- Jasper van‘t Hof ist so ein musikalisches Chamäleon, das man nur immer wieder staunend beobachten kann – was hat dieser Pianist im Laufe seiner langen Karriere nicht schon alles gemacht! Vom klassischen Modern Jazz unternahm er immer wieder Ausflüge in alle Richtungen, zur klassischen und vor allem zur Weltmusikt. Und nicht einmal Kirche ist ihm heilig – auch die Orgel eroberte er sich längst für seinen Jazz. Genau das Richtige also für die Eröffnung des Jazzsommers in der Christuskirche. Denn der fing damit sehr vielversprechend an. „Duolog“ hat van‘t Hof sein Konzert überschrieben, denn er war dieses Mal nicht alleine auf der Orgelempore: Der Saxofonist Ulli Jünemann leistete ihm Gesellschaft. Aber die Verhältnisse waren sehr klar: Der Organist ist hier der Chef. Und der Bläser darf sich ab und an mehr oder weniger zaghaft hinzugesellen, darf für etwas mehr Abwechslung und Farbe sorgen. Denn bei aller Virtuosität, die der niederländische Jazzer an den Tag legte: Die Möglichkeiten der Orgel nutzte er nur sehr beschränkt, sie schien unter seinen Händen nur als ein etwas spezieller Synthesizer zu fungieren. Seine Registerauswahl blieb sehr einseitig und lückenhaft. Er schien mit dem Instrument der Christuskirche auch überhaupt nicht vertraut: Immer wieder probierte er mal dieses oder jenes Register mitten im Spiel, um zu hören, was passiert. Es spricht aber für ihn, wie er mit der Situation umging: Denn die so gesehen mangelhafte Vorbereitung nutzte er immer wieder als kreative Anstöße für seine Improvisationen.
- Die erscheinen die meiste Zeit ausgesprochen filmisch. Veritable Hörfilme sind es, kleine Expeditionen ins farbträchtige und faszinierende Reich der Naturschönheit vielleicht. Auf jeden Fall eröffnen sie der Phantasie und Vorstellungskraft des Zuhörers weite Räume. Und aus den weit ausladenden Panoramen, die van‘t Hof mit seinen metrisch vertrackten Melodien und minimalistische-repetiven Begleitfiguren entwickelt, entsteht dann immer wieder, den ganz langsamen Kameraschwenks und ihrer kaum merklichen Perspektivverschiebung gleich, neue Zusammenhänge. Überall findet er neue Schönheiten, kleine Arabesken und verschnörkelte Linien, die nur einen Sinn und eine Daseinsberechtigung haben: das Publikum zu erfreuen. Und auch wenn seine Methoden leicht zu durchschauen sind und seine Improvisationen nicht immer vor Inspiration sprühen, so gelingt ihm doch genau das: Eine akustische Reise in ein irreales, geträumtes Land der Schönheit, ohne die lästigen Sorgen und Gefahren des alltäglichen Lebens.
Kategorie: kritik Seite 10 von 15
zunächst der text, den ich an die mainzer rhein-zeitung geliefert habe:
- Einmal im Jahr ist erstklassiger Jazz auch in Mainz zu Hause. Denn wenn der SWR und das Land den SWR-Jazzpreis vergeben, dann müssen – so will es die Tradition – die Empfänger sich auch beweisen. Und den Mainzern wird so regelmäßig ein Häppchen improvisierter Musik von Weltniveau serviert. In diesem Jahr war der Berliner Pianist Alexander von Schlippenbach für das Menü zuständig. Zunächst, und auch das ist eine schöne Tradition im Foyer des Mainzer Funkhauses, musste der Preisträger solistisch an die Arbeit.
