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Kategorie: kritik Seite 6 von 15

schostakowitsch pur (fast)

Es war ein gewag­ter Ein­stieg: Mit Schost­a­ko­witschs Vio­la-Sona­te begann das vier­te Kam­mer­kon­zert im Staats­thea­ter mit dem Schluss. Aber der exklu­si­ve Zuhö­rer­kreis im Klei­nen Haus gou­tier­te das Wag­nis mit beson­de­rer Auf­merk­sam­keit und sorg­sam gespitz­ten Ohren.

Mit der Sona­te für Vio­la und Kla­vier schrieb der fast Sieb­zig­jäh­ri­ge Schost­a­ko­witsch am Ende sei­nes Lebens einen gro­ßen Abschied mit lau­ter klei­nen Abschie­den. Die Zeit hat hier nur noch eine Rich­tung: In die Ver­gan­gen­heit. Mal­te Schae­fer und Eri­ka le Roux spie­len das mit vor­sich­ti­ger Sorg­falt, fast skru­pu­lös. Und sie neh­men sich bei­de recht stark zurück: Das soll nicht ihre Musik wer­den, allein der Kom­po­nis­ten hat das Wort. Des­halb scheint die Musik auch immer so über­aus klar und glä­sern. Eri­ka le Roux am Kla­vier ist eine tro­cke­ne, prä­zi­se Beglei­te­rin ohne die Selb­stän­dig­keit je auf­zu­ge­ben. Und Mal­te Schae­fer spielt schlank und gedämpft, zurück­hal­tend, aber in jedem Moment beseelt. Selbst gro­ße Ges­ten, selbst das letz­te Auf­bäu­men und selbst das wie­der­keh­ren­de heroi­sche Auf­wal­len bleibt bei die­sem Duo herr­lich pathos­frei. Statt­des­sen kon­zen­trie­ren sie sich ganz auf das per­ma­nen­te Pen­deln zwi­schen Zer­brech­lich­keit und Unbe­irr­bar­keit eines bewuss­ten Abschiedes.

Der Kon­trast zur Cel­lo-Sona­te ist ein Unter­schied wie zwi­schen Tag und Nacht – oder bes­ser wie zwi­schen Nacht und Tag. Es liegt ja auch mehr als ein hal­bes Künst­ler­le­ben zwi­schen der Vio­la-Sona­te und der Cel­lo-Sona­te. Jeden­falls ist letz­te­re schon grund­sätz­lich viel posi­ti­ver. Doch wie Judith Tie­mann und Eri­ka le Roux zeig­ten, ist das noch lan­ge nicht alles.

Forsch, aber mit Gespür für die dra­ma­ti­schen Augen­bli­cke ent­wi­ckel­ten sie die Mischung aus tra­di­tio­nel­len For­men und Gro­tes­ken Ein­fäl­len in einer recht groß­flä­chi­gen Dra­ma­tur­gie. Vor allem spie­len sie den für Schost­a­ko­witsch typi­schen schwar­zen Humor mit Knur­ren und Knar­zen wun­der­bar aus.

So rich­tig hei­le Welt gab es dann noch ein­mal mit Alex­an­der Zem­lin­skys Trio in d‑Moll. Vor allem natür­lich der mons­trö­se Kopf­satz wirk­te nach so viel Schost­a­ko­witsch fast sur­re­al – und ist doch alles ande­re als das: Der Glau­be an das Gute, Wah­re, Schö­ne funk­tio­nier­te hier noch unge­bro­chen. Doch so ganz glau­ben die drei Musi­ker das Zem­lin­sky auch schon nicht mehr. Das ver­riet sich in man­chen Sto­ckun­gen, im behut­sa­men Abmil­dern all­zu forsch opti­mis­ti­scher Pas­sa­gen. Doch letzt­end­lich las­sen auch sie sich von Zem­lin­skys Ima­gi­na­ti­on und Klang­bil­dern gefan­gen neh­men – das kann und darf bei die­ser Musik schon ein­mal pas­sie­ren und tut der Begeis­te­rung auch über­haupt kei­nen Abbruch.

