laufend habe ich die petersaue über die kaiserbrücke unterhalb von mainz ja schon öfters überquert. heute habe ich sie zum ersten mal mit dem kajak umrundet. dazu bin ich einfach vom mkv-bootshaus den rhein hinunter, unter der theodor-heuss-brück hindurch und dann halb nach links, um auf dem hauptstrom bis zum unteren ende der petersaue zu paddeln. so habe ich auch den zoll- und binnenhafen mit seinen schönen container-stapeln auch mal vom wasser aus gesehen. nach genau fünf kilometern ist die untere spitze erreicht und es ging wieder flussaufwärts: durch die dyckerhoff-anlagen (auch nciht gerade sehr schön) immer weiter, unter der kaiserbrücke durch bis kurz vor die theodor-heuss-brücke. dort habe ich dann kurz überlegt: soll ich noch einmal auf die wiesbadener rheinseite hinüber? ich war gerade ziemlich in der mitte… da der rhein gerade frei von lastschiffen war, habe ich mich dann entschlossen, schon hier auf die mainzer seite zu wechseln. das war dann aber ein recht anstrengendens unterfangen: der wind blies ziemlich ordentlich und direkt unterhalt der theodor-heuss-brücke ist der rhein nciht nur ziemlich geschwind, sondern auch sehr unruhig. langsam und zäh kämpfte ich mich durch, kurz nach der brücke, etwa ab dem pegel mainz (heute: 322) ging es dann etwas leichter. wegen der doofen anlegestellen für die passagierboote musste ich aber recht weit im rhein paddeln, was die sache ziemlich langsam gemacht hat. so schub ich mich stück für stück an das bootshaus – und musste wieder einmal feststellen, dass unser anlieger offenbar zu leichtgewichtig ist: der tanzt auf dem wasser ziemlich heftig herum … und wenn ich dann da drauf stehe und mir etwa die schuhe anziehen will, werde ich schon fast seekrank – das ist ziemlich heftig für mich – viel schlimmer jedenfalls als ich es je im kajak erlebt habe. für die 10 kilometer habe ich dann 1 stunde und 45 minuten gebraucht – das hat aber auch gereicht, denn inzwischen waren die wolken ziemlich dunkel geworden, das licht sah sehr geblich-gewittrig aus – eine verheißung, die sich aber leider doch nciht erfüllte. denn ein wenig abkühlung wäre schon gut gewesen.
gestern, an fronleichnam, war ich schon wieder mit der hans-von-der-au-gruppe unterwegs: nach der zvolen-fahrt haben sie mich gleich wieder in beschlag genommen – und ich habe mich gerne in beschlag nehmen lassen. dieses mal ging es nach butzbach zum diesjährigen hessentag. die fahrt war ein wenig umständlich und bescherte uns eine kleine rundtour durch den odenwald: von erbach ging es erst einmal nach zell, weitere leute einsammeln. und dann noch über reichelsheim nach bensheim, um für die bezirkstanzgruppe hessen-süd der hvt noch tänzer abzuholen – das passierte dann auch noch in mörfelden. von dort dann aber die autobahn hoch nach butzbach. aber der abfahrt staute es natürlich. aber wir waren noch rechtzeitig am zelt „trachentland hessen” der hvt. dort, in der reinsten sauna, mussten wir uns dann erst einmal in die tracht werfen, um auf der bühne so richtig schön ins schwitzen zu kommen. wir musiker hatten außerdem noch die schöne aufgabe, für die tänzer der hvt-bezirkstanzgruppe eine spezial-version der kerb-suite zu begleiten. immerhin hatte ina noch noten auftreiben können – sonst hat das bei uns eigentlich immer rainer mehr oder weniger alleine gemacht. die noten stimmten natürlich nur halb, ein ewiges hin- und hergespringe. beim ersten mal hat der aufmarsch dann auch nciht so ganz reibungslos geklappt. aber wir durften das ganze programm ja später noch ein zweites mal aufführen – und da lief es dann doch ganz gut. inzwischen waren wir auch vom musizieren schön nassgeschwitzt – das ablegen der tracht hatte höchste priorität nach dem auftritt … dann hatten wir immerhin noch genügend zeit, den hessentag schlendernd zu erkunden. da war – immerhin war feiertag und herrliches sommerwetter – eine menge los. aber so ganz kapiere ich das prinzip hessentag immer noch nicht: irgendwie fehlt mir da der charakter – das ist bloß eine ziemlich lange reihung von ständen mit essen und trinken und ein wenig krimskrams. aber wieso und weshalb? irgendwie scheint es mir schon, als hätte sich die idee hessentag so langsam erledigt – das geld ließe sich doch sicherlich vernünftiger einsetzen. aber vielleicht entgeht mir da ja auch etwas wesentliches … immerhin hatten wir auf der rückfahrt keinen stau, so dass wir – natürlich wieder mit umwegen – halbwegs pünkltich um viertel nach neun in erbach ankamen. und das war dann eine schöne zeit für eine dreiseental-runde in der dämmerung – warm genug war’s leider immer noch.
