»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

die zeit entdeckt die vermarktung der feuilleton-redaktionen

und haut dabei schön auf die kol­le­gen von der süd­deut­schen ein. denn die, so sug­ge­riert jens jes­sen, hät­ten die restau­rie­rung von fass­bin­ders ber­lin alex­an­der­platz nur des­halb ver­tei­digt, weil die ent­spre­chen­den dvds in ihrem laden ver­trie­ben wer­den. das mag ja sogar so sein – wobei ich das nicht anneh­me, denn die auf­sicht über die restau­rie­rung und ins­be­son­de­re die in fra­ge ste­hen­de auf­hel­lung hat­te fass­bin­ders kame­ra­mann, der ja so unge­fährt wis­sen dürf­te, wie das gan­ze mal gedacht war. es mag also sein, wie es will. und natür­lich sind die gan­zen neben­ge­schäf­te mir auch ein dorn im auge. aber wenn das in der zeit kri­ti­siert wird, so ist das bloß hypo­kri­tisch. und sein schluss­satz zeigt außer­dem, dass er das wah­re pro­blem (er beschwört ja auch weni­ger die mög­lich­keit der tat­säch­li­chen bestechung, son­dern den glaub­wür­dig­keits­ver­lust allei­ne durch den arg­wohn, den die­se mög­lich­keit aus­löst) wenn viel­leicht auch nicht ver­kennt, so doch her­un­ter­spielt: „Zei­tun­gen, die Neben­ge­schäf­te trei­ben […], müs­sen höl­lisch auf­pas­sen, die fili­gra­ne Gren­ze zwi­schen redak­tio­nel­lem Urteil und Wer­bung in eige­ner Sache nicht zu ver­wi­schen.” denn die­se gren­ze ist doch nun wirk­lich über­haupt nicht fili­gran, sie ist ganz schnur­ge­ra­de und deut­lich zu erken­nen – über­schrit­ten wird sie von den kol­le­gen der zeit genau wie von denen der süd­deut­schen (und all den ande­ren medi­en auch) regel­mä­ßig und – so behaup­te ich – durch­aus in vol­ler absicht und kenntnis.

