Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: kritik Seite 9 von 15

großes mysterium im chorklang

Dass Mor­ten Laur­di­sen ein Ame­ri­ka­ner ist, muss man nicht wis­sen, um es zu hören. Sei­ne Chor­mu­sik zeich­net sich näm­lich durch typisch ame­ri­ka­ni­sche Tugen­den aus: Leicht ver­ständ­lich, sinn­lich über­zeu­gend, tech­nisch aus­ge­feilt – frei­lich ohne irgend­wel­che avant­gar­dis­ti­schen Ansprü­che. Der Cham­ber Choir of Euro­pe ver­sam­melt auf „O Magnum Mys­te­ri­um“ die gera­de in den USA sehr belieb­ten Cho­ral­zy­klen des dänisch-stäm­mi­gen Kom­po­nis­ten. Die schwel­len­den Klangchön­hei­ten der fas­zi­nie­rend schlich­ten und zar­ten Sinn­lich­keit kann der Cham­ber Choir of Euro­pe auch aus­ge­zeich­net umset­zen. Dass bei den sich ganz orga­nisch ent­fal­ten­den Har­mo­nien und des­halb beson­ders inten­si­ven Ril­ke-Ver­to­nung „Les Chan­sons des Roses“ die Text­ver­ständ­lich­keit nicht opti­mal ist, kann man des­halb schnell ver­ges­sen. Auch das „Lux Aeter­na“, hier in der Ver­si­on für Orgel und Chor auf­ge­nom­men, ver­brei­tet eine mehr als andäch­ti­ge Stim­mung: Ihr Mix aus alten und uralten Kom­po­si­ti­ons­tech­ni­ken und moder­ne­ren Har­mo­nien ermög­licht eine außer­or­dent­li­che Viel­falt inner­halb der kon­stant mys­ti­schen Andacht. Das ist in der Tat sim­pel – aber auf gute und über­zeu­gen­de Wei­se. Am deut­lichs­ten mani­fes­tiert sich Lau­rid­sens Talent zu wei­he­vol­ler Stim­mungs­mu­sik aber in „O Magnum Mys­te­ri­um“ – das ist ein ein­zi­ges Schwel­gen im Unge­fäh­ren, gefasst in den schlicht-kon­kre­ten Melo­die­li­ni­en, die so pri­mi­tiv schei­nen und doch nicht nur einen siche­ren Chor, son­dern auch einen über­le­gen gestal­ten­den Diri­gen­ten for­dern. Und der Cham­ber Choir of Euro­pe unter Nicol Matt, der durch sei­ne kla­ren, glat­ten Klang­for­men ohne Wider­ha­ken Lau­rid­sens Wer­ken zu ihrem Klang­recht ver­hilft, hat des­halb gro­ßen Anteil an der über­wäl­ti­gen­den Wir­kung die­ser CD

Mor­ten Lau­rid­sen: O magnum Mys­te­ri­um. Cham­ber Choir of Euro­pe, Nicol Matt. Häns­s­ler Clas­sic 98.272.

erschie­nen in der neu­en chor­zeit, sep­tem­ber 2007.

alex­an­der ghin­din quält sein instru­ment – und begeis­tert sein publikum:

Der Anspruch könn­te kaum höher sein, an die­sem Abend in Schloss Waldt­hau­sen. Alex­an­der Ghin­din hat sich für den Main­zer Musik­som­mer ein fast wahn­wit­zi­ges Pro­gramm auf­ge­bür­det: Extre­me Vir­tuo­si­tät, gepaart mit größ­ten Anfor­de­run­gen ans Musi­ka­li­tät und Gestal­tungs­kraft, die­se Mischung prägt das Pro­gramm des rus­si­schen Pia­nis­ten. Und er ist dem Anspruch gewapp­net. Ghin­din ist ein klas­si­scher Vir­tuo­se – ein Typ, der wohl nie aus­stirbt. Mit dem typi­schen thea­tra­li­schen Geha­be, dem wil­den Gri­mas­sie­ren und hef­ti­gem Gezap­pel auf der Kla­vier­bank. Aber auch mit den ent­spre­chen­den Tugen­den: Mit stu­pen­der Tech­nik und unbe­ding­ter Beherr­schung der pia­nis­ti­schen Anfor­de­run­gen wird selbst­ver­ständ­lich alles aus­wen­dig dar­ge­bo­ten. Aber er ist auch ein Musi­ker. Alex­an­der Skria­b­ins ers­te Kla­vier­so­na­te, mit der er sein Reci­tal eröff­ne­te, macht das unüber­hör­bar deut­lich. Aus­ge­spro­chen hörens­wert ist es, wie gelun­gen er sei­ne Inter­pre­ta­ti­on der Sona­te struk­tu­riert, wie er die for­ma­len Ver­läu­fe deut­lich und über­sicht­lich zum Klin­gen bringt und den­noch in kei­nem Augen­blick die Phan­ta­sie unnö­tig ein­schränkt. Den intro­ver­tier­ten Klän­ge des fina­len Trau­er­marschs ver­leiht er eine gehö­ri­ge Por­ti­on Span­nung. Von die­sem ver­zau­bern­den Ner­ven­kit­zel stürzt Ghin­din sich dann ganz hart und unver­mit­telt in die „Trois mou­ve­ments de Pétrouch­ka“ von Igor Stra­win­ski: Ein ein­zig­ar­ti­ges, froh­ge­mu­tes Getüm­mel. Die Nach­ah­mung des Orches­ters ist dem Kom­po­nis­ten in die­ser Kla­vier­fas­sung so gut geglückt, dass es kaum ein Pia­nist spie­len kann und mag. Ghin­din schreckt die Her­aus­for­de­rung nicht, im Gegen­teil: Gera­de die beson­de­re tech­ni­sche Schwie­rig­keit feu­ert ihn zu außer­ge­wöhn­li­cher Bril­lanz an, setzt ihn spür­bar unter Strom. Das don­nert und braust, klirrt und häm­mert, dröhnt und rauscht der­ma­ßen ent­hemmt , dass man fast um Gna­de für den Flü­gel bit­ten möch­te. Doch der ist noch lan­ge nicht erlöst, genau­so wenig wie sein Bew­zin­ger. Denn der wah­re Prüf­stein erst steht am Ende des Pro­gramms: Franz Liszts h‑Moll-Sona­te. Und hier stößt Ghin­din dann im Schloss Waldt­hau­sen doch noch an sei­ne Gren­zen – was ihn immer­hin wie­der etwas mensch­li­cher macht. Denn sei­ne Dar­bie­tung die­ser ein­ma­li­gen Sona­te ist zwar tech­nisch bril­lant. Aller­dings fin­det er nicht immer das rech­te Maß, das ist mehr berauscht als berau­schend. Immer wie­der leuch­ten herr­li­che Abschnit­te auf, aber immer wie­der ver­sumpft Ghin­din auch zu sehr im Unge­fäh­ren, um das zu einer wirk­lich kon­szi­sen Dar­stel­lung zu ver­bin­den. Noch ein paar Jah­re mehr Erfah­rung, und das könn­te etwas Gro­ßes wer­den. Die Tech­nik dafür steht ihm jeden­falls zur Verfügung.

