Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: kritik Seite 5 von 15

objektive kritik

hal­le­lu­ja! dank der zia bzw. ihrer außen­stel­le, der rie­sen­ma­schi­ne, ist es jetzt end­lich mög­lich, lite­ra­tur ganz und gar objek­tiv, also unter völ­li­ger aus­schal­tung der blö­den kri­ti­ker, zu beur­tei­len. hier ist der kri­te­ri­en­ka­ta­log: klick. spe­zi­ell abge­stimmt zwar auf die kla­gen­fur­ter preis­ver­ga­be, aber – mit leich­ten modi­fi­ka­tio­nen – auch dar­über hin­aus gut anzuwenden.

der sommer ist wieder da: mit mainz-musik hat das erste festival begonnen

„Immer Neu­es ans Licht brin­gen“ hat­te sich Paul Hin­de­mith in den Zwan­zi­gern des letz­ten Jahr­hun­derts vor­ge­nom­men. Imme Neu­es will auch Mainz-Musik vor­füh­ren: Das klei­ne Som­mer­fes­ti­val der Musik­hoch­schu­le hat sich vor allem der Neu­en Musik zuge­wandt. Mit gro­ßem N, weil nach 85 Jah­ren eine Kom­po­si­ti­on eigent­lich kei­ne Novi­tät mehr ist. Aber wenn sie, wie Hin­de­mit­hs Cel­lo-Sona­te op. 25/​3 immer noch den Ruf trägt, neu, unge­wohnt und schwie­rig zu sein, passt sie auch zu Mainz-Musik.

Und sie ist neben­bei auch noch wun­der­schö­ne Musik, die man gar nicht oft genug hören kann. Zumin­dest wenn sie Manu­el Fischer-Die­skau spielt. Denn er gibt ihr sein gan­zes Feu­er, rückt ihr mit fes­ter Atta­cke zu Lei­be. Jeder Ton strahlt dadurch eine abso­lu­te Gewiss­heit aus: So ist es rich­tig, so muss es klin­gen. Von die­sem elo­quen­ten Esprit lässt man sich ger­ne über­zeu­gen und anstecken.

Schon der Beginn des Eröff­nungs­kon­zer­tes hat­te ähn­li­che Akzen­te gesetzt. Den ver­dich­te­ten Cha­rak­ter­stü­cken von Hans Wer­ner Hen­zes Cel­lo-Sona­te ver­lieh Fischer-Die­skau mit noblem Ton gro­ße Ele­ganz. Und sein kla­rer Musi­zier­stil ver­schlei­er­te dabei nichts: Er ver­bin­det die mensch­li­che Wär­me ganz unauf­fäl­lig mit der Rein­heit der Kunst, ihrer Frei­heit von den Ver­su­chun­gen der Welt. In der abge­schie­de­nen Atmo­sphä­re der Johan­nis­kir­che konn­te sich das wun­der­bar ent­fal­ten. Zumal Fischer-Die­skau den wei­chen Klang des Rau­mes geschickt mit ein­be­zog in sei­ne Interpretation.

Dazwi­schen stand ein recht star­ker Kon­trast: „La Ten­ta­ti­on de Saint Antoine“ von Wer­ner Egk – also die Geschich­te der Ver­su­chung des hei­li­gen Anto­ni­us. Das Streich­quar­tett der Musik­hoch­schu­le unter Lei­tung Tobi­as Rokahrs sorg­te für einen oft orches­tral wir­ken­den Hin­ter­grund, vor dem die Altis­tin Regi­na Pät­zer als per­so­ni­fi­zier­te Ver­su­chung im sün­di­gen Rot mit ver­lo­cken­der Stim­me den armen Antoine ganz schön in Bedräng­nis brach­te. Auch wenn der fran­zö­si­sche Text kaum zu ver­ste­hen war, ver­führt die auf­ge­wühl­te, tief füh­len­de Musik allein durch ihren Klang schon mehr als genug.

