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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

gera­de flat­tert mir die­se e‑mail in den brief­kas­ten, absen­der ist das „Prä­si­di­al­bü­ro der Johan­nes Guten­berg-Uni­ver­si­tät Mainz”:

Die­se E‑Mail wird Ihnen im Auf­trag des Prä­si­den­ten, Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Dr. Georg Krausch, gesandt. – Lie­be Stu­die­ren­de der Uni­ver­si­tät Mainz, viel­leicht erin­nern Sie sich noch an unse­re Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung an Ihrer Uni­ver­si­tät am 21. Dezem­ber 2006? Wir prä­sen­tier­ten unter­schied­li­che Ein­stiegs­mög­lich­kei­ten bei Luft­han­sa und gaben einen Über­blick über attrak­ti­ve Jobs im Ser­vice – ins­be­son­de­re für Sie als Stu­die­ren­de. Noch immer haben wir jede Men­ge Jobs, die für Sie inter­es­sant sein kön­nen. Ganz gleich, ob Sie lie­ber in 10.000 Meter Höhe oder am Boden arbei­ten möch­ten, unse­re Job­an­ge­bo­te im Ser­vice ermög­li­chen Ihnen unter­schied­li­che Arbeits­zeit­mo­del­le, die mit Ihrer Stu­di­en­pla­nung ver­ein­bar sind. Wenn sie als Flug­be­glei­ter arbei­ten möch­ten, eig­net sich für Stu­die­ren­de ins­be­son­de­re das Modell C „Flug­be­glei­ter auf Zeit“. Aktu­ell suchen wir noch Bewer­ber/-innen, die schon zum 23.Juli 2007 den Lehr­gang star­ten kön­nen! Der kon­kre­te Zeit­ab­lauf ist wie folgt: · Sofort bewer­ben! · 9 Wochen Lehr­gang ab dem 23.7.2007 – wäh­rend Ihrer Semes­ter­fe­ri­en! · Ers­ter Teil der Pro­be­zeit von Okto­ber bis Dezem­ber · Janu­ar und Febru­ar 2008: Zeit zum Stu­die­ren und Klau­su­ren schrei­ben · Zwei­ter Teil der Pro­be­zeit von März bis Mai 2008 · Danach haben Sie für die Fol­ge­jah­re die Mög­lich­keit zwi­schen März und Okto­ber einen zwei- bis sechs­mo­na­ti­gen Ver­trag als Flug­be­glei­ter in Voll­zeit mit uns abzu­schlie­ßen. · Wei­te­re Lehr­gän­ge für die­ses Modell begin­nen wie­der Anfang 2008. Dar­über hin­aus bie­ten wir am Flug­ha­fen Frank­furt ganz­jäh­rig jede Men­ge Teil­zeit­jobs am Boden als Ser­vice Agent in den Berei­chen Check-in, Lost & Found oder Cus­to­mer Care. Da alle Ser­vice­be­rei­che am Flug­ha­fen Frank­furt die­se Stel­len in Teil­zeit und im Schicht­be­trieb anbie­ten, kön­nen Sie auch die­se Jobs gut mit Ihrem Stu­di­um in Ein­klang brin­gen. Wenn Sie sich über wei­te­re Details und den Bewer­bungs­pro­zess infor­mie­ren oder sich danach – bit­te nur online – bewer­ben möch­ten, besu­chen Sie unser Job- und Kar­rie­re-Por­tal unter www​.Be​-Luft​han​sa​.com. Mit freund­li­chen Grü­ßen Deut­sche Luft­han­sa AG gez. Doris Krü­ger Lei­te­rin Kon­zern-Per­so­nal­mar­ke­ting und ‑aus­wahl

mal abge­se­hen von der erbärm­li­chen gestal­tung der mail – wie kommt der prä­si­dent eigent­lich dazu, mir so etwas zu schi­cken? ist das geld inzwi­schen so knapp, dass die uni­ver­si­tät ihre adres­sen ver­kau­fen muss? und dann den wer­be­ver­sand auch gleich noch selbst unter­nimmt? ist die uni­ver­si­tät jetzt end­gül­tig zu einem unter­neh­men gewor­den? was ist das doch für ein erbärm­li­ches zeug­nis – und was für eine grau­sa­me zukunft, die uns mit sol­chen uni­ver­si­tä­ten noch erwartet …

die ers­ten tage nach mei­nem ers­ten mara­thon waren ja eher von „erhol­sa­men” läu­fen (und zwei tage mus­kel­ka­ter) geprägt. aber seit ges­tern ist das tem­po zurück – und nicht nur zurück, son­dern noch ver­bes­sert. in erbach war es ges­tern ein fahrt­spiel mit sehr hohem grund­tem­po, das ich erstaun­lich lan­ge durch­hielt. und heu­te hier in mainz war ich so schnell wie noch nie auf der win­ter­ha­fen­run­de. gebraucht habe ich gera­de ein­mal 25:59 für die 6,5 km – das ist ein 3:59er-schnitt. irgend­wie war ich von anfang an mit einer für mich außer­ge­wöhn­lich hohen schritt­fre­quenz unter­wegs. zunächst glaub­te ich ja nicht, das lan­ge durch­hal­ten zu kön­nen. aber irgend­wie ging es. zum glück waren auf dem rück­weg auch bei­de ampeln rot, sonst hät­te die kraft wohl nicht ganz gereicht. und das atmen war bei der hohen fre­quenz auch ziem­lich anstren­gend, ich habe recht bald ganz ordent­lich gekeucht. aber naja, ein wenig quä­le­rei muss ja auch sein …

die roam spielt zum tanz auf

und hat dabei wie­der so eini­ges zu bie­ten – auch son­der­bar­kei­ten wie das „tap dance con­cer­to” von Mor­ton Gould.

Tän­zer haben im Kon­zert­saal gewöhn­lich nichts ver­lo­ren. Aber die Rhei­ni­sche Orches­ter­aka­de­mie Mainz hat sich bei ihren Pro­gram­men noch nie um sol­che Kon­ven­tio­nen geschert. Und wenn bei ihrem sieb­ten Kon­zert schon lau­ter Tanz­mu­sik zu hören war, dann muss­te natür­lich auch ein Tän­zer her. Aber nicht irgend­ei­ner. Denn das jun­ge Orches­ter hat tat­säch­lich ein Kon­zert für Tän­zer und Orches­ter aus­ge­gra­ben. Der Ame­ri­ka­ner Mor­ton Gould hat das kom­po­niert – für einen Stepp­tanz-Solis­ten. In der Par­ti­tur notier­te er des­sen Part frei­lich nur als beson­de­re Form des Schlag­werks, nur in sei­ner rein rhyth­mi­schen Gestalt. Was der Solist also an Figu­ren tanzt, bleibt ihm über­las­sen – viel Spiel­raum also für den jun­gen Hei­del­ber­ger David Frie­de­rich, den die ROAM in das Kur­fürst­li­che Schloss geholt hat. Die rhyth­mi­sche Prä­zi­si­on allei­ne, mit der der Sech­zehn­jäh­ri­ge kli­ckernd und kla­ckernd über sei­nen Teil der Büh­ne schwebt, ist schon stu­pend. Aber neben­bei ist er auch noch Tän­zer und Pan­to­mi­ne, der schwer gegen die Ver­su­chun­gen einer über­di­men­sio­na­len Bre­zel zu kämp­fen hat – am Ende unter­liegt er. Der Orches­ter­part die­ses kurio­sen Kon­zer­tes bleibt dage­gen eher blass. Da kann auch Diri­gent Peter Shan­non wenig aus­rich­ten, außer eini­gen schö­nen Stel­len vor allem in den Blä­sern lässt Gould ihn hier vor allem Hin­ter­grund­mu­sik für den Solis­ten exekutieren.

