Die ersten Töne kennt wahrscheinlich jeder im ausverkauften Großen Haus des Staatstheaters. Tschaikowskijs erstes Klavierkonzert ist ein ewiger Hit, der immer für volle Säle sorgt. Vor allem, wenn er von einer Pianistin wie Evgenia Rubinova – auch in Mainz keine unbekannte Größe mehr – vorgetragen wird. Die ersten Töne also. Sie sind nicht nur ein Zeichen des Werkes, sondern sie zeigen auch immer schon sehr deutlich die Richtung, die die Interpreten nehmen. Im Staatstheater werden mehrere Dinge erkennbar. Einmal wird hier mit großer Genauigkeit und wirklicher Lust am differenzierten Klang musiziert. Andererseits der Klang an sich: Schon die ersten Töne der Pianisten zeigen ihre geschmeidige Kraft, ihre Fähigkeit, aus dem simplen Flügel eine Unzahl an Klangvariationen aufsteigen zu lassen. Und schließlich die Versenkung in die Tiefen der imaginären Welt des Klavierkonzertes. Das sind alles altmodische, fast selbstverständliche Tugenden, die gerade bei diesem Konzert viele Musiker aber auf dem Altar der oberflächlichen Brillanz opfern. Nicht so dieses Duo an den Tasten und auf dem Pult. Und das nicht aus Verlegenheit. Gerade die beiläufige Nonchalance, mit der Rubinova sich der virtuosen Passagen entledigt, zeigt ihre Fähigkeiten. Aber ihr geht es eben um etwas anderes: Um die subtilen Klangfelder und ihre vielfältigen Strömungen, die aus dem radikal nach innen gewandten Kampf zwischen Orchester und Soloinstrument erwachsen. Die Genauigkeit, mit der sie sich dem poetischen Feinzeichnen hingibt, bringt immer wieder erstaunliche Ergebnisse und richtige Entdeckungen hervor. So unmittelbar lebendig und andächtig-imitfühlend hört man das Sehnen, die nie an ihre Ziel kommende Suche nach Verheißung und Erlösung aus der Ungewissheit nur selten.
Die zweite Konzerthälfte kehrte die Verhältnisse vollkommen um. Zumindest was die Bekanntheit der Musik angeht: Sergej Rachmaninows „Sinfonische Tänze“, seine letzte Komposition, dürften nur die wenigsten kennen – zumal das Philharmonische Staatsorchester sie hier zum ersten Mal spielt. Das ändert aber wenig an der Hingabe, mit der Catherine Rückwardt den Fluss dieser Musik ausbreitet. Und es ist nicht ganz einfach, das zusammenzuhalten. Aber es gelingt ihr trotz der kleinteilig aufgelösten Struktur und der sehr abwechslungsreichen Instrumentation. Denn statt den momentanen Nervenkitzel und Ohrenschmeicheleien zu erliegen, hält sie das kunstvolle Gleichgewicht immer aufrecht. Und damit kommt Rachmaninow genauso zu seinem Recht wie Tschaikowskij.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)
Kategorie: kritik Seite 4 von 15
„Candy Store“ steht in großen Buchstaben über der Bühne geschrieben. Aber das ist irreführende Werbung. Denn was hier über die Bühne geht, ist alles andere als süß. Die niederländische Saxophonistin Candy Dulfer ist es, die mit ihrer Band den Frankfurter Hof aufmischt.
Nach längerer Abstinenz ist die Meisterin des Funk mal wieder in Mainz. Und kaum steht sie auf der Bühne, geht die Party auch schon los. Denn das ist nichts zum Zuschauen, jeder Groove geht in die Beine: Diese Funkattacke würde auch hartgesottene Partymuffel überwältigen – wenn denn welche da wären. Denn die Party findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch davor. Kein Wunder – schließloich präsentieren sich die Musiker vom ersten bis zum letzten Ton energiegeladen und spaßgetrieben. Das ist sozusagen die perfekte Novembermusik.
