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Kategorie: kritik Seite 4 von 15

mit viel gefühl und genauigkeit: tschaikovskij und rachmaninov im staatstheater

Die ers­ten Töne kennt wahr­schein­lich jeder im aus­ver­kauf­ten Gro­ßen Haus des Staats­thea­ters. Tschai­kow­skijs ers­tes Kla­vier­kon­zert ist ein ewi­ger Hit, der immer für vol­le Säle sorgt. Vor allem, wenn er von einer Pia­nis­tin wie Evge­nia Rubi­no­va – auch in Mainz kei­ne unbe­kann­te Grö­ße mehr – vor­ge­tra­gen wird. Die ers­ten Töne also. Sie sind nicht nur ein Zei­chen des Wer­kes, son­dern sie zei­gen auch immer schon sehr deut­lich die Rich­tung, die die Inter­pre­ten neh­men. Im Staats­thea­ter wer­den meh­re­re Din­ge erkenn­bar. Ein­mal wird hier mit gro­ßer Genau­ig­keit und wirk­li­cher Lust am dif­fe­ren­zier­ten Klang musi­ziert. Ande­rer­seits der Klang an sich: Schon die ers­ten Töne der Pia­nis­ten zei­gen ihre geschmei­di­ge Kraft, ihre Fähig­keit, aus dem simp­len Flü­gel eine Unzahl an Klang­va­ria­tio­nen auf­stei­gen zu las­sen. Und schließ­lich die Ver­sen­kung in die Tie­fen der ima­gi­nä­ren Welt des Kla­vier­kon­zer­tes. Das sind alles alt­mo­di­sche, fast selbst­ver­ständ­li­che Tugen­den, die gera­de bei die­sem Kon­zert vie­le Musi­ker aber auf dem Altar der ober­fläch­li­chen Bril­lanz opfern. Nicht so die­ses Duo an den Tas­ten und auf dem Pult. Und das nicht aus Ver­le­gen­heit. Gera­de die bei­läu­fi­ge Non­cha­lance, mit der Rubi­no­va sich der vir­tuo­sen Pas­sa­gen ent­le­digt, zeigt ihre Fähig­kei­ten. Aber ihr geht es eben um etwas ande­res: Um die sub­ti­len Klang­fel­der und ihre viel­fäl­ti­gen Strö­mun­gen, die aus dem radi­kal nach innen gewand­ten Kampf zwi­schen Orches­ter und Solo­in­stru­ment erwach­sen. Die Genau­ig­keit, mit der sie sich dem poe­ti­schen Fein­zeich­nen hin­gibt, bringt immer wie­der erstaun­li­che Ergeb­nis­se und rich­ti­ge Ent­de­ckun­gen her­vor. So unmit­tel­bar leben­dig und andäch­tig-imit­füh­lend hört man das Seh­nen, die nie an ihre Ziel kom­men­de Suche nach Ver­hei­ßung und Erlö­sung aus der Unge­wiss­heit nur selten.
Die zwei­te Kon­zert­hälf­te kehr­te die Ver­hält­nis­se voll­kom­men um. Zumin­dest was die Bekannt­heit der Musik angeht: Ser­gej Rach­ma­ni­nows „Sin­fo­ni­sche Tän­ze“, sei­ne letz­te Kom­po­si­ti­on, dürf­ten nur die wenigs­ten ken­nen – zumal das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter sie hier zum ers­ten Mal spielt. Das ändert aber wenig an der Hin­ga­be, mit der Cathe­ri­ne Rück­wardt den Fluss die­ser Musik aus­brei­tet. Und es ist nicht ganz ein­fach, das zusam­men­zu­hal­ten. Aber es gelingt ihr trotz der klein­tei­lig auf­ge­lös­ten Struk­tur und der sehr abwechs­lungs­rei­chen Instru­men­ta­ti­on. Denn statt den momen­ta­nen Ner­ven­kit­zel und Ohren­schmei­che­lei­en zu erlie­gen, hält sie das kunst­vol­le Gleich­ge­wicht immer auf­recht. Und damit kommt Rach­ma­ni­now genau­so zu sei­nem Recht wie Tschaikowskij.
(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

