Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: kritik Seite 14 von 15

neue musik ist kein schrecken

ganz tol­le neue musik, zum nach­den­ken, zum hören und genie­ßen, auch wenn man sie viel­leicht gar nicht ver­ste­hen kann/​mag/​will, gab es beim ers­ten kon­zert der dies­jäh­ri­gen auf­la­ge von mainz-musik, dem mini-fes­ti­val der main­zer musik­hoch­schu­le, in der esg-kir­che. zwei dozen­ten, lutz man­dler und pierre-sté­pha­ne meu­gé haben neue und neu­es­te musik für saxophon(e) und trom­pe­te bzw. deren mund­stü­cke auf­ge­führt, das gan­ze noch mit einem klei­nen biss­chen licht­de­sign – im grun­de nur ein­fa­che wech­seln­de beleuch­tun­gen – und vor allem beson­de­rer inte­gra­ti­on des rau­mes in die inter­pre­ta­ti­on – ein wirk­lich außer­or­dent­lich her­aus­ra­gen­des kon­zert­er­eig­nis – nicht nur wegen der muti­gen pro­gram­mie­rung, son­dern gera­de auch wegen der erst­klas­si­gen, kei­ne wün­sche offen­las­sen­den umset­zung. „in freund­schaft“ etwa habe ich noch nie der­ma­ßen kon­sis­tent und durch­gän­gig struk­tu­riert, der­ma­ßen klar und doch leben­dig, nie kalt und kon­stru­iert, aber immer als künst­le­ri­sche for­mung mar­kiert, gehört.

in der „off­zi­el­len“ form liest sich das dann so:

die fest­spiel­zeit ist ein untrüg­li­ches zei­chen: jetzt hat der som­mer begon­nen. ln mainz ist es in die­sem jahr die musik­hoch­schu­le, die den rei­gen eröff­net – mit einem kon­zert der ech­ten extra­klas­se. lutz man­dler und pierre-sté­pha­ne meu­gé haben mit dem auf­takt­kon­zert in der esg-kir­che näm­lich her­aus­ra­gen­des für die neue und neu­es­te musik geleistet.

und dazu gehört immer wie­der das suchen nach neu­en for­men des zusam­men­spie­lens. vin­ko glo­bo­kars „dos à dos“ ist so eine fahn­dung: saxo­phon und trom­pe­te pro­bie­ren die mög­lich­kei­ten des mit­ein­an­der und gegen­ein­an­der spie­lend aus. da das mit der für glo­bo­kar typi­schen wucht und dem ent­spre­chen­den kraft­i­auf­wand pas­siert, ist es eine hoch­dra­ma­ti­sche sache. über­haupt fiel in der esg-kir­che immer wie­der die unglaub­li­che ener­gie der bei­den musi­ker auf. selbst einem eher intro­ver­tier­ten und nach­denk­li­chem werk wie mau­ri­zio pisa­tis „ö“ lie­ßen sie davon nicht ab. bei­de ver­su­chen hier die stil­le in klang zu über­füh­ren – mit lan­gen momen­ten abso­lu­ter ruhe, die von dem dunk­len, erns­ten klang der sym­bio­tisch mit­ein­an­der ver­schmelznden instru­men­te immer stär­ker struk­tu­riert wer­den. die anhäu­fung von bedeu­tungs­vol­len, aber vagen momen­ten ent­lädt sich zum schluss in einer hoch­dra­ma­tisch nach­hal­len­den stille.

mit der urauf­füh­rung des „tage­buch ii“ von hyun-sik jin prä­sen­tier­te sich man­dler auch als solist. die­se erkun­dun­gen des sub­jekts, deren ziel frei­lich ver­bor­gen bleibt, geben dem inter­pre­ten man­nig­fal­ti­ge mög­lich­kei­ten, sei­ne tech­ni­schen fähig­kei­ten unter beweis zu stel­len. man­dler tut dies mit gro­ßer sou­ve­rä­ni­tät und sub­ti­li­tät. gelas­sen schien auch meu­gé in sei­nem solo, einem ech­ten klas­si­ker: „in freund­schaft“ von karl­heinz stock­hausen. unter der sehr genau arti­ku­lier­ten ober­flä­che ver­ber­gen sich hier aller­dings gewal­ti­ge span­nun­gen, die schon so man­chem blä­ser das genick gebro­chen haben. meu­gé dage­gen führt das ganz selbst­ver­ständ­lich zu einer phä­no­me­nal struk­tu­rier­ten ver­füh­rung der sin­ne zusam­men, in der man sich als hörer voll­ends gebor­gen und hei­misch füh­len kann.

und als wäre die­se rei­he erleb­nis­rei­cher höhe­punk­te noch nicht genug an ver­füh­rung, setz­te das duo mit den „bou­chées dou­bles“ von ernest h. papier dem abend die kro­ne auf: denn nur beim zwei­kampf ohne instru­ment, aus­schließ­lich mit ihren mund­stü­cken bewaff­net, lässt sich der wah­re meis­ter ermit­teln. das duell lief über meh­re­re, sich dra­ma­tisch zuspit­zen­de run­den. zunächst klop­fend und rückend for­der­ten sich die bei­den kom­bat­tan­ten schnell zu immer wage­mu­ti­ge­ren geräusch- und ton­kas­ka­den her­aus. doch auch in der hit­ze des gefech­tes konn­ten die bei­den sich auf ein unent­schie­den eini­gen, ihre feh­de bei­le­gen un noch ein letz­tes mal ganz har­mo­nisch, in lie­be ver­eint, zusam­men spielen.

