halleluja! dank der zia bzw. ihrer außenstelle, der riesenmaschine, ist es jetzt endlich möglich, literatur ganz und gar objektiv, also unter völliger ausschaltung der blöden kritiker, zu beurteilen. hier ist der kriterienkatalog: klick. speziell abgestimmt zwar auf die klagenfurter preisvergabe, aber – mit leichten modifikationen – auch darüber hinaus gut anzuwenden.
Kategorie: kritik Seite 5 von 15
„Immer Neues ans Licht bringen“ hatte sich Paul Hindemith in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts vorgenommen. Imme Neues will auch Mainz-Musik vorführen: Das kleine Sommerfestival der Musikhochschule hat sich vor allem der Neuen Musik zugewandt. Mit großem N, weil nach 85 Jahren eine Komposition eigentlich keine Novität mehr ist. Aber wenn sie, wie Hindemiths Cello-Sonate op. 25/3 immer noch den Ruf trägt, neu, ungewohnt und schwierig zu sein, passt sie auch zu Mainz-Musik.
Und sie ist nebenbei auch noch wunderschöne Musik, die man gar nicht oft genug hören kann. Zumindest wenn sie Manuel Fischer-Dieskau spielt. Denn er gibt ihr sein ganzes Feuer, rückt ihr mit fester Attacke zu Leibe. Jeder Ton strahlt dadurch eine absolute Gewissheit aus: So ist es richtig, so muss es klingen. Von diesem eloquenten Esprit lässt man sich gerne überzeugen und anstecken.
Schon der Beginn des Eröffnungskonzertes hatte ähnliche Akzente gesetzt. Den verdichteten Charakterstücken von Hans Werner Henzes Cello-Sonate verlieh Fischer-Dieskau mit noblem Ton große Eleganz. Und sein klarer Musizierstil verschleierte dabei nichts: Er verbindet die menschliche Wärme ganz unauffällig mit der Reinheit der Kunst, ihrer Freiheit von den Versuchungen der Welt. In der abgeschiedenen Atmosphäre der Johanniskirche konnte sich das wunderbar entfalten. Zumal Fischer-Dieskau den weichen Klang des Raumes geschickt mit einbezog in seine Interpretation.
Dazwischen stand ein recht starker Kontrast: „La Tentation de Saint Antoine“ von Werner Egk – also die Geschichte der Versuchung des heiligen Antonius. Das Streichquartett der Musikhochschule unter Leitung Tobias Rokahrs sorgte für einen oft orchestral wirkenden Hintergrund, vor dem die Altistin Regina Pätzer als personifizierte Versuchung im sündigen Rot mit verlockender Stimme den armen Antoine ganz schön in Bedrängnis brachte. Auch wenn der französische Text kaum zu verstehen war, verführt die aufgewühlte, tief fühlende Musik allein durch ihren Klang schon mehr als genug.
Zusammengebunden wurde das Programm durch eine eigentlich eher nebensächliche Tatsache: Die drei Komponisten waren alle Autoren des Schott-Verlages. Das hatte seinen guten Grund, denn in St. Johannis verband sich das Eröffnungskonzert von Mainz-Musik mit der Erinnerung an den Mainzer Verleger Ludwig Strecker, der dieses Jahr seinen 125. Geburtstag gefeiert hätte. Und ihm war die Neue Musik genauso ein Anliegen wie den Machern von Mainz-Musik.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Der Generalbass ist auf der Suche nach einem Liebhaber: Eilig rennt er hin und her. Und die Geigen stehen daneben, schauen mal hier und mal da nach dem rechten. Johann Christoph Bachs Motette „Meine Freundin, du bist schön“ bietet so manche Seltsamkeit. Natürlich findet sich das Liebespaar recht bald und das Ganze endet in einem fürstlichen Gastmahl – in das der Chor mit einstimmt und das Loblied nicht nur des Essens, sondern auch Gottes singt. Schließlich sind wir in der Kirche, in St. Bonifaz, beim 12. Bachwochenende des Mainzer Figuralchors. Der hat dieses Kleinod des Vorfahrs Johann Sebastians ausgegraben und mit Witz und Eleganz in Klang und Szene gesetzt. Denn für den Gang in den Garten des Liebsten (mit profundem Bass von Christian Hilz verkörpert) nutzt die Sopranistin Beate Heitzmann den gesamten Kirchenraum. Und der Dirigent Stefan Weiler ergänzte die kurzweilige Partitur noch um die erklärenden Ausführungen des Komponisten.