- Er macht das mit der Präzision eines Chirurgen – aber auch mit mehr Energie als ein Kernkraftwerk freisetzt. Vor allem aber spielt er mit ungezügelter Leidenschaft: Besser als jede bewusstseinserweiternde Droge versetze er das Publikum in einen Rauschzustand, aus dem keiner unveränder und unberührt zurückkehren kann. Denn das größte, was von Schlippenbach hier leistet, ist die ungezwunge Lebendigkeit seiner Musik: Da ist wirklich nahezu jeder Ton perfekt an seinem Platz und in seiner Wirkung. Und doch atmet jeder Klang pure Freiheit – Freiheit, die nur durch den Verzicht auf Sicherheit möglich wird. Dafür war der zweite Teil des Preisträgerkonzertes ein noch besserer Beweis. Denn nach der offiziellen Übergabe der Urkunde – den Scheck über 10.000 Euro, den SWR und das Land gemeinsam finanzieren, hatte er schon vorher erhalten – kam er mit zwei ganz alten Weggefährten auf die Bühne: Dem Saxophonisten Evan Parker und dem Schlagwerker Paul Lovens. Diese Drei sind schon über vierzig Jahre gemeinsam immer an vorderster Front im Kampf für den europäischen Free Jazz unterwegs. Und der fast siebzigjährige von Schlippenbach nutzte dann auch gleich noch die Gelegenheit, den Radio-Chefs ins Gewissen zu reden: Mehr Sendezeit und dafür weniger Preise verlangte er – nahm aber den SWR ausdrücklich von seiner Schelte aus. Dann zeigte er mit seinem Trio aber auch, warum er sich eine solche Forderung leisten darf. Denn was diese alten Kämpen da im Foyer hören ließen, war immer noch weitaus radikaler als fast alles, das sonst in Deutschland den Namen Jazz trägt. In bester und geradezu klassischer Free-Jazz-Manier entfesselten die alten Herren Energien von unglaublichem Ausmaß. Sie tobten und rasten durch ihren akustische Kosmos, sie brüllten und fauchten, hämmerten und meißelten Klangbäder aus kochendem Stahl. Aber sie beschränkten sich nie aufs rein Destruktive, sie bändigten den Furor immer wieder rechtzeitig. Ob in den rasanten unendlichen Saxophonsoli, den ungebändigten Klangforschungen des Schlagwerkers oder den faszinierend präzisen, messerscharfen Begleitungen von Alexander von Schlippenbach, die sich immer wieder zu grandios pointierten Soli ausweiteten: Stets spielten die drei beängstigend eng zusammen, immer blickten sie nur nach vorn und liefen doch nie ins Leere, sonderen fanden immer wieder Halt in der Freiheit ihrer Ausdruckskraft – bis zur Erschöpfung aller Beteiligten.
- und das waren meine notizen:
alexander von schlippenbach solo:
- theoretisch-strukturelle raffinesse – aber trotzdem mehr als hauch der freiheit
- weiträumige, großflächige dramaturgie: minutenlange aufbau-arbeiten
- krächzend-heiser mitsingend – oder mit füßen einen total absurd erscheinenden rhythmus mitklopfen, mitstampfend
- unmittelbarkeit: jede beschreibung dieser musik klingt viel zu kompliziert: natürlich ist das komplexe musik – aber eben so, dass sie keine verrückte theoretische übung bleibt, sondern musik mit emotionalen gehalten, die sich unaufhörlich in herz und hirn frisst und bohrt, keinen unbeteiligt, unberührt lässt
- manisch – wirkt so unverschämt leicht, wie er sich steigert immer weiter, immer neue höhen erklimmt
- aufhebung jeglicher distanz und differenz: er spielt nciht nur stücke, sondern er ist musik (klischee!!), es bricht immer wieder aus ihm heraus – & weil er intelligent genug ist, kann er es steuern (in teilen, in abläufen …)
- vielfalt des ausdrucks/des materials
- kein berserker – obwohl er ganz schon reinhauen kann
- auch kein poetischer weichspüler – auch wenn er manchmal (kurz) ins träumen gerät