musik für einen heiligen – ferraros „ad maiorem dei gloriam“

Der 450. Geburts­tag des Hei­li­gen Igna­ti­us von Loyo­la, dem Begrün­der des Jesui­ten­or­den, ging im ver­gan­ge­nen Jahr recht unspek­ta­ku­lär über die Büh­ne. Immer­hin aber gibt es eine ech­te Fest­kom­po­si­ti­on für die­sen Anlass: „Ad Maio­rem Dei Glo­ri­am“ heißt sie und stammt aus der Feder von Matthew Fer­ra­ro. Doch sie ist auch nach dem Jubi­lä­um recht uni­ver­sal ein­setz­bar, denn dafür hat der Ame­ri­ka­ner Matthew Fer­ra­ro zunächst aus Schrif­ten Loyo­las und der Bibel einen kur­zen Text zusam­men­ge­stellt, einen spi­ri­tua­lis­ti­schen Lob­preis des all­ge­gen­wär­ti­gen Got­tes als Ret­ter und Erlö­ser. Und dann hat er das für gemisch­ten Chor und Kla­vier oder Orgel, wahl­wei­se auch mit Beglei­tung eines Streich­quar­tetts, ver­tont. Knap­pe fünf Minu­ten sind es gewor­den: Eine har­mo­nisch und melo­disch aus­ge­spro­chen schlich­te, fast belang­lo­se Minia­tur. Der durch­weg homo­pho­ne Satz in unschein­ba­rer Gestalt zeigt Fer­ra­ro als Schöp­fer eher gerin­ger Ori­gi­na­li­tät. Doch als Film­mu­sik­kom­po­nist weiß er um die Wirk­sam­keit ein­fachs­ter klang­li­cher Ges­ten und nutzt das weid­lich aus. Er ver­traut dabei vor allem auf die Über­zeu­gungs­kraft der Wie­der­ho­lung und des For­tis­si­mo. Des­halb ver­langt das „Ad Maio­rem Dei Glo­ri­am“ auch nach einem gro­ßem und klang­star­ken Chor in einem ent­spre­chen­den Raum – allei­ne wegen des Fina­les, des erlö­sen­den und bestä­ti­gen­den Rufes „Jesu Homi­num Sal­va­tor“, der ohne kräf­ti­ge Chor­mas­sen sonst ganz und gar wir­kungs­los verpufft.

Matthew Fer­ra­ro: Ad Maio­rem Dei Glo­ri­am. Lon­don: Boo­sey & Haw­kes 2006. Chor­par­ti­tur. 6 Seiten.

erschie­nen in der zeit­schrift des deut­schen chor­ver­ban­des, der „neu­en chor­zeit”, aus­ga­be juli/​august 2007.

