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Kategorie: kritik Seite 10 von 15

jasper van’t hof orgelt in mainz

Jas­per van‘t Hof ist so ein musi­ka­li­sches Cha­mä­le­on, das man nur immer wie­der stau­nend beob­ach­ten kann – was hat die­ser Pia­nist im Lau­fe sei­ner lan­gen Kar­rie­re nicht schon alles gemacht! Vom klas­si­schen Modern Jazz unter­nahm er immer wie­der Aus­flü­ge in alle Rich­tun­gen, zur klas­si­schen und vor allem zur Welt­mu­sikt. Und nicht ein­mal Kir­che ist ihm hei­lig – auch die Orgel erober­te er sich längst für sei­nen Jazz. Genau das Rich­ti­ge also für die Eröff­nung des Jazz­som­mers in der Chris­tus­kir­che. Denn der fing damit sehr viel­ver­spre­chend an. „Duo­log“ hat van‘t Hof sein Kon­zert über­schrie­ben, denn er war die­ses Mal nicht allei­ne auf der Orgel­em­po­re: Der Saxo­fo­nist Ulli Jüne­mann leis­te­te ihm Gesell­schaft. Aber die Ver­hält­nis­se waren sehr klar: Der Orga­nist ist hier der Chef. Und der Blä­ser darf sich ab und an mehr oder weni­ger zag­haft hin­zu­ge­sel­len, darf für etwas mehr Abwechs­lung und Far­be sor­gen. Denn bei aller Vir­tuo­si­tät, die der nie­der­län­di­sche Jaz­zer an den Tag leg­te: Die Mög­lich­kei­ten der Orgel nutz­te er nur sehr beschränkt, sie schien unter sei­nen Hän­den nur als ein etwas spe­zi­el­ler Syn­the­si­zer zu fun­gie­ren. Sei­ne Regis­ter­aus­wahl blieb sehr ein­sei­tig und lücken­haft. Er schien mit dem Instru­ment der Chris­tus­kir­che auch über­haupt nicht ver­traut: Immer wie­der pro­bier­te er mal die­ses oder jenes Regis­ter mit­ten im Spiel, um zu hören, was pas­siert. Es spricht aber für ihn, wie er mit der Situa­ti­on umging: Denn die so gese­hen man­gel­haf­te Vor­be­rei­tung nutz­te er immer wie­der als krea­ti­ve Anstö­ße für sei­ne Improvisationen. 
Die erschei­nen die meis­te Zeit aus­ge­spro­chen fil­misch. Veri­ta­ble Hör­fil­me sind es, klei­ne Expe­di­tio­nen ins farb­träch­ti­ge und fas­zi­nie­ren­de Reich der Natur­schön­heit viel­leicht. Auf jeden Fall eröff­nen sie der Phan­ta­sie und Vor­stel­lungs­kraft des Zuhö­rers wei­te Räu­me. Und aus den weit aus­la­den­den Pan­ora­men, die van‘t Hof mit sei­nen metrisch ver­track­ten Melo­dien und mini­ma­lis­ti­sche-repe­ti­ven Begleit­fi­gu­ren ent­wi­ckelt, ent­steht dann immer wie­der, den ganz lang­sa­men Kame­ra­schwenks und ihrer kaum merk­li­chen Per­spek­tiv­ver­schie­bung gleich, neue Zusam­men­hän­ge. Über­all fin­det er neue Schön­hei­ten, klei­ne Ara­bes­ken und ver­schnör­kel­te Lini­en, die nur einen Sinn und eine Daseins­be­rech­ti­gung haben: das Publi­kum zu erfreu­en. Und auch wenn sei­ne Metho­den leicht zu durch­schau­en sind und sei­ne Impro­vi­sa­tio­nen nicht immer vor Inspi­ra­ti­on sprü­hen, so gelingt ihm doch genau das: Eine akus­ti­sche Rei­se in ein irrea­les, geträum­tes Land der Schön­heit, ohne die läs­ti­gen Sor­gen und Gefah­ren des all­täg­li­chen Lebens. 

zunächst der text, den ich an die main­zer rhein-zei­tung gelie­fert habe:

Ein­mal im Jahr ist erst­klas­si­ger Jazz auch in Mainz zu Hau­se. Denn wenn der SWR und das Land den SWR-Jazz­preis ver­ge­ben, dann müs­sen – so will es die Tra­di­ti­on – die Emp­fän­ger sich auch bewei­sen. Und den Main­zern wird so regel­mä­ßig ein Häpp­chen impro­vi­sier­ter Musik von Welt­ni­veau ser­viert. In die­sem Jahr war der Ber­li­ner Pia­nist Alex­an­der von Schlip­pen­bach für das Menü zustän­dig. Zunächst, und auch das ist eine schö­ne Tra­di­ti­on im Foy­er des Main­zer Funk­hau­ses, muss­te der Preis­trä­ger solis­tisch an die Arbeit. 
Er macht das mit der Prä­zi­si­on eines Chir­ur­gen – aber auch mit mehr Ener­gie als ein Kern­kraft­werk frei­setzt. Vor allem aber spielt er mit unge­zü­gel­ter Lei­den­schaft: Bes­ser als jede bewusst­seins­er­wei­tern­de Dro­ge ver­set­ze er das Publi­kum in einen Rausch­zu­stand, aus dem kei­ner unver­än­der und unbe­rührt zurück­keh­ren kann. Denn das größ­te, was von Schlip­pen­bach hier leis­tet, ist die unge­zwun­ge Leben­dig­keit sei­ner Musik: Da ist wirk­lich nahe­zu jeder Ton per­fekt an sei­nem Platz und in sei­ner Wir­kung. Und doch atmet jeder Klang pure Frei­heit – Frei­heit, die nur durch den Ver­zicht auf Sicher­heit mög­lich wird. Dafür war der zwei­te Teil des Preis­trä­ger­kon­zer­tes ein noch bes­se­rer Beweis. Denn nach der offi­zi­el­len Über­ga­be der Urkun­de – den Scheck über 10.000 Euro, den SWR und das Land gemein­sam finan­zie­ren, hat­te er schon vor­her erhal­ten – kam er mit zwei ganz alten Weg­ge­fähr­ten auf die Büh­ne: Dem Saxo­pho­nis­ten Evan Par­ker und dem Schlag­wer­ker Paul Lovens. Die­se Drei sind schon über vier­zig Jah­re gemein­sam immer an vor­ders­ter Front im Kampf für den euro­päi­schen Free Jazz unter­wegs. Und der fast sieb­zig­jäh­ri­ge von Schlip­pen­bach nutz­te dann auch gleich noch die Gele­gen­heit, den Radio-Chefs ins Gewis­sen zu reden: Mehr Sen­de­zeit und dafür weni­ger Prei­se ver­lang­te er – nahm aber den SWR aus­drück­lich von sei­ner Schel­te aus. Dann zeig­te er mit sei­nem Trio aber auch, war­um er sich eine sol­che For­de­rung leis­ten darf. Denn was die­se alten Käm­pen da im Foy­er hören lie­ßen, war immer noch weit­aus radi­ka­ler als fast alles, das sonst in Deutsch­land den Namen Jazz trägt. In bes­ter und gera­de­zu klas­si­scher Free-Jazz-Manier ent­fes­sel­ten die alten Her­ren Ener­gien von unglaub­li­chem Aus­maß. Sie tob­ten und ras­ten durch ihren akus­ti­sche Kos­mos, sie brüll­ten und fauch­ten, häm­mer­ten und mei­ßel­ten Klang­bä­der aus kochen­dem Stahl. Aber sie beschränk­ten sich nie aufs rein Destruk­ti­ve, sie bän­dig­ten den Furor immer wie­der recht­zei­tig. Ob in den rasan­ten unend­li­chen Saxo­phon­so­li, den unge­bän­dig­ten Klang­for­schun­gen des Schlag­wer­kers oder den fas­zi­nie­rend prä­zi­sen, mes­ser­schar­fen Beglei­tun­gen von Alex­an­der von Schlip­pen­bach, die sich immer wie­der zu gran­di­os poin­tier­ten Soli aus­wei­te­ten: Stets spiel­ten die drei beängs­ti­gend eng zusam­men, immer blick­ten sie nur nach vorn und lie­fen doch nie ins Lee­re, son­de­ren fan­den immer wie­der Halt in der Frei­heit ihrer Aus­drucks­kraft – bis zur Erschöp­fung aller Beteiligten.
und das waren mei­ne notizen:
alex­an­der von schlip­pen­bach solo:
  • theo­re­tisch-struk­tu­rel­le raf­fi­nes­se – aber trotz­dem mehr als hauch der freiheit
  • weit­räu­mi­ge, groß­flä­chi­ge dra­ma­tur­gie: minu­ten­lan­ge aufbau-arbeiten
  • kräch­zend-hei­ser mit­sin­gend – oder mit füßen einen total absurd erschei­nen­den rhyth­mus mit­klop­fen, mitstampfend
  • unmit­tel­bar­keit: jede beschrei­bung die­ser musik klingt viel zu kom­pli­ziert: natür­lich ist das kom­ple­xe musik – aber eben so, dass sie kei­ne ver­rück­te theo­re­ti­sche übung bleibt, son­dern musik mit emo­tio­na­len gehal­ten, die sich unauf­hör­lich in herz und hirn frisst und bohrt, kei­nen unbe­tei­ligt, unbe­rührt lässt
  • manisch – wirkt so unver­schämt leicht, wie er sich stei­gert immer wei­ter, immer neue höhen erklimmt
  • auf­he­bung jeg­li­cher distanz und dif­fe­renz: er spielt nciht nur stü­cke, son­dern er ist musik (kli­schee!!), es bricht immer wie­der aus ihm her­aus – & weil er intel­li­gent genug ist, kann er es steu­ern (in tei­len, in abläufen …)
  • viel­falt des ausdrucks/​des materials 
    • kein ber­ser­ker – obwohl er ganz schon rein­hau­en kann
    • auch kein poe­ti­scher weich­spü­ler – auch wenn er manch­mal (kurz) ins träu­men gerät
  • lako­nisch v.a. in den schlüs­sen – oft bloß rei­ne abbrüche
  • swingt über­haupt nicht – das das muss jazz natür­lich schon lan­ge nicht mehr
  • irgend ein bas­tard aus kom­po­niert und impro­vi­siert, aus Neu­er Musik & Free Jazz – aber eine kreu­zung so raf­fi­niert, dass her­kunft oder gren­zen völ­lig ver­schwin­den, auf­ge­ben in syn­the­se, auf­ge­ho­ben wer­den (ganz streng im hegel­schen sin­ne nach oben!). sozu­sa­gen ein radi­ka­ler third stream (stimmt nat. über­haupt nicht) – ver­su­che dazu gab es zuhauf und meh­ren sich in letz­ter zeit auch wie­der – aber nur ganz, ganz sel­ten so fas­zi­nie­rend zwi­gend über­zeu­gend wie hier heute
  • oft ganz ein­fach nur wunderschön
  • set­list-anmer­kung von avs: t. monk, trink­le tink­le; e. dol­phy: some­thing sweet, some­thing ten­der & out there
  • „der pro­gres­si­ve jazz und die impro­vi­sier­te musik haben es weni­ger nötig, geför­dert und aus­ge­zeich­net zu wer­den, als von rund­funk­an­stal­ten pro­du­ziert und gesen­det zu wer­den“ – „lie­be freun­de, wacht auf, hört hin, gebt unse­rer musik den platz, der ihr zukommt:“ (alex­an­der von schlip­pen­bach bei der verleihung)

