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Kategorie: kritik Seite 13 von 15

singer pur singt lechner und marenzio – zwei stunden renaissance-musik und sonst nix

haben sie oder haben sie nicht? man weiß es ein­fach nicht, aber mög­lich wäre es schon, dass sich der süd­ti­ro­ler leon­hard lech­ner und der ober­ita­lie­ni­sche luca maren­zio ein­mal getrof­fen haben. zu erzäh­len hät­ten sie sich schon eini­ges gehabt – nicht nur, weil sie bei­de 1553 gebo­ren wur­den. son­dern auch, weil sie sich bei­de der vokal­mu­sik ver­schrie­ben hat­ten. und weil lech­ner, das ist nun wirk­lich ganz sicher zu bestä­ti­gen, sei­nem ita­lie­ni­schen kol­le­gen die reve­renz erwie­sen hat und ein kom­plet­te mess­ver­to­nung auf maren­zi­os madri­gal „non fu mai cer­vo“ bezo­gen hat. hören kann das heu­te kaum jemand, aber es reicht, um dem ensem­ble „sin­ger pur“ den anlass für ihr kon­zert beim main­zer musik­som­mer zu geben, das sich aus­schließ­lich der musik die­ser bei­den zeit­ge­nos­sen der renais­sance wid­met. im grun­de ging es auch vor über vier­hun­dert jah­ren in der musik immer nur um das eine: die lie­be. dafür ste­hen die ver­to­nun­gen aus dem hohe­lied salo­mos. und natür­lich ist die lie­be auch damals schon oft genug eine schmerz­li­che erfah­rung gewe­sen – „von allen lie­ben­den bi ich der unglück­lichs­te“ heißt es in einem madri­gal von luca maren­zi­os. das gemisch aus lie­be und leid wird dann noch mit ein wenig reli­giö­si­tät, also geist­li­cher musik, ver­mengt und schon sind die übli­chen zwei stun­den wie­der vor­bei. den sän­gern ist die unna­tür­lich­keit die­ser anhäu­fung von voka­ler kunst­fer­tig­keit natür­lich nicht ent­gan­gen. und sie tun eini­ges, um die situa­ti­on wie­der auzu­lo­ckern. schon die pro­gramm­aus­wahl ist der ers­te schritt in die rich­ti­ge rich­tung: lie­ber ein paar klei­ne num­mern als eine gro­ße kom­po­si­ti­on. aber sin­ger pur gehen noch ein ent­schei­den­des stück wei­ter. denn im gegen­satz zu vie­len ande­ren vokal­ensem­bles sind sie kei­ne rei­ne klang­fe­ti­schis­ten. nein, ihnen ist die leben­dig­keit der musik viel wich­ti­ger – und dabei muss es auch ein­mal etwas rau­er zuge­hen dür­fen, wenn die töne und tex­te es so wol­len. denn obers­tes gebot für die fünf sän­ger und ihre weib­li­che mit­strei­te­rin ist die mög­lichst genaue ver­bin­dung von text­deut­lich­keit und deut­li­cher arti­ku­la­ti­on. dafür grei­fen sie nicht nur auf eine brei­te und sehr aus­ge­feil­te dyna­mik zurück, son­dern wäh­len auch ihre tem­pi ent­spre­chend. „das erst und ander kapi­tel des ‚hohen lie­des salo­mo­nis’“ von leon­hard lech­ner wird so zu einer unver­mu­tet dra­ma­ti­schen, fast thea­tra­li­schen musik. und für ein zar­tes stro­phen­lied wie lech­ners „ich weiß ein blum“ schwen­ken die sän­ger dann ganz plötz­lich auf einen voll­kom­men ande­ren, strah­len­den klang um. beson­ders zum tra­gen kommt ihr dra­ma­ti­sches inter­pre­ta­ti­ons­ge­schick aber bei den madri­ga­len von luca maren­zio. das groß­ar­ti­ge „non fu mai cer­vo“ ist hier ein wah­res fest der viel­falt: jeder wort hat schon der kom­po­nist mit sei­nem eige­nen klang ver­se­hen. und sin­ger pur ver­hilft in st. peter jedem die­ser klän­ge zu sei­ner eige­nen, indi­vi­du­el­len auferstehung.

soweit mei­ne offi­zi­el­le mei­nung. über den sinn sol­cher unter­neh­mun­gen den­ke ich jetzt lie­ber nicht nach, das wür­de zu weit füh­ren und mein bett ruft…

und der rest des kon­zer­tes war auch nicht ganz schlecht – obwohl ich mit dem gan­zen tan­go-kram ja nicht viel anfan­gen kann…