nichts für müde beine oder müde ohren: candy dulfer in mainz

„Can­dy Store“ steht in gro­ßen Buch­sta­ben über der Büh­ne geschrie­ben. Aber das ist irre­füh­ren­de Wer­bung. Denn was hier über die Büh­ne geht, ist alles ande­re als süß. Die nie­der­län­di­sche Saxo­pho­nis­tin Can­dy Dul­fer ist es, die mit ihrer Band den Frank­fur­ter Hof aufmischt.
Nach län­ge­rer Abs­ti­nenz ist die Meis­te­rin des Funk mal wie­der in Mainz. Und kaum steht sie auf der Büh­ne, geht die Par­ty auch schon los. Denn das ist nichts zum Zuschau­en, jeder Groo­ve geht in die Bei­ne: Die­se Funk­at­ta­cke wür­de auch hart­ge­sot­te­ne Par­ty­muf­fel über­wäl­ti­gen – wenn denn wel­che da wären. Denn die Par­ty fin­det nicht nur auf der Büh­ne statt, son­dern auch davor. Kein Wun­der – schließ­loich prä­sen­tie­ren sich die Musi­ker vom ers­ten bis zum letz­ten Ton ener­gie­ge­la­den und spaß­ge­trie­ben. Das ist sozu­sa­gen die per­fek­te Novembermusik.
Dafür bedient sich Can­dy Dul­fer wie­der ein­mal aus­gie­big vom reich­hal­ti­gen Funk­buf­fett. Trotz der Fül­le schmeckt es aber aus­ge­zeich­net. Oder gera­de des­we­gen. Denn das ist alles ande­re als ein chao­ti­sches Sam­mel­su­ri­um. Son­dern eine per­fekt abge­stimm­te Menü­fol­ge. Nicht ohne Ver­dienst dar­an ist die Crew, die die Chef­kö­chin Dul­fer unter­stützt. Das Zusam­men­spiel ist aus­ge­spro­chen dicht. Deut­lich wird das noch ein­mal, wenn sie für das Fina­le einen groß­ar­ti­gen Groo­ve über meh­re­re Minu­ten schön sorg­sam von unten Stück für Stück, Instru­ment für Instru­ment auf­bau­en – da bleibt nie­mand unbe­rührt, da kocht der Saal bei­na­he über. Es ist aber auch wirk­lich ein Groo­ve der Extra­klas­se, der dabei her­aus­kommt. Und damit passt er genau zum krö­nen­den Abschluss. Denn wenn etwas bezeich­nend für Dul­fer und ihre Band ist, dann ist es die Fähig­keit, alles und jedes groo­ven zu lassen.
Ein biss­chen etwas Wah­res ist also doch dran, an der Ver­hei­ßung eines „Can­dy Stores“: Denn die Men­ge an Zuta­ten, die vie­len Aus­wahl­mög­lich­kei­ten, von denen sich Can­dy Dul­fer und ihre Band bedie­nen kön­ne, erin­nern schon an die über­wäl­ti­gen­den Mög­lich­kei­ten eines Süß­wa­ren­han­dels. Einen Zucker­schock bekommt man davon aller­dings nicht. Und außer­dem ist so ein Kon­zert auch noch bes­ser für die Figur.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zei­tung). was nicht drin steht: der ziem­lich mäßi­ge sound im hin­te­ren teil des saa­les – trotz oder wegen der ziem­lich hef­ti­gen lautstärke …

sibelius und schostakowitsch im staatstheater

Es war kein rei­nes Zucker­schle­cken, das zwei­te Sin­fo­nie­kon­zert im Main­zer Staats­thea­ter. Aber dafür ein groß­ar­ti­ges Erleb­nis. Und das aus vie­len Grün­den. Zum einen wäre da die Solis­tin, die Cel­lis­tin Tat­ja­na Vas­sil­je­va. Schon die ers­ten Töne des hoch­vir­tuo­sen ers­ten Vio­lon­cel­lo-Kon­zer­tes von Dimi­t­ri Schost­a­ko­witsch setz­ten Maß­stä­be, denen Tat­ja­na Vas­sil­je­va auch durch­weg gerecht wird. Der gan­ze ers­te Satz ist ein ein­zi­ger atem­lo­ser Spurt, den die Rus­sin mit grenz­wer­ti­gem Druck und mit bis zum Zer­rei­ßen ange­spann­ter Kon­zen­tra­ti­on absol­viert. Über den stär­ker sin­gen­den, aber immer noch sehr fokus­sier­ten zwei­ten Satz bis in die fun­ken­sprü­hen­de Rasanz und kris­tall­ne Klar­heit der Kadenz bis zur inten­si­ven Dich­te des Schlus­ses reicht die Anspan­nung in einem ein­zi­gen gro­ßen Bogen.
Der zwei­te Grund für das beson­de­re Gelin­gen des Kon­zer­tes war das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter. Denn die boten deut­lich mehr als übli­che Rou­ti­ne. Die klang­li­che Geschlos­sen­heit und ein­satz­freu­di­ge Hin­ga­be, mit der die Musi­ker spiel­ten, beflü­gel­te nicht nur Schost­a­ko­witschs Kon­zert, son­dern auch und vor allem die vier­ten Sin­fo­nie von Jean Sibelius.
Und die führt auch schon direkt zum eigent­li­chen Zen­trum des Abends: Arvo Vol­mer. Denn vor allem an ihm lag es, dass die vier­te Sin­fo­nie zu so einem Erfolg wur­de. Ihm gelingt es näm­lich schein­bar ohne beson­de­re Anstren­gung, die vie­len, nach allen Sei­ten aus­grei­fen­den Epi­so­den die­ser Musik immer fest zusam­men zu schwei­ßen. Und dar­über hin­aus, die­se Ein­heit auch noch ganz natür­lich und orga­nisch wir­ken zu las­sen. Das ist zwar in jedem Moment sehr gut bedacht, aber nie bedäch­tig. Denn auch wenn er sich durch­aus Zeit für die genau aus­ge­ar­bei­tet Ent­fal­tung der Musik und ihrer Form nimmt – lang­wei­lig wird das nie. Das liegt vor allem dar­an, die Ein­heit sei­ner Inter­pre­ta­ti­on der inne­ren Logik der Sin­fo­nie sehr genau folgt. Sie behaup­tet nie eine hei­le Welt, son­dern ver­mit­telt auf ver­blüf­fend deut­li­che und über­sicht­li­che Wei­se ganz viel: Die Erfah­run­gen und Ein­sich­ten des Kom­po­nis­ten in den Zustand der Welt und das Wesen der Moder­ne. Das geht weit über bloß anre­gen­de Unter­hal­tung hin­aus und ist alles ande­re als harm­lo­se, belie­bi­ge Kunst – aber dafür umso loh­nen­der. Vor allem, wenn es so deut­lich und über­zeu­gend musi­ziert wird wie im Staatstheater. 