schip­pen­bach-trio

  • paul lovens, ein schlag­zeu­ger, der mehr auf becken zau­bert als trommelt
  • hard­core-free-jazz der güte­klas­se a – ver­rückt, dass das immer noch so frisch und unver­dor­ben ist/​sein kann
  • rasend, herz­schlag auf­peit­schend – bes­ser und bewusst­seins­er­wei­tern­der als jede droge
  • mehr ener­gie frei­set­zend als jedes akw – nur mit anders­ar­ti­ger kon­at­mi­na­ti­on – denn kapern das publi­kum, ver­pas­sen gehirn­wä­sche – was unter bedin­gun­gen gro­ßer frei­heit mög­lich ist, was der bewuss­te und gewoll­te ver­zicht auf psychische/​physische sicher­heit an gele­gen­hei­ten, mög­lich­kei­ten her­vor­brin­gen kann …
  • den neben ener­gie-clus­tern, ‑bom­ben, auch locke­res, offe­nes trio-spiel
  • bis zur (schein­bar) tota­len auflösung
  • drei beses­se­ne
  • eini­ge duos – ech­tes zusam­men­spiel, gegen­sei­ti­ges hel­fen statt wettkampf
  • da bleibt kein ton auf dem ande­ren, – etwa so, als wür­de man einen rasen­den ice in vol­ler fahrt umbau­en wollen
  • sprü­hen nicht nur fun­ken, son­dern auch schweißtropfen

die roam spielt zum tanz auf

und hat dabei wie­der so eini­ges zu bie­ten – auch son­der­bar­kei­ten wie das „tap dance con­cer­to” von Mor­ton Gould.

Tän­zer haben im Kon­zert­saal gewöhn­lich nichts ver­lo­ren. Aber die Rhei­ni­sche Orches­ter­aka­de­mie Mainz hat sich bei ihren Pro­gram­men noch nie um sol­che Kon­ven­tio­nen geschert. Und wenn bei ihrem sieb­ten Kon­zert schon lau­ter Tanz­mu­sik zu hören war, dann muss­te natür­lich auch ein Tän­zer her. Aber nicht irgend­ei­ner. Denn das jun­ge Orches­ter hat tat­säch­lich ein Kon­zert für Tän­zer und Orches­ter aus­ge­gra­ben. Der Ame­ri­ka­ner Mor­ton Gould hat das kom­po­niert – für einen Stepp­tanz-Solis­ten. In der Par­ti­tur notier­te er des­sen Part frei­lich nur als beson­de­re Form des Schlag­werks, nur in sei­ner rein rhyth­mi­schen Gestalt. Was der Solist also an Figu­ren tanzt, bleibt ihm über­las­sen – viel Spiel­raum also für den jun­gen Hei­del­ber­ger David Frie­de­rich, den die ROAM in das Kur­fürst­li­che Schloss geholt hat. Die rhyth­mi­sche Prä­zi­si­on allei­ne, mit der der Sech­zehn­jäh­ri­ge kli­ckernd und kla­ckernd über sei­nen Teil der Büh­ne schwebt, ist schon stu­pend. Aber neben­bei ist er auch noch Tän­zer und Pan­to­mi­ne, der schwer gegen die Ver­su­chun­gen einer über­di­men­sio­na­len Bre­zel zu kämp­fen hat – am Ende unter­liegt er. Der Orches­ter­part die­ses kurio­sen Kon­zer­tes bleibt dage­gen eher blass. Da kann auch Diri­gent Peter Shan­non wenig aus­rich­ten, außer eini­gen schö­nen Stel­len vor allem in den Blä­sern lässt Gould ihn hier vor allem Hin­ter­grund­mu­sik für den Solis­ten exekutieren.

Rich­tig viel aus­rich­ten konn­te der iri­sche Diri­gent aber bei Igor Stra­win­skys „L‘oiseau de feu“. Von Anfang an bemüh­te er sich, fri­sche und kna­cki­ge Kon­tras­te zu schaf­fen, die sagen­haf­te Geschich­te um den mythi­schen Feu­er­vo­gel in beson­ders inten­si­ven Far­ben aus­zu­ma­len. Zunächst war das zwar noch eher ein Aqua­rell mit ver­wa­sche­nen Stri­chen, aber die Kon­tu­ren wur­den dann von Takt zu Takt deut­li­cher. Und mit ihnen auch die musi­ka­li­schen Struk­tu­ren. Denn Shan­non gelang mit der ROAM der Spa­gat zwi­schen über­sicht­li­cher, nach­voll­zieh­ba­rer Ent­wick­lung der for­ma­len Gestal­tung und des sen­ti­men­at­len Aspekts. Und so wur­den auch die vie­len Momen­te der Innig­keit die­ser Bal­lett­mu­sik zu bild­schö­nen Sze­ne­rien. Vor allem in den zahl­rei­chen Soli häuf­ten die jun­gen Musi­ker einen erstaun­lich fein abge­stuf­ter Far­ben­reich­tum an. Und wegen die­ser Inten­si­tät, die Peter Shan­non dem Orches­ter ent­lockt, geht das Klang­er­leb­nis immer wie­der durch Mark und Bein – das aus­ge­spro­chen durch­set­zungs­fä­hi­ge Schlag­werk hilft dabei natür­lich auch. So gelingt die Arbeit an der Erlö­sung, die Befrei­ung der Prin­zes­sin­nen in hoch­dra­ma­ti­scher Ges­te ganz wunderbar.

immer wieder gut: kammermusik in der villa musica

das kon­zert hieß dies­mal „con flau­to“ und prä­sen­tier­te kun­ter­bun­te kam­mer­mu­sik aus euro­pa mit und ohne flö­te (genau, so deut­lich und zwin­gend war die pro­gramm­fol­ge). und mit etwas unter­schied­li­chen ergebnissen:

Ein­mal quer durch Euro­pa geht die Rei­se – und immer mit einer Flö­te. Aber schon das stimmt nicht ganz: Bei Men­dels­sohn-Bar­thol­dys Sex­tett op. 110 ist nicht ein­mal eine Flö­te dabei. Auch sonst sind die Zusam­men­hän­ge bei die­sem Kon­zert in der Vil­la Musi­ca eher lose. Und das dis­pa­ra­te Pro­gramm bie­tet auch sehr unter­schied­li­che Ergeb­niss von den Sti­pen­dia­ten um Davi­de For­mi­s­a­no und Mar­tin Oster­tag. Das eröff­nen­de Quin­tett von Joseph Mar­tin Kraus für Flö­te und Streich­quar­tett etwa blieb lei­der ziem­lich blass und leb­los. Das pas­siert beim Mozart-Zeit­ge­nos­sen Kraus zwar oft, ist aber aus­ge­spro­chen scha­de. Denn das ist durch­aus fri­sche Musik.

Auch Men­dels­sohn-Bar­thol­dys Sex­tett für Kla­vier und Strei­cher, ein Jugend­werk, blieb zunächst eher unbe­frie­di­gend. Das lag vor allem an der Pia­nis­tin Sarah Hil­ler, die sich gera­de im ers­ten Satz alle Mühe gab, mög­lichst hin­ter den Strei­chern zu ver­schwin­den. Und das ist lei­der genau ver­kehrt, denn gera­de hier hät­te das Pia­no unbe­dingt die Füh­rung bean­spru­chen müs­sen. Sie revan­chier­te sich dann mit einer fast schon wie­der über­ar­ti­ku­lier­ten Ada­gio – ab dem drit­ten Satz pen­del­te sich das dann end­lich auf das rich­ti­ge Maß ein. Den­noch ließ auch das Sex­tett noch Wün­sche offen – zu hak­lig war das Zusam­men­spiel noch, zu wenig Natür­lich­keit und unge­zwun­ge­ner Fluss war in die­ser fast salon­fä­hi­gen Musik zu spüren,
Rich­tig gut, ja beein­dru­ckend schlüs­sig wur­de es also erst nach der Pau­se. Da war zunächst „Archi­tec­to­nics I“ des est­ni­schen Kom­pon­siten Erkki-Sven Tüür zu hören.
Des­sen locke­re Struk­tur mit ste­tig wech­seln­der Instru­men­ta­ti­on in schwe­ben­der Rhyht­mik, die sich in zuneh­men­der Bewe­gung immer stär­ker zusam­men­zieht, um frei­lich wie­der ganz ähn­lich dem Anfang in aus­ge­spro­chen ruhi­gen Wech­sel­spiel zu enden, musi­zier­ten die Blä­ser gelas­sen, mit nüch­ter­ne Stren­ge und Küh­le ganz überzeugend.
Und das bot einen wun­der­ba­ren Kon­trast zum abschlie­ßen­den Nonett von Joseph Rhein­ber­ger: Hier die geis­ti­ge und kon­struk­ti­ve Stren­ge der (Post-)Moderne, durch­aus mit sinn­li­chem Anspruch, dort der beden­ken­los ver­schwen­de­ri­sche Über­fluss mit Anspruch auf kon­struk­ti­ve Form der spä­ten Spä­te­ro­man­tik. Rhein­ber­ger sprengt damit zwar die Gren­zen der Kam­mer­mu­sik – oft behan­delt er das Ensem­ble eher wie ein klei­nes Orches­ter. Aber genau das konn­ten die Sti­pen­dia­ten um den Flö­tis­ten Davi­de For­mi­s­a­no her­vor­ra­gend umset­zen: Mit gro­ßen Ges­ten spiel­ten sie das weit aus­ufernd, kos­te­ten die Rafi­nes­se und Fül­le der moti­vi­schen und har­mo­ni­schen Ver­zah­nun­gen wun­der­bar aus – ein herr­li­cher Abschluss. 

auch in essenheim gibt es kultur -

- heu­te sogar aus­ge­spro­chen gute: ein sehr schö­nes, über­ra­schend gutes kon­zert mit kla­vier­tri­os bei den essen­hei­mer musik­ta­gen des herrn moeller.