ja, so kann es manch­mal gehen: der cel­list ist krank gewor­den – da wird auch dem kam­mer­mu­sik­abend natür­lich nix mehr. die pia­nis­tin hat sich erbarmt und spielt ein­fach ein solo­pro­gramm – und ein ziem­lich über­zeu­gen­des. das mei­ne ich dazu:

hal­be sachen sind je meist kein grund für beson­de­res freun­de­aus­brü­che. hal­be kon­zer­te schon gar nicht. aber man­cha­mal sind sie ein ganz beson­de­rer, unver­hoff­ter genuss. so soll­te das vom main­zer haus bur­gund und dem erba­cher hof ver­an­stal­te­te kon­zert im rah­men des „fes­ti­val musi­cal des grand crus de bour­go­gne“ eigent­lich musik für cel­lo und kla­vier bie­ten. der cel­list her­ni demar­quet­te muss­te aller­dings das bett hüten und ließ sei­ne kla­vier­part­ne­rin clai­re désert allein. das war aller­dings alles ande­re als eine kata­stro­phe. denn désert zau­ber­te im erba­cher hof einen beein­dru­cken­den kla­vier­abend her­vor. schon die pro­gramm­aus­wahl ließ auf­mer­ken. die­se pia­nis­tin muss sich ihrer fähig­kei­ten sehr sicher sein: cla­ra schu­manns varia­tio­nen op. 20, robert schu­manns „davids­bünd­ler­tän­ze“, beet­ho­vens sona­te nr. 17 und noch zwei pre­ludes von clau­de debus­sy – das ist bestimmt kei­ne ver­le­gen­heits­lö­sung. und clai­re désert hat sich mit die­sem tech­nisch und musi­ka­lisch anspruchs­vol­len pro­gramm auch nicht über­ho­ben. nur der klei­ne flü­gel setz­te deut­li­che limits. mit einem bes­se­re instru­ment wären die klang­flu­ten, die aus den hän­den der pia­nis­tin ent­stan­den, sicher noch beein­dru­cken­der gewe­sen. auch so war die schie­re mäch­tig­keit, die über­bor­den­de fül­le ihres spiels aller­dings schon auf rein phy­si­scher ebe­ne sehr über­wäl­ti­gend. das ist oft ein rich­tig­ge­hen­des tönen­des schlach­ten­ge­mäl­de: das don­nert und blitzt mit erschre­cken­der rea­li­tät auch ohne tech­ni­sche kino-effek­te. die musik wird hier zur reli­ef­kunst: mit aus­ge­spro­chen deut­li­cher plas­ti­zi­tät wer­den ecken und kan­ten, wohl­be­kann­te und bizarr-erschre­cken­de for­ma­tio­nen hör­bar.: eine uner­müd­li­che fol­ge von ganz sorg­fäl­tig gear­bei­te­ten, schein­bar unmit­tel­ba­ren schal­l­erup­tio­nen. die­se musik ist offen­bar auch weni­ger von intel­lek­tu­el­len über­le­gun­gen, son­dern von for­scher, unver­hoh­le­ner musi­ka­li­tät gesteu­ert. für die beet­ho­ven-sona­te ist das aller­dings nicht ganz hin­rei­chend, das bleibt zu ein­sei­tig, zu stark auf den stür­misch drän­gen­den impuls der sona­te kon­zen­triert. für schu­manns „davids­bünd­ler­tän­ze“ hät­te es aller­dings kaum pas­sen­der sein kön­nen. in ganz natür­li­chem kolo­rit und mit geschick­ter balan­ce zwi­schen anmut und unver­hoh­len­der kräft­de­mons­tra­ti­on fließt die musik voll­kom­men frei und unbe­schwert, als könn­te es gar nicht anders sein – und das alles ande­re als eine hal­be sache.

junge musik im staatstheater

beim kon­zert für jun­ge leu­te im staats­thea­ter – sehr schön zu beob­ach­ten, wie sich eine inter­pre­ta­ti­on noch ent­wi­ckeln kann. und was es für einen unter­schied macht, wenn das orches­ter mit lust und lau­ne und etwas ent­spann­ter spielt:

für eine ordent­li­che por­ti­on musi­ka­li­schen jugend­wahns ist das kon­zert für jun­ge leu­te genau der rich­ti­ge platz. cathe­ri­ne rück­wardt hat sich zum letz­ten kon­zert die­ser rei­he in der lau­fen­den spiel­zeit nicht nur musik von jun­gen kom­po­nis­ten aus­ge­sucht, son­dern auch einen sehr jun­gen main­zer pia­nis­ten ein­ge­la­den. arne gies­hoff hat zwar im ver­gan­ge­nen jahr den bun­des­wett­be­werb von jugend musi­ziert gewon­nen, wirkt aber immer noch sehr zurück­hal­tend und ver­schlos­sen: die zuga­be muss­te die diri­gen­tin rich­tig aus ihm her­aus­kit­zeln. und sie war dann auch kein bra­voustück­chen, son­dern ein eige­nes inter­mez­zo, ein nach­denk­lich-medi­ta­ti­ve minia­tur. bra­vour gab’s davor auch mehr als genug: denn in cho­pins opus 2, den varia­tio­nen über ein the­ma aus mozarts don gio­van­ni, muss der pia­nist über eine soli­de tech­nik ver­fü­gen. gies­hoff kann das, und so konn­te nicht viel schief gehen beim vir­tuo­sen wir­bel. was ihm aller­dings noch ein wenig fehlt, ist einer­seits die behaup­tung gegen­über dem orches­ter. und die klang­li­che gestal­tung – es klingt ein­fach noch zu ein­sei­tig, um wirk­lich die gan­ze par­ti­tur zu erfas­sen. aber das wäre von einem 17-jäh­ri­gen wohl zu viel ver­langt. denn nicht jeder gute musi­ker ist gleich ein genie wie cho­pin oder mozart. die haben, und dafür gab das kon­zert genug stoff, in dem alter schon ziem­lich aus­ge­fuchst kom­po­niert – cho­pin eben die varia­tio­nen. und mozart war auch erst zwei jah­re älter, als er „la fin­ta giar­di­nie­ra“ kom­po­nier­te. mit einem zügi­gen marsch durch die ouver­tü­re hat­te das phil­har­mo­ni­sche staats­or­ches­ter den abend eröff­net. ans ande­re ende von mozarts leben führ­te sie das publi­kum dann mit mozarts g‑moll sin­fo­nie. die hat rück­wardt im moment wohl beson­ders ins herz geschlos­sen. nach der auf­füh­rung im ach­ten sin­fo­ni­kon­zert und dem son­der­kon­zert in der phö­nix­hal­le nahm sie mozarts letz­te sin­fo­nie nun auch noch in das kon­zert für die jun­gen leu­te. und die ste­te beschäf­ti­gung mit mozart tut sowohl dem orches­ter als auch der musik gut. wenn dazu noch die fami­liä­re atmo­sphä­re die­ses kon­zer­tes kommt, klingt das nicht ganz anders als im letz­ten sin­fo­nie­kon­zert, aber doch ein gan­zes stück frei­er und unbe­sorg­ter. mit druck­vol­ler wucht und kräf­ti­gen impul­sen musi­zie­ren sie und machen die letz­ten bei­den sät­ze zu einem rich­ti­gen bedro­hungs­sze­na­rio, so klar kon­tu­riert und drän­gend packt rück­wardt das an. noch ein paar auf­führ­run­gen und das wird rich­tig spitze.