- lakonisch v.a. in den schlüssen – oft bloß reine abbrüche
- swingt überhaupt nicht – das das muss jazz natürlich schon lange nicht mehr
- irgend ein bastard aus komponiert und improvisiert, aus Neuer Musik & Free Jazz – aber eine kreuzung so raffiniert, dass herkunft oder grenzen völlig verschwinden, aufgeben in synthese, aufgehoben werden (ganz streng im hegelschen sinne nach oben!). sozusagen ein radikaler third stream (stimmt nat. überhaupt nicht) – versuche dazu gab es zuhauf und mehren sich in letzter zeit auch wieder – aber nur ganz, ganz selten so faszinierend zwigend überzeugend wie hier heute
- oft ganz einfach nur wunderschön
- setlist-anmerkung von avs: t. monk, trinkle tinkle; e. dolphy: something sweet, something tender & out there
- „der progressive jazz und die improvisierte musik haben es weniger nötig, gefördert und ausgezeichnet zu werden, als von rundfunkanstalten produziert und gesendet zu werden“ – „liebe freunde, wacht auf, hört hin, gebt unserer musik den platz, der ihr zukommt:“ (alexander von schlippenbach bei der verleihung)
schippenbach-trio
- paul lovens, ein schlagzeuger, der mehr auf becken zaubert als trommelt
- hardcore-free-jazz der güteklasse a – verrückt, dass das immer noch so frisch und unverdorben ist/sein kann
- rasend, herzschlag aufpeitschend – besser und bewusstseinserweiternder als jede droge
- mehr energie freisetzend als jedes akw – nur mit andersartiger konatmination – denn kapern das publikum, verpassen gehirnwäsche – was unter bedingungen großer freiheit möglich ist, was der bewusste und gewollte verzicht auf psychische/physische sicherheit an gelegenheiten, möglichkeiten hervorbringen kann …
- den neben energie-clustern, ‑bomben, auch lockeres, offenes trio-spiel
- bis zur (scheinbar) totalen auflösung
- drei besessene
- einige duos – echtes zusammenspiel, gegenseitiges helfen statt wettkampf
- da bleibt kein ton auf dem anderen, – etwa so, als würde man einen rasenden ice in voller fahrt umbauen wollen
- sprühen nicht nur funken, sondern auch schweißtropfen
und hat dabei wieder so einiges zu bieten – auch sonderbarkeiten wie das „tap dance concerto” von Morton Gould.
Tänzer haben im Konzertsaal gewöhnlich nichts verloren. Aber die Rheinische Orchesterakademie Mainz hat sich bei ihren Programmen noch nie um solche Konventionen geschert. Und wenn bei ihrem siebten Konzert schon lauter Tanzmusik zu hören war, dann musste natürlich auch ein Tänzer her. Aber nicht irgendeiner. Denn das junge Orchester hat tatsächlich ein Konzert für Tänzer und Orchester ausgegraben. Der Amerikaner Morton Gould hat das komponiert – für einen Stepptanz-Solisten. In der Partitur notierte er dessen Part freilich nur als besondere Form des Schlagwerks, nur in seiner rein rhythmischen Gestalt. Was der Solist also an Figuren tanzt, bleibt ihm überlassen – viel Spielraum also für den jungen Heidelberger David Friederich, den die ROAM in das Kurfürstliche Schloss geholt hat. Die rhythmische Präzision alleine, mit der der Sechzehnjährige klickernd und klackernd über seinen Teil der Bühne schwebt, ist schon stupend. Aber nebenbei ist er auch noch Tänzer und Pantomine, der schwer gegen die Versuchungen einer überdimensionalen Brezel zu kämpfen hat – am Ende unterliegt er. Der Orchesterpart dieses kuriosen Konzertes bleibt dagegen eher blass. Da kann auch Dirigent Peter Shannon wenig ausrichten, außer einigen schönen Stellen vor allem in den Bläsern lässt Gould ihn hier vor allem Hintergrundmusik für den Solisten exekutieren.