Zusam­men­ge­bun­den wur­de das Pro­gramm durch eine eigent­lich eher neben­säch­li­che Tat­sa­che: Die drei Kom­po­nis­ten waren alle Autoren des Schott-Ver­la­ges. Das hat­te sei­nen guten Grund, denn in St. Johan­nis ver­band sich das Eröff­nungs­kon­zert von Mainz-Musik mit der Erin­ne­rung an den Main­zer Ver­le­ger Lud­wig Stre­cker, der die­ses Jahr sei­nen 125. Geburts­tag gefei­ert hät­te. Und ihm war die Neue Musik genau­so ein Anlie­gen wie den Machern von Mainz-Musik.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

mal wieder bach: johann sebastian und johann christoph in st. bonifaz

Der Gene­ral­bass ist auf der Suche nach einem Lieb­ha­ber: Eilig rennt er hin und her. Und die Gei­gen ste­hen dane­ben, schau­en mal hier und mal da nach dem rech­ten. Johann Chris­toph Bachs Motet­te „Mei­ne Freun­din, du bist schön“ bie­tet so man­che Selt­sam­keit. Natür­lich fin­det sich das Lie­bes­paar recht bald und das Gan­ze endet in einem fürst­li­chen Gast­mahl – in das der Chor mit ein­stimmt und das Lob­lied nicht nur des Essens, son­dern auch Got­tes singt. Schließ­lich sind wir in der Kir­che, in St. Boni­faz, beim 12. Bach­wo­chen­en­de des Main­zer Figu­ral­chors. Der hat die­ses Klein­od des Vor­fahrs Johann Sebas­ti­ans aus­ge­gra­ben und mit Witz und Ele­ganz in Klang und Sze­ne gesetzt. Denn für den Gang in den Gar­ten des Liebs­ten (mit pro­fun­dem Bass von Chris­ti­an Hilz ver­kör­pert) nutzt die Sopra­nis­tin Bea­te Heit­zmann den gesam­ten Kir­chen­raum. Und der Diri­gent Ste­fan Wei­ler ergänz­te die kurz­wei­li­ge Par­ti­tur noch um die erklä­ren­den Aus­füh­run­gen des Komponisten.

Dane­ben bot das Wochen­en­de, mit dem der Figu­ral­chor nun die in Mühl­hau­sen und Wei­mar ent­stan­de­nen Kan­ta­ten des Meis­ters kom­plett auf­ge­führt hat, außer­dem noch hei­te­re welt­li­che Chor­mu­sik und das übli­che Gesprächs­kon­zert zu einer Bach-Kantate.

Der Auf­takt am Frei­tag stand aber ganz im Zei­chen der alten Kir­chen­mu­sik: Neben Johann Chris­toph Bachs nicht so ganz erns­ter Motet­te waren noch zwei Kan­ta­ten Johann Sebas­ti­an Bachs,
„Ich geh und suche mit Ver­lan­gen“ und „Ach! Ich sehe, itzt, da ich zur Hoch­zeit gehe“, zu hören. Bei­de trieb Ste­fan Wei­ler kraft­voll vor­an, immer auf der Suche nach Akzen­ten. Ganz den Solis­ten zuge­wen­det, diri­gier­te er frei und impul­siv – genau so klang es dann auch, was die Main­zer Cama­ra­ta Musi­cale mit den Solis­ten zum The­ma Hoch­zeit zu ver­kün­den hatte.

Außer­dem war aber auch noch rei­ne a‑cap­pel­la-Musik zu hören: Die Hohe­lied-Ver­to­nun­gen von Mel­chi­or Franck – also noch eini­ge Jah­re älter als die Bäche. Der Figu­ral­chor nahm sich der kunst­voll ver­schlun­ge­nen früh­ba­ro­cken Poly­pho­nie mit Ein­füh­lung und Emo­ti­on an. Zunächst wirk­te der Chor aller­dings noch etwas unsi­cher und wack­lig. Doch das sta­bi­li­ser­te sich schnell zur gewohn­ten Klar­heit und Prä­gnanz, die auch her­be Klän­ge und kan­ti­ge Brü­che nicht scheut. So wirk­ten die fünf Motet­ten, ange­trie­ben von den pul­sie­rend schwin­gen­den Phra­sie­run­gen, trotz ihres hohen Alters sehr har­mo­nisch und erstaun­lich frisch.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

bach, bibel, hundertwasser – passt? naja …

Ein Kir­chen­kon­zert zu einer Kunst­aus­stel­lung ist immer eine gute Idee. Aber wie bringt man den Irra­tio­na­lis­ten Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser mit dem flei­ßi­gen Arbei­ter Bach zusam­men? Man ver­an­stal­tet einen Tria­log und nutzt Bibel und Para­dies als Bin­de­glied. Damit ist das Pro­blem der feh­len­den Ver­bin­dung zwar nicht gelöst, aber man hat zumin­dest einen schö­nen Titel.