nach langer zeit kam vor einigen wochen ein anruf von klaus ripper: ob ich nicht mit der hans-von-der-au-gruppe in die slowakei nach zvolen fahren möchte – so dringend brauchten sie offenbar einen akkordeonisten, dass sie mich fragten ;-). denn mein akkordeon hat in der letzten zeit doch recht ordentlich staub angesetzt. glücklicherweise war es gerade die woche nach pfingsten und damit vorlesungsfreie zeit in mainz – das passte also bestens. und ruckzuck war ich engagiert. schnell noch den pfingstsonntag freigeschaufelt – das war dann zwar unnötig (weshalb ich kurzfristig noch in erbach georgelt habe) und dann kam auch schon die spannende erste probe. schließlich stand einiges neues (norddeutsches vor allem) auf dem programm, vieles war mir aber auch von früher noch bekannt – und vor allem nach ein oder zwei mal durchspielen wieder ganz klar im gedächtnis. es ist schon verrückt, was im hinrstübchen alles die jahre überdauert … die musik war auch mit mir noch eine sparbesetzung der musik (klarinette, gitarre und mein akkordeon, später kam noch die zweite klarinette hinzu), lief aber doch ziemlich gut. ok, wie sich dann hier und da zeigen sollte: die routine im zusammenspiel mit den tänzern war halt nicht mehr da – kam im laufe des aufenhaltes in zvolen allerdings auch wieder zurück.
doch der reihe nach, noch stehen wir am 28.5. in erbach auf dem parkplatz am parkdeck und warten auf den bus. der wird gerade noch in der martin-luther-straße mit den schließkörben, dem bändertanz-kranz und den bänken für den bankerltanz beladen. der rest des gepäcks der 27 leute (inkl. einiger akkordeons – alleine von mir schon zwei: eines für die „normalen” auftritte und eines für den geplanten umzug) und die verpflegung ging dann auch noch gerade so in den bus. ziemlich pünktlich um 1.00 (also wirklich mitten in der nacht) setzte sich der bus dann in bewegung. in walldürn sammelten wir dann noch mareike ein und dann ging es endgültig und unaufhaltsam gen wien. nunja, so ganz unaufhaltsam leider doch nicht: wir machten ziemlich viel pause. zum schlafen kam ich natürlich im bus überhaupt nicht – einige minuten kurzes wegdämmern waren da schon das höchste der gefühle. bei der letzten pause kurz vor wien kam dann die eingepackte verpflegung ins spiel und ermöglichte uns ein wahrhaft fürstliches reise-frühstück. so gestärkt kurvten wir dann noch fast eine halbe stunden quer durch wien zum jugendgästehaus wien-brigittenau (am friedrich-engels-platz, fast direkt an der donau). da war es allerdings erst halb zwölf – und vor 13 uhr konnten wir die zimmer nicht beziehen. also ließen wir den bus gerade da stehen und verzogen uns erst einmal in den prater – als gäste der stadt wien, denn der automat in der tram kannte keine gruppenkarte und für alle reichte unser kleingeld nicht. im prater habe ich mich dann bald vom rest der gruppe getrennt, um mich mit simon zu treffen, der, welch überraschung, verspätet zum treffpunkt kam. zusammen sind wir dann gemütlich ins kaffeehaus gegangen und haben den nachmittag verquatscht. zum schluss noch eine gemeinsame rundfahrt durch wien mit tram und s‑bahn, über hernals – wo simon gerade wohnt – zurück zum handelskai, von wo aus ich zurück zum jugendgästehaus geeilt bin. und dort war ich gerade noch rechtzeitig, um die anderen auf dem weg vom haupthaus zur dependance, wo wir untergebracht waren, zu treffen. nach dem abendessen verschwanden die kids dann ruckzuck in den betten – und eine ungewöhnliche (und seltene) ruhe kehrte ein. nicht aber auf unserem zimmer. dort brachte nämlich mann claudia massierend zum schreien – worauf ich mich aus dem staub machte, um am donauufer erst einmal eine runde zu laufen. bei meiner rückkehr herrschten dann wieder normale zustände auf unserem zimmer …
am 29.5. ging es nach dem mittelmäßigen frühstück dann um 10 uhr weiter in die slowakei. auf der autobahn wollten die kinder dann im bus tatsächlich „die wolke” schauen – nun gut, wir hatten sie gewarnt … tatsächlich kehrte so ruhe ein – und alle wurden gehörig deprimiert. dabei fand ich den film noch wesentlich weniger schlimm als das buch – gut, damals war ich noch erheblich jünger. aber mir schien doch, dass der film viel stärker auf hannah und elmar konzentriert war als das buch: das ist eher ein first-love-drama als ein gesellschafts- /energiepolitisches drama wie die literarische vorlage. unterdessen endete die autobahn nahe der grenze in einer gigantischen baustelle – das ist auch unbedingt nötig, denn momentan quält sich der nicht gerade wenige verkehr (vor allem natürlich unmengen an lastwagen) durch die landstraßen und kleine dörfer. die grenze war schnell passiert, kontrolliert wurde überhaupt nicht. war es um bratislava herum ausgesprochen flach, tauchten immer mehr hügel auf, je näher wir nitra kamen. dort machten wir dann auf einem parkplatz unsere mittagspausen und labten uns an den resten aus den unerschöpflichen tiefen der verpflegungskisten. die fahrt nach zvolen ging dann ohne probleme weiter, die schnellstraße 50 führte uns fast ohne unterbrechung direkt dorthin, in die nun deutlich hügligere und stark bewaldetet gegend.
