»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

garbarek und sein „sound out of silence“

Eigent­lich ist ja schon vor­her alles klar. Denn was soll schon Über­ra­schen­des pas­sie­ren, wenn Jan Gar­ba­rek mit sei­ner Grup­pe nach Mainz kommt. Immer­hin ist er die­ses Jahr schon zum drit­ten Mal beim Zelt­fes­ti­val. Aber ganz so ein­fach ist es dann doch nicht. Viel­leicht liegt es ja dar­an, dass die Män­ner inzwi­schen schon ordent­lich gereift sind. Viel­leicht hat aber auch Yuri Dani­el damit zu tun. Der ersetz­te den kran­ken Bas­sis­ten Eber­hard Weber – und er bringt Neu­es in das Spiel. Lan­ge­wei­le hat also kei­ne Chan­ce im Volks­park. Dabei waren es doch immer noch die glei­chen Zuta­ten, nur in einer ande­ren Zube­rei­tung. Vor allem gel­ten die alten Erfah­run­gen immer noch: Nor­di­sche Mys­tik haucht dies Musik aus. 
Ver­spon­nen und lan­ge Zeit bloß träu­mend zeigt sie eine ganz kla­re, rei­ne Schön­heit ohne Fremd­kör­per – ein pures Zau­ber­land aus Musik ist das , das trotz sei­ner Uni­ver­sa­li­tät doch immer irgend­wie klingt, wie nor­di­sche Land­schaf­ten aus­se­hen: Karg aber reiz­voll und rei­zend, unwirt­lich aber schön.
Der Saxo­pho­nist Jan Gar­ba­rek ist dabei der Zere­mo­nien­meis­ter, er behält die Fäden in der Hand. Wie ein kan­ti­ger, aske­ti­scher Guru steht er streng kon­zen­triert auf der Büh­ne. Ab und an lässt er sei­ne Mit­strei­ter von der Lei­ne des stren­gen Arran­ge­ments: Dann darf jeder von ihnen zei­gen, dass er auch ein vir­tuo­ser Pia­nist (Rai­ner Brü­ning­haus), ein fan­ta­sie­vol­ler Bas­sist, der ger­ne mit sich selbst um die Wet­te spielt (Yuri Dani­el) oder ein aber­wit­zig auf sei­ne Trom­meln ein­prü­geln­der Schlag­zeu­ger wie Manu Kat­ché ist. Sonst zei­gen die Vier vor allem, wie öko­no­misch sie mit ihrem Mate­ri­al umge­hen: Sie kön­nen Vier­tel­stun­den über drei Akkord­wech­sel und vier klei­ne Töne spie­len – ohne sich zu wiederholen. 
Denn immer wie­der ent­puppt sich Gar­ba­rek außer­dem als ein Meis­ter des Über­gangs. Nicht zufäl­lig hat das Kon­zert auch kei­ne Pau­se: Alles ist genaus­tes arran­giert und über­legt – und tut sei­ne Wir­kung. Denn das ist das wich­tigs­te die­ser Musik: Ihr magi­scher Effekt. Der hängt im Main­zer Zelt wesent­lich zusam­men mit der Mischung aus alten Klas­si­kern und neu­em Mate­ri­al – per­fekt ein­an­der ange­nä­hert. Denn die alten Hits haben sich beim jah­re­lan­gen Spie­len merk­lich ver­än­dert, aber über­haupt nicht abge­nutzt. Sie sind kla­rer und deut­li­cher in ihrer Form gewor­den, dafür ein gan­zes Stück kan­ti­ger und rau­her im Klang. Die abso­lu­te Rein­heit frü­he­rer Jah­re ist inzwi­schen einer authen­ti­sche­ren Form der Schön­heit gewichen.
Kein Wun­der, dass da das Publi­kum auch ganz gebannt und andäch­tig ver­zückt lauscht – und bei den weni­gen Gele­gen­hei­ten, die die Gar­ba­rek-Group ihm lässt, in Begeis­te­rung aus­bricht. Aber selbst der hart­nä­ckigs­te Applaus konn­te dem Quar­tett dann gera­de ein­mal eine ein­sa­me Zuga­be entlocken. 
so hab’ ich das für die rhein-zei­tung geschrie­ben. aber nach etwas nach­den­ken kamen doch noch eini­ge ein­wän­de, ideen: 
  • rai­ner brü­ning­haus ist eigent­lich der ein­zi­ge, der das idyll der hei­te­ren welt auf­bricht – wenigs­tens kurz­zei­tig. frei­lich macht er das auch immer nur so weit, dass er den boden nie unter den füßen und den siche­ren hafen der kon­ven­tio­nen nie aus dem blick verliert
  • das gefähr­li­che an dem kon­zept des mythi­schen gesei­res, der schein­bar unpro­ble­ma­ti­schen, unge­bro­che­nen, ja unbrech­ba­ren schön­heit der melo­dien und for­ma­len abläu­fe ist selbst­ver­ständ­lich die rei­ne aura der hei­len welt – ohne irgen­de eine bre­chung, da ist soviel aus gefühls­re­per­toire und den­ken der moder­ne und post­mo­der­ne inklu­si­ve der gan­zen welt des pop inte­griert, dass es scheint, als wäre das die ant­wort: der schein der beherr­schung, der mög­lich­keit des behar­rens auf dem ide­al der welt­frem­den kunst – aber ist doch eine gefähr­li­che ideo­lo­gie, weil das im all­tag, in der rea­li­tät gera­de nicht aus­reicht und des­halb zu frust füh­ren muss – aus dem man denn zu sol­cher musik, zu sol­chem kunst­hand­werk flieht – das gibt dann einen schö­nen zir­kel, einen ver­stär­ken­den kreis­lauf: der schein von frei­heit, wo kei­ne mehr ist z.b.
  • das ist schein­bar harm­los, weil sie nix sagt (die wort­lo­sig­keit ist natür­lich kein zufall!) – aber sie ist auf per­fi­de, unter­schwel­li­ge art durch­aus beredt. sie will nur nicht ver­stan­den oder ent­schlüs­selt wer­den: sie tut so, als hät­te sie eine lösung, eine ver­söh­nungs­mög­lich­keit, die fähig­keit zur inte­gra­ti­on von traum und rea­li­tät – aber die rea­li­tät bleibt ein ewi­ger fremd­köprer, es bleibt also immer ein traum, ein gefähr­li­cher traum. auch die abschot­tung im künst­lich dunk­len zelt mit­ten im hel­len som­mer ist natür­lich ein teil dessen