Rich­tig viel aus­rich­ten konn­te der iri­sche Diri­gent aber bei Igor Stra­win­skys „L‘oiseau de feu“. Von Anfang an bemüh­te er sich, fri­sche und kna­cki­ge Kon­tras­te zu schaf­fen, die sagen­haf­te Geschich­te um den mythi­schen Feu­er­vo­gel in beson­ders inten­si­ven Far­ben aus­zu­ma­len. Zunächst war das zwar noch eher ein Aqua­rell mit ver­wa­sche­nen Stri­chen, aber die Kon­tu­ren wur­den dann von Takt zu Takt deut­li­cher. Und mit ihnen auch die musi­ka­li­schen Struk­tu­ren. Denn Shan­non gelang mit der ROAM der Spa­gat zwi­schen über­sicht­li­cher, nach­voll­zieh­ba­rer Ent­wick­lung der for­ma­len Gestal­tung und des sen­ti­men­at­len Aspekts. Und so wur­den auch die vie­len Momen­te der Innig­keit die­ser Bal­lett­mu­sik zu bild­schö­nen Sze­ne­rien. Vor allem in den zahl­rei­chen Soli häuf­ten die jun­gen Musi­ker einen erstaun­lich fein abge­stuf­ter Far­ben­reich­tum an. Und wegen die­ser Inten­si­tät, die Peter Shan­non dem Orches­ter ent­lockt, geht das Klang­er­leb­nis immer wie­der durch Mark und Bein – das aus­ge­spro­chen durch­set­zungs­fä­hi­ge Schlag­werk hilft dabei natür­lich auch. So gelingt die Arbeit an der Erlö­sung, die Befrei­ung der Prin­zes­sin­nen in hoch­dra­ma­ti­scher Ges­te ganz wunderbar.

thomas pynchon wird 70

und schon wie­der ein jubi­lä­um: Tho­mas Pyn­chon wird tat­säch­lich schon sieb­zig. hät­te ich gar nicht gedacht, dass er schon so alt ist. aber sein geburts­da­tum ist ja bekannt – im gegen­satz zum gro­ßen res­te sei­ner bio­gra­phie, denn pyn­chon ist ja sicher­lich einer der unsicht­bars­ten autoren in sei­ner liga. und das macht ihn mir natür­lich auch wie­der sym­pa­thisch, denn deut­li­cher kann man die unwich­tig­keit der per­son des rea­len autors für das kunst­werk, in sei­nem fal­le aus­schließ­lich roma­ne und weni­ge erzäh­lun­gen, kaum demons­trie­ren. die süd­deut­sche wid­met die­sem viel­leicht groß­ar­tigs­ten roman­cier der post­mo­der­ne heu­te den feuil­le­ton-auf­ma­cher, der sich net­ter­wei­se auch im netz fin­det. lite­ra­tur­re­dak­teur burk­hard mül­ler beschäf­tigt sich zunächst auch mit der fra­ge des ver­schwun­de­nen autors, bie­tet dann einen sehr knap­pen abriss des schma­len oeu­vres und kommt zum zen­tra­len pro­blem: wie rezi­pie­re ich als leser und/​oder kri­ti­ker solch ein werk eigent­lich? denn „Pyn­chons Bücher zie­hen vor­über wie Wol­ken, die den unwi­der­steh­li­chen Drang aus­lö­sen, in ihrer höchst plas­ti­schen Form Gestal­ten zu erbli­cken, Mus­ter hin­ein­zu­se­hen; dabei sind es ein­fach Wol­ken, deren ver­än­der­li­che Kom­ple­xi­tät auf nichts wei­ter ver­weist als auf sich selbst” – eine schö­ne Meta­pher, fin­de ich. sonst hält sich mül­ler näm­lich auch zurück – kon­sta­tiert in „against the day” noch einen „abso­lu­ten gip­fel­punkt von pyn­chons schaf­fen”, um dann frei­lich zu hof­fen, dass er mit sei­nem nächs­ten werk aus die­sem „rasen­den Still­stand” end­lich her­aus­fin­det. (das wäre dann aber eigent­lich doch ziem­lich pyn­chon-unty­pisch?). sein schluss ist zwin­gend: „viel, wie gesagt, weiß man nicht über pynchon.”

diet­mar dath hat in der faz auch eine schö­ne wür­di­gung der erfin­de­ri­schen und erzäh­le­ri­schen taten pyn­chons geliefert.

mehr links zu pyn­chon bie­tet die aus­ge­zeich­ne­te samm­lung von otto sell. hin­ge­wie­sen sei auch an die­ser stel­le natür­lich wie­der auf das pyn­chon-wiki.

immer wieder gut: kammermusik in der villa musica

das kon­zert hieß dies­mal „con flau­to“ und prä­sen­tier­te kun­ter­bun­te kam­mer­mu­sik aus euro­pa mit und ohne flö­te (genau, so deut­lich und zwin­gend war die pro­gramm­fol­ge). und mit etwas unter­schied­li­chen ergebnissen:

Ein­mal quer durch Euro­pa geht die Rei­se – und immer mit einer Flö­te. Aber schon das stimmt nicht ganz: Bei Men­dels­sohn-Bar­thol­dys Sex­tett op. 110 ist nicht ein­mal eine Flö­te dabei. Auch sonst sind die Zusam­men­hän­ge bei die­sem Kon­zert in der Vil­la Musi­ca eher lose. Und das dis­pa­ra­te Pro­gramm bie­tet auch sehr unter­schied­li­che Ergeb­niss von den Sti­pen­dia­ten um Davi­de For­mi­s­a­no und Mar­tin Oster­tag. Das eröff­nen­de Quin­tett von Joseph Mar­tin Kraus für Flö­te und Streich­quar­tett etwa blieb lei­der ziem­lich blass und leb­los. Das pas­siert beim Mozart-Zeit­ge­nos­sen Kraus zwar oft, ist aber aus­ge­spro­chen scha­de. Denn das ist durch­aus fri­sche Musik.

Auch Men­dels­sohn-Bar­thol­dys Sex­tett für Kla­vier und Strei­cher, ein Jugend­werk, blieb zunächst eher unbe­frie­di­gend. Das lag vor allem an der Pia­nis­tin Sarah Hil­ler, die sich gera­de im ers­ten Satz alle Mühe gab, mög­lichst hin­ter den Strei­chern zu ver­schwin­den. Und das ist lei­der genau ver­kehrt, denn gera­de hier hät­te das Pia­no unbe­dingt die Füh­rung bean­spru­chen müs­sen. Sie revan­chier­te sich dann mit einer fast schon wie­der über­ar­ti­ku­lier­ten Ada­gio – ab dem drit­ten Satz pen­del­te sich das dann end­lich auf das rich­ti­ge Maß ein. Den­noch ließ auch das Sex­tett noch Wün­sche offen – zu hak­lig war das Zusam­men­spiel noch, zu wenig Natür­lich­keit und unge­zwun­ge­ner Fluss war in die­ser fast salon­fä­hi­gen Musik zu spüren,
Rich­tig gut, ja beein­dru­ckend schlüs­sig wur­de es also erst nach der Pau­se. Da war zunächst „Archi­tec­to­nics I“ des est­ni­schen Kom­pon­siten Erkki-Sven Tüür zu hören.
Des­sen locke­re Struk­tur mit ste­tig wech­seln­der Instru­men­ta­ti­on in schwe­ben­der Rhyht­mik, die sich in zuneh­men­der Bewe­gung immer stär­ker zusam­men­zieht, um frei­lich wie­der ganz ähn­lich dem Anfang in aus­ge­spro­chen ruhi­gen Wech­sel­spiel zu enden, musi­zier­ten die Blä­ser gelas­sen, mit nüch­ter­ne Stren­ge und Küh­le ganz überzeugend.
Und das bot einen wun­der­ba­ren Kon­trast zum abschlie­ßen­den Nonett von Joseph Rhein­ber­ger: Hier die geis­ti­ge und kon­struk­ti­ve Stren­ge der (Post-)Moderne, durch­aus mit sinn­li­chem Anspruch, dort der beden­ken­los ver­schwen­de­ri­sche Über­fluss mit Anspruch auf kon­struk­ti­ve Form der spä­ten Spä­te­ro­man­tik. Rhein­ber­ger sprengt damit zwar die Gren­zen der Kam­mer­mu­sik – oft behan­delt er das Ensem­ble eher wie ein klei­nes Orches­ter. Aber genau das konn­ten die Sti­pen­dia­ten um den Flö­tis­ten Davi­de For­mi­s­a­no her­vor­ra­gend umset­zen: Mit gro­ßen Ges­ten spiel­ten sie das weit aus­ufernd, kos­te­ten die Rafi­nes­se und Fül­le der moti­vi­schen und har­mo­ni­schen Ver­zah­nun­gen wun­der­bar aus – ein herr­li­cher Abschluss. 