wenn männer den boogie haben

„Die Zei­ten der Machos sind vor­bei“, schreibt der Kom­po­nist im Vor­wort, „doch im Män­ner­chor­lied dür­fen sie immer mal wie­der nost­al­gisch auf­blü­hen.“ Dabei hat Uli Füh­re aber etwas wesent­li­ches ver­ges­sen. Denn in sei­ner klei­nen Samm­lung „Der Män­ner-Boo­gie-Blues“ bestimmt nicht (nur) die Nost­al­gie das Klang­ge­sche­hen. Viel stär­ker tre­ten hier eigent­lich Iro­nie und Komik in den Vor­der­grund. Denn all­zu ernst neh­men darf und soll man die acht klei­nen Sät­ze auf Tex­te von Jörg Ehni, Joa­chim Rin­gel­natz und Kurt Tuchol­sky nicht. Zwar geht es immer um ein aus­ge­spro­chen erns­tes The­ma: Män­ner und ihr Ver­hal­ten. Aber der stu­dier­te Schul- und Popu­lar­mu­si­ker Uli Füh­re ist ja in ers­ter Linie für sei­ne amü­sant-unter­hal­ten­de Chor­mu­sik bekannt. Und genau dazu gehö­ren auch der „Män­ner-Boo­gie-Blues“ und der „Ver­füh­rer-Tan­go“, das „War­zen­schwein“ genau­so wie „Mei­ne Mus­ca Dome­sti­ca“. Beson­ders schön: Das „Chan­son“ zur Völ­ker­ver­stän­di­gung à la Tuchol­sky mit aus­ge­spro­chen deli­ka­ter laut­ma­le­ri­scher Beglei­tung. Aber auch die ande­ren, durch­weg prä­gnant und gewitzt aus­ge­ar­bei­te­ten vier­stim­mi­gen a‑cap­pel­la-Sät­ze mit ihren ange­nehm sang­ba­ren Melo­dien und der abwechs­lungs­rei­chen, ryht­misch und sti­lis­tisch sehr viel­fäl­ti­gen Gestal­tung sind pri­ma Mate­ri­al zur Auf­hei­te­rung eines jeden Kon­zert­re­per­toires. Zumal es vom sel­ben Kom­po­nis­ten auch noch das Gegen­pro­gramm gibt: „Der Mond ist eine Frau“ heißt die Ant­wort der hol­den Weib­lich­keit auf die­se klin­gen­de Beschwö­rung der unver­wüst­li­chen Männlichkeit.

Uli Füh­re: Der Män­ner-Boo­gie-Blues. Für Män­ner­chor TTBB a‑cappella. Stutt­gart: Carus 2006 (Carus 9.611). 36 Seiten.

erschie­nen in der zeit­schrift des deut­schen chor­ver­ban­des, der „neu­en chor­zeit”, aus­ga­be juli/​august 2007.

ein psalm für chor und kontrabass

Die etwas unge­wöhn­li­che Beset­zung – nicht nur der sie­ben­stim­mi­ge Chor, son­dern beson­ders der „leicht ver­stärk­te“, aus­schließ­lich gezupf­te Kon­tra­bass – ver­rät die Her­kunft und Erfah­rung des Kom­po­nis­ten: Gavin Bryars begann sei­ne musi­ka­li­sche Lauf­bahn als Jazz­bas­sist. Aber der für die Ver­to­nung des Psalm 126 gefor­der­te Bass ist noch mehr, er ist zugleich auch ein wesent­li­ches Ele­ment der nöti­gen Auf­lo­cke­rung an ent­schei­den­den Stel­len. Denn Bryars schreibt hier sonst einen sehr streng kon­stru­ier­ten Chor­satz, der in aus­ge­spro­chen eng ver­zahn­ten Stim­men mit Vor­lie­be für die jeweils tie­fe­re Lagen mit klas­si­schen kon­tra­punk­ti­schen Tech­ni­ken auf­war­tet. Beson­ders die viel­fäl­ti­gen Imi­ta­tio­nen bestim­men die Struk­tur des knapp fünf­mi­nü­ti­gen Stückes.
Der sie­ben­stimm­ti­ge Chor (allein der Sopran ist nicht geteilt) schafft in dunk­len Far­ben und Klä­gen eine fast medi­ta­ti­ve Stim­mung. Auf jeden Fall ist das moti­visch sehr schlicht auf­ge­baut. Zusam­men mit den durch­weg mäßi­gen Tem­pi und den vor­wie­gend gerin­gen Laut­stär­ken (gesun­gen wird fast nur im pia­no) ent­steht so eine fast rau­nen­de, geheim­nis­vol­le Aura – so ver­tont Bryars die latei­ni­schen Wort des 126. Psalm, die von der Ver­geb­lich­keit aller Bemü­hun­gen ohne Got­tes Wort und der Eitel­keit alles Schaf­fens ohne des­sen Unter­stüt­zung sprechen.
Der Schott-Ver­lag hat die eigent­lich schon sehr über­sicht­li­che Par­ti­tur noch mit einem zusätz­li­chen Kla­vier­aus­zug für die Ein­stu­die­rung her­aus­ge­ge­ben. Die­se Hil­fe­stel­lung ist gera­de für man­che unge­wohn­te­re Akkord­ver­bin­dung sicher nicht ver­kehrt – obwohl Bryars Ton­spra­che im Gan­zen doch sehr mode­rat modern und auch ohne das durch­aus leicht ver­ständ­lich ist.

Gavin Bryars: Psalm 126 (127) für gemisch­ten Chor und leicht ver­stärk­ten Kon­tra­bass. Mainz: Schott 2004 (ED 12879, Spiel­par­ti­tur). 16 Seiten.

erschie­nen in der zeit­schrift des deut­schen chor­ver­ban­des, der „neu­en chor­zeit”, aus­ga­be juli/​august 2007.

anna netrebko: opernstar der neuen generation oder publikumshure?