kleines gebet, große wirkung (zumindest musikalisch)

Es sind nur 28 Tak­te. Aber sie sind ernst gemeint. Vid­man­t­as Bar­tu­lis„Mal­delé“ ist wirk­lich ein „klei­nes Gebet“ (so lässt sich „Mal­delé“ über­set­zen) – ein lei­ses aber inni­ges, ganz offen­bar von Her­zen kom­men­des Fle­hen und Bit­ten. 1995 hat der 1954 gebo­re­ne Litaue Bar­tu­lis sein „Gebet“ auf einen Text des litaui­schen Dich­ters Vale­ri­jus Rud­zins­kas kom­po­niert, jetzt ist es in der Rei­he „Neue Chor­mu­sik aus Litau­en“ beim Eres-Ver­lag, der auch sonst der bal­ti­schen Chor­mu­sik beson­de­re Auf­merk­sam­keit wid­met, erschienen.

Aus dem Beginn, einem kur­zen klang­ma­le­ri­schen Gemur­mel schält sich der Text her­aus. Für einen sicher vier­stim­mig sin­gen­den Chor (nur ganz kurz, näm­lich für zwei Tak­te, wird die Vier­stim­mig­keit zum acht­stim­mi­gen Chor auf­ge­teilt) ist das kei­ne beson­de­re Her­aus­for­de­rung. Bar­tu­lis ver­weilt durch­weg – mit mini­ma­len Aus­wei­chun­gen in die Moll­par­al­le­le – in ange­nehm sing­ba­ren G‑Dur. Kom­po­si­to­risch ver­folgt er offen­bar eine Stra­te­gie der tota­len Reduk­ti­on: Har­mo­nisch wird das Gebet fast aus­schließ­lich von Kaden­z­drei­klän­gen bestimmt, eine zusätz­li­che Quar­te ist schon das höchs­te. Auch sonst zeich­net sich „Mal­delé“ kon­se­quent durch sei­ne Schlicht­heit aus: Eine ein­fachs­te Repri­sen-Form, ganz leicht fass­ba­re Har­mo­nik, völ­lig unkom­pli­zier­te Melo­dik und Rhyth­mik – alle ste­hen sie ganz im Dienst des Betens, der fra­gen­den Suche nach dem gött­li­chen Licht, von dem der Text spricht.

Vid­man­t­as Bar­tu­lis: Mal­delé für gemisch­ten Chor. Eres Chor­edi­ti­on 3503 (Neue Chor­mu­sik aus Litau­en). 3 Sei­ten. 1,65 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008).

wolfgang haffners akustische formen

Er strei­chelt sei­ne Becken und Trom­meln sanft und zärt­lich wie den Kör­per einer Gelieb­ten: Wolf­gang Haff­ner liebt sein Instru­ment. Und er liebt sei­nen Beruf. Das ist ganz offen­sicht­lich, denn die Freu­de ist ihm bei sei­nem Auf­tritt im Frank­fur­ter Hof ins Gesicht geschrieben.

Viel­leicht war es ja auch die Gele­gen­heit, mit zwei alten Kum­pels zusam­men Musik zu machen. Jeden­falls haben sie eine Men­ge Spaß auf der Büh­ne. Damit sind sie nicht allein – auch das Publi­kum lässt sich das ger­ne gefallen.

