Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: kritik Seite 7 von 15

„musica sacra“ von johann caspar ferdinand fischer

Johann Cas­par Fer­di­nand Fischer ist heu­te wohl – wenn über­haupt – vor allem mit sei­ner „Ari­ad­ne musi­ca“, einer Samm­lung von Orgel­stü­cken durch alle Ton­ar­ten, bekannt. Auch wenn sei­ne Bio­gra­phie (noch) weit­ge­hend im Dun­keln liegt, eines ist doch sicher: Er war ein weit­aus umfas­sen­de­rer und kom­plet­te­rer Kom­po­nist mit einem umfang­rei­chen Oeu­vre quer durch alle Spar­ten und Gat­tun­gen als die ver­kür­zen­de Rezep­ti­on ver­mu­ten lässt. Als Hof­ka­pell­meis­ter der Ras­tat­ter Hof­ka­pel­le über lan­ge Jah­re zu Anfang des 18. Jahr­hun­derts muss­te er das auch sein. Aber vor allem sei­ne geist­li­che Musik ließ er auch schon zu Leb­zei­ten immer wie­der gedruckt ver­öf­fent­li­chen. Eine ganz klei­ne Aus­wahl, soviel wie eben auf eine CD passt, aus ver­schie­de­nen Quel­len und Anläs­sen hat die heu­ti­ge Ras­tat­ter Hof­ka­pel­le (die natür­lich nichts mehr mit dem ehe­ma­li­gen Fürs­ten­or­ches­ter zu tun hat) unter Jür­gen Ochs gemein­sam mit dem SWR und dem Carus-Ver­lag, der sich gera­de um Fischers Wer­ke in eini­gen Neu­aus­ga­ben küm­mert, pro­du­ziert. Durch­weg sehr geschmack­voll ist das gewor­den, unprä­ten­ti­ös gesun­gen und musi­ziert – nur so kann sich der schlich­te Reiz von Fischers Kom­po­si­tio­nen auch wirk­lich ent­fal­ten. Die klei­ne (aber fei­ne) Beset­zung – der voka­le Part wird von einem Dop­pel­quar­tett über­nom­men, die Instru­men­te sind durch­weg nur solis­tisch besetzt – trägt wesent­lich zur Klar­heit die­ser Auf­nah­men bei. Nur die Instru­men­te erhiel­ten von der Auf­nah­me­tech­nik lei­der nicht die nöti­ge Aufmerksamkeit.

Die „Mis­sa Sanc­ti Domi­ni­ci“ beweist beson­de­re Güte mit ihren knap­pen, aber sehr cha­rak­te­ris­ti­schen Ein­zel­sät­zen, die die Musi­ker um Jür­gen Ochs mit hör­ba­rem Ver­gnü­gen und Enga­ge­ment leben­dig wer­den lassen.

Johann Cas­par Fer­di­nand Fischer: Musi­ca sacra. Ras­tat­ter Hof­ka­pel­le. Lei­tung: Jür­gen Ochs. Carus 2007. 83.172.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, März 2008)

joseph marx: berghymne

Joseph Marx ist vor allem als Lie­der­kom­po­nist bekannt – sei­ne Chor­wer­ke sind weit­ge­hend Ver­ges­sen. Auch die Berg­hym­ne blieb lan­ge Zeit in der Öster­rei­chi­schen Natio­nal­bi­blio­thek ver­steckt. Kom­po­niert wahr­schein­lich zwi­schen 1910 und 1914, galt sie bis­her als unvoll­ende­tes Werk. Das Manu­skript zeigt aber, dass Marx die Berg­hym­ne bis zum Par­ti­cell fer­tistell­te – nur die Orches­trie­rung blieb aus. Die­sen letz­ten Schritt haben nun Ste­fan Esser und Ber­kant Hay­din, Marx-Spe­zia­list, nach­ge­holt und die Pari­tur bei der Uni­ver­sal Edi­ti­on ver­öf­fent­licht. Das ist eine in ihrer hym­ni­schen Enfal­tung abso­lu­te Fei­er der Frei­heit der Berg­welt auf einen Text von Alfred Frit­sch: „O Freun­de, stei­get nicht zu Tal, schöft aus der Höh‘“, heißt es, und: „hier oben ewig frei­er Klang“. Das gan­ze wird in einer fas­zi­nie­ren­den Mischung aus unge­zü­gelt lei­den­schaft­lich spät­ro­man­ti­schem Impres­sio­nis­mus und sowohl cho­ri­scher als auch orches­tra­ler Empha­se zele­briert. Zwar dau­ert der Hym­nus gera­de ein­mal drei Minu­ten, aber er enfal­tet den­noch unge­heu­re, erhe­ben­de Wir­kung. Das liegt natür­lich am kon­se­quen­ten Uni­so­no des gesam­ten gemisch­ten Cho­res eben­so wie an dem unauf­hör­lich in die Selig­keit ver­hei­ßen­de Höhe stre­ben­dem gro­ßen sym­pho­ni­schen Orches­ter, das in heu­te schier unglaub­li­chem Pathos die Erhe­bung des Sub­jekts in der majes­tä­ti­schen Berg­welt fei­ert: „Die Brust schwellt in die Wei­te, in Son­nen­flug befreit von altem Leide.“

