»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Nun ist es also wie­der so weit: Der Main­zer Musik­som­mer ist eröff­net. Wie immer geschah das im Dom mit einem gan­zen Bün­del fest­li­cher Musik. Die­ses Jahr hat­te sich der Dom­or­ga­nist Albert Schön­ber­ger dafür die Unter­stüt­zung des jun­gen Trom­pe­ters Tho­mas Ham­mes gesi­chert. Auch sonst war das ein Musik­som­mer-Beginn wie immer: Am Anfang des von SWR und der Stadt aus­ge­rich­te­ten Main­zer Somm­fes­ti­vals der klas­si­schen Musik stand wie­der ein klas­si­sches Albert-Schön­ber­ger-Kon­zert. Und das ver­heißt eine minu­ti­ös geplan­te Dra­ma­tur­gie, ein wei­tes Spek­trum viel­fäl­ti­ger Musik und nicht zuletzt musi­ka­li­sche Könnerschaft.
Das bedeu­tet unter ande­rem, dass er von der ers­ten bis zur letz­ten Minu­te voll dabei ist und in jedem Moment mit höchs­ter Kon­zen­tra­ti­on und Prä­zi­si­on die gro­ße Dom­or­gel bedient. Schon die eröff­nen­den Aus­schnit­te aus der „Suite Gothi­que“ von Léon Boëllmann machen das klar. Denn Schön­ber­ger ver­sagt sich hier – und nicht nur hier, son­dern den gan­zen Abend über – jede spek­ta­ku­lä­re Ges­te. So kann er sogar sol­che Schmacht­fet­zen par excel­lence wie das pseu­do-baro­cke „Celeb­re Ada­gio“, das immer noch ger­ne Toma­so Albi­no­ni unter­ge­ju­belt wird, doch noch und wie­der zu ech­ter Musik machen. Tho­mas Ham­mes hilft ihm mit sei­nem zar­ten, anschmieg­sa­men Ton und der voll­kom­me­nen Anpas­sungs­be­reit­schaft an die Orgel und ihren Meis­ter aber auch auf wun­der­ba­re, über­zeu­gen­de Weise. 
Und so nimmt der Main­zer Musik­som­mer immer mehr an Fahrt auf und streift nach aus­gie­bi­gen Streif­zü­gen im Barock mit dem Lar­go aus Dvo­raks Neun­ter Sin­fo­nie in einer Orgel­be­ar­bei­tung auch die Neue Welt. Sicher, manch­mal erscheint das fast zu vor­sich­tig und rück­sichts­voll, manch­mal ver­lie­ren sich die bei­den mit zuviel Lust am Detail schein­bar im klein­tei­li­gen Pro­gramm. Aber das macht nichts. Denn zusam­men ergibt das doch unbe­dingt einen atmo­sphä­risch sehr dich­ten Abend. Und die wah­ren Höhe­punk­te hat­ten sie sich natür­lich für den Schluss auf­ge­ho­ben. Zwar spiel­ten sie von Petr Ebens „Die Fens­ter“ lei­der nur den zwei­ten Satz, das „Grü­ne Fens­ter“. Und doch reich­te das, um zu fas­zi­nie­ren. Hier war die Span­nung am höchs­ten, hier erklang Musik, die nicht so leicht zu durch­schau­en ist. Schön­ber­ger konn­te zusam­men mit Ham­mes aber auch ganz aus­ge­zeich­net die fei­nen Fäden und die geheim­nis­vol­le Aura die­ser tönen­den Far­big­keit zie­hen, ohne sich dar­in zu ver­hed­dern. Doch es wäre kein Schön­ber­ger-Kon­zert gewe­sen, wenn nicht min­dest eine Impro­vi­sa­ti­on dabei wäre: Die war die­ses Mal recht knapp gehal­ten, ver­ein­te in der fina­len „Ver­söh­nung“ mit reich­hal­ti­gen Anklän­gen an das gan­ze Pro­gramm Tho­mas Ham­mes und Albert Schön­ber­ger in aus­ge­gli­che­ner Über­ein­stim­mung – ein unbe­dingt har­mo­ni­scher Aus­klang des Auftaktes. 