in zvolen selbst waren dann nach einigem kuddelmuddel die zimmer im internat schnell bezogen. nur der busfahrer weigerte sich, bei uns zu übernachten – ok, wirklich viel ruhe war da auch nicht oft. aber dass der auch die beiden alternativangebote ausschlug – die immerhin für die anderen busfahrer gut genug waren – was soll’s. das hotel musste er dann ja auch noch wechseln, das erste war nicht gut genug. nerviger fand ich freilich, dass er ausgerechnet in zvolen auch noch seine 24 stunden ruhezeit abfeiern musste: wenn ich einen bus mit fahrer für sechs tage miete, erwarte ich eigentlich, dass ich den auch zur verfügung habe. und nicht nur fünf tage den bus nutzen kann. gut, der fahrer muss natürlich auf seine lenkzeiten achten. aber von seiten des unternehmers wissmüller finde ich so etwas recht unverschämt – es ist ja schließlich nicht unsere sache, dass er direkt nacht unserer rückkehr wieder sofort zur nächsten fahrt aufbrechen muss. schließlich bekommt das unternehmen ja eine menge geld dafür – da würde ich schon eine entsprechende leistung erwarten.
lange konnten wir freilich nicht im internat bleiben, es war noch ein erster auftritt in einer art kurklinik zu absolvieren. der klappte sogar halbwegs gut (ok, meine idee, den rheinländer aus hetzbach zu spielen, war vielleicht nicht der beste einfall ;-)). und danach stürzten sich die slowakischen mädchen auch noch auf unsere jungs, was diese fast unerträglich stolz machte … nach dem abendessen im internat war dann natürlich noch heftige gaudi mit und ohne musik auf den zimmern.
auch der 30.5. begann für mich natürlich laufend (mehr zu meinen versuchen, bei so einer fahrt die täglich-laufen-serie am leben zu erhalten, steht unter laufen im ausland). dann gabe es ein frühes und ausgesprochen mageres frühstück – vor allem ganz ohne aufputschende getränke: kaffee oder tee gab es morgens überhaupt nicht. danach ging es dann auch schon gleich weiter im engen terminplan: zunächst zur probe im kulturhaus. dort wurde aufmarsch und finale des auftritts bzw. der auftritte an diesem vormittag geprobt. das ging dann auch einigermaßen zügig über die bühne. die auftritte selbst (beim ersten: fischer- und webertanz; beim zweiten dann hohenbuckoer springer und bayrische polka mit bankerltanz) waren dann zwar etwas stressig, aber sonst in ordnung. und schon ging es auch wieder weiter: zunächst zum mittagessen, dann überraschend drei ganze stunden ohne programm: ruhe pur. eigentlich war ja noch der umzug und auftritt auf dem marktplatz geplant, aber das fiel im wahrsten sinne des wortes ins wasser: schon vormittags waren die ersten schauer aufgezogen, die jetzt jede freiluftveranstaltung unmöglich machten. das kurzer hand auf die beine gestellte alternativprogramm führte uns nach banska bystrica, ca. 20 kilometer von zvolen, zum großen „europa-center”, einem neuzeitlichen konsumtempel der extraklasse: ein einzige, fast ununterbrochene kette klamottenläden – wahnsinn, so viel kann man gar nicht anziehen … zum glück konnten wir auch alle wieder mit zurück ins internat nehmen. dort waren wir wieder nur kurz zum essen, es ging noch ein zweites mal ins kulturhaus, zur „discothéque für die kinder”. das war eine recht lustige sache. vor allem der grandios mitmach-tanz, der zum gesang von zwei sich ständig wiederholenden wörter weit über zwanzig minuten andauerte – der dj musste dem schließlich gewaltsam einhalt bieten.
am 31.5. ging es wieder gleich nach dem frühstück los: zunächst war der fototermin am schloss
zu absolvieren. dann stand für den rest des vormittags der besuch einer schule, eine einheitsschule für die ersten acht klassen, im slowakischen grundschule genannt, auf dem programm. etwas überraschend wurden wir nach einer führung durch die ziemlich baufälligen gebäude auch noch in den deutschunterricht integriert – die lehrer hatten sich viele mühe gegeben mit der vorbereitung, die unsere kinder nicht so recht erwidern mochten. das spannendste, was sie zu erzählen wussten, war der großartige einkauf in banska bystrica: 20 liter cola. für vier leute.