zum kern vor­drin­gen, das ist die vor­nehms­te auf­ga­be jedes künst­lers: zum inne­ren des wer­kes, der kunst über­haupt und des lebens sowie­so. und das ist eine intel­lek­tu­el­le, emo­tio­na­le und ästhe­ti­sche auf­ga­be, die vie­len inter­pre­ten erst nach lan­gen jah­ren der kunst­aus­übung – und des lebens – gelingt. aber aus­nah­men gibt es immer wie­der, manch­mal gelingt die expe­di­ti­on ins innen sogar jun­gen musi­kern. der gei­ger linus roth scheint zu die­ser aus­er­le­se­nen schar zu gehö­ren. denn beim main­zer musik­som­mer spiel­te er sich in die ers­te liga – mit schu­manns zwei­ter vio­lin­so­na­te op. 121. gemein­sam mit sei­nem pia­nis­ten josé gall­ar­do, der nie blo­ßer beglei­ter, son­dern immer ein fan­tas­tisch sen­si­bler part­ner war, gelang ihm hier das wah­re kunst­stück. schon mit den aller­ers­ten akkor­den, mit ihrer geball­ten kraft, ihrer auf­rütt­len­den klang­lich­keit und ihrer schar­fen prä­zi­si­on zeigt das duo, wie­viel anders die musik seit mozart gewor­den ist. damit hat­ten sie ihr kon­zert näm­lich begon­nen, mit des­sen b‑dur-sona­te für kla­vier und vio­li­ne kv 454 – ein soli­der auf­takt, dem aber ganz ein­deu­tig die inspi­ra­ti­on fehl­te, die ihre schu­mann-deu­tung so berau­schend inten­siv wer­den ließ. das beson­de­re war in die­sen augen­bli­cken nicht nur die klang­li­che inten­si­tät, die durch stän­di­ge balan­ce­ak­te per­fekt aus­ta­rier­te zusam­men­ar­beit. nein, was das wirk­lich groß­ar­tig mach­te, war die zwang­lo­se selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der bei ihnen schu­manns sona­te ihre form erhält: obwohl die tra­di­tio­nel­len satz­mus­ter durch­aus noch gel­ten, scheint es im schloss waldt­hau­sen so, als sei die musik hier schon auf dem weg zur frei­en form. und tat­säch­lich ist genau das ja auch das beson­de­re an die­ser sona­te: die auf­lö­sung von lan­ge geglaub­ten gewiss­hei­ten ins unsi­che­re, ins labi­le – bei schu­mann wird sich das in sei­ner psy­chi­schen erkran­kung noch ganz deut­lich mani­fes­tie­ren, dem rest der welt wird es erst eini­ge jahr­zehn­te spä­ter, zu zei­ten der moder­ne, so rich­tig klar wer­den. aber genau die­se per­spek­ti­ve, die sona­te als eine art vor­ah­nung der bedro­hun­gen der moder­ne für das auto­no­me sub­jekt zu sehen, macht roths und gall­ar­dos inter­pre­ta­ti­on so wertvoll.

die­sem gewal­ti­gen kraft­akt folg­te dann der unauf­halt­sa­me weg ins popu­lä­re, dem mau­rice ravel als brü­cken­glied dien­te: zunächst mit sei­ner „sona­te post­hu­me“, eigent­lich nur der ers­te satz einer sona­te, bei der sich die bei­den musi­ker etwas mehr trei­ben las­sen konn­ten, sich mehr der sinn­li­chen kraft der musik aus­lie­fern durf­ten. mit ravels fei­ner „piè­ce en for­me d’habanera“ stei­ger­ten sie die­ses moment noch, um es in astor pia­zoll­as „le grand tan­go“ gip­feln zu las­sen – und damit war in knapp zwei stun­den der weg von mozart bis zum argen­ti­ni­schen tan­go nue­vo bra­vou­rös gemeistert.

und mit beet­ho­ven fällt er dabei ordent­lich auf die nase:

eigent­lich soll­te es ein rich­tig roman­ti­scher kla­vier­abend wer­den: aus­schließ­lich varia­tio­nen von brahms, tschai­kovs­ky und schu­mann woll­te niko­lai toka­rew beim main­zer musik­som­mer im schloss waldt­hau­sen spie­len. kurz vor beginn ent­schied er sich dann aber, statt tschai­kovs­ky „the­ma mit varia­tio­nen in f‑dur“ doch lie­ber beet­ho­vens appas­sio­na­ta-sona­te zu spie­len. und das war kein beson­ders klu­ger zug. denn jetzt war es zwar ein rein deut­scher kla­vier­abend, aber das half über die unzu­läng­lich­kei­ten toka­rews bei der beet­ho­ven-sona­te lei­der auch nicht hin­weg. sicher trägt die sona­te die lei­den­schaft schon im titel. aber der ist ers­tens gar nicht von beet­ho­ven und zwei­tens bie­tet sie auch noch viel mehr als nur das. doch das tan­gier­te toka­rew nur sehr wenig. er stürz­te sich mit tie­fer inbrunst hin­ein und pro­du­ziert dabei viel gefühl, aber auch viel undif­fe­ren­zier­ten klang­brei. struk­tu­ren, for­men, ver­läu­fe- für all das, was in beet­ho­vens sona­ten von so gro­ßer bedeu­tung ist, hat er hör­bar über­haupt kein gespür, all das ent­zieht sich sei­ner auf­merk­sam­keit ganz und gar.

auch die dra­ma­tur­gie grö­ße­rer zusam­men­hän­ge ist sein ding nicht unbe­dingt. genau des­halb gelingt ihm der rest des abends auch viel bes­ser, näm­lich rich­tig gut. denn schon in brahms’ „hän­del-varia­tio­nen“ zeigt sich, wie viel gewinn es brin­gen kann, so einem empha­ti­schen pia­nis­ten zu lau­schen. sicher freut er sich manch­mal zu offen­sicht­lich an vir­tuo­sen spie­le­rei­en, aber das fällt kaum ins gewicht. denn inti­mi­tä­ten, klei­ne details, feins­te stim­mungs­ver­schie­bun­gen – das spürt er ganz genau und das kann er auch ganz prä­zi­se und mit­füh­lend zum klin­gen brin­gen. das führt mit­un­ter zu recht exal­tier­ten ergeb­nis­sen, aber selbst die sind emo­tio­nal immer ver­blüf­fend genau. denn toka­rew fühlt sich nicht nur in jede nuan­ce der musik ein, er errich­tet regel­rech­te par­al­lel­wel­ten des klangs, die ganz und gar aus gefüh­len zu bestehen schei­nen. das wur­de vor allem bei den „sin­fo­ni­schen etü­den“ von robert schu­mann deut­lich. toka­rew gelin­gen hier noch ein­mal groß­ar­ti­ge momen­te – aber es blei­ben momen­te, die mehr oder weni­ger unver­mit­telt neben­ein­an­der ste­hen. und es wird bei ihm wie­der zu musik, die den ver­stand nicht braucht und will: wer sich ganz auf’s mit­füh­len und mit­emp­fin­den ein­lässt, dem beschert niko­lai toka­rew vie­le inten­si­ve erfahrungen.