Ein Tria­log war also in der Chris­tus­kir­che zu erle­ben. Wirk­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Betei­lig­ten fand aber nicht statt. Doch das Publi­kum war ja auch aus ande­rem Grund gekom­men: Weil der Main­zer Bach­chor sang. Er tat das zwar nicht sehr reich­hal­tig, aber auf gewohn­tem Niveau. Und das ist hoch in der Kaiserstraße.

Beson­ders deut­lich mani­fes­tier­te sich das bei der Bach­schen Motet­te „Sin­get dem Herrn ein neu­es Lied“. Denn auch in der klei­nen Beset­zung zeigt sich der Bach­chor sehr kul­ti­viert. Sprit­zig und unbe­schwert führt Ralf Otto sei­ne agi­len Sän­ger durch die ver­zwick­te Poly­pho­nie der Motet­te. Er bewahrt dabei einen schlan­ken Klang, der das Stim­men­ge­wirr trans­pa­rent erschei­nen lässt. Und er setzt deut­lich akzen­tu­ier­te Impul­se, die den so spie­le­risch auf­schei­nen­den Fluss der Musik noch zusätz­lich auf­lo­ckern. Vor allem der Schluss ist ein­fach wun­der­schön. Denn es immer wie­der eine Offen­ba­rung, wie gut Otto und sein Chor zugleich die For­de­run­gen der Musik und des Tex­tes erfül­len kön­nen, wie sie Klar­heit und emo­tio­na­le Über­zeu­gung mit­ein­an­der verschmelzen.

Da bleibt auch die Kantate„Die Elen­den sol­len essen“ kei­ne Aus­nah­me. Von Anfang an ist das in der Chris­tusk­ri­che eine sehr opti­mis­ti­sche, zuver­sicht­li­che Musik mit fri­scher und gut kal­ku­lier­ter Dra­ma­tik. Vor allem in den sorg­fäl­tig geform­ten Rezi­ta­ti­ven fällt auf, wie sehr sich alle Betei­lig­ten um beons­de­re Aus­drucks­stär­ke bemü­hen, ohne in extrem Über­trei­bun­gen abzu­glei­ten. Die jun­gen Solis­ten blei­ben sonst eher unauf­fäl­lig: Es ist ein sehr homo­ge­nes Quar­tett, das sich Otto zusam­men­ge­sucht hat. Im zwei­ten Teil wird die Kan­ta­te dann sogar noch einen Tick bes­ser: Schon die Sin­fo­nia rockt rich­tig­ge­hend – das solis­tisch besetz­te, auf his­to­ri­schen Instru­men­ten spie­len­de Bach­or­ches­ter legt fet­zig los. Und Otto führt das wei­ter bis in den froh­ge­mut tän­zeln­den Schluss­chor: „Was Gott tut, das ist wohl­ge­tan“. Was Otto diri­giert, auch. Und dann ist das Kon­zert auch schon vor­bei: Ganz schlicht und unprä­ten­ti­ös ver­klin­gen die letz­ten Töne. Nur lei­der viel zu früh.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

maschinen und menschen im klang vereint

Lang­sam tröp­feln die Besu­cher her­ein und ste­hen noch etwas ver­lo­ren auf dem Gelän­de des Zement­wer­kes Wei­se­nau. Aber sie las­sen sich auch vom tröp­felnd ein­set­zen­den Regen in ihrer Aben­teu­er­lust nicht die Stim­mung ver­mie­sen. Denn es gibt viel zu sehen und noch mehr zu hören beim Per­for­mance-Pro­jekt „Mensch­Ma­schi­ne-Klang­Ma­schi­ne“, dem Auf­takt zu Neue-Musik-För­de­rung „Spek­trum Vil­la Musi­ca“. Nichts geschieht hier in nor­ma­len Dimen­sio­nen: Ein gan­zes Fabrik­ge­län­de dient als Kon­zert­raum, als Büh­ne, Par­kett, Akteur und Instru­ment zugleich. Die Sän­ge­rin Sigu­ne von Osten hat­te vie­le Ideen – viel­leicht ein paar zu vie­le. Die Ein­drü­cke stür­men per­ma­nent ein auf die Besu­cher, die durch das Zement­werk zie­hen – vom kla­ckern­den Ein­gangs­tor bis zur Illu­mi­na­ti­on nach dem akus­ti­schen Ende ist hier schein­bar nichts dem Zufall über­las­sen. Kein Dröh­nen, kein Schep­pern und Krei­schen steht außer­halb der Kunst.