gerhard polt wird 65

na dann: herz­li­chen glück­wunsch, Ger­hard Polt! und hof­fent­lich noch viel zeit, uns mit humor und ein­sicht zu erfreuen!

das erste mal 42,195 km

Das ers­te Mal ist ja immer etwas Beson­de­res. Ner­vös war ich also schon, als es heu­te mor­gen um 9.30 Uhr zu mei­nem ers­ten Mara­thon losging.

Die Vor­ge­schich­te:
Ange­mel­det hat­te ich mich zum Halb­ma­ra­thon. Mei­ne Ziel­zeit damals, im Sep­tem­ber 2006: 1:45:00 (war da schon eher vor­sich­tig). Also fand ich mich im zwei­ten Start­block wie­der. Seit ich am 1. Dezem­ber mit dem täg­li­chen Lau­fen begon­nen habe, hat sich die form wun­der­bar ent­wi­ckelt. Und bald kam die Idee auf: Wenn ich schon das vie­le Geld bezah­le, könn­te ich doch auch einen rich­ti­gen Mara­thon pro­bie­ren. Bis Mit­te Febru­ar habe ich mir Bedenk­zeit ein­ge­räumt und dann ent­schie­den, die Vor­be­rei­tung anzu­ge­hen, d.h. das Wochen­pen­sum auf geplan­te 70 bis 80 km zu erhö­hen und vor allem die enst­pre­chen­den lan­gen Läu­fe ein­zu­füh­ren. Das hat so mehr schlecht als recht geklappt, irgend­was kam ziem­lich oft dazwi­schen (der Ski­ur­laub, eine Woche mit leich­tem Tibia-Kan­ten-Syn­drom und ent­spre­chend ein­ge­schränk­ter Lauff­fä­hig­keit, Ter­mi­ne …). Ich habe ja auch immer vor­sich­tig betont, dass ich nur dann den Mara­thon lau­fe, wenn es mir gut geht und die Umstän­de enst­pre­chend sind ;-). In den letz­ten zwei, drei Wochen schien sich mei­ne Form dann eher zu ver­schlech­tern. Offen­bar zeig­ten sich auch die ers­ten Anzei­chen einer All­er­gie (jeden­falls habe ich die letz­ten 10 Tage wesent­lich mehr als sonst geniest und geschnupft). Aber es soll­te dann halt doch sein – so viel zeit der Vor­be­rei­tung, die anstren­gen­de lan­gen Läu­fe, das soll­te sich ja auch lohnen …

So stand ich also heu­te mor­gen um 9:15 Uhr im Start­feld und ärger­te mich kurz dar­auf, nicht noch ein­mal die Toi­let­ten auf­ge­sucht zu haben – aber jetzt waren mir die Schlan­gen vor den Dixies doch zu lang gewor­den. Die 8589 Teil­neh­mer (bei 10000 Anmel­dun­gen) hat­ten wohl ähn­li­che Bedürf­nis­se (Für die Freun­de der Sta­tis­tik: Mara­thon: 1653 Män­ner + 279 Frau­en (=1931 (inkl. der Deut­schen Mara­thon­meis­ter­schaft), d.h. noch weni­ger als 2006, wenn ich die Sta­tis­tik recht im Kopf habe, ich fin­de sie gera­de nicht – das hät­te ich nicht erwar­tet, die­sen gro­ßen Unter­schied zwi­schen den Geschlech­tern); Halb­ma­ra­thon: 3931 + 1868 (=5799); 2/​3‑Marathon: 654 + 205 (=859); Hand­bi­ker (vor den Läu­fern): 59 + 6; und außer­dem noch Schü­ler-Staf­feln – die sind teil­wei­se recht unver­schämt kreuz und quer durch die ande­ren Läu­fer hin­durch­ge­flitzt – sie waren halt viel schnel­ler auf ihren kur­zen Teil­stü­cken).) Die Stre­cke: Zwei Run­den, die sich teil­wei­se unter­schie­den, fast aus­schließ­lich auf Asphalt (2,x % Pflas­ter in der Alt­stadt). Das Wet­ter: Blau­er Him­mel, also Son­ne pur, am Ende ca. 25 °C, ganz leich­ter Wind.

Die Stim­mung an der Stre­cke war schon beein­dru­ckend: Für mich als Neu­ling bei so gro­ßen Ver­an­stal­tun­gen gera­de­zu übewäl­ti­gend. Vor allem in der ers­ten Run­de war sie fast zu gut: So viel Anfeue­rung, schmis­si­ge Musik von den unzäh­li­gen Spiel­manns­zü­gen, viel Publi­kum – da muss­te ich mich wirk­lich stän­dig brem­sen. Ab der zwei­ten Run­de, schon ab Kost­heim, wur­de das doch erheb­lich weni­ger – mit deut­li­chen Hot­spots in Mom­bach und natür­lich in der Alt­stadt aber immer noch toll.

Der Start also: Das ist schon ein Wahn­sinn, die­se mas­sen an Läu­fern. Und alle wäl­zen sich die sel­be Stre­cke ent­lang, ein ziem­lich beein­dru­cken­der Lind­wurd. So ab km 15 enst­spann­te es sich aber schon deut­lich, nach dem Halb­ma­ra­thon war es sogar außer­or­dent­lich leer.

Der Lauf:
Von Anfang an lief es gleich super, trotz des Gedrän­ges war ich gut im Tem­po unter­wegs – genau­er gesagt: Ich war zu schnell, und ich war von Kilo­me­ter zu Kilo­me­ter mit stän­dig wech­seln­den Tem­pi unter­wegs. Auch die zwei­te Run­de lief zunächst super, mit aus­ge­spro­chen schnel­lem Anfang. Bis km 32 war das auch über­haupt kein Pro­blem, ab dort wur­de die Belas­tung aber all­mäh­lich spür­bar. Und bei ca. km 36 kamen dann recht über­ra­schend die ers­ten Magen­krämp­fe, die mich zusam­men mit den Ein­druck eines etwas ange­spann­ten Kreis­laufs in den Kilo­me­ter 38–41 zu meh­re­ren kur­zen Geh­pau­sen nötigten. 
Aber es ging noch, und die Zeit auf mei­ner Uhr ver­hieß immer noch die Mög­lich­keit, unter vier Stun­den zu blei­ben. Also raff­te ich für die letz­ten zwei Kilo­me­ter alle Kräf­te zusam­men und kam tat­säch­lich lau­fend durch das Ziel – mit einer Traum­zeit von 3:56:58.