so habe ich es für die main­zer rhein-zei­tung geschrie­ben. aber eigent­lich stimmt das nicht ganz. denn mein wesent­li­ches pro­blem mit der musi­zier­wei­se schön­ber­gers ist mir in die­sem kon­zert wie­der (es war ja nicht das ers­te mal, das mir klar wur­de, das hier irgend etwas schief läuft) sehr klar gewor­den: er ver­ge­wal­tigt jede musik. und zwar vor­nehm­lich der­art, dass er sie nicht ernst nimmt. so, wie er sie aus­wählt, pro­gram­miert und auch spielt, negiert er fast mit jeder note die auto­no­mie, die eigen­ge­setz­lich­keit die­ser kunst­wer­ke. und das ist – in mei­nen augen – ein ziem­lich hef­ti­ges ver­bre­chen gegen­über den wer­ken, der musik und der kunst über­haupt. schön­ber­ger tut dies natür­lich nicht aus lau­ter mut­wil­len, son­dern auf­grund sei­ner auf­fas­sung der musik – als irgend­wie spi­ri­tu­el­le hil­fe zum ver­ste­hen des wesens got­tes (oder so ähn­lich, ich bin mir nie sicher, ob ich das typisch katho­lisch-spi­ri­tua­lis­ti­sche gere­de um das geheim­nis­vol­le wesen got­tes, das sich im den dom­kon­zer­ten irgend­wie (womit eigent­lich?) erspü­ren las­sen soll, rich­tig ver­ste­he. aber das ist auch nciht so wich­tig: ent­schei­dend ist (für mich), dass ich den sehr star­ken ein­druck habe, dass schön­ber­ger die auto­no­mie der von ihm gespiel­ten kom­po­si­tio­nen negiert (aus eben die­sem grund negie­ren muss!) – und das ist wohl der grund, war­um ich mich bei die­ser musik, trotz all ihrer kunst­fer­tig­keit, nie wohl­füh­le: weil das mei­nen ästhe­ti­schen über­zeu­gun­gen eben fun­da­men­tal widerspricht.

heute: mal wieder ein sporttag

das muss­te ein­fach sein: das wet­ter war so schön – herr­lich blau strah­len­der him­mel, nur ganz sel­ten ein ver­wisch­tes wol­ken­fetz­lein, dau­ern­der son­nen­schein bei ange­neh­men 25 „C und ein fri­scher Wind dazu – und der ter­min­ka­len­der für heu­te nach­mit­tag leer. also habe ich mich nach dem mit­tag­essen schnell auf­ge­macht zum mkv-boots­haus und war um 13.50 Uhr auf dem was­ser. und ich war nicht allei­ne auf dem rhein. vom mkv waren schon eini­ge aus­ge­flo­gen, auch sonst waren etli­che padd­ler heu­te unter­wegs. vor allem im gins­hei­mer alt­rhein sind sie mir begeg­net bzw. von mir über­holt wor­den. lei­der waren auch wie­der eini­ge blö­de motor­boo­te unter­wegs – das lässt sich halt auf dem rhein kaum umge­hen. ich war auch recht zügig unter­wegs. der anfang bis zur eisen­bahn­brück und die fluss­que­rung zogen sich natür­lich wie­der mal, dann ging es aber doch recht flott den rhein hin­auf und ab in den alt­rhein. hin­ter gins­heim wur­de es dann rich­tig schön ruhig und gemüt­lich – bei fast spie­gel­glat­tem was­ser glitt ich aus­ge­spro­chen zügig dahin – allei­ne mit mir und dem geräusch mei­ner pad­del (und den blö­den flug­zeu­gen im lan­de­an­flug natür­lich …). beim umset­zen am stein­damm war es dann nicht der obli­ga­to­ri­sche ang­ler, son­dern des­sen beglei­tung, die mein­te, mich dar­auf hin­wei­sen zu müs­sen, dass die ande­ren padd­ler neben­an aus­stie­gen. das fand ich aber nicht so schön, weil enger und stei­ler. was solls, so lan­ge nur eine angel aus­liegt, kann man da noch pro­blem­los anlan­den. und ich bin ja gleich wie­der ver­schwun­den. nach einer kur­zen pau­se – mein rech­tes bein war heu­te ums knie her­um recht kramp­fig – ging es gleich wie­der den rhein hin­ab. der war da oben auf dem ers­ten kilo­me­ter aus­ge­spro­chen unru­hig, mit ziem­lich vie­len ste­hen­den wel­len (eini­ge locker 70–80 zen­ti­me­ter hoch). doch das gab sich bald wie­der … und dann war ich auch schon gleich wie­der in mainz zurück: 2 stun­den 35 minu­ten pad­del­zeit waren es heu­te nur. dafür gab es außer­ge­wöhn­lich vie­le bla­sen an den hän­den: mehr als ein hal­bes dut­zend, und an den ver­rück­tes­ten stel­len. wie ich etwas die bla­se an der sei­te der kup­pe des rech­ten zei­ge­fin­gers hin­be­kom­men habe, ist mir völ­lig schlei­er­haft. lus­tig sehen jetzt auch mei­ne ober­schen­kel aus: bis­her kaum son­ne gese­hen (wegen den lauf-tights), haben sie jetzt selt­sa­me mus­ter und schrä­ge lini­en – dort näm­lich, wo der rand der luke verlief.