Eigent­lich ist es zwar ein ganz klas­si­sches Jazz­trio, das der Schlag­zeu­ger sich zusam­men­ge­stellt hat. Aber sie sind erfri­schend eigen­stän­dig. Das liegt ganz wesent­lich an den Arran­ge­ments. Die bie­ten näm­lich so man­che Über­ra­schun­gen, wen­den sich hin und her. Aber sie füh­ren immer wie­der zu zen­tra­len Treff­punk­ten. Doch stets nur, um gleich wie­der neu auf­zu­bre­chen in unbe­kann­te Gefil­de. Und es liegt auch am Zusam­men­spiel: Jeder weiß genau, was die ande­ren gera­de tun – und was sie im nächs­ten Moment tun wer­den. Ent­spre­chend gut reagie­ren sie, ent­spre­chend per­fekt sind sie auf­ein­an­der abge­stimmt. Haff­ners Part­ner sind ja auch ech­te Kön­ner: Chris­ti­an Die­ner sorgt mit sei­nem Bass für mehr als ein soli­des Fun­da­ment: Er baut gleich noch ein gan­zes Haus dar­auf. Und Hubert Nuss ist sowie­so eine Klas­se für sich: Kaum einer ist am Kla­vier so raf­fi­niert viel­schicht, so gewandt-aus­drucks­stark und so sub­til wie er. Das ergibt in der Sum­me gera­de­zu eine Super­no­va explo­die­ren­der Ideen und Ein­fäl­le, Wen­dun­gen und immer wie­der neue Vor­stö­ße in unbe­kann­te Räu­me des Alls. Wah­re Ent­de­cker im unend­li­chen Kos­mos des Jazz.

Natür­lich ist die­se For­ma­ti­on stär­ker auf das Schlag­zeug kon­zen­triert als ande­re Tri­os. Aber Wolf­gang Haff­ner hat genug Geschmack, das nicht aus­zu­nut­zen. Egal in wel­chem Takt, er groovt aus­ge­spro­chen hef­tig. Über­haupt sind die drei alle mei­len­weit ent­fernt von jedem Ego-Geprot­ze. Und das obwohl sie noch nicht ein­mal hin­term Berg hal­ten mit ihrem Kön­nen und ihren Ideen. Die schei­nen ihnen näm­lich über­haupt nicht aus­zu­ge­hen. So kann dann auch eine ein­zi­ge Bass­li­nie die Stim­mung radi­kal ändern – oder ein ein­zi­ger Schlag im rich­ti­gen Moment auf die rich­ti­ge Trommel.

Davon gibt es eine gan­ze Men­ge. Denn Wolf­gang Haff­ner wird nicht müde, sein Kön­nen aus­zu­brei­ten und das Publi­kum immer noch ein­mal und noch ein­mal zu über­ra­schen und zu über­wäl­ti­gen. Und sogar bei der Zuga­be scheint er noch genau­so ver­liebt in sei­ne Becken und Trom­meln wie am Anfang.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

heinz benker: marianisches triptychon

Kraft­voll tönt es, das „Maria­ni­sche Tri­pty­chon“ von Heinz Ben­ker für 3 bis 5 glei­che Stim­men. Aber oft ist es doch ein wenig arg aka­de­misch gedacht, arg tro­cken kom­po­niert. Gut acht Minu­ten dau­ern die drei grund­sätz­lich drei­stim­mi­gen, nur stel­len­wei­se auf vier oder fünf Stim­men erwei­ter­ten Chor­sät­ze. Und doch zeigt sich in die­ser Zeit kaum Peso­nal­stil. So bleibt das alles also außer­or­dent­lich unschein­bar, in nahe­zu jeder Hin­sicht ohne spe­zi­el­len Anspruch. Denn auch von den Inter­pre­ten ver­langt Ben­ker damit kei­ne beson­de­ren Kunst­fer­tig­kei­ten. Das ist Musik für den kirch­li­chen All­tag, die der 2000 ver­stor­be­ne baye­ri­sche Schul­mu­si­ker hier vor­ge­legt hat – nicht mehr und nicht weni­ger. Im Gedächt­nis bleibt davon aller­dings wenig haf­ten. Zu wenig for­men sich Mari­en­glau­be, Mari­en­leid und Mari­en­lob näm­lich zu einem eigen­stän­di­gen, indi­vi­du­el­len Werk. Weder text­lich noch musi­ka­lisch zei­gen sich kla­re Posi­tio­nen, die die­ser Musik ihre schlich­te Bläs­se aus­trei­ben könn­ten. Doch im rich­ti­gen Kon­text, im pas­sen­den Umfeld mag das viel­leicht tat­säch­lich gut zu gebrau­chen sein und sich ent­fal­ten kön­nen – schwer zu rea­li­sie­ren ist es jeden­falls nicht.