Dafür bedient sich Candy Dulfer wieder einmal ausgiebig vom reichhaltigen Funkbuffett. Trotz der Fülle schmeckt es aber ausgezeichnet. Oder gerade deswegen. Denn das ist alles andere als ein chaotisches Sammelsurium. Sondern eine perfekt abgestimmte Menüfolge. Nicht ohne Verdienst daran ist die Crew, die die Chefköchin Dulfer unterstützt. Das Zusammenspiel ist ausgesprochen dicht. Deutlich wird das noch einmal, wenn sie für das Finale einen großartigen Groove über mehrere Minuten schön sorgsam von unten Stück für Stück, Instrument für Instrument aufbauen – da bleibt niemand unberührt, da kocht der Saal beinahe über. Es ist aber auch wirklich ein Groove der Extraklasse, der dabei herauskommt. Und damit passt er genau zum krönenden Abschluss. Denn wenn etwas bezeichnend für Dulfer und ihre Band ist, dann ist es die Fähigkeit, alles und jedes grooven zu lassen.
Ein bisschen etwas Wahres ist also doch dran, an der Verheißung eines „Candy Stores“: Denn die Menge an Zutaten, die vielen Auswahlmöglichkeiten, von denen sich Candy Dulfer und ihre Band bedienen könne, erinnern schon an die überwältigenden Möglichkeiten eines Süßwarenhandels. Einen Zuckerschock bekommt man davon allerdings nicht. Und außerdem ist so ein Konzert auch noch besser für die Figur.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung). was nicht drin steht: der ziemlich mäßige sound im hinteren teil des saales – trotz oder wegen der ziemlich heftigen lautstärke …
Es war kein reines Zuckerschlecken, das zweite Sinfoniekonzert im Mainzer Staatstheater. Aber dafür ein großartiges Erlebnis. Und das aus vielen Gründen. Zum einen wäre da die Solistin, die Cellistin Tatjana Vassiljeva. Schon die ersten Töne des hochvirtuosen ersten Violoncello-Konzertes von Dimitri Schostakowitsch setzten Maßstäbe, denen Tatjana Vassiljeva auch durchweg gerecht wird. Der ganze erste Satz ist ein einziger atemloser Spurt, den die Russin mit grenzwertigem Druck und mit bis zum Zerreißen angespannter Konzentration absolviert. Über den stärker singenden, aber immer noch sehr fokussierten zweiten Satz bis in die funkensprühende Rasanz und kristallne Klarheit der Kadenz bis zur intensiven Dichte des Schlusses reicht die Anspannung in einem einzigen großen Bogen.
Der zweite Grund für das besondere Gelingen des Konzertes war das Philharmonische Staatsorchester. Denn die boten deutlich mehr als übliche Routine. Die klangliche Geschlossenheit und einsatzfreudige Hingabe, mit der die Musiker spielten, beflügelte nicht nur Schostakowitschs Konzert, sondern auch und vor allem die vierten Sinfonie von Jean Sibelius.
Und die führt auch schon direkt zum eigentlichen Zentrum des Abends: Arvo Volmer. Denn vor allem an ihm lag es, dass die vierte Sinfonie zu so einem Erfolg wurde. Ihm gelingt es nämlich scheinbar ohne besondere Anstrengung, die vielen, nach allen Seiten ausgreifenden Episoden dieser Musik immer fest zusammen zu schweißen. Und darüber hinaus, diese Einheit auch noch ganz natürlich und organisch wirken zu lassen. Das ist zwar in jedem Moment sehr gut bedacht, aber nie bedächtig. Denn auch wenn er sich durchaus Zeit für die genau ausgearbeitet Entfaltung der Musik und ihrer Form nimmt – langweilig wird das nie. Das liegt vor allem daran, die Einheit seiner Interpretation der inneren Logik der Sinfonie sehr genau folgt. Sie behauptet nie eine heile Welt, sondern vermittelt auf verblüffend deutliche und übersichtliche Weise ganz viel: Die Erfahrungen und Einsichten des Komponisten in den Zustand der Welt und das Wesen der Moderne. Das geht weit über bloß anregende Unterhaltung hinaus und ist alles andere als harmlose, beliebige Kunst – aber dafür umso lohnender. Vor allem, wenn es so deutlich und überzeugend musiziert wird wie im Staatstheater.