Die „Mensch­Ma­schi­ne-Klang­Ma­schi­ne“ besteht dabei zunächst meh­re­ren Sta­tio­nen auf dem Fabrik­ge­län­de. Das ist eine Cho­reo­gra­phie von nor­ma­len Fabrik­ge­räu­schen, geform­ten Geräu­schen und Musik – mit Unter­stüt­zung des Tech­ni­schen Hilf­werk und der Arbeits­ge­mein­schaft Neue Musik am Lei­din­ger-Gym­na­si­um Grün­stadt, die mit Motor­sä­gen, Trenn­schlei­fer, Bohr­ma­schi­nen und Fäs­sern ein gewal­ti­ges Spek­ta­kel ent­fa­chen. Auch dabei: Ein Tanz zwei­er Mini-Rad­la­der um den Tubisten.

Das führt dann aber erst zum „Eigent­li­chen“ in der ehe­ma­li­gen Pack­hal­le. Das Flö­ten­mons­ter am Ein­gang stimmt in der düs­te­ren und geheim­nis­vol­len Atmo­sphä­re schon auf die aben­teu­er­li­che Zeit- und Phan­ta­sie­rei­se ein, die jetzt beginnt. Mit viel Auf­wand ver­su­chen sich Instru­men­ta­lis­ten – soweit man bei den bear­bei­te­ten Klang­er­zeu­gern über­haupt noch von Instru­men­ten spre­chen kann – und Voka­lis­ten an einer ver­ton­ten Geschich­te der Indus­tria­li­sie­rung in Schlag­wor­ten. Der Text bleibt lei­der die ganz gro­ße Schwach­stel­le die­ses Unter­neh­mens: Viel unre­flek­tier­tes Res­sen­ti­ment gegen Maschi­nen, vie­le plat­te Pla­ti­tü­den und plum­be Spie­ler­ein. Áber dazwi­schen ret­ten groß­ar­ti­ge musi­ka­li­sche Momen­te das Gan­ze vor dem Unter­gang. Vor allem der Saxo­pho­nist Mat­thi­as Schu­bert und Carl Lud­wig Hübsch mit sei­ner Tuba sind wesent­li­che Säu­len der Per­for­mance. Mehr noch als Sigu­ne von Osten, die zwar krea­ti­ves und ideel­les Zen­trum ist, in der Rea­li­sie­rung aber gar nicht so form­ge­bend in Erschei­nung tritt. Der Per­for­mance-Aspekt ist in der Pack­hal­le frei­lich stark zurück getre­ten hin­ter das akus­ti­sche Ele­ment – eigent­lich besteht er nur noch in der Ver­deut­li­chung der Her­vor­brin­gung der Kläng und ein wenig unter­stüt­zen­der Lichtregie.

Das Zen­trum des Wer­kes ist ein aber ande­res Werk, Lui­gi Nonos „La fabbri­ca illu­mi­na­ta“, die­ses gro­ße Zeug­nis des Impul­ses, Musik zu schrei­ben, die gesell­schaft­li­che Miss­stän­de auf­greift und ändern will. Sie bleibt im Zement­werk aber eher ein Fremd­kör­per – und macht den Abstand deut­lich: Der Rest des Abend kann die­ses Niveau zwar immer wie­der errei­chen, aber eben nicht dau­er­haft. Denn die „Mensch­Ma­schi­ne-Klang­Ma­schi­ne“ ist ein per­ma­nen­tes Schwan­ken zwi­schen banals­tem Kitsch und genia­li­scher Inspiration.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

Wenigs­tens ein­mal im Jahr wird Mainz zur Jazz­me­tro­po­le. Dann wer­den im Funk­haus des SWR gro­ße Jaz­zer mit dem SWR-Jazz­preis geehrt. Und zum Glück für die Main­zer gibt es immer auch ein Kon­zert dazu, so dass jeder die Jury-Ent­schei­dung nach­voll­zie­hen kann. Die­ses Jahr wähl­te sie das Duo Micha­el Woll­ny und Heinz Sau­er für den mit 10.000 Euro dotie­ren, von Land und SWR gemein­sam getra­ge­nen Preis. Und bei der Preis­ver­lei­hung konn­te Staats­se­kre­tär Joa­chim Hoff­mann-Göt­ting gleich noch eine zwei­te gute Nach­richt ver­kün­den: Ab nächs­tem Jahr wird der Jazz­preis auf 15.000 Euro auf­ge­stockt – und zieht damit mit dem Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Jazz­preis gleichauf.