und weil mir das noch nicht reich­te, bin ich dann gleich im anschluss noch lau­fen gegan­gen: eine halb­wegs gemüt­li­che drei­brü­cken­run­de stand auf dem plan, mit ein­ge­streu­ten stei­ge­run­gen. das war heu­te aber nicht so opti­mal: irgend­wie fand ich nie ein gleich­mä­ßi­ges tem­po, das hat­te immer wie­der bewuss­tes anzie­hen nötig. und die stei­ge­run­gen brach­ten mich dann immer wie­der aus dem rhyth­mus – auch der lauf­stil war heu­te sehr unru­hig. naja, kann ja nicht immer so klas­se lau­fen wie am mon­tag …
 

der halbmarathon hat eine neue trainings-bestzeit

heu­te muss­te es sein: denn schon von anfang an lief der lan­ge lauf nach trai­nings­plan aus­ge­spro­chen gut. und ich konn­te ab hoch­heim – da war ich schon ein wenig vor der geplanten/​geforderten zeit – noch­mal ganz ordent­lich zule­gen. also habe ich mal noch den halb­ma­ra­thon gestoppt: bei 1:44:25, am anfang der theo­dor-heuss-brü­cke, war es geschafft. und das heißt: neue trai­nings-best­zeit. das ver­heißt ja eigent­lich nur gutes für den güt­ters­ba­cher volks­lauf: da soll­te auch eine zeit sub 1:45 bei rum­kom­men (der hat aller­dings ein paar höhen­me­ter mehr als mei­ne schleu­sen­run­de mit dem abste­cher durch hochheim).

wert und begriff der gebrauchsmusik

Es ist schnell ein böses Wort gewor­den. Dabei war es doch nur gut gemeint:Das so harm­los klin­gen­de Wort „Gebrauchs­mu­sik” soll­te bloß ein Phä­no­men beschrei­ben, dass die euro­päi­sche Musik­ge­schich­te schon lan­ge geprägt hat­te. Denn Hein­rich Bess­ler hat­te in sei­nen „Grund­fra­gen des musi­ka­li­schen Hörens” (1925) zwei Typen der Musik unter­schie­den: „eigen­stän­di­ge” und „umgangs­mä­ßi­ge”. Let­ze­re soll­te Gebrauchs­mu­sik hei­ßen und die Art von Musik sein, die sich in ers­ter Linie durch ihre Zweck­ge­bun­den­heit von Erschei­nun­gen wie der Kunst­mu­sik der klas­si­schen oder roman­ti­schen Tra­di­ti­on abhebt. Gemeint war damit Musik wie die Kir­chen­mu­sik, die höfi­sche Musik und über­haupt die Unter­hal­tungs­mu­sik – also ohne Zwei­fel ganz bedeu­ten­de Tei­le der abend­län­di­schen Musik­aus­übung und Musik­ge­schich­te. Das hängt damit zusam­men, dass sich so etwas wie „eigen­stän­di­ge” oder auto­no­me Musik erst ein­mal ent­wi­ckeln muss­te. Bald aber wur­de Gebrauchs­mu­sik auch als Kampf­be­griff für die musi­ka­li­sche Abgren­zung von einer sub­jek­tiv über­stei­ger­ten, spät­bür­ger­lich-expres­sio­nis­ti­schen Musik benutzt. Paul Hin­de­mith dekre­tier­te dann schon 1927: „Es wird kei­nem ein­fal­len, die Not­wen­dig­keit der Gebrauchs- oder Ver­schleiß­mu­sik zu leug­nen.” Und damit waren die Wei­chen gestellt, jetzt geschah das unver­meid­li­che: Der Begriff ver­selb­stän­dig­te sich und wur­de zum Schlagwort.