Danach:
So fer­tig war ich aller­dings noch nie, der Heim­weg war eine ech­te Qual. Nicht nur, dass die Waden­mus­keln böse zogen (den Ober­schen­keln ging es erstaun­lich gut: Die fla­che Stre­cke war da doch sehr ent­las­tend): Das war ein­fach tota­le Erschöp­fung der Mus­keln und des Kreis­laufs. Also stell­te sich doch die Fra­ge: Wie tan­ke ich jetzt am bes­ten Ener­gie? Cola wäre viel­leicht nicht schlecht gewe­sen – hat­te ich aber ver­ges­sen und bei der Ziel­ver­pfle­gung nicht gefun­den. Dort gabe es zwar Was­ser, Bana­nen und Äpfel – aber schon beim Gedan­ken an fes­te Nah­rung wur­de mir schlecht. Ich habe es dann mit Red Bull pro­biert, aber das war ein­fach zu eklig. Also habe ich mich schnell nach Hau­se geret­tet, erst ein­mal ein Vier­tel­stünd­chen hin­ge­legt und dann mit Bio­na­de nachgetankt. 
Getrun­ken habe ich wohl wäh­rend dem Lauf eh‘ zuviel. Dafür haben die Gels kraft­mä­ßig sehr gut funk­tio­niert. Nur die Kom­bi­na­ti­on von 2 Ham­mer­gels (bei km 16 und 24) und Power­bar-Gel bei km 30 und – geplant 36) ver­trug ich offen­bar nicht, wes­halb ich das letz­te dann aus­ge­las­sen und ent­spre­chen­den Ener­gie- und Kon­di­ti­ons­ver­lust ab km 38 sehr zu spü­ren bekom­men habe. 
Und obwohl es im letz­ten Teil nicht gera­de per­fekt lief – aber das wäre beim ers­ten Mal ja auch arg viel erwar­tet – kam trotz­dem eine Super­zeit her­aus: Brut­to knapp unter 4 Stun­den, net­to also genau 3:56:58, wie mir die offi­zi­el­le Ergeb­nis­lis­te ver­riet (Mei­ne Uhr habe ich wie­der ver­ges­sen anzu­hal­ten, vor lau­ter Erleich­te­rung und Freu­de über das Ende der Stra­pa­zen). Das ist immer­hin Platz 63 der alters­klas­se (MH) – und Platz 925 ins­ge­samt – womit ich immer­hin eini­ge Teil­neh­mer der Deut­schen Meis­ter­schaft hin­ter mir gelas­sen habe. Und mir gelang tat­säch­lich, trotz der aus­ge­spro­chen chao­ti­schen Splits, ein nega­ti­ver Gesamt­split – aber knapp: Der Halb­ma­ra­thon 1 dau­ert 01:58:40,der zwei­te nur 1:58:19.

Und noch die ein­zel­nen Splits:
1/​2: 11:45 (mit kur­zer Pau­se im Gebüsch – ich war zu früh in die Start­auf­stel­lung gegan­gen und die Dixies waren eh alle sehr bela­gert beim Start)
3: 5:50
4; 5:41 (bei 5:45 woll­te ich anfangen)
5: 5:34
6: 5:36
7: 5:24 (so schnell soll­te eigent­lich über­haupt kein kilo­me­ter werden …)
8: 5:46
9/​10 :11:28
11: 5:34
12: 5:34
13: 5:22 (und noch schneller …)
14: 5:41
15: 5:23 (ab km 15 woll­te ich auf 5:35 steigern)
16: 5:46
17: 5:45
18: 5:32
19: 5:27
20: 5:11 (ich glau­be, spä­ter kommt ein noch schnel­le­rer – hier macht sich das Ham­mer­gel sehr bemerkbar)
21: 5:44 (da hab‘ ich dann zu stark abgebremst)
21,1 1:58:40
22: 5:10 (die Brü­cke hoch hat so Spaß gemacht – etwas Abwechs­lung in der fla­chen Ein­öde von Mainz)
23: 5:16
24: 5:21
25: 5:02 (der schnells­te Kilo­me­ter – da lief‘s wirk­lich wun­der­bar, in Kostheim)
26: 5:22
27: 5:29
28: 5:18 (ab 28 soll­te sich das Tem­po auf 5:28 erhö­hen (bis zum Schluss eigentlich!))
29/​30: 10:41
31: 5:42
32: 6:22 (das hab‘ ich nicht kapiert, kam mir über­haupt nicht lang­sam vor)
33: 4:41 (offen­sicht­lich war da doch das 32er Schild zu weit hin­ten (ich glau­be, das war wegen der Ver­pfle­gungs­stel­le von Coca Cola))
34: 5:15
35: 5:31
36: 5:36
37: 5:32
38: 6:07 (die ers­te kur­ze Gehpause)
39: 6:29 (und noch mehr davon …)
40: 6:05
41: 6:43 (da haben auch die Zuschau­er nicht gehol­fen – inzwi­schen war mir die Bla­ma­ge des Gehens eh egal, es ging gera­de ein­fach nicht)
42: 5:55 (die letzt Kräf­te mobi­li­sie­ren für die lan­ge Zielgerade)

gesamt: 3:56:58

Von der Orga­ni­sa­ti­on des Mara­thons war ich fast ein wenig ent­täuscht. Bei einer Ver­an­stal­tung die­ser Grö­ßen­ord­nung hät­te ich mehr erwar­tet. Z.B. ordent­li­che km-Schil­der, die man auch sieht, wenn man von Läu­fern umge­ben ist. Oder eine ordent­li­che Start­auf­stel­lung, die war doch reich­lich chao­tisch. Und vor allem bes­ser Ver­pfle­gung im Ziel, Auch ein geschei­ter Stre­cken­plan mit mehr als unge­fäh­rer Kenn­zeich­nung der Ver­pfle­gungs­stel­len wäre hilf­reich gewe­sen. Und Fru­bi­a­se Sport Plus hal­te ich nicht gera­de für beson­ders geeig­net wäh­rend des Wett­kampfs (ich habe auch eher den Ein­druck, das ist pri­mär als Nah­rungs­er­gän­zung ent­wi­ckelt) – es schmeckt ein­fach nicht und als Ener­gie­lie­fe­rant ist es eh‘ zu schwach. So wie ich das gese­hen habe, wur­de es auch nur sehr wenig getrun­ken – ich habe mal ein paar Schlu­cke pro­biert, weil ich das Was­ser leid war, aber gemocht habe ich es in dem Moment über­haupt nicht.

Immer­hin hat sich mei­ne eige­ne Aus­rüs­tung sehr bewährt. Die Schu­he (mei­ne gelieb­ten New Balan­ce 766) funk­tio­nie­ren auch so lan­ge – nur ihren Haupt­nach­teil habe ich kurz gemerkt: die Rut­schig­keit der Soh­len auf nas­sem Asphalt, wie er bei den Ver­pfle­gungs­stel­len immer vor­zu­fin­den war – und bei einer woll­te ich noch schnell jemand aus­wei­chen und hab gera­de noch den Sturz ver­hin­dert – das war aber noch recht am Anfang. Die Hose und Unter­ho­se von Skin­fit war wun­der­bar, die Näs­se (trie­fend nass teil­wei­se, etwa bei dem wun­der­bar kräf­ti­gen Bereg­ner bei Schott in der zwei­ten Run­de) war gar nicht zu mer­ken, gerie­ben hat auch nix. das Ach­sel­shirt von Run­ners Point hat sich nass immer schön an die Haut gepappt (da konn­te es wenigs­tens nicht rei­ben) – das hat­te ich ganz ver­ges­sen. Nur in den Ach­seln hat es dum­mer­wei­se etwas gescheu­ert, aber das war nicht so schlimm. Und das Lau­fen mit Start­num­mern­band war auch sehr ange­nehm, die Num­mer hat­te ich meist hin­ten, da hab‘ ich sie gar nicht gemerkt. Und mein Gel­tä­schen konn­te ich dar­an auch noch befes­ti­gen – wunderbar.