elisabeth hagedorn singt sich durch die romantik

zum abschied aus dem main­zer ensem­ble hat die sän­ge­rin eli­sa­beth hage­dorn sich aus­ge­rech­net einen lie­der­abend aus­ge­dacht – mit einem ziem­lich kun­ter­bun­ten pro­gramm und durch­aus wech­sel­haf­ten qualitäten:

was wohl pas­sie­ren wür­de, wenn die­se frau wirk­lich am rhein stün­de und sän­ge? gut, ihre haa­re sind ein wenig kurz – aber sonst möch­te man sich lie­ber nicht vor­stel­len, wel­che fol­gen ein lied­vor­trag eliza­beth hage­dorns am lore­lei-fel­sen auf die rhein­schiff­fahrt hät­te. im klei­nen haus setz­te sie in gül­de­nem kleid und rotem schal jeden­falls scham­los so ziem­lich alle ver­füh­rungs­küns­te ein, über die eine sän­ge­rin von ihrem for­mat gebie­tet. und wenn sie dann also traum­ver­lo­ren am flü­gel lehnt und die berühm­ten ver­se der „lore­lei“ in der ver­to­nung von franz liszt singt, ist die vol­le macht der musik zu spü­ren. dar­um geht es ihr an die­sem abend, einem abschied aus dem main­zer ensem­ble, offen­bar. so ganz klar war das zunächst aber nicht. denn wäh­rend der noten­stän­der kon­ti­nu­ier­lich von einer sei­te auf die ande­re wan­dert, wird ganz schnell klar: das spie­len ist ihre wah­re domä­ne. da, wo sie als sän­ge­rin und schau­spie­le­rin gefragt ist, singt sie auch am bes­ten: bei richard strauss, bei franz liszt und alban berg und auch noch bei den lie­dern von charles ives. mit robert schu­mann und johan­nes brahms hat sie aller­dings noch zwei kom­po­nis­ten auf ihrem pro­gramm, die viel mehr inti­mi­tät und abso­lu­te klar­heit im detail for­dern. und das ist ihre stär­ke an die­sem abend nicht so ganz. schu­manns „bel­sa­zar“ singt sie etwa mit spek­ta­ku­lä­rem stimm­li­chen auf­wand – das reißt schon mit. aber das lässt auch viel unter­ge­hen, von der iro­nie des hei­nes-gedich­tes ist nicht mehr viel zu spü­ren. auch die schlich­ten volks­lied­ver­to­nun­gen von brahms pas­sen nicht so recht zu ihrem stil: selbst hier sucht sie noch nach der gro­ßen büh­ne, dem thea­ter in der musik.

dort, wo der kom­po­nist genau das ver­langt, ist sie dann aber auch wirk­lich beein­dru­ckend. etwa richard strauss – schon das ers­te lied von ihm, „die nacht“, zeigt nicht nur die streng kon­trol­lier­te tech­nik, son­dern auch die tref­fen­de sub­ti­li­tät und das klang­li­che eben­maß ihrer stim­me. auch ihr pia­nist andre­as stoehr kann mit spinn­web-fei­nen begleit­fi­gu­ren wirk­lich überzeugen.

und so geht es dann auch den rest­li­chen abend wei­ter. ob mit der idyl­lisch-rei­nen süße von liszts „fischer­kna­be“ oder alban bergs „nach­ti­gall“: eliza­beth hage­dorn ser­viert immer genau die rich­ti­ge por­ti­on expres­si­vi­tät, wech­selt vom emp­find­sa­men ver­wei­len zu schwe­ben­den traum­ge­dan­ken und lässt schließ­lich auch noch die schlich­te poe­sie der musik von charles ives erblü­hen. und immer wie­der wan­dert der noten­stän­der von der einen sei­te zur andern. ein glück nur, das die­se geball­te por­ti­on ver­füh­rung und ver­zü­ckung auf der büh­ne des klei­nen hau­ses nie­man­den von sei­nem weg ablen­ken konnte.