Da hat er sich wie­der etwas aus­ge­dacht, der Michel­städ­ter Kir­chen­mu­si­ker Hans-Joa­chim Dum­ei­er: „Eine gro­ße Nacht­mu­sik“. Und groß ist die Musik in vie­ler­lei Hin­sicht. Auch wenn er sich die (fast) kür­zes­te Nacht des Jah­res für sein neu­es­tes Expe­ri­ment aus­ge­sucht hat. Ein Ver­such ist es, die gan­ze Nacht hin­durch zu musi­zie­ren und dabei „den Ver­lauf der Nacht auch musi­ka­lisch zu erle­ben“, wie Dum­ei­er sei­ne Idee erläu­tert. Doch die Michel­städ­ter sind das nächt­li­che Zuhö­ren inzwi­schen offen­bar gewöhnt – die Stadt­kir­che war jeden­falls gut gefüllt. 
Zunächst muss­te aber der Tag ver­ab­schie­det wer­den – noch war es drau­ßen ja auch recht hell, die Däm­me­rung hat­te ja gera­de erst ein­ge­setzt. Hans-Joa­chim Dum­ei­er und Wolf­gang Kör­ber taten das zusam­men, an der Orgel, mit Andre­as Will­schers „Ster­ben­der Tag in Mäh­ren“. Die­ser Tag in Mäh­ren ist aber recht hart­nä­ckig, er stirbt nur zöger­lich und mit einem kräf­ti­gen Auf­bäu­men. Mit die­ser kur­zen, mini­ma­lis­tisch beein­fluss­ten Musik war das Publi­kum dann bes­tens ein­ge­stimmt auf das, was da noch alles kom­men sollte. 
Stück für Stück ging es in der fol­gen­den Stun­de dann tie­fer ins Dun­kel der Nacht. Noch war unter dem Mot­to „Nach­klän­ge des Tages“ aller­dings eini­ges zu ver­ar­bei­ten an Erleb­nis­sen und Gedan­ken. Flo­ri­an und Elke Vogel­sang taten das etwa mit der viel­schich­ti­gen „Arpeg­gio­ne-Sona­te“ von Franz Schu­bert. Bevor nun aber an Nacht­ru­he zu den­ken war, lie­ßen Katha­ri­na Ger­big und Dani­el Heck mit ihren Block­flö­ten-Duos erst noch die Sze­ne­rie einer abend­li­chen Gesell­schaft auf­schei­nen. Und ihre vor­züg­lich musi­zier­te Aus­wahl vom Barock bis zur Jetzt­zeit stell­te neben­bei auch die Fami­lie der Block­flö­ten vor. 
Doch damit war das Tag­werk vor­erst zu Ende, nun zog der musi­ka­li­sche Mond­schein in die Kir­che ein – optisch ver­tre­ten durch die Ker­zen­be­leuch­tung. Die Klas­si­ker dazu spiel­te Sung­ma Schäff­ter: Den Anfang von Beet­ho­vens Mond­schein­so­na­te und natür­lich ein gefühl­vol­les, zum Glück aber jeden Anflug von Sen­ti­men­ta­li­tät ver­mei­den­des „Clai­re de Lune“ von Clau­de Debussy. 
Kurz vor Mit­ter­nacht wurd es dann wie­der span­nen­der und ner­ven­auf­rei­ben­der: Das lag zunächst Mar­tin Engel, der vor allem mit Cho­pins ers­tem Scher­zo eine hoch­dra­ma­ti­sche, wild-rasen­de Fahrt in dunk­le und kom­plex ver­win­kel­te Traum­wel­ten anbot. Zu Beginn der Geis­ter­stun­de zeig­ten Wolf­gan Kör­ber und Ernst Rup­pert mit Camil­le Saint-Saens „Dan­se macab­re“ die finstren, mori­bun­den Gestal­ten, die nun aus ihren Löchern krie­chen. Wäh­rend anstän­di­ge Bür­ger sol­che Schau­er­ge­schich­ten tief­schla­fend igno­rie­ren, sind unter­des­sen noch ganz ande­re Figu­ren unter­wegs: Denn um die­se Zeit der Nacht kommt so man­cher erst rich­tig in Fahrt. Die Jazz-Fans zum Bei­spiel. Die por­trä­tier­te Chris­toph Schöps­dau vor allem mit sei­ner Ver­si­on des Theo­lo­ni­us-Monk-Sta­nards „‘round mid­night“. Aber auch die Mit­te der Nacht blieb in der Stadt­kir­che nicht den Amü­sier­wil­li­gen über­las­sen: Peter Mar­tin stell­te mit Geor­ge Crumbs „Around mid­night“, das Mon­ks Klas­si­ker in viel­fäl­ti­ger Wei­se ver­ab­ei­tet und var­riert, avant­gar­di­sti­che Hoch­kul­tur ans Ende die­ser Stunde.
Danach frei­lich musst die E‑Musik doch das Feld räu­men. Die Big-Band der Musik­schu­le Oden­wald gab unter der Lei­tung von Jakob März eine Men­ge Klas­si­ker des Swing zum Bes­ten. Aber auch die Tanz­wü­tigs­ten müs­sen irgend­wann ein­mal schla­fen und träu­men. Und nach einem schlaf­wand­le­ri­schen Aus­flug in frem­de, vor­wie­gend süd­län­di­sche Län­der, grau­te dann auch schon der Mor­gen – und die ers­ten Vögel fan­gen an zu lär­men und sin­gen. Dafür muss­te natür­lich Oli­vi­er Mes­siaen her­hal­ten, bevor mit der sanf­ten „Mor­gen­stim­mung“ des Edvard Grieg die Nacht ganz fried­lich und behut­sam aus­klang. Und wer sich das alles ange­hört hat, der hat mit Sicher­heit mehr als genug Musik für die gan­ze Woche getankt – und er darf dann auch mal den Tag verschlafen. 