Mei­ne Leh­ren aus dem ers­ten Mara­thon: (für das nächs­te Mal – falls es das gibt – dem­nächst jeden­falls nicht, jetzt wird erst­mal eine neue Best­zeit für den Halb­ma­ra­thon in Angriff genommen):

  • man kann durch­aus zuviel trinken;
  • mehr rich­tig lan­ge Läu­fe machen in der Vor­be­rei­tung (d.h. über 32 km)
  • ler­nen, ein bestimm­tes Tem­po halb­wegs sta­bil zu lau­fen – auch über meh­re­re Kilometer;
  • in die­ser Preis­klas­se ist Mara­thon eine gro­ße Gedulds­auf­ga­be: Man muss unge­heu­er lan­ge unge­heu­er über­legt und zurück­hal­tend lau­fen, um die letz­ten 6 Kilo­me­ter noch zu überstehen …;
  • das mit den Gels muss ich noch­mal tes­ten – viel­leicht ist es doch sinn­vol­ler, bei Ham­mer­gel zu blei­ben – auch wenn es kurz­fris­tig nicht ganz so stark puscht wie die Power­bar-Gels mit Kof­fe­in (dafür aber ver­träg­li­cher ist und auch län­ger anhält). Die Kom­bi­na­ti­on aus bei­den hat sich offen­bar nicht bewährt.

und noch ein paar bil­der (von spor­ton­line-foto):

ein kleiner nachtrag zum hubert-fichte-jubiläum

„Es erge­ben sich Über­schnei­dun­gen“ heißt es am Anfang der Palet­te. Und das ist, das klit­ze­klei­ne Hubert-Fich­te-Jahr zum 20. Todes­tag macht es deut­lich, noch sehr unter­trie­ben. Im Zen­trum steht natür­lich das etwas über­ra­schen­de Erschei­nen des Ban­des Die zwei­te Schuld von Fich­te selbst. Fischer, inzwi­schen Fich­tes Haus­ver­lag, hat sich ent­schlos­sen, die Geschich­te der Emp­find­lich­keit, die­ses viel­köpf­ri­ge Mons­ter, mit dem Fich­te sein schrift­stel­le­ri­sches Werk krö­nen woll­te, damit vor­zei­tig zum Abschluss zu brin­gen. Das bringt aller­dings wenig Über­ra­schun­gen, wenig prin­zi­pi­ell Uner­war­te­tes. Auch die span­nen­de Fra­ge, war­um Fich­te die­ses Buch mit einem Sperr­ver­merk ver­se­hen hat­te, hängt plötz­lich ganz und gar in der Luft: So spek­ta­ku­lär ist das alles gar nicht. Über den Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung kann man übri­gens treff­lich strei­ten. Und das ist schon typisch für alles, was mit der Geschich­te der Emp­find­lich­keit zu tun hat: Defi­ni­ti­ve Klar­hei­ten gibt es hier im Moment fast gar kei­ne, zu oft hat Fich­te hier selbst noch geschwankt. Auch sei­ne Anga­ben zur Dau­er der Sperr­frist vari­ie­ren, man hät­te das Buch auch guten Gewis­sens und mit guten Argu­men­ten erst in 10 Jah­ren her­aus­brin­gen kön­nen. Davon abge­se­hen, ist Die zwei­te Schuld eigent­lich ein unmög­li­ches Buch. Und das mehr­fach: Es ist ein­fach nicht fer­tig – und nir­gends­wo in der Geschich­te der Emp­find­lich­keit fällt das so sehr auf wie hier -, es ist aber auch eine dop­pel­te Zumu­tung an den Leser: Von Fich­te selbst und sei­tens der Herausgeber.

Das The­ma ist der deut­sche Lite­ra­tur­be­trieb – mit einem leicht eth­no­lo­gisch gefärb­ten Blick und der ewi­gen Suche suche nach den wah­ren Moti­ven des Han­delns ent­wi­ckelt Fich­te die Sze­ne­rie des Lite­ra­ri­schen Col­lo­qi­ums in Ber­lin mit sei­nen Teil­neh­mer, den Dozen­ten und Fich­te selbst. Das Buch trägt außer­dem den Unter­ti­tel „Abbit­te an Joa­chim Neu­grö­schel“. Und damit ist offen­bar das stärks­te Motiv für die­se Arbeit genannt. Denn Fich­te geht es gar nicht so sehr um das LCB selbst, son­dern viel mehr um die sich dort mani­fes­tie­ren­den Macht­struk­tu­ren und kreuz und quer ver­lau­fen­den Anti- und Sym­pa­thien. Erar­bei­tet und geschrie­ben ist das ganz offen­sicht­lich aus einem Unbe­ha­gen, als Teil­neh­mer in die­seSi­tua­ti­on selbst ver­wi­ckelt gewe­sen zu sein, die anläss­lich einer Kri­tik eines Tex­tes von Neu­grö­schel durch Grass, die Fich­te beden­ken­los fort­setz­te, in einem sym­bo­li­schen Juden- und/​oder Schwu­len­mord gip­felt. Dafür hat Fich­te eini­ge der dama­li­gen Teil­neh­mer inter­viewt. Und das sind natür­lich wie­der typi­sche Fich­te-Inter­views, mit ihrer beson­de­ren Inten­si­tät und dem zwar genau geführ­ten und gesteu­ert, aber sich stets kol­lo­quial geben­den Dia­log-Ablauf. Gespro­chen hat er mit Neu­grö­schel selbst, mit Elfrie­de Gers­tel, Her­mann Peter Piwitt und Wal­ter Höl­le­rer. Dazu kom­men immer wie­der kur­ze Skiz­zen, klei­ne Situa­ti­ons­be­schrei­bun­gen aus Ber­lin und der Grup­pe 47. Und am Ende noch eine frü­he Fich­te-Erzäh­lung, „Im Tiefstall“.

Ver­zwei­feln kann man an die­sem Buch, d.h. an sei­ner äuße­ren Gestalt. Denn so lobens­wert es ja von den Leu­ten bei Fischer ist, das noch zu ver­öf­fent­li­chen – hät­te man das nicht gleich rich­tig machen kön­nen? Wie die gesam­te Geschich­te der Emp­find­lich­keit ist das auch ein furcht­ba­rer misch­masch und nicht nur völ­lig inkon­se­quent, son­dern auch unprak­tisch und dadurch fast unles­bar. Z.B. das Höl­le­rer-Inter­view, oder bes­ser gesagt die kärg­li­chen Res­te, die Fich­te noch selbst tran­skri­biert hat­te. Im Manu­skript sind die Gesprächs­fet­zen noch mit den Initia­len ver­se­hen – weil zwi­schen­durch vie­le Dia­log­tei­le feh­len, ist das ja nicht gera­de ganz ver­kehrt. Jetzt ste­hen da nur noch Spie­gel­stri­che. Und spä­tes­tens nach ein paar sei­ten muss man raten, wer gera­de spricht – sehr müh­sam ist so etwas… Denn damit ist der zen­tra­le Teil des geplan­ten Ban­des eigent­lich über­haupt nicht les­bar, ganz zu schwei­gen davon, dass noch zwei wich­ti­ge Inter­views ganz und gar feh­len, die hat Fich­te noch nicht ein­mal geführt: Mit Oswald Wie­ner und HC Artmann.

Schon des­halb wäre der Unter­ti­tel, den Fich­te notiert hat, eigent­lich gar nicht so schlecht gewe­sen: Frag­men­te. Nun heißt der Band aber „Glos­sen“, eine der frag­wür­di­ge­re­ren Her­aus­ge­ber-Ent­schei­dun­gen. Die zwei­te Schuld ist wahr­schein­lich vor allem der Band der Geschich­te der Emp­find­lich­keit, der die Schwie­rig­kei­ten – und lei­der eben auch die Unzu­läng­lich­kei­ten – die­ser pos­tu­men Edi­ti­on am stärks­ten her­vor­te­ten lässt. Nur als zwei Bei­spie­le noch: Das unfer­ti­ge Höl­le­rer-Inter­view dru­cken die Her­aus­ge­ber mit den Coun­ter­num­mer ab, denn: „Die Lizenz Fich­tes, eine unor­tho­do­xe Gram­ma­tik und Syn­tax unge­fil­tert zu belas­sen und dafür eine ent­spre­chen­de infor­mel­le Inter­punk­ti­on ein­zu­set­zen, machen die­se zum Instru­ment, das prä­zi­se das Aus­ge­sagt über­mit­telt“ – was immer das hei­ßen soll. Oder die abschlie­ßen­de Erzäh­lung „Im Tief­stall“. Die wird gedruckt nach einer Ver­öf­fent­li­chung von 1965, nicht nach der Form, in der sie Hubert Fich­te maschi­nen­ge­schrie­ben in das Manu­skript ein­ge­fügt hat­te – ohne das irgend­wie zu begründen.