Das Duo Woll­ny-Sau­er war zwar kei­ne über­ra­schen­de Ent­schei­dung, aber eine siche­re Bank – seit eini­gen Jah­ren schon sor­gen der jun­ge Pia­nist Woll­ny und der Frank­fur­ter Saxo­phon-Vete­ran Sau­er mit ihrer Zusam­men­ar­beit für Auf­se­hen. Im Foy­er des SWR war das gut nach­zu­voll­zie­hen. Ihr aus­ge­spro­chen rei­ches Reper­toire an Mit­teln und sti­lis­ti­schen Mög­lich­kei­ten macht ihre Musik näm­lich immer wie­der span­nend. Und ihre Offen­heit im Zusam­men­spiel sorgt für vie­le über­ra­schen­de und über­wäl­ti­gen­de Momen­te. Vor allem beim lis­ti­gen Fuchs Heinz Sau­er bricht dabei immer wie­der der Schalk durch. Dabei ist ihre Musik eigent­lich gar nicht beson­ders komisch. Im Gegen­teil, sie wird von einem fast hei­li­gen Ernst getra­gen. Ihre Brü­chig­keit ver­wei­gert sich sehr kon­se­quent fer­ti­gen Ant­wor­ten und stellt lie­ber ein paar Fra­gen zu viel als zu wenig.

Das Duo nutzt den Auf­tritt in Mainz auch gleich wie­der für einen Ver­such: Für die zwei­te Hälf­te haben sie sich die Unter­stüt­zung Jörg Meders geholt. Das ist ein Expe­ri­ment, weil er das für Jaz­zer eher unge­wöhn­li­che Instru­ment Vio­la da Gam­ba spielt. Es bleibt aller­dings auch recht expe­ri­men­tell: Das Zusam­men­spiel von Kla­vier, Vio­la und Tenor­sa­xo­phon ist vor allem akus­tisch pro­ble­ma­tisch, weil Woll­ny und Sau­er den Gam­bis­ten ger­ne an die Wand spie­len. Und auch sonst zeigt sich der Erpro­bungs­sta­tus noch deut­lich: Die Mög­lich­kei­ten vor allem der klang­li­chen Berei­che­rung des Duos sind erkenn­bar, aber ihr Poten­zi­al ist noch lan­ge nicht aus­ge­schöpft. Aber der SWR-Jazz­preis soll ja auch nicht das Ende einer Musi­ker­kar­rie­re feiern.

Aus­schnit­te wer­den am 18.6. ab 19.05 Uhr in SWR2 gesen­det.

wunschkonzert der klassikliebhaber

Das 19. Jahr­hun­dert ist sehr beliebt in Mainz. Zumin­dest wenn es um klas­si­sche Musik geht. Beim gro­ßen Wunsch­kon­zert des Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­ches­ters in der Phö­nix-Hal­le war jeden­falls fast nur Musik aus die­ser Zeit zu hören. Und den ein­zi­gen Kom­po­nis­ten des 18. Jahr­hun­derts, Joseph Haydn, hat ein Tipp­feh­ler im Pro­gramm auch noch um hun­dert Jah­re jün­ger gemacht. Aber der Rei­he nach: Das Kon­zert begann mit einem furio­sen Auf­akt. Die Car­men-Ouver­tü­re von Geor­ges Bizet mach­te es dem Orches­ter leicht, das Publi­kum gleich mit den ers­ten Tönen für sich ein­zu­neh­men. Zügig zieht die Diri­gen­tin Cathe­ri­ne Rück­wardt das durch. Über­haupt hat sie heu­te nicht beson­ders viel Ruhe. Beson­ders deut­li­ches Bei­spiel war Sme­ta­nas „Die Mol­dau“. Da wirkt gera­de der Beginn fast schon gehetzt – aus­ru­hen kann man sich auf die­ser Fluss­fahrt jeden­falls kaum. Ein­zi­ge gro­ße Aus­nah­me bleibt da Samu­el Bar­bars berühm­tes „Ada­gio for Strings“. Da zeigt sich das Main­zer Orches­ter nicht nur mit wei­chen Strei­ch­er­klän­gen und für sei­ne Ver­hält­nis­se viel Schmelz, Rück­wardt kos­tet den Kitsch auch in jeder Note aus – jede ande­re Stra­te­gie ist bei die­sem Hit sowie­so vergebens.