die sprachwissenschaft schafft es in die nachrichten

und sogar auf die ers­te sei­te der süd­deut­schen zei­tung. dort wird von einer stu­die (mehl et al. in sci­ence) berich­tet, die her­aus­fand, dass es für ihre ver­suchs­per­so­nen (stu­den­ten) sta­tis­tisch gese­hen kei­nen unter­schied zwi­schen män­nern und frau­en gibt, was die men­ge des spre­chens angeht. das wird jetzt über­all als gro­ße neu­ig­keit ange­prie­sen. aber als auf­merk­sa­mer lan­guage-log-leser muss ich da natür­lich inter­ve­nie­ren. denn mark liber­man berich­te­te dort schon am 6. august 2006, dass das gan­ze kaum mehr als ein urba­ner mythos ist und kei­nes­wegs durch stu­di­en und/​oder daten zu bele­gen ist. die aktu­el­le stu­die wird dort natür­lich auch kom­men­tiert. und hier gibt es noch eine gan­ze lis­te mit bei­trä­gen, die sich mit die­sem the­ma beschäf­ti­gen. das haben die jour­na­lis­ten bei ihrer „recher­che” aber lei­der über­se­hen ;-). soviel für heu­te zum the­ma „qua­li­täts­jour­na­lis­mus”.

thomas mann ist im internet

und er hat sei­ne ganz eige­ne sei­te, der ver­lag (fischer) hat sie ihm spen­diert, sie hört auf den prak­ti­schen namen tho​mas​mann​.de. das ist gar nicht mal so ganz schlecht gemacht, weil sich da immer­hin eini­ge brauch­ba­re infor­ma­tio­nen fin­den las­sen (gut, das design ist viel­leicht etwas augen­krebs-för­dernd und nicht all­zu über­sicht­lich). lus­tig wird es aber in der kate­go­rie „Aus Tho­mas Manns Wort­schatz”. die begrün­dung für die lis­te ist noch halb­wegs ernst zu nehmen:

Tho­mas Mann ver­wen­det gele­gent­lich Wör­ter, die nicht jedem Leser bekannt sind. Meist sind es Fremd­wör­ter, manch­mal aber auch außer Gebrauch gekom­me­ne deut­sche Wör­ter oder Fachwörter.

aber dann steht da so viel belang­lo­se, alt­be­kann­tes drin, dass sich doch irgend­wann die fra­ge stellt, für wen das eigent­lich gedacht ist. wenn man näm­lich einem leser so etwas erklä­ren muss:

Angel eine Spit­ze, vor­nehm­lich die Haken, in denen eine Tür hängt (tkr),

dann hilft doch wohl auch die­se lis­te nciht mehr. denn so jemand wird kaum vor dem pc sit­zend tho­mas mann lesen. vor allem lässt sich so ein leser bestimmt nicht von sol­chen erklä­run­gen begeis­tern und verführen:

Kon­ser­va­to­ri­um kei­ne Kon­ser­ven­fa­brik, son­dern eine Musik­hoch­schu­le (daf)

auf der sei­te gibt es übri­gens auch noch eine schma­le rubrik „Wis­sen­schaft und Lite­ra­tur­kri­tik”, eine kom­men­tier­te link­samm­lung (nicht sehr umfang­reich) und kur­ze abris­se zu den figu­ren tho­mas manns (wozu man so etwas braucht? – kei­ne ahnung). das gibt es aber im tho­mas-mann-figu­ren­le­xi­kon schon wesent­lich bes­ser (und ausführlicher)

brooks kann keine haltbaren schuhe bauen

zumin­dest kei­ne, die bei mir län­ger als 600 km hal­ten, ohne deut­li­che bles­su­ren davon zu tra­gen. die ers­ten an mei­nen füßen waren die adre­na­line gts 5. die hat­ten nach ca. 500 km (in 10 mona­ten) das pro­blem, dass alle vier obe­ren schnür­sen­kel­lö­cher weit aus­ge­ris­sen waren. run­ners point hat mir die dann nach eini­gen ver­hand­lun­gen auch umge­tauscht – auch wenn sie das pro­blem nicht kann­ten. als ersatz bekam ich dann die adre­na­line gts 6. die haben jetzt 670 km drauf und das ers­te loch fängt schon wie­der an aus­zu­rei­ßen. und die­ses mal ist auch schon das innen­fut­ter an der einen fer­se durch­ge­scheu­ert. schu­he, die der­ma­ßen viel geld kos­ten und aus­schließ­lich für das lau­fen gebaut wer­den, soll­te doch ein paar kilo­me­ter mehr aus­hal­ten. mei­ne new balan­ce 766 haben jetzt immer­hin 1000 km unter der soh­le gehabt und zei­gen noch kei­ner­lei abnut­zungs­er­schei­nun­gen – so wird das gemacht …

die akkreditierung der bildungswissenschaften ist vorerst gescheitert

die main­zer uni hat es tat­säch­lich geschafft – oder eben nicht. dem bache­lor-stu­di­en­gang „bil­dungs­wis­sen­schaf­ten” ist die akkre­di­tie­rung ver­wei­gert wor­den. bei der bege­hung letz­te woche, so berich­te­te ges­tern prof. seiff­ge-kren­ke in der psy­cho­lo­gie-vor­le­sung, waren die – eigent­lich offen­sicht­li­chen – män­gel sowohl der kon­zep­ti­on als auch der umset­zung und aus­stat­tung des stu­di­en­gangs offen­bar doch immer noch zu groß. wesent­li­che kri­tik­punk­te waren offen­bar: die feh­len­de bzw. unsi­che­re ver­an­ke­rung und (per­so­nel­le und finan­zi­el­le) aus­stat­tung der betei­lig­ten fächer sozio­lo­gie und psy­cho­lo­gie in den bil­dungs­wis­sen­schaf­ten (die durf­ten bei der kon­zep­ti­on offen­bar auch gar nicht groß mit­re­den). die unzu­rei­chen­de raum­si­tua­ti­on. die man­gel­haf­te betreu­ung des stu­di­en­gangs durch das päd­ago­gi­sche insti­tut. die unge­nü­gen­de kom­mu­ni­ka­ti­on die­ses insti­tu­tes. das gan­ze ist ja inso­fern beson­ders dra­ma­tisch und erschre­ckend, ja gera­de­zu scho­ckie­rend, als der über­gangs­stu­di­en­gang, in dem ich mich gera­de befin­de, ja eigent­lich schon den bache­lor-stu­di­en­gang vor­be­rei­ten soll­te. und aus den miss­stän­den, den unzäh­li­gen pro­tes­ten, vor allem aber dem orga­ni­sa­to­ri­schen und lei­der auch inhal­ti­chem cha­os der letz­ten jah­re haben die betei­lig­ten aber offen­bar – wenn ich das rich­tig ver­stan­den habe – über­haupt nichts gelernt. jeden­falls sind sie jetzt erst­mal kräf­tig auf die nase gefal­len und müs­sen das gan­ze noch ein­mal über­ar­bei­ten – eine eigent­lich ziem­lich pein­li­che schlap­pe nicht nur für die betei­lig­ten insti­tu­te, son­dern auch für die uni­ver­si­täts­lei­tung – schließ­lich ist die main­zer uni­ver­si­tät nach mei­nem kennt­nis­stand bis­her ganz all­ge­mein noch über­haupt nicht sehr weit gekom­men mit der akkre­di­tie­rung ihrer bache­lor-stu­di­en­gän­ge – und das soll­te doch eigent­lich schon bald erle­digt sein …

