und haut dabei schön auf die kollegen von der süddeutschen ein. denn die, so suggeriert jens jessen, hätten die restaurierung von fassbinders berlin alexanderplatz nur deshalb verteidigt, weil die entsprechenden dvds in ihrem laden vertrieben werden. das mag ja sogar so sein – wobei ich das nicht annehme, denn die aufsicht über die restaurierung und insbesondere die in frage stehende aufhellung hatte fassbinders kameramann, der ja so ungefährt wissen dürfte, wie das ganze mal gedacht war. es mag also sein, wie es will. und natürlich sind die ganzen nebengeschäfte mir auch ein dorn im auge. aber wenn das in der zeit kritisiert wird, so ist das bloß hypokritisch. und sein schlusssatz zeigt außerdem, dass er das wahre problem (er beschwört ja auch weniger die möglichkeit der tatsächlichen bestechung, sondern den glaubwürdigkeitsverlust alleine durch den argwohn, den diese möglichkeit auslöst) wenn vielleicht auch nicht verkennt, so doch herunterspielt: „Zeitungen, die Nebengeschäfte treiben […], müssen höllisch aufpassen, die filigrane Grenze zwischen redaktionellem Urteil und Werbung in eigener Sache nicht zu verwischen.” denn diese grenze ist doch nun wirklich überhaupt nicht filigran, sie ist ganz schnurgerade und deutlich zu erkennen – überschritten wird sie von den kollegen der zeit genau wie von denen der süddeutschen (und all den anderen medien auch) regelmäßig und – so behaupte ich – durchaus in voller absicht und kenntnis.
- Da hat er sich wieder etwas ausgedacht, der Michelstädter Kirchenmusiker Hans-Joachim Dumeier: „Eine große Nachtmusik“. Und groß ist die Musik in vielerlei Hinsicht. Auch wenn er sich die (fast) kürzeste Nacht des Jahres für sein neuestes Experiment ausgesucht hat. Ein Versuch ist es, die ganze Nacht hindurch zu musizieren und dabei „den Verlauf der Nacht auch musikalisch zu erleben“, wie Dumeier seine Idee erläutert. Doch die Michelstädter sind das nächtliche Zuhören inzwischen offenbar gewöhnt – die Stadtkirche war jedenfalls gut gefüllt.
- Zunächst musste aber der Tag verabschiedet werden – noch war es draußen ja auch recht hell, die Dämmerung hatte ja gerade erst eingesetzt. Hans-Joachim Dumeier und Wolfgang Körber taten das zusammen, an der Orgel, mit Andreas Willschers „Sterbender Tag in Mähren“. Dieser Tag in Mähren ist aber recht hartnäckig, er stirbt nur zögerlich und mit einem kräftigen Aufbäumen. Mit dieser kurzen, minimalistisch beeinflussten Musik war das Publikum dann bestens eingestimmt auf das, was da noch alles kommen sollte.
- Stück für Stück ging es in der folgenden Stunde dann tiefer ins Dunkel der Nacht. Noch war unter dem Motto „Nachklänge des Tages“ allerdings einiges zu verarbeiten an Erlebnissen und Gedanken. Florian und Elke Vogelsang taten das etwa mit der vielschichtigen „Arpeggione-Sonate“ von Franz Schubert. Bevor nun aber an Nachtruhe zu denken war, ließen Katharina Gerbig und Daniel Heck mit ihren Blockflöten-Duos erst noch die Szenerie einer abendlichen Gesellschaft aufscheinen. Und ihre vorzüglich musizierte Auswahl vom Barock bis zur Jetztzeit stellte nebenbei auch die Familie der Blockflöten vor.
- Doch damit war das Tagwerk vorerst zu Ende, nun zog der musikalische Mondschein in die Kirche ein – optisch vertreten durch die Kerzenbeleuchtung. Die Klassiker dazu spielte Sungma Schäffter: Den Anfang von Beethovens Mondscheinsonate und natürlich ein gefühlvolles, zum Glück aber jeden Anflug von Sentimentalität vermeidendes „Claire de Lune“ von Claude Debussy.