Heinz Ben­ker: Maria­ni­sches Tri­pty­chon für 3–5 glei­che Stim­men. Schorn­dorf: Scho­ling-Ver­lag Nr. 449. 11 Sei­ten. 5,40 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008)

Sorg­falt geht dem Quar­tett über alles. Fast so, wie man es von Ban­kern und Bau­spa­rern erwar­tet. Denn die Vil­la Musi­ca hat mit dem von ihr geför­der­ten Streich­quar­tett Bian­co-Quar­tett einen Aus­flug von der Bas­tei ins Zen­trum gemacht. Scha­de nur, dass das offen­bar kaum jemand gemerkt hat: Das Foy­er der LBS blieb weit­ge­hend leer. Dabei hät­te sich ein Besuch durch­aus gelohnt. Denn das Bian­co-Quar­tett ist zwar noch sehr jung – sowohl das Ensem­ble als auch die ein­zel­nen Musi­ker –, aber den­noch schon erstaun­lich reif.

Der ers­te Beweis kam von Franz Schu­bert: Ernst­haf­tig­kei­te strahlt das Es-Dur-Quar­tett mit jeder ein­zel­nen Note aus. Mit weich abge­run­de­tem Klang und doch ordent­lich dosier­tem Druck ver­zich­te­te das Bian­co-Quar­tett auf jedes ober­fläch­li­che Auf­trump­fen. Sie ver­sag­ten sich aber auch ganz und gar dem Ver­sin­ken in der Gemüt­lich­keit: Stren­ge Nüch­tern­heit präg­te alle vier Sät­ze. Schu­bert als Klas­si­ker – das ist ein­fach Musik, und sonst nichts.

Das sel­ten gespiel­te ers­ten Streich­quar­tett von Peter Tschai­kow­sky mach­te dann eigent­lich noch deut­li­cher, auf wel­chem Niveau die vier unter­wegs sind. Beson­ders die Gleich­be­rech­ti­gung der Stim­men, für die das Streich­quar­tett immer wie­der gerühmt wird, nah­men sie wesent­lich wört­li­cher als dies vie­le Ensem­bles tun. Dadurch erhiel­ten die Mit­tel­stim­men und das Cel­lo ver­gleichs­wei­se gro­ßes Gewicht. Aber doch blieb ihre Geschlos­sen­heit und ihr aus­ge­wo­ge­ner Klang immer erhal­ten. Der visu­ell inspi­rier­ten Musik Tschai­kow­skys tat das sehr wohl: Immer wie­der neu lies­sen sie ihren Blick über das wei­te Land schwei­fen und mach­ten das Publi­kum auf neue Merk­wür­dig­kei­ten und Schön­hei­ten auf­merk­sam, ohne den beleh­ren­den Zei­ge­fin­ger zu benö­ti­gen. Und wie sie dann zart schmel­zend, fast ver­ge­hend die köst­li­sche Mischung aus Tris­tesse, Melan­cho­lie und eben immer auch einer Spur Hoff­nung, gespeist aus der Erin­ne­rung an ver­gan­ge­nes Glück, des Andan­te aus­brei­te­ten, das war hin­rei­ßend. Das Ende sol­chen Genus­ses ist immer schmerz­lich – aber mit dem def­ti­gen Fina­le, vom Bian­co-Quar­tett stel­len­wei­se fast derb zupa­ckend, die Bögen über die Sai­ten rei­ßend, gespielt, konn­ten sie dann genau die rich­ti­ge Dosis Tem­pe­ra­ment und orches­tra­ler Klang­pracht auf­bie­ten, um die Zuhö­rer wie­der zurück­zu­ho­len – zurück in die Wirk­lich­keit. Und selbst das gelang dem Quar­tett noch mit einer Ele­ganz, die den Ver­lust der Traum­welt schnell ver­ges­sen machte.