Richtig viel ausrichten konnte der irische Dirigent aber bei Igor Strawinskys „L‘oiseau de feu“. Von Anfang an bemühte er sich, frische und knackige Kontraste zu schaffen, die sagenhafte Geschichte um den mythischen Feuervogel in besonders intensiven Farben auszumalen. Zunächst war das zwar noch eher ein Aquarell mit verwaschenen Strichen, aber die Konturen wurden dann von Takt zu Takt deutlicher. Und mit ihnen auch die musikalischen Strukturen. Denn Shannon gelang mit der ROAM der Spagat zwischen übersichtlicher, nachvollziehbarer Entwicklung der formalen Gestaltung und des sentimenatlen Aspekts. Und so wurden auch die vielen Momente der Innigkeit dieser Ballettmusik zu bildschönen Szenerien. Vor allem in den zahlreichen Soli häuften die jungen Musiker einen erstaunlich fein abgestufter Farbenreichtum an. Und wegen dieser Intensität, die Peter Shannon dem Orchester entlockt, geht das Klangerlebnis immer wieder durch Mark und Bein – das ausgesprochen durchsetzungsfähige Schlagwerk hilft dabei natürlich auch. So gelingt die Arbeit an der Erlösung, die Befreiung der Prinzessinnen in hochdramatischer Geste ganz wunderbar.
das konzert hieß diesmal „con flauto“ und präsentierte kunterbunte kammermusik aus europa mit und ohne flöte (genau, so deutlich und zwingend war die programmfolge). und mit etwas unterschiedlichen ergebnissen:
Einmal quer durch Europa geht die Reise – und immer mit einer Flöte. Aber schon das stimmt nicht ganz: Bei Mendelssohn-Bartholdys Sextett op. 110 ist nicht einmal eine Flöte dabei. Auch sonst sind die Zusammenhänge bei diesem Konzert in der Villa Musica eher lose. Und das disparate Programm bietet auch sehr unterschiedliche Ergebniss von den Stipendiaten um Davide Formisano und Martin Ostertag. Das eröffnende Quintett von Joseph Martin Kraus für Flöte und Streichquartett etwa blieb leider ziemlich blass und leblos. Das passiert beim Mozart-Zeitgenossen Kraus zwar oft, ist aber ausgesprochen schade. Denn das ist durchaus frische Musik.
- heute sogar ausgesprochen gute: ein sehr schönes, überraschend gutes konzert mit klaviertrios bei den essenheimer musiktagen des herrn moeller.
- Großartiger hätte der Schluss kaum sein können: Mit drei meisterlich interpretierten Trios gingen die Essenheimer Musiktage zu Ende. Das vorläufig letzte Konzert im Kunstforum bot dabei noch einmal Kammermusik vom Feinsten, vom Anfang bis zum Ende. Denn das Klaviertrio um die Cellistin Natalia Gutman mit dem Geiger Sviatoslav Moroz und Pianist Dimitri Vinnik war nicht nur beim abschließenden zweiten Klaviertrio von Dmitri Schostakowitsch erstklassig. Schon der Beginn, Joseph Haydns Klaviertrio in C‑Dur op. 86, war weit mehr als nur ein verheißungsvoller Auftakt. Schlicht und schnörkellos beschränkten die drei Musiker sich auf das, was sie am Besten können: mit Hingabe musizieren. So gelang ihnen eine spritzige, unbeschwerte Interpretation, die stets kontrolliert und ausgewogen blieb. Nur der Pianist war leider gehandicapt. Denn der Miniaturflügel bot Dimitri Vinnik einfach nur sehr wenig Möglichkeiten für eine differenzierte Gestaltung der Klangfarben. Umso erstaunlicher, wie präsent er dennoch in jedem Moment war.
- Bei Anton Arenskis erstem Klaviertrio musste er sich dann freilich geschlagen geben. Denn Arenski wartet mit starkem Kontrast zu klassischer Eleganz des Haydn auf: Seine Musik ist ein groß angelegtes, weit ausholende spätromantische Schwelgen in Emotionen. Und mit dieser wilden und ungezügelten Jagd durch eine phantastische Fülle an Einfällen traf das Trio den Geschmack des Publikums offenbar ganz besonders genau.
- Aber die Krone des Abends war das Finale, Schostakowitsch zweites Klaviertrio. Denn hier vereinten sich kompositorische Stringenz und interpretatorische Raffinesse aufs Beste. Gerade die Spannungen zwischen selbstvergessener Trauer und grotesker, fratzenhafter Fröhlichkeit machten die drei Interpreten besonders deutlich. Mit vollem Körpereinsatz stürzten sie sich immer wieder aufs Neue in diese faszinierende Musik der Gegensätze und eröffneten dem Publikum ein faszinierendes Panorama menschlicher Gefühle.