Dabei führt das Wört­chen „Gebrauch” immer mehr in die Irre. Denn natür­lich soll alle Musik, auch die der vehe­men­ten Bekämp­fer der Gebrauchs­mu­sik, gebraucht wer­den. Wor­um es viel­mehr geht, ist die (gesell­schaft­li­che) Funk­ti­on von Musik und ihre Situ­ie­rung im Leben. Die Ver­fech­ter der Gebrauchs­mu­sik posi­tio­nier­ten sich mit dem Vor­wurf der L’art pour l’art bewusst gegen die abge­ho­ben erschei­nen­de Sphä­re der „Kunst“-Musik und setz­ten Ten­den­zen wie poli­ti­sche Musik, Arbei­ter­lie­der und ‑chö­re (es sei nur an die viel­fäl­ti­gen Bemü­hun­gen Hanns Eis­lers erin­nert) dage­gen. Und so bekam Gebrauchs­mu­sik immer mehr einen pejo­ra­ti­ven Bei­klang: Denn es war ja kei­ne rich­ti­ge Musik für die Ewig­keit, son­dern blo­ße Gele­gen­heits­kom­po­si­ti­on. Sehr schön sieht man das noch in der ers­ten Auf­la­ge der Enzy­klo­pä­die „Musik in Geschich­te und Gegen­wart” – da wim­melt es nur von sol­chen Urtei­len: „geschick­te Gebrauchs­mu­sik”, „kam über Gebrauchs­mu­sik nicht her­aus”, „blieb der kon­ven­tio­nel­len Gebrauchs­mu­sik verhaftet”.
Doch die Gegen­über­stel­lung von Gebrauchs­mu­sik und abso­lu­ter Musik ist letzt­lich nichts wei­ter als ein obso­le­tes Über­bleib­sel der roman­ti­schen Musik­äs­the­tik des 19. Jahr­hun­derts und der gera­de im Bür­ger­tum weit ver­brei­te­ten Idea­li­sie­rung der Kunst über­haupt. Aber noch Ende des 19. Jahr­hun­derts gelang die Ver­bin­dung zwi­schen die­sen bald dar­auf so säu­ber­lich getrenn­ten Sphä­ren der Musik noch. Bes­tes Bei­spiel dafür: Die unzäh­li­gen Chor­kom­po­si­tio­nen von Meis­tern wie Brahms oder Reger, wie sie heu­te als Gebrauchs­mu­sik klas­si­fi­zie­ren wür­den – eine Ver­bin­dung, die Theo­dor W. Ador­no in sei­ner „Ein­lei­tung in die Musik­so­zio­lo­gie” für das 20. Jahr­hun­dert kate­go­risch ver­neint: „Aber die unver­söhn­li­chen Sphä­ren des Musik­le­bens kön­nen unmög­lich im sel­ben Indi­vi­du­um koexis­tie­ren.” Tat­säch­lich lässt sich beob­ach­ten, dass sich der Kon­trast im 20. Jahr­hun­dert noch ein­mal wesent­lich ver­schärft hat. Vor allem in den sech­zi­ger Jah­ren, den Hoch­zei­ten des unge­hemm­ten Mate­ri­al­fort­schritts der Avant­gar­de, der Blü­te­zeit des Seria­lis­mus. Dar­an wird aber auch deut­lich, war­um die Kluft immer grö­ßer wur­de: Die Neue Musik wur­de immer avan­cier­ter und intel­lek­tu­el­ler, sie ent­fern­te sich ste­tig von ihren Rezi­pi­en­ten. Der Seria­lis­mus trieb das nur auf die Spit­ze: Nie­mand ver­mag die­se Musik hörend zu ver­ste­hen oder nach­zu­voll­zie­hen. Ganz zu schwei­gen von einem ande­ren Pro­blem, das bei wei­tem nicht nur den Seria­lis­mus betrifft und des­sen Wur­zeln eben­falls schon in der Ent­wick­lung der Musik durch das 19. Jahr­hun­dert hin­durch zu suchen sind: Die Kom­po­si­tio­nen wur­den hin­sicht­lich ihrer Auf­führ­bar­keit immer anspruchs­vol­ler. Und das mani­fes­tiert sich nir­gends so deut­lich wie im Feld der voka­len Musik.