Joseph Marx: Berg­hym­ne für gemisch­ten Chor und Orches­ter, arran­giert von Ste­fan Esser und Ber­kant Hay­din. Stu­di­en­par­ti­tur. Wien: Uni­ver­sal Edi­ti­on 2006. UE 33 303. 11 Sei­ten. 15,50 Euro.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit, april 2008)

Schwar­ze, graue und wei­ße Recht­ecke schwe­ben über die Lein­wand, schie­ben sich in- und über­ein­an­der, tan­zen auf und nie­der. Hef­tig drän­gend pul­siert zu dem abs­trak­ten Film von Hans Rich­ter die anre­gen­de Musik von Bernd The­wes. „Gehör­gang ins Auge“ nennt sich das Expe­ri­ment des Ensem­bles Ascol­ta, das der SWR im Rah­men sei­ner Rei­he „Avan­ce“ im Frank­fur­ter Hof ver­an­stal­tet. Und es erfor­dert eine Men­ge Auf­wand. Denn die brand­ak­tu­el­le Musik steht hier nicht allein: Die Spe­zia­lis­ten für Neue Musik sind mit einem Film­mu­sik-Pro­gramm ange­reist. Und natür­lich zei­gen sie auch die pas­sen­den Fil­me. Die haben alle schon eini­ge Jah­re auf dem Buckel und sind auch alle schön kurz. Expe­ri­men­tel­le abs­trak­te Stu­di­en und fil­mi­sche Ver­su­che aus den zwan­zi­ger Jah­ren sind die Bild­lie­fe­ran­ten. Dazu haben in den letz­ten Jah­ren eine Hand­voll Kom­po­nis­ten neue Musik geschrie­ben. Und das ist fas­zi­nie­rend: Wie unter­schied­lich man solch eine Auf­ga­be ange­hen kann. Bei man­chen, etwa Olga Neu­wirths „Dia­go­nal-Sym­pho­nie“ zu einem Film von Viking Egge­ling, könn­te man ger­ne auf die Lein­wand ver­zich­ten – die lenkt fast zu sehr ab. Das ist über­haupt ein biss­chen ein Pro­blem: Die durch­weg anspruchs­vol­le Musik lei­det ein wenig unter der geteil­ten Auf­merk­sam­keit. Aber span­nend sind eben die ver­schie­de­nen Ansät­ze, „Film­mu­sik“ heu­te zu schrei­ben. Beson­ders deut­lich konn­te man das beim „Vor­mit­tags­spuk“ von Hans Rich­ter sehen. Der wur­de näm­lich gleich zwei Mal ver­tont. Cor­ne­li­us Schwehr schrieb eine hei­ter-pul­sie­ren­de Komö­die, die den Witz des Fil­mes wun­der­bar unter­stützt. Mar­tin Smol­ka dage­gen lässt das Ensem­ble Ascol­ta gespens­ti­ge Klän­ge pro­du­zie­ren: Mit fah­len, hoh­len Gitar­ren­ak­kor­den, Glis­san­di und Vogel­zwit­schern betont er das Spuk­haf­te, das Unheim­li­che des Films. Und der bekommt dadurch nicht nur eine ande­re Bedeu­tung, son­dern auch einen voll­kom­men neu­en Rhyht­mus – so plas­tisch bemerkt man den Ein­fluss der Musik auf den Film selten.