Daneben bot das Wochenende, mit dem der Figuralchor nun die in Mühlhausen und Weimar entstandenen Kantaten des Meisters komplett aufgeführt hat, außerdem noch heitere weltliche Chormusik und das übliche Gesprächskonzert zu einer Bach-Kantate.
Der Auftakt am Freitag stand aber ganz im Zeichen der alten Kirchenmusik: Neben Johann Christoph Bachs nicht so ganz ernster Motette waren noch zwei Kantaten Johann Sebastian Bachs,
„Ich geh und suche mit Verlangen“ und „Ach! Ich sehe, itzt, da ich zur Hochzeit gehe“, zu hören. Beide trieb Stefan Weiler kraftvoll voran, immer auf der Suche nach Akzenten. Ganz den Solisten zugewendet, dirigierte er frei und impulsiv – genau so klang es dann auch, was die Mainzer Camarata Musicale mit den Solisten zum Thema Hochzeit zu verkünden hatte.
Außerdem war aber auch noch reine a‑cappella-Musik zu hören: Die Hohelied-Vertonungen von Melchior Franck – also noch einige Jahre älter als die Bäche. Der Figuralchor nahm sich der kunstvoll verschlungenen frühbarocken Polyphonie mit Einfühlung und Emotion an. Zunächst wirkte der Chor allerdings noch etwas unsicher und wacklig. Doch das stabiliserte sich schnell zur gewohnten Klarheit und Prägnanz, die auch herbe Klänge und kantige Brüche nicht scheut. So wirkten die fünf Motetten, angetrieben von den pulsierend schwingenden Phrasierungen, trotz ihres hohen Alters sehr harmonisch und erstaunlich frisch.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Ein Kirchenkonzert zu einer Kunstausstellung ist immer eine gute Idee. Aber wie bringt man den Irrationalisten Friedensreich Hundertwasser mit dem fleißigen Arbeiter Bach zusammen? Man veranstaltet einen Trialog und nutzt Bibel und Paradies als Bindeglied. Damit ist das Problem der fehlenden Verbindung zwar nicht gelöst, aber man hat zumindest einen schönen Titel.
Ein Trialog war also in der Christuskirche zu erleben. Wirkliche Kommunikation zwischen den Beteiligten fand aber nicht statt. Doch das Publikum war ja auch aus anderem Grund gekommen: Weil der Mainzer Bachchor sang. Er tat das zwar nicht sehr reichhaltig, aber auf gewohntem Niveau. Und das ist hoch in der Kaiserstraße.
Besonders deutlich manifestierte sich das bei der Bachschen Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“. Denn auch in der kleinen Besetzung zeigt sich der Bachchor sehr kultiviert. Spritzig und unbeschwert führt Ralf Otto seine agilen Sänger durch die verzwickte Polyphonie der Motette. Er bewahrt dabei einen schlanken Klang, der das Stimmengewirr transparent erscheinen lässt. Und er setzt deutlich akzentuierte Impulse, die den so spielerisch aufscheinenden Fluss der Musik noch zusätzlich auflockern. Vor allem der Schluss ist einfach wunderschön. Denn es immer wieder eine Offenbarung, wie gut Otto und sein Chor zugleich die Forderungen der Musik und des Textes erfüllen können, wie sie Klarheit und emotionale Überzeugung miteinander verschmelzen.
Da bleibt auch die Kantate„Die Elenden sollen essen“ keine Ausnahme. Von Anfang an ist das in der Christuskriche eine sehr optimistische, zuversichtliche Musik mit frischer und gut kalkulierter Dramatik. Vor allem in den sorgfältig geformten Rezitativen fällt auf, wie sehr sich alle Beteiligten um beonsdere Ausdrucksstärke bemühen, ohne in extrem Übertreibungen abzugleiten. Die jungen Solisten bleiben sonst eher unauffällig: Es ist ein sehr homogenes Quartett, das sich Otto zusammengesucht hat. Im zweiten Teil wird die Kantate dann sogar noch einen Tick besser: Schon die Sinfonia rockt richtiggehend – das solistisch besetzte, auf historischen Instrumenten spielende Bachorchester legt fetzig los. Und Otto führt das weiter bis in den frohgemut tänzelnden Schlusschor: „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Was Otto dirigiert, auch. Und dann ist das Konzert auch schon vorbei: Ganz schlicht und unprätentiös verklingen die letzten Töne. Nur leider viel zu früh.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Langsam tröpfeln die Besucher herein und stehen noch etwas verloren auf dem Gelände des Zementwerkes Weisenau. Aber sie lassen sich auch vom tröpfelnd einsetzenden Regen in ihrer Abenteuerlust nicht die Stimmung vermiesen. Denn es gibt viel zu sehen und noch mehr zu hören beim Performance-Projekt „MenschMaschine-KlangMaschine“, dem Auftakt zu Neue-Musik-Förderung „Spektrum Villa Musica“. Nichts geschieht hier in normalen Dimensionen: Ein ganzes Fabrikgelände dient als Konzertraum, als Bühne, Parkett, Akteur und Instrument zugleich. Die Sängerin Sigune von Osten hatte viele Ideen – vielleicht ein paar zu viele. Die Eindrücke stürmen permanent ein auf die Besucher, die durch das Zementwerk ziehen – vom klackernden Eingangstor bis zur Illumination nach dem akustischen Ende ist hier scheinbar nichts dem Zufall überlassen. Kein Dröhnen, kein Scheppern und Kreischen steht außerhalb der Kunst.