Es ist schon ein wenig erstaun­lich: Da über­nimmt eine nur weni­gen Insi­dern wirk­lich bekann­te Sän­ge­rin eine Rol­le bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len – und kurz dar­auf ist die gan­ze Welt ver­rückt nach Anna Netreb­ko. Dafür gibt es meh­re­re Grün­de, ihre stimm­li­chen Fähig­kei­ten und ihre Gesangs­küns­te sind nur ein Teil davon. Unbe­dingt dazu gehö­ren auch ihre Attrak­ti­vi­tät, ihre Aus­strah­lung auf der Opern­büh­ne und natür­lich eine ganz gehö­ri­ge Por­ti­on Mar­ke­ting. Aber viel mehr scheint hin­ter dem Coup dann doch nicht zu stecken.
Das ist zumin­dest das Ergeb­nis aus Mari­an­ne Reis­sin­gers „Por­trät“ und Gre­gor Dolaks Über­le­gun­gen, den ers­ten bei­den umfang­rei­che­ren, als Buch erschie­nen Ver­su­chen über Per­son und Erfolg der Netreb­ko. Viel­leicht lässt sich auch noch fest­hal­ten, dass es sich bei der Star­so­pra­nis­tin um einen mehr oder min­der ego­ma­nisch ver­an­lag­ten Cha­rak­ter han­delt, der nach Auf­merk­sam­keit und Publi­kum giert – so direkt mag das aber kei­nen der bei­den sagen.
Dolak, Musik­re­dak­teur beim „Focus“, macht die rus­si­sche Sopra­nis­tin dafür gleich auch noch zum Pro­to­ty­pen eines „Opern­stars der neu­en Gene­ra­ti­on“. Aber das bleibt eine Behaup­tung, die von ihm nir­gends unter­mau­ert wird. Im Unter­schied zu der etwas zurück­hal­ten­de­ren Mari­an­ne Reis­sin­ger, auch als Musik­re­dak­teu­rin („Abend­zei­tung“) erprobt, wagt Dalok sich näher an die Per­son her­an und zitiert aus­führ­lich aus län­ge­ren Gesprä­chen. Reis­sin­ger dage­gen führt mit Vor­lie­be lan­ge, zuwei­len sehr lan­ge Pas­sa­gen aus rus­si­schen und deut­schen Kri­ti­ken an. Damit ist der Focus-Redak­teur viel zurück­hal­ten­der. Auf andem Gebiet legt er dafür mäch­tig vor: Als ech­ter Maga­zin-Jour­na­list fei­ert er ein wah­res Fest der Adjek­ti­ve und der aus­ge­wählt blu­mi­gen Spra­che – die Sopra­nis­tin wird da schon mal zur „sin­gen­den Köni­gin der Klatsch­spal­ten“. Nicht nur sprach­lich, auch inhalt­lich ist Reis­sin­gers Ver­such jedoch immer wie­der eine Spur exak­ter: Sie schaut genau­er auf die Fak­ten und ver­bleibt nicht so stark wie Dolak in der Per­spek­ti­ve des begeis­ter­ten Fans.
Doch bei­de bemü­hen sich, die Fra­gi­li­tät die­ses spe­zi­el­len Star­tums zu zei­gen, den Spa­gat zwi­schen ambi­tio­nier­ter Gesangs­kunst und Pop-Ver­mark­tung. Bei­de schwä­cheln dann lei­der auch auf einem eigent­lich zen­tra­lem Gebiet: Der Kri­tik oder wenigs­tens der Ana­ly­se der sän­ge­ri­schen Fähig­kei­ten und Inter­pre­ta­tio­nen der Netreb­ko. Über gröbs­te Schlag­wor­te oder Zita­te wol­len und kön­nen sie offen­bar nicht hin­aus kom­men. Und noch eines ist ihnen gemein­sam: Wirk­lich erklä­ren kön­nen sie weder Anna Netreb­ko noch ihren Erfolg.

Gre­gor Dolak: Anna Netreb­ko. Opern­star der neu­en Gene­ra­ti­on. Mün­chen: Hey­ne 2005. 255 Seiten.
Mari­an­ne Reis­sin­ger: Anna Netreb­ko. Ein Por­trät. Rein­bek bei Ham­burg: Rowohlt 2005. 205 Seiten.

erschie­nen in der zeit­schrift des deut­schen chor­ver­ban­des, der „neu­en chor­zeit”, aus­ga­be juli/​august 2007.