jasper van’t hof orgelt in mainz

Jas­per van‘t Hof ist so ein musi­ka­li­sches Cha­mä­le­on, das man nur immer wie­der stau­nend beob­ach­ten kann – was hat die­ser Pia­nist im Lau­fe sei­ner lan­gen Kar­rie­re nicht schon alles gemacht! Vom klas­si­schen Modern Jazz unter­nahm er immer wie­der Aus­flü­ge in alle Rich­tun­gen, zur klas­si­schen und vor allem zur Welt­mu­sikt. Und nicht ein­mal Kir­che ist ihm hei­lig – auch die Orgel erober­te er sich längst für sei­nen Jazz. Genau das Rich­ti­ge also für die Eröff­nung des Jazz­som­mers in der Chris­tus­kir­che. Denn der fing damit sehr viel­ver­spre­chend an. „Duo­log“ hat van‘t Hof sein Kon­zert über­schrie­ben, denn er war die­ses Mal nicht allei­ne auf der Orgel­em­po­re: Der Saxo­fo­nist Ulli Jüne­mann leis­te­te ihm Gesell­schaft. Aber die Ver­hält­nis­se waren sehr klar: Der Orga­nist ist hier der Chef. Und der Blä­ser darf sich ab und an mehr oder weni­ger zag­haft hin­zu­ge­sel­len, darf für etwas mehr Abwechs­lung und Far­be sor­gen. Denn bei aller Vir­tuo­si­tät, die der nie­der­län­di­sche Jaz­zer an den Tag leg­te: Die Mög­lich­kei­ten der Orgel nutz­te er nur sehr beschränkt, sie schien unter sei­nen Hän­den nur als ein etwas spe­zi­el­ler Syn­the­si­zer zu fun­gie­ren. Sei­ne Regis­ter­aus­wahl blieb sehr ein­sei­tig und lücken­haft. Er schien mit dem Instru­ment der Chris­tus­kir­che auch über­haupt nicht ver­traut: Immer wie­der pro­bier­te er mal die­ses oder jenes Regis­ter mit­ten im Spiel, um zu hören, was pas­siert. Es spricht aber für ihn, wie er mit der Situa­ti­on umging: Denn die so gese­hen man­gel­haf­te Vor­be­rei­tung nutz­te er immer wie­der als krea­ti­ve Anstö­ße für sei­ne Improvisationen. 
Die erschei­nen die meis­te Zeit aus­ge­spro­chen fil­misch. Veri­ta­ble Hör­fil­me sind es, klei­ne Expe­di­tio­nen ins farb­träch­ti­ge und fas­zi­nie­ren­de Reich der Natur­schön­heit viel­leicht. Auf jeden Fall eröff­nen sie der Phan­ta­sie und Vor­stel­lungs­kraft des Zuhö­rers wei­te Räu­me. Und aus den weit aus­la­den­den Pan­ora­men, die van‘t Hof mit sei­nen metrisch ver­track­ten Melo­dien und mini­ma­lis­ti­sche-repe­ti­ven Begleit­fi­gu­ren ent­wi­ckelt, ent­steht dann immer wie­der, den ganz lang­sa­men Kame­ra­schwenks und ihrer kaum merk­li­chen Per­spek­tiv­ver­schie­bung gleich, neue Zusam­men­hän­ge. Über­all fin­det er neue Schön­hei­ten, klei­ne Ara­bes­ken und ver­schnör­kel­te Lini­en, die nur einen Sinn und eine Daseins­be­rech­ti­gung haben: das Publi­kum zu erfreu­en. Und auch wenn sei­ne Metho­den leicht zu durch­schau­en sind und sei­ne Impro­vi­sa­tio­nen nicht immer vor Inspi­ra­ti­on sprü­hen, so gelingt ihm doch genau das: Eine akus­ti­sche Rei­se in ein irrea­les, geträum­tes Land der Schön­heit, ohne die läs­ti­gen Sor­gen und Gefah­ren des all­täg­li­chen Lebens. 

christian pfarr: ein mainzer komponist, schriftsteller, …

anläss­lich der ver­öf­fent­li­chung einer cd mit den auf­nah­men sei­ner drei mes­sen für scho­la und orgel habe ich für die main­zer rhein-zei­tung ein por­trät von chris­ti­an pfarr ange­fer­tigt:

Chris­ti­an Pfarr ist ein gemüt­li­cher Unter­fran­ke, der seit sei­nem Stu­di­um in Mainz hän­gen­ge­blie­ben ist und nun seit fast drei­ßig Jah­ren hier lebt und arbei­tet. Unauf­ge­regt erzählt er von sei­nen künst­le­ri­schen Arbei­ten und kommt dabei schnell ins Plau­dern. Er hat aber auch viel zu sagen, denn trotz sei­nes behä­bi­gen Äuße­ren ist er aus­ge­spro­chen aktiv: Als Kom­po­nist und als Autor hat er eine beein­dru­cken­de Werk­lis­te vor­zu­wei­sen. Und ein Ende ist nicht abzu­se­hen, er fin­det immer neue Pro­jek­te, die sei­ner Wor­te oder sei­ner Musik bedür­fen. Denn Pfarr ist auf bei­den Gebie­ten glei­cher­ma­ßen beschlagen. 
Ange­fan­gen hat er als Sach­buch­au­tor, als Spe­zia­list für Schla­ger, Blues und Jazz. Dar­aus ent­stan­den dann bald schon die ers­ten Roma­ne und Erzäh­lun­gen – ger­ne etwas komö­di­an­tisch ange­haucht und mit Ele­men­ten der Kri­mi­nal­li­te­ra­tur angereichert. 
Und wenn beim Schrei­ben mal nicht mehr wei­ter weiß, dann kom­po­niert er eben erst ein­aml wie­der etwas. Oder er schreibt etwas für einen Kol­le­gen der Kom­po­nis­ten­zunft: So ist Pfarr, der sich selbst schon mal als „Reim­ma­schi­ne“ titu­liert, auch als Libret­tist des Rock­o­ra­to­ri­ums „Weih­nach­ten 21“ von Rei­mund Hess hervorgetreten. 
Doch gera­de wenn es um die Musik geht, weiß er sehr genau, wo sei­ne Wur­zeln sind: „Rock ist mei­ne musi­ka­li­sche Mut­ter­spra­che – da muss schon ordent­lich hin­ge­langt wer­den.“ Auf die­sem Gebiet und den angren­zen­den Area­len hat er auch die meis­te Erfah­rung. Sei es eben als Sach­buch­au­tor oder als Kom­po­nist: Ange­fan­gen hat er mit Jazz­rock-Wer­ken. Doch bald kamen immer mehr Songs und Chan­sons hin­zu. Auch als Kom­po­nist hat er schon so ziem­lich alles mög­li­che gemacht. Sein Haupt­be­ruf als Redak­teur beim SWR macht das mög­lich. Denn so muss er nicht dar­auf ach­ten, mit der Musik auch noch Geld zu ver­die­nen. Und er kann immer in aller Ruhe auf den zün­den­den Ein­fall, die initia­le Inspi­ra­ti­on waren. 
Und jetzt ist er bei Mess­ver­to­nun­gen ange­langt. Dabei muss er ein­ge­ste­hen: „Mit klas­si­scher Kir­chen­mu­sik habe ich nie viel anfan­gen kön­nen.“ Der Ein­fall zu den mitt­ler­wei­le vier Mes­sen kam ihm ganz spon­tan: „Ich hat­te noch ein paar unver­wer­te­te Melo­dien im Kopf, als es mir in den Sinn kam, dar­aus eine Mes­se zu machen.“ Gewor­den ist es die „Mis­sa Sere­na“ für Scho­la und Orgel. Das ist das Beson­de­re dar­an: Die Beset­zung – nicht für viel­stim­mi­gen Chor mit Solis­ten, son­dern für einen ein­stim­mi­gen Chor oder auch eine sin­gen­de Gemein­de. Dar­aus ent­stand dann auch die Mach­art: Kurz soll­ten sie sein, die ein­zel­nen Sät­ze. Und trotz der Beschrän­kung in der Beset­zung sowie der gewollt leich­ten Auf­führ­bar­keit soll­te die Mes­se auch für den Zuhö­rer inter­es­sant sein. Mit Mit­teln des Pop und des Jazz hat Pfarr das geschafft, was bis­her noch kein Kom­po­nist getan hat: Mes­sen zu schrei­ben, die auch unter eher ungüns­ti­gen Bedin­gun­gen auf­zu­füh­ren sind und den­noch rich­tig gut klin­gen. Davon kann man sich nun auch pro­blem­los über­zeu­gen. Denn der Are-Ver­lag, der die Noten in den letz­ten Jah­ren suk­zes­si­ve ver­öf­fent­lich­te, hat nun auch eine CD mit den drei bis­her erschie­nen Mes­sen aufgelegt. 
Eine rein Main­zer Pro­duk­ti­on ist es gewor­den, mit den Sän­gern der „Cap­pel­la Voca­li­tas“ und dem Orga­nis­ten Andre­as Leuck. „Eigent­lich“, erzählt der Ver­lags­lei­ter Hans-Jür­gen Fickel-Schatz, „eigent­lich woll­ten wir das nur als Anre­gung für die Chor­lei­ter auf­neh­men und den Noten bei­le­gen.“ Aber die CD gelang auf Anhieb so gut, dass es sie nun auch sepa­rat gibt. Und wer die­se beru­hi­gend-medi­ta­ti­ve, far­bi­ge Musik aus Mainz kauft, unter­stützt damit auch noch den Dom­bau­ver­ein mit drei Euro pro CD.
Chris­ti­an Pfarr: Drei Mes­sen für Scho­la und Orgel. Cap­pel­la Voca­li­tas & Andre­as Leuck, Orgel. Are 7018. Ver­kauf bei Radio Bau­er und in der Dom-Buch­hand­lung, 10 Euro. 3 Euro pro CD an Dombauverein.