eine „theorie der unbildung“?

soviel gleich vor­weg: eine theo­rie der unbil­dung hat kon­rad paul liess­mann nicht geschrie­ben – auch wenn er sei­nen groß-essay so über­ti­tel hat. was er aber sehr schön und poin­tiert macht: mit dem mythos, eine wis­sens­ge­sell­schaft zeich­ne sich durch viel und hohe bil­dung aus, gründ­lich auf­zu­räu­men. er tut dies durch­aus sehr poin­tiert. wenn auch nicht außer­ge­wöhn­lich originell.

am her­vor­ste­chends­ten ist schon sei­ne ana­ly­se der augen­blick­li­chen mise­re (auch er muss natür­lich aner­ken­nen, dass sich das sys­tem der (aus-)bildung per­ma­nent in der kri­se befin­det) als eine erschei­nung der unbil­dung, die – im gegen­satz zu den reform­ver­su­chen der nach­kriegs­zeit – voll­kom­men auf den anschluss an den begriff der bil­dung ver­zich­tet, auch in der nega­ti­on nicht mehr auf ihn rekur­riert (und damit unter­schie­den ist von dem, was liess­mann in anschluss an ador­no als halb­bil­dung klassifiziert).

von dort aus ist es liess­mann dann ein leich­tes, eini­ge der grö­be­ren miss­stän­de anzu­pran­gern und vor­zu­füh­ren: das unent­weg­te schie­len nach rang­lis­ten­po­si­tio­nen etwa, dass mit bil­dung nie etwas zu tun haben kann, da die­se als qua­li­tät prin­zi­pi­ell nicht quan­ti­fi­zier­bar sei und damit auch nicht in rang­lis­ten oder ähn­lich ord­nun­gen über­führt wer­den kön­ne. oder die krank­heit der eva­lua­ti­on, die auf dem glei­chen miss­ver­ständ­nis beruht, zusätz­lich aller­dings beson­ders deut­lich auch noch gehei­me nor­ma­ti­ve vor­ga­ben (schon durch die art der fra­gen) ent­wi­ckelt und eta­bliert. und immer wie­der: der gegen­satz von wis­sen als ver­füg­bar­keit von infor­ma­ti­ons­par­ti­keln und bil­dung (im klas­si­schen, huma­nis­ti­schen sinn, unter direk­tem rück­griff auf wil­helm von hum­boldts ideen und ideale).

der man­gel an die­sem ver­such wie bei allen ähn­li­chen unter­neh­mun­gen: sie kom­men immer zu spät (ein vor­wurf, der liess­mann unbe­dingt tref­fen muss – er ist schließ­lich teil des miss­stan­des), sie sind immer zu gebil­det und spe­zi­ell, um gehört zu fin­den. und hat durch­aus auch eini­ge lose enden (zum bei­spiel bei sei­nem angriff auf die recht­schreib­re­form – war­um die neue recht­schrei­bung unbe­dingt weni­ger ästhe­tisch sein soll als die alte erschließt sich mir über­haupt nicht – viel­leicht bin ich dafür aber auch zu sehr prag­ma­ti­ker). alles in allem: eine lesen­wer­te streit­schrift für bil­dung und gegen die ver­dum­mungs­be­mü­hun­gen der infor­mier­ten wissensgesellschaft.

kon­rad paul liess­mann: theo­rie der unbil­dung. wien: zsol­nay 2006.

bei der taz gibt es online ein inter­view von robert misik mit liessmann.