Eine inter­es­san­te Kom­bi­na­ti­on bot auch die Kopp­lung von René Clairs „Ent­r’ac­te“ mit der „Musi­que d’a­meublem­ent“ von Erik Satie, die der Ensem­ble-Posau­nist Andrew Dig­by ein­rich­te­te. Zwar waren das zwei Wer­ke, die eigent­lich über­haupt kei­ne Auf­merk­sam­keit haben woll­ten, die nur im Neben­bei rezi­piert wer­den soll­ten. Aber trotz­dem sind sie in ihrer Kom­bi­na­ti­on jetzt so amü­sant und unter­halt­sam, dass sie alle Augen und Ohren fes­sel­ten. Übri­gens auch ein Ver­dienst des gewitz­ten Arran­geurs, der auch die Zuga­be, den „Unga­ri­schen Tanz Nr. 5“ von Brahms als Beglei­tung zur „Stu­die Nr. 7“ von Oskar Fischin­ger instru­men­tier­te: Ein irr­sin­ni­ger Tru­bel, ein rasan­tes Furio­so von Lini­en und Ebe­nen auf der Lein­wand genau­so wie im Ensem­ble – ein gran­dio­ses Fina­le für das Multimediaspektakel.

puccini: messa di gloria

Auch die heh­re Kunst ist bekannt­lich nicht vor dem pro­sa­ischen Phä­no­men der Finanz­not gefeit. So fris­ten vie­le gro­ßen Wer­ke ihr Dasein in den Schub­la­den des Archivs, weil sich kaum jemand den nöti­gen Auf­wand ihrer Auf­füh­rung leis­ten kann und mag. Gera­de gro­ße Chor­wer­ke mit volu­mi­nö­sem Orches­ter haben das Pro­blem: Vie­le Chö­re haben schlicht nicht (mehr) die benö­tig­te Beset­zungs­stär­ke und kön­nen sich gro­ße Sin­fo­nie­or­ches­ter für ein Kon­zert auch nicht mehr leis­ten. So ver­sin­ken Wer­ke wie Puc­ci­nis Mes­sa di Glo­ria wie­der im Tief­schlaf. Und das ist beson­ders scha­de, wenn sie wie die­se groß­ar­ti­ge, wir­kungs­mäch­ti­ge Mes­se gera­de erst dar­aus auf­ge­taucht sind. Das moch­te der Ber­li­ner Kir­chen­mu­si­ker Ingo Schulz nicht mit anse­hen. Des­halb und aus ganz eigen­nüt­zi­gen Moti­ven hat er sich Puc­ci­nis Jugend­werk ange­nom­men – mit eige­nem Chor wäre eine Auf­füh­rung sonst nicht zu machen gewe­sen – und eine Fas­sung für Chor, Soli und Kam­mer­or­ches­ter erstellt. Die stellt er sei­nen Kol­le­gen im Lan­de kos­ten­frei zur Verfügung.

Und sie ist durch­aus geschickt arran­giert. Natür­lich erreicht das mit gera­de ein­mal 18 Musi­kern beset­ze Kam­mer­or­ches­ter nicht das Ori­gi­nal, nicht des­sen Wucht und Ein­druck. Aber es ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass die „Mis­sa di Gloira“ auch der­art redu­ziert noch schön ist: Ein Klein­od, das hier fast mehr sei­ner Schät­ze offen­bart als in der geläu­fi­gen, bom­bas­ti­schen Ver­si­on. Und das, was man­gels Mas­se ver­lo­ren ging, lässt sich inter­pre­ta­to­risch durch­aus aus­glei­chen – so dass die­se Fas­sung eine gelun­gen Reper­toire­be­rei­che­rung für ein­ge­schränk­te­re Ver­hält­nis­se ist.

Gicao­mo Puc­ci­ni: Mes­sa di Glo­ria. Fas­sung für Chor, Soli und Kam­mer­or­ches­ter von Ingo Schulz.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit, april 2008)

schiffe, pirate und ganz viel meer

Es ging noch ein­mal wild zu im Gro­ßen Haus. Beim letz­ten Kon­zert für jun­ge Leu­te in die­ser Spiel­zeit ließ das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter sei­nem Publi­kum kaum Zeit zum Luft­schnap­pen: Immer war alles in Bewe­gung, immer ging es drun­ter und drü­ber – so ist es eben auf der hohen See. Denn vom Meer und sei­ne Bewoh­ner unter und auf dem Was­ser han­del­te die Musik.

