Langsam tröpfeln die Besucher herein und stehen noch etwas verloren auf dem Gelände des Zementwerkes Weisenau. Aber sie lassen sich auch vom tröpfelnd einsetzenden Regen in ihrer Abenteuerlust nicht die Stimmung vermiesen. Denn es gibt viel zu sehen und noch mehr zu hören beim Performance-Projekt „MenschMaschine-KlangMaschine“, dem Auftakt zu Neue-Musik-Förderung „Spektrum Villa Musica“. Nichts geschieht hier in normalen Dimensionen: Ein ganzes Fabrikgelände dient als Konzertraum, als Bühne, Parkett, Akteur und Instrument zugleich. Die Sängerin Sigune von Osten hatte viele Ideen – vielleicht ein paar zu viele. Die Eindrücke stürmen permanent ein auf die Besucher, die durch das Zementwerk ziehen – vom klackernden Eingangstor bis zur Illumination nach dem akustischen Ende ist hier scheinbar nichts dem Zufall überlassen. Kein Dröhnen, kein Scheppern und Kreischen steht außerhalb der Kunst.
Die „MenschMaschine-KlangMaschine“ besteht dabei zunächst mehreren Stationen auf dem Fabrikgelände. Das ist eine Choreographie von normalen Fabrikgeräuschen, geformten Geräuschen und Musik – mit Unterstützung des Technischen Hilfwerk und der Arbeitsgemeinschaft Neue Musik am Leidinger-Gymnasium Grünstadt, die mit Motorsägen, Trennschleifer, Bohrmaschinen und Fässern ein gewaltiges Spektakel entfachen. Auch dabei: Ein Tanz zweier Mini-Radlader um den Tubisten.
Das führt dann aber erst zum „Eigentlichen“ in der ehemaligen Packhalle. Das Flötenmonster am Eingang stimmt in der düsteren und geheimnisvollen Atmosphäre schon auf die abenteuerliche Zeit- und Phantasiereise ein, die jetzt beginnt. Mit viel Aufwand versuchen sich Instrumentalisten – soweit man bei den bearbeiteten Klangerzeugern überhaupt noch von Instrumenten sprechen kann – und Vokalisten an einer vertonten Geschichte der Industrialisierung in Schlagworten. Der Text bleibt leider die ganz große Schwachstelle dieses Unternehmens: Viel unreflektiertes Ressentiment gegen Maschinen, viele platte Platitüden und plumbe Spielerein. Áber dazwischen retten großartige musikalische Momente das Ganze vor dem Untergang. Vor allem der Saxophonist Matthias Schubert und Carl Ludwig Hübsch mit seiner Tuba sind wesentliche Säulen der Performance. Mehr noch als Sigune von Osten, die zwar kreatives und ideelles Zentrum ist, in der Realisierung aber gar nicht so formgebend in Erscheinung tritt. Der Performance-Aspekt ist in der Packhalle freilich stark zurück getreten hinter das akustische Element – eigentlich besteht er nur noch in der Verdeutlichung der Hervorbringung der Kläng und ein wenig unterstützender Lichtregie.
Das Zentrum des Werkes ist ein aber anderes Werk, Luigi Nonos „La fabbrica illuminata“, dieses große Zeugnis des Impulses, Musik zu schreiben, die gesellschaftliche Missstände aufgreift und ändern will. Sie bleibt im Zementwerk aber eher ein Fremdkörper – und macht den Abstand deutlich: Der Rest des Abend kann dieses Niveau zwar immer wieder erreichen, aber eben nicht dauerhaft. Denn die „MenschMaschine-KlangMaschine“ ist ein permanentes Schwanken zwischen banalstem Kitsch und genialischer Inspiration.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)

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