(gehört & geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

Die Sage von Undi­ne ist ein alter mytho­lo­gi­scher Stoff: Die Nym­phe Undi­ne, ein Was­ser­geist, kann nur durch Hei­rat eine See­le erlan­gen. Vor allem die Roman­ti­ker haben sol­che The­men geliebt und immer wie­der neu erzählt.

Aber das ist nur eine von vie­len Geschich­ten, die im Kon­zert­saal des Peter-Cor­ne­li­us-Kon­ser­va­to­ri­ums zu hören waren. Denn die Flö­tis­tin Rena­te Kehr hat mir ihrer Kla­vier­be­glei­te­rin Clau­dia Hölb­ling ein Pro­gramm aus­ge­ar­bei­tet, dass sich ganz auf den erzäh­len­den Aspekt der Musik kon­zen­trier­te. Und da war Carl Reine­ckes Undi­ne-Sona­te ein groß­ar­ti­ger Höhe­punkt. Groß­ar­tig nicht nur, weil schon Rei­ne­cke an nichts gespart hat: Aus­schwei­fen­de Har­mo­nik, ein­gän­gi­ge Melo­dien, raf­fi­nier­te Form – die Sona­te zeigt den Roman­ti­ker auf dem Höhe­punkt sei­nes Kön­nens. Und da stan­den die bei­den Dozen­tin­nen des PCK ihm in nichts nach: Weich und sanft flie­ßen die Was­ser, idyl­lisch erhebt sich die Nym­phe. Und das alles geschieht qua­si ein­fach so, ohne Anstren­gung, ganz locker und unauf­ge­regt. Selbst rasant-beweg­te Tei­le wie das Inter­mez­zo wir­ken dadurch fast bei­läu­fig. Auch das Feh­len gro­ßer Ges­ten und empha­ti­schen Pathos hilft, die Geschich­te die­ser Sona­te sehr non­cha­lant zu erzählen.

Auch Clau­de Debus­sy war ein gro­ßer Erzäh­ler. Sei­ne „Geschich­ten aus alter Zeit“ machen das ganz unmit­tel­bar deut­lich. Auch wenn sie wesent­lich abs­trak­ter blei­ben und ihre Inhal­te nur andeu­ten – das ist deli­ka­te Musik. Und die zar­te Raf­fi­nes­se, mit der sowohl Kehr als auch Hölb­ling das aus­kos­ten, macht die­se Stü­cke zu wah­ren Dia­man­ten: Stark kon­zen­triert und unter enor­men Druck hoch ver­dich­tet fun­keln sie mit­ein­an­der um die Wette.

Astor Piaz­zoll­as „His­toire du Tan­go“ stan­den dann für eine ande­re Vari­an­te des Erzäh­lens: Statt Geschich­ten wird jetzt Geschich­te geschrie­ben – die des Tan­gos natür­lich. Das mach­ten die bei­den zwar stil­echt mit Kas­ta­gnet­ten, aber lei­der auch etwas aka­de­misch. So blieb aus­ge­rech­net die Tanz­mu­sik recht tro­cken und steif. Doch selbst das konn­te den Genuss nur gering­fü­gig trü­ben. Denn es blie­ben die klang­li­che Bril­lanz und die per­fek­te Zusam­men­ar­beit der bei­den Musi­ke­rin­nen, die schon das gan­ze Kon­zert hin­durch überzeugten.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