der einzelne gegen die masse: meisterkonzert in der rheingoldhalle

was das pro­gramm – beet­ho­ven, leo­no­re 3; chris­ti­an jost, luxaeter­na; rim­s­ki-kor­sa­kow, sche­he­zer­a­de – zunächst gar nicht so erwar­ten ließ: ein span­nen­des und wirk­lich gutes, über­zeu­gen­des kon­zert bei den meis­ter­kon­zer­ten in der rhein­gold­hal­le. der text trifft es eigent­lich auch ohne ergän­zun­gen ziem­lich gut:

streng und ernst steht er da, von kopf bis fuß in schlich­tes schwarz gewandt. geor­ge peh­li­va­ni­an nimmt sei­ne auf­ga­be als diri­gent der staats­phil­har­mo­nie rhein­land-pfalz aus­ge­spro­chen ernst. zum ers­ten mal war der „ers­te gast­di­ri­gent“ des orches­ters beim letz­ten meis­ter­kon­zert in der main­zer rhein­gold­hal­le. und was sei­ne aske­ti­sche dienst­klei­dung an ele­ganz ver­mis­sen lässt, macht sei­ne diri­gier­kunst wett. so ele­gant und geschmei­dig wie er diri­giert kaum ein orchesterleiter.

da es bei die­sem kon­zert aber offen­bar um den gegen­satz zwi­schen indi­vi­du­um und gesell­schaft, zwi­schen auf­be­geh­ren und anpas­sung geht, braucht der maes­tro, der sich so unauf­dring­lich in sein orches­ter ein­füg­te, einen gewich­ti­gen wider­sa­cher. die­se rol­le füll­te der saxo­pho­nist arno born­kamp per­fekt aus. er geht ganz in sei­ner rol­le als kämp­fe­ri­scher indi­vi­dua­list, die der kom­po­nist chris­ti­an jost ihm in sei­nem saxo­phon­kon­zert „luxaeter­na“ ver­ord­net, auf: mit ums haupt geschlun­ge­nem stirn­band agiert er neben geor­ge peh­li­va­ni­an bei der deut­schen erst­auf­füh­rung fast wie ein stadt­gue­ril­la – da fehlt nur noch die tarn­fle­cken-hose. der diri­gent kämpft unter­des­sen um sei­ne läs­si­ge ele­ganz und muss doch akzep­tie­ren, dass hier born­kamp die marsch­rich­tung vor­gibt. mit allen mög­lich­kei­ten zwi­schen kla­ren sta­tet­ments, vibrie­ren­den gefühls­aus­brü­chen, schrei­en­der ver­zweif­lung und lamen­tie­ren­der trau­er hilft das saxo­phon, die in stän­di­ger unsi­cher­heit immer wie­der sto­cken­den orches­ter­klang­fel­der zusam­men­zu­schwei­ßen. unauf­hör­lich bringt das solo­in­stru­ment melo­di­sche frag­men­te ins spiel, wäh­rend das orches­ter stär­ker in farb­va­ria­tio­nen und raum­klän­gen orga­ni­siert ist. das ist zwar kei­ne linea­re erzäh­lung, aber doch eine form der musik, die ent­wick­lun­gen durch­macht, die plötz­li­che ent­schei­dun­gen und lan­ges nach­den­ken, kämp­fe­ri­sches agie­ren und gelas­se­nes abwar­ten des kamp­fes des ein­zel­nen mit und gegen die gemein­schaft in immer neu­en vari­an­ten verbindet.

der diri­gent hat da ver­gleichs­wei­se wenig zu sagen. sein tak­stock, der sich bei beet­ho­vens drit­ter leo­no­ren-ouver­tü­re als gefähr­lich spit­zes flo­rett gebär­de­te, darf hier nur noch als uner­bitt­li­cher takt­ge­ber fun­gie­ren. dafür kann er bei niko­lai rim­s­ki-kor­sa­kows sche­he­zer­a­de zum tän­zeln­den, unbe­re­chen­ba­ren der­wisch wer­den. denn peh­li­va­ni­an spielt das orches­ter mit sei­nen hän­den wie ein gro­ßes instru­ment: er malt ihnen die musik förm­lich in die luft. und die lud­wigs­ha­fe­ner reagie­ren auf die­se füh­rung wun­der­bar geschmei­dig und ein­mü­tig. eine blen­den­de mischung aus war­men, gedeck­ten klang­far­ben und plas­tisch-kör­per­haft greif­ba­ren struk­tu­ren wird das – nicht nur eine augen­wei­de, son­dern auch ein ohrenschmaus.

und noch ein konzert: (fast) nur schnittke-kammermusik

gera­de eben noch fer­tig gewor­den: mei­ne bespre­chung des heu­ti­gen kon­zer­tes der rei­he „neue musik in der alten patro­ne“, deren defi­ni­ti­on von neu­er musik und dem­entspre­chend auch die pro­gramm­ge­stal­tung mich sonst sel­ten wirk­lich zufrie­den stel­len kann. aber auch wenn ich immer noch kein wirk­li­che fan von alfred schnitt­ke bin ‑unter dem heu­te gehör­ten war doch eini­ges beden­kens­wer­tes, etwa die ers­te sona­te für cel­lo und kla­vier. und auch das kla­vier­quar­tett „mahler-scher­zo“ (basie­rend auf dem frag­ment von mahlers zwei­tem satz in sei­nem nie voll­ende­ten kla­vier­quar­tett) hat durch­aus rei­ze ent­fal­ten kön­nen. auch wenn die dar­bie­tung zwar größ­ten­teils ziem­lich ordent­lich war, aber noch luft nach oben ließ – was m.e. vor allem dar­an lag, dass die orches­ter­mu­si­ker sol­che wer­ke ein­fach zu oft spie­len, da fehlt die rou­ti­ne und tech­ni­sche gelas­sen­heit, mit der das „haupt­amt­li­che“ kam­mer­mu­si­ker spie­len kön­nen, ein­fach an vie­len stellen.