soweit mein „offi­zi­el­ler“ text zum ers­ten von mir besuch­ten kon­zert des dies­jäh­ri­gen main­zer musik­som­mers. rich­tig echauf­fiert habe ich mich dabei aber weni­ger über die musik – das ist zwar über­haupt nicht mein fall, die­se art von inter­pre­ta­ti­on – son­dern über das vor­wort im pro­gramm­heft, gezeich­net von peter stie­ber, swr2 lan­des­mu­sik­di­rek­ti­on, und dem main­zer kul­tur­de­zer­nen­te peter kra­wi­etz. was die bei­den da für einen unsinn ver­zap­fen, ist reich­lich unge­heu­er­lich. das fängt schon mit dem ers­ten satz an: „einen platz auf dem ima­gi­nä­ren sie­ger­trepp­chen der kul­tur-welt­meis­ter­schaft hat deutsch­land seit jah­ren sicher“ – was soll das denn bit­te sein, eine kul­tur-welt­meis­ter­schaft? ist eine beet­ho­ven-sona­te bes­ser als eine chi­ne­si­sche oper? wie­der mal ein typi­sches bei­spiel (und ein ziem­lich kras­ses) für den typisch euro­päi­schen kul­tur-chau­vi­nis­mus. aber damit ja noch nicht genug, zu rich­ti­gen höhen­flü­gen schwin­gen die bei­den (natür­lich auch bei­des män­ner…) erst spä­ter auf: „in der kul­tur geht es um höchst­lei­tung, unter­hal­tung, ästhe­tik, auch um sig oder nie­der­la­ge.“ das ist ja mal wie­der ech­ter blöd­sinn: kul­tur ist doch kein wett­kampf! das ist doch etwas fun­da­men­tal ande­res, in kunst (oder auch all­ge­mei­ner kul­tur) geht es um gelin­gen und nicht­ge­lin­gen, um ver­ste­hen und nicht­ver­ste­hen, nicht um sieg – das ist wie­der so eine blöd­sin­ni­ge kampf­rhe­to­rik, aus­ge­löst von der bescheu­er­ten fußball-wm.

und genau in dem ton­fall geht es dann mun­ter wei­ter: natür­lich wird auch die „kul­tur­na­ti­on“ deutsch­land wie­der ein­mal bemüht – auch so ein hane­büch­ner unsinn, der durch stän­di­ge wie­der­ho­lung auch nicht wah­rer wird: haben ande­re natio­nen kei­ne oder weni­ger kul­tur? was ist das eigent­lich für ein anti­quier­ter und unre­flek­tier­ter kul­tur­be­griff, der hier kur­siert? und das bei soge­nann­ten „ent­schei­dern“ der kul­tur­för­de­rung! das ein­zi­ge, was deutsch­land auf dem gebiet der kul­tur von ande­ren natio­nen unter­schei­det, ist doch höchs­tens sei­ne beson­ders aus­ge­präg­te und insti­tu­tio­na­li­sier­te musea­le pfle­ge der tra­di­tio­nen des 18. und vor allem 19. jahr­hun­derts in kon­zert, thea­ter, lite­ra­tur und kunst. das schlimms­te kommt aber erst noch: kul­tur, so wird zumin­dest unter­schwel­lig nahe­ge­legt, ist vor allem eine sache der eli­ten – auch wie­der so ein blöd­sinn, für den man stie­ber sofort frist­los ent­las­sen soll­te. schließ­lich ist er in der lei­tung einer öffent­lich-recht­li­chen anstalt beschäf­tigt, die von allen finan­ziert wird. was hin­ter sol­chen ideen für ein demo­kra­tie­ver­ständ­nis steht, will ich gar nicht so genau wissen…

doch selbst wenn man den bei­den chefs zugu­te hal­ten will, dass es ihnen ja um etwas posi­ti­ves, den erhalt der kul­tur, geht (was ich so nicht unbe­dingt tun wür­de), ihr argu­men­ta­ti­ons­an­satz und ihre begrün­dung ist ein­fach völ­lig dane­ben. „kul­tur ist eine wert­vol­le res­sour­ce für den gesell­schaft­li­chen fort­schritt, sie för­dert sozia­le kom­pe­tenz, intel­li­genz und erhöht die lebens­qua­li­tät.“ und das sehen die bei­den als kon­trär zu den die dis­kus­si­on bestim­men­den „öko­no­mi­schen kon­junk­tur­da­ten“? das ist das das­sel­be in grün… man kann sicher­lich die kul­tur im rah­men einer teleo­lo­gi­schen, mehr oder weni­ger uti­li­ta­ris­ti­schen ästhe­tik auf bestimm­te zie­le und idea­le ver­pflich­ten (jost her­mand tut das ja zum bei­spiel), aber eigent­lich soll­te, so mei­ne ich, kul­tur doch mehr sein. das gilt vor allem für ihren in die­sem zusam­men­hang eigent­lich gemein­ten teil, die kunst. die soll­te näm­lich außer­dem auch einen eigen­wert haben (von auto­no­mie muss man ja noch gar nicht unbe­dingt reden), sonst ist sie doch recht eigent­lich kei­ne kunst, son­dern „nur“ eine kul­tur­leis­tung unter vie­len ande­ren (und bräuch­te wohl auch nicht die finan­zi­el­le und struk­tu­rel­le för­de­rung, die sie bei uns – zu recht – erhält). aber die unter­schei­dung von kunst und kul­tur ist auch wie­der eine kul­tur­leis­tung, die stie­ber und kra­wi­etz offen­bar noch nicht so recht geglückt ist.