- Kurz vor Mitternacht wurd es dann wieder spannender und nervenaufreibender: Das lag zunächst Martin Engel, der vor allem mit Chopins erstem Scherzo eine hochdramatische, wild-rasende Fahrt in dunkle und komplex verwinkelte Traumwelten anbot. Zu Beginn der Geisterstunde zeigten Wolfgan Körber und Ernst Ruppert mit Camille Saint-Saens „Danse macabre“ die finstren, moribunden Gestalten, die nun aus ihren Löchern kriechen. Während anständige Bürger solche Schauergeschichten tiefschlafend ignorieren, sind unterdessen noch ganz andere Figuren unterwegs: Denn um diese Zeit der Nacht kommt so mancher erst richtig in Fahrt. Die Jazz-Fans zum Beispiel. Die porträtierte Christoph Schöpsdau vor allem mit seiner Version des Theolonius-Monk-Stanards „‘round midnight“. Aber auch die Mitte der Nacht blieb in der Stadtkirche nicht den Amüsierwilligen überlassen: Peter Martin stellte mit George Crumbs „Around midnight“, das Monks Klassiker in vielfältiger Weise verabeitet und varriert, avantgardistiche Hochkultur ans Ende dieser Stunde.
- Danach freilich musst die E‑Musik doch das Feld räumen. Die Big-Band der Musikschule Odenwald gab unter der Leitung von Jakob März eine Menge Klassiker des Swing zum Besten. Aber auch die Tanzwütigsten müssen irgendwann einmal schlafen und träumen. Und nach einem schlafwandlerischen Ausflug in fremde, vorwiegend südländische Länder, graute dann auch schon der Morgen – und die ersten Vögel fangen an zu lärmen und singen. Dafür musste natürlich Olivier Messiaen herhalten, bevor mit der sanften „Morgenstimmung“ des Edvard Grieg die Nacht ganz friedlich und behutsam ausklang. Und wer sich das alles angehört hat, der hat mit Sicherheit mehr als genug Musik für die ganze Woche getankt – und er darf dann auch mal den Tag verschlafen.
- Jasper van‘t Hof ist so ein musikalisches Chamäleon, das man nur immer wieder staunend beobachten kann – was hat dieser Pianist im Laufe seiner langen Karriere nicht schon alles gemacht! Vom klassischen Modern Jazz unternahm er immer wieder Ausflüge in alle Richtungen, zur klassischen und vor allem zur Weltmusikt. Und nicht einmal Kirche ist ihm heilig – auch die Orgel eroberte er sich längst für seinen Jazz. Genau das Richtige also für die Eröffnung des Jazzsommers in der Christuskirche. Denn der fing damit sehr vielversprechend an. „Duolog“ hat van‘t Hof sein Konzert überschrieben, denn er war dieses Mal nicht alleine auf der Orgelempore: Der Saxofonist Ulli Jünemann leistete ihm Gesellschaft. Aber die Verhältnisse waren sehr klar: Der Organist ist hier der Chef. Und der Bläser darf sich ab und an mehr oder weniger zaghaft hinzugesellen, darf für etwas mehr Abwechslung und Farbe sorgen. Denn bei aller Virtuosität, die der niederländische Jazzer an den Tag legte: Die Möglichkeiten der Orgel nutzte er nur sehr beschränkt, sie schien unter seinen Händen nur als ein etwas spezieller Synthesizer zu fungieren. Seine Registerauswahl blieb sehr einseitig und lückenhaft. Er schien mit dem Instrument der Christuskirche auch überhaupt nicht vertraut: Immer wieder probierte er mal dieses oder jenes Register mitten im Spiel, um zu hören, was passiert. Es spricht aber für ihn, wie er mit der Situation umging: Denn die so gesehen mangelhafte Vorbereitung nutzte er immer wieder als kreative Anstöße für seine Improvisationen.