beethoven und das motorrad

so, erst­ein­mal der „offi­zi­el­le” text, den ich für die main­zer rhein-zei­tung geschrie­ben habe:

Motor­rä­der kom­men im klas­si­schen Kon­zert­le­ben recht sel­ten vor. Aber ande­rer­seits sind auch Posau­nen­kon­zer­te im tra­di­tio­nel­len Reper­toire eher dürf­tig gesät. Was liegt also näher, als die­se bei­den Sel­ten­hei­ten zur poten­zier­ten Unwahr­schein­lich­keit zu kombinieren?
Der Posau­nist Chris­ti­an Lind­berg hat kei­nen Hin­de­rungs­grund gefun­den. Er geht sogar noch einen Schritt wei­ter: Um das „Motor­bike Con­cer­to” von Jan Sand­ström so rich­tig authen­tisch auf­zu­füh­ren – schließ­lich ist es eigens für ihn kom­po­niert wor­den – schlüpft er sogar in eine pas­sen­de Motor­rad­kluft. Nur das Motor­rad fehlt also noch in der Rhein­gold­hal­le. Aber zusam­men mit der Staats­phil­har­mo­nie Rhein­land-Pfalz und deren Diri­gen­ten Ari Rasi­lai­nen ent­fal­te­te Lind­berg immer­hin eine täu­schend ech­te Geräuschkulisse.Das Motor­rad, das Lind­berg hier elo­quent und mit vol­lem Ein­satz ver­kör­pert, dröhnt und röhrt, quietscht und braust durch die diver­sen Land­schaf­ten. Sehr pit­to­resk ist das alles, ser­viert immer mit einem gehö­ri­gen Schuss Komik. Denn Sand­ström hat hier Pro­gramm­mu­sik reins­ten Was­sers geschrie­ben. Bekann­ter­ma­ßen ist ja ein Motor­rad mehr als ein blo­ßes Fort­be­we­gungs­mit­tel, son­dern ein regel­rech­ter Lebens­stil. Und auf Tour bekommt so eini­ges mit – so viel, dass auch das „Motor­bike Con­cer­to” noch nach allen Sei­ten von Ein­drü­cken und Ein­fäl­len über­quillt.1
Ganz im Gegen­satz dazu dann der Klas­si­ker über­haupt, Beet­ho­ven. Und gleich noch sei­ne „Über&”-Sinfonie, die Fünf­te. Hoch­tra­ben­de und gewich­ti­ge Deu­tun­gen umran­ken und über­wu­chern das Werk seit der Urauf­füh­rung vor ziem­lich genau zwei­hun­dert Jah­ren. Aber das schein Rasi­lai­nen gar nicht so sehr zu beküm­mern. Ohne beson­ders über­eif­ri­ge Über­hö­hung nimmt er sie erst ein­mal ein­fach als das, was sie schließ­lich ist: Musik. Und so offen blei­bend, ohne der Vag­heit anheim zu fal­len, ent­wi­ckel­te die Staats­phil­har­mo­nie ein sehr geschlos­se­nes Klang­bild. Der Diri­gent pro­fi­lier­te sich als flie­ßen­der Erzäh­ler, der gan­ze Lebens­ent­wür­fe und Geschich­ten ent­fal­tet.2 Ohne Zwei­fel oder auch nur das lei­ses­te Zögern über­ste­hen die selbst die har­ten Kon­fron­ta­tio­nen mit der Rea­li­tät im drit­ten Satz. Und immer wie­der über­wäl­ti­gend ist natür­lich die Wucht die­ses unzer­stör­ten Glau­bens an die Kraft des Indi­vi­du­ums, die das Fina­le unter der her­risch gebie­ten­den Hand des Diri­gen­ten ent­fal­tet. Und auch wenn die Staats­phil­har­mo­nie aus­ge­rech­net auf der Ziel­ge­ra­den, in den letz­ten Tak­ten, das Ende schon vor­weg­nimmt und deut­lich an Prä­zi­si­on und Klar­heit ver­liert, bleibt das Zusam­men­wir­ken aller Kräf­te selbst­ver­ständ­lich immer noch tri­um­phal – anders kann Beet­ho­vens Fünf­te gar nicht enden.3

