruch. Dem Publi­kum impo­niert er damit aber umso mehr.

grandios: ralf otto mit mendelsohn bartholdys „elias“

Unver­rück­bar fest und breit steht er da. Dann fängt Peter Lika an zu sin­gen, zu toben und zu fle­hen, zu don­nern und zu schmei­cheln – ohne sich auch nur einen Deut zu bewe­gen, zieht er als Eli­as sämt­li­che Regis­ter. Und es ist sofort klar: Das wird ein beson­de­rer Abend, hier in der Chris­tus­kir­che. Dass der „Eli­as“ von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy mit dem Bach­chor unter Ralf Otto ein Genuss wer­den wür­de, das war auch zu erwar­ten. Denn dafür hat Otto in den ver­gann­gen Jah­ren zu viel Gespür und Kön­nen bewie­sen, um etwas ande­res auch in der noch recht jun­gen Tra­di­ti­on der Kon­zer­te zum Tag der Deut­schen Ein­heit her­vor­zu­ru­fen. Der Fei­er­tag ist ihm vor allem ein schö­ner Anlass zur Auf­füh­rung gro­ßer Chor­wer­ke – einen beson­de­ren, poli­ti­schen Grund soll­te man ihm bei der Wahl des „Eli­as“ wohl nicht unter­stel­len. Jeden­falls ist es ein Abend der Schön­heit, der über­wäl­ti­gend mit­rei­ßen­den dra­ma­ti­schen Musik.

Die Prä­senz aller Betei­lig­ten vom Anfang an ist beein­dru­ckend. Der Bach­chor ist natür­lich wie­der in vol­ler Schön­heit und Leben­dig­keit zu hören. Denn Ralf Otto spart wahr­lich nicht an groß­ar­ti­gen Kul­mi­na­ti­ons­punk­ten, an dra­ma­ti­scher Wir­kung. Sein Zau­ber­wort ist dabei vor allem die Prä­zi­si­on. Nicht nur cho­risch gilt das als Leit­wort, auch sonst ach­tet Otto auf Genau­ig­keit. So ist auch das bewähr­te Orches­ter L‘arpa fest­an­te wie­der ein Fest für die Ohren, mit ihren his­to­ri­schen Instru­men­ten sor­gen sie für einen war­men, leben­di­gen und vor allem klar und durch­sich­ti­gen Orches­ter­klang. Doch Haupt­at­trak­ti­on bleibt – wie­der ein­mal – der Chor: Mit Beweg­lich­keit und Klang­fle­xi­bi­li­tät weiß er für sich ein­zu­neh­men. Und bei aller Nei­gung zum exak­ten Musi­zie­ren gelingt es Otto trotz­dem, nie kalt und mecha­nisch zu wer­den. Gera­de die klang­li­che Wär­me und das Mit­emp­fin­den prägt sei­ne Inter­pre­ta­ti­on hör­bar: groß ist das, stel­len­wei­se sogar groß­ar­tig. Aber zum Glück nie pathe­tisch oder pom­pös über­zo­gen, trotz aller emo­tio­na­ler und musi­ka­li­scher Wucht, die Otto dem „Eli­as“ mit­gibt. Denn er sorgt eben nicht nur für schö­ne Stel­len, son­dern der selbst­ver­ständ­li­che wir­ken­de Fluss, mit dem sich eines aus dem ande­ren wie von selbst ergibt, macht das Beson­de­re aus. Im zwei­ten Teil kann Otto zwar auch nicht zau­bern, aber trotz­dem wei­ter­hin vie­les gut machen. Hier spie­len sei­ne Solis­ten, ins­be­son­de­re der Sopran Ruth Zie­sak und die Altis­tin Ger­hild Rom­ber­ger, ihre vol­le Stär­ke aus. Ein Regen­gott ist Otto damit zwar noch nicht – aber man möch­te es fast ver­mu­ten, wenn man hört, wie plas­tisch und mit­rei­ßend er mit dem Bach­chor die Was­ser­strö­me auf das ver­trock­ne­te Isra­el strö­men lässt.

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