Doch wen­den wir den Blick noch ein­mal zurück zur Ent­ste­hung des Begrif­fes. Nicht ohne Grund wur­de der Begriff der Gebrauchs­mu­sik gera­de in der Zeit des Über­gangs von der Moder­ne und dem Expres­sio­nis­mus zum Funk­tio­na­lis­mus und der Neu­en Sach­lich­keit geprägt – zwei Strö­mun­gen, die in den Jah­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg als all­ge­mei­ne Zeit­phä­no­me­ne in allen Kunst­rich­tun­gen wirk­ten. Sie hat­ten in ers­ter Linie eine ernüch­ter­te Sicht auf musi­ka­li­sche Phä­no­me­ne zur Fol­ge. Die­se wer­den im tech­ni­schen Zeit­al­ter nun weni­ger auf rei­ne Schön­heit als auf ihre Rezep­ti­on, ihre Wir­kung und damit ihre Funk­tio­na­li­tät befragt. Des­halb zählt Gebrauchs­mu­sik für die Musik­wis­sen­schaft heu­te zum Teil­be­reich der „funk­tio­na­len Musik”. Das hat den Vor­teil, ideo­lo­gisch vor­be­las­tet zu sein. Bes­ser als „funk­tio­na­le Musik” beschreibt der von Hel­mut Rösing gepräg­te Begriff „Umgangs­mu­sik”, die er vor allem im Gegen­satz zu der Dar­bie­tungs­mu­sik des Kon­zert­we­sens defi­niert, das Wesen der Gebrauchs­mu­sik. Gebrauchs­mu­sik im eigent­li­chen Sin­ne deckt sich näm­lich nicht ganz mit der funk­tio­na­len Musik. Denn zu die­ser gehö­ren auch Phä­no­me­ne wie Muzak, die Fahr­stuhl- oder Kauf­haus­mu­sik, die Jin­gles des Wer­be­mu­sik und die Han­dy-Klin­gel­tö­ne genau­so wie Erik Saties Idee einer „musi­que d’ameublement” – der Ver­such, genau das, was Hin­de­mith „Ver­schleiss­mu­sik” nann­te, näm­lich die Musik als Beglei­ter des all­täg­li­chen Lebens, auf die Spit­ze zu trei­ben und in beab­sich­tig­ter Kunst­lo­sig­keit, einem Ver­wei­gern all des­sen, was bis­her eine Kom­po­si­ti­on bestimm­te, in der Nicht-Kom­po­si­ti­on, der Anti-Kunst, zu enden. Doch so weit geht Gebrauchs­mu­sik in der Regel nicht. Sie möch­te ja durch­aus noch im Reich der Kunst wei­len. Das ein­zi­ge, wor­auf sie wirk­lich ver­zich­tet, ist der Anspruch auf Avant­gar­de. Doch die­ser Teil der Musik wie­der­um inter­es­siert die Wis­sen­schaft nicht beson­ders – sieht man von ein­zel­nen Stu­di­en zu Spe­zi­al­phä­no­me­nen wie etwa der Salon­mu­sik als spe­zi­fisch bür­ger­li­che Musik­pra­xis des 19. Jahr­hun­derts oder der poli­ti­schen Musik ab. Denn Musik­wis­sen­schaft­ler waren stets aus­ge­spro­chen mate­ri­al­ori­en­tiert. Das meint, sie beschäf­tigt sich bevor­zugt mit Ent­wick­lun­gen und Fort­schrei­tun­gen in der Erkun­dung des musi­ka­li­schen Mate­ri­als. Beson­ders aus­ge­prägt ist die­se Auf­fas­sung der Musik­ge­schich­te wie­der­um bei Ador­no. Der kommt aus die­sem Blick­win­kel des­halb zu dem umver­meid­li­chen Schluss: „Die Gebrauchs­mu­sik wäre wohl als Kapi­tu­la­ti­on der iso­lier­ten Kom­po­nis­ten vor dem Markt zu bestim­men.” Was er damit impli­ziert, ist ein­deu­tig: Wah­re Kunst müs­se auf ihrer gesell­schaft­li­chen Unab­hän­gig­keit, ihrer Befrei­ung von Auf­trag und Funk­ti­on behar­ren und wah­re Kom­po­nis­ten sich allein auf die For­mung ihres Mate­ri­als besinnen.