an die sterne. schumanns weltliche chormusik

An die Ster­ne“ ist die ers­te CD mit Robert Schu­manns welt­li­cher Chor­mu­sik beti­telt, die das Orpheus Vokal­ensem­ble unter Cary Gra­den bei Carus vor­ge­legt hat. Ganz rei­chen die Sän­ger aber nicht ans Fir­ma­ment. Das 2005 gegrün­de­te Orpheus-Vokal­ensem­ble, des­sen ers­te Auf­nah­me die­se CD ist, über­zeugt näm­lich nur bedingt. Stö­rend wir­ken sich nicht nur das fast per­ma­nen­tes Über­ge­wicht der Frau­en­stim­men und die teil­wei­se auf­fal­lend mit­tel­mä­ßi­ge tech­ni­sche Prä­zi­si­on aus, irri­tie­ren­der sind vor allem an der Man­gel an Klang­dif­fe­ren­zie­rung und Cha­ris­ma. Dabei ist es ja wirk­lich nicht so, dass Schu­manns Chö­re fade Kost sind. Die „Fünf Lie­der“ op. 55 (auf Gedich­te von Robert Burns) sind zum Bei­spiel ganz aus­ge­zeich­ne­te klei­ne Kost­bar­kei­ten. Und hier zeigt dass Orpheus-Vokal­ensem­ble auch, dass es durch­aus fähig ist: Die­se fünf Lie­der sind wirk­li­che klei­ne glit­zern­de Sterne.

Und musi­ka­li­sches Ein­füh­lungs­ver­mö­gen beweist der Chor unter Gary Gra­den (und auch der beglei­ten­de Pia­nist, Kon­rad Elser) immer wie­der in über­ra­schen­dem Maße – das macht vie­les wett. Es ist aber schon auf­fal­lend, dass gera­de die getra­ge­nen, lang­sa­men Lie­der (fast) immer bes­ser sind als die beweg­ten, mehr Gespür für Atmo­sphä­re und Klang­sinn verr­ra­ten. Und je kom­ple­xer die Kom­po­si­tio­nen wer­den, des­to bes­ser wird auch der Chor – wie die beson­ders plas­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on der „Vier dop­pel­chö­ri­gen Gesän­ge“ op. 141 sehr deut­lich zeigt. Gera­de der Wech­sel zwi­schen aus­ge­spro­chen kunst­vol­len Chor­sät­zen und volks­lied­haft ein­fa­chen Chor­lie­dern, der die gan­ze Band­brei­te des cho­ri­schen Wer­kes Schu­manns auf­zeigt, macht aber den beson­de­ren Reiz die­ser Samm­lung aus.

Robert Schu­mann: An die Ster­ne. Welt­li­che Chor­mu­sik I. Orpheus-Vokal­ensem­ble. Kon­rad Elser, Kla­vier. Lei­tung. Gary Gra­den. Carus 83.173.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, janu­ar 2008)

franz lachner: requiem f‑moll op. 146

Fast das gan­ze 19. Jahr­hun­dert hat er durch­lebt, von der Beet­ho­ven- und Schu­bert-Zeit bis zum Wag­ner-Wahn. Aber nicht nur bio­gra­phisch ist Franz Lach­ner fest in die­sem Zen­ten­ari­um ver­an­kert. Auch sei­ne Musik ist unbe­dingt, mit jeder Faser ihres Wesens, ihm ver­bun­den. Dazu gehört auch die Ver­pflan­zung der Kir­chen­mu­sik in den Kon­zert­saals: Sein Requi­em f‑Moll op. 146 hat er aus­schließ­lich außer­halb des Got­tes­hau­ses auf­ge­führt. Es ist auch unbe­dingt ein sin­fo­ni­sche gedach­tes und grun­dier­tes Werk – zugleich aber auch (noch) eine nach­denk­li­che, lei­se Toten­fei­er. Gera­de die­se Ver­bin­dung macht den Reiz des Requi­ems aus, das jetzt in einer Welt­er­stein­spie­lung mit Chor und Orches­ter der Kam­mer­so­lis­ten Augs­burg unter Her­mann Mey­er vorliegt.