Show 3 footnotes

  1. und da haben wir auch schon eines der zen­tra­len pro­ble­me: im prin­zip hat sand­ström die form näm­lich über­haupt nicht bewäl­tigt. das ist bloß eine ein­falls­lo­se anein­an­der­rei­hung von epi­so­den. ande­rer pro­ble­me sind aber gra­vie­ren­der: die aus­sa­ge die­ser musik näm­lich gleich null. eigent­lich ist das nur ein sehr auf­wän­di­ger kin­der­gar­ten: sand­ström erfuhr, was lind­berg auf der posau­ne so alles anstel­len kann. und was er schon gehört hat. das hat er dann – weit­ge­hend tra­di­tio­nell (das moderns­te moment ist die eman­zi­pa­ti­on des geräu­sches (aber nur als geräusch, nicht als musi­ka­li­scher fak­tor), die aber auch schon seit hun­dert jah­ren geges­sen ist) – hin­ge­schrie­ben. tech­nisch mag das ziem­lich bis sehr anspruchs­voll sein, der posau­nist muss so eini­ges tun für sein geld. aber das meis­te sind eben mätz­chen. und die sind musi­ka­lisch so über­haupt nicht moti­viert. das schlimms­te dar­an ist ja fast, dass so etwas natür­lich gro­ßen erfolg beim publi­kum hat: die ober­flä­che ist halt nett, nicht so arg kom­pli­ziert und vor allem sehr sehr pit­to­resk. den­ken muss man nicht dabei. das ist wahr­schein­lich der größ­te erfolgs­fak­tor die­ser musik, dass sie den­ke­ri­schen mit­voll­zug eigent­lich sogar unter­bin­det, nicht nur nicht för­dert oder for­dert.
  2. nur so neben­bei: der unter­schied zur erzähl­wei­se sand­ströms ist enorm: denn beet­ho­ven hat inhal­te – so unspe­zi­fisch sie im musi­ka­li­schen aus­drucks­ver­fah­ren blei­ben mögen. sand­ström hat nur eine blo­ße bil­der­fol­ge, kei­ne nar­ra­ti­on, kei­ne – inhalt­lich gefüll­te – erzäh­lung. und das ist ein wesent­li­cher unter­schied. im prin­zip näm­lich schon die dif­fe­renz zwi­schen kunst­hand­werk und kunst. oder halt zwi­schen unter­hal­tungs­mu­sik und kunst. oder wie auch immer …
  3. nicht bespro­chen habe ich jetzt die das kon­zert eröff­nen­den „egmont-ouver­tü­re” von beet­ho­ven und schließ­lich fer­di­nand davis „con­cer­ti­no für posa­nue” op. 4. letz­te­res muss man aber eigent­lich auch nicht groß erwäh­nen – ein vir­tuo­sen­stück­chen halt, dass lind­berg mit tech­ni­scher sou­ve­rä­ni­tät sehr gelas­sen her­un­ter­spielt. beson­ders nach­hal­tig ist die wir­kung die­ser musik nicht gera­de. so eine dut­zend­wa­re aus dem 19. jahr­hun­dert halt – ganz nett, aber nicht sehr ein­drucks­voll. die egmont-ouver­tü­re hat rasi­lai­nen auch eher noch zum warm­ma­chen genutzt. auch das ist ja so eine unsit­te des kon­zert­we­sens, sich wäh­rend dem kon­zert noch ein­zu­spie­len, auf­ein­an­der ein­zu­stel­len. pas­siert aber sehr häu­fig. und wird oft genug auch ent­spre­chend geplant mit so kur­zen füll­stü­cken, damit wesent­lich nix wich­ti­ges ver­saut wird. nagut, so schlimm war’s auch nicht. aber halt auch nicht beson­der oder bemer­kens­wert.

lieder aus der fremde = gute unterhaltung?

Gefühl ist Trumpf, ohne Gefühl geht hier gar nichts. Salo­me Kam­mer kann sich das aber auch leis­ten. Denn die Sopra­nis­tin – den meis­ten eher als Schau­spie­le­rin aus den „Heimat“-Filmen bekannt – ist ohne wei­te­res in der Lage, zwei Stun­den über und mit Gefühl zu sin­gen, ohne der Lan­ge­wei­le oder der Ein­tö­nig­keit den Hauch einer Chan­ce zu geben.
Lie­der auf Tex­te von Brecht hat sie sich aus­ge­sucht, von Kurt Weill und Hanns Eis­ler. Der Abend steht, als Teil des Begleit­pro­gramms zur Aus­tel­lung „Das vedäch­ti­ge Saxo­fon – ‚Ent­ar­te­te Musik’ im NS-Staat“, unter dem Titel „Lie­der aus der Hei­mat – Lie­der in der Frem­de“. Aber dar­um geht es gar nicht so sehr. Das erzwun­ge­ne Exil von Dich­ter und Kom­po­nis­ten, die Erfah­rung der Frem­de und der Unsi­cher­heit – all das steht für Kam­mer und ihren Beglei­ter Rudi Spring gar nicht unbe­dingt im Zen­trum des Pro­gramm. Denn den Mit­tel­punkt hat ganz ein­deu­tig die Unter­hal­tung besetzt. Das ist zwar ein klei­ner Eti­ket­ten­schwin­del. Aber kein schlim­mer – denn wer so gut unter­hal­ten kann wie die­se bei­den Musi­ker, der soll­te das auf jeden Fall mög­lichst häu­fig tun. Wesent­li­che Ingre­di­enz für den Erfolg ist die gro­ße Viel­falt. Und zwar in jeder Hin­sicht: Von der Aus­wahl der Lie­der bis zur stimm­li­chen Umset­zung und ange­deu­te­ten sze­ni­schen und mimi­schen Prä­sen­ta­ti­on – Lang­wei­le hat hier im Rat­saal über­haupt kei­ne Chance.
Aber auch die Sen­ti­men­ta­li­tät nicht. Denn Salo­me Kam­mer wird nie gefühls­du­se­lig. Auch bei den gro­ßen Hits von Brecht/​Weill, der See­räu­ber-Jen­ny etwa oder „Und was bekam des Sol­da­ten Weib“ zeich­net sich die Sän­ge­rin vor allem durch die cha­mä­loen­haf­ti­ge Ver­wand­lun­gen ihrer Stim­mun­gen aus, die sehr genau treffen.
Noch etwas kon­zen­trier­ter, fokus­sier­ter – und des­halb auch wir­kungs­stär­ker – sang sie die Eis­ler-Lie­der. Vor allem bei der Aus­wahl aus dem Hol­ly­wood-Lie­der­buch konn­te sie die knap­pen, trotz ihrer kunst­vol­len Form sehr aufs Wesent­li­che redu­zier­ten Lie­der stark machen, sie vital und char­mant vibrie­ren lassen.
Hier war das Duo ohne Zwei­fel am stärks­ten. Aber gera­de hier stell­te sich manch­mal doch die Fra­ge: Nimmt Salo­me Kam­mer das nicht alles ein wenig locker? So anre­gend es immer wie­der ist, ihr zuzu­hö­ren und zuzu­schau­en – man­ches Lied hat kom­ple­xe­re Inhal­te und mehr zu ent­de­cken, als sie ihm zuge­ste­hen will. Denn bei allem Witz und bei aller Raf­fi­nes­se, die Brecht und sowohl Weill als auch Eis­ler immer wie­der ver­sprü­hen: Alle die­se Lie­der sind bis auf ihren Kern geprägt von den tra­gi­schen Erfah­run­gen des 20. Jahr­hun­derts, wie sie ihre Schöp­fer mit­er­leb­ten. Doch die­ses Stim­mung und die­ses Gefühl woll­ten Kam­mer und Spring nicht mit ihrem Publi­kum teilen. 