Ähn­lich unbe­frie­di­gend sind auch ande­re Novi­tä­ten, z.B. die Edi­ti­on der Hör­wer­ke bei Zwei­tau­send­eins. Immer­hin ist sie jetzt über­haupt mal erschie­nen, nach lan­gen, lan­gen Ver­zö­ge­run­gen. Aber auch hier wie­der ist die Art der Ver­öf­fent­li­chung zumin­dest ernüch­ternd, wenn nicht ver­är­gernd. Davon, dass die Kom­pri­mie­rung auf 2 mp3-CDs weder der klang­qua­li­tät noch dem Hand­ling irgend­wie ent­ge­gen­kommt (so teu­er sind doch CD-Pres­sun­gen gar nicht mehr?), die Aus­wahl bleibt, um es mil­de aus­zu­drü­cken, unbe­frie­di­gend. Fast alles wich­ti­ges fehlt: die vie­len Hör­spie­le – zu nen­nen wäre ja nur Ich wür­de ein oder Lohen­steins Ibra­him Bassa schlum­mern wei­ter­hin in den Rund­funk­ar­chi­ven – mit Aus­nah­me von Gott ist ein Mathe­ma­ti­ker, das ja schon vor eini­ger Zeit bei sup­po­sée wie­der zugäng­lich gemacht wur­de. Dort gibt es ja auch schon die wirk­lich her­aus­ra­gen­de Fich­te-Lesung im Ham­bur­ger Star­club, sei­ne Palais‑d’amour-Interviews und sei­ne Gesprä­che mit Lil Picard. Das alles hat Zwei­tau­send­eins natür­lich nicht. Dafür eine Men­ge Rund­funk­le­sun­gen, deren Aus­sa­ge­kraft sich in sehr engen Gren­zen bewegt. Denn die sind zwar alle­samt nicht schlecht, aber doch auch ziem­lich belang­los. Denn Fich­te liest in der ste­ri­len Atmo­sphä­re des Stu­di­os gewöhn­lich auch ent­spre­chend nüch­tern. Höhe­punk­te sind aber auch zu ver­zeich­nen. Das Fea­ture Djem­ma el Fna, das fast schon ein Hör­spiel ist (und damit ganz typisch für Fich­tes ganz eige­nen umgang mit dem Medi­um Radio). Auch das kur­ze Hör­spiel Romy und Juli­us von 1973, eine rol­len­ver­tau­sche Ver­si­on von Romeo und Julia, gehört ohne Zwei­fel zu den bes­se­ren arbei­ten Fich­tes. Und immer­hin ist auch San Pedro Cla­ver dabei, das Fich­te selbst zu sei­nen zen­tra­len Wer­ken gezählt hat und das sich die letz­ten Lebens­ta­ge des spa­ni­schen Jesui­ten und Mis­sio­nars in einem echt radio­pho­nen, 14stimmigen ima­gi­nä­ren Raum vor­stellt – eine para­do­xe Figur, gefan­gen zwi­schen ihrer Lie­be zu den Skla­ven und der Ange­hö­rig­keit zu einer ver­skla­ven­den Macht, der katho­li­schen Kir­che, vor­ge­stellt in einer Art sze­ni­scher Ritus, den Fich­te fas­zi­nie­rend sicher und wirk­mäch­tig beherrschte.

Es hat sich aber noch mehr getan. Schon im letz­ten jahr, 2005, war in den Ham­bur­ger Deich­tor­hal­len die „Lebens­rei­se“ von Hubert Fich­te und Leo­no­re Mau zu sehen. Das Kata­log­buch dazu schrieb Wil­fried F. Schmoel­ler – als eine Art vor­läu­fi­ge Bio­gra­phie Fich­tes. Er scheut nicht vor sei­nen Urtei­len zurück, weiß auch viel und hat eini­ges Licht in die Rei­sen Fich­tes gebracht. Nur zu Leo­no­re Mau und ihren Foto­gra­phien fällt ihm erstaun­lich wenig ein, näm­lich fast gar nichts. Dafür gibt es – bei einem als Aus­stel­lungs­ka­ta­log kon­zi­pier­ten Buch natür­lich kaum anders zu erwar­ten – eine gro­ße Aus­wahl von ihr und ande­ren Foto­gra­phen (etwa Chris­ti­an von Alvens­le­ben, der Fich­te für sein wun­der­schön kit­schi­ges Port­fo­lio 1960 einen Tag bei der Land­wirt­schafts­ar­beit in der Pro­vence beob­ach­te­te). Das hät­te ein schö­nes und ein gutes Buch wer­den kön­nen, das auch ohne die Aus­stel­lung hilf­reich und wohl­tu­end ist. Denn Schoel­ler schreckt nie vor deut­li­chen Wor­ten und eige­nen Wer­tun­gen zurück. Aber es ist doch nur eine Mogel­pa­ckung, ein Eti­ket­ten­schwin­del: Leo­no­re Mau ist eben wie­der ein­mal nur die foto­gra­fie­ren­de Dich­ter­gat­tin, die zur Illus­tra­ti­on ein paar Bil­der bei­steu­ern darf, sonst aber nach Mög­lich­keit über­haupt nicht vor­kommt. Es bleibt also doch wie­der nur Fich­tes „Lebens­rei­se“, die für Schoel­ler eher ein „Lebens­la­by­rinth“ ist (aber wer kann das nicht von sich behaup­ten?) Sei­nem „Rei­se­fahr­plan“ folgt Schoel­ler, mit aus­wer­tung der ver­streu­ten Daten, auch der Rei­se­päs­se, und stellt pflicht­ge­mäß auch die dabei ent­stan­den Bücher vor, was bei der Geschich­te der Emp­find­lich­keit zu recht kurio­sen Ein­schät­zun­gen und Ver­knap­pun­gen führt. Es hat fast den Anschein, als sei das als Vor­ar­beit, Para­li­po­me­na einer Bio­gra­phie zu ver­ste­hen – die Fra­ge ist dann nur noch, wer wagt sich als ers­tes, sei­ne Arbeit wirk­lich so zu nen­nen. Denn geschrie­ben wird sie, mehr oder weni­ger aus­führ­lich und direkt, von nahe­zu allen, die über Fich­te ver­öf­fent­li­chen. Es wäre wohl auch das nächs­te, das fol­ge­rich­ti­ge Pro­jekt – neben einer „rich­ti­gen“ Werk­aus­ga­be. Aber gera­de die wird wohl, vor allem was die Geschich­te der Emp­find­lich­keit betrifft, noch eine Wei­le Desi­de­rat bleiben.