und noch ein p.s.: wie fra­gil und flüch­tig wis­sen auch in der soge­nann­ten wis­sens­ge­sell­schaft (oder gera­de hier) ist, lässt sich an liess­manns büch­lein exzel­lent beob­ach­ten: das ist näm­lich grot­ten­schlecht gesetzt – unter miss­ach­tung der eigent­lich immer noch gül­ti­gen satz­re­geln. zum bei­spiel habe ich sel­ten ein buch eines immer­hin renom­mier­ten ver­lags gele­sen, in dem es der­ma­ßen auf­fäl­lig von schus­ter­jun­gen wim­melt. und in dem es nicht nur ein­mal vor­kommt, dass fuß­no­ten nicht nur auf der fal­schen sei­te, son­dern tat­säch­lich auf der fal­schen dop­pel­sei­te plat­ziert sind (also zwi­schen dem fuß­no­ten­zei­chen und der fuß­no­te ein zwangs­wei­ses umblät­tern liegt) – so ein mist soll­te doch eigent­lich jedem lehr­ling in der ers­ten woche abge­wöhnt wor­den sein …

p.p.s.: ganz pas­send habe ich gera­de auf tele­po­lis ein arti­kel gefun­den, der hier per­fekt passt (vor allem zu liess­manns vier­tem kapi­tel, der wahn der rang­lis­te): „die welt in zah­len – Ran­kings gehö­ren zu den wirk­mäch­tigs­ten Mythen des neo­li­be­ra­len All­tags”. dort heißt es unter ande­rem: „Ran­kings for­men die Wirk­lich­keit, die sie zu mes­sen vor­ge­ben”. ansons­ten steht da (wie so oft) kaum etwas bemer­kens­wer­tes drin. aber die koin­zi­denz mit mei­ner lek­tü­re war doch wie­der ein­mal bemerkenswert …

so langsam fängt es an zu nerven

die bericht­erstat­tung und/​oder kri­tik der inter­pre­ten-super­stars auf dem gebiet der klas­sik. der ers­te gro­ße fall war anna netreb­ko: anfangs waren alle begeis­tert (gut, man­che mehr und fach­lich weni­ger fun­diert als ande­re), bis ihnen dann nach einer wei­le der hype selbst auf die ner­ven ging und ihnen außer­dem auf­fiel, dass sie zwar gut oder auch sehr gut ist (in dem ein­ge­schränk­ten reper­toire, das sie bis­her zeig­te), dass das aber noch lan­ge nicht die­sen wahn­sinns­rum­mel und die­se ver­göt­te­rung, die­se ver­ab­so­lu­tie­rung recht­fer­tigt. und jetzt pas­siert schon wie­der so etwas, die­ses mal mit lang lang. gut, er hat der ernst­haf­ten kri­tik (die ja zunächst auch von ihm ziem­lich ange­tan war) eine steil­vor­la­ge gelie­fert, indem er mit sei­nen hit-kon­zer­ten auf open-air-tour­nee ging – das zeig­te auch dem letz­ten hörer und schrei­ber, wor­um es ihm wirk­lich geht – näm­lich eben nicht um die musik (egal was er beteu­ert), son­dern um geld und ruhm – das sind die ein­zi­gen grün­de, die so etwas legi­ti­mie­ren. die süd­deut­sche hat ihn dann hetue im gro­ßen auf­ma­cher des feuil­le­tons auch glatt als „musi­ken­ter­tai­ner” bezeich­net: das trifft das phä­no­men voll­kom­men. rein­hard brem­beck ver­sucht aber auch gleich­zei­tig, das gan­ze noch durch einen rekurs auf die geschich­te des kon­zert­we­sens zu ret­ten: „Sie alle ste­hen für eine Rück­kehr zu den Wur­zeln des Kon­zert­we­sens im 19. Jahr­hun­dert, als Klas­sik ein vor allem gesell­schaft­li­ches Ereig­nis war, bei dem weni­ger die Kunst als das Event im Vor­der­grund stand.” Das Pro­blem mit sol­chen Behaup­tun­gen: sie stim­men schon – irgend­wie. sie sind aber auch nicht ganz rich­tig. denn natür­lich hat brem­beck recht, wenn er die gro­ßen vir­tuo­sen­schau­stü­cke und ihre dar­bie­tun­gen (liszt, paga­ni­ni …) meint. aber das betrifft eben nicht das gan­ze 19. jahr­hun­dert. und auch nicht das gan­ze kon­zert­we­sen, son­dern nur einen teil. doch genau das ist ja das pro­blem – und der grund, war­um es sol­che phä­no­me­ne (wie lang lang) gibt: weil die medi­en, selbst die soge­nann­ten qua­li­täts­me­di­en, alles ver­schlag­wor­ten müssen.