Sol­che Posi­tio­nen sind jedoch spä­tes­tens seit dem „Ende des Mate­ri­al­fort­schrit­tes” in den 60er/​70er Jah­ren nicht mehr halt­bar. Damit ist zwar die Unter­schei­dung Gebrauchs­mu­sik – Avant­gar­de noch lan­ge nicht obso­let gewor­den, aber in der Pra­xis noch schwie­ri­ger. Eine klas­si­sche (Material-)Analyse reicht zur Bestim­mung nicht mehr aus, die Dif­fe­ren­zie­rung erfor­dert, den Anspruch und die Rezep­ti­on der Kom­po­si­ti­on jeweils mit­zu­be­den­ken. Oder mit Carl Dah­l­haus: „Die Erfah­rung zeigt, daß Urteils­kri­te­ri­en, die an auto­no­mer Musik ent­wi­ckelt wur­den, bei funk­tio­na­ler Musik (womit Dah­l­haus hier Gebrauchs­mu­sik meint) ver­sa­gen und selt­sam irrele­vant erschei­nen.” Jedes Werk muss also den Funk­tio­na­li­täts­test bestehen. Ent­schei­dend ist dabei nur, ob es den eige­nen Ansprü­chen gerecht wird, ob es sein selbst gesteck­tes Ziel erreicht. Was heißt das aber für die Beur­tei­lung Gebrauchs­mu­sik, wenn wir die Dif­fe­ren­zie­rung noch bei­be­hal­ten wollen?
Da wäre natür­lich zunächst zu über­le­gen, wor­in die Funk­ti­on von Musik eigent­lich über­haupt besteht. Dafür ist hier nicht der rech­te Platz, aber es genügt ja, auf gän­gi­ge Vor­stel­lun­gen zurück­zu­grei­fen, zum Bei­spiel Bestim­mun­gen wie die Ver­söh­nung des Men­schen mit sich selbst, die Bestä­ti­gung des Ichs und des Kol­lek­tivs. Oder der Zugang zu Emo­tio­nen und Erfah­run­gen, die sich anders nicht erfas­sen und beschrei­ben las­sen sowie die Eta­blie­rung einer gemein­schaft­li­chen Gefühls­ba­sis. Natür­lich auch die Dar­stel­lung der Welt und alter­na­ti­ver Lebens­ent­wür­fe. Oder bloß kurz­wei­li­ge Ablen­kung. Leis­tet Gebrauchs­mu­sik das? Im Gan­zen lässt sich sagen: Ja, sie kann das. Der Unter­schied zur Kunst­mu­sik liegt weni­ger in den Zie­len als viel­mehr in den Metho­den. Die Gebrauchs­mu­sik ver­traut wesent­lich stär­ker auf die Wirk­sam­keit bereits erprob­ter musi­ka­li­scher Gestal­tungs­mit­tel. Sie muss das auch, denn genau das, die Wirk­sam­keit, ist ihr Ziel – wohin­ge­gen ande­re Musik die­se zwar nicht aus­schlie­ßen kann und mag, sich von ihr in ihrer künst­le­ri­schen Frei­heit aber auch nicht beschnei­den las­sen mag. Durch die­se Ori­en­tie­rung ver­zich­tet die Gebrauchs­mu­sik bewusst – weil es ihre Hörer über­for­dern könn­te – auf die Erpro­bung und Erfin­dung neu­er Mit­tel, die viel­leicht sogar bes­ser geeig­net wären, direk­te­ren Zugang ermög­lich­ten oder den zeit­spe­zi­fi­schen Kon­sti­tu­tio­nen der Hör­ersub­jek­te bes­ser ent­sprä­chen, mög­li­cher­wei­se die­ser auf­grund ihrer Neu­ar­tig­keit aber auch voll­kom­men unzu­gäng­lich blieben.