geschrie­ben für die main­zer rhein-zei­tung.

musik, den glauben zu festigen: voces cantantes in st. stephan

Anfangs lag noch ein sanf­ter blau­er Schim­mer über dem Kir­chen­raum. Doch bald schon schwand jede Außen­welt ganz und gar dahin. Das lag nicht nur an der ein­bre­chen­den Dun­kel­heit, son­dern vor allem an dem, was in der Kir­che pas­sier­te. Denn rei­ner Chor­klang erober­te den Raum, mach­te ihn sich zu eigen: St. Ste­phan fei­er­te das 30-jäh­ri­ge Jubi­lä­um der Chagall-Fens­ter mit einem Kon­zert der Voces Cantantes.
Und mit einer pas­sen­den Aus­wahl Musik: Wer­ke, die zwar immer wie­der ein Außen mit sich brin­gen, im Kern aber ganz auf sich selbst kon­zen­triert blei­ben hat­te sich Alex­an­der Süß für sei­nen Kam­mer­chor aus­ge­sucht. Denn in allem, was hier erklang, geht es nicht um die Welt, son­dern um Gott, um den Glau­ben und die Zwei­fel der Chris­ten – egal ob mit Musik aus der Renais­sance oder der Roman­tik, egal ob nun Jaco­bus Gal­lus, Johan­nes Brahms oder Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy christ­li­che Tex­te vertonen.
Der Kern des Kon­zer­tes waren eini­ge der vie­len Psalm­ver­to­nun­gen von Men­dels­sohn Bar­thol­dy. Und die tru­gen hier schon so viel Viel­falt in sich, dass sie allein schon aus­ge­reicht hät­ten. Denn die Voces Can­tan­tes bemüh­ten sich sehr und mit hör­ba­rem Erfolg um eine pas­sen­de Klang­ge­stalt für jeden Satz, fast sogar für jedes Wort. Immer wie­der such­te – und fand – Alex­an­der Süß die tref­fends­te Aus­drucks­form, die eine genau pas­sen­de, adäqua­te Umset­zung der stum­men Noten in aus­sa­ge­kräf­ti­gen Schall.
Und die Chor­sän­ger folg­ten ihm dabei sehr wil­lig. Ob es nun die durch­weg sehr fle­xi­blen Tem­pi, die wei­chen Ein­sät­ze oder der strah­lend tri­um­phie­ren­de Schluss­ak­kord waren – immer blie­ben sie eine homo­ge­ne Ein­heit. Dadurch blie­ben alle Gemüts­la­gen der Musik nicht nur erfahr­bar, son­dern auch ver­ständ­lich. Der Zwei­fel an der Gerech­tig­keit Got­tes leuch­te­te eben­so unmit­tel­bar ein wie die unbe­irr­ba­re Fes­tig­keit des Glau­bens und die Freu­de an der Gebor­gen­heit in Got­tes Hand oder an der Herr­lich­keit der Schöpfung.
Dass der eine oder ande­re Über­gang dabei etwas abrupt erfolg­te, dass die Span­nungs­bö­gen manch­mal etwas kurz­at­mig blie­ben, trüb­te die Freu­de nur sehr gering­fü­gig und kurz­zei­tig. Denn schließ­lich endet alles immer wie­der im Wohl­klang, auf den die Voces Can­tan­tes abon­niert schie­nen. Kei­ne Zwei­fel blei­ben, wenn nur der Glau­be fest genug ist – und die Schön­heit der Musik groß genug.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