… und wird tat­säch­lich 60 jah­re alt. tele­po­lis hat einen sic-et-non-glück­wunsch geschrie­ben – das schöns­te dar­an ist, wie so oft bei die­sen sei­ten, der rei­gen der absur­den und igno­ran­ten kom­men­ta­re. rüdi­ger safran­ski wid­met dem geburts­tags­kind dage­gen in der welt eine men­ge sehr warm­her­zi­ger wor­te – mit dem titel „meis­ter der fröh­li­chen wis­sen­schaft” scheint er mir auch ziem­lich rich­tig zu liegen …

internationale pianisten in mainz, die achte saison

heu­te mor­gen: pres­se­kon­fe­renz des swr zum neu­en pro­gramm der kon­zert­rei­he „inter­na­tio­na­le pia­nis­ten in mainz” (die drög­heit die­ses titels begeis­tert mich immer wie­der – zum glück sind die kon­zer­te im nor­mal­fall wesent­lich inspi­rier­ter). viel zu berich­ten gab es eigent­lich nicht, das pro­gramm ist auch nicht beson­ders auf­re­gend (wenig wirk­lich span­nen­de pro­gram­me, viel, sehr viel, nor­ma­les repertoire).

peter stie­ber, lei­ter der swr2 lan­des­mu­sik­re­dak­ti­on rhein­land-pfalz (auch ein schön umständ­li­cher titel, aber beim swr gibt es offen­bar immer noch fast alles dop­pelt …) sprach aber erstaun­lich offen über die pro­ble­me, künst­ler zu außer­ge­wöhn­li­chen pro­gram­men zu moti­vie­ren. ande­rer­seits: das ist so über­ra­schend auch nicht, wenn man genau­er dar­über nach­denkt. denn die erar­bei­tung eines pro­gramms oder zumin­dest ein­zel­ner stü­cke kos­tet den pia­nis­ten ein­fach zunächst ein­mal viel zeit. unge­wöhn­li­che, neue stü­cke wird er, wenn er in den übli­chen klas­sik-markt hin­ein will (und das wol­len eben die meis­ten, nur dort gibt es schließ­lich viel ruhm und viel geld (wenigs­tens poten­ti­ell)), aber nur sehr sel­ten bis gar nicht in sei­nen kon­zer­ten spie­len kön­nen – also ganz sim­pel eine inves­ti­ti­on, die sich nicht ren­tiert, weil sie über­haupt nicht die chan­ce dazu bekommt. das kann man bekla­gen oder nicht – so lan­ge man die gestal­tung der kul­tur immer mehr dem markt über­lässt, wird man das nicht ändern kön­nen. so etwas lie­ße sich nur eben durch geziel­te för­de­rung und unter­stüt­zung lang­fris­tig bewe­gen. aber der swr will ja auch den saal voll­be­kom­men – und das geht eben doch am ein­fachs­ten, wenn man das publi­kum nicht zu sehr stra­pa­ziert und ver­schreckt – da wäre dann zumin­dest eini­ges an zusätz­li­chem auf­wand nötig (aber ver­an­stal­tun­gen wie etwa die des ensem­ble modern zei­gen ja, dass das nicht grund­sätz­lich unmög­lich ist).

das eigent­li­che ergeb­nis (für die main­zer rhein-zei­tung) ist zwar eher unin­ter­es­sant, sei hier der voll­stän­dig­keit hal­ber aber doch präsentiert:

Das ver­flix­te sieb­te Jahr ist über­stan­den: Im Herbst geht die Kon­zert­rei­he „Iner­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ in die ach­te Sai­son. Und bis­her ist alles gut gegan­gen, der SWR als Ver­an­stal­ter ist sehr zufrie­den mit dem Main­zer Publi­kum: Die Kon­zer­te sind mit einer Aus­las­tung von 85 Pro­zent immer gut besucht. Und Peter Stie­ber, als Lei­ter der Lan­des­mu­sik­re­dak­ti­on ver­ant­wort­lich für die Gestal­tung der Rei­he, ist beson­ders erfreut über das jun­ge Publi­kum: 45 bis 50 Jah­re ist das im Durch­schnitt alt – ver­gleich­ba­re Rei­hen sind min­des­tens zehn Jah­re älter. Da ist es nicht über­ra­schend, dass die Macher auch in die­sem Jahr am bewähr­ten Kon­zept fest­hal­ten: Jun­ge Pia­nis­ten oder unbe­kann­te Namen wer­den ein­ge­la­den, in Mainz ein Kon­zert auch mit neu­er und unge­wöhn­li­cher Musik zu spie­len – selbst wenn das bei den Künst­lern mit­un­ter etwas Über­re­dung erfordert. 
Im Sep­tem­ber geht es los im Frank­fur­ter Hof. Den Beginn macht Oleg Mais­en­berg, der ers­te der drei Rus­sen, die nach Mainz kom­men wer­den. Und Mais­en­berg ist auch gleich mit Abstand der Ältes­te – und Bekann­tes­te der Kla­vier­vir­tuo­sen. Er wird ein ganz klas­sisch-roman­ti­sches Pro­gramm mit Musik von Schu­bert, Schu­mann und Brahms spie­len. Im Okto­ber wird sein Lands­mann Alex­ei Volo­din das Reper­toire etwas aus­wei­ten: Neben Bach und Beet­ho­ven hat sich der Pia­nist am Anfang sei­ner Kar­rie­re vor allem mit lei­den­schaft­lich-vir­tuo­sen Dar­bie­tun­gen her­vor getan – zum Bei­spiel mit Musik von Cho­pin und Liszt. Die Rei­he der Rus­sen wird im Dezem­ber von dem deut­schen Musi­ker Micha­el Kor­stick unter­bro­chen. Der ist zwar auch schon lan­ge als gefei­er­ter Pia­nist unter­wegs, doch immer noch ein Geheim­tipp. Die Main­zer könn­ten ihn ken­nen, denn war kürz­lich – eben­falls für den SWR – in Schloss Waldt­hau­sen zu Gast. Auch er wird, als aus­ge­wie­se­ner Beet­ho­ven-Spe­zia­list, sein Pro­gramm klas­sisch mit Haydn und Beet­ho­ven begin­nen, dann aber zu Charles Koech­lin und Charles-Valen­tin Alkan über­ge­hen – zwei der unzäh­li­gen zu Unrecht unter­ge­gan­ge­nen Kom­po­nis­ten her­vor­ra­gen­der Kla­vier­mu­sik. Evge­nia Rubi­no­va, die jüngs­te Künst­le­rin und ein­zi­ge Frau, stellt sich dem Main­zer Publi­kum im Janu­ar mit einem sla­wisch-rus­si­schen Pro­gramm vor: Cho­pin, Skria­bin und Rach­ma­nin­off hat sie sich vor­ge­nom­men. Den Abschluss der Spiel­zeit gestal­ten zwei Bri­ten. Zunächst der in Eng­land sehr bekann­te, in Deutsch­land aber nur äußerst sel­ten zu hören­de Paul Lewis. Der Schü­ler von Alfred Bren­del wird Mozart und Schu­bert mit der „Musi­ca Ricer­ca­ta“ von Györ­gy Lige­ti kon­fron­tie­ren. Und Jona­than Plo­w­right wird im April sei­nem Fai­ble für die Rari­tä­ten des pol­ni­schen Kla­vier­re­per­toires frei­en Lauf las­sen: Neben den zwei gro­ßen B‘s, Bach und Beet­ho­ven, wird er haupt­säch­lich Musik des pol­ni­schen Pia­nis­ten, Kom­po­nis­ten und Poli­ti­kers Ignaz Pade­rew­ski spielen.

der free-jazz und das alter(n)

beim nach­den­ken über alex­an­der von schip­pen­bachs kon­zert ist mir auf­ge­fal­len: der free jazz und vor allem sei­ne macher kommt mitt­ler­wei­le ganz schön in die jah­re – schlip­pen­bach wird nächs­tes jahr 70, sei­ne mit­strei­ter sind kaum jün­ger. auch die ande­ren gro­ßen iko­nen sind inzwi­schen alt und wei­se: ornet­te cole­man, antho­ny brax­t­on, cecil tay­lor und wer auch immer … und das wird mitt­ler­wei­le auch deut­lich – oder mir fällt es gera­de auf. zum bei­spiel gibt es jetzt offen­bar ver­mehrt (so zumin­dest mein ein­druck) por­trät-cds, rück­schau­en, per­son-sam­pler oder wie man sie nen­nen will. zum bei­spiel irè­ne schwei­zer. oder bar­ry guy. oder .…