Und das ist eine wesent­li­che Lücke, die von der Gebrauchs­mu­sik gefüllt wird: Die unbe­ding­te Aus­rich­tung auf den Zuhö­rer. Sie weist zugleich auf eine ande­re Bedeu­tung des Begriffs hin: Gebrauchs­mu­sik ist Musik, die im zwei­fa­chen Sin­ne gebraucht wird, sie wird benö­tigt und ver­braucht. Benö­tigt wird sie, weil gro­ße Teil der eigen­stän­di­gen Kunst­mu­sik jeg­li­che Rezi­pi­en­ten- und Musik­er­ori­en­tie­rung auf­ge­ben muss­ten. Sol­che Musik ist nur noch von Spe­zia­lis­ten zu rea­li­sie­ren und ver­ste­hend zu durch­drin­gen. Ihr fehlt damit aber ein wesent­li­ches Wir­kungs­mo­ment in der Gesell­schaft: Das akti­ve Musi­zie­ren, das Lai­en-Musi­zie­ren, das mit sei­nen grup­pen­dy­na­mi­schen und gesell­schaft­li­che Funk­tio­nen weit über die ästhe­ti­sche Erfah­rung hinausgeht.
Ver­braucht wer­den kann die Gebrauchs­mu­sik in gewis­sen Sin­ne des­halb, weil sie in das Bewusst­sein der Rezi­pi­en­ten nicht im glei­chen Maße ein­drin­gen will und kann wie auto­no­me Musik: Sie ver­zich­tet schließ­lich im Sin­ne der Ver­wend­bar­keit auf beson­ders star­ke Irri­ta­tio­nen. Und die­ser Ver­zicht, der die Gebrauchs­mu­sik zu einer Musik ihrer Zeit macht, führ­te auch dazu, dass sie aus den gewöhn­li­chen Musik­ge­schich­ten her­aus­fällt, da die­se sich aus viel­fäl­ti­gen Grün­den in den aller­meis­ten Fäl­len an der His­to­ri­sie­rung des Mate­ri­al­fort­schritts orientieren.
Damit wird aber deut­lich: Die Gebrauchs­mu­sik befrie­digt leg­ti­ti­me Bedürf­nis­se, die die Kunst­mu­sik gera­de auf­grund ihres extrem ela­bo­rier­ten Sys­tems nicht mehr mit aus­rei­chen­der Funk­tio­na­li­tät befrie­di­gen kann, die Gebrauchs­mu­sik bekennt sich sowohl zu ihrer Publi­kums­ori­en­tie­rung als auch zu ihrer Musik­er­ori­en­tie­rung gera­de im Gegen­satz zur frei­schwe­ben­den Ver­wirk­li­chung des Kom­po­nis­ten. Gebrauchs­mu­sik kann also als Musik ver­stan­den wer­den, die weni­ger zum Ziel hat, neue Dimen­sio­nen oder For­men des Aus­drucks zu (er-)finden, son­dern viel­mehr das bekann­te, bereits erober­te Ter­rain nutz­bar zu machen – oder, um in der Meta­pher zu blei­ben: Die durch die Avant­gar­de ver­mes­se­ne Wild­nis wird erst durch Wer­ke der Gebrauchs­mu­sik in nutz­ba­ren Boden überführt.
Zum Wesen der Gebrauchs­mu­sik gehört also, dass auf sie gera­