- Die erscheinen die meiste Zeit ausgesprochen filmisch. Veritable Hörfilme sind es, kleine Expeditionen ins farbträchtige und faszinierende Reich der Naturschönheit vielleicht. Auf jeden Fall eröffnen sie der Phantasie und Vorstellungskraft des Zuhörers weite Räume. Und aus den weit ausladenden Panoramen, die van‘t Hof mit seinen metrisch vertrackten Melodien und minimalistische-repetiven Begleitfiguren entwickelt, entsteht dann immer wieder, den ganz langsamen Kameraschwenks und ihrer kaum merklichen Perspektivverschiebung gleich, neue Zusammenhänge. Überall findet er neue Schönheiten, kleine Arabesken und verschnörkelte Linien, die nur einen Sinn und eine Daseinsberechtigung haben: das Publikum zu erfreuen. Und auch wenn seine Methoden leicht zu durchschauen sind und seine Improvisationen nicht immer vor Inspiration sprühen, so gelingt ihm doch genau das: Eine akustische Reise in ein irreales, geträumtes Land der Schönheit, ohne die lästigen Sorgen und Gefahren des alltäglichen Lebens.
anlässlich der veröffentlichung einer cd mit den aufnahmen seiner drei messen für schola und orgel habe ich für die mainzer rhein-zeitung ein porträt von christian pfarr angefertigt:
- Christian Pfarr ist ein gemütlicher Unterfranke, der seit seinem Studium in Mainz hängengeblieben ist und nun seit fast dreißig Jahren hier lebt und arbeitet. Unaufgeregt erzählt er von seinen künstlerischen Arbeiten und kommt dabei schnell ins Plaudern. Er hat aber auch viel zu sagen, denn trotz seines behäbigen Äußeren ist er ausgesprochen aktiv: Als Komponist und als Autor hat er eine beeindruckende Werkliste vorzuweisen. Und ein Ende ist nicht abzusehen, er findet immer neue Projekte, die seiner Worte oder seiner Musik bedürfen. Denn Pfarr ist auf beiden Gebieten gleichermaßen beschlagen.
- Angefangen hat er als Sachbuchautor, als Spezialist für Schlager, Blues und Jazz. Daraus entstanden dann bald schon die ersten Romane und Erzählungen – gerne etwas komödiantisch angehaucht und mit Elementen der Kriminalliteratur angereichert.
- Und wenn beim Schreiben mal nicht mehr weiter weiß, dann komponiert er eben erst einaml wieder etwas. Oder er schreibt etwas für einen Kollegen der Komponistenzunft: So ist Pfarr, der sich selbst schon mal als „Reimmaschine“ tituliert, auch als Librettist des Rockoratoriums „Weihnachten 21“ von Reimund Hess hervorgetreten.
- Doch gerade wenn es um die Musik geht, weiß er sehr genau, wo seine Wurzeln sind: „Rock ist meine musikalische Muttersprache – da muss schon ordentlich hingelangt werden.“ Auf diesem Gebiet und den angrenzenden Arealen hat er auch die meiste Erfahrung. Sei es eben als Sachbuchautor oder als Komponist: Angefangen hat er mit Jazzrock-Werken. Doch bald kamen immer mehr Songs und Chansons hinzu. Auch als Komponist hat er schon so ziemlich alles mögliche gemacht. Sein Hauptberuf als Redakteur beim SWR macht das möglich. Denn so muss er nicht darauf achten, mit der Musik auch noch Geld zu verdienen. Und er kann immer in aller Ruhe auf den zündenden Einfall, die initiale Inspiration waren.