ulrich schreiber ist tot

die süd­deut­sche teilt es heu­te mit: ulrich schrei­ber ist am don­ners­tag ver­stor­ben. er ist mir vor allem natür­lich als ver­fas­ser des vor­züg­li­chen „operfüh­rers für fort­ge­schrit­te­ne” bekannt gewor­den. der opern­füh­rer, der erst kürz­lich nach lan­ger, lan­ger zeit fer­tig wur­de, ist eines mei­ner liebs­ten nach­schla­ge und lese-wer­ke zur opern­ge­schich­te. denn schrei­ber ist damit viel mehr gelun­gen als ein eigent­lich opern­füh­rer: das ist zugleich auch eine veri­ta­ble opern­ge­schich­te, eine gro­ße essay-samm­lung zur oper im all­ge­mei­nen und ihren wer­ken, kom­po­nis­ten im beson­de­ren. auch wenn sei­ne urtei­le manch­mal für wis­sen­schaft­li­che leser etwas über­poin­tiert und arg sub­jek­tiv schei­nen mögen – mir hat sein kla­rer stand­punkt, den er ja immer auch durch luzi­de ana­ly­sen unter­mau­ern kann, stets aus­neh­mend gut gefallen. 

hans-klaus jung­hein­rich wür­digt schrei­ber in der heu­ti­gen frank­fur­ter rund­schau sehr: „Kaum ein ande­rer Musik­schrift­stel­ler des 20. Jahr­hun­derts hin­ter­ließ ein so wert­vol­les Erbe.”

das erste intervall-training

so, heu­te war es soweit: mein neu­er trai­nings­plan sah heu­te das ers­te inter­vall­trai­ning vor. ich war ja doch etwas gespannt, wie das lau­fen wür­de – aber es lief ziem­lich gut. ok, ich war eigent­lich immer zu schnell (für mich eher unge­wöhn­lich …), sowohl in den fünf schnel­len 1,2 km als auch in den 600m-trab­pau­sen. immer­hin ken­ne ich jetzt auch das main­zer hoch­schul­sta­di­on – das wur­de ja auch zeit … heu­te abend war wenig los, immer so 2 bis 5 leu­te neben mir. und es ist, wie ich fest­stel­len konn­te, gar nicht so unan­ge­nehm, auf der tar­tan­bahn zu lau­fen. das ist doch erheb­lich wei­cher als asphalt oder gar pflas­ter­stei­ne. klar, es wird mit der zeit ein wenig stu­pi­de, immer in 400-meter-run­den im kreis zu tra­ben. aber es gibt ja zur abwechs­lung auch noch die fin­nen­bahn. die hart zwar einen ande­ren unter­grund, der auch sehr ange­nehm ist: wei­cher mulch­bo­den. aber an der tat­sa­che, das man immer mun­ter im kreis her­um­rennt, ändert das auch wei­ter nichts – der kreis ist jetzt halt 100 meter länger …

früher war alles besser: die neue taz-online

ja wirk­lich, in die­sem fall stimmt es: frü­her war alles bes­ser. das design der online-taz fand ich frü­her gera­de des­halb gut, weil es so schlicht, fast gar nicht vor­han­den, war: da stand – wie es sich für eine web­sei­te einer tages­zei­tung gehört – der text abso­lut im mit­tel­punkt. jetzt ist das anders. aber bei­na­he hät­te ich das auch noch nicht ein­mal mit­be­kom­men, nur dank der medi­en­le­se habe ich davon wind bekom­men. und natür­lich ist allen auf­ge­fal­len, dass die taz jetzt nicht mehr rot, son­dern schwarz ist. und zwar sehr, sehr schwarz. war­um? wozu? kei­ne ahnung .… aber irgend­wie passt das: man hat (manch­mal) den ein­druck, die taz schämt sich ihrer selbst. das war schon bei der neu­ge­stal­tung der sei­te 1 so – da ver­schwand ja zum bei­spiel die tat­ze und wur­de nur nach mas­si­ven pro­tes­ten der leser wie­der not­dürf­tig ein­ge­flickt. genau­so ist es mit der inter­net-sei­te: die tat­ze und das taz-logo sind nur noch in mikro­sko­pi­scher grö­ße zu fin­den. dafür ver­sucht die netz-taz auch mit viel auf­wand, ihre her­kunft aus der redak­ti­on einer tages­zei­tung zu ver­tu­schen: ent­schleu­ni­gung wol­len sie (im edi­to­ri­al steht unter ande­rem das) – das sieht in der tat (auch inhalt­lich) mehr wie ein maga­zin als eine aktu­el­le zei­tung aus – aller­dings wie ein ziem­lich x‑beliebiges maga­zin. die leser-reak­tio­nen sind denn auch ent­spre­chend able­hend oder wenigs­tens durch­wach­sen. scha­de eigentlich …

p.s.: gera­de eben ist mir noch auf­ge­fal­len: die neue sei­te scheint tat­säch­lich kei­nen rss-feed zu haben (mit aus­nah­me der blogs). wozu man das gan­ze dann im look des aktu­el­len web gestal­tet, erschließt sich mir nun gar nicht mehr.