danach ging es dann in die turnhalle, zum tanzen für die gesamte schule. der bändertanz klappte zwar nicht richtig (und mir fiel erst danach wieder ein, wass ich beim zusammenbrechenden geflecht zu tun gehabt hätte), doch sonst war auch das in ordnung. und so ganz nebenbei löste sich auch noch das mysterium der verschwundenen schwarzen weste: ilona fiel nun nämlich auf, dass acht westen für neun jungen immer einen ohne übrig lassen – in bad könig war es offenbar der falsche, der keine mehr abbekommen hat und deshalb alarm schlug … nach dem mittagessen in der schulkantine durften wir dann noch eine weile auf klaus warten, der ncoh schnell zum rektor entführt worden war. und nach knapp zwei stunden faulen nichtstun ging das nachmittagsprogramm weiter. der auftritt auf dem marktplatz war zwar inzwischen wieder dem alltäglich, nachmittäglichen regen zum opfer gefallen. aber im schloss gab es noch einiges zu tun: während die tänzer sich in tanz- und volkskunst-workshops vergnügten (bei denen die zeit aber offenbar sehr knapp bemessen war), mussten die musiker mit klaus zum offiziellen empfang beim bürgermeister. der tauchte dann zwar gar nicht auf, schickte aber seine vertreterin, die sogar deutsch konnte und somit unseren übersetzer überflüssig machte. den beginn der veranstaltung hätten wir beinahe noch verpasst: es hieß zunächst, der einmarsch zur nationalhymne solle noch geprobt werden – bevor das geschah, ging es dann aber schon gleich richtig los. und dann durfte jeder sein geschenk überreichen, ein paar worte sagen und eine kurze vorführung abliefern. wir spielten die „bauernhochzeit” und den „brautwalzer” – das geht immer und kommt gut an. für uns schloss sich dann ein express-rundgang durch die schloss-galerie an, an deren ausgang wir auch den rest der gruppe wieder trafen. zurück im internat stand dann die erste packorgie an: der bus sollte noch schnell, bevor seine zwangspause anfing, mit den schließkörben und instrumenten und sonstigem gerät beladen werden.
der 1.6. bescherte uns einen freien vormittag, den wir mit einem rundgang durch zvolen verbrachten. viel zu sehen gibt es da allerdings nicht. eine fußgängerzone (am platz des slowakischen nationalaufstandes, der nicht mehr als das übliche sozialistische helden-monument ist), die gerade aufwendig neu gestaltet wird. eine kleine katholische kirche mit einigen betenden frauen. eine größere evangelische kirche, erbaut 1921, die leider verschlossen war. aber nicht für uns: denn als wir versuchten, durch die fenster einen blick ins innere zu erhaschen, sah uns offenbar die küsterin und öffnet uns die tür. innen ein schlichter, klassizistisch angehauchter kirchenraum mit einem schönen altar, der von einer großen, gütig dreinblickenden jesusfigur überragt wird, die ausnahmsweise einmal nicht am kreuz hängt. nach dem mittagessen ging es dann zum großen finale: das „galakoncert”, wie die slowaken so etwas nennen, im städtischen theater. dafür musste aber zunächst einmal ordentlich geprobt werden. die einzelnen gruppen waren recht schnell fertig. aber der einzug und vor allem das finale erforderte eine menge arbeit – und viele, viele wiederholungen. einige davon gingen allerdings auf das konto der gruppenleiter, insbesondere der russische und der serbische stellten sich nicht besonders geschickt an bei dem sehr ausgeklügelten zeremoniell. das programm lief dann aber auch am schnürchen – nur haben wir leider nix davon mitbekommen, weil der zuschauerraum ausverkauft und die seitenbühnen uns verboten waren. unser teil lief auch sehr zufriedenstellend: der hetlinger bandriter und der bankerltanz kamen auch bei diesem etwas älteren publikum gut an. danach gab es dann wieder ein schnelles abendessen und ganz, ganz eilige vorbereitungen für die disco zum abschluss. die ging natürlich nicht ohne eine erneute runde des mitmach-tanzes ab – aber immerhin war dieses mal etwas früher schluss. und die tscheschichen musiker hatten im foyer um ihr zymbal herum eine improvisierte gegenveranstaltung eröffnet. um halb zwölf waren dann auch fast alle schon im bett, denn
am 2.6. ging es wieder sehr früh los: um halb sieben wurde der bus gepackt (davor war ich natürlich wieder laufen – nur kurz, das war schon sakrisch früh …). dann noch einmal das frühstück ohne kaffee (den es immerhin später im bus in genügenden mengen gab) und ab gings richtung heimat. ein kleinen zwischenstopp gab es aber noch einmal beim schloss, wo wir noch eine dvd mit aufzeichnungen des festivals überreicht bekamen (und werner noch vom auto angefahren wurde, was zum glück glimpflich ablief) diese dvd wollte klaus aber im bus nicht zeigen. doch immerhin gab es auf dieser fahrt etwas unterhaltsameres als bei der hinfahrt: shrek 2. die rückfahrt schien dann auch angenehmer als die hinfahrt. das lag vielleicht auch daran, dass wir nur die absolut nötigen pausen machten. und so schafften wir es, mit dem in würzburg gewechselten fahrer, sogar vor den anvisierten 22 uhr wieder in erbach zu sein.