Auch in ande­rer Hin­sicht ist das Ada­gio eine Aus­nah­me: Der Rest des Kon­zer­tes besteht näm­lich vor­wie­gend aus mehr oder weni­ger fet­zi­gen und schmis­si­gen Wer­ken. Zum Bei­spiel Felix Men­dels­sohn-Bar­thol­dy Ouver­tü­re „Die schö­ne Melu­si­ne“. Die spielt das Orches­ter schön prä­zi­se und sehr beredt als direk­te Klang­erzäh­lung. Eben­falls sehr plas­tisch formt Rück­wardt Rein­hold Gliè­res Matro­sen­tanz aus dem Bal­lett „Roter Mohn“. Ob es frei­lich irgend­wo Matro­sen gibt, die zu die­sem pit­to­res­ken, def­tig wum­mern­den Pracht­stück tan­zen kön­nen, ist doch sehr zwei­fel­haft. Die Fra­ge stellt sich bei Jean Sibe­l­i­us’ „Fin­lan­dia“ gar nicht erst: Da reicht schon das Hören. Und Hören kann man in der Phö­nix-Hal­le eine Men­ge. Denn das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter zele­briert zum Abschluss des Wunsch­kon­zer­tes noch ein­mal die Musik und sich selbst. Breit und schwer­ge­wich­tig kom­men die Klang­mas­sen mit einer Unmen­ge an Pathos pom­pös daher­ge­schrit­ten – genau so, wie ein sol­ches natio­na­les Klang­po­em es eben verdient.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

klang-bau-stelle im neubau der musikhochschule

Ein wil­der Hau­fen ist es, der sich den Neu­bau erobert hat. Zumin­dest auf den ers­ten Blick wirkt die „Klang-Bau-Stel­le“ im Neu­bau der Musik­hoch­schu­le reich­lich chao­tisch: Am Ein­gang begrü­ßen Gar­ten­schlauch­trom­pe­ten die Gäs­te, im ers­ten Stock steht ein ver­ka­bel­tes Alp­horn, der zukünf­ti­ge Kon­zert­saal ist mit einem Arse­nal Kon­ser­ven­büch­sen, einem Flü­gel und einem DJ-Stand gefüllt, in der Stu­dio­büh­ne steht sogar noch ein Beton­mi­scher. Aber natür­lich folgt das alles einer genau aus­ge­klü­gel­ten Dra­ma­tur­gie und Logis­tik. Denn die Stu­den­ten des Semi­nars „Geöff­ne­te Ohren“ haben unter der Lei­tung von Pro­fes­sor Peter Kie­fer kaum eine Mühe gescheut, sich ihr zukünf­ti­ges Domi­zil schon als Roh­bau anzueignen.

Schon der Auf­takt im Innen­hof ist ein furio­ser Beginn des Wan­del­kon­zer­tes: Eine Meta­mu­sik, die hier vom Nu Art Brass Ensem­ble urauf­ge­führ­te Cha­os-Fan­fa­re „Par­tia­les“ von Pier­lu­ca Lan­zi­lot­ta, die alle Ideen und Vor­stel­lun­gen einer Fan­fa­re gründ­lich aus­ein­an­der­nimmt um sie neu und etwas ver­quer zusam­men­zu­set­zen. Und wäh­rend dann das zen­tra­le Trep­pen­haus zum Kon­zert­raum wird, strei­chen im Hin­ter­grund die Arbei­ter noch die Wän­de. Denn noch bleibt eini­ges zu tun, damit der Bau fer­tig wird: Viel roher Beton ist noch zu sehen, gewal­ti­ge Kabel­bün­del hän­gen von den Decken. Manch­mal ist das aller­dings auch schon wie­der Absicht. Dort näm­lich, wo der Raum zum Instru­ment wird, wo eine der zahl­rei­chen Klang­in­stal­la­ti­on zu erle­ben sind. Die Sound­scapes voll­zie­hen den Über­gang von einem Haus zum ande­ren – mit Auf­nah­men, Mischun­gen der Geräu­sche und Klän­ge des alten Gebäu­des im vol­len Übe- und Unter­richts­be­trieb, die den Neu­bau erobern, mit ihrer gesteu­er­te Kako­pho­nie aus­fül­len und austasten.