so, ersteinmal der „offizielle” text, den ich für die mainzer rhein-zeitung geschrieben habe:
Motorräder kommen im klassischen Konzertleben recht selten vor. Aber andererseits sind auch Posaunenkonzerte im traditionellen Repertoire eher dürftig gesät. Was liegt also näher, als diese beiden Seltenheiten zur potenzierten Unwahrscheinlichkeit zu kombinieren?
Der Posaunist Christian Lindberg hat keinen Hinderungsgrund gefunden. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: Um das „Motorbike Concerto” von Jan Sandström so richtig authentisch aufzuführen – schließlich ist es eigens für ihn komponiert worden – schlüpft er sogar in eine passende Motorradkluft. Nur das Motorrad fehlt also noch in der Rheingoldhalle. Aber zusammen mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und deren Dirigenten Ari Rasilainen entfaltete Lindberg immerhin eine täuschend echte Geräuschkulisse.Das Motorrad, das Lindberg hier eloquent und mit vollem Einsatz verkörpert, dröhnt und röhrt, quietscht und braust durch die diversen Landschaften. Sehr pittoresk ist das alles, serviert immer mit einem gehörigen Schuss Komik. Denn Sandström hat hier Programmmusik reinsten Wassers geschrieben. Bekanntermaßen ist ja ein Motorrad mehr als ein bloßes Fortbewegungsmittel, sondern ein regelrechter Lebensstil. Und auf Tour bekommt so einiges mit – so viel, dass auch das „Motorbike Concerto” noch nach allen Seiten von Eindrücken und Einfällen überquillt.1
Ganz im Gegensatz dazu dann der Klassiker überhaupt, Beethoven. Und gleich noch seine „Über&”-Sinfonie, die Fünfte. Hochtrabende und gewichtige Deutungen umranken und überwuchern das Werk seit der Uraufführung vor ziemlich genau zweihundert Jahren. Aber das schein Rasilainen gar nicht so sehr zu bekümmern. Ohne besonders übereifrige Überhöhung nimmt er sie erst einmal einfach als das, was sie schließlich ist: Musik. Und so offen bleibend, ohne der Vagheit anheim zu fallen, entwickelte die Staatsphilharmonie ein sehr geschlossenes Klangbild. Der Dirigent profilierte sich als fließender Erzähler, der ganze Lebensentwürfe und Geschichten entfaltet.2 Ohne Zweifel oder auch nur das leiseste Zögern überstehen die selbst die harten Konfrontationen mit der Realität im dritten Satz. Und immer wieder überwältigend ist natürlich die Wucht dieses unzerstörten Glaubens an die Kraft des Individuums, die das Finale unter der herrisch gebietenden Hand des Dirigenten entfaltet. Und auch wenn die Staatsphilharmonie ausgerechnet auf der Zielgeraden, in den letzten Takten, das Ende schon vorwegnimmt und deutlich an Präzision und Klarheit verliert, bleibt das Zusammenwirken aller Kräfte selbstverständlich immer noch triumphal – anders kann Beethovens Fünfte gar nicht enden.3
Gefühl ist Trumpf, ohne Gefühl geht hier gar nichts. Salome Kammer kann sich das aber auch leisten. Denn die Sopranistin – den meisten eher als Schauspielerin aus den „Heimat“-Filmen bekannt – ist ohne weiteres in der Lage, zwei Stunden über und mit Gefühl zu singen, ohne der Langeweile oder der Eintönigkeit den Hauch einer Chance zu geben.