Auch Peter Braun hat sich auf eine Rei­se bege­ben, Eine Rei­se durch das Werk von Hubert Fich­te. Das ist ein Ver­such, eine „spe­zi­fi­sche Poe­tik der Orte“ zu beob­ach­ten oder zu kon­sti­tu­ie­ren. Aber genau in die­sem Punkt bleibt die Arbeit von Braun fra­gil, schwam­mig, und unbe­stimmt: Wor­in sich denn die Orte nun genau unter­schei­den, was das „orts­ge­bun­de­ne Erzäh­len“ (43) denn nun wirk­lich aus­macht – wird kaum deut­lich. Klar, bestimm­te Din­ge passier(t)en nun ein­mal an bestimm­ten Orten. Aber ist Fich­tes Zugriff auf die Djem­ma el Fna wirk­lich kate­go­ri­al anders als der auf, sagen wir, den Gän­se­markt? Oder die Palet­te? Braun geht übri­gens noch ein Schritt­chen wei­ter als Schoel­ler und sieht den gan­zen lite­ra­ri­sche out­put gleich als „Lebens­schrei­bung“ – damit ist er dann end­gül­tig leg­timiert, das Leben und das Werk des Autors belie­big durch­ein­an­der zu wer­fen. Ent­spre­chend umstand­los springt Braun dann auch hin und her. Über­haupt ist er ein ganz gro­ßer Inte­gra­tor. Alles wird zu einem gro­ßen Buch, Leben und Werk, Roman und Inter­view, Hör­spiel und Fea­ture wird zu einem ein­zi­gen, gigan­ti­schen Werk zusam­men­ge­mixt – natür­lich hat er dabei ein klei­nes biss­chen Recht, die inter­tex­tu­el­len Bezü­ge sind ja schon bei der ers­ten Lek­tü­re über­haupt nicht zu über­se­hen. Aber er ver­liert dabei doch lei­der immer wie­der die jeweils eige­nen Qua­li­tä­ten der Tex­te aus den Augen. Zeit­li­che Struk­tu­ren der Erzäh­lun­gen Fich­tes kann Peter Braun etwa nur unzu­rei­chend, nur sehr neben­bei, über­haupt ein­mal wür­di­gen. Wenn man das so hin­ter­ein­an­der weg liest, drängt sich fast ein etwas unlieb­sa­mer Ein­druck auf: Irgend­wie bleibt ein scha­les Gefühl. Denn neu ist das nicht. Das führt bekann­te Moti­ve, Ideen, Ana­ly­sen wei­ter, aber ohne dabei wirk­lich neue Per­spek­ti­ven auf Fich­tes Wer­ke zu eröff­nen: Ein beson­de­rer Erkennt­nis­ge­winn ist hier nicht zu beob­ach­ten. Das trifft im grun­de vor allem Peter Brauns Buch – von einem Aus­stel­lungs­ka­ta­log muss man nicht unbe­dingt eigen­stän­di­ge For­schung erwar­ten. Aber auch Braun hat das bedacht und will die „Rei­se“ als Ein­füh­rung ver­stan­den sehen: „vor­ran­gi­ges Ziel […] ist es, die Schwel­le vor der eige­nen Lek­tü­re zu sen­ken.“ (16) Aber dann stellt sich natür­lich die Fra­ge: für wen bloß? Und es macht dann doch den Ein­druck, als sol­le es den geplag­ten Stu­den­ten von der Last befrei­en, Fich­te über­haupt zu lesen – die exten­si­ve, sei­ten­lan­ge Zitie­re­rei trägt da nicht unwe­sent­lich zu bei.

Wer lesen kann und das womög­lich gar selbst tut, ist dage­gen ein­deu­tig im Vor­teil – das Meis­te von dem, was Braun hier ver­sam­melt, kann, soll und muss man doch recht eigent­lich selbst ent­de­cken – es hat etwas von Vor­ver­dau­ung, wenn er aus­führ­lich und durch­aus in der Sache zutref­fend, aber letzt­lich auch über­flüs­sig für den­ken­de und ver­ste­hen­de Leser, die gan­zen Quer­ver­bin­dun­gen in Fich­tes Pro­sa auf­zu­trö­deln sucht.
Sein Blick­win­kel ist dafür natür­lich sehr stark fokus­siert (um ihn nicht ein­ge­schränkt zu nen­nen) und etwas mono­gam: Er kon­zen­triert sich auf die ein­zel­nen Orte, wo Schoel­ler mehr das Ele­ment der Rei­se, also der Bewe­gung, im Blick­feld hat: die per­ma­nen­te Ver­än­de­rung, Trans­gres­si­on, Trans­for­ma­ti­on, wie auch immer. Und er ent­deckt die­se Pro­zes­se auch in der Pro­sa Fich­tes, v.a. in der eth­no­lo­gi­schen (falls man die mal behelfs­wei­se so benen­nen darf, auch wenn es nicht ganz exakt zutrifft) natür­lich beson­ders deut­lich. Für Schoel­ler zeigt sich Fich­tes Rei­sen dabei letzt­lich nur als (mehr oder min­der) äußer­li­cher Aus­druck einer „Expe­di­ti­on nach Innen“, eines per­ma­nen­ten For­schens in nur schein­bar chao­ti­schen Sprün­gen zwi­schen Ham­burg und Bahia de Sal­va­dor, Schro­ben­hau­sen und São Luíz de Maranhão.

Allen, die das schon selbst gemerkt haben und sich immer noch näher mit Fich­te beschäf­ti­gen wol­len, sei unbe­dingt emp­foh­len: Micha­el Fischs Biblio­gra­phie, die auch gera­de in einer Neu­fas­sung erschie­nen ist. Selbst so etwas harm­lo­ses wie eine Biblio­gra­phie, die den pas­sen­den Titel Explo­si­on der For­schung führt, geht nicht ohne Tru­bel von­stat­ten, wenn es um Hubert Fich­te geht. Damals, beim Erschei­nen der ers­ten Fas­sung 1996, gab es eini­gen Wir­bel mit der Ham­bur­ger Hubert-Fich­te-Arbeits­tel­le, die auch Anspruch auf die­se Biblio­gra­phie erhob. Aber egal wie: Hilf­reich ist das schon, auch wenn die Glie­de­rung nicht immer bis ins Letz­te über­zeugt. Und doch ist sie eben genau in die­ser Form (auch) ein kla­res Zei­chen für den momen­ta­nen Umgang mit Fich­te: Die Erfor­schung scheint sich in einer Kon­so­li­die­rungs­pha­se, im Über­gang, zu befin­den: Der Autor ent­schwin­det lang­sam aber unauf­halt­sam und muss immer wie­der neu ent­deckt, d.h. ver­stan­den wer­den. Es könn­ten sich also noch ein paar mehr Über­schnei­dun­gen ergeben.

  • Hubert Fich­te: Die zwei­te Schuld. Glos­sen. (Die Geschich­te der Emp­find­lich­keit). Frankfurt/​Main: S. Fischer 2006.
  • Hubert Fich­te: Hör­wer­ke 1966–86. Hres­aus­ge­gebn von Robert Galitz, Kurt Krei­ler und Mar­tin Wein­mann. Frankfurt/​Main: Zwei­tau­send­eins 2006.
  • Wil­fried F. Schoel­ler: Hubert Fich­te und Leo­no­re Mau. Der Schrift­stel­ler und die Foto­gra­fin. Frankfurt/​Main: S. Fischer 2005.
  • Peter Braun: Eine Rei­se durch das Werk von Hubert Fich­te. Frankfurt/​Main: Fischer Taschen­buch 2005.
  • Micha­el Fisch: Hubert Fich­te – Explo­si­on der For­schung. Biblio­gra­phie zu Leben und Werk von Hubert Fich­te. Unter Berück­sich­ti­gung des Wer­kes von Leo­no­re Mau. Bie­le­feld. Ais­the­sis 2006.