Die „MenschMaschine-KlangMaschine“ besteht dabei zunächst mehreren Stationen auf dem Fabrikgelände. Das ist eine Choreographie von normalen Fabrikgeräuschen, geformten Geräuschen und Musik – mit Unterstützung des Technischen Hilfwerk und der Arbeitsgemeinschaft Neue Musik am Leidinger-Gymnasium Grünstadt, die mit Motorsägen, Trennschleifer, Bohrmaschinen und Fässern ein gewaltiges Spektakel entfachen. Auch dabei: Ein Tanz zweier Mini-Radlader um den Tubisten.
Das führt dann aber erst zum „Eigentlichen“ in der ehemaligen Packhalle. Das Flötenmonster am Eingang stimmt in der düsteren und geheimnisvollen Atmosphäre schon auf die abenteuerliche Zeit- und Phantasiereise ein, die jetzt beginnt. Mit viel Aufwand versuchen sich Instrumentalisten – soweit man bei den bearbeiteten Klangerzeugern überhaupt noch von Instrumenten sprechen kann – und Vokalisten an einer vertonten Geschichte der Industrialisierung in Schlagworten. Der Text bleibt leider die ganz große Schwachstelle dieses Unternehmens: Viel unreflektiertes Ressentiment gegen Maschinen, viele platte Platitüden und plumbe Spielerein. Áber dazwischen retten großartige musikalische Momente das Ganze vor dem Untergang. Vor allem der Saxophonist Matthias Schubert und Carl Ludwig Hübsch mit seiner Tuba sind wesentliche Säulen der Performance. Mehr noch als Sigune von Osten, die zwar kreatives und ideelles Zentrum ist, in der Realisierung aber gar nicht so formgebend in Erscheinung tritt. Der Performance-Aspekt ist in der Packhalle freilich stark zurück getreten hinter das akustische Element – eigentlich besteht er nur noch in der Verdeutlichung der Hervorbringung der Kläng und ein wenig unterstützender Lichtregie.
Das Zentrum des Werkes ist ein aber anderes Werk, Luigi Nonos „La fabbrica illuminata“, dieses große Zeugnis des Impulses, Musik zu schreiben, die gesellschaftliche Missstände aufgreift und ändern will. Sie bleibt im Zementwerk aber eher ein Fremdkörper – und macht den Abstand deutlich: Der Rest des Abend kann dieses Niveau zwar immer wieder erreichen, aber eben nicht dauerhaft. Denn die „MenschMaschine-KlangMaschine“ ist ein permanentes Schwanken zwischen banalstem Kitsch und genialischer Inspiration.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Wenigstens einmal im Jahr wird Mainz zur Jazzmetropole. Dann werden im Funkhaus des SWR große Jazzer mit dem SWR-Jazzpreis geehrt. Und zum Glück für die Mainzer gibt es immer auch ein Konzert dazu, so dass jeder die Jury-Entscheidung nachvollziehen kann. Dieses Jahr wählte sie das Duo Michael Wollny und Heinz Sauer für den mit 10.000 Euro dotieren, von Land und SWR gemeinsam getragenen Preis. Und bei der Preisverleihung konnte Staatssekretär Joachim Hoffmann-Götting gleich noch eine zweite gute Nachricht verkünden: Ab nächstem Jahr wird der Jazzpreis auf 15.000 Euro aufgestockt – und zieht damit mit dem Baden-Württembergischen Jazzpreis gleichauf.