Lieder auf Texte von Brecht hat sie sich ausgesucht, von Kurt Weill und Hanns Eisler. Der Abend steht, als Teil des Begleitprogramms zur Austellung „Das vedächtige Saxofon – ‚Entartete Musik’ im NS-Staat“, unter dem Titel „Lieder aus der Heimat – Lieder in der Fremde“. Aber darum geht es gar nicht so sehr. Das erzwungene Exil von Dichter und Komponisten, die Erfahrung der Fremde und der Unsicherheit – all das steht für Kammer und ihren Begleiter Rudi Spring gar nicht unbedingt im Zentrum des Programm. Denn den Mittelpunkt hat ganz eindeutig die Unterhaltung besetzt. Das ist zwar ein kleiner Etikettenschwindel. Aber kein schlimmer – denn wer so gut unterhalten kann wie diese beiden Musiker, der sollte das auf jeden Fall möglichst häufig tun. Wesentliche Ingredienz für den Erfolg ist die große Vielfalt. Und zwar in jeder Hinsicht: Von der Auswahl der Lieder bis zur stimmlichen Umsetzung und angedeuteten szenischen und mimischen Präsentation – Langweile hat hier im Ratsaal überhaupt keine Chance.
Aber auch die Sentimentalität nicht. Denn Salome Kammer wird nie gefühlsduselig. Auch bei den großen Hits von Brecht/Weill, der Seeräuber-Jenny etwa oder „Und was bekam des Soldaten Weib“ zeichnet sich die Sängerin vor allem durch die chamäloenhaftige Verwandlungen ihrer Stimmungen aus, die sehr genau treffen.
Noch etwas konzentrierter, fokussierter – und deshalb auch wirkungsstärker – sang sie die Eisler-Lieder. Vor allem bei der Auswahl aus dem Hollywood-Liederbuch konnte sie die knappen, trotz ihrer kunstvollen Form sehr aufs Wesentliche reduzierten Lieder stark machen, sie vital und charmant vibrieren lassen.
Hier war das Duo ohne Zweifel am stärksten. Aber gerade hier stellte sich manchmal doch die Frage: Nimmt Salome Kammer das nicht alles ein wenig locker? So anregend es immer wieder ist, ihr zuzuhören und zuzuschauen – manches Lied hat komplexere Inhalte und mehr zu entdecken, als sie ihm zugestehen will. Denn bei allem Witz und bei aller Raffinesse, die Brecht und sowohl Weill als auch Eisler immer wieder versprühen: Alle diese Lieder sind bis auf ihren Kern geprägt von den tragischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, wie sie ihre Schöpfer miterlebten. Doch dieses Stimmung und dieses Gefühl wollten Kammer und Spring nicht mit ihrem Publikum teilen.
geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.
Internationale Pianisten aus Deutschland – nein, das ist kein Widerspruch. Denn alle Künstler, die der SWR für die zehnte Auflage seiner Konzertreihe „Internationale Pianisten“ nach Mainz holt, sind weit über die Grenzen ihres Heimatlandes erfolgreich. Auch Markus Groh, der die Jubiläumssaison im Frankfurter Hof eröffnen durfte. Und Erfolg hat er zu recht: Sein Mainzer Auftritt zeigt den jungen Pianisten als Musiker von Rang. Und auch als Rebell, der zwar im konventionellen Frack kommt, auf seinen Pferdeschwanz aber auch nicht verzichtet. Dieser Akkord von Aufbegehren und Tradition ist allerdings mehr als eine bloße Äußerlichkeit, er prägt sein Spiel durch und durch.