Mate­ri­al dafür gibt die Musik­ge­schich­te mehr als genug her. Cathe­ri­ne Rück­wardt hat sich vor allem bei den Film­kom­po­nis­ten umge­se­hen. Das ist wun­der­bar spek­ta­ku­lär und zugleich immer so unmit­tel­bar ein­gän­gig, dass sie über­haupt nicht viel erklä­ren muss. Statt­des­sen liess sie ein­fach ihr Orches­ter spie­len. Und das ging mit spür­ba­rer Lust am unkom­pli­zier­ten Schwel­gen im per­ma­nen­ten Klang­rausch voll zur Sache. Von Beginn an fetz­ten sie rich­tig los. Erich Wolf­gang Korn­golds Ouver­tü­re zu „Cap­tain Blood“ gab dem gan­zen Orches­ter viel Arbeit: Die Trom­pe­ten schmet­ter­ten, die Posau­en dröhn­ten und selbst die Schlag­wer­ker hat­ten alle Hän­de voll zu tun. Und so ging es fast aus­nahm­los wei­ter. Ruhe­punk­te boten höchs­tens Anton Rubin­steins Ada­gio aus sei­ner zwei­ten Sin­fo­nie und die zwei Aus­schnit­te aus Clau­de Debus­sys „La Mer“. Die zeig­ten aber auch, dass die sub­ti­len Fein­hei­ten die­ser Klang­bil­der hier nicht so recht am Platz waren und die Musi­ker es die­ses Mal lie­ber hand­fest hat­ten. Dafür gab es ja auch genü­gend ande­re Gele­gen­hei­ten. Mit der bro­deln­den See und der flir­ren­den Span­nung bei der Begeg­nung mit dem wei­ßen Hai aus John Wil­liams’ Film­mu­sik etwa. Cathe­ri­ne Rück­wardt ließ sich von dem gefähr­li­chen Räu­ber übri­gens genau­so wenig ein­schüch­tern wie von den immer wie­der auf­kreu­zen­den Pira­ten: Mit locke­rer Hand führ­te sie ihr Orches­ter sicher und kon­trol­liert. Selbst durch die auf­ge­wühl­tes­ten, wild auf­bäu­men­den Wogen, wie sie etwa Gran­ville Bantocks „Hebride­an Sea Poem“ stür­misch und schrill zeich­net, kommt sie immer wie­der in geord­ne­te musi­ka­li­sche Bah­nen. Bei so viel Lust am puren Klang und soviel Hin­ga­be stör­te auch kaum, dass die Musik sich vor­wie­gend in Kli­schees beweg­te: Die Gei­gen seuf­zen schmach­tend, die Har­fe klim­pert mal ein Arpeg­gio dazwi­schen, die Blä­ser gibt es fast nur in der Blech­va­ri­an­te, die dafür aber auch ordent­lich dröh­nen darf. Das Spek­ta­kel gip­felt dann auch sehr fol­ge­rich­tig in der Musik aus dem „Fluch der Kari­bik“ – kein Fluch, viel­mehr ein Segen an pochen­der, mit­rei­ßen­der Musik.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

Frank­reich hat viel zu bie­ten – auch musi­ka­lisch. Wirk­lich bekannt und gut ver­tre­ten in den deut­schen Kon­zert­sä­len ist davon aber nur sehr wenig. Allein schon des­halb ist die Frank­reich-Rei­se des Phil­har­mo­ni­schen Orches­ters unter Cathe­ri­ne Rück­wardt sehr zu begrüßen

Ohne sich aus den beque­men Thea­ter­ses­seln erhe­ben zu müs­sen, darf man das Orches­ter beim 6. Sin­fo­nie­kon­zert auf eine kur­ze tour d’ho­ri­zon beglei­ten. Die Rei­se­lei­te­rin Cathe­ri­ne Rück­wardt hat­te die Schäf­chen ihrer Rei­se­grup­pe dabei per­ma­nent fest unter Kon­trol­le. Und sie bot eine über­aus sach­kun­di­ge Füh­rung durch die frem­den musi­ka­li­schen Land­schaf­ten und Sehenswürdigkeiten.

Die ers­te Sta­ti­on war die Orches­ter­be­ar­bei­tung des Priè­res op. 20 von César Franck. Mit viel Ruhe und vol­ler Innig­keit strahl­ten die sat­ten Strei­ch­er­klän­ge und bezau­ber­ten die solis­ti­schen Ein­la­gen der Holzbläser.

Für die zwei­te Attrak­ti­on zog die Rei­se­lei­tung noch die Hil­fe eines exter­nen Exper­ten hin­zu: Der jun­ge Vio­li­nist Barn­abás Kele­men sorg­te für den rich­ti­gen Blick­win­kel auf Hen­ri Dutil­leux Noc­turne „Sur le même accord“. Die­ses obses­si­ves Krei­sen um einen Akkord hat vie­le lan­ge und getrag­ne, melan­cho­lisch-ver­han­gen umher­schwei­fen­de Pas­sa­gen. Aber auch so eini­ge Brü­che und raue Kan­ten fin­den sich hier – ein sehr viel­sei­ti­ges Gebil­de, ein inne­res Pan­op­ti­kum. Im Staats­thea­ter gab es sich fili­gran zise­liert, oft fast ver­schnör­kelt. Kele­men sorg­te mit druck­vol­lem Strich und exakt dosier­tem Ein­satz dafür, dass es nicht zu ver­spielt wur­de. Sei­ne Ernst­haf­tig­keit und Gerad­li­nig­keit führ­te immer wie­der zu ver­blüf­fen­den Klangeffekten.