noch ein langweiliger abend: mozart und die frauen

das war aber wirk­lich nichts, trotz der hil­fe von der mei­ner­seits sehr geschät­zen mar­ti­na gedeck. pia­nist & diri­gent sebas­ti­an knau­er ver­wen­det offen­bar lei­der mehr zeit beim fri­seur und auf der son­nen­bank als beim nach­den­ken über mozarts musik – das war der­ma­ßen bana­les gedu­del, das hat selbst mozart nicht ver­dient. und das publi­kum klatscht auch noch wie blöd dem eit­len geck – der sich, ganz typisch für sol­che leu­te, auf der büh­ne präch­tig pro­du­ziert – und sehr, sehr lan­ge bit­ten lässt, bevor er sich noch ein­mal verbeugt…

es ist alles nur ein traum. mozarts frü­he gön­ne­rin, die baro­nin wald­stät­ten, ima­gi­niert sich ein kon­zer­pau­sen­ge­spräch mit leo­pold, dem vater des kom­po­nis­ten. sebas­ti­an und wolf­gang knau­er habe sich das aus­ge­dacht, die­sen sym­pa­the­ti­schen rück­blick auf mozart und sei­ne frau­en­ge­schich­ten, sei­ne galan­te­rien und affä­ren vor und nach der hoch­zeit. mar­ti­na gedeck durf­te der baro­nin ihre stim­me lei­hen: char­mant und läs­sig plau­dert sie sich in der glas­hal­le der main­zer rai­li­on-zen­tra­le durch den abend der mit­tel­rhein musik-momen­te. und sebas­ti­an knau­er macht die musik dazu – zwei der bekann­te­ren kla­vier­kon­zer­te hat er sich dafür aus­ge­sucht, von mozart natür­lich: das „jeunehomme“-konzert in es-dur und das spä­te d‑moll-kon­zert. auch knau­er, der zugleich als pia­nist und pseu­do-diri­gent auf­trat, agier­te eher läs­sig. sei­ne spär­li­chen ansät­ze, vom flü­gel aus zu diri­gie­ren, waren sowie­so recht über­flüs­sig: die koblen­zer staats­phil­har­mo­nie befand sich ganz offen­sicht­lich auf ver­trau­tem ter­rain und spiel­te auch ohne sei­ne hil­fe sehr geschlos­sen und zuver­läs­sig. die über­ra­schun­gen und ver­rück­ten kas­pe­rei­en mozarts, die der text immer wie­der auf­griff, schlu­gen sich in die­ser musik frei­lich nicht wie­der. das war eine rund­um ver­nünf­ti­ge, manch­mal sogar ein wenig bie­de­re inter­pre­ta­ti­on. sebas­ti­an knau­er spiel­te die kon­zer­te sehr rou­ti­niert und so voll­kom­men gelas­sen, dass sich der ein­druck gepfleg­ter lan­ge­wei­le nicht immer ver­mei­den ließ. auch sei­ne pia­nis­ti­schen fähig­kei­ten bean­sprucht er nur mäßig, da gibt es nur ansät­ze zu einer dif­fe­ren­zier­ten arti­ku­la­ti­on und kaum klang­nu­an­cen. aller­dings waren die umstän­de auch nicht die bes­ten: zunächst brach­te die schwül-sti­cki­ge atmo­sphä­re die musi­ker dazu, ihren frack abzu­le­gen. und dann wur­de es auch noch rich­tig feucht: das pras­seln der was­ser­mas­sen auf dem glas­dach ließ den beginn des d‑moll-kon­zer­tes völ­lig unter­ge­hen, da konn­te auch knau­er nichts mehr ret­ten. am bes­ten gelan­gen ihm aller­dings sowie­so bei bei­den kon­zer­ten die schluss­sät­ze: dem jeu­ne­hom­me-kon­zert gab er so einen flin­ken und ein biss­chen augen­zwin­kernd, frech ver­spiel­ten abschluss. und selbst das bei ihm eher schwer­fäl­li­ge und gemüt­li­che d‑moll-kon­zert trieb er zum ende in die mozart­sche über­mut: tur­bu­lent ließ er die musik immer wie­der um sich selbst kreiseln.