Die Musi­ker keh­ren aller­dings die sach­li­chen, nüch­ter­nen Aspek­te viel­leicht etwas zu sehr her­vor: Gera­de Abschnit­ten wie dem gran­di­os-mit­rei­ßen­den „Dies irae“ fehlt es doch an Pathos und gro­ßer Ges­te. Dafür gibt es aber reich­lich Ent­schä­di­gung: Die Toten­mes­se hat in die­ser Auf­nah­me viel Dri­ve und schwung­vol­le Fri­sche – jedes biss­chen Schwulst wird mit dem Pathos eben auch radi­kal aus­ge­merzt. Chor und Solis­ten sind alle­samt aus­ge­spro­chen soli­de Musi­ker. Nur scheint die Angst, sich dem Gefühl hin­zu­ge­ben, eben manch­mal über­hand zu neh­men. Denn Lach­ners Requi­em hat unend­lich vie­le wun­der­schö­ne Stel­len, die genau das erfor­dern: Viel Gefühl. Trotz­dem hat auch die­se Auf­nah­me wun­der­ba­re Sei­ten. Etwa das herr­li­che Lacri­mo­sa mit den Figu­ra­tio­nen der Solo-Vio­la: ein ech­tes Schmuck­stück, ein rei­nes Ver­gnü­gen. Oder das weit aus­ho­len­de, himm­li­sche ruhe ver­strö­men­de Sanc­tus. Auch das ist hier, auf die­ser CD, ein­fach herr­lich anzuhören.

Franz Lach­ner: Requi­em in f‑Moll op. 146. Kam­mer­so­lis­ten Augs­burg, Her­mann Mey­er. Carus 83.178 (CD/​SACD)

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008)

franz m. herzog: bekentnisse

Josef Hopf­gart­ner muss man nicht unbe­dingt ken­nen – als Lyri­ker war der Ober­kärnt­ner eher unbe­deu­tend. Aber wie so oft reicht sein mit­tel­mä­ßi­ges Talent aber, um Vor­la­gen für gute und schö­ne Lie­der oder Chor­sät­ze zu lie­fern. Genau das hat Franz M. Her­zog auch mit zwei Gedich­ten Hopf­gart­ners getan: Bekennt­nis­se fasst zwei Chö­re für gemisch­te Ensem­bles zusam­men. Das ist zum einen „Auf­schrei“, das die beklem­men­de, bis zur Ver­zweif­lung getrie­be­ne Qual der Inspi­ra­ti­on des Dich­ters in expres­si­ve Töne setzt. Her­zog ent­fal­tet aus ein­fa­chen Mit­tel star­ke expres­si­ve Kraf, gip­felnd in den mehr­fa­chen Sekund­rei­bun­gen zu den im for­tis­si­mo gespro­che­nen Schluss­zei­len der Verzweiflung.

Auch „Stun­de in die Nacht“, der zwei­te Teil der „Bekennt­nis­se“ ist kei­ne leich­te Kost – und den­noch sehr gegen­sätz­lich. Denn hier geht es weder Hopf­gart­ner noch Her­zog dar­um, einem Gefühl Aus­druck zu velei­hen. Hier, wo es um den Zustand des unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Tod geht, schon fast auf­ge­ho­ben ins Jen­seits, zäh­len nur noch Stim­mun­gen und Ein­drü­cke. Ent­spre­chend sym­bo­lisch gibt sich die Musik, mit Cho­ral-Anklän­gen, ver­ton­ten Glo­cken­schlä­gen und schein­bar ewi­gem Krei­sen. Lan­ge lie­gen­de Klän­ge im acht­stim­mi­gen Satz kom­bi­niert der Kom­po­nist mit frei dekla­mier­te Uni­so­no-Pas­sa­gen. Die geflüs­ter­ten Schluss­ver­se ver­stärk­ten das bedroh­li­ches Sze­na­rio noch zusätz­lich: Eine kunst­vol­le Inspek­ti­on der Innerlichkeit.