diese fotos hat mir freundlicherweise der fotograph der russischen gruppe, garmonyia, zur verfügung gestellt:
p.s.: wie wenig man vom slowakischen versteht, mag ein ausschnitt aus dem festival-prospekt illustrieren:
die zvolen-fahrt der hans-von-der-au-gruppe brachte es mit sich, dass ich zur erhaltung meiner serie täglichen laufens (so kurz vor der 200-tage-schwelle war an ein aufgeben überhaupt nicht zu denken), letzte woche einige opfer und verrenkungen in kauf nehmen musste. es lief ja noch recht gut an: nach der nachtfahrt bis wien bin ich dann nach dem abendessen im jugendgästehaus an der donau entlang locker und entspannt gerannt (ca. 5 km in 26 minuten). am nächsten morgen allerdings gleich wieder auf die piste zu gehen, war dann schon etwas härter und forderte um 7 uhr zunächst etwas überwindung. dann habe ich das aber auch geschafft und ein wenig tempo zugelegt, so dass – diesmal auf der donauinsel – 7,2 km in 34 minuten dabei herauskamen. die wirkliche herausforderung war allerdings der aufenhalt in zvolen selbst. denn hier war es zunächst etwas schwieriger, eine vernünftige strecke zu finden. klar, laufen geht überall und gottlob verfüge ich ja über einen einigermaßen guten orientierungssinn, der mich immer wieder zurück finden lässt. aber am ersten morgen in zvolen bin ich dann – es war immerhin erst 6 uhr – nach nicht einmal fünf stunden schlaf von dem internat, in dem wir untergebracht waren, nur eine kleine 2,6 km-runde durch die stadt gerannt (in 12 minuten). am nächsten morgen – schon wieder ging es um 6 uhr los, das frühstück war allerdings später, so dass ich mehr zeit hatte -, bin ich dann in eine andere richtung gelaufen. und das war dann auch besser. zwar war der beginn – am schloss vorbei über eisenbahn und schnellstraße – eher trist, doch kurz darauf fand ich den beginn eines wanderweges. der ging dann allerdings unvermutet ziemlich steil einen der um zvolen äußerst zahlreichen hügel hinauf, so dass ich doch recht bald wieder kehrt machte. insgesamt waren dass jetzt immerhin mal 7,2 km in 38 minuten. schon nicht ganz verkehrt. aber der hügel ließ mir natürlich keine ruhe. also am nächsten morgen wieder zum wanderweg – diesmal bewustt locker und langsam angegangen. und beim anstieg musste ich dann etwas überrascht feststellen, dass ich am tag zuvor genau an der richtigen stelle umgekehrt war: erst danach kam nämlich das steilste stück. aber ich konnte durchhalten und kam so die gut 300 höhenmeter laufend hinauf. da es gerade so gut ging, bin ich dann einfach weiter und weiter gerannt – vorbei an einer kürzlich gerodeten lichtung und einen immer schmaler und verwachseneren pfad entlang. bei 4,7 km bin ich dann umgekehrt und den weg gerade wieder zurück gelaufen: bergab war der hügel fast noch schlimmer als bergauf, das war gar nicht einfach, mit meinen new-balance-schuhen auf dem feuchten asphalt… der nächste und letzte morgen vor der frühen abfahrt aus zvolen war dann noch einmal eine besondere herausforderung: um 5:30 uhr aufstehen und gleich loslaufen. es waren dann auch nur 2,5 km durch die innenstadt (sofern man bei zvolen davon sprechen kann) in knapp 11 minuten. aber immerhin: die serie ist auch unter diesen umständen nicht gerissen.
immerhin einen schönen, d.h. guten artikel habe ich gelesen über die proteste in rostock und die dortigen ausschreitungen: von stefan klein in der süddeutschen zeitung unter dem titel „als der hafen nicht mehr sicher war”. das scheint mir doch etwas ausgewogener als der tendenziöse rest, der wieder nur die krawalle registriert (und sich dadurch natürlich wieder bestätigt fühlt, wie unbedingt notwendig der zaun und demonstrationsverbote und andere einschränkungen der grundrechte doch seien). stefan klein merkt nämlich, neben einer schön lakonischen beschreibung der ganzen veranstaltung, auch zwei sachen an: wieso ließ sich die polizei, die ja lange genug zeit für die vorbereitung hatte und gewaltige personale und finanzielle mittel zur verfügung hat, von den krawall-demonstranten so überraschen? und wieso gibt es so viele verletzte, selbst bei der offenbar doch recht martialisch ausgestatteten polizei?