ein grö­ße­rer kon­trast lässt sich kaum den­ken: direkt vom vier­tel­fi­na­le in die hei­li­gen hal­len der eber­ba­cher klos­ter­ba­si­li­ka, zu den heh­ren klän­gen von mahler und bruck­ner. die bei­den haupt­ak­teu­re scheint es auch ein wenig mit­ge­nom­men zu haben. der ein­druck stellt sich zumin­dest beim ers­ten der „lie­der eines fah­ren­den gesel­len“ von mahler ein. denn bari­ton chris­ti­an ger­ha­her und diri­gent elia­hu inbal bemü­hen sich so sehr, die ver­schie­de­nen schich­ten die­ser musik zu ver­deut­li­chen, dass sie bei jedem zusam­men­tref­fen ordent­lich anein­an­der­ge­ra­ten. scha­de, denn der ansatz ist so ver­kehrt gar nicht. das zei­gen dann auch die rest­li­chen drei gesän­ge – das gan­ze kon­so­li­diert sich in gro­ßer ernst­haf­tig­keit. ger­ha­her ver­hilft den tex­ten in schlich­ter stren­ge zu sehr ein­dring­li­cher prä­senz, inbal ver­knüpft das sehr ziel­stre­big zum zyklus.

der bari­ton hat sei­nen auf­tritt damit nach zwan­zig minu­ten schon erle­digt, wäh­rend der dri­gient sozu­sa­gen noch in der auf­wärm­pha­se ist. denn für ihn geht es erst mit bruck­ners vier­ter sym­pho­nie so rich­tig zur sache. sei­ne inten­ti­on wird schnell deut­lich und zeigt sich wun­der­bar klar: die gan­ze sym­pho­nie ist eine spi­ra­le nach oben, eine enor­me auf­wärts­be­we­gung. raum­ge­winn gibt es zwar kei­nen, aber dafür gelangt inbal mit dem wdr-sin­fo­nie­or­ches­ter immer höher, im wei­ter hinauf.

dazu bemüht er sich, die vom kom­po­nis­ten selbst als „roman­ti­sche“ titu­lier­te sym­pho­nie nach­ge­ra­de unro­man­tisch zu spie­len: das block­haf­te kom­po­nie­ren bruck­ners, sei­ne sequen­zier­te sta­tik ist ihm hör­bar wich­ti­ger als schwel­ge­ri­sche klang­ma­le­rei­en. dadurch ist die vier­te aber auch von vorn­her­ein sehr offen: inbal legt dem publi­kum sozu­sa­gen das ske­lett der sym­pho­nie zur begut­ach­tung vor – nicht immer mit opti­ma­ler auf­lö­sung, aber das liegt weni­ger am diri­gen­ten als an den sich häu­fen­den klei­nen pat­zern des wdr-sin­fo­nie­or­ches­ters. der dri­gient selbst ver­rich­tet sei­nen anteil mit beson­ne­ner gründ­lich­keit, er baut mit uner­müd­li­chem fleiß immer neue schich­ten der enor­men klän­ge auf und ent­wi­ckelt die in straf­fer orga­ni­sa­ti­on zu gro­ßer prä­senz und offen­heit: das strahlt gera­de im letz­ten satz, kurz vor dem ende, in fast blen­den­der hel­lig­keit und beein­dru­cken­der klarheit.

und sich an einer neu­en oder sagen wir ein­mal unbe­kann­ten wag­ner-ope­ret­te erfreu­en (genau, richard wag­ner hat auch eine ope­ret­te geschrie­ben, man muss sie nur aus ihrem kor­sett des gro­ßen musik­dra­mas – dem rhein­gold – befrei­en): die rheintor-saga.

was haben ein pump­ge­nie, eine bio-bäue­rin, zwei mit­tel­stän­di­sche bau­un­ter­neh­mer und eine alko­hol­o­ab­hän­gi­ge dame der hohen gesell­schaft gemein? genau, sie alle kom­men im „rhein­gold“ vor. zumin­dest in der zur „rhein­tor-saga“ umge­bo­ge­nen vari­an­te, mit der der kul­tur­fonds main­zer wirt­schaft geld für die erhal­tung der main­zer rhein­to­re sammelte.

das pump­ge­nie ist natür­lich wie im rich­ti­gen leben nie­mand ande­res als richard wag­ner der ii, der eigent­lich der ech­te ist und ganz eigent­lich wie­der­um der gast­ge­ber im wei­her­g­art, peter han­ser-stre­cker. er ist zwar in den letz­ten jah­ren ein wenig gewach­sen und aus dem säch­si­schen akzent ist meen­ze­risch gewor­den, aber sonst ein ganz ech­ter wag­ner. und er zieht den leu­ten auch genau­so geschickt das geld aus der tasche – nur ziem­lich wahr­schein­lich erheb­lich unter­halt­sa­mer. denn die ver­an­stal­ter haben sich von chris­ti­an pfarr extra für die­sen abend, als urauf­füh­rung ohne jede wie­der­ho­lung­mög­lich­keit, ein libret­to für ein neu­es klei­nes ope­rett­chen schrei­ben las­sen. wolf­ram kolo­seus hat die musik dazu gemacht – oder genau­er gesagt, er hat die pas­sen­den stel­len aus dem „rhein­gold“ gesucht und ver­an­stal­tet damit am flü­gel ein ordent­lich blät­ter­or­gi. die stu­den­ten aus dem jun­gen ensem­ble der hoch­schu­le für musik unter der lei­tung von clau­dia eder haben gesun­gen. die fri­cka von sarah kuff­ner ist davon fre­lich so gelang­weilt, dass sie sich unent­wegt sekt hin­ter die bin­de kippt. dabei hät­te sie nur ihren mit­strei­tern zuhö­ren müs­sen, um erst­klas­si­ge unter­hal­tung geli­f­ert zu bekommen.