- Und jetzt ist er bei Messvertonungen angelangt. Dabei muss er eingestehen: „Mit klassischer Kirchenmusik habe ich nie viel anfangen können.“ Der Einfall zu den mittlerweile vier Messen kam ihm ganz spontan: „Ich hatte noch ein paar unverwertete Melodien im Kopf, als es mir in den Sinn kam, daraus eine Messe zu machen.“ Geworden ist es die „Missa Serena“ für Schola und Orgel. Das ist das Besondere daran: Die Besetzung – nicht für vielstimmigen Chor mit Solisten, sondern für einen einstimmigen Chor oder auch eine singende Gemeinde. Daraus entstand dann auch die Machart: Kurz sollten sie sein, die einzelnen Sätze. Und trotz der Beschränkung in der Besetzung sowie der gewollt leichten Aufführbarkeit sollte die Messe auch für den Zuhörer interessant sein. Mit Mitteln des Pop und des Jazz hat Pfarr das geschafft, was bisher noch kein Komponist getan hat: Messen zu schreiben, die auch unter eher ungünstigen Bedingungen aufzuführen sind und dennoch richtig gut klingen. Davon kann man sich nun auch problemlos überzeugen. Denn der Are-Verlag, der die Noten in den letzten Jahren sukzessive veröffentlichte, hat nun auch eine CD mit den drei bisher erschienen Messen aufgelegt.
- Eine rein Mainzer Produktion ist es geworden, mit den Sängern der „Cappella Vocalitas“ und dem Organisten Andreas Leuck. „Eigentlich“, erzählt der Verlagsleiter Hans-Jürgen Fickel-Schatz, „eigentlich wollten wir das nur als Anregung für die Chorleiter aufnehmen und den Noten beilegen.“ Aber die CD gelang auf Anhieb so gut, dass es sie nun auch separat gibt. Und wer diese beruhigend-meditative, farbige Musik aus Mainz kauft, unterstützt damit auch noch den Dombauverein mit drei Euro pro CD.
- Christian Pfarr: Drei Messen für Schola und Orgel. Cappella Vocalitas & Andreas Leuck, Orgel. Are 7018. Verkauf bei Radio Bauer und in der Dom-Buchhandlung, 10 Euro. 3 Euro pro CD an Dombauverein.
die süddeutsche teilt es heute mit: ulrich schreiber ist am donnerstag verstorben. er ist mir vor allem natürlich als verfasser des vorzüglichen „operführers für fortgeschrittene” bekannt geworden. der opernführer, der erst kürzlich nach langer, langer zeit fertig wurde, ist eines meiner liebsten nachschlage und lese-werke zur operngeschichte. denn schreiber ist damit viel mehr gelungen als ein eigentlich opernführer: das ist zugleich auch eine veritable operngeschichte, eine große essay-sammlung zur oper im allgemeinen und ihren werken, komponisten im besonderen. auch wenn seine urteile manchmal für wissenschaftliche leser etwas überpointiert und arg subjektiv scheinen mögen – mir hat sein klarer standpunkt, den er ja immer auch durch luzide analysen untermauern kann, stets ausnehmend gut gefallen.
hans-klaus jungheinrich würdigt schreiber in der heutigen frankfurter rundschau sehr: „Kaum ein anderer Musikschriftsteller des 20. Jahrhunderts hinterließ ein so wertvolles Erbe.”