Groß­ar­ti­ger hät­te der Schluss kaum sein kön­nen: Mit drei meis­ter­lich inter­pre­tier­ten Tri­os gin­gen die Essen­hei­mer Musik­ta­ge zu Ende. Das vor­läu­fig letz­te Kon­zert im Kunst­fo­rum bot dabei noch ein­mal Kam­mer­mu­sik vom Feins­ten, vom Anfang bis zum Ende. Denn das Kla­vier­trio um die Cel­lis­tin Nata­lia Gut­man mit dem Gei­ger Svia­to­s­lav Moroz und Pia­nist Dimi­t­ri Vin­nik war nicht nur beim abschlie­ßen­den zwei­ten Kla­vier­trio von Dmi­t­ri Schost­a­ko­witsch erst­klas­sig. Schon der Beginn, Joseph Haydns Kla­vier­trio in C‑Dur op. 86, war weit mehr als nur ein ver­hei­ßungs­vol­ler Auf­takt. Schlicht und schnör­kel­los beschränk­ten die drei Musi­ker sich auf das, was sie am Bes­ten kön­nen: mit Hin­ga­be musi­zie­ren. So gelang ihnen eine sprit­zi­ge, unbe­schwer­te Inter­pre­ta­ti­on, die stets kon­trol­liert und aus­ge­wo­gen blieb. Nur der Pia­nist war lei­der gehan­di­capt. Denn der Minia­tur­flü­gel bot Dimi­t­ri Vin­nik ein­fach nur sehr wenig Mög­lich­kei­ten für eine dif­fe­ren­zier­te Gestal­tung der Klang­far­ben. Umso erstaun­li­cher, wie prä­sent er den­noch in jedem Moment war. 
Bei Anton Are­n­skis ers­tem Kla­vier­trio muss­te er sich dann frei­lich geschla­gen geben. Denn Are­n­ski war­tet mit star­kem Kon­trast zu klas­si­scher Ele­ganz des Haydn auf: Sei­ne Musik ist ein groß ange­leg­tes, weit aus­ho­len­de spät­ro­man­ti­sche Schwel­gen in Emo­tio­nen. Und mit die­ser wil­den und unge­zü­gel­ten Jagd durch eine phan­tas­ti­sche Fül­le an Ein­fäl­len traf das Trio den Geschmack des Publi­kums offen­bar ganz beson­ders genau. 
Aber die Kro­ne des Abends war das Fina­le, Schost­a­ko­witsch zwei­tes Kla­vier­trio. Denn hier ver­ein­ten sich kom­po­si­to­ri­sche Strin­genz und inter­pre­ta­to­ri­sche Raf­fi­nes­se aufs Bes­te. Gera­de die Span­nun­gen zwi­schen selbst­ver­ges­se­ner Trau­er und gro­tes­ker, frat­zen­haf­ter Fröh­lich­keit mach­ten die drei Inter­pre­ten beson­ders deut­lich. Mit vol­lem Kör­per­ein­satz stürz­ten sie sich immer wie­der aufs Neue in die­se fas­zi­nie­ren­de Musik der Gegen­sät­ze und eröff­ne­ten dem Publi­kum ein fas­zi­nie­ren­des Pan­ora­ma mensch­li­cher Gefühle.
Nicht nur dem Publi­kum hat das gefal­len. Auch der Initia­tor und Ver­an­stal­ter der Essen­hei­mer Musik­ta­ge, Klaus-Ulrich Moel­ler, ist sehr zufrie­den. Zwar muss er einen finan­zi­el­len Ver­lust ver­schmer­zen: Unge­fähr 65 Pro­zent Aus­las­tung über die fünf Kon­zer­te in den letz­ten Wochen reich­ten nicht aus, um alle Kos­ten zu decken. Aber trotz­dem bereut der Essen­hei­mer Kul­tur­ma­na­ger, der die Kon­zer­te in Eigen­in­tia­ti­ve inner­halb der letz­ten Mona­te orga­ni­siert und finan­ziert hat, die­ses Wag­nis nicht: „Die posi­ti­ve Reso­nanz bei der Bevöl­ke­rung zeigt, dass das eine gute Idee war.“ Ob er damit aller­dings wei­ter­ma­chen wird, weiß er selbst auch noch nicht. Denn auf Dau­er hät­te er schon ger­ne etwas mehr Unter­stüt­zung durch die Gemein­de oder ande­re Spon­so­ren – nicht nur zur finan­zi­el­len Absi­che­rung, son­dern auch zur bes­se­ren Ver­mark­tung der Musiktage.

in der esg-kir­che geschah es – ein schö­ner abend, mit eini­gen lie­dern von den schreib­ti­schen der main­zer komponisten …

Das Lied und die Roman­tik sind untrenn­bar ver­bun­den. Im 20. Jahr­hun­dert wur­de es des­halb auch ziem­lich ver­nach­läs­sigt. Aber nicht so in Mainz: Wie sich beim Kon­zert zum Semes­ter­be­ginn der Hoch­schu­le für Musik zeig­te, gibt es bei den Ton­set­zern unter den Dozen­ten gleich meh­re­re Lied­kom­po­nis­ten, die auch vor ein wenig Roman­tik nicht scheu­en. Zu den jün­ge­ren unter ihnen gehört Tobi­as Rokahr. Der hat für den Abend in der ESG-Kir­che zwei Mal drei Lie­der bei­gesteu­ert. Bereits etwas älter und noch sehr jugend­lich geprägt sind sei­ne Höl­der­lin-Gesän­ge. Vor allem sind sie aber zutiefst roman­tisch geprägt: Weit­schwei­fig geben sie dem über­mü­tig stür­men­den Drang des emp­fin­den­den Her­zens unge­zähm­ten Aus­druck. Der Bari­ton Kyoung-Suk Baek hat­te aller­dings ab und an Mühe, sich gegen die über­bor­den­de Fül­le des Kla­vier­sat­zes zu behaup­ten, der Micha­el Staudt viel Raum gab. Wesent­lich kar­ge­res Mate­ri­al nutz­te Rokahr bei der Ver­to­nung drei­er Gedich­te von Rei­ner Kun­ze. Mit sei­ner Vor­lie­be für dicht gesetz­te Akkor­de und weit aus­ho­len­de Melo­dien mar­kiert er immer wie­der ein­zel­ne Wor­te in den ohne­hin sehr knap­pen Gedich­ten. Und Johan­na Ross­kopp ließ sich auch von den Span­nun­gen zwi­schen ihrem Part und der Kla­vier­be­glei­tung nicht irri­tie­ren, son­dern behaup­te­te mit ihrem mar­kan­ten Sopran die Vor­macht des Wortes. 
Unter der vie­len neu­en Musik gab es auch eine Urauf­füh­rung: Die drei Lie­der nach Gedich­ten von Ulla Hahn von Jür­gen Blu­me. Auch ihnen sind roman­ti­sche Gefüh­le und berüh­ren­de Klän­ge über­haupt nicht fremd. Nicht nur die schon fast fle­hen­de Bit­ten im „Win­ter­re­gen“ mit sei­ner aus weni­gen Ele­men­ten geschickt und aus­drucks­stark auf­ge­bau­ten Kla­vier­be­glei­tung, auch die weit aus­ho­len­de Dra­ma­tik und der hohe Ton von „Selig sind die War­ten­den“ ver­hehl­ten ihre Her­kunft kein biss­chen. Johan­na Ross­kopp sang das sehr bestimmt und mit der ange­mes­se­nen Mischung aus Ernst­haf­tig­keit und Mitgefühl.
Nur ein Kom­po­nist brach die Serie: Lutz Drey­er. Anne Shih wir­bel­te durch sein „Capric­cio über FD“ – ein ech­tes Kunst­stück vol­ler spru­deln­der Ein­fäl­le und rast­los durch­ein­an­der jagen­den Spiel mit Erwar­tun­gen und Einfällen. 
Und das pass­te dann auch zum ande­ren grö­ße­ren Instru­men­tal­stück: Dem Blä­ser­quin­tett „… aus den Fugen …“ von Jür­gen Blu­me, das in weni­gen Minu­ten schnell mal alle Fugen­the­men aus Bachs Wohl­tem­pe­rier­tem Kla­vier über­ein­an­der und inein­an­der­türmt, die Musi­ker der Main­zer Blä­ser­so­lis­ten auch noch zu ihren eige­nen Kom­men­ta­to­ren wer­den lässt und über­haupt eine Men­ge Spaß macht. Und so ganz neben­bei auch noch den Beweis erbringt, dass erns­te Musik auch ganz unkom­pli­ziert und hei­ter erfreu­en kann.