das rhein­gold passt zum geld­sam­meln natür­lich wun­der­bar – schließ­lich geht’s da ja auch um einen neu­bau. mit einer fül­le sol­cher klei­ne­ren umdeu­tun­gen hat pfarr das wun­der­bar humo­ris­tisch ange­passt. der richard wag­ner von han­ser-stre­cker darf dabei für die not­wen­di­gen stich­wor­te und außer­dem für neue, lokal­pa­trio­ti­sche ver­knüp­fun­gen der klei­nen aus­schnit­te sor­gen – so kommt dann etwa auch noch die fin­the­ner flur­be­rei­ni­gung ins spiel.

und da ja die rhein­to­re fast das glei­che sind wie der rei­ne tor, darf in die­ser wag­ner-ver­wurs­tung auch par­si­fal (dani­el jenz, der auch schon als loge sich mit dem rhein­gold pla­gen muss­te) noch ein­mal kurz zu wort kom­men. und er darf sich zum schluss von den blu­men­mäd­chen sogar noch ver­füh­ren las­sen, ohne dafür bezah­len zu müssen.

die klangwelten des peter kiefer sind ein recht zeitloses gebilde

oder jeden­falls zeit­arm – immer­hin füh­ren sie in ihrer oft mehr als uner­schüt­ter­li­chen ruhe zu einer gewis­sen ver­lang­sa­mung des per­sön­li­chen zeitempfindens:

die esg-kir­che gibt sich ver­schlos­sen, kühl und düs­ter liegt ein geheim­nis­vol­ler blau­er schim­mer als ein­zi­ge beleuch­tung auf den kah­len wän­den des leer geräum­ten saals. sanft blub­bern ab und an elek­tro­ni­sche geräu­sche aus den laut­spre­chern. natür­lich ist es wie­der „mainz-musik“, das von der kir­che besitz ergrif­fen hat. genau­er gesagt, die klang­kunst von peter kie­fer okku­piert den sakra­len raum. und sie fühlt sich da offen­bar recht heimisch.

kie­fer hat für die­sen abend eine klei­ne werk­schau mit sei­nen arbei­ten der letz­ten jah­re zusam­men­ge­stellt und das gan­ze zu einem kon­ti­nu­ier­li­chen strom aus elek­tro­nisch erzeug­ten und in ganz weni­gen fäl­len auch nur bear­bei­te­ten klang­for­men ver­knüpft. „klang­wel­ten“ hat er das über­schrie­ben, und die­ser begriff trifft das gesche­hen auch recht gut. vor allem der plu­ral ist wich­tig. denn kie­fer belässt es nicht bei einer welt, sei­ne kunst ist dafür viel zu viel­sei­tig und viel­schich­tig. zu den bloops und beeps kom­men bald knir­scher und kna­cker, ver­bin­den sich zu einer kulis­se aus dem grenz­be­reich zwi­schen geräusch und klang, zwi­schen lärm und musik. das ist mal metal­lisch glit­zernd, mal hohl dröh­nend, mal kusch­lig gemüt­lich und new-age-mäßig ent­spannt, dann aber auch wie­der erwar­tungs­froh drän­gend – vor allem aber ist es immer eine dezi­diert künst­li­che und künst­le­risch geform­te akus­ti­sche umge­bung. natür­li­che klän­ge gibt es in die­sem kos­mos nicht, sieht man von eini­gen weni­gen mensch­li­chen stim­men ab. aber selbst die nutzt kie­fer nur als mate­ri­al, formt sie nach sei­nem gus­tos, macht etwa aus einer ein­zi­gen voka­li­se eine raumklang-stimmenorgie.

dazu mon­tiert er dann even­tu­ell noch ver­ein­zel­te, ein­sam schwe­ben­de töne – das ist eine kunst, die unheim­lich viel zeit zu haben scheint. tat­säch­lich ver­lang­samt kie­fer mit sei­nen klan­kom­po­si­tio­ne das zeit­emp­fin­den oft sehr erheb­lich: es wird ein­mal eine gro­ße ruhe kom­men – und peter kie­fer wird ihren klang gestal­ten. denn vie­les von dem, was sei­ne klang­bän­der struk­tu­riert, pas­siert so fein und fast unmerk­lich, dass jedes gespür für die­se ver­läu­fe in gefahr gerät, sich zu ver­lie­ren. aber dann gibt es ja bei eini­gen arbei­ten auch noch die vide­os, an denen man sich fest­hal­ten kann.

beson­ders gilt das natür­lich für sei­ne film­mu­sik zu dem stumm­film „la pas­si­on de jean­ne d’arc“ von c.t. drey­er, mit der er sei­nen klang­wel­ten einen sehr illus­tra­ti­ven und in sei­ner insis­tie­ren­den klang­ge­walt sehr ver­füh­re­ri­schen höhe- und schluss­punkt setzte.

da waren es nur noch drei. das ers­te kon­zert der als „ensem­ble in resi­den­cy“ ver­pflich­te­ten musi­ca anti­qua köln beim rhein­gau-musik-fes­ti­val war vom pech ver­folgt. schon vor eini­ger zeit muss­te der zwei­te gei­ger nach einem unfall absa­gen, das pro­gramm wur­de ent­spre­chend geän­dert. doch am kon­zert­tag stell­te sich dann her­aus, dass auch rein­hard goe­bel, der lei­ter und ers­te gei­ger des ensem­bles, auf­grund einer hand­ver­let­zung nicht spie­len kann. übrig blie­ben also nur noch der cem­ba­list léon ber­ben, cel­list klaus-die­ter brandt und die flö­tis­tin vere­na fischer.