(steht auch in der test­card no. 16)

neurojura: der freie wille und seine gegner

schon seit eini­ger zeit ver­fol­ge ich eher stau­nend – vor allem ob der gran­dio­sen nai­vi­tät der argu­men­te – die dis­kus­si­on der neu­ro-wis­sen­schaft­ler des soge­nann­ten natu­ra­li­stic turn, die den frei­en wil­len negie­ren (z.b. wolf sin­ger oder jür­gen roth) mit den juris­ten und den phi­lo­so­phen, die da dum­mer­wei­se manch­mal immer noch – ob aus über­le­gung oder aus tra­di­ti­on – ande­rer mei­nung sind bzw. sein soll­ten. sehr schön hat das für mich jan-phil­ip reemts­ma mal im mer­kur abge­han­delt (hier im blog steht auch noch eine klei­ne zusam­men­fas­sung). heu­te hat der frank­fur­ter rechts­his­to­ri­ker rai­ner maria kiesow im feuil­le­ton der süd­deut­schen (sogar als auf­ma­cher!) über eine tagung in frank­furt berich­tet, die sich eben die­ser dis­kus­si­on wid­me­te. der text ist zum glück auch im netz frei zugäng­lich, nur mit ande­rer über­schrift: statt „wil­len­lo­ser hirn­ap­pa­rat” heißt es online: „recht­spre­chung ohne frei­en wil­len”. der text ist wun­der­bar: grif­fig geschrie­ben und vor allem inhalt­lich ganz auf mei­ner linie. denn auch kiesow zwei­felt einer­seits an der wis­sen­schaft­lich­keit der aus­sa­ge, es gebe kei­nen frei­en wil­len – schließ­lich wis­sen wir – auch die spe­zia­lis­ten – einer­seits noch immer furcht­bar wenig von der funk­ti­on des gehirns, ganz zu schwei­gen von unse­rem man­geln­den ver­ständ­nis der vor­gän­ge. zum ande­ren ist es natür­lich fast unmög­lich, die nicht­exis­tenz des frei­en wil­lens wirk­lich zu bewei­sen. und dass das eine ziem­lich erbärm­li­che grund­la­ge für die abschaf­fung oder über­ar­bei­tung des straf­rechts ist, soll­te jedem den­ken­den men­schen schnell klar sein. kiesow bringt übri­gens noch eine net­te poin­te am schluss: wesent­lich dring­li­cher als die refor­mie­rung des straf­rechts müss­te für die­se aboli­tio­nis­ten eigent­lich die ent­spre­chen­de ände­rung des zivil­rechts sein: „Mör­der, Pädo­phi­le, Ver­ge­wal­ti­ger tre­ten nicht mas­sen­haft in Erschei­nung. In Mas­sen schlie­ßen wir Ver­trä­ge. Kauf­ver­trä­ge, Miet­ver­trä­ge, Arbeits­ver­trä­ge. Ein Ver­trag besteht typi­scher­wei­se aus zwei über­ein­stim­men­den Wil­lens­er­klä­run­gen. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat die ultra­mo­der­ne Hirn­for­schung eigent­lich auf das, wil­lens­mä­ßig betrach­tet, offen­kun­dig eben­falls völ­lig alt­mo­di­sche Zivil­recht? Hier sind die Dimen­sio­nen ganz ande­re als bei ein paar Mör­dern. Aber Zivil­recht ist ziem­lich kom­pli­ziert. Auf die Ant­wor­ten des neu­en Neu­ro­rechts darf man gespannt sein. Doch wir könn­ten natür­lich das Pri­vat­recht gleich mit abschaf­fen. Wo kein Wil­le, da kein Recht. Straf­recht ist da nur eine Fuß­no­te. Das wär„s: Legal, ille­gal, scheißegal!”

auch in essenheim gibt es kultur -

- heu­te sogar aus­ge­spro­chen gute: ein sehr schö­nes, über­ra­schend gutes kon­zert mit kla­vier­tri­os bei den essen­hei­mer musik­ta­gen des herrn moeller.

Groß­ar­ti­ger hät­te der Schluss kaum sein kön­nen: Mit drei meis­ter­lich inter­pre­tier­ten Tri­os gin­gen die Essen­hei­mer Musik­ta­ge zu Ende. Das vor­läu­fig letz­te Kon­zert im Kunst­fo­rum bot dabei noch ein­mal Kam­mer­mu­sik vom Feins­ten, vom Anfang bis zum Ende. Denn das Kla­vier­trio um die Cel­lis­tin Nata­lia Gut­man mit dem Gei­ger Svia­to­s­lav Moroz und Pia­nist Dimi­t­ri Vin­nik war nicht nur beim abschlie­ßen­den zwei­ten Kla­vier­trio von Dmi­t­ri Schost­a­ko­witsch erst­klas­sig. Schon der Beginn, Joseph Haydns Kla­vier­trio in C‑Dur op. 86, war weit mehr als nur ein ver­hei­ßungs­vol­ler Auf­takt. Schlicht und schnör­kel­los beschränk­ten die drei Musi­ker sich auf das, was sie am Bes­ten kön­nen: mit Hin­ga­be musi­zie­ren. So gelang ihnen eine sprit­zi­ge, unbe­schwer­te Inter­pre­ta­ti­on, die stets kon­trol­liert und aus­ge­wo­gen blieb. Nur der Pia­nist war lei­der gehan­di­capt. Denn der Minia­tur­flü­gel bot Dimi­t­ri Vin­nik ein­fach nur sehr wenig Mög­lich­kei­ten für eine dif­fe­ren­zier­te Gestal­tung der Klang­far­ben. Umso erstaun­li­cher, wie prä­sent er den­noch in jedem Moment war. 
Bei Anton Are­n­skis ers­tem Kla­vier­trio muss­te er sich dann frei­lich geschla­gen geben. Denn Are­n­ski war­tet mit star­kem Kon­trast zu klas­si­scher Ele­ganz des Haydn auf: Sei­ne Musik ist ein groß ange­leg­tes, weit aus­ho­len­de spät­ro­man­ti­sche Schwel­gen in Emo­tio­nen. Und mit die­ser wil­den und unge­zü­gel­ten Jagd durch eine phan­tas­ti­sche Fül­le an Ein­fäl­len traf das Trio den Geschmack des Publi­kums offen­bar ganz beson­ders genau. 
Aber die Kro­ne des Abends war das Fina­le, Schost­a­ko­witsch zwei­tes Kla­vier­trio. Denn hier ver­ein­ten sich kom­po­si­to­ri­sche Strin­genz und inter­pre­ta­to­ri­sche Raf­fi­nes­se aufs Bes­te. Gera­de die Span­nun­gen zwi­schen selbst­ver­ges­se­ner Trau­er und gro­tes­ker, frat­zen­haf­ter Fröh­lich­keit mach­ten die drei Inter­pre­ten beson­ders deut­lich. Mit vol­lem Kör­per­ein­satz stürz­ten sie sich immer wie­der aufs Neue in die­se fas­zi­nie­ren­de Musik der Gegen­sät­ze und eröff­ne­ten dem Publi­kum ein fas­zi­nie­ren­des Pan­ora­ma mensch­li­cher Gefühle.
Nicht nur dem Publi­kum hat das gefal­len. Auch der Initia­tor und Ver­an­stal­ter der Essen­hei­mer Musik­ta­ge, Klaus-Ulrich Moel­ler, ist sehr zufrie­den. Zwar muss er einen finan­zi­el­len Ver­lust ver­schmer­zen: Unge­fähr 65 Pro­zent Aus­las­tung über die fünf Kon­zer­te in den letz­ten Wochen reich­ten nicht aus, um alle Kos­ten zu decken. Aber trotz­dem bereut der Essen­hei­mer Kul­tur­ma­na­ger, der die Kon­zer­te in Eigen­in­tia­ti­ve inner­halb der letz­ten Mona­te orga­ni­siert und finan­ziert hat, die­ses Wag­nis nicht: „Die posi­ti­ve Reso­nanz bei der Bevöl­ke­rung zeigt, dass das eine gute Idee war.“ Ob er damit aller­dings wei­ter­ma­chen wird, weiß er selbst auch noch nicht. Denn auf Dau­er hät­te er schon ger­ne etwas mehr Unter­stüt­zung durch die Gemein­de oder ande­re Spon­so­ren – nicht nur zur finan­zi­el­len Absi­che­rung, son­dern auch zur bes­se­ren Ver­mark­tung der Musiktage.

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