das bot das sieb­te sin­fo­nie­kon­zert im main­zer staats­thea­ter. und so sah mei­ne reak­ti­on aus:

Kar­frei­tag und Ostern in einem – das Thea­ter macht’s mög­lich. Die Musik des sieb­ten Sin­fo­nie­kon­zerts dreh­te sich ganz und gar um die Säku­la­ri­sie­rung des­sen, was die Kir­che an die­sen Tagen fei­ert. Frei­lich mit einer klei­nen, aber bedeut­sa­men Ver­schie­bung: Statt um Opfer, Tod und Erlö­sung ging es hier um Tod und Ver­klä­rung, um mys­ti­sche Meta­mor­pho­sen. Wie das funk­tio­nie­ren soll, mach­te schon der kur­ze Auf­takt mit Samu­el Bar­bers „Muta­ti­ons from Bach“ deut­lich: Der Cho­ral „Chris­te, du Lamm Got­tes“ wird recht umstands­los aus dem reli­giö­sen Umfeld in die Sphä­re der mehr oder min­der rei­nen Kunst über­führt. Übrig bleibt dann in den getra­gen vari­ier­ten Ver­sio­nen des Cho­rals eine mys­tisch erha­be­ne Fei­er des Gefühls der Erhö­hung. Und die zele­brier­te der est­ni­sche Diri­gent Tonu Kal­jus­te mit den Blech­blä­sern des Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­ches­ter ganz vor­treff­lich mit aske­ti­scher Stren­ge und schar­fer Prä­zi­si­on. Auch bei den nächs­ten Meta­mor­pho­sen, „…durch einen Spie­gel …“ von Joo­nas Kok­ko­nen, drang der Gast­di­ri­gent im Main­zer Thea­ter vor allem auf Ord­nung. So ver­lieh er die­ser Musik eine ganz aus­drück­li­che Klar­heit – und das war sehr geschickt. Denn dadurch blieb die wie­der­um um mys­ti­sche Ver­klä­rung bemüh­te Medi­ta­ti­on – dies­mal aus­schließ­lich für die Strei­cher – über ein Wort aus dem Korin­ther­brief frei von Belie­big­keit. Im Gegen­teil, gera­de im Schluss sprach die­se sonst gern mys­te­ri­ös erschei­nen­de Musik mit größ­ter Gewiss­heit: Empha­tisch und groß­ar­tig behaup­te­te sie nach den fühl­ba­ren Mühen der Suche den Augen­blick der Erkenntnis.
So tas­te­te sich Tonu Kal­jus­te in Mainz an das Zen­trum sei­nes Kon­zer­tes immer näher her­an. Denn nach der Pau­se ging es, durch die vie­len Ver­wand­lun­gen bes­tens vor­be­rei­tet, mit gro­ßem Spek­ta­kel und unter Auf­bie­tung aller orches­tra­len Kräf­te hin­ein in Arvo Pärts „Como cier­va sedien­ta“ – eine Sopran­kan­ta­te mit Tex­ten aus dem 42. und 43. Psalm. Der wird aller­dings von dem est­ni­schen Groß­kom­po­nis­ten in alt­spa­nisch ver­tont – der Text an sich ist ihm also offen­bar nicht so wich­tig. Das ist scha­de, denn Ker­rie Shepp­ard war ein­fach groß­ar­tig anzu­hö­ren. Mit Bestimmt­heit ließ sie immer wie­der leich­te Trau­er und Ver­zweif­lung mit­schwin­gen. Und auch Kal­jus­te steu­er­te sei­nen Teil zum Gelin­gen bei: Ihm war es vor allem zu ver­dan­ken, dass sich die oft­mals wild zer­klüf­te­ten Tei­le die­ser Par­ti­tur zu einem aus­drucks­star­ken, viel­schich­ti­gem Klang­bild form­ten. Den von der reduk­tio­nis­ti­schen Stren­ge des frü­he­ren Pärt-Stils ist in die­sem über­bor­den­dem Phan­tas­ma nur noch wenig zu spü­ren. Genau das Rich­ti­ge, um das Main­zer Orches­ter mal wie­der zu prä­zi­sem und far­ben­rei­chen Spiel zu animieren.