- Nicht nur dem Publikum hat das gefallen. Auch der Initiator und Veranstalter der Essenheimer Musiktage, Klaus-Ulrich Moeller, ist sehr zufrieden. Zwar muss er einen finanziellen Verlust verschmerzen: Ungefähr 65 Prozent Auslastung über die fünf Konzerte in den letzten Wochen reichten nicht aus, um alle Kosten zu decken. Aber trotzdem bereut der Essenheimer Kulturmanager, der die Konzerte in Eigenintiative innerhalb der letzten Monate organisiert und finanziert hat, dieses Wagnis nicht: „Die positive Resonanz bei der Bevölkerung zeigt, dass das eine gute Idee war.“ Ob er damit allerdings weitermachen wird, weiß er selbst auch noch nicht. Denn auf Dauer hätte er schon gerne etwas mehr Unterstützung durch die Gemeinde oder andere Sponsoren – nicht nur zur finanziellen Absicherung, sondern auch zur besseren Vermarktung der Musiktage.
in der esg-kirche geschah es – ein schöner abend, mit einigen liedern von den schreibtischen der mainzer komponisten …
- Das Lied und die Romantik sind untrennbar verbunden. Im 20. Jahrhundert wurde es deshalb auch ziemlich vernachlässigt. Aber nicht so in Mainz: Wie sich beim Konzert zum Semesterbeginn der Hochschule für Musik zeigte, gibt es bei den Tonsetzern unter den Dozenten gleich mehrere Liedkomponisten, die auch vor ein wenig Romantik nicht scheuen. Zu den jüngeren unter ihnen gehört Tobias Rokahr. Der hat für den Abend in der ESG-Kirche zwei Mal drei Lieder beigesteuert. Bereits etwas älter und noch sehr jugendlich geprägt sind seine Hölderlin-Gesänge. Vor allem sind sie aber zutiefst romantisch geprägt: Weitschweifig geben sie dem übermütig stürmenden Drang des empfindenden Herzens ungezähmten Ausdruck. Der Bariton Kyoung-Suk Baek hatte allerdings ab und an Mühe, sich gegen die überbordende Fülle des Klaviersatzes zu behaupten, der Michael Staudt viel Raum gab. Wesentlich kargeres Material nutzte Rokahr bei der Vertonung dreier Gedichte von Reiner Kunze. Mit seiner Vorliebe für dicht gesetzte Akkorde und weit ausholende Melodien markiert er immer wieder einzelne Worte in den ohnehin sehr knappen Gedichten. Und Johanna Rosskopp ließ sich auch von den Spannungen zwischen ihrem Part und der Klavierbegleitung nicht irritieren, sondern behauptete mit ihrem markanten Sopran die Vormacht des Wortes.
- Unter der vielen neuen Musik gab es auch eine Uraufführung: Die drei Lieder nach Gedichten von Ulla Hahn von Jürgen Blume. Auch ihnen sind romantische Gefühle und berührende Klänge überhaupt nicht fremd. Nicht nur die schon fast flehende Bitten im „Winterregen“ mit seiner aus wenigen Elementen geschickt und ausdrucksstark aufgebauten Klavierbegleitung, auch die weit ausholende Dramatik und der hohe Ton von „Selig sind die Wartenden“ verhehlten ihre Herkunft kein bisschen. Johanna Rosskopp sang das sehr bestimmt und mit der angemessenen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Mitgefühl.
- Nur ein Komponist brach die Serie: Lutz Dreyer. Anne Shih wirbelte durch sein „Capriccio über FD“ – ein echtes Kunststück voller sprudelnder Einfälle und rastlos durcheinander jagenden Spiel mit Erwartungen und Einfällen.