Dane­ben gibt es aber auch fast klas­si­sche Kon­zert­si­tua­tio­nen. John Cages „cre­do in US“ etwa, das Flo­ri­an Bey­er und Arne Wie­gand geschickt adap­tiert haben und in einer furi­os-fan­tas­ti­schen Auf­füh­rung realisierten.

Und natür­lich ist da noch der Beton­mi­scher. Denn der ist nicht zurück­ge­las­se­nes Bau­ge­rät, son­dern ein Musik­in­stru­ment, dass sich Rai­ner Schre­ckin­ger für sei­ne „Medi­ta­ti­on???“ ange­eig­net hat.

Und man glaubt es kaum: Die Maschi­ne wird tat­säch­lich Teil einer klei­nen, knap­pen Medi­ta­ti­on, die der Gitar­rist Schre­ckin­ger mit Micha­el Wies­ner, der auf Flü­gel­horn und Abfluss­roh­ren dazu impro­vi­siert, geschickt in Sze­ne set­zen und dabei recht raf­fi­niert die Gren­zen zwi­schen Musik und Geräusch auflösen.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

die roam fährt in den norden europas

Zu Beginn wur­den die Ohren erst ein­mal rich­tig geputzt. Die Elche auf dem Pro­gramm­heft zie­hen aber völ­lig unbe­ein­druckt von Erkki-Sven Tüürs „Sear­ching for Roots“ ihres Weges. Hät­ten sie nur mal hin­ge­hört. Denn dann hät­ten sie einen kur­zen, span­nungs­ge­la­de­nen Aus­flug in die zeit­ge­nös­si­sche Musik erlebt: Dicht geschich­te und kom­plex ver­schach­tel­te Klan­ge­be­nen, die sich immer wie­der an ver­schie­de­nen Stel­len des Orches­ter lich­te­ten, um klei­ne Motiv­fet­zen frei­zu­ge­ben. Doch auch die Rhei­ni­sche Orches­ter­aka­de­mie Mainz (ROAM), die ihr neun­tes Kon­zert mit die­ser „Hom­mage à Sibe­l­i­us“ began­nen, blieb unter Cle­mens Heil bleibt aus­ge­spro­chen kühl und zurück­hal­tend, beton­te die for­ma­le Sei­te der Musik und beließ es bei deut­li­cher emo­tio­na­ler Distanz.

Alles ande­re als frisch und kühl war aller­dings die sti­ckig-dump­fe Luft im Schloss – die mach­te das Zuhö­ren eher anstren­gend. Aber die Leis­tun­gen der jun­gen Musi­ker der ROAM ent­schä­dig­ten dafür mit Leich­tig­keit. Dabei ist das Vio­lin­kon­zert von Carl August Niel­sen ein ziem­lich schwer ver­dau­li­cher Bro­cken. Die Solis­tin Dorot­tya Ujlaky schien sich auch vor­sorg­lich hin­ter ihrem Noten­pult zu ver­ste­cken. Grund dafür gab es frei­lich nicht: Sou­ve­rän, klar und vor allem im zwei­ten Satz mit schmel­zen­der Süße meis­ter­te sie das lei­der so sel­ten zu hören­de Kon­zert. Dass sie sich dabei alle Sen­ti­men­ta­li­tä­ten ver­sag­te, war mehr als kon­se­quent. Doch manch­mal schlug es fast in das Gegen­teil um – dann schien sie vom sport­li­chen Aspekt zu sehr ein­ge­nom­men. Aber das waren nur weni­ge Momen­te in einer Unzahl schö­ner Stel­len. Und im beglü­cken­den Zusam­men­spiel mit dem Orches­ter erga­ben sie ein pit­to­resk anmu­ten­des Pan­oram nor­di­scher Klischees.

Doch wie so oft hat­te sich die ROAM das Bes­te für den Schluss auf­ge­spart: Die zwei­te Sin­fo­nie von Jean Sibe­l­i­us. Der in Schwe­den gebo­re­ne Kom­po­nist ist ja soet­was wie der­Meis­ter der fin­ni­schen Musik über­haupt. Klang­schön­heit und Ner­ven­kit­zel wur­den hier auf hohem Niveau zusam­men geführt. Das, nun­ja, Groß­ar­ti­ge war aber ein­deu­tig die Fähig­keit Heils, die Span­nung über alle Brü­che und Ent­la­dun­gen hin­weg immer noch mehr anwach­sen zu las­sen. Und auch wenn das Orches­ter nun an man­cher Stel­le etwas an Prä­zi­si­on ver­lor – die Wucht und das Tem­pe­ra­ment, die ganz direkt zu hören­de Freu­de der Musi­ker beim Spie­len mach­te das alle­mal wett. Denn genau die­se Mischung aus Enga­ge­ment und for­ma­ler Klar­heit, aus Form­be­wusst­sein und Spiel­freu­de sorg­te unab­läs­sig für beacht­li­ches Gänsehaut-Potenzial.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

brahms-geburtstag, der 175.