… dann sollte man eigentlich nicht gerade als literaturkritikerin arbeiten. warum ich diese binsenweisheit hier niederschreibe? weil verena auffermann heute ihre kritik von peter kurzecks „oktober und wer wir selbst sind”, über das ich hier im blog ja auch schon etwas hinterlassen habe, in der süddeutschen zeitung (leider online nicht zu finden) veröffentlicht. und da sind so einige fehllektüren gesammelt. zum beispiel wird Peter Kurzeck zum „Fall des absoluten Präsens.” das klingt zwar schlüssig, stimmt aber überhaupt nicht. denn das spannende und faszinierende an kurzecks schreiben ist ja gerade, dass er sich nicht (mehr) im präsens aufhält, dass er wie kaum ein anderer schriftsteller das vergehen und die vergänglichkeit der zeit, des lebens und jeder erinnerung aufschreibt, zu bewältigen versucht, in sprachliche formen fasst. und wie man dann auf die idee kommt, kurzeck (oder seinen erzähler, aber diese unterscheidung interessiert auffermann offenbar – wie die meisten literaturkritiker – überhaupt nicht, sie unterstellt ganz unbedingt einen „radikalen BIographishmus”) als „ideale[n] Ignorant der Außenwelt” zu charakterisieren, erschließt sich mir auch nicht so ganz.
noch ein beispiel gefällig? aber gerne doch: auffermann schreibt über „Oktober und wer wir selbst sind”: „Noch bei keinem Buch, behauptet er, habe die Sprache ihn so sehr gepackt.” aber das ist blödsinnig. sie macht hier gleich zwei fehler: zum einen ist das nicht peter kurzeck, der diese behauptung äußert, sondern der erzähler peta. vor allem aber geht es überhaupt nicht das aktuelle Buch von Kurzeck, sondern um das letzte Buch des Erzählers! und einige absätze später wird diese fehllektüre noch potenziert. jetzt wird eine äußerung des erzählers zu seinem letzten buch („Ein Buch, wie es noch keins gibt, aber wie es scheint, merkt das keiner.” – übrigens auch noch falsch zitiert)) umstandslos peter kurzeck in den mund gelegt und auch noch nach 1983 datiert
was mich sonst noch so nervt an auffermanns auslassungen: sätze wie dieser hier: „Eine Sprache, die den Satz alter Ordnung vermeidet.” – das steht hier einfach mal so herum. aber was heißt dass denn? ist es überhaupt wahr? und ihre kritik ist voll von solchen dingen – sonst aber bietet sie wenig, viel zu wenig. natürlich werden die vergleiche zu Robert Walser und Marcel Proust wieder aufgerufen (wie es sich in letzter zeit eingebürgert hat, natürlich nur ex negativo: „Auf die happigen und immer wieder zu lesenden Vergleiche von Proust bis Robert Walser verzichten wir.” (übrigens auch mal so ganz nebenbei ein reichlich unglücklicher satz …)). natürlich wird wieder festgestellt, dass man kurzeck liebt oder eben nicht (ob das so wahr ist, daran zweifle ich durchaus noch): „Entweder hält man das aus und verfällt der Sprachmelodie […] oder nicht. Es gibt keine Viertel- oder Halbliebe, nur ganz oder gar nicht.” und natürlich wird auch wieder das topos der anspruchsvollen literatur, die zu wenige leser findet und hat, bemüht: „Bestimmt zu wenige, bestimmt schreibt dieser eigenwillige Frankfurter Kyniker das Gegenteil von Massenware.” (auch das versteckt sich wieder so eine behauptung: kurzeck sei ein Kyniker. so wie ich peter kurzeck, ihn selbst und seine bücher, kenne und andererseits den Kynismus als bewusst entschiedene Entsagung materieller Güter und damit der gewollten Rückkehr zu der Einfachheit des Naturzustandes verstehe, komme ich da nicht zu einer übereinstimmung. aber leider führt auffermann ja nicht weiter aus, inwiefern kurzeck kynisch sei.
nach der abstinenz der letzten wochen (der marathon war erst einmal wichtiger …) bin ich heute mal wieder ins kajak gestiegen. es ging auch noch ganz gut ;-). aber viel kraft in den armen habe ich im moment nicht gerade. gepaddelt bin ich die klassische nachmittags-route: vom bootshaus den rhein hinauf, in den ginsheimer altrhein bis zum steindamm, dort umsetzen in den rhein und mit der strömung wieder zurück nach mainz. obwohl es mir zunächst gar nicht so warm vorkam, war das doch eine recht schweißtreibende angelegenheit – nun gut, ca. 27 °C sind auch nicht gerade wenig. und obwohl es mir eigentlich recht bewölkt vorkam, habe ich doch recht viel sonne abbekommen in den drei stunden paddeln: die umrisse der uhr und des gps-empfängers sind recht deutlich zu erkennen auf meinem linken arm. dabei war ich vorher ja auch schon nicht mehr ganz weiß …