rebell oder nicht? markus groh in mainz

Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten aus Deutsch­land – nein, das ist kein Wider­spruch. Denn alle Künst­ler, die der SWR für die zehn­te Auf­la­ge sei­ner Kon­zert­rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ nach Mainz holt, sind weit über die Gren­zen ihres Hei­mat­lan­des erfolg­reich. Auch Mar­kus Groh, der die Jubi­lä­ums­sai­son im Frank­fur­ter Hof eröff­nen durf­te. Und Erfolg hat er zu recht: Sein Main­zer Auf­tritt zeigt den jun­gen Pia­nis­ten als Musi­ker von Rang. Und auch als Rebell, der zwar im kon­ven­tio­nel­len Frack kommt, auf sei­nen Pfer­de­schwanz aber auch nicht ver­zich­tet. Die­ser Akkord von Auf­be­geh­ren und Tra­di­ti­on ist aller­dings mehr als eine blo­ße Äußer­lich­keit, er prägt sein Spiel durch und durch.
Denn er sucht sich immer sei­nen eige­nen Weg – ob es um die „Drei Inter­mez­zi“ von Brahms geht, um eine Beet­ho­ven-Sona­te oder um Erwin Schul­hoffs „Cinq Étu­des de Jazz“: Kon­ven­tio­nen sind für ihn nie selbst­ver­ständ­lich, son­dern müs­sen erst ein­mal auf den intel­lek­tu­el­len und musi­ka­li­schen Prüf­stand. Denn das ist die ande­re Sei­te von Mar­kus Groh: Er ist nicht nur ein gestan­de­ner Vir­tuo­se. Im Gegen­teil, die gewand­te Beherr­schung der Kla­vier­tech­nik ist rei­ne Neben­sa­che. Ihm geht es immer auch dar­um, die Struk­tu­ren der Kom­po­si­tio­nen hör­bar zu machen, mög­lichst jeden ein­zel­nen Ton – und wirk­lich jeden ganz für sich – so zu spie­len, dass sein Publi­kum qua­si mit dem Mikro­skop und dem Fern­glas gleich­zei­tig auf das Werk schau­en kann. Und das gelingt ihm ohne Zwei­fel. Die Brahms­schen Inter­mez­zi sind sel­ten so klar, so voll­kom­men logisch und nach­voll­zieh­bar zu hören. Dafür haben sie bei ande­ren Pia­nis­ten mehr Gefühl, mehr emo­tio­na­len Über­schwang. Denn Groh bleibt immer sehr cool. Beet­ho­vens G‑Dur-Sona­te op. 31/​1 ver­liert im Zuge des­sen ziem­lich viel von ihrem Esprit und Humor.
Die ita­lie­ni­sche Abtei­lung der „Années de Pèle­ri­na­ge“ von Liszt dage­gen berührt ihn hör­bar viel mehr. Hier gibt es auf ein­mal Momen­te, in denen sich Groh in der Musik fast zu ver­lie­ren scheint, in denen er voll­kom­men auf­geht im Klang – das gab es vor der Pau­se so nicht. Über­haupt der Klang: Da hat er eini­ges zu bie­ten, wenn er will. Vor allem die Prä­zi­si­on, mit der er die sanft glei­ten­den Über­gän­ge gestal­tet, ist fas­zi­nie­rend. Und sei­ne dyna­mi­schen Fähig­kei­ten beein­dru­cken mit einer fast uner­schöpf­li­chen Dif­fe­ren­zie­rung und Genau­ig­keit. Doch die Hin­ga­be, mit der Groh Liszt ent­fal­tet, ver­lei­tet ihn den­noch nie zu emo­tio­na­len Kurz­schlüs­sen: Immer bleibt sei­ne gro­ßen Stär­ke, sei­ne Fähig­keit, der Musik kris­tall­ne Klar­heit zu schen­ken etwa, unge­bro­chen. Und das ist so groß­ar­tig, dass er trotz sei­nes lan­gen Pro­gram­mes natür­lich nicht ohne Zuga­ben von der Büh­ne darf. 

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

schluss mit lustig

Carl Orffs „Car­mi­na Burana“ ist die klas­si­sche Kom­po­si­ti­on schlecht­hin. Und wenn es mit die­sem Ren­ner auf dem Pro­gramm schon ein popu­lä­res Kon­zert wird, dann auch rich­tig: Also kop­pel­te Jos­hard Daus Orffs größ­ten Hit noch mit Ser­gej Pro­kof­jews „Peter und der Wolf“. Damit ist ein aus­ver­kauf­tes Haus qua­si dop­pelt garan­tiert. Die Rhein­gold­hal­le war dann beim Semes­ter­ab­schluss­kon­zert des Col­le­gi­um musi­cum auch bis auf den letz­ten Platz besetzt.

Zwei Kra­cher stan­den also an. Und genau so liess es der Diri­gent des Uni­ver­si­täts­or­ches­ters auch spie­len: Kra­chend. Das klapp­te mal mehr, mal weni­ger gut.

„Peter und der Wolf“ leb­te in der Rhein­gold­hal­le vor allem von sym­pa­tisch-bär­bei­ßi­gem Erzäh­ler Dirk Sch­or­temei­er, der mit sono­rer Stim­me und gelas­se­nem Under­state­ment für Ord­nung sorg­te. Daus übte sich der­wei­len in größt­mög­li­cher Zurck­hal­tung. Immer­hin konn­te das Col­le­gi­um musi­cum mit gut vor­be­rei­te­ten Blä­ser­so­lis­ten auf­war­ten. Sonst blieb die klang­li­che Sei­te des musi­ka­li­schen Mär­chens aber blass und unauf­fäl­lig, ganz ohne Pepp oder Fun­keln: Denn wirk­lich bril­lie­ren konn­te das Orches­ter damit nicht.