ein recht gewöhn­li­ches pro­gramm und auch ein recht durch­schnitt­li­ches ergeb­nis: nicht schlecht war das meis­ter­kon­zert in der rhein­gold­hal­le, aber auch nicht außer­ge­wöhn­lich gut, kei­ne über­ra­schun­gen, nix neu­es – wie’s bei sol­chen abon­nen­ten­kon­zer­ten halt so ist.…

Die Ver­wand­lung geschah erst am Ende des Kon­zerts. Irgend­et­was muss mit Tamás Vásá­ry, dem Diri­gen­ten der Koblen­zer Staats­phil­har­mo­nie, in der Pau­se pas­siert sein. Denn in der zwei­ten Hälf­te des Meis­ter­kon­zer­tes in der Rhein­gold­hal­le stand ein ganz ande­rer Musi­ker auf dem Podest. Zunächst zeig­te er sich aber als ver­sier­ter Diri­gier­hand­wer­ker. Die Sin­fo­nie Nr. 22 von Haydn miss­brauch­te er zwar, ent­ge­gen den Kon­zert­ge­wohn­hei­ten, nicht als blo­ßes Ein­spiel­stück. Vásá­ry ließ das Orches­ter in fast sto­isch anmu­ten­der Gelas­sen­heit beschwingt tän­zeln und blieb dabei immer in flie­ßen­der Bewe­gung. Die­ses Gleich­maß, gepaart mit einer Pri­se tro­cke­nem Humor und den knap­pen, prä­zi­sen Ges­ten pass­te ein­fach. Nach die­sem viel­ver­spre­chen­den Auf­takt war das Vio­la­kon­zert von Béla Bar­tók zu bewäl­ti­gen. Von Bar­tók selbst ist hier aller­dings nur der kleins­te Teil, sein Tod ver­hin­der­te die Voll­endung. Und das merkt man auch: Irgend­wie fehlt genau die Kraft und Ein­drück­lich­keit, die sei­ne ande­re Kon­zer­ten so sehr prägt. Dem­entspre­chend blieb das Orches­ter noch ein­mal auf­fal­lend unauf­fäl­lig, ledig­lich hier und da etwas zu mäch­tig. Der Solist Maxim Rys­a­nov schwang sich viel offen­her­zi­ger hin­ein: Mit ehr­li­cher Hin­ga­be wid­me­te er sich den Gefühls­ge­hal­ten der Musik und über­zeug­te mit viel­sei­ti­ger und aus­drucks­star­ker Gestal­tung – sei­ne man­cher­orts etwas nach­läs­si­ge Tech­nik ver­zieh man ihm da ger­ne. Aber dann eben, nach der Pau­se, die eigent­lich Haupt­sa­che. Schu­berts vier­te Sym­pho­nie wur­de jetzt von einem ganz neu­em Diri­gen­ten auf­ge­führt: Denn Vásá­ry mutier­te ganz unver­se­hens zum Tän­zer – nicht nur mit den Hän­den, son­dern mit sei­nem gan­zem Kör­per zele­brier­te er die Musik, form­te er jeden Ein­satz vor, schrieb er jede Phra­se mit allen Fasern sei­nes schmäch­ti­gen Kör­pers in die Luft. Das Orches­ter reagier­te zunächst ver­hal­ten und nahm die unbe­ding­te Empha­se des Diri­gen­ten nur zöger­lich auf. Des­halb bestand der ers­te Satz eigent­lich nur aus schö­nen Stel­len ohne ech­ten Zusam­men­hang. Das ist bei die­ser Sin­fo­nie immer eine Gefahr, denn Schu­bert pen­delt hier noch sehr stark zwi­schen eige­nen For­men und Beet­ho­ven­schen Model­len. Ab dem zwei­ten Satz wur­de es dann aber spür­bar bes­ser. Die Klang­re­li­efs wur­den von Takt zu Takt greif­bar plas­ti­scher und dras­ti­scher. Vor allem im ganz stark lako­nisch kon­zen­trier­ten Menu­ett ent­wi­ckel­te Vásá­ry immer mehr Dras­tik. Und im Fina­le stei­ger­te er das noch ein wei­te­res Mal zu einer mit­rei­ßend dra­ma­ti­schen, in vita­ler Kraft gera­de­zu explo­diernd Freu­de an die­ser Musik. 

andreas staier schafft es: schumann pur – aber ohne langeweile

ein genia­les kon­zert, das mich wirk­lich sehr berührt hat viel braucht es nicht: ein instru­ment, am bes­ten ein his­to­risch auch pas­sen­des, einen klei­nen sta­pel noten, etwa von robert schu­mann, und einen pia­nis­ten, zum bei­spiel andre­as stai­er. und schon ist frank­fur­ter hof alles ver­sam­melt, was für ein wun­der­ba­res, außer­or­dent­lich bewe­gen­des kon­zert not­wen­dig ist.