györgy kurtágs chorwerke

Das hört sich gewal­tig an: Die kom­plet­ten Chor­wer­ke von Györ­gy Kur­tág hat das SWR Vokal­ensem­ble Stutt­gart unter der Lei­tung von Mar­cus Creed auf­ge­nom­men. Aber es ist kaum mehr als hal­be CD dafür nötig. Denn es sind „nur“ drei Zyklen, die Kur­tág fast alle schon Anfang der Acht­zi­ger kom­po­nier­te. Gewal­tig ist die­se CD aber den­noch – in mehr­fa­cher Hin­sicht. Denn Kur­tágs Chor­wer­ke sind fast nie zu hören: Im Kon­zert trau­en sich nur weni­ge Ensem­bles das zu und Auf­nah­men gab es bis­her über­haupt nicht. Und außer­dem ist die­se Musik, das lässt sich nicht anders sagen, unbe­dingt übewältigend.
Kur­tág, seit jeher bekannt für sei­ne hoch­ver­dich­te­ten Minia­tu­ren, betreibt mit der Chor­mu­sik eine For­schung im Inne­ren der Töne. Mit her­kömm­li­chen Vor­stel­lun­gen von Chor­klang hat das wenig zu tun – wie Hans-Peter Jahn im Book­let schreibt, sind die­se Zyklen „voka­le Kam­mer­mu­si­ken, Instru­men­tal­mu­sik für Sän­ger“. Und ihre Geheim­nis­se wah­ren die­se Ver­to­nun­gen lan­ge. Dabei ver­zau­bern sie schon beim ers­ten Anhö­ren, las­sen aber in ihrer extre­men Viel­schich­tig­keit, ihrer extre­men Zusam­men­bal­lung und Kon­zen­tra­ti­on doch bei jedem wie­der­hol­ten Hören immer neue Ent­de­ckun­gen und Erkennt­nis­se zu. Das SWR Vokal­ensem­ble singt das trotz der immensen Anfor­de­run­gen mit höchs­ter Präz­si­on: sowohl vokal­tech­nisch als auch emo­tio­nal lässt die­se CD kei­nen Wunsch unbe­frie­digt. Die unheim­li­che Ruhe der auf­ge­fä­cher­ten Klän­ge und genau­so der sel­te­ne Über­schwung der des­halb nur um so hef­ti­ge­ren dra­ma­ti­schen Aus­brü­che – vor allem in den „Lie­dern der Schwer­mut und Trau­er“ op. 18, mit sorg­fäl­ti­ger, zurück­hal­ten­der Unter­stüt­zung der Instru­men­ta­lis­ten des Ensem­ble Modern – ist hier ein­fach unge­heu­er bewe­gen­de Musik, die direkt unter die Haut geht.

Györ­gy Kur­tág: Com­ple­te Cho­ral Works (Omma­gio a Lui­gi Nono, Eight Cho­ru­ses to Poems by Dez­sö Tand­ori, Songs of Des­pair and Sor­row). SWR Vokal­ensem­ble Stutt­gart, Ensem­ble Modern, Lei­tung: Mar­cus Creed. Häns­s­ler Clas­sic 93.174.

erschie­nen in der zeit­schrift des deut­schen chor­ver­ban­des, der „neu­en chor­zeit”, aus­ga­be juli/​august 2007.

Nun ist es also wie­der so weit: Der Main­zer Musik­som­mer ist eröff­net. Wie immer geschah das im Dom mit einem gan­zen Bün­del fest­li­cher Musik. Die­ses Jahr hat­te sich der Dom­or­ga­nist Albert Schön­ber­ger dafür die Unter­stüt­zung des jun­gen Trom­pe­ters Tho­mas Ham­mes gesi­chert. Auch sonst war das ein Musik­som­mer-Beginn wie immer: Am Anfang des von SWR und der Stadt aus­ge­rich­te­ten Main­zer Somm­fes­ti­vals der klas­si­schen Musik stand wie­der ein klas­si­sches Albert-Schön­ber­ger-Kon­zert. Und das ver­heißt eine minu­ti­ös geplan­te Dra­ma­tur­gie, ein wei­tes Spek­trum viel­fäl­ti­ger Musik und nicht zuletzt musi­ka­li­sche Könnerschaft.
Das bedeu­tet unter ande­rem, dass er von der ers­ten bis zur letz­ten Minu­te voll dabei ist und in jedem Moment mit höchs­ter Kon­zen­tra­ti­on und Prä­zi­si­on die gro­ße Dom­or­gel bedient. Schon die eröff­nen­den Aus­schnit­te aus der „Suite Gothi­que“ von Léon Boëllmann machen das klar. Denn Schön­ber­ger ver­sagt sich hier – und nicht nur hier, son­dern den gan­zen Abend über – jede spek­ta­ku­lä­re Ges­te. So kann er sogar sol­che Schmacht­fet­zen par excel­lence wie das pseu­do-baro­cke „Celeb­re Ada­gio“, das immer noch ger­ne Toma­so Albi­no­ni unter­ge­ju­belt wird, doch noch und wie­der zu ech­ter Musik machen. Tho­mas Ham­mes hilft ihm mit sei­nem zar­ten, anschmieg­sa­men Ton und der voll­kom­me­nen Anpas­sungs­be­reit­schaft an die Orgel und ihren Meis­ter aber auch auf wun­der­ba­re, über­zeu­gen­de Weise. 
Und so nimmt der Main­zer Musik­som­mer immer mehr an Fahrt auf und streift nach aus­gie­bi­gen Streif­zü­gen im Barock mit dem Lar­go aus Dvo­raks Neun­ter Sin­fo­nie in einer Orgel­be­ar­bei­tung auch die Neue Welt. Sicher, manch­mal erscheint das fast zu vor­sich­tig und rück­sichts­voll, manch­mal ver­lie­ren sich die bei­den mit zuviel Lust am Detail schein­bar im klein­tei­li­gen Pro­gramm. Aber das macht nichts. Denn zusam­men ergibt das doch unbe­dingt einen atmo­sphä­risch sehr dich­ten Abend. Und die wah­ren Höhe­punk­te hat­ten sie sich natür­lich für den Schluss auf­ge­ho­ben. Zwar spiel­ten sie von Petr Ebens „Die Fens­ter“ lei­der nur den zwei­ten Satz, das „Grü­ne Fens­ter“. Und doch reich­te das, um zu fas­zi­nie­ren. Hier war die Span­nung am höchs­ten, hier erklang Musik, die nicht so leicht zu durch­schau­en ist. Schön­ber­ger konn­te zusam­men mit Ham­mes aber auch ganz aus­ge­zeich­net die fei­nen Fäden und die geheim­nis­vol­le Aura die­ser tönen­den Far­big­keit zie­hen, ohne sich dar­in zu ver­hed­dern. Doch es wäre kein Schön­ber­ger-Kon­zert gewe­sen, wenn nicht min­dest eine Impro­vi­sa­ti­on dabei wäre: Die war die­ses Mal recht knapp gehal­ten, ver­ein­te in der fina­len „Ver­söh­nung“ mit reich­hal­ti­gen Anklän­gen an das gan­ze Pro­gramm Tho­mas Ham­mes und Albert Schön­ber­ger in aus­ge­gli­che­ner Über­ein­stim­mung – ein unbe­dingt har­mo­ni­scher Aus­klang des Auftaktes. 