so, heute war es soweit: mein neuer trainingsplan sah heute das erste intervalltraining vor. ich war ja doch etwas gespannt, wie das laufen würde – aber es lief ziemlich gut. ok, ich war eigentlich immer zu schnell (für mich eher ungewöhnlich …), sowohl in den fünf schnellen 1,2 km als auch in den 600m-trabpausen. immerhin kenne ich jetzt auch das mainzer hochschulstadion – das wurde ja auch zeit … heute abend war wenig los, immer so 2 bis 5 leute neben mir. und es ist, wie ich feststellen konnte, gar nicht so unangenehm, auf der tartanbahn zu laufen. das ist doch erheblich weicher als asphalt oder gar pflastersteine. klar, es wird mit der zeit ein wenig stupide, immer in 400-meter-runden im kreis zu traben. aber es gibt ja zur abwechslung auch noch die finnenbahn. die hart zwar einen anderen untergrund, der auch sehr angenehm ist: weicher mulchboden. aber an der tatsache, das man immer munter im kreis herumrennt, ändert das auch weiter nichts – der kreis ist jetzt halt 100 meter länger …
ja wirklich, in diesem fall stimmt es: früher war alles besser. das design der online-taz fand ich früher gerade deshalb gut, weil es so schlicht, fast gar nicht vorhanden, war: da stand – wie es sich für eine webseite einer tageszeitung gehört – der text absolut im mittelpunkt. jetzt ist das anders. aber beinahe hätte ich das auch noch nicht einmal mitbekommen, nur dank der medienlese habe ich davon wind bekommen. und natürlich ist allen aufgefallen, dass die taz jetzt nicht mehr rot, sondern schwarz ist. und zwar sehr, sehr schwarz. warum? wozu? keine ahnung .… aber irgendwie passt das: man hat (manchmal) den eindruck, die taz schämt sich ihrer selbst. das war schon bei der neugestaltung der seite 1 so – da verschwand ja zum beispiel die tatze und wurde nur nach massiven protesten der leser wieder notdürftig eingeflickt. genauso ist es mit der internet-seite: die tatze und das taz-logo sind nur noch in mikroskopischer größe zu finden. dafür versucht die netz-taz auch mit viel aufwand, ihre herkunft aus der redaktion einer tageszeitung zu vertuschen: entschleunigung wollen sie (im editorial steht unter anderem das) – das sieht in der tat (auch inhaltlich) mehr wie ein magazin als eine aktuelle zeitung aus – allerdings wie ein ziemlich x‑beliebiges magazin. die leser-reaktionen sind denn auch entsprechend ablehend oder wenigstens durchwachsen. schade eigentlich …
p.s.: gerade eben ist mir noch aufgefallen: die neue seite scheint tatsächlich keinen rss-feed zu haben (mit ausnahme der blogs). wozu man das ganze dann im look des aktuellen web gestaltet, erschließt sich mir nun gar nicht mehr.
zunächst der text, den ich an die mainzer rhein-zeitung geliefert habe:
- Einmal im Jahr ist erstklassiger Jazz auch in Mainz zu Hause. Denn wenn der SWR und das Land den SWR-Jazzpreis vergeben, dann müssen – so will es die Tradition – die Empfänger sich auch beweisen. Und den Mainzern wird so regelmäßig ein Häppchen improvisierter Musik von Weltniveau serviert. In diesem Jahr war der Berliner Pianist Alexander von Schlippenbach für das Menü zuständig. Zunächst, und auch das ist eine schöne Tradition im Foyer des Mainzer Funkhauses, musste der Preisträger solistisch an die Arbeit.
- Er macht das mit der Präzision eines Chirurgen – aber auch mit mehr Energie als ein Kernkraftwerk freisetzt. Vor allem aber spielt er mit ungezügelter Leidenschaft: Besser als jede bewusstseinserweiternde Droge versetze er das Publikum in einen Rauschzustand, aus dem keiner unveränder und unberührt zurückkehren kann. Denn das größte, was von Schlippenbach hier leistet, ist die ungezwunge Lebendigkeit seiner Musik: Da ist wirklich nahezu jeder Ton perfekt an seinem Platz und in seiner Wirkung. Und doch atmet jeder Klang pure Freiheit – Freiheit, die nur durch den Verzicht auf Sicherheit möglich wird. Dafür war der zweite Teil des Preisträgerkonzertes ein noch besserer Beweis. Denn nach der offiziellen Übergabe der Urkunde – den Scheck über 10.000 Euro, den SWR und das Land gemeinsam finanzieren, hatte er schon vorher erhalten – kam er mit zwei ganz alten Weggefährten auf die Bühne: Dem Saxophonisten Evan Parker und dem Schlagwerker Paul Lovens. Diese Drei sind schon über vierzig Jahre gemeinsam immer an vorderster Front im Kampf für den europäischen Free Jazz unterwegs. Und der fast siebzigjährige von Schlippenbach nutzte dann auch gleich noch die Gelegenheit, den Radio-Chefs ins Gewissen zu reden: Mehr Sendezeit und dafür weniger Preise verlangte er – nahm aber den SWR ausdrücklich von seiner Schelte aus. Dann zeigte er mit seinem Trio aber auch, warum er sich eine solche Forderung leisten darf. Denn was diese alten Kämpen da im Foyer hören ließen, war immer noch weitaus radikaler als fast alles, das sonst in Deutschland den Namen Jazz trägt. In bester und geradezu klassischer Free-Jazz-Manier entfesselten die alten Herren Energien von unglaublichem Ausmaß. Sie tobten und rasten durch ihren akustische Kosmos, sie brüllten und fauchten, hämmerten und meißelten Klangbäder aus kochendem Stahl. Aber sie beschränkten sich nie aufs rein Destruktive, sie bändigten den Furor immer wieder rechtzeitig. Ob in den rasanten unendlichen Saxophonsoli, den ungebändigten Klangforschungen des Schlagwerkers oder den faszinierend präzisen, messerscharfen Begleitungen von Alexander von Schlippenbach, die sich immer wieder zu grandios pointierten Soli ausweiteten: Stets spielten die drei beängstigend eng zusammen, immer blickten sie nur nach vorn und liefen doch nie ins Leere, sonderen fanden immer wieder Halt in der Freiheit ihrer Ausdruckskraft – bis zur Erschöpfung aller Beteiligten.