offi­zi­ell klingt das dann etwas gemä­ßig­ter bzw. freundlicher:

so etwas gehört ja eigent­lich ver­bo­ten. denn das ist nichts ande­res als emo­tio­na­le erpres­sung, was judith tie­mann und mar­ti­na graf-nieß­ner in der alten patro­ne mit alfred schnitt­kes ers­ter vio­lon­cel­lo-sona­te anstel­len. ein­fach gemein ist es, denn jede gegen­wehr ist sowie­so zum schei­tern ver­ur­teilt. die bei­den sind ein­fach unver­schämt inten­siv, las­sen die schat­ti­gen klän­ge die­ser medi­ta­ti­on und ihre gro­tes­ken anwand­lun­gen der­ma­ßen nach­drück­lich in den raum schwe­ben, dass man der ver­blüf­fen­den kohä­renz die­ser empha­ti­schen grat­wan­de­rung, die die bei­den musi­ke­rin­nen mit unfass­ba­rer sicher­heit absol­vie­ren, ein­fach nicht ent­kom­men kann. selbst auf dem schma­len grat zwi­schen emo­tio­na­ler inten­si­tät und purem kitsch, auf dem schnitt­ke so oft wan­delt, scheu­en sie selbst gro­ße ges­ten nicht. und weil das für sie so selbst­ver­ständ­lich scheint, gelingt es auch: nur wer sei­ner selbst wirk­lich sicher ist, kann sich so etwas erlau­ben, ohne zu schei­tern. dage­gen wirk­te schnitt­kes vio­lin­so­na­te, die anet­te sey­fried davor gespielt hat­te, auf ein­mal ganz blass und unschein­bar. und das, obwohl sie zunächst recht strin­gend und tref­fend musi­ziert schien.

der zwei­te teil des kon­zer­tes war dann dem kla­vier­quar­tett gewid­met, für dass sich die trois femmes mal­te schae­fer und sei­ne vio­loa als ver­stär­kung geholt haben. auch hier das glei­che spiel: die suite im alten stil, von den musi­kern selbst für kla­vier­quar­tett arran­giert, ist vor allem brav und recht­schaf­fen bie­der, aber auch reich­lich nichts­sa­gend und lang­wei­lig. doch das war ja noch nicht alles. denn für schnitt­kes kla­vier­quar­tett „mahler-scher­zo“ berei­te­ten die vier sich zunächst mit mahlers quar­tett­satz vor. schnitt­ke bezieht sich in sei­nem quar­tett ja auf die skiz­zen mahlers für den nie kom­po­nier­ten zwei­ten satz zu einem kla­vier­quar­tett, von dem nur der anfang fer­tig wur­de. der mahler klang dann in der alten patro­ne vor allem sehr orches­tral, reich­lich auf­ge­plus­tert und dadurch an ent­schei­den­den stel­len etwas unscharf. aber das über­bo­ten die musi­ker bei schnitt­kes mahler-fort­schrei­bung mit leich­tig­keit: den dich­ten, eng ver­wo­be­nen satz lie­ßen sie gekonnt zwi­schen spät­ro­man­tik und post­mo­der­ne schwan­ken, beton­ten geschickt immer wie­der die dif­fe­ren­zen die­ser klang­wel­ten und das düs­ter-gro­tes­ke, die auf­lö­sung der in den mahler­schen ent­wür­fen noch halb­wegs zusam­men­hän­gen­den welt in den clus­tern und der klin­gen­den entro­pie des endes – ein pas­sen­der schluss­punkt lässt sich kaum finden.

so, das war jetzt heu­te ein pro­duk­ti­ver tag.…

und das ist lei­der eine recht lang­wei­li­ge sache gewe­sen. es zeig­te sich näm­lich mal wie­der, dass musik, die ein­fach nur nett und unter­halt­sam sein will, gera­de in der mas­sie­rung eines kon­zer­tes eher ennu­ie­rend als unter­hal­tend ist. zumin­dest für mich, der ich eben auf einen gewis­sen – auch intel­lek­tu­el­len – anspruch an die kunst nicht auf­ge­ben will. so habe ich das gan­ze für die rhein-zei­tung gefasst:

musik darf auch mal nur spaß machen und ein­fach gefal­len wol­len. eine gan­ze grup­pe sol­cher wer­ke gab es jetzt in der fünf­ten mati­née des staats­thea­ters zu hören. im orches­ter­saal des main­zer thea­ters war das aller­dings ein wenig viel des guten: das sind zwar alles net­te stü­cke, aber auch kaum mehr. und sechs mal nett wird ganz schnell lang­wei­lig. das liegt lei­der zum teil auch dar­an, dass die musi­ker nicht immer zwin­gen­de grün­de für ihre aus­wahl haben. casi­mir lal­liets ter­zet­to zum bei­spiel ist ja in sei­ner ein­fa­chen ele­ganz und sei­nem schwung­vol­len charme ange­nehm anzu­hö­ren, aber lei­der spie­len mar­tin letz (oboe), erik meß­mer (fagott) und hatem nadim am kla­vier immer nur mit sicher­heits­re­ser­ve. sie las­sen nie los: das ist ordent­lich ein­stu­diert, aber sehr viel aus­strah­lung kann es nicht ver­mit­teln. auch die „sara­ban­de et alle­gro“ von gabri­el gro­v­lez für oboe und kla­vier ver­strömt vor allem den hauch einer unter­ge­gan­ge­nen epo­che: die ver­staub­te und aus­geb­li­che­ne ele­ganz des fin-de-siè­cle, immer ein wenig sno­bis­tisch, aber trotz aller kunst­hand­werk­li­chen fer­tig­keit doch inzwi­schen arg abgenutzt.