- Und das passte dann auch zum anderen größeren Instrumentalstück: Dem Bläserquintett „… aus den Fugen …“ von Jürgen Blume, das in wenigen Minuten schnell mal alle Fugenthemen aus Bachs Wohltemperiertem Klavier übereinander und ineinandertürmt, die Musiker der Mainzer Bläsersolisten auch noch zu ihren eigenen Kommentatoren werden lässt und überhaupt eine Menge Spaß macht. Und so ganz nebenbei auch noch den Beweis erbringt, dass ernste Musik auch ganz unkompliziert und heiter erfreuen kann.
das bot das siebte sinfoniekonzert im mainzer staatstheater. und so sah meine reaktion aus:
- Karfreitag und Ostern in einem – das Theater macht’s möglich. Die Musik des siebten Sinfoniekonzerts drehte sich ganz und gar um die Säkularisierung dessen, was die Kirche an diesen Tagen feiert. Freilich mit einer kleinen, aber bedeutsamen Verschiebung: Statt um Opfer, Tod und Erlösung ging es hier um Tod und Verklärung, um mystische Metamorphosen. Wie das funktionieren soll, machte schon der kurze Auftakt mit Samuel Barbers „Mutations from Bach“ deutlich: Der Choral „Christe, du Lamm Gottes“ wird recht umstandslos aus dem religiösen Umfeld in die Sphäre der mehr oder minder reinen Kunst überführt. Übrig bleibt dann in den getragen variierten Versionen des Chorals eine mystisch erhabene Feier des Gefühls der Erhöhung. Und die zelebrierte der estnische Dirigent Tonu Kaljuste mit den Blechbläsern des Philharmonischen Staatsorchester ganz vortrefflich mit asketischer Strenge und scharfer Präzision. Auch bei den nächsten Metamorphosen, „…durch einen Spiegel …“ von Joonas Kokkonen, drang der Gastdirigent im Mainzer Theater vor allem auf Ordnung. So verlieh er dieser Musik eine ganz ausdrückliche Klarheit – und das war sehr geschickt. Denn dadurch blieb die wiederum um mystische Verklärung bemühte Meditation – diesmal ausschließlich für die Streicher – über ein Wort aus dem Korintherbrief frei von Beliebigkeit. Im Gegenteil, gerade im Schluss sprach diese sonst gern mysteriös erscheinende Musik mit größter Gewissheit: Emphatisch und großartig behauptete sie nach den fühlbaren Mühen der Suche den Augenblick der Erkenntnis.
- So tastete sich Tonu Kaljuste in Mainz an das Zentrum seines Konzertes immer näher heran. Denn nach der Pause ging es, durch die vielen Verwandlungen bestens vorbereitet, mit großem Spektakel und unter Aufbietung aller orchestralen Kräfte hinein in Arvo Pärts „Como cierva sedienta“ – eine Soprankantate mit Texten aus dem 42. und 43. Psalm. Der wird allerdings von dem estnischen Großkomponisten in altspanisch vertont – der Text an sich ist ihm also offenbar nicht so wichtig. Das ist schade, denn Kerrie Sheppard war einfach großartig anzuhören. Mit Bestimmtheit ließ sie immer wieder leichte Trauer und Verzweiflung mitschwingen. Und auch Kaljuste steuerte seinen Teil zum Gelingen bei: Ihm war es vor allem zu verdanken, dass sich die oftmals wild zerklüfteten Teile dieser Partitur zu einem ausdrucksstarken, vielschichtigem Klangbild formten. Den von der reduktionistischen Strenge des früheren Pärt-Stils ist in diesem überbordendem Phantasma nur noch wenig zu spüren. Genau das Richtige, um das Mainzer Orchester mal wieder zu präzisem und farbenreichen Spiel zu animieren.
