alex­an­der ghin­din quält sein instru­ment – und begeis­tert sein publikum:

Der Anspruch könn­te kaum höher sein, an die­sem Abend in Schloss Waldt­hau­sen. Alex­an­der Ghin­din hat sich für den Main­zer Musik­som­mer ein fast wahn­wit­zi­ges Pro­gramm auf­ge­bür­det: Extre­me Vir­tuo­si­tät, gepaart mit größ­ten Anfor­de­run­gen ans Musi­ka­li­tät und Gestal­tungs­kraft, die­se Mischung prägt das Pro­gramm des rus­si­schen Pia­nis­ten. Und er ist dem Anspruch gewapp­net. Ghin­din ist ein klas­si­scher Vir­tuo­se – ein Typ, der wohl nie aus­stirbt. Mit dem typi­schen thea­tra­li­schen Geha­be, dem wil­den Gri­mas­sie­ren und hef­ti­gem Gezap­pel auf der Kla­vier­bank. Aber auch mit den ent­spre­chen­den Tugen­den: Mit stu­pen­der Tech­nik und unbe­ding­ter Beherr­schung der pia­nis­ti­schen Anfor­de­run­gen wird selbst­ver­ständ­lich alles aus­wen­dig dar­ge­bo­ten. Aber er ist auch ein Musi­ker. Alex­an­der Skria­b­ins ers­te Kla­vier­so­na­te, mit der er sein Reci­tal eröff­ne­te, macht das unüber­hör­bar deut­lich. Aus­ge­spro­chen hörens­wert ist es, wie gelun­gen er sei­ne Inter­pre­ta­ti­on der Sona­te struk­tu­riert, wie er die for­ma­len Ver­läu­fe deut­lich und über­sicht­lich zum Klin­gen bringt und den­noch in kei­nem Augen­blick die Phan­ta­sie unnö­tig ein­schränkt. Den intro­ver­tier­ten Klän­ge des fina­len Trau­er­marschs ver­leiht er eine gehö­ri­ge Por­ti­on Span­nung. Von die­sem ver­zau­bern­den Ner­ven­kit­zel stürzt Ghin­din sich dann ganz hart und unver­mit­telt in die „Trois mou­ve­ments de Pétrouch­ka“ von Igor Stra­win­ski: Ein ein­zig­ar­ti­ges, froh­ge­mu­tes Getüm­mel. Die Nach­ah­mung des Orches­ters ist dem Kom­po­nis­ten in die­ser Kla­vier­fas­sung so gut geglückt, dass es kaum ein Pia­nist spie­len kann und mag. Ghin­din schreckt die Her­aus­for­de­rung nicht, im Gegen­teil: Gera­de die beson­de­re tech­ni­sche Schwie­rig­keit feu­ert ihn zu außer­ge­wöhn­li­cher Bril­lanz an, setzt ihn spür­bar unter Strom. Das don­nert und braust, klirrt und häm­mert, dröhnt und rauscht der­ma­ßen ent­hemmt , dass man fast um Gna­de für den Flü­gel bit­ten möch­te. Doch der ist noch lan­ge nicht erlöst, genau­so wenig wie sein Bew­zin­ger. Denn der wah­re Prüf­stein erst steht am Ende des Pro­gramms: Franz Liszts h‑Moll-Sona­te. Und hier stößt Ghin­din dann im Schloss Waldt­hau­sen doch noch an sei­ne Gren­zen – was ihn immer­hin wie­der etwas mensch­li­cher macht. Denn sei­ne Dar­bie­tung die­ser ein­ma­li­gen Sona­te ist zwar tech­nisch bril­lant. Aller­dings fin­det er nicht immer das rech­te Maß, das ist mehr berauscht als berau­schend. Immer wie­der leuch­ten herr­li­che Abschnit­te auf, aber immer wie­der ver­sumpft Ghin­din auch zu sehr im Unge­fäh­ren, um das zu einer wirk­lich kon­szi­sen Dar­stel­lung zu ver­bin­den. Noch ein paar Jah­re mehr Erfah­rung, und das könn­te etwas Gro­ßes wer­den. Die Tech­nik dafür steht ihm jeden­falls zur Verfügung.