p.p.s.: auch die tita­nic hat eine mei­nung zur neu­en taz.

zunächst der text, den ich an die main­zer rhein-zei­tung gelie­fert habe:

Ein­mal im Jahr ist erst­klas­si­ger Jazz auch in Mainz zu Hau­se. Denn wenn der SWR und das Land den SWR-Jazz­preis ver­ge­ben, dann müs­sen – so will es die Tra­di­ti­on – die Emp­fän­ger sich auch bewei­sen. Und den Main­zern wird so regel­mä­ßig ein Häpp­chen impro­vi­sier­ter Musik von Welt­ni­veau ser­viert. In die­sem Jahr war der Ber­li­ner Pia­nist Alex­an­der von Schlip­pen­bach für das Menü zustän­dig. Zunächst, und auch das ist eine schö­ne Tra­di­ti­on im Foy­er des Main­zer Funk­hau­ses, muss­te der Preis­trä­ger solis­tisch an die Arbeit. 
Er macht das mit der Prä­zi­si­on eines Chir­ur­gen – aber auch mit mehr Ener­gie als ein Kern­kraft­werk frei­setzt. Vor allem aber spielt er mit unge­zü­gel­ter Lei­den­schaft: Bes­ser als jede bewusst­seins­er­wei­tern­de Dro­ge ver­set­ze er das Publi­kum in einen Rausch­zu­stand, aus dem kei­ner unver­än­der und unbe­rührt zurück­keh­ren kann. Denn das größ­te, was von Schlip­pen­bach hier leis­tet, ist die unge­zwun­ge Leben­dig­keit sei­ner Musik: Da ist wirk­lich nahe­zu jeder Ton per­fekt an sei­nem Platz und in sei­ner Wir­kung. Und doch atmet jeder Klang pure Frei­heit – Frei­heit, die nur durch den Ver­zicht auf Sicher­heit mög­lich wird. Dafür war der zwei­te Teil des Preis­trä­ger­kon­zer­tes ein noch bes­se­rer Beweis. Denn nach der offi­zi­el­len Über­ga­be der Urkun­de – den Scheck über 10.000 Euro, den SWR und das Land gemein­sam finan­zie­ren, hat­te er schon vor­her erhal­ten – kam er mit zwei ganz alten Weg­ge­fähr­ten auf die Büh­ne: Dem Saxo­pho­nis­ten Evan Par­ker und dem Schlag­wer­ker Paul Lovens. Die­se Drei sind schon über vier­zig Jah­re gemein­sam immer an vor­ders­ter Front im Kampf für den euro­päi­schen Free Jazz unter­wegs. Und der fast sieb­zig­jäh­ri­ge von Schlip­pen­bach nutz­te dann auch gleich noch die Gele­gen­heit, den Radio-Chefs ins Gewis­sen zu reden: Mehr Sen­de­zeit und dafür weni­ger Prei­se ver­lang­te er – nahm aber den SWR aus­drück­lich von sei­ner Schel­te aus. Dann zeig­te er mit sei­nem Trio aber auch, war­um er sich eine sol­che For­de­rung leis­ten darf. Denn was die­se alten Käm­pen da im Foy­er hören lie­ßen, war immer noch weit­aus radi­ka­ler als fast alles, das sonst in Deutsch­land den Namen Jazz trägt. In bes­ter und gera­de­zu klas­si­scher Free-Jazz-Manier ent­fes­sel­ten die alten Her­ren Ener­gien von unglaub­li­chem Aus­maß. Sie tob­ten und ras­ten durch ihren akus­ti­sche Kos­mos, sie brüll­ten und fauch­ten, häm­mer­ten und mei­ßel­ten Klang­bä­der aus kochen­dem Stahl. Aber sie beschränk­ten sich nie aufs rein Destruk­ti­ve, sie bän­dig­ten den Furor immer wie­der recht­zei­tig. Ob in den rasan­ten unend­li­chen Saxo­phon­so­li, den unge­bän­dig­ten Klang­for­schun­gen des Schlag­wer­kers oder den fas­zi­nie­rend prä­zi­sen, mes­ser­schar­fen Beglei­tun­gen von Alex­an­der von Schlip­pen­bach, die sich immer wie­der zu gran­di­os poin­tier­ten Soli aus­wei­te­ten: Stets spiel­ten die drei beängs­ti­gend eng zusam­men, immer blick­ten sie nur nach vorn und lie­fen doch nie ins Lee­re, son­de­ren fan­den immer wie­der Halt in der Frei­heit ihrer Aus­drucks­kraft – bis zur Erschöp­fung aller Beteiligten.
und das waren mei­ne notizen:
alex­an­der von schlip­pen­bach solo:
  • theo­re­tisch-struk­tu­rel­le raf­fi­nes­se – aber trotz­dem mehr als hauch der freiheit
  • weit­räu­mi­ge, groß­flä­chi­ge dra­ma­tur­gie: minu­ten­lan­ge aufbau-arbeiten
  • kräch­zend-hei­ser mit­sin­gend – oder mit füßen einen total absurd erschei­nen­den rhyth­mus mit­klop­fen, mitstampfend
  • unmit­tel­bar­keit: jede beschrei­bung die­ser musik klingt viel zu kom­pli­ziert: natür­lich ist das kom­ple­xe musik – aber eben so, dass sie kei­ne ver­rück­te theo­re­ti­sche übung bleibt, son­dern musik mit emo­tio­na­len gehal­ten, die sich unauf­hör­lich in herz und hirn frisst und bohrt, kei­nen unbe­tei­ligt, unbe­rührt lässt
  • manisch – wirkt so unver­schämt leicht, wie er sich stei­gert immer wei­ter, immer neue höhen erklimmt
  • auf­he­bung jeg­li­cher distanz und dif­fe­renz: er spielt nciht nur stü­cke, son­dern er ist musik (kli­schee!!), es bricht immer wie­der aus ihm her­aus – & weil er intel­li­gent genug ist, kann er es steu­ern (in tei­len, in abläufen …)
  • viel­falt des ausdrucks/​des materials 
    • kein ber­ser­ker – obwohl er ganz schon rein­hau­en kann
    • auch kein poe­ti­scher weich­spü­ler – auch wenn er manch­mal (kurz) ins träu­men gerät
  • lako­nisch v.a. in den schlüs­sen – oft bloß rei­ne abbrüche
  • swingt über­haupt nicht – das das muss jazz natür­lich schon lan­ge nicht mehr
  • irgend ein bas­tard aus kom­po­niert und impro­vi­siert, aus Neu­er Musik & Free Jazz – aber eine kreu­zung so raf­fi­niert, dass her­kunft oder gren­zen völ­lig ver­schwin­den, auf­ge­ben in syn­the­se, auf­ge­ho­ben wer­den (ganz streng im hegel­schen sin­ne nach oben!). sozu­sa­gen ein radi­ka­ler third stream (stimmt nat. über­haupt nicht) – ver­su­che dazu gab es zuhauf und meh­ren sich in letz­ter zeit auch wie­der – aber nur ganz, ganz sel­ten so fas­zi­nie­rend zwi­gend über­zeu­gend wie hier heute
  • oft ganz ein­fach nur wunderschön
  • set­list-anmer­kung von avs: t. monk, trink­le tink­le; e. dol­phy: some­thing sweet, some­thing ten­der & out there
  • „der pro­gres­si­ve jazz und die impro­vi­sier­te musik haben es weni­ger nötig, geför­dert und aus­ge­zeich­net zu wer­den, als von rund­funk­an­stal­ten pro­du­ziert und gesen­det zu wer­den“ – „lie­be freun­de, wacht auf, hört hin, gebt unse­rer musik den platz, der ihr zukommt:“ (alex­an­der von schlip­pen­bach bei der verleihung)