ein recht gewöhnliches programm und auch ein recht durchschnittliches ergebnis: nicht schlecht war das meisterkonzert in der rheingoldhalle, aber auch nicht außergewöhnlich gut, keine überraschungen, nix neues – wie’s bei solchen abonnentenkonzerten halt so ist.…
Die Verwandlung geschah erst am Ende des Konzerts. Irgendetwas muss mit Tamás Vásáry, dem Dirigenten der Koblenzer Staatsphilharmonie, in der Pause passiert sein. Denn in der zweiten Hälfte des Meisterkonzertes in der Rheingoldhalle stand ein ganz anderer Musiker auf dem Podest. Zunächst zeigte er sich aber als versierter Dirigierhandwerker. Die Sinfonie Nr. 22 von Haydn missbrauchte er zwar, entgegen den Konzertgewohnheiten, nicht als bloßes Einspielstück. Vásáry ließ das Orchester in fast stoisch anmutender Gelassenheit beschwingt tänzeln und blieb dabei immer in fließender Bewegung. Dieses Gleichmaß, gepaart mit einer Prise trockenem Humor und den knappen, präzisen Gesten passte einfach. Nach diesem vielversprechenden Auftakt war das Violakonzert von Béla Bartók zu bewältigen. Von Bartók selbst ist hier allerdings nur der kleinste Teil, sein Tod verhinderte die Vollendung. Und das merkt man auch: Irgendwie fehlt genau die Kraft und Eindrücklichkeit, die seine andere Konzerten so sehr prägt. Dementsprechend blieb das Orchester noch einmal auffallend unauffällig, lediglich hier und da etwas zu mächtig. Der Solist Maxim Rysanov schwang sich viel offenherziger hinein: Mit ehrlicher Hingabe widmete er sich den Gefühlsgehalten der Musik und überzeugte mit vielseitiger und ausdrucksstarker Gestaltung – seine mancherorts etwas nachlässige Technik verzieh man ihm da gerne. Aber dann eben, nach der Pause, die eigentlich Hauptsache. Schuberts vierte Symphonie wurde jetzt von einem ganz neuem Dirigenten aufgeführt: Denn Vásáry mutierte ganz unversehens zum Tänzer – nicht nur mit den Händen, sondern mit seinem ganzem Körper zelebrierte er die Musik, formte er jeden Einsatz vor, schrieb er jede Phrase mit allen Fasern seines schmächtigen Körpers in die Luft. Das Orchester reagierte zunächst verhalten und nahm die unbedingte Emphase des Dirigenten nur zögerlich auf. Deshalb bestand der erste Satz eigentlich nur aus schönen Stellen ohne echten Zusammenhang. Das ist bei dieser Sinfonie immer eine Gefahr, denn Schubert pendelt hier noch sehr stark zwischen eigenen Formen und Beethovenschen Modellen. Ab dem zweiten Satz wurde es dann aber spürbar besser. Die Klangreliefs wurden von Takt zu Takt greifbar plastischer und drastischer. Vor allem im ganz stark lakonisch konzentrierten Menuett entwickelte Vásáry immer mehr Drastik. Und im Finale steigerte er das noch ein weiteres Mal zu einer mitreißend dramatischen, in vitaler Kraft geradezu explodiernd Freude an dieser Musik.
ein geniales konzert, das mich wirklich sehr berührt hat viel braucht es nicht: ein instrument, am besten ein historisch auch passendes, einen kleinen stapel noten, etwa von robert schumann, und einen pianisten, zum beispiel andreas staier. und schon ist frankfurter hof alles versammelt, was für ein wunderbares, außerordentlich bewegendes konzert notwendig ist.