Franz M. Her­zog: Bekennt­nis­se. Für gemisch­te Stim­men divi­si a cap­pel­la nach Gedich­ten von Josef Hopf­gart­ner. Inns­bruck: Helb­ling 2005. HI-C5522. 18 Sei­ten. 4,20 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Febru­ar 2008)

franz m. herzog: missa

Mit sei­ner 2004 in Graz urauf­ge­führ­ten Mis­sa für Chor, Sopran und Per­cus­sion knüpf­te Franz M. Her­zog auf unter­schied­lichs­te Wei­se an die lan­ge Tra­di­ti­on der Mess­ver­to­nun­gen an und ver­such­te, die­se modern und eigen­stän­dig zugleich wei­ter­zu­füh­ren. Eigent­lich ist sie für kon­zer­tan­te Situa­tio­nen gedacht, der Kom­po­nist kann sich aber auch Auf­füh­run­gen der Ein­zel­sät­ze im lit­ur­gi­schen Rah­men zu Recht gut vor­stel­len. Ins­be­son­der das Kyrie und das Glo­ria bie­ten sich hier­für beson­ders an, ger­ne auch zusam­men. Denn in die­sen bei­den Tei­len ver­zich­tet Her­zog sowohl auf das Sopran-Solo als auch auf den Ein­satz von Schlag­werk, so dass zwei rein a‑cappella gesetz­te Mess­tei­le bleiben.

Das senkt den Anspruch frei­lich kaum. Denn Her­zog macht es dem Chor nicht beson­ders leicht. Poly­rhyth­mik exzes­si­ve Sekund­rei­bun­gen in oft ato­na­ler Umge­bung mit wech­seln­den tona­len Zen­tren – das for­dert schon ein sehr siche­res Ensemble.

Das Kyrie zeigt sich dabei von Beginn an als typi­sches Werk aus Her­zogs Feder. Und das heißt, es ent­fal­tet mit eigent­lich recht ein­fa­chen kom­po­si­to­ri­schen Mit­teln eine ein­dring­li­chen Ton­spra­che, die schon vom ers­ten Ton an wirkt. Hier ist es das mehr­fach wie­der­hol­te rhyth­mi­sche Pochen des „Kyrie elei­son“, das lang­sam in den Frau­en­stim­men Span­nung auf­baut. Der Bass löst das mit einer expres­siv gegen die­ses klop­fen­de Bit­ten gesetz­ten Melo­die auf. Und das Gan­ze wird dann noch in ver­schie­de­nen Kon­stel­la­tio­nen durch­ge­spielt und schließ­lich mit einer medi­ta­ti­ven Sekund­schich­tung des „Chris­te“ wir­kungs­voll kon­tras­tiert. Zum Schluss wird der mehr­fach geteil­te Chor wie­der in Bewe­gung ver­setzt und zu den Mus­tern des Beginns zurückgeleitet.

Das Glo­ria knüpft mit sei­nem schritt­wei­se auf­ge­bau­ten Clus­ter der Ein­lei­tung noch ein­mal an den Mit­tel­teil des Kyrie an. Mit ver­schie­de­nen Model­len der Imi­ta­ti­on und Schich­tung, mit viel­fäl­ti­gen Bezü­gen zum Kyrie und zu bereits eta­blier­tem Mate­ri­al aus dem Glo­ria sorgt Her­zog auch hier für abwechs­lungs­rei­che Klang­we­ge. Die Span­nung des expres­si­ven Glo­ri­as ist dabei frei­lich immer und aus­schließ­lich auf den Schluss gerich­tet: Der flüs­sig ent­wi­ckel­te Chor­satz gip­felt selbst­ver­ständ­lich im abschlie­ßen­den „Amen“. Ein ein­drucks­voll klin­gen­des zeit­ge­nös­si­sches Doku­ment gemä­ßig­ter Moderne.

Franz M. Her­zog: Kyrie aus Mis­sa für Chor, Sopran-Solo, Per­cus­sion für gemisch­te Stim­men (SATB divi­si). Inns­bruck: Helb­ling 2006. 14 Sei­ten. 4,50 Euro.
-: Glo­ria aus Mis­sa für Chor, Sopran-Solo, Per­cus­sion für gemisch­te Stim­men (SATB divi­si). Inns­bruck: Helb­ling 2006. 18 Sei­ten. 4,50 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, März 2008)

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