so habe ich es für die main­zer rhein-zei­tung geschrie­ben. aber eigent­lich stimmt das nicht ganz. denn mein wesent­li­ches pro­blem mit der musi­zier­wei­se schön­ber­gers ist mir in die­sem kon­zert wie­der (es war ja nicht das ers­te mal, das mir klar wur­de, das hier irgend etwas schief läuft) sehr klar gewor­den: er ver­ge­wal­tigt jede musik. und zwar vor­nehm­lich der­art, dass er sie nicht ernst nimmt. so, wie er sie aus­wählt, pro­gram­miert und auch spielt, negiert er fast mit jeder note die auto­no­mie, die eigen­ge­setz­lich­keit die­ser kunst­wer­ke. und das ist – in mei­nen augen – ein ziem­lich hef­ti­ges ver­bre­chen gegen­über den wer­ken, der musik und der kunst über­haupt. schön­ber­ger tut dies natür­lich nicht aus lau­ter mut­wil­len, son­dern auf­grund sei­ner auf­fas­sung der musik – als irgend­wie spi­ri­tu­el­le hil­fe zum ver­ste­hen des wesens got­tes (oder so ähn­lich, ich bin mir nie sicher, ob ich das typisch katho­lisch-spi­ri­tua­lis­ti­sche gere­de um das geheim­nis­vol­le wesen got­tes, das sich im den dom­kon­zer­ten irgend­wie (womit eigent­lich?) erspü­ren las­sen soll, rich­tig ver­ste­he. aber das ist auch nciht so wich­tig: ent­schei­dend ist (für mich), dass ich den sehr star­ken ein­druck habe, dass schön­ber­ger die auto­no­mie der von ihm gespiel­ten kom­po­si­tio­nen negiert (aus eben die­sem grund negie­ren muss!) – und das ist wohl der grund, war­um ich mich bei die­ser musik, trotz all ihrer kunst­fer­tig­keit, nie wohl­füh­le: weil das mei­nen ästhe­ti­schen über­zeu­gun­gen eben fun­da­men­tal widerspricht.