Die „Car­mi­na Burana“ leben zu einem gro­ßen Teil von ihren Mas­sen. Auch auf der Büh­ne wird es mit Chor und Orches­ter des Col­le­gi­um musi­cum dabei recht eng. Aber dass Daus es nicht schafft, ohne aus­wär­ti­ge Unter­stüt­zung aus­zu­kom­men und sowohl Schlag­wer­ker als auch den Kin­der­chor DOREMI aus Mann­heim ein­la­den muss­te, ist schon seltsam.

Man könn­te die­se klang­li­chen Mas­sen Orffs aller­dings auch dif­fe­ren­zie­ren. Daus mach­te sich die­se Mühe nicht. Am wohls­ten fühl­te er sich im for­tis­si­mo, das er immer wie­der breit und mas­siv aus­leb­te. Die­ser plat­te, ein­sei­ti­ge Zugang wird Orff zwar nicht ganz gerecht. Der eine Aspekt, die Über­wäl­ti­gung durch Kraft und freu­di­ge Erre­gung, der gelang ihm aber über­zeu­gend. Raum für klar struk­tu­rier­te Abläu­fe blieb da aller­dings nur sel­ten. Am ehes­ten waren sie noch in den Chor­par­tien zu hören – die Voka­lis­ten schie­nen allein für sub­ti­le­re Klang­ab­stu­fun­gen zustän­dig zu sein. Die Solis­ten unter­stütz­ten ihn dabei recht har­mo­nisch. Beson­ders der Bari­ton Wolf­gang Newer­la tat sich neben dem Tenor Dani­el Sans und der Sopra­nis­tin Ste­fa­nie Dasch her­vor: Durch die stimm­li­che und thea­tra­li­sche Ver­kö­pe­rung der Rol­le, die zwar vor Derb­hei­ten – etwa in sei­nem Auf­tre­ten als spie­len­der Säu­fer – nicht frei blieb, dane­ben aber auch noch viel Raum für fei­ne Abstu­fun­gen und geschickt gesetz­te Akzen­te ließ. Auch popu­lä­re Musik bie­tet näm­lich Raum und Mög­lich­kei­ten für kunst­vol­le Ausgestaltung.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)
 

unterwegs auf großer fahrt – und mit visionen

Sanft dröh­nen die Klang­flä­chen in den Main­zer Kam­mer­spie­len, hin und wie­der durch­schnit­ten von Text­schnip­seln und instru­men­ta­len Frag­men­ten. Über die Video-Lein­wand flim­mern unter­des­sen ver­schwom­me­ne For­men, tan­zen hel­le Krei­se und abs­trak­te Gebil­de: Die „Visio­nen“ begin­nen schon vor dem eigent­lich Anfang. „Apo­ka­lyp­se“ hat Peter Kie­fer sei­ne dem Pro­gramm der Musik­hoch­schu­le vor­ge­schal­te­te Klang­s­in­stal­la­ti­on beti­telt – es ist aber ganz harm­los: Weich umfängt das Sound­ge­we­be das Publi­kum, stimmt es ein auf die Höl­len­fahrt mit Dan­te. Denn dar­um geht es: Um „Gesän­ge – Bil­der – Klän­ge“, wie es der Titel ver­heißt, zu Dan­tes Gött­li­cher Komödie.

Beglei­tet von eini­gen weni­gen, kur­zen Aus­schnit­ten aus der epo­che­ma­chen­den Dich­tung, die Karl Jür­gen Sih­ler dra­ma­tisch auf­ge­la­den rezi­ti­tert, hat Clau­dia Eder ein Pan­op­ti­kum nicht nur des Besuchs in Fege­feu­er und Höl­le, son­dern auch der Musik­ge­schich­te kreirt. Von der frü­hen Vokal­mu­sik der Renais­sance bis in die Gegen­wart, bis zu Boris Bla­cher und Sieg­fried Mat­thus reicht der Bogen. Und Peter Kie­fer hat nicht nur die Klang­in­stal­la­ti­on, die die ein­zel­nen Weg­punk­te ver­bin­det, bei­gesteu­ert, son­dern auch noch eine Urauf­füh­rung: „Casel­la – Dou­ze Points“ heißt sein Werk, das Chris­ti­an Rath­ge­ber zum Klin­gen brach­te. Geloop­te Rhyth­men und voka­le Klän­ge ver­ei­nen sich hier zu einer dich­ten Schichtung.

Auch sonst steht die voka­le Kunst in vie­ler Gestalt ganz im Mit­tel­punkt. Die Sopra­nis­tin Min-Su Kim etwa ver­leiht Gaet­a­no Doni­zet­tis „Pia de’ Tolo­mei“ nicht nur ihre gro­ße dra­ma­ti­sche Stimm­ge­walt, son­dern auch gleich noch die pas­sen­de Ges­tik und Mimik direkt aus dem 19. Jahr­hun­dert. Das war Jas­min Ete­z­adzadeh nicht mög­lich. Denn „Fran­ce­s­ca da Rimi­ni“ von Boris Bla­cher ist noch gar nicht so alt. Nötig war es ihr auch nicht. Zusam­men mit dem sou­ve­rä­nen Gei­ger Tho­mas Auf­le­ger reicht die inten­si­ve Über­zeu­gungs­kraft ihres Soprans ganz und gar für die­se thea­tra­lisch-erzäh­len­de Musik aus.