Es ist fast wie bei einer Fami­li­en­fei­er. Nur der Jubi­lar ist lei­der nicht erschie­nen. Das wäre auch selt­sam, denn gefei­ert wur­de immer­hin der 175. Geburts­tag von Johan­nes Brahms. Die Musik­hoch­schu­le hat dazu in die Vil­la Musi­ca ein­ge­la­den. Bes­ser gesagt: Hans Chris­toph Bege­mann hat gebe­ten. Und als form­voll­ende­ter Gast­ge­ber begrüßt der Bari­ton Gäs­te selbst­ver­ständ­lich per­sön­lich – und erläu­tert auch erst­mal, wie das Pro­gramm rich­tig zusam­men­ge­setzt wer­den muss, damit die Lied­tex­te auch in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge ste­hen. Das war dann aber auch schon der ein­zi­ge Feh­ler, der hier passierte.

Denn der Lie­der­abend zu Ehren des Meis­ters gelang ihm ganz ausgezeichnet.Dafür hat er nicht ohne Plan im reich­hal­ti­gen Lied­schaf­fen des Jubi­lars gewil­dert, son­dern gezielt nach Lie­dern auf Tex­te von Georg Fried­rich Dau­mer gesucht. Der wur­de von Brahms zwar recht hoch geschätzt, von der Nach­welt aber kaum. Das ist durch­aus ver­ständ­lich, denn wirk­lich gro­ße Dich­tung sieht ein wenig anders aus. Aber wie so oft tut das den Lie­dern, sobald sie erklin­gen, über­haupt kei­nen Abbruch.

Doch der ver­ges­se­ne Dich­ter stört in der Vil­la Musi­ca nie­man­den. Denn der sym­pa­thi­scher Bari­ton lässt sich davon nicht wei­ter beein­flus­sen und legt sei­ne nicht unbe­trächt­li­che Kunst­fer­tig­keit in den Vor­trag. Mit sei­ner etwas kör­ni­gen Stim­me, die weder zu fins­ter noch zu strah­lend klingt, ist er genau der rich­ti­ge Mann, um den inti­men Salon der Vil­la Musi­ca pracht­voll aus­zu­fül­len. Vor allem aber, und das wür­de wohl Brahms und Dau­mer glei­cher­ma­ßen erfreu­en, sang er immer mit Gewicht und Nach­druck. Schließ­lich geht es ja auch um viel, um alles eigent­lich: Sehn­sucht, Lie­be, Ein­sam­keit, Tod – die klas­si­schen Lied­the­men der Roman­tik eben.

Der ganz kla­re Höhe­punkt in die­ser Rei­he war der Zyklus mit der Opus-Num­mer 32, der Dau­mer und August von Pla­ten zusam­men­führt. Bege­mann gelang es näm­lich, die Span­nung auch bei den alt­be­kann­ten Lie­dern immer wie­der neu auf­zu­bau­en: Alles ist ihm ernst, nichts geschieht leicht­hin – selbst Iro­nie und Witz sind Arbeit und künst­le­ri­sche Anstren­gung. Beson­ders sein ziel­ge­rich­te­tes Sin­gen ermög­licht die vol­le Ent­fal­tung jedes Lie­des: Nie ver­säumt er es, den Kern in Angriff zu neh­men, nie lässt er die Zuhö­rer im Zwei­fel, nie bleibt er undeutlich.

Und Tho­mas Sey­boldt unter­stützt ihn dabei auf ange­nehm prä­zi­se, unauf­dring­li­che Art nicht nur exakt, son­dern auch genau im Aus­druck – und dabei immer sehr syn­chron mit sei­nem Sän­ger: „Nur dein Gefühl ent­hül­le mir, dein wah­res!“ heißt es dabei ein­mal. Das hät­te ein wun­der­ba­res Mot­to für die­sen Abend sein kön­nen. Aber der Geburts­tag des Kom­po­nis­ten war eben naheliegender.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

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