garbarek und sein „sound out of silence“

Eigent­lich ist ja schon vor­her alles klar. Denn was soll schon Über­ra­schen­des pas­sie­ren, wenn Jan Gar­ba­rek mit sei­ner Grup­pe nach Mainz kommt. Immer­hin ist er die­ses Jahr schon zum drit­ten Mal beim Zelt­fes­ti­val. Aber ganz so ein­fach ist es dann doch nicht. Viel­leicht liegt es ja dar­an, dass die Män­ner inzwi­schen schon ordent­lich gereift sind. Viel­leicht hat aber auch Yuri Dani­el damit zu tun. Der ersetz­te den kran­ken Bas­sis­ten Eber­hard Weber – und er bringt Neu­es in das Spiel. Lan­ge­wei­le hat also kei­ne Chan­ce im Volks­park. Dabei waren es doch immer noch die glei­chen Zuta­ten, nur in einer ande­ren Zube­rei­tung. Vor allem gel­ten die alten Erfah­run­gen immer noch: Nor­di­sche Mys­tik haucht dies Musik aus. 
Ver­spon­nen und lan­ge Zeit bloß träu­mend zeigt sie eine ganz kla­re, rei­ne Schön­heit ohne Fremd­kör­per – ein pures Zau­ber­land aus Musik ist das , das trotz sei­ner Uni­ver­sa­li­tät doch immer irgend­wie klingt, wie nor­di­sche Land­schaf­ten aus­se­hen: Karg aber reiz­voll und rei­zend, unwirt­lich aber schön.
Der Saxo­pho­nist Jan Gar­ba­rek ist dabei der Zere­mo­nien­meis­ter, er behält die Fäden in der Hand. Wie ein kan­ti­ger, aske­ti­scher Guru steht er streng kon­zen­triert auf der Büh­ne. Ab und an lässt er sei­ne Mit­strei­ter von der Lei­ne des stren­gen Arran­ge­ments: Dann darf jeder von ihnen zei­gen, dass er auch ein vir­tuo­ser Pia­nist (Rai­ner Brü­ning­haus), ein fan­ta­sie­vol­ler Bas­sist, der ger­ne mit sich selbst um die Wet­te spielt (Yuri Dani­el) oder ein aber­wit­zig auf sei­ne Trom­meln ein­prü­geln­der Schlag­zeu­ger wie Manu Kat­ché ist. Sonst zei­gen die Vier vor allem, wie öko­no­misch sie mit ihrem Mate­ri­al umge­hen: Sie kön­nen Vier­tel­stun­den über drei Akkord­wech­sel und vier klei­ne Töne spie­len – ohne sich zu wiederholen. 
Denn immer wie­der ent­puppt sich Gar­ba­rek außer­dem als ein Meis­ter des Über­gangs. Nicht zufäl­lig hat das Kon­zert auch kei­ne Pau­se: Alles ist genaus­tes arran­giert und über­legt – und tut sei­ne Wir­kung. Denn das ist das wich­tigs­te die­ser Musik: Ihr magi­scher Effekt. Der hängt im Main­zer Zelt wesent­lich zusam­men mit der Mischung aus alten Klas­si­kern und neu­em Mate­ri­al – per­fekt ein­an­der ange­nä­hert. Denn die alten Hits haben sich beim jah­re­lan­gen Spie­len merk­lich ver­än­dert, aber über­haupt nicht abge­nutzt. Sie sind kla­rer und deut­li­cher in ihrer Form gewor­den, dafür ein gan­zes Stück kan­ti­ger und rau­her im Klang. Die abso­lu­te Rein­heit frü­he­rer Jah­re ist inzwi­schen einer authen­ti­sche­ren Form der Schön­heit gewichen.
Kein Wun­der, dass da das Publi­kum auch ganz gebannt und andäch­tig ver­zückt lauscht – und bei den weni­gen Gele­gen­hei­ten, die die Gar­ba­rek-Group ihm lässt, in Begeis­te­rung aus­bricht. Aber selbst der hart­nä­ckigs­te Applaus konn­te dem Quar­tett dann gera­de ein­mal eine ein­sa­me Zuga­be entlocken. 
so hab’ ich das für die rhein-zei­tung geschrie­ben. aber nach etwas nach­den­ken kamen doch noch eini­ge ein­wän­de, ideen: 
  • rai­ner brü­ning­haus ist eigent­lich der ein­zi­ge, der das idyll der hei­te­ren welt auf­bricht – wenigs­tens kurz­zei­tig. frei­lich macht er das auch immer nur so weit, dass er den boden nie unter den füßen und den siche­ren hafen der kon­ven­tio­nen nie aus dem blick verliert
  • das gefähr­li­che an dem kon­zept des mythi­schen gesei­res, der schein­bar unpro­ble­ma­ti­schen, unge­bro­che­nen, ja unbrech­ba­ren schön­heit der melo­dien und for­ma­len abläu­fe ist selbst­ver­ständ­lich die rei­ne aura der hei­len welt – ohne irgen­de eine bre­chung, da ist soviel aus gefühls­re­per­toire und den­ken der moder­ne und post­mo­der­ne inklu­si­ve der gan­zen welt des pop inte­griert, dass es scheint, als wäre das die ant­wort: der schein der beherr­schung, der mög­lich­keit des behar­rens auf dem ide­al der welt­frem­den kunst – aber ist doch eine gefähr­li­che ideo­lo­gie, weil das im all­tag, in der rea­li­tät gera­de nicht aus­reicht und des­halb zu frust füh­ren muss – aus dem man denn zu sol­cher musik, zu sol­chem kunst­hand­werk flieht – das gibt dann einen schö­nen zir­kel, einen ver­stär­ken­den kreis­lauf: der schein von frei­heit, wo kei­ne mehr ist z.b.