Denn er sucht sich immer seinen eigenen Weg – ob es um die „Drei Intermezzi“ von Brahms geht, um eine Beethoven-Sonate oder um Erwin Schulhoffs „Cinq Études de Jazz“: Konventionen sind für ihn nie selbstverständlich, sondern müssen erst einmal auf den intellektuellen und musikalischen Prüfstand. Denn das ist die andere Seite von Markus Groh: Er ist nicht nur ein gestandener Virtuose. Im Gegenteil, die gewandte Beherrschung der Klaviertechnik ist reine Nebensache. Ihm geht es immer auch darum, die Strukturen der Kompositionen hörbar zu machen, möglichst jeden einzelnen Ton – und wirklich jeden ganz für sich – so zu spielen, dass sein Publikum quasi mit dem Mikroskop und dem Fernglas gleichzeitig auf das Werk schauen kann. Und das gelingt ihm ohne Zweifel. Die Brahmsschen Intermezzi sind selten so klar, so vollkommen logisch und nachvollziehbar zu hören. Dafür haben sie bei anderen Pianisten mehr Gefühl, mehr emotionalen Überschwang. Denn Groh bleibt immer sehr cool. Beethovens G‑Dur-Sonate op. 31/1 verliert im Zuge dessen ziemlich viel von ihrem Esprit und Humor.
Die italienische Abteilung der „Années de Pèlerinage“ von Liszt dagegen berührt ihn hörbar viel mehr. Hier gibt es auf einmal Momente, in denen sich Groh in der Musik fast zu verlieren scheint, in denen er vollkommen aufgeht im Klang – das gab es vor der Pause so nicht. Überhaupt der Klang: Da hat er einiges zu bieten, wenn er will. Vor allem die Präzision, mit der er die sanft gleitenden Übergänge gestaltet, ist faszinierend. Und seine dynamischen Fähigkeiten beeindrucken mit einer fast unerschöpflichen Differenzierung und Genauigkeit. Doch die Hingabe, mit der Groh Liszt entfaltet, verleitet ihn dennoch nie zu emotionalen Kurzschlüssen: Immer bleibt seine großen Stärke, seine Fähigkeit, der Musik kristallne Klarheit zu schenken etwa, ungebrochen. Und das ist so großartig, dass er trotz seines langen Programmes natürlich nicht ohne Zugaben von der Bühne darf.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Carl Orffs „Carmina Burana“ ist die klassische Komposition schlechthin. Und wenn es mit diesem Renner auf dem Programm schon ein populäres Konzert wird, dann auch richtig: Also koppelte Joshard Daus Orffs größten Hit noch mit Sergej Prokofjews „Peter und der Wolf“. Damit ist ein ausverkauftes Haus quasi doppelt garantiert. Die Rheingoldhalle war dann beim Semesterabschlusskonzert des Collegium musicum auch bis auf den letzten Platz besetzt.
Zwei Kracher standen also an. Und genau so liess es der Dirigent des Universitätsorchesters auch spielen: Krachend. Das klappte mal mehr, mal weniger gut.
„Peter und der Wolf“ lebte in der Rheingoldhalle vor allem von sympatisch-bärbeißigem Erzähler Dirk Schortemeier, der mit sonorer Stimme und gelassenem Understatement für Ordnung sorgte. Daus übte sich derweilen in größtmöglicher Zurckhaltung. Immerhin konnte das Collegium musicum mit gut vorbereiteten Bläsersolisten aufwarten. Sonst blieb die klangliche Seite des musikalischen Märchens aber blass und unauffällig, ganz ohne Pepp oder Funkeln: Denn wirklich brillieren konnte das Orchester damit nicht.
Die „Carmina Burana“ leben zu einem großen Teil von ihren Massen. Auch auf der Bühne wird es mit Chor und Orchester des Collegium musicum dabei recht eng. Aber dass Daus es nicht schafft, ohne auswärtige Unterstützung auszukommen und sowohl Schlagwerker als auch den Kinderchor DOREMI aus Mannheim einladen musste, ist schon seltsam.