das zdf hat ja seit kurzem mal wieder (endlich) eine eigene polit-kabarett-sendung: „neues aus der anstalt„ mit Urban Priol und Georg Schramm. erste ausstrahlung im letzten jahr fand ich ziemlich langweilig und formlos (nicht nur ich war der meinung, das das damals noch nicht der große wurf war – auch wenn es die erste politsatire/-kabarett-sendung des zdf seit langer zeit war -, der autor der faz war ähnlicher meinung (immerhin hat priol jetzt einen weißen kittel an …). gestern habe ich zufällig beim zappen noch teile der sendung vom 15.5. gesehen – und das war – zumindest teilweise, noch nicht durchgehend leider – richtig gut. und zu meiner überraschung gab es beim zdf sogar die sendung als podcast zum download in voller länge (allerdings nur sieben tage lange, danach muss man auf’s streaming ausweichen). das musste ich ja gleich ausnutzen und deshalb jetzt mein komplettes urteil zur fünften ausgabe von „neues aus der anstalt”: die idee der rahmung ist immer noch recht locker. aber das macht nichts. denn urban priol war gut in form. und dann läuft das fast von alleine. denn diese fünfte sendung machte fast den eindruck eines solo-programm für ihn. die anderen scheinen kaum mehr als mehr oder weniger ausführliche stichwortgeber, damit es zu so schönen beobachtungen kommen kann: „für das abwatschen von unserer worthülsenfrucht aus der uckermarck bin immer noch ich zuständig” (priol). schön, dass die unbarmherzige härte und die richtende schärfe bei priol und schramm noch nicht abgestumpft ist. nicht nur priols kommentar zu dem langsam immer mehr zum ratzinger zurückkehrenden papst: „die jugend muss ziemlich verzweifelt sein: wenn der papst zur enthaltsamkeit vor der ehe aufruft, jubelt ihm die jugend zu”; auch seine heftige abrechnung mit der fdp-charge dirk niebel hat mich von tiefstem herzen erfreut. die gäste: naja … die entschuldigung-serie von michael mittermeier war eine recht schlechte kopie von polt – vor allem aber ziemlich langweilig …, auch monika gruber hat mich nicht so begeistert. das mag aber bei beiden daran gelegen haben, dass sie nicht voll ins konzept passten: politisch ist an deren texten nämlich ziemlich wenig, das sind nette kleine gesellschaftsbeobachtungen ohne besondere schärfe, witz oder einsicht – nichts für mich …
es ist ja schon verr?ckt, was man als organist so alles erlebt. gestern nachmittag war wieder so etwas angesagt: eigentlich sollte ich bei einer trauung orgeln. wie sich dann herausstellte, war das aber noch lange nicht alles: zwar wurde das paar auch getraut (nat?rlich wieder einmal lange nach der standesamtlichen trauung), aber daf?r musste die braut erst noch konfirmiert werden – ob sie auch brav den unterricht besucht hat? und weil das kind des brautpaares auch gleich noch getauft werden sollte, musste die zuk?nftige patin, die schwester der braut n?mlich, auch erst einmal noch konfirmiert werden. ob das so sinnvoll ist, so jemanden zum paten zu machen, der ja ganz offensichtlich bisher kein gesteigertes interesse an religi?sen und/oder kirchlichen dingen hatte? nun ja …
aber wenn man schon so einen spezialservice-gottesdienst bekommt, muss man nat?rlich auch nicht p?nktlich sein: zur eigenen trauung kamen die beiden dann tats?chlich auch noch zehn minuten zu sp?t. und ich hatte schon bef?rchtet, ich w?re sp?t, weil ich direkt davor schon eine andere hochzeit gespielt habe. wenn’s nicht so traurig w?re, m?sste man ?ber solch einen wahnsinn ja schon fast lachen. nur die beerdigung hat noch gefehlt – dann w?re die komplette kirche f?r das leben an einem nachmittag abgehandelt gewesen.
schon der titel ist ja ein meisterwerk – ein anspruch, den der roman auch einö?sen kann: „Ein Buch, wie es noch keins gibt, aber wie es scheint, merkt das keiner.” (154 – das schreibt der erzähler über sein zweites buch. die parallelen zu peter kurzeck und dessen „das schwarze buch” von 1982 sind natürlich alles andere als zufällig. immerhin merken die qualität inzwischen ein paar mehr. aber das sind immer noch nur die kritiker – leser gibt es immer noch zu wenige. dabei hätte die lektüre von kurzecks büchern für die meisten einen gewaltigen gewinn und erkenntniszuwachs zu bieten – erheblich mehr als die bücher, die sich so auf den bestsellerlisten tummeln.) und auch sonst ist es wieder ein echter kurzeck – unbedingt, etwas monomanisch, aber faszinierend und fesselnd. nicht nur wegen der stilistischen virtuosität – kaum ein anderer gegenwärtiger autor hat so einen unverkennbar eigenen stil oder besser gesagt tonfall: denn es klingt immer, das von kurzeck geschriebene, es schwebt quasi schwerelos wie zarte kammermusik – sondern auch seiner themen und motive wegen. das buch ist wieder übervoll von schönen stellen, schönen formulierungen – einige stehen ja auch hier…
der beginn ist schon ein ende und verlust – oder umgekehrt: das ende ist der beginn – der anfang des erzählens: –> von dort startet das schreiben, das des erzählers und das des autors. aus angst, das geschehene, d.h. vergangene, zu verlieren – und aus dieser furcht beginnt sofort die suche nach der vergewisserung: „[…] wisst ihr den Sommer noch?” (7)
und noch etwas zeigt sich schon auf den ersten seiten: die gewissheit, die vergangenheit verloren zu haben, ist noch stärker als sonst (wenn ich die letzten bücher recht erinnere, die lektüre ist jetzt schon eine weile her): „unauffindbar. […] für immer in einem kerker.” (10) da hilft dann nur noch das erzählen: erzählen, um die wirklichkeit (der vergangenheit) aufzubauen, „in Gang” zu halten.