  • das ist schein­bar harm­los, weil sie nix sagt (die wort­lo­sig­keit ist natür­lich kein zufall!) – aber sie ist auf per­fi­de, unter­schwel­li­ge art durch­aus beredt. sie will nur nicht ver­stan­den oder ent­schlüs­selt wer­den: sie tut so, als hät­te sie eine lösung, eine ver­söh­nungs­mög­lich­keit, die fähig­keit zur inte­gra­ti­on von traum und rea­li­tät – aber die rea­li­tät bleibt ein ewi­ger fremd­köprer, es bleibt also immer ein traum, ein gefähr­li­cher traum. auch die abschot­tung im künst­lich dunk­len zelt mit­ten im hel­len som­mer ist natür­lich ein teil dessen
Da hat er sich wie­der etwas aus­ge­dacht, der Michel­städ­ter Kir­chen­mu­si­ker Hans-Joa­chim Dum­ei­er: „Eine gro­ße Nacht­mu­sik“. Und groß ist die Musik in vie­ler­lei Hin­sicht. Auch wenn er sich die (fast) kür­zes­te Nacht des Jah­res für sein neu­es­tes Expe­ri­ment aus­ge­sucht hat. Ein Ver­such ist es, die gan­ze Nacht hin­durch zu musi­zie­ren und dabei „den Ver­lauf der Nacht auch musi­ka­lisch zu erle­ben“, wie Dum­ei­er sei­ne Idee erläu­tert. Doch die Michel­städ­ter sind das nächt­li­che Zuhö­ren inzwi­schen offen­bar gewöhnt – die Stadt­kir­che war jeden­falls gut gefüllt. 
Zunächst muss­te aber der Tag ver­ab­schie­det wer­den – noch war es drau­ßen ja auch recht hell, die Däm­me­rung hat­te ja gera­de erst ein­ge­setzt. Hans-Joa­chim Dum­ei­er und Wolf­gang Kör­ber taten das zusam­men, an der Orgel, mit Andre­as Will­schers „Ster­ben­der Tag in Mäh­ren“. Die­ser Tag in Mäh­ren ist aber recht hart­nä­ckig, er stirbt nur zöger­lich und mit einem kräf­ti­gen Auf­bäu­men. Mit die­ser kur­zen, mini­ma­lis­tisch beein­fluss­ten Musik war das Publi­kum dann bes­tens ein­ge­stimmt auf das, was da noch alles kom­men sollte. 
Stück für Stück ging es in der fol­gen­den Stun­de dann tie­fer ins Dun­kel der Nacht. Noch war unter dem Mot­to „Nach­klän­ge des Tages“ aller­dings eini­ges zu ver­ar­bei­ten an Erleb­nis­sen und Gedan­ken. Flo­ri­an und Elke Vogel­sang taten das etwa mit der viel­schich­ti­gen „Arpeg­gio­ne-Sona­te“ von Franz Schu­bert. Bevor nun aber an Nacht­ru­he zu den­ken war, lie­ßen Katha­ri­na Ger­big und Dani­el Heck mit ihren Block­flö­ten-Duos erst noch die Sze­ne­rie einer abend­li­chen Gesell­schaft auf­schei­nen. Und ihre vor­züg­lich musi­zier­te Aus­wahl vom Barock bis zur Jetzt­zeit stell­te neben­bei auch die Fami­lie der Block­flö­ten vor. 
Doch damit war das Tag­werk vor­erst zu Ende, nun zog der musi­ka­li­sche Mond­schein in die Kir­che ein – optisch ver­tre­ten durch die Ker­zen­be­leuch­tung. Die Klas­si­ker dazu spiel­te Sung­ma Schäff­ter: Den Anfang von Beet­ho­vens Mond­schein­so­na­te und natür­lich ein gefühl­vol­les, zum Glück aber jeden Anflug von Sen­ti­men­ta­li­tät ver­mei­den­des „Clai­re de Lune“ von Clau­de Debussy. 
Kurz vor Mit­ter­nacht wurd es dann wie­der span­nen­der und ner­ven­auf­rei­ben­der: Das lag zunächst Mar­tin Engel, der vor allem mit Cho­pins ers­tem Scher­zo eine hoch­dra­ma­ti­sche, wild-rasen­de Fahrt in dunk­le und kom­plex ver­win­kel­te Traum­wel­ten anbot. Zu Beginn der Geis­ter­stun­de zeig­ten Wolf­gan Kör­ber und Ernst Rup­pert mit Camil­le Saint-Saens „Dan­se macab­re“ die finstren, mori­bun­den Gestal­ten, die nun aus ihren Löchern krie­chen. Wäh­rend anstän­di­ge Bür­ger sol­che Schau­er­ge­schich­ten tief­schla­fend igno­rie­ren, sind unter­des­sen noch ganz ande­re Figu­ren unter­wegs: Denn um die­se Zeit der Nacht kommt so man­cher erst rich­tig in Fahrt. Die Jazz-Fans zum Bei­spiel. Die por­trä­tier­te Chris­toph Schöps­dau vor allem mit sei­ner Ver­si­on des Theo­lo­ni­us-Monk-Sta­nards „‘round mid­night“. Aber auch die Mit­te der Nacht blieb in der Stadt­kir­che nicht den Amü­sier­wil­li­gen über­las­sen: Peter Mar­tin stell­te mit Geor­ge Crumbs „Around mid­night“, das Mon­ks Klas­si­ker in viel­fäl­ti­ger Wei­se ver­ab­ei­tet und var­riert, avant­gar­di­sti­che Hoch­kul­tur ans Ende die­ser Stunde.
Danach frei­lich musst die E‑Musik doch das Feld räu­men. Die Big-Band der Musik­schu­le Oden­wald gab unter der Lei­tung von Jakob März eine Men­ge Klas­si­ker des Swing zum Bes­ten. Aber auch die Tanz­wü­tigs­ten müs­sen irgend­wann ein­mal schla­fen und träu­men. Und nach einem schlaf­wand­le­ri­schen Aus­flug in frem­de, vor­wie­gend süd­län­di­sche Län­der, grau­te dann auch schon der Mor­gen – und die ers­ten Vögel fan­gen an zu lär­men und sin­gen. Dafür muss­te natür­lich Oli­vi­er Mes­siaen her­hal­ten, bevor mit der sanf­ten „Mor­gen­stim­mung“ des Edvard Grieg die Nacht ganz fried­lich und behut­sam aus­klang. Und wer sich das alles ange­hört hat, der hat mit Sicher­heit mehr als genug Musik für die gan­ze Woche getankt – und er darf dann auch mal den Tag verschlafen. 

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