eben­falls ganz nett, aber ohne beson­de­re span­nung: die obo­en­so­na­te von gor­don jacob. gut, der eng­län­der ist immer­hin schon teil­wei­se im zwan­zigs­ten jahr­hun­dert ange­kom­men. aber auch hier sind die bei­den instru­men­ta­lis­ten dann am bes­ten, wenn sie leicht gefühls­se­lig, klang­ver­lieb­ten wohl­laut her­vor­brin­gen kön­nen, wenn sie in die welt des schö­nen trau­mes und scheins schwei­fen können.

kna­ckig wird das erst mit eugè­ne boz­za. des­sen „récit, sici­li­en­ne et ron­do“ für fagott und kla­vier zeigt zwar nicht unbe­dingt genia­le kom­po­si­ti­ons­ideen, aber immer­hint packen­des musi­kan­ten­tum, das ernst meß­mer mit nach­druck und gewand­ter geläu­fig­keit vorbringt.

das trio von jean fran­caix bringt das gan­ze dann noch ein­mal auf den punkt: musik um des spa­ßes an der musik wil­len. und hier ist das inter­pre­ten-trio auch wirk­lich wach: das spru­delt nun mit der not­wen­di­gen klang­li­chen kraft und instru­men­ta­ler prä­zi­si­on, in der das andan­te durch sei­ne coo­le läs­sig­keit und beein­dru­cken­de klar­heit beson­ders her­vor­sticht. die spie­le­ri­sche freu­de, mit der sie dann auch noch das fina­le auf­rol­len, gibt der mati­née wenigs­tens noch einen wür­di­gen abschluss, der sich nicht im puren spaß erschöpft.

mal wie­der ein beglü­cken­der abend: kar­di­nal leh­mann wird zum 70. von den dom­chö­ren mit einem mozart-kon­zert beschenkt – und die main­zer dür­fen zuhö­ren. die zeit ver­ging im flug, der dom­ka­pell­meis­ter war in hoch­form und zog alle regis­ter sei­ner kunst – bzw. eben gera­de nicht, weil er ein­fach musik mach­te und nicht kunst…

so ein geburts­tags­ge­schenk lie­ße sich wohl jeder gefal­len: ein gan­zes kon­zert, mozart pur – ein jubi­lar für den jubi­lar. aber das schö­ne am dom­kon­zert zu ehren von kar­di­nal leh­mann war ja gera­de, dass es sich jeder gefal­len las­sen konn­te. alles ande­re wäre auch bit­te­re ver­schwen­dung gewe­sen. denn mathi­as breit­schaft war ein­deu­tig in hoch­form – man könn­te fast mei­nen, er sei gedopt gewe­sen. aber er war wohl doch nur ein­fach berauscht von der musik, die da unter sei­nen hän­den ent­stand. dafür ist ja mozart immer wie­der gut – bei kaum einem kom­po­nis­ten kann man sich so leicht tra­gen las­sen von der voll­kom­men­heit der kom­po­si­ti­on, von der selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der sich ein ton an den nächs­ten fügt und mit der sich dra­ma­ti­scher aus­druck und kla­re struk­tu­ren ver­bin­den. breit­schaft lässt sich nicht nur dar­auf ein, er lässt sich davon infi­zie­ren. denn was er mit den main­zer dom­chö­ren und dem main­zer kam­mer­or­ches­ter hier ver­an­stal­tet, ist ein­fach purer über­schwang. von beginn an legt er der­ma­ßen unge­bremst und ohne beden­ken los, dass man schon als zuhö­rer zu ban­gen beginnt. kann das gelin­gen? es kann. denn breit­schaft lässt sich durch nichts ablen­ken, er kommt an kei­ner noch so glit­schi­gen stel­le ins schleu­dern, son­dern fin­det schein­bar ganz intui­tiv immer die ide­al­li­nie, die ihm ein­fach alles erlaubt. und die­se begeis­te­rung ist anste­cken­der als jeder virus. zunächst sind es die ver­sper­ae de domi­ni­ca, kv 321, die er so erblü­hen lässt. und auch wenn der dom­chor schon mal kna­cki­ger und kla­rer sang – so viel spru­deln­de fri­sche war doch sel­ten. die­se jeden moment genie­ßen­de freu­de, getra­gen von gott­ver­trau­en und selbst­be­wusst­sein, ist eine unglaub­lich star­ke mischung.

ganz beson­ders gilt das für die mis­sa kv 257, die soge­nann­te gro­ßen­cre­do-mes­se. obwohl er nie­man­dem eine noch so klei­ne erho­lungs­pau­se gönnt, kein wenigs­tens momen­ta­nes zurück­neh­men der span­nung zulässt, gerät er nie in atem­no. gut, die eine oder ande­re stel­le hät­te viel­leicht genau­er aus­ge­ar­bei­tet wer­den könn­nen, das stimm­ge­we­be etwas trans­pa­ren­ter sein kön­nen – aber die sich immer wie­der selbst ent­zün­den­de begeis­te­rung greift nicht nur auf die musi­ker über, son­dern wird ganz schnell zum flä­chen­brand, der alle anwe­sen­den über­rollt. am wenigs­ten las­sen sich selt­sa­mer­wei­se die solis­ten davon berüh­ren – allein die sopra­nis­tin sabi­ne goetz kann wirk­lich mit­hal­ten. vor allem im exsul­ta­te, jubi­la­te. das näm­lich brei­tet sie in rei­ner inten­si­tät und inni­ger ent­fal­tung ganz ent­zü­ckend aus. ein wun­der­ba­res geschenk – nicht nur für den kar­di­nal, son­dern alle zuhörer.