Dazwi­schen stan­den nicht nur die ver­bin­den Tex­te und Kie­fers Klang­schar­nie­re, son­dern auch noch Gre­go­ria­ni­sche Gesän­ge, die in ihrer schein­ba­ren Zeit­lo­sig­keit immer wie­der einen Hauch Ewig­keit in den düs­te­ren Kam­mer­spie­len beschwör­ten. Und im Hin­ter­grund lie­fen die Vide­os von Chris­toph Brech auch immer wei­ter und wei­ter – bis zur Auf­lö­sung in rei­ne Farb­flä­chen am Schluss. Das Fina­le, die Ankunft im Para­dies, war auch musi­ka­lisch beson­ders ein­drück­lich. Schon Clau­dio Meru­los Madri­gal „Ver­gi­ne Mad­re“ tru­gen die jun­gen Sän­ger unter der Lei­tung von Wolf­ram Kolo­seus ernst und fei­er­lich vor. Vor allem Clau­dio Mon­te­ver­dis wun­der­schö­nes „Sal­ve, O Regi­na“, das Regi­na Pät­zer schlicht und klar gestal­te­te, bil­de­te eine berüh­ren­de Brü­cke in Pal­estri­nas „Ave Maria“. So berüh­rend, dass das Publi­kum ganz gefan­gen blieb in die­sen „Visio­nen“.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

comedian harmonists oder was?

Es funk­tio­niert ein­fach immer wie­der. Mehr als sieb­zig Jah­re ist es nun her, dass sich sechs jun­ge Män­ner im Frack sich in Ber­lin um einen Flü­gel ver­sam­mel­ten und fast die gan­ze Welt bezau­ber­ten mit ihren fri­vol Songs und ihrer nie dage­we­se­ne stimm­lich-musi­ka­li­schen Höchst­leis­tung. Und immer noch sind die Come­di­an Har­mo­nists ein Besuchermagnet.

Die „Ber­lin Come­di­an Har­mo­nists“ sind min­dests genau­so gewitzt und ver­fü­gen außer­dem inzwi­schen schon über mehr Büh­nen­er­fah­rung als ihr Vor­bild Die Mit­tel­rhein-Musik-Momen­te haben das Ensem­ble nun zum ers­ten Mal nach Mainz geholt, in die dafür etwas nüch­ter­ne Glas­hal­le zwi­schen DB-Schen­ker (Rai­li­on) und Citrus-Bar.

Man könn­te nun leicht auf die Idee kom­men, der anhal­ten­de Erfolg der Come­di­an Har­mo­nists läge an der genia­len Musik, der lan­gen Halb­werts­zeit der kon­ge­nia­len Arran­ge­ments. So ganz falsch ist das auch nicht. Aber es ist nur die hal­be Wahr­heit. Denn gera­de Grup­pen wie die Ber­lin Come­di­an Har­mo­nists tra­gen ihren Teil dazu bei, dass die­ses spe­zi­el­le Reper­toire noch so frisch und leben­dig ist.

Und zwar auf allen Ebe­nen – nicht nur bei der Musik, auch in der poin­tiert ein­ge­setz­ten, treff­si­che­ren Ges­tik und ihrer char­man­ten Mimik sor­gen sie für vita­le Unter­hal­tung. Sie bin­den die Songs dafür zu einer klei­nen Geschich­te des Vor­bilds mit dem fik­ti­vem Tage­buch des Grün­ders, Har­ry From­mer­mann, zusammen.

Mit dem titel­ge­ben­den „Vero­ni­ka, der Lenz ist da“ setz­ten sie gleich zu Beginn einen schmis­si­gen Auf­takt. Aber auch der Swing der klei­nen „Dai­sy“ und der köst­lich ver­gnüg­te Rum­ba mit dem „Onkel Bum­ba aus Kal­um­ba“ liegt ihnen eben­so im Blut und den Stimm­bän­dern wie der frei­lich kul­tu­rell stark gezähm­te Czar­das nach dem 5. Unga­ri­schen Tanz von Brahms.

Um die gro­ßen Hits kom­men sie natür­lich nicht her­um, aber die bekann­tes­ten spar­ten sie sich für die Zuga­ben auf – davon gibt es bei den Ber­lin Come­da­in Har­mo­nists tra­di­tio­nell eine gan­ze Men­ge. Denn sie sind ein­fach ein klas­se Ensem­ble – das merk­te das Publi­kum auch in Mainz schnell.

Auch wenn sie sich in eini­gen Din­gen mit ihren oft etwas eigen­wil­li­gen Inter­pre­ta­tio­nen und den umge­ar­bei­te­ten Arran­ge­ments von ihrem Vor­bild abset­zen. Und auch ihr Klang unter­schei­det sich nicht uner­heb­lich vom Ori­gi­nal. Puris­ten könn­ten leicht bemän­geln, dass ihnen oft das Gleich­ge­wicht der Stim­men fehlt, dass die Mit­tel­stim­men oft arg dick auf­tra­gen, die Rän­der dage­gen ziem­lich blass blei­ben. Doch ver­fehlt das die Ber­lin Come­di­an Har­mo­nists – sie erschöp­fen sich eben nicht in rei­ner Imi­ta­ti­on. Sie sind etwas eige­nes. Das ist für Feti­schis­ten also nur eine hal­be Freu­de. Für Freun­de leben­di­ger, vita­ler Musik aber Unter­hal­tung pur. Bes­ser als jedes Fußballspiel.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

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