Das Duo Wollny-Sauer war zwar keine überraschende Entscheidung, aber eine sichere Bank – seit einigen Jahren schon sorgen der junge Pianist Wollny und der Frankfurter Saxophon-Veteran Sauer mit ihrer Zusammenarbeit für Aufsehen. Im Foyer des SWR war das gut nachzuvollziehen. Ihr ausgesprochen reiches Repertoire an Mitteln und stilistischen Möglichkeiten macht ihre Musik nämlich immer wieder spannend. Und ihre Offenheit im Zusammenspiel sorgt für viele überraschende und überwältigende Momente. Vor allem beim listigen Fuchs Heinz Sauer bricht dabei immer wieder der Schalk durch. Dabei ist ihre Musik eigentlich gar nicht besonders komisch. Im Gegenteil, sie wird von einem fast heiligen Ernst getragen. Ihre Brüchigkeit verweigert sich sehr konsequent fertigen Antworten und stellt lieber ein paar Fragen zu viel als zu wenig.
Das Duo nutzt den Auftritt in Mainz auch gleich wieder für einen Versuch: Für die zweite Hälfte haben sie sich die Unterstützung Jörg Meders geholt. Das ist ein Experiment, weil er das für Jazzer eher ungewöhnliche Instrument Viola da Gamba spielt. Es bleibt allerdings auch recht experimentell: Das Zusammenspiel von Klavier, Viola und Tenorsaxophon ist vor allem akustisch problematisch, weil Wollny und Sauer den Gambisten gerne an die Wand spielen. Und auch sonst zeigt sich der Erprobungsstatus noch deutlich: Die Möglichkeiten vor allem der klanglichen Bereicherung des Duos sind erkennbar, aber ihr Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Aber der SWR-Jazzpreis soll ja auch nicht das Ende einer Musikerkarriere feiern.
Ausschnitte werden am 18.6. ab 19.05 Uhr in SWR2 gesendet.
Das 19. Jahrhundert ist sehr beliebt in Mainz. Zumindest wenn es um klassische Musik geht. Beim großen Wunschkonzert des Philharmonischen Staatsorchesters in der Phönix-Halle war jedenfalls fast nur Musik aus dieser Zeit zu hören. Und den einzigen Komponisten des 18. Jahrhunderts, Joseph Haydn, hat ein Tippfehler im Programm auch noch um hundert Jahre jünger gemacht. Aber der Reihe nach: Das Konzert begann mit einem furiosen Aufakt. Die Carmen-Ouvertüre von Georges Bizet machte es dem Orchester leicht, das Publikum gleich mit den ersten Tönen für sich einzunehmen. Zügig zieht die Dirigentin Catherine Rückwardt das durch. Überhaupt hat sie heute nicht besonders viel Ruhe. Besonders deutliches Beispiel war Smetanas „Die Moldau“. Da wirkt gerade der Beginn fast schon gehetzt – ausruhen kann man sich auf dieser Flussfahrt jedenfalls kaum. Einzige große Ausnahme bleibt da Samuel Barbars berühmtes „Adagio for Strings“. Da zeigt sich das Mainzer Orchester nicht nur mit weichen Streicherklängen und für seine Verhältnisse viel Schmelz, Rückwardt kostet den Kitsch auch in jeder Note aus – jede andere Strategie ist bei diesem Hit sowieso vergebens.
Auch in anderer Hinsicht ist das Adagio eine Ausnahme: Der Rest des Konzertes besteht nämlich vorwiegend aus mehr oder weniger fetzigen und schmissigen Werken. Zum Beispiel Felix Mendelssohn-Bartholdy Ouvertüre „Die schöne Melusine“. Die spielt das Orchester schön präzise und sehr beredt als direkte Klangerzählung. Ebenfalls sehr plastisch formt Rückwardt Reinhold Glières Matrosentanz aus dem Ballett „Roter Mohn“. Ob es freilich irgendwo Matrosen gibt, die zu diesem pittoresken, deftig wummernden Prachtstück tanzen können, ist doch sehr zweifelhaft. Die Frage stellt sich bei Jean Sibelius’ „Finlandia“ gar nicht erst: Da reicht schon das Hören. Und Hören kann man in der Phönix-Halle eine Menge. Denn das Philharmonische Staatsorchester zelebriert zum Abschluss des Wunschkonzertes noch einmal die Musik und sich selbst. Breit und schwergewichtig kommen die Klangmassen mit einer Unmenge an Pathos pompös dahergeschritten – genau so, wie ein solches nationales Klangpoem es eben verdient.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Ein wilder Haufen ist es, der sich den Neubau erobert hat. Zumindest auf den ersten Blick wirkt die „Klang-Bau-Stelle“ im Neubau der Musikhochschule reichlich chaotisch: Am Eingang begrüßen Gartenschlauchtrompeten die Gäste, im ersten Stock steht ein verkabeltes Alphorn, der zukünftige Konzertsaal ist mit einem Arsenal Konservenbüchsen, einem Flügel und einem DJ-Stand gefüllt, in der Studiobühne steht sogar noch ein Betonmischer. Aber natürlich folgt das alles einer genau ausgeklügelten Dramaturgie und Logistik. Denn die Studenten des Seminars „Geöffnete Ohren“ haben unter der Leitung von Professor Peter Kiefer kaum eine Mühe gescheut, sich ihr zukünftiges Domizil schon als Rohbau anzueignen.
Schon der Auftakt im Innenhof ist ein furioser Beginn des Wandelkonzertes: Eine Metamusik, die hier vom Nu Art Brass Ensemble uraufgeführte Chaos-Fanfare „Partiales“ von Pierluca Lanzilotta, die alle Ideen und Vorstellungen einer Fanfare gründlich auseinandernimmt um sie neu und etwas verquer zusammenzusetzen. Und während dann das zentrale Treppenhaus zum Konzertraum wird, streichen im Hintergrund die Arbeiter noch die Wände. Denn noch bleibt einiges zu tun, damit der Bau fertig wird: Viel roher Beton ist noch zu sehen, gewaltige Kabelbündel hängen von den Decken. Manchmal ist das allerdings auch schon wieder Absicht. Dort nämlich, wo der Raum zum Instrument wird, wo eine der zahlreichen Klanginstallation zu erleben sind. Die Soundscapes vollziehen den Übergang von einem Haus zum anderen – mit Aufnahmen, Mischungen der Geräusche und Klänge des alten Gebäudes im vollen Übe- und Unterrichtsbetrieb, die den Neubau erobern, mit ihrer gesteuerte Kakophonie ausfüllen und austasten.
Daneben gibt es aber auch fast klassische Konzertsituationen. John Cages „credo in US“ etwa, das Florian Beyer und Arne Wiegand geschickt adaptiert haben und in einer furios-fantastischen Aufführung realisierten.
Und natürlich ist da noch der Betonmischer. Denn der ist nicht zurückgelassenes Baugerät, sondern ein Musikinstrument, dass sich Rainer Schreckinger für seine „Meditation???“ angeeignet hat.
Und man glaubt es kaum: Die Maschine wird tatsächlich Teil einer kleinen, knappen Meditation, die der Gitarrist Schreckinger mit Michael Wiesner, der auf Flügelhorn und Abflussrohren dazu improvisiert, geschickt in Szene setzen und dabei recht raffiniert die Grenzen zwischen Musik und Geräusch auflösen.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Zu Beginn wurden die Ohren erst einmal richtig geputzt. Die Elche auf dem Programmheft ziehen aber völlig unbeeindruckt von Erkki-Sven Tüürs „Searching for Roots“ ihres Weges. Hätten sie nur mal hingehört. Denn dann hätten sie einen kurzen, spannungsgeladenen Ausflug in die zeitgenössische Musik erlebt: Dicht geschichte und komplex verschachtelte Klangebenen, die sich immer wieder an verschiedenen Stellen des Orchester lichteten, um kleine Motivfetzen freizugeben. Doch auch die Rheinische Orchesterakademie Mainz (ROAM), die ihr neuntes Konzert mit dieser „Hommage à Sibelius“ begannen, blieb unter Clemens Heil bleibt ausgesprochen kühl und zurückhaltend, betonte die formale Seite der Musik und beließ es bei deutlicher emotionaler Distanz.
Alles andere als frisch und kühl war allerdings die stickig-dumpfe Luft im Schloss – die machte das Zuhören eher anstrengend. Aber die Leistungen der jungen Musiker der ROAM entschädigten dafür mit Leichtigkeit. Dabei ist das Violinkonzert von Carl August Nielsen ein ziemlich schwer verdaulicher Brocken. Die Solistin Dorottya Ujlaky schien sich auch vorsorglich hinter ihrem Notenpult zu verstecken. Grund dafür gab es freilich nicht: Souverän, klar und vor allem im zweiten Satz mit schmelzender Süße meisterte sie das leider so selten zu hörende Konzert. Dass sie sich dabei alle Sentimentalitäten versagte, war mehr als konsequent. Doch manchmal schlug es fast in das Gegenteil um – dann schien sie vom sportlichen Aspekt zu sehr eingenommen. Aber das waren nur wenige Momente in einer Unzahl schöner Stellen. Und im beglückenden Zusammenspiel mit dem Orchester ergaben sie ein pittoresk anmutendes Panoram nordischer Klischees.
Doch wie so oft hatte sich die ROAM das Beste für den Schluss aufgespart: Die zweite Sinfonie von Jean Sibelius. Der in Schweden geborene Komponist ist ja soetwas wie derMeister der finnischen Musik überhaupt. Klangschönheit und Nervenkitzel wurden hier auf hohem Niveau zusammen geführt. Das, nunja, Großartige war aber eindeutig die Fähigkeit Heils, die Spannung über alle Brüche und Entladungen hinweg immer noch mehr anwachsen zu lassen. Und auch wenn das Orchester nun an mancher Stelle etwas an Präzision verlor – die Wucht und das Temperament, die ganz direkt zu hörende Freude der Musiker beim Spielen machte das allemal wett. Denn genau diese Mischung aus Engagement und formaler Klarheit, aus Formbewusstsein und Spielfreude sorgte unablässig für beachtliches Gänsehaut-Potenzial.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Es ist fast wie bei einer Familienfeier. Nur der Jubilar ist leider nicht erschienen. Das wäre auch seltsam, denn gefeiert wurde immerhin der 175. Geburtstag von Johannes Brahms. Die Musikhochschule hat dazu in die Villa Musica eingeladen. Besser gesagt: Hans Christoph Begemann hat gebeten. Und als formvollendeter Gastgeber begrüßt der Bariton Gäste selbstverständlich persönlich – und erläutert auch erstmal, wie das Programm richtig zusammengesetzt werden muss, damit die Liedtexte auch in der richtigen Reihenfolge stehen. Das war dann aber auch schon der einzige Fehler, der hier passierte.
Denn der Liederabend zu Ehren des Meisters gelang ihm ganz ausgezeichnet.Dafür hat er nicht ohne Plan im reichhaltigen Liedschaffen des Jubilars gewildert, sondern gezielt nach Liedern auf Texte von Georg Friedrich Daumer gesucht. Der wurde von Brahms zwar recht hoch geschätzt, von der Nachwelt aber kaum. Das ist durchaus verständlich, denn wirklich große Dichtung sieht ein wenig anders aus. Aber wie so oft tut das den Liedern, sobald sie erklingen, überhaupt keinen Abbruch.
Doch der vergessene Dichter stört in der Villa Musica niemanden. Denn der sympathischer Bariton lässt sich davon nicht weiter beeinflussen und legt seine nicht unbeträchtliche Kunstfertigkeit in den Vortrag. Mit seiner etwas körnigen Stimme, die weder zu finster noch zu strahlend klingt, ist er genau der richtige Mann, um den intimen Salon der Villa Musica prachtvoll auszufüllen. Vor allem aber, und das würde wohl Brahms und Daumer gleichermaßen erfreuen, sang er immer mit Gewicht und Nachdruck. Schließlich geht es ja auch um viel, um alles eigentlich: Sehnsucht, Liebe, Einsamkeit, Tod – die klassischen Liedthemen der Romantik eben.
Der ganz klare Höhepunkt in dieser Reihe war der Zyklus mit der Opus-Nummer 32, der Daumer und August von Platen zusammenführt. Begemann gelang es nämlich, die Spannung auch bei den altbekannten Liedern immer wieder neu aufzubauen: Alles ist ihm ernst, nichts geschieht leichthin – selbst Ironie und Witz sind Arbeit und künstlerische Anstrengung. Besonders sein zielgerichtetes Singen ermöglicht die volle Entfaltung jedes Liedes: Nie versäumt er es, den Kern in Angriff zu nehmen, nie lässt er die Zuhörer im Zweifel, nie bleibt er undeutlich.
Und Thomas Seyboldt unterstützt ihn dabei auf angenehm präzise, unaufdringliche Art nicht nur exakt, sondern auch genau im Ausdruck – und dabei immer sehr synchron mit seinem Sänger: „Nur dein Gefühl enthülle mir, dein wahres!“ heißt es dabei einmal. Das hätte ein wunderbares Motto für diesen Abend sein können. Aber der Geburtstag des Komponisten war eben naheliegender.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