die rheinische orchesterakademie entdeckt amerika

ein net­tes abschluss­kon­zert der fünf­ten arbeits­pha­se der rhei­ni­schen orches­ter­aka­de­mie mainz im kur­fürst­li­chen schloss – mit drei ganz ver­schie­de­nen ver­tre­tern „ame­ri­ka­ni­scher“ musik:

ame­ri­ka ist ein gro­ßes land mit vie­len leu­ten, die ger­ne auch so viel tra­di­ti­on und geschich­te hät­ten wie die euro­pä­er. vor allem wenn es um die musik für den kon­zert­saal geht – da taten sich die sied­ler und ihre nach­fah­ren näm­lich lan­ge schwer.

inzwi­schen ist das pro­blem frei­lich nicht mehr so zu erken­nen, auch die ame­ri­ka­ner haben eine musiktradition.

drei mög­lich­kei­ten des kom­po­nie­rens in und mit ame­ri­ka beschäf­ti­get die fünf­te aus­ga­be der rhei­ni­schen orches­ter­aka­de­mie mainz (roam), die ihre ergeb­nis­se bei einem abschluss­kon­zert im schloss präsentierte.

ser­gej pro­kof­jew muss her­hal­ten als ein emi­grant, der zumin­dest zeit­wei­se in den usa leb­te. sei­ne 7. sin­fo­nie frei­lich ist erst viel spä­ter ent­stan­den und ver­ar­bei­tet des­halb auch ande­re ein­flüs­se, vor allem die bestim­mun­gen der sowje­ti­schen kul­tur­po­li­tik nach dem zwei­ten welt­krie. aber letzt­lich ist es auch ein­fach nur musik. die stren­ge, fast mili­tä­risch straf­fe orga­ni­sa­ti­on, die der jun­ge diri­gent tobi­as rokahr der roam ver­ord­ne­tet, ver­hilft die­ser sin­fo­nie zu ein­drück­li­chem erfolg. kei­ne spur von cha­os, kein unkon­trol­lier­ter tumult trü­ben die gro­ße überzeugungskraft.

weni­ger glück­lich zeig­te sich rokahr dage­gen beim con­cer­ti­no für marim­ba­phon und orches­ter von paul cres­ton, das für die zwei­te mög­lich­keit des ame­ri­ka­ni­schen kom­po­nie­rens stand: die ver­bin­dung von u- und e‑musik, wohl die erfolg­reichs­te form. am solis­ten ben­ja­min schä­fer lag das frei­lich nicht: der ließ sei­ne schle­gel mit viel feu­er und gehö­rig druck tan­zen. die roam wirk­te dage­gen wie ziem­lich schwer­fäl­li­ger damp­fer – aber da sie eh’ nicht so wich­tig ist für das gelin­gen die­ses con­cer­ti­nos, macht das nichts.

charles ives schließ­lich ist einen drit­ten weg gegan­gen: vor allem der künst­le­ri­schen avant­gar­de ver­pflich­tet, ohne sei­ne hei­mat dar­über zu ver­ges­sen. „the unans­we­red ques­ti­on“ ist ein ech­ter dau­er­bren­ner, um das zu bewei­sen. zum glück spiel­te die roam auch den dazu­ge­hö­ri­gen zwei­ten teil. denn schon der anfang ist ein­fach unwer­fend: zart flir­ren die strei­cher, dar­über erhebt sich die tas­tend fra­gen­de trom­pe­te, die eigent­lich schon jede hoff­nung auf eine ant­wort auf­ge­ge­ben hat und zuneh­mend des­pa­ra­ter wirkt, aber den sta­chel der hoff­nung nie ganz ent­fer­nen kann: viel­leicht klappt es ja doch noch ein­mal. die ant­wort ver­su­chen die holz­blä­ser – und fin­den kei­ne. sie erge­hen sich in hek­ti­schem gestam­mel, wis­sen aller­dings selbst immer schon, dass das kei­ne ant­wort wer­den wird, bis sie schließ­lich genug haben und selbst den ver­such auf­ge­ben – da hat tobi­as rokahr die tra­gik der moder­ne wirk­lich wun­der­bar herausgekitzelt.