es wur­de dann aller­dings doch noch ein schö­ner abend in der pfarr­kir­che von oestrich. denn die mit­glie­der der musi­ca anti­qua köln sind natür­lich rou­ti­niers genug, um mit sol­chen wid­rig­kei­ten fer­tig­zu­wer­den. das pro­gramm bot nach der zwei­ten ände­rung nun eine blü­ten­le­se aus unter­halt­sa­men sona­ten und sui­ten des 18. jahr­hun­derts für alle noch ver­blie­be­nen mög­li­chen besetzungen.

die kom­bi­na­ti­on aus cel­lo und cem­ba­lo erwies sich als dabei beson­ders frucht­brin­gend. tele­mann sona­te in d‑dur für die­se bei­den instru­men­te gaben die zwei musi­ker nicht nur die ensem­ble-typi­sche auf­ge­weck­te fri­sche und ent­schlos­sen­heit mit, son­dern dar­über hin­aus auch noch eine präch­ti­ge klang­ent­fal­tung. das cel­lo zog im herr­lichs­ten lega­to wun­der­bar fül­li­ge lini­en in jeder ton­la­ge. die lang­sa­men sät­zen wur­den dadurch zu schmel­zen­den schön­hei­ten ganz beson­de­rer art. ähn­lich erfolg­reich spiel­ten ber­ben und brandt auch wil­lem de feschs d‑moll-sona­te. wie­der war es vor allem das cel­lo, das auf­fiel. die­ses mal vor allem durch die über­zeu­gen­de rhe­to­rik, die sich fast schon zur ver­füh­rung stei­ger­te. dabei arbei­te­te brandt mit sehr unauf­fäl­li­gen mit­teln – und dem bes­ten trick über­haupt: der eige­nen über­zeu­gung, dem unmit­tel­ba­ren intel­lek­tu­el­len und emo­tio­na­len ein­satz, der sich der tän­ze­ri­schen alle­man­de genau­so hin­gab wie dem grüb­le­ri­schen largo.

wenig anlass zum grü­beln bot die flö­ten­so­na­te a‑moll von carl phil­ipp ema­nu­el bach. hier war die galan­te­rie, die das gesam­te kon­zert durch­zog, am stärks­ten aus­ge­prägt – und das trio der musi­ca anti­qua auch sehr spiel­freu­dig. das aber bringt doch immer wie­der die bes­ten ergeb­nis­se: wenn die musi­ker ein­fach mit lust und über­zeu­gung spie­len – auch wenn die umstän­de ein­mal nicht opti­mal sind.

zum bei­spiel die 1892 (!) kom­po­nier­te schau­spiel­mu­sik „le fils des étoi­les“ – so an die neun­zig minu­ten auf der stel­le tre­ten – bru­tal, aber irgend­wie auch span­nend. bei „mainz musik“ war sie jetzt kom­plett zu hören, ergänzt außer­dem durch eine lichtinstallation.

immer wei­ter ins unbe­kann­te und unbe­que­me führt der weg von „mainz musik“. der fes­ti­val­lei­ter lud­wig strie­gel hat jetzt selbst wie­der einen gro­ßen schritt in die­se rich­tung getan: mit der auf­füh­rung von erik saties „le fils des étoi­les“. die nennt sich zwar eine schau­spiel­mu­sik zu einem thea­ter­stück des deca­dence-autors jose­phin pelá­dan, ist aber als sol­che nur schwer vor­zu­stel­len und wohl auch kaum jemals genutzt wor­den. denn dafür ist sie viel zu mäch­tig und vor allem zu eigen­sin­nig. für das jahr 1892, im dem satie „le fils des étoi­les“ kom­po­nier­te, ist das außer­dem eine unge­heu­re moder­ni­tät. heu­te hat man sich ja an sol­che klän­ge gewöhnt, aber die weni­gen pari­ser, die das damals gehört haben, müs­sen unter die­sen per­ma­nen­ten häu­fun­gen von quar­ten und dis­so­nan­zen doch erheb­lich gelit­ten haben.

ihre kunst ist vor allem, mit mög­lichst vie­len noten nichts zu sagen – ein musik, die vor allem eines erzeugt: lee­re. und die greift auch auf den hörer über. irgend­wann setzt die­se bau­kas­ten­ar­ti­ge rei­hung von simp­les­ten moti­ven und schrä­gen akkor­den das den­ken außer gefecht. in einen ganz eigen­ar­ti­gen zustand der schwe­be kann man dabei gera­ten – da hat fast etwas von einer trance. denn das gesche­hen die­ser musik ist gera­de der still­stand, das expli­zi­te nicht-pas­sie­ren von eigent­lich genu­in musi­ka­li­schen momen­ten wie ent­wick­lung und ver­än­de­rung. strieg­ler spiel­te das mit bewun­ders­wer­ter kon­zen­tra­ti­on: neun­zig minu­ten hin­durch häm­mert er immer wie­der die­se bana­len moti­ve, die­se end­los auf­ge­schich­te­ten akkor­de in das klavier.