Man könnte diese klanglichen Massen Orffs allerdings auch differenzieren. Daus machte sich diese Mühe nicht. Am wohlsten fühlte er sich im fortissimo, das er immer wieder breit und massiv auslebte. Dieser platte, einseitige Zugang wird Orff zwar nicht ganz gerecht. Der eine Aspekt, die Überwältigung durch Kraft und freudige Erregung, der gelang ihm aber überzeugend. Raum für klar strukturierte Abläufe blieb da allerdings nur selten. Am ehesten waren sie noch in den Chorpartien zu hören – die Vokalisten schienen allein für subtilere Klangabstufungen zuständig zu sein. Die Solisten unterstützten ihn dabei recht harmonisch. Besonders der Bariton Wolfgang Newerla tat sich neben dem Tenor Daniel Sans und der Sopranistin Stefanie Dasch hervor: Durch die stimmliche und theatralische Verköperung der Rolle, die zwar vor Derbheiten – etwa in seinem Auftreten als spielender Säufer – nicht frei blieb, daneben aber auch noch viel Raum für feine Abstufungen und geschickt gesetzte Akzente ließ. Auch populäre Musik bietet nämlich Raum und Möglichkeiten für kunstvolle Ausgestaltung.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Sanft dröhnen die Klangflächen in den Mainzer Kammerspielen, hin und wieder durchschnitten von Textschnipseln und instrumentalen Fragmenten. Über die Video-Leinwand flimmern unterdessen verschwommene Formen, tanzen helle Kreise und abstrakte Gebilde: Die „Visionen“ beginnen schon vor dem eigentlich Anfang. „Apokalypse“ hat Peter Kiefer seine dem Programm der Musikhochschule vorgeschaltete Klangsinstallation betitelt – es ist aber ganz harmlos: Weich umfängt das Soundgewebe das Publikum, stimmt es ein auf die Höllenfahrt mit Dante. Denn darum geht es: Um „Gesänge – Bilder – Klänge“, wie es der Titel verheißt, zu Dantes Göttlicher Komödie.
Begleitet von einigen wenigen, kurzen Ausschnitten aus der epochemachenden Dichtung, die Karl Jürgen Sihler dramatisch aufgeladen rezititert, hat Claudia Eder ein Panoptikum nicht nur des Besuchs in Fegefeuer und Hölle, sondern auch der Musikgeschichte kreirt. Von der frühen Vokalmusik der Renaissance bis in die Gegenwart, bis zu Boris Blacher und Siegfried Matthus reicht der Bogen. Und Peter Kiefer hat nicht nur die Klanginstallation, die die einzelnen Wegpunkte verbindet, beigesteuert, sondern auch noch eine Uraufführung: „Casella – Douze Points“ heißt sein Werk, das Christian Rathgeber zum Klingen brachte. Geloopte Rhythmen und vokale Klänge vereinen sich hier zu einer dichten Schichtung.
Auch sonst steht die vokale Kunst in vieler Gestalt ganz im Mittelpunkt. Die Sopranistin Min-Su Kim etwa verleiht Gaetano Donizettis „Pia de’ Tolomei“ nicht nur ihre große dramatische Stimmgewalt, sondern auch gleich noch die passende Gestik und Mimik direkt aus dem 19. Jahrhundert. Das war Jasmin Etezadzadeh nicht möglich. Denn „Francesca da Rimini“ von Boris Blacher ist noch gar nicht so alt. Nötig war es ihr auch nicht. Zusammen mit dem souveränen Geiger Thomas Aufleger reicht die intensive Überzeugungskraft ihres Soprans ganz und gar für diese theatralisch-erzählende Musik aus.