die erinnerung wird allerdings immer unsicherer, immer ungerichteter und fragiler: „Nachträglich kommt dir vor, du hättest ihn an einunddemselben Tag wenigstens zwei- oder dreimal gehört.” (50) aber alles ist verloren, die erinnerung, das gedächtnis, die orte, die ganze vergangene realität – und die gegenwart als zuk?nftige vergangenheit auch schon: „Wo ist der Tag hin?” (50) und diese ahnung der wiederholung der realität greift inzwischen selbst auf die träume aus: „[…] oder den gleichen Traum immer wieder?“ (75) aber noch ist hoffnung (freilich ist die auch schon zwiespältig und gebrochen): „Und dann bleibt dir für immer das Bild.” – man muss es nur richtig und immer wieder erzählen. die frage ist dann nur: „wohin jetzt mit dieser geschichte?” (71). für diese art zu erzählen, zu schreiben gibt es allerdings keine direkten wege – und genau das macht eine wesentliche faszination der lektüre aus: „beim erzählen immer noch einen umweg.” (29). schlie?lich ist das ganze buch ein einziger umweg – eigentlich sollte es nur ein einziges kapitel der vorgeschichte sein, kein eigener roman.
auch das schreiben an sich spielt natürlich (wieder) eine große rolle – von anfang an. und wieder ist der erzähler seinem text ziemlich gnadenlos ausgeliefert: „Noch bei keinem Buch hat die Sprache mich so sehr gepackt, wie bei diesem – oder denkst du das jedesmal wieder?” (19) insbesondere die enden der kapitel führen immer wieder zum prozess des schreibens hin, zum erzählen an sich, zu den projekten des erzählers. und die sind schon lange mehr oder weniger zwanghaft geworden: „Ausnahmsweise vielleicht heut nicht mehr? Ausruhen? Eine Pause? Aber das fehlt mir dann morgen früh und was fehlt, fehlt für immer.” (111) sp?ter hei?t es dann noch einmal: „Doch inzwischen will die Zeit, die kein Einssehen hat, mir keine Ruhe mehr lassen.” (162)
und natürlich auch die zeit an sich wieder thema – das themas überhaupt, das kurzeck in seinen büchern umtreibt (vor allem natürlich in der chronik der frankfurter achtziger): hier ist sie aber noch offener thematisiert als in den letzten werken: „Die Zeit. Als ob man sich selbst sucht. Wo bin ich, wenn ich nicht bei mir bin? Wo geht die Zeit mit uns hin?” (23) oder später: „Daß die Zeit auch so schnell vergeht! Man weiß es und kann es doch nicht begreifen” (101)
die probleme der zeit: einerseits fliegt sie, rast davon – andererseits verlangsamt sie bis zum stillstand: „Ist für uns die Zeit stehengeblieben? Ist es jeden Herbst wieder der gleiche Tag?” (45) und dann taucht aber auch noch immer wieder die frage auf: „Wie soll man die Zeit erzählen?” (77) die kernfrage, die kurzeck (und seinen erzähler) schon länger beschäftigt und begleitet, wird nun immer expliziter gestellt: „[…] und in Ruhe die Zeit, immer weiter die Zeit aufschreiben. Den Fluß und die Zeit und das ganze Land.” (121)
viel stärker spielen daneben allerdings auch die fragen der realität eine rolle: gibt es zeit überhaupt? gibt es die dinge, vor allem aber gibt es orte? – oder ist alles nur ausgedacht, imaginiert? die zeit wird dabei auch noch stärker verdinglicht, zum objekt gemacht: „Wie die zeit selbst. als ob es die zeit ist, die immerfort über sie hinstreicht, unablässig, die heilige zeit.” (94) mehr noch als früher tritt dem leser peter kurzeck hier nicht nur als phänomenologe, sondern auch als erkenntniskritiker gegenüber. genau deshalb beherrscht ihn auch der zwang zur wiederholung (und zur wiederholung gehürt auch das erzählen als wiederholen – auf anderer stufe – der erlebten wirklichkeit): „Man muß sie glauben, weil man sie sieht, aber kann sie sich nicht erklären.” (47) – und dann sind ja da noch „überall Zeichen. […] Aber wie soll man die Zeichen deuten?” (49) – Zeichen haben sich ubiquitär ausgebreitet, alles wird zum Zeichen, der Erzähler weiß nicht mehr, was jetzt Zeichen ist und was nicht – von der Frage ihrer Bedeutung natürlich einmal ganz abgesehen.
ein anderes motiv, dass neu ist, durchzieht den text auch noch: der vater des erzählers taucht immer mehr und deutlicher auf – bisher war es vor allem die mutter der erzählers „peter”, die in den texten vorkam – hier wird immer wieder auch auf den vater bezug genommen.
und das alles gibt wieder so einen herrlichen text, das man nur ins schwärmen kommen kann. wie anders kann man auch auf solche zeilen reagieren: „Man kommt an und Ort und Zeit warten schon” (173)?
peter kurzeck: oktober und wer wir selbst sind. frankfurt am main: stromefeld 2007.