das ist zunächst, auf der kör­per­li­chen erfah­rungs­ebe­ne, eine har­te stra­pa­ze: eine der­ma­ßen gleich­för­mi­ge musik ist unge­heu­er anstren­gend zu hören. aber in der esg-kir­che wur­de sie noch durch die licht­in­stal­la­ti­on von tan­ja löhr ergänzt. die sorgt zunächst schein­bar für opti­sche abwechs­lung: eine abfol­ge von geo­me­tri­schen for­men, wan­dern­den lini­en und recht­ecken, sich aus­deh­nen­den und wie­der zusam­men­schrump­fen­den flä­chen wer­den in gif­ti­gem gründ und grel­lem pink auf die kir­chen­wand pro­ji­ziert. spä­ter kom­men zwar noch zwei far­ben – rot und blau – und auch ab und an eine kreis­form hin­zu, doch die meis­te zeit belässt es löhr bei die­sen ein­fa­chen zuta­ten. durch die per­ma­nen­te bewe­gung ent­ste­hen immer neue for­men und mus­ter, neue kon­stel­la­tio­nen von far­ben und zustän­den. die opti­sche gestal­tung schließt damit direkt an die akus­ti­sche ästhe­tik der ver­wei­ge­rung saties an: das ist nichts, was man unmit­tel­bar ver­ste­hen kann – das kann man nur mehr erfahren.

manchmal ist sogar neue musik ganz harmlos

und manch­mal ist sie auch ein­fach nur ver­spä­te­te roman­tik – und in die­sem fall meist auch ein wenig lang­wei­lig, die roman­tik hat­ten wir halt schon ein­mal, dazu fällt nur noch den wenigs­ten kom­po­nis­ten wirk­lich neu­es ein. aber der pia­nist war nicht schlecht, sei­ne impro­vi­sa­tio­nen zwar ein biss­chen lang­at­mig, aber auch sehr gut anzu­hö­ren – das war also das zwei­te kon­zert der dies­jäh­ri­gen aus­ga­be von mainz musik:

drau­ßen zwit­schern die vögel noch froh­ge­mut, doch drin­nen trau­ern sie herz­er­wei­chend. im alten musik­saal auf dem cam­pus ist die­se ver­blüf­fen­de gleich­zei­tig­keit mög­lich. denn der jun­ge pia­nist tomasz trz­cin­ski begann sein „con­cer­to fes­tivo“ für „mainz musik“ mit den „oise­aux tris­tes“ aus mau­rice ravels „miro­irs“. er tat das sehr rück­sichts­voll und vor­sich­tig – genau so, wie er auch den flü­gel behan­del­te. denn der ist ihm offen­bar mehr als ein blo­ßes instru­ment, eine schnö­de ansamm­lung von holz und metall, son­dern eine ver­län­ge­rung sei­ner hän­de und damit schon fast zu einem teil sei­nes kör­pers gewor­den. und er behan­delt ihn ent­spre­chend: er zwingt ihm nie sei­nen wil­len auf, er akzep­tiert sei­ne schwä­chen und ver­sucht, sie mög­lichst unauf­fäl­lig und sinn­voll zu nut­zen. das führt zu über­ra­schen­den ergeb­nis­sen: schon mit dem zwei­ten stück aus ravels miro­irs, „la val­lée des clo­ches“, bringt er den raum mit prä­sen­ter, aber sehr sorg­sam dosier­ter kraft zum zit­tern und dröh­nen – die vögel haben jetzt nichts mehr zu melden.

es war auch sonst eher die nach­denk­li­che, geruh­sa­me musik, der er beson­de­re sorg­falt ange­dei­hen ließ. die „cha­conne“ von uljas voi­to pulk­kis, die ant­ti siira­la bei der urauf­füh­rung im frank­fur­ter hof im letz­ten jahr als spie­le­ri­sche plau­de­rei spiel­te, nimmt trz­cin­ski eher als roman­ti­sche träu­me­rei, als weit­läu­fi­ge fan­ta­sie. und mit sei­ner sam­ti­gen klan­gober­flä­che gewinnt das stück unter sei­nen hän­den erheb­li­ches poten­zi­al – ein immer wie­der­keh­ren­der drang zum auf­be­geh­ren wird hier auf ein­mal hör­bar. zwar lässt der kom­po­nist die­se aus­bruchs­ver­su­che aus der stren­gen form immer wie­der in die lee­re lau­fen, aber immer­hin kann trz­cin­ski die wider­strei­ten­den kräf­te der cha­conne klang­lich umset­zen, ohne sie voll­ends zu zähmen.

mit die­sen eska­pis­ti­schen aus­flü­gen ver­ab­schie­de­te sich der pia­nist von sei­nen noten – jetzt gab es nur noch ihn, den flü­gel und sei­ne impro­vi­sa­ti­ons­kunst. dar­in erwies er sich schnell als ver­sier­ter tech­ni­ker. mit viel the­ma­ti­scher arbeit ver­blüff­te er vor allem durch sei­ne rapi­den über­lei­tun­gen: ehe man sich ver­sah, war er von frei schwei­fen­den bli­cken über medi­ter­ra­ne land­schaf­ten zu ver­träum­ten, aus­schließ­lich nach innen fokus­sier­ten gedan­ken­flüs­sen gewech­selt. und all­mäh­lich ent­stand dar­aus auch so etwas wie frei­heit – aller­dings immer mit der mög­lich­keit des rück­zugs in die ver­gleichs­wei­se siche­ren gefil­de der moti­vi­schen ver­ar­bei­tun­gen und tra­di­tio­nel­len varia­ti­ons­for­men. auch hier blieb trz­cin­ski voll­kom­men gelas­sen: das ist kei­ne erkämpf­te oder erober­te musik, son­dern ein unge­hin­der­tes, ent­spann­tes fließen.

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