Viel Zeit zum Stau­nen blieb aller­dings auch hier nicht, denn schon ging es wei­ter zur nächs­ten Sehens­wür­dig­keit. Noch blieb der Gei­ger zur Unter­stüt­zung des Orches­ters bei der drit­ten Sta­ti­on. Hier waren die Rol­len jetzt kla­rer ver­teilt, in Camil­le Saint-Saens „Intro­duc­tion et Ron­do capric­cio­so“: Kele­men führ­te die­ses Mal mit Über­schwang und wil­den Engan­ge­ment – selbst Rück­wardt schau­te gebannt immer wie­der hin­über, was der Solist denn da so trieb. Und bei­de berausch­ten sich am for­schen Spiel­witz und vita­len Klang­sinn des Konzertstücks.

Danach konn­te die Diri­gen­tin wie­der allei­ne die Füh­rung über­neh­men. Und wie sie das tat: Francks Sin­fo­nie d‑Moll setz­te noch ein­mal ganz neue Akzen­te. Wie eine gru­se­li­ge Schau­er­mu­sik, düs­ter und mäch­tig, führt das Orches­ter die­se Sin­fo­nie mit beein­dru­cken­der Geschmei­dig­keit und ele­gant aus­ge­form­ten, strei­chelz­ar­ten Samt­klän­gen aus wei­ter Fer­ne ins Main­zer Thea­ter. Und so ging der span­nen­de Aus­flug ins Nach­bar­land schon wie­der zu Ende – scha­de, dass es nur eine kur­ze Stipp­vi­si­te war.

am sonn­tag war ich sozu­sa­gen dazu ver­don­nert, fast drei­ein­halb stun­den auf den unbe­que­men bän­ken des main­zer domes zu sit­zen. dafür gab es aber groß­ar­ti­ge musik zu hören:

Eigent­lich war schon nach weni­gen Tak­ten alles klar. Aber es blieb trotz­dem span­nend bis zur letz­ten Note. Denn der dicht ver­schlun­ge­ne Ein­gangs­chor der Mat­thä­us­pas­si­on von Bach ist in jeder Auf­füh­rung ein ers­ter Prüf­stein. Im Main­zer Dom war sofort zu hören, dass hier erfah­re­ne Musi­ker am Werk sind, die ihre Auf­ga­be sehr ernst neh­men. Denn was dem Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft gelang, war bezeich­nend: Auf der einen Sei­te form­te er einen kla­ren, bis ins Detail genau über­schau­ba­ren Ver­lauf. Ande­rer­seits aber barst die gan­ze Pas­si­ons­ver­to­nung von der ers­ten Note an schier vor unge­heu­rer Expres­si­vi­tät. Genau die­sen Spa­gat ver­langt Bachs Mat­thä­us­pas­si­on vom Diri­gen­ten immer wie­der: Einer­seits ist da die­ses monu­men­ta­le Rie­sen­werk, die­se über­gro­ße und über­mensch­li­che Kom­po­si­ti­on und die aus­ufern­den Kom­men­ta­re dazu, wie das rich­tig und in Bachs Sin­ne auf­zu­füh­ren sei. Ande­rer­seits ist da aber eine Par­ti­tur, die vol­le Empha­se und gan­zen Ein­satz ver­langt. Und genau dar­an hält sich Breit­schaft. Er bemüht sich nicht um eine aka­de­misch oder his­to­ri­sche kor­rek­te Auf­füh­rung. Er will ver­kün­den, er will erzäh­len und über­zeu­gen. Den rhe­to­ri­schen Cha­rak­ter der Bach­schen Musik macht er zu sei­nem Maß­stab. Und dabei gelin­gen ihm drei Stun­den groß­ar­ti­ge Musik – von Anfang bis zum Ende fas­zi­niert die­se Auf­füh­rung mit der Fül­le ihrer Raf­fi­nes­se im Detail. Das ist vor allem ein Ver­dienst der Dom­kan­to­rei. Wie die Sän­ger mit ihrem wei­chen, schmieg­sa­men Klang, der auf­fäl­lig wand­lungs­fä­hig ist und vor allem, das ist das ent­schei­den­de über­haupt, immer aus der Tie­fe des Her­zens zu kom­men scheint, immer wie­der ver­füh­ren – das ist ein­fach groß­ar­tig. An einem ein­zel­nen Wort hängt oft ein gan­zer Cho­ral, eine Sil­be gibt allem Bedeu­tung – und alles stimmt per­fekt bis die aller­feins­te Nuan­ce, es ist jetzt gar nicht mehr anders vor­stell­bar. Vor so einem impo­san­ten Hin­ter­grund haben es die Solis­ten etwas schwer. Sie machen ihre Sache aber trotz­dem gut. Wäh­rend der Chris­tus von Hans-Georg Dech­an­ge sou­ve­rän begann, dann aber recht bald sehr deut­lich ermat­te­te, benö­tig­te Tho­mas Dewald eine Wei­le, um zur Hoch­form auf­zu­lau­fen. Dann aber gab er einen sehr empa­thi­schen Evan­ge­lis­ten, der sich per­fekt ins Kon­zept ein­pass­te. Neben den soli­den Leis­tun­gen von Clau­dia von Til­zer und Ali­son Brow­ner war es vor allem noch der Bass Patrick Pobe­schin, der durch die fein­sin­ni­ge Aus­ge­stal­tung auf­fiel. Und dann war da natür­lich noch der sin­gen­de Diri­gent: In Gedan­ken tut Breit­schaft dies ja immer – hier durf­te er es aber auch ein­mal als „Zwei­ter Hohe­pries­ter“ wirk­lich tönen.