denn staier gelingt an diesem abend eigentlich alles. das ist für einen pianisten seines rufes zwar fast zu erwarten, aber berührend ist es trotzdem. dabei ist von ihm selbst kaum etwas zu spüren. gerade das ist aber sein großes erfolgsgeheimnis. denn was hier im frankfurter hof zu erleben ist, das ist sozusagen schumann pur. sicher, so genau weiß niemand wie sich der komponist das alles vorstellte, als er die noten aufs papier warf. aber das, was staier hier dem zierlichen instrument entlockt, scheint eine vollkommen plausible annahme, wie es damals gedacht worden sein mag. dazu trägt natürlich auch der flügel, ein historisches instrument, bei. denn sein klang unterscheidet sich noch erheblich von den heute üblichen. viel stärker ist der perkussive anteil noch zu spüren, viel mehr schwingen andere saiten mit und verleihen jedem klang eine hauchzarte, silbrige hülle. der anschein der authentizität mag trügen, aber das ist belanglos. denn staier zaubert mit den möglichkeiten des instruments, so beschränkt sie uns heute vorkommen mögen. er lässt die töne zu zarten nebelschleiern verwischen, lässt den bass rumpelnd grollen um wenige augenblicke die brillantesten perlenketten aus dem diskant aufsteigen zu lassen. und aus jeder tonfolge, jedem noch so unscheinbaren nebengedanken, spricht die neugier des pianisten auf diese musik. denn das ist noch so ein erfolgsrezept von andreas staier: selbst wenn er aus dem album für die jugend spielt oder gar die kinderszenen, mit träumerei und all den anderen abgenutzten preziosen immer wieder schafft er es, ohne großen aufwand den eindruck absoluter freiheit und spontaneität zu erwecken. und wie genau er dann jede dieser kleinen miniaturen zur vollendung bringt, wie präzise und feinsinnig er immer wieder den letzten tönen besondere beachtung schenkt, sie mit ungeheurer intensität und bedeutung auflädt und das ganze so wunderbar in sein klangliches konzept einbindet, das man als zuhörer mit dem träumen gar nicht mehr aufhört: das ist einfach erstklassig. nur mit dem immer wieder sehr vorsichtig und zögernd einsetzenden applaus kann sich das publikum da wieder in die gegenwart zurückholen.
und reißt das schloss waldthausen mit.…
können vier musiker ein trio sein? man braucht keine höhere mathematik, um diese frage zu bejahen. man muss nur eine kleine zeitreise unternehmen. denn in der musik des barock, also im 17. und 18. jahrhundert, war genau das üblich: vier musiker sind die standardbesetzung für eine triosonate. zwei von ihnen spielen allerdings die gleiche stimme. so eine zeitreise konnte man nun im schloss waldthausen mit eigenen ohren erleben. denn london baroque ist pilot, reisebegleiter und organisator zugleich. vor allem sind die vier spezialisten für historische aufführungspraxis aber große verführer zum guten geschmack, zum empfinden des italienischen barock. denn genau dahin geht die imaginäre reise vom schloss waldthausen: zu den triosonaten italiens, zu einer der wichtigsten gattungen der barockmusik. nebenbei fungiert london baroque aber auch noch als unterhalter für die reisegesellschaft. im gegensatz zum heutigen, neuzeitlichen animateur allerdings mit niveau. dafür stehen schon die großen namen: arcangelo corelli, antonio vivaldi und georg friedrich händel zum beispiel. es gibt aber auch einige abstecher in kaum besuchte, dafür umso reizvollere gebiete. etwa zu maurizi cazzatis ciacona in d‑moll: eine derart tänzerische musik, dass es immer wieder scheint, als könne man allein mit zwei geigen, einem cello und dem cembalo die schwerkraft besiergen. so locker und geschmeidig, so beweglich in jedem augenblick können nicht alle ensembles auf alten instrumenten spielen. da merkt man dann doch die fast dreißigjährige erfahrung der londoner. überhaupt lässt sich das gemeinsame spiel dieser gruppe kaum genug loben. natürlich kennen sie sich auch bestens aus mit der aufführungspraxis des 18. jahrhunderts und wissen die verzierungen mit takt und geschmack zu setzen. und selbstverständlich lassen sie diese alte musik ganz frisch und unverbraucht klingen, zetteln mit gewagt hohen tempi rasante jagden über die griffbretter an. und fast in fleisch und blut übergegangen scheint ihnen die schwungvolle, atmende artikulation. aber was sie über die nonchalance, mit der sie das pflichtenheft für zeitreisen in den barock abhaken, hinaus noch mehr auszeichnet, ist die fantastische sicherheit und gewandtheit, mit der sie das zuammenspiel des ensembles organisieren. das gleichgewicht zwischen cembalo und cello auf der einen, den beiden violinen auf der anderen seite bleibt stets fragil und deshalb so spannend, aber doch nie so labil, dass es zusammenbräche. ur:vielleicht doch außerirdische wer sonst könnte denn eine zeitreise so perfekt organisieren und so unbeschwert-vergnüglich gestalten?