denn stai­er gelingt an die­sem abend eigent­lich alles. das ist für einen pia­nis­ten sei­nes rufes zwar fast zu erwar­ten, aber berüh­rend ist es trotz­dem. dabei ist von ihm selbst kaum etwas zu spü­ren. gera­de das ist aber sein gro­ßes erfolgs­ge­heim­nis. denn was hier im frank­fur­ter hof zu erle­ben ist, das ist sozu­sa­gen schu­mann pur. sicher, so genau weiß nie­mand wie sich der kom­po­nist das alles vor­stell­te, als er die noten aufs papier warf. aber das, was stai­er hier dem zier­li­chen instru­ment ent­lockt, scheint eine voll­kom­men plau­si­ble annah­me, wie es damals gedacht wor­den sein mag. dazu trägt natür­lich auch der flü­gel, ein his­to­ri­sches instru­ment, bei. denn sein klang unter­schei­det sich noch erheb­lich von den heu­te übli­chen. viel stär­ker ist der per­kus­si­ve anteil noch zu spü­ren, viel mehr schwin­gen ande­re sai­ten mit und ver­lei­hen jedem klang eine hauch­zar­te, silb­ri­ge hül­le. der anschein der authen­ti­zi­tät mag trü­gen, aber das ist belang­los. denn stai­er zau­bert mit den mög­lich­kei­ten des instru­ments, so beschränkt sie uns heu­te vor­kom­men mögen. er lässt die töne zu zar­ten nebel­schlei­ern ver­wi­schen, lässt den bass rum­pelnd grol­len um weni­ge augen­bli­cke die bril­lan­tes­ten per­len­ket­ten aus dem dis­kant auf­stei­gen zu las­sen. und aus jeder ton­fol­ge, jedem noch so unschein­ba­ren neben­ge­dan­ken, spricht die neu­gier des pia­nis­ten auf die­se musik. denn das ist noch so ein erfolgs­re­zept von andre­as stai­er: selbst wenn er aus dem „album für die jugend“ spielt oder gar die „kin­der­sze­nen“, mit „träu­me­rei“ und all den ande­ren abge­nutz­ten pre­zio­sen – immer wie­der schafft er es, ohne gro­ßen auf­wand den ein­druck abso­lu­ter frei­heit und spon­ta­nei­tät zu erwe­cken. und wie genau er dann jede die­ser klei­nen minia­tu­ren zur voll­endung bringt, wie prä­zi­se und fein­sin­nig er immer wie­der den letz­ten tönen beson­de­re beach­tung schenkt, sie mit unge­heu­rer inten­si­tät und bedeu­tung auf­lädt und das gan­ze so wun­der­bar in sein klang­li­ches kon­zept ein­bin­det, das man als zuhö­rer mit dem träu­men gar nicht mehr auf­hört: das ist ein­fach erst­klas­sig. nur mit dem – immer wie­der sehr vor­sich­tig und zögernd ein­set­zen­den – applaus kann sich das publi­kum da wie­der in die gegen­wart zurückholen.

london baroque reist nach italien

und reißt das schloss waldt­hau­sen mit.…

kön­nen vier musi­ker ein trio sein? man braucht kei­ne höhe­re mathe­ma­tik, um die­se fra­ge zu beja­hen. man muss nur eine klei­ne zeit­rei­se unter­neh­men. denn in der musik des barock, also im 17. und 18. jahr­hun­dert, war genau das üblich: vier musi­ker sind die stan­dard­be­set­zung für eine trio­so­na­te. zwei von ihnen spie­len aller­dings die glei­che stim­me. so eine zeit­rei­se konn­te man nun im schloss waldt­hau­sen mit eige­nen ohren erle­ben. denn „lon­don baro­que“ ist pilot, rei­se­be­glei­ter und orga­ni­sa­tor zugleich. vor allem sind die vier spe­zia­lis­ten für his­to­ri­sche auf­füh­rungs­pra­xis aber gro­ße ver­füh­rer – zum guten geschmack, zum emp­fin­den des ita­lie­ni­schen barock. denn genau dahin geht die ima­gi­nä­re rei­se vom schloss waldt­hau­sen: zu den trio­so­na­ten ita­li­ens, zu einer der wich­tigs­ten gat­tun­gen der barock­mu­sik. neben­bei fun­giert „lon­don baro­que“ aber auch noch als unter­hal­ter für die rei­se­ge­sell­schaft. im gegen­satz zum heu­ti­gen, neu­zeit­li­chen ani­ma­teur aller­dings mit niveau. dafür ste­hen schon die gro­ßen namen: arc­an­ge­lo corel­li, anto­nio vival­di und georg fried­rich hän­del zum bei­spiel. es gibt aber auch eini­ge abste­cher in kaum besuch­te, dafür umso reiz­vol­le­re gebie­te. etwa zu mau­ri­zi caz­z­a­tis cia­co­na in d‑moll: eine der­art tän­ze­ri­sche musik, dass es immer wie­der scheint, als kön­ne man allein mit zwei gei­gen, einem cel­lo und dem cem­ba­lo die schwer­kraft besier­gen. so locker und geschmei­dig, so beweg­lich in jedem augen­blick kön­nen nicht alle ensem­bles auf alten instru­men­ten spie­len. da merkt man dann doch die fast drei­ßig­jäh­ri­ge erfah­rung der lon­do­ner. über­haupt lässt sich das gemein­sa­me spiel die­ser grup­pe kaum genug loben. natür­lich ken­nen sie sich auch bes­tens aus mit der auf­füh­rungs­pra­xis des 18. jahr­hun­derts und wis­sen die ver­zie­run­gen mit takt und geschmack zu set­zen. und selbst­ver­ständ­lich las­sen sie die­se alte musik ganz frisch und unver­braucht klin­gen, zet­teln mit gewagt hohen tem­pi rasan­te jag­den über die griff­bret­ter an. und fast in fleisch und blut über­ge­gan­gen scheint ihnen die schwung­vol­le, atmen­de arti­ku­la­ti­on. aber was sie über die non­cha­lance, mit der sie das pflich­ten­heft für zeit­rei­sen in den barock abha­ken, hin­aus noch mehr aus­zeich­net, ist die fan­tas­ti­sche sicher­heit und gewandt­heit, mit der sie das zuam­men­spiel des ensem­bles orga­ni­sie­ren. das gleich­ge­wicht zwi­schen cem­ba­lo und cel­lo auf der einen, den bei­den vio­li­nen auf der ande­ren sei­te bleibt stets fra­gil und des­halb so span­nend, aber doch nie so labil, dass es zusam­men­brä­che. ur:vielleicht doch außer­ir­di­sche – wer sonst könn­te denn eine zeit­rei­se so per­fekt orga­ni­sie­ren und so unbe­schwert-ver­gnüg­lich gestalten?

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