genial: mozart und ligeti und schubert befruchten sich gegenseitig

Die­ses Kon­zert ist kein Spaß, son­dern schwe­re Arbeit. Nicht nur für Paul Lewis, den jun­gen bri­ti­schen Pia­nis­ten, den der SWR für die Rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ nach Mainz geholt hat. Auch die Zuhö­rer im Frank­fur­ter Hof kön­nen sich nicht locker zurück­leh­nen. Denn Lewis ver­wei­gert sich jeder Ent­span­nung, jeder bil­li­gen Affir­ma­ti­on und gut­gläu­bi­gen Gefühls­du­se­lei. Er treibt fast alles bis zum Äußers­ten. Sein Pro­gramm dafür ist eine genia­le Kom­bi­na­ti­on von Mozart, Schu­bert und Györ­gy Ligeti.

Er beginnt schon Mozarts Fan­ta­sie c‑Moll KV 475 als eine der radi­kals­ten Moder­ni­sie­run­gen, die man sich vor­stel­len kann: Mozart klingt plötz­lich wie ein Avant­gar­dist. Die Noten sind noch die ori­gi­na­len, aber vom Mozart­schen Geist ist nichts mehr zu spü­ren. Das ist aber kein Ver­lust, denn an sei­ne Stel­le tritt etwas neu­es, bezau­bern­des: Sprö­de, kah­le und sehr frem­de, immer gehö­rig distan­zier­te Klän­ge bricht Lewis aus Mozarts Fan­ta­sie her­aus, im Zau­ber der tota­len klang­li­chen Reduk­ti­on baut sich immer wie­der kör­per­lich greif­ba­re, bru­tal erschei­nen­de Span­nung auf. So ver­lo­ren, so rest­los depri­mie­rend trau­rig und ziel­los hört man Mozart sel­ten. Und der Bri­te führ­te das dann auch noch naht­los wei­ter – mit Lige­tis „Musi­ca Ricer­ca­ta“. Die elf Stü­cke waren ihm erneut ein Pan­op­ti­kum der extre­men Sprö­dig­keit. Die Span­nung, mit der Lewis die kar­gen Kon­struk­tio­nen Lige­tis auf­lädt, lässt die raf­fi­nier­ten Stü­cke gera­de­zu implo­die­ren. Sein drän­gen­der Wil­le macht jede Note gewich­tig wie eine Enzy­klo­pä­die, jedes der elf Stü­cke zu einer Biblio­thek der sinn­li­chen und ratio­nel­len Erfah­rung: Mit eben­mä­ßi­ger, kon­zen­trier­ter Klar­heit wird jede Note zu einem Gral, jede Phra­se zu einem Heiligtum.

Das ist extrem, ja fast tota­lis­tisch, wie Lewis hier eine inter­pre­ta­to­ri­sche Idee zum abso­lu­ten Prin­zip erklärt. Aber es ist – weil er eben ein aus­ge­zeich­ne­ter Pia­nist ist – in jedem Moment trag­fä­hig. Sein Mozart spielt, lässt sich leicht – und auch mit guten Grün­den – ablehnen.Wenn man sich aber dar­auf ein­lässt, erkennt man hier­in den ein­zi­gen Grund, Mozart heu­te über­haupt noch zu spie­len: Weil die­se Musik immer noch zeit­ge­mäß sein kann. Gera­de in ihrer Nüch­tern­heit, die Lewis fast bis zur Lako­nie treibt, ver­bin­det sich Mozart – auch im Ron­do a‑Moll, das er bruch­los an die „Musi­ca ricer­ca­ta“ anfüg­te – per­fekt mit den Lige­ti­schen Schöpfungen.