Dazwischen standen nicht nur die verbinden Texte und Kiefers Klangscharniere, sondern auch noch Gregorianische Gesänge, die in ihrer scheinbaren Zeitlosigkeit immer wieder einen Hauch Ewigkeit in den düsteren Kammerspielen beschwörten. Und im Hintergrund liefen die Videos von Christoph Brech auch immer weiter und weiter – bis zur Auflösung in reine Farbflächen am Schluss. Das Finale, die Ankunft im Paradies, war auch musikalisch besonders eindrücklich. Schon Claudio Merulos Madrigal „Vergine Madre“ trugen die jungen Sänger unter der Leitung von Wolfram Koloseus ernst und feierlich vor. Vor allem Claudio Monteverdis wunderschönes „Salve, O Regina“, das Regina Pätzer schlicht und klar gestaltete, bildete eine berührende Brücke in Palestrinas „Ave Maria“. So berührend, dass das Publikum ganz gefangen blieb in diesen „Visionen“.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Es funktioniert einfach immer wieder. Mehr als siebzig Jahre ist es nun her, dass sich sechs junge Männer im Frack sich in Berlin um einen Flügel versammelten und fast die ganze Welt bezauberten mit ihren frivol Songs und ihrer nie dagewesene stimmlich-musikalischen Höchstleistung. Und immer noch sind die Comedian Harmonists ein Besuchermagnet.
Die „Berlin Comedian Harmonists“ sind mindests genauso gewitzt und verfügen außerdem inzwischen schon über mehr Bühnenerfahrung als ihr Vorbild Die Mittelrhein-Musik-Momente haben das Ensemble nun zum ersten Mal nach Mainz geholt, in die dafür etwas nüchterne Glashalle zwischen DB-Schenker (Railion) und Citrus-Bar.
Man könnte nun leicht auf die Idee kommen, der anhaltende Erfolg der Comedian Harmonists läge an der genialen Musik, der langen Halbwertszeit der kongenialen Arrangements. So ganz falsch ist das auch nicht. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn gerade Gruppen wie die Berlin Comedian Harmonists tragen ihren Teil dazu bei, dass dieses spezielle Repertoire noch so frisch und lebendig ist.
Und zwar auf allen Ebenen – nicht nur bei der Musik, auch in der pointiert eingesetzten, treffsicheren Gestik und ihrer charmanten Mimik sorgen sie für vitale Unterhaltung. Sie binden die Songs dafür zu einer kleinen Geschichte des Vorbilds mit dem fiktivem Tagebuch des Gründers, Harry Frommermann, zusammen.
Mit dem titelgebenden „Veronika, der Lenz ist da“ setzten sie gleich zu Beginn einen schmissigen Auftakt. Aber auch der Swing der kleinen „Daisy“ und der köstlich vergnügte Rumba mit dem „Onkel Bumba aus Kalumba“ liegt ihnen ebenso im Blut und den Stimmbändern wie der freilich kulturell stark gezähmte Czardas nach dem 5. Ungarischen Tanz von Brahms.
Um die großen Hits kommen sie natürlich nicht herum, aber die bekanntesten sparten sie sich für die Zugaben auf – davon gibt es bei den Berlin Comedain Harmonists traditionell eine ganze Menge. Denn sie sind einfach ein klasse Ensemble – das merkte das Publikum auch in Mainz schnell.
Auch wenn sie sich in einigen Dingen mit ihren oft etwas eigenwilligen Interpretationen und den umgearbeiteten Arrangements von ihrem Vorbild absetzen. Und auch ihr Klang unterscheidet sich nicht unerheblich vom Original. Puristen könnten leicht bemängeln, dass ihnen oft das Gleichgewicht der Stimmen fehlt, dass die Mittelstimmen oft arg dick auftragen, die Ränder dagegen ziemlich blass bleiben. Doch verfehlt das die Berlin Comedian Harmonists – sie erschöpfen sich eben nicht in reiner Imitation. Sie sind etwas eigenes. Das ist für Fetischisten also nur eine halbe Freude. Für Freunde lebendiger, vitaler Musik aber Unterhaltung pur. Besser als jedes Fußballspiel.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)