schip­pen­bach-trio

  • paul lovens, ein schlag­zeu­ger, der mehr auf becken zau­bert als trommelt
  • hard­core-free-jazz der güte­klas­se a – ver­rückt, dass das immer noch so frisch und unver­dor­ben ist/​sein kann
  • rasend, herz­schlag auf­peit­schend – bes­ser und bewusst­seins­er­wei­tern­der als jede droge
  • mehr ener­gie frei­set­zend als jedes akw – nur mit anders­ar­ti­ger kon­at­mi­na­ti­on – denn kapern das publi­kum, ver­pas­sen gehirn­wä­sche – was unter bedin­gun­gen gro­ßer frei­heit mög­lich ist, was der bewuss­te und gewoll­te ver­zicht auf psychische/​physische sicher­heit an gele­gen­hei­ten, mög­lich­kei­ten her­vor­brin­gen kann …
  • den neben ener­gie-clus­tern, ‑bom­ben, auch locke­res, offe­nes trio-spiel
  • bis zur (schein­bar) tota­len auflösung
  • drei beses­se­ne
  • eini­ge duos – ech­tes zusam­men­spiel, gegen­sei­ti­ges hel­fen statt wettkampf
  • da bleibt kein ton auf dem ande­ren, – etwa so, als wür­de man einen rasen­den ice in vol­ler fahrt umbau­en wollen
  • sprü­hen nicht nur fun­ken, son­dern auch schweißtropfen