Im zwei­ten Teil des Kon­zer­tes wid­me­te Lewis sich dann Schu­berts Sona­te G‑Dur op. 78. Mit genaiu die­ser Ernst­haf­tig­keit, die­ser unbe­ding­ten Hin­ga­be. Und wie er auch hier die Zer­ris­sen­heit die­ser Musik ent­wi­ckelt, die Kämp­fe und das Schwan­ken zwi­schen Grö­ße und Erbärm­lich­keit deut­lich macht in bru­ta­ler Scho­nungs­lo­sig­keit, das nimmt gefan­gen. Wie­der fehlt jede poe­ti­sche Ver­klä­rung. An ihre Stel­le tritt ein­mal mehr der Zau­ber der klar prä­pa­rier­ten Struk­tur – und damit ist Paul Lewis mit Sicher­heit einer der ehr­lichs­ten Pia­nis­ten unse­rer Zeit.

schwierig: viel gutes und viel schlechtes beim „messias“

ein schwie­ri­ges unter­fan­gen: das semes­ter­ab­schluss­kon­zert. viel gutes war dabei, aber auch viel mist und ver­werf­li­che ideen… das ist dabei herausgekommen:

Das ers­te gesun­ge­ne Wort ist Pro­gramm: „Trös­tet“ beginnt der „Mes­si­as“ von Hän­del. Denn Trost und Freu­de über die Ankunft des Erlö­sers sind es, die das Ora­to­ri­um bestim­men. Sel­ten wird das so deut­lich wie beim Semes­ter­ab­schluss­kon­zert von Chor und Orches­ter des Col­le­gi­um musi­cum in der Phö­nix­hal­le. Denn hier kommt die­se Initi­al­zün­dung aus dem Mund von Dani­el Sans – nicht nur aus dem Mund, aus tiefs­ter See­le scheint sich die Gewiss­heit Bahn zu bre­chen. Ganz zart und weich setzt der Main­zer Tenor damit ein, ent­wi­ckelt das eine, immer wie­der wie­der­hol­te Wort dann mit genau dosier­ter, nie über­trie­be­ner Über­zeu­gung mit sanf­ter Nach­drück­lich­keit bis zur fes­ten Gewiss­heit und Bestä­ti­gung: Der Trost ist gerecht­fer­tigt, der Mes­si­as erschienen.

Auch sonst ist es ein Abend der Details. Die waren schon immer die beson­de­re Spe­zia­li­tät von Jos­hard Daus. Die­ses Mal über­treibt er es damit aller­dings ein wenig. Denn die gera­de­zu mikro­sko­pi­sche Genau­ig­keit ermög­licht zwar Klang­stu­di­en von beson­de­rer Güte, führ­te aber ande­rer­seits zum Ver­lust von Klar­heit und Struk­tur. Akzen­te gab es etwa fast gar nicht. Auch Hän­del­sche Idee las­sen sich kaum noch fin­den – die­ser Mes­si­as ist viel mehr Mozart als Hän­del. Denn Daus hat sich für die Mozart’sche Bear­bei­tung des Ora­to­ri­ums ent­schie­den. Die hat unter ande­rem den Vor­teil, dass man auf deutsch sin­gen darf. Und das geschieht hier aus­ge­zeich­net. Sowohl die Solis­ten als auch der Chor sind ganz beson­ders gut ver­ständ­lich. Und gera­de der Chor ist das Zen­trum die­ser Auf­füh­rung. Unent­wegt strahlt er Besinn­lich­keit und Andacht aus. Über­haupt spielt die Rein­heit des Klan­ges eine ganz gro­ße Rol­le für Daus. So vor­sich­tig nähert er sich dem Werk, als wäre die Musik selbst schon etwas Hei­li­ges. Ande­rer­seits scheint der Diri­gent bedacht zu sein, immer eine gewis­se Min­dest­di­stanz zum Werk und sei­ner Über­zeu­gung der Erlö­sung zu wah­ren. Das wird vor allem dann deut­lich, wenn einer der Solis­ten – etwa der impul­si­ve Bass Ulf Bäst­lein – die­sen Abstand überwindet.