und von dort aus ist es nicht weit zur fra­ge: wird der free jazz alt? kommt er ins pen­si­ons-alter? strebt er sei­nem (natür­li­chen) ende zu? denn mir scheint es so, als gäbe es momen­tan kaum bis gar kei­ne jun­gen musi­ker, die die­se tra­di­ti­on in die­sem maße am leben erhal­ten, die wei­ter­hin „klas­si­schen”, rein­ras­si­gen free jazz spie­len und wei­ter­be­trei­ben. so for­ma­tio­nen wie das schlip­pen­bach-trio, das glo­be-unity-orches­tra oder das lon­don com­po­ser orches­tra, um ganz will­kür­lich mal ein paar zu nen­nen, gibt es offen­bar nicht mehr. das heißt ja kei­nes­falls, dass die nach­wach­sen­den musi­ker schlech­ter oder fau­ler oder ängst­li­cher sind. ein gro­ßer teil von ihnen ori­en­tiert sich natür­lich nach wie vor am harm­lo­sen main­stream-gedu­del (bei­spie­le hier im blog: das und das z.b.). ande­re set­zen die tra­di­ti­on des free jazz zumin­dest in einer hin­sicht fort: sie impro­vi­sie­ren. aber ihre frei­heit ist eine ande­re. oft kom­po­si­to­ri­sche wie­der stär­ker struk­tu­riert – zumin­dest zeit­wei­se in ihren abläu­fen. und sie suchen nach ande­ren aus­drucks­mög­lich­kei­ten, nach ande­ren klang­ge­stal­ten – mit syn­the­si­zern, mit elek­tro­nik natür­lich (die elec­tro­ni­ca ist ja zumin­dest teil­wei­se auch hier ein­zu­ord­nen), aber auch ganz klas­sisch mit neu­en spiel­wei­sen auf her­kömm­li­chen instru­men­ten (mein lieb­lings­bei­spiel: frank grat­kow­ski). und doch klin­gen sie ganz anders. ein wesent­li­ches moment dabei: ihnen fehlt die wut, die bers­ten­de ener­gie, die oft zunächst destruk­ti­ve kraft, die sich bei den alten her­ren (damen gibt’s ja wie­der mal viel zu weni­ge) zwar in der regel in eine dekon­struk­ti­ve wan­delt, aber das de- nie ver­liert. das ist bei den jün­ge­ren musi­kern so nicht mehr so unbe­dingt zu erfahren …

viel­leicht spielt auch eine rol­le, das – wie­der­um gilt das nur aus mei­ner sicht, die fak­ten dazu ken­ne ich nicht – sol­che musik noch stär­ker an die rän­der gedrängt wur­de als vor 30, 40 jah­ren. die ver­än­de­rung der medi­en­land­schaf­ten, der rezep­ti­ons­ge­wohn­hei­ten durch und mit dem inter­net haben da sicher­lich eine gro­ße rol­le gespielt. denn gera­de in die­sem zeit­raum und ver­stärkt in den letz­ten 10 jah­ren ist eine immer stär­ke­re, mitt­ler­wei­le extrem auf­tre­ten­de frag­men­tie­sie­rung, ja segre­tie­rung der publi­ka nicht mehr zu über­se­hen. und das hat natür­lich fol­gen für die musi­ker. aber auch für hörer: über­blick behal­ten wird immer schwie­ri­ger – wer kann schon die gan­zen kleinst- und minia­tur-label und ihre mini-auf­la­gen noch ver­fol­gen? nicht ein­mal rigo ditt­mann. es ist, um es anders zu fas­sen, ein­deu­tig ein ver­lust des vor­herr­schen­den stils zu kon­sta­tie­ren. abwei­chun­gen davon gab es natür­lich stets, aber sel­ten wohl war das plu­ra­lis­ti­sche durch­ein­an­der so groß und a‑hierarchisch wie heu­te: das ist schließ­lich ein unfrucht­ba­re mehr oder weni­ger kon­takt­los neben­ein­an­der und vor sich hin blub­bern­des süpp­chen (ins­be­son­de­re die elec­tro­ni­ca und ihre diver­sen unter­ab­tei­lun­gen sind hier­für gutes bei­spiel). es gibt ein­fach kei­ne öffent­lich­keit mehr – nicht nur für die­se musik, son­dern auch in vie­len ande­ren berei­chen. das heißt aber auch: es gibt recht eigent­lich kein publi­kum mehr – son­dern nur noch immer klei­ne­re spar­ten, peer groups, zir­kel – und damit beißt sich die kat­ze noch ein­mal in den schwanz …

und doch: es gibt ein­fach wahn­sin­nig viel gute musik – es wird nur (schein­bar?) immer schwe­rer, sie zu fin­den. und neu­es zu entdecken …

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