klaus doldinger wird 70 – und spielt ein umwerfendes konzert

klaus dol­din­gers geburts­tags­kon­zert die­ses jahr in der main­zer phö­nix­hal­le: ein lan­ges (drei­ein­halb stun­den) glück, mit eini­gen tro­cke­nen, eher lah­men tei­len (der anfang) und eher pein­li­chen momen­ten – udo lin­den­berg ver­sucht zu sin­gen und, ach­tung!, zu scat­ten. vor allem in den bei­den pass­port-tei­len aber jede men­ge beglü­cken­de momen­te – nicht nur momen­te, son­dern lan­ge peri­oden wun­der­ba­rer musik. mit extrem smoot­her power bei der clas­sic-for­ma­ti­on – wie hier bas­sist und schlag­zeu­ger etwa mit­ein­an­der agie­ren, ein­fach wun­der­bar – und reich­lich musi­ka­li­schem exo­tis­mus, ein­ge­bun­den in modern jazz mit viel gespür für dra­ma­ti­sche abläu­fe und inte­gri­tät im pass­port-today teil mit den marok­ka­ni­schen gäs­ten. und vor allem mit einem mei­ner lieb­lings­key­boar­der, mit rober­to di gioia. wie der spielt und schraubt zugleich, das hat schon enor­me klas­se. und, weil er fast immer eine hand und einen fuss an den reg­lern hat, kann er fas­zi­nie­rend leben­di­ge klä­ge ent­wi­ckelen. zum schluss, in den abschlie­ßen­den „saha­ra sket­ches“ auch bis hin zu fast rei­nen, leicht modu­lier­ten sinus-tönen und ähn­li­chen elek­tro­ni­schen spie­le­rei­en. da kommt dann dol­din­ger selbst gera­de noch so, qua­si mit hecheln­der zun­ge, mit: bei stü­cken die­ser art hält er sich selbst stär­ker zurück, er scheint doch zu mer­ken, dass sei­ne grund­sätz­lich dem heu­te eher tra­di­tio­nell schei­nen­den modern jazz zuge­hö­ri­gen impro­vi­sa­ti­ons­mus­ter und ‑tak­ti­ken nicht mehr ganz in die­se musik pas­sen. aber trotz­dem: klas­se. auch wenn die unver­schäm­ten und tra­di­tio­nell eh’ sau­dum­men blöd­köp­pe vom fern­se­hen (unver­schämt, wie sehr die für ihre paar bil­der, die sie dann eh’ nur mit­ten in der nacht – damit es ja nie­mand sieht – aus­strah­len, das zah­len­de! publi­kum beläs­ti­gen) ziem­lich genervt haben. dafür war der ton­tech­ni­ker ziem­lich klas­se – sehr fle­xi­bel mit der dyna­mik vor allem, er konn­te den mas­ter-reg­ler auch mal wie­der run­ter­fah­ren (dann hat man zwar das enor­me grund­rau­schen der anla­ge gehört, aber was soll’s). so nun genug der krit­te­lei (obwohl, da fällt mir gera­de noch das fern­seh-zitat von rai­nald goetz ein: „die hohl­heit der leu­te vom fern­se­hen ist wirk­lich abso­lut unüber­trof­fen.“ (abfall für alle) – und noch bes­ser: „wer vom fern­se­hen kommt, wer da arbei­tet, ist dumm, es hilft nichts, es hilft nichts, bis unter den eit­ri­gen schei­tel, eitel und dumm­frech, dummd­umm und sau­dumm, viel­leicht sogar teil­wei­se super­sau­dumm.“ (aus rave))

jetzt aber der offi­zi­el­le text:

von „häns­chen klein“ bis in die saha­ra ist es ein wei­ter weg. aber klaus dol­din­ger steht ja auch schon ein paar jah­re auf der büh­ne. zu sei­nem 70. geburts­tag ist er mit einer gan­zen bus­la­dung freun­de und weg­ge­fähr­ten in die main­zer phö­nix­hal­le gekom­men. und wie im rich­ti­gen leben macht „häns­chen klein“ auf dem kla­vier den anfang – mit einer impro­vi­sa­ti­on über die­se melo­die hat er als schü­ler sei­ne auf­nah­me­prü­fung fürs kon­ser­va­to­ri­um geschafft. aber dann geht es ruck­zuck in musi­ka­lisch etwas kom­ple­xe­re gefilde.

plau­dernd weist der jubi­lar den weg durch sein leben mit dem jazz: die anfän­ge mit dem klaus dol­din­ger quar­tett, das er auch fast kom­plett noch ein­mal auf die büh­ne holt, sind für heu­ti­ge ohren doch leicht ange­staubt. aber diz­zy gil­le­spies „night in tuni­sia“ weist schon den weg – nicht nur des titels wegen, son­dern auch musi­ka­lisch: die unge­heue­re begeis­te­rung für den jazz ist erwacht. und sie ist heu­te immer noch spür­bar, wenn die vier alten her­ren den damals moder­nen jazz noch ein­mal zum leben erwe­cken. die nächs­te gro­ße sta­ti­on dol­din­gers war dann „pass­port“.

und auch die­se vier sind noch ein­mal nach mainz gekom­men. jetzt geht es so rich­tig los: „pass­port clas­sic“ schleu­dert den main­zern eine explo­si­ve mischung aus psy­ched­li­schen key­boards, kla­ren saxo­phon­li­ni­en, fun­ky bass­läu­fen und knall­har­ten drums um die ohren. ein regel­rech­tes eupho­rie-gewit­ter ist es , das die hal­le jetzt zum kochen bringt – nicht, dass das bei den mas­sen an schein­wer­fern beson­ders schwer gewe­sen wäre. aber jetzt ist klar: sol­che musik kann man nur mit gro­ßer über­win­dung im sit­zen hören, das muss man tan­zen können.

so rich­tig schmerz­haft wird einem das mit der aktu­el­len beset­zung von pass­port bewusst. die muss­te zwar zunächst ein­mal dafür her­hal­ten, udo lin­den­berg bei sei­nen zwei geträl­ler­ten schla­gern beglei­ten. aber danach konn­ten sie so rich­tig los­le­gen. die titel­me­lo­die aus „das boot“ war dafür ein wun­der­ba­rer über­gang – denn nun begann die zeit der musi­ka­li­schen aus­flü­ge in alle tei­le der welt, nach ame­ri­ka, bra­si­li­en und natür­lich nach nach marok­ko, die letz­te sta­ti­on von pass­port. und da ist er auch schon wie­der: dol­din­gers unver­wech­sel­ba­rer dri­ve, sein nie ver­sie­gen­der élan und sein gol­de­nes händ­chen bei der aus­wahl sei­ner musi­ker – wer leu­te wie rober­to di gioia für sich spie­len lässt, hat schon fast gewon­nen. und den rest über­nimmt dol­din­ger selbst. er lässt die mus­keln sei­ner inte­gra­ti­ven kraft ganz unauf­fäl­lig spie­len. des­halb ist das kein belang­lo­ser mix, son­dern eine ech­te sym­bio­se von afri­ka­ni­scher, euro­päi­scher und ame­ri­ka­ni­scher musik – jen­seits aller gren­zen, nicht nur geo­gra­phisch, son­dern auch emo­tio­nal: ein­fach unglaub­lich gute musik.

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