Und so groß­ar­ti­ge Klangstill­le­ben Jos­hard Daus dabei auch gelin­gen, vol­ler feins­te Schat­tie­run­gen und unglaub­lichs­ter Nuan­cen, umso stär­ker fal­len die Nach­läs­sig­kei­ten an ande­ren Stel­len auf. Etwa die grau­sam unter­be­lich­te­ten Holz­blä­ser. Aber auch das struk­tu­rel­le Pro­blem sei­nes Ansat­zes liegt immer wie­der deut­lich zu Tage: Sei­ne Klang­bil­der sind eben Still­le­ben im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes – ohne Bewe­gung und Ent­wick­lung füh­ren sie nir­gends hin, son­dern blei­ben rei­ne Moment­auf­nah­men. Das Ora­to­ri­um wird des­halb zu einer lan­gen Rei­he von – an sich wun­der­schö­nen – Stand­bil­dern, die den eigent­lich beab­sich­tig­ten Film aber nicht erset­zen können.

Drei Kom­po­nis­ten, drei Wer­ke, ein Kla­vier­abend: Das Pro­gramm ist schnell gele­sen. Aber die Wir­kung ist nach­hal­tig. Denn Evge­nia Rubi­no­va ver­steht ihr Hand­werk. Und das, obwohl die in Frank­furt leben­de Rus­sin ihre Aus­bil­dung eigent­lich noch gar nicht been­det hat. Doch davon war im Frank­fur­ter Hof nichts zu spü­ren. Der SWR hat die jun­ge Pia­nis­tin im Rah­men der Rei­hen „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ nach Mainz geholt.

Drei Wer­ke also – viel wei­ter lässt sich das sowie­so schon puris­ti­sche Kla­vier­re­ci­tal kaum noch redu­zie­ren. Mit Cho­pin, Rach­ma­nin­off und Skria­bin stan­den zwar bekann­te Namen auf dem Pro­gramm. Die Stü­cke, die sich Rubi­no­va aus­ge­sucht hat­te, sind aber alle­samt nicht gera­de die größ­ten Hits.

Schon von Fré­dé­ric Cho­pin wähl­te sie aus­ge­rech­net die zwei­te Kla­vier­so­na­te. Das war aus­ge­spro­chen raf­fi­niert, denn zumin­dest die Mar­cia funèb­re dar­aus kennt jeder. Und zugleich war die­se Sona­te im Frank­fur­ter Hof, wo Rubi­no­va sie in all ihren Kon­tras­ten sehr schön aus­leuch­te­te und gera­de den Trau­er­marsch zu einem rich­tig­ge­hen­den Mys­te­ri­um mach­te, zugleich war die­se Sona­te gera­de in ihrer Aus­drucks­viel­falt eine wun­der­ba­re Über­lei­tung und Vor­be­rei­tung für den nächs­ten Pro­gramm­punkt. Denn Alex­an­der Skria­b­ins Fan­ta­sie in h‑Moll zählt ganz bestimmt nicht zu den meist­ge­spiel­ten Stü­cken. Und die unge­heu­er­li­che Dich­te des unab­läs­si­gen Flus­ses an Ideen und har­mo­ni­schen Gedan­ken machen es weder dem Inter­pre­ten noch dem Publi­kum beson­ders leicht. Doch da kann Evge­nia Rubi­no­va hel­fen: Locker und leicht wie eine Par­füm­wol­ke ent­flieht die Fan­ta­sie ihren gefühl­vol­len Fin­gern. Nahe­zu schwe­re­los sinkt die­se Musik ins Ohr und ins Hirn, brei­tet sich aus und füllt jeden Win­kel des Den­kens und Füh­lens aus. Gera­de die fra­gi­le, immer wie­der gefähr­de­te Zusam­men­set­zung der Klang­welt Skria­b­ins ver­moch­te Rubi­no­va ganz rei­zend aus­zu­kos­ten – da fehlt zur Per­fek­ti­on nur noch das letz­te biss­chen Kon­se­quenz und Durch­set­zungs­kraft, vor der die jun­ge Pia­nis­tin immer wie­der zurück­zu­scheu­en schien.

Die kom­plet­te Hexa­lo­gie der Moments musi­caux von Ser­gej Rach­ma­nin­off schließ­lich ist eben­falls nur all­zu sel­ten kom­plett zu hören. Schwär­me­risch agi­tiert in die­se Klang­welt boh­rend, wandt die Pia­nis­ten die­se Pre­zio­sen immer wie­der ins Offe­ne und Unbe­stimm­te: Nur der unmit­tel­ba­re Augen­blick zählt hier, eine fort­wäh­ren­de Ket­te von ein­präg­sa­men Ein­drü­cken ent­steht so – Momen­te der Erfül­lung und des rei­nen, unver­fälsch­ten Genusses.

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