so man­ches mal fragt man sich ja wirk­lich, was in deutsch­land los ist. das selt­sa­me geba­ren der main­zer uni­ver­si­täts­lei­tung hat mich ja erst kürz­lich beschäf­tigt (im zusam­men­hang mit der luft­han­sa-rekru­tie­rung). inzwi­schen ist es aber noch viel schlim­mer gewor­den. denn jetzt ist am rewi-gebäu­de eine info­box errich­tet wor­den. dort sol­len die aus- und umbau­maß­nah­men des cam­pus vor­ge­stellt wer­den. nur für wen ist das jetzt eigent­lich gedacht? auf dem cam­pus fin­den sich doch eh’ fast aus­schließ­lich stu­den­ten und ande­re uni­ver­si­täts-ange­hö­ri­ge. gut, dass die pla­ner die städ­te­bau­li­chen aspek­te des cam­pus in zukunft stär­ker berück­sich­ti­gen wol­len – dage­gen ist nix ein­zu­wen­den. aber in zei­ten, in denen fach­be­reichs­bi­blio­the­ken am aus­ge­streck­ten arm aus­ge­hun­gert wer­den, in denen es an allen ecken und enden an drin­gend not­wen­di­gem lehr­per­so­nal und räu­men fehlt, in sol­chen zei­ten für so einen über­flüs­si­gen pr-gag 320.000 euro (ja, wirk­lich: drei­hun­dert­zwan­zig­tau­send euro – so berich­tet es pr​-insi​de​.de !) aus­zu­ge­ben – das ist nicht nur dumm, son­dern unver­schämt. ganz abge­se­hen davon, dass ich nicht weiß, wass sie mit die­sen mas­sen an geld gemacht haben: der grund war ja schon da. das klei­ne, ein­stö­cki­ge büd­chen kann doch nicht ernst­haft über drei­hun­dert­tau­send euro gekos­tet haben – da kann man ja zwei ein­fa­mi­li­en­häu­ser für errich­ten. und dann ist die­se bahn­bre­chen­de ein­rich­tung (die ganz unbe­schei­den der „red box” in ber­lin (am pots­da­mer platz) nach­emp­fun­den sein soll), gera­de mal vier (!) stun­den werk­tags geöff­net – so ver­heißt es der offi­zi­el­le „Fly­er”. also bes­ser kann man geld eigent­lich gar nicht mehr nutz­los verbraten.

laufen nach plan

auch wenn ich zunächst in der ver­gan­gen­heit eine ande­re mei­nung ver­tre­ten habe: seit zwei tagen lau­fe ich nach einem trai­nings­plan. genau­er gesagt, dem trai­nings­plan-sys­tem von vic­tor röth­lin, genannt vic­sys­tem. ich weiß jetzt zwar, dass ich es auch ohne kann – der mara­thon hat ja auch so geklappt. aber in den letz­ten wochen habe ich immer wie­der mal über­legt, was für zie­le ich mr läu­fe­risch noch set­zen kann und soll, nach­dem ich den mara­thon so über­ra­schend schnell und gut schon abge­hakt habe … und da schien er mir doch inter­es­sant, mal aus­z­pro­bie­ren, wie­viel leis­tung ich aus mir mit einem trai­nings­plan her­aus­ho­len kann. das nächs­te ziel ist jetzt auf jeden fall eine neue best­zeit beim halb­ma­ra­thon in güt­ters­bach am 11. august. und dafür heißt es jetzt erst ein­mal, wie­der tem­po zu trai­nie­ren, nach­dem ich vor dem mara­thon vor allem auf die fähig­keit, lan­ge halb­wegs gleich­mä­ßig zu lau­fen, wert gelegt hat­te. das vic­sys­tem habe ich gewählt, weil mir die plä­ne recht ver­nünf­tig schei­nen – nicht so schnell an anspruchs­voll wie die greif-trai­nings­plä­ne (vor allem nicht mit des­sen doch sehr gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen pseu­do-moti­va­tions-geschreib­seln); weil sie sich dyna­misch mei­nem lauf­ver­hal­ten anpas­sen und nicht zuletzt, weil sie im ver­gleich sehr güns­tig sind.

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