- und das waren meine notizen:
alexander von schlippenbach solo:
- theoretisch-strukturelle raffinesse – aber trotzdem mehr als hauch der freiheit
- weiträumige, großflächige dramaturgie: minutenlange aufbau-arbeiten
- krächzend-heiser mitsingend – oder mit füßen einen total absurd erscheinenden rhythmus mitklopfen, mitstampfend
- unmittelbarkeit: jede beschreibung dieser musik klingt viel zu kompliziert: natürlich ist das komplexe musik – aber eben so, dass sie keine verrückte theoretische übung bleibt, sondern musik mit emotionalen gehalten, die sich unaufhörlich in herz und hirn frisst und bohrt, keinen unbeteiligt, unberührt lässt
- manisch – wirkt so unverschämt leicht, wie er sich steigert immer weiter, immer neue höhen erklimmt
- aufhebung jeglicher distanz und differenz: er spielt nciht nur stücke, sondern er ist musik (klischee!!), es bricht immer wieder aus ihm heraus – & weil er intelligent genug ist, kann er es steuern (in teilen, in abläufen …)
- vielfalt des ausdrucks/des materials
- kein berserker – obwohl er ganz schon reinhauen kann
- auch kein poetischer weichspüler – auch wenn er manchmal (kurz) ins träumen gerät
- lakonisch v.a. in den schlüssen – oft bloß reine abbrüche
- swingt überhaupt nicht – das das muss jazz natürlich schon lange nicht mehr
- irgend ein bastard aus komponiert und improvisiert, aus Neuer Musik & Free Jazz – aber eine kreuzung so raffiniert, dass herkunft oder grenzen völlig verschwinden, aufgeben in synthese, aufgehoben werden (ganz streng im hegelschen sinne nach oben!). sozusagen ein radikaler third stream (stimmt nat. überhaupt nicht) – versuche dazu gab es zuhauf und mehren sich in letzter zeit auch wieder – aber nur ganz, ganz selten so faszinierend zwigend überzeugend wie hier heute
- oft ganz einfach nur wunderschön
- setlist-anmerkung von avs: t. monk, trinkle tinkle; e. dolphy: something sweet, something tender & out there
- „der progressive jazz und die improvisierte musik haben es weniger nötig, gefördert und ausgezeichnet zu werden, als von rundfunkanstalten produziert und gesendet zu werden“ – „liebe freunde, wacht auf, hört hin, gebt unserer musik den platz, der ihr zukommt:“ (alexander von schlippenbach bei der verleihung)
schippenbach-trio
- paul lovens, ein schlagzeuger, der mehr auf becken zaubert als trommelt
- hardcore-free-jazz der güteklasse a – verrückt, dass das immer noch so frisch und unverdorben ist/sein kann
- rasend, herzschlag aufpeitschend – besser und bewusstseinserweiternder als jede droge
- mehr energie freisetzend als jedes akw – nur mit andersartiger konatmination – denn kapern das publikum, verpassen gehirnwäsche – was unter bedingungen großer freiheit möglich ist, was der bewusste und gewollte verzicht auf psychische/physische sicherheit an gelegenheiten, möglichkeiten hervorbringen kann …
- den neben energie-clustern, ‑bomben, auch lockeres, offenes trio-spiel
- bis zur (scheinbar) totalen auflösung
- drei besessene
- einige duos – echtes zusammenspiel, gegenseitiges helfen statt wettkampf
- da bleibt kein ton auf dem anderen, – etwa so, als würde man einen rasenden ice in voller fahrt umbauen wollen
- sprühen nicht nur funken, sondern auch schweißtropfen
so manches mal fragt man sich ja wirklich, was in deutschland los ist. das seltsame gebaren der mainzer universitätsleitung hat mich ja erst kürzlich beschäftigt (im zusammenhang mit der lufthansa-rekrutierung). inzwischen ist es aber noch viel schlimmer geworden. denn jetzt ist am rewi-gebäude eine infobox errichtet worden. dort sollen die aus- und umbaumaßnahmen des campus vorgestellt werden. nur für wen ist das jetzt eigentlich gedacht? auf dem campus finden sich doch eh’ fast ausschließlich studenten und andere universitäts-angehörige. gut, dass die planer die städtebaulichen aspekte des campus in zukunft stärker berücksichtigen wollen – dagegen ist nix einzuwenden. aber in zeiten, in denen fachbereichsbibliotheken am ausgestreckten arm ausgehungert werden, in denen es an allen ecken und enden an dringend notwendigem lehrpersonal und räumen fehlt, in solchen zeiten für so einen überflüssigen pr-gag 320.000 euro (ja, wirklich: dreihundertzwanzigtausend euro – so berichtet es pr-inside.de !) auszugeben – das ist nicht nur dumm, sondern unverschämt. ganz abgesehen davon, dass ich nicht weiß, wass sie mit diesen massen an geld gemacht haben: der grund war ja schon da. das kleine, einstöckige büdchen kann doch nicht ernsthaft über dreihunderttausend euro gekostet haben – da kann man ja zwei einfamilienhäuser für errichten. und dann ist diese bahnbrechende einrichtung (die ganz unbescheiden der „red box” in berlin (am potsdamer platz) nachempfunden sein soll), gerade mal vier (!) stunden werktags geöffnet – so verheißt es der offizielle „Flyer”. also besser kann man geld eigentlich gar nicht mehr nutzlos verbraten.
auch wenn ich zunächst in der vergangenheit eine andere meinung vertreten habe: seit zwei tagen laufe ich nach einem trainingsplan. genauer gesagt, dem trainingsplan-system von victor röthlin, genannt vicsystem. ich weiß jetzt zwar, dass ich es auch ohne kann – der marathon hat ja auch so geklappt. aber in den letzten wochen habe ich immer wieder mal überlegt, was für ziele ich mr läuferisch noch setzen kann und soll, nachdem ich den marathon so überraschend schnell und gut schon abgehakt habe … und da schien er mir doch interessant, mal auszprobieren, wieviel leistung ich aus mir mit einem trainingsplan herausholen kann. das nächste ziel ist jetzt auf jeden fall eine neue bestzeit beim halbmarathon in güttersbach am 11. august. und dafür heißt es jetzt erst einmal, wieder tempo zu trainieren, nachdem ich vor dem marathon vor allem auf die fähigkeit, lange halbwegs gleichmäßig zu laufen, wert gelegt hatte. das vicsystem habe ich gewählt, weil mir die pläne recht vernünftig scheinen – nicht so schnell an anspruchsvoll wie die greif-trainingspläne (vor allem nicht mit dessen doch sehr gewöhnungsbedürftigen pseudo-motivations-geschreibseln); weil sie sich dynamisch meinem laufverhalten anpassen und nicht zuletzt, weil sie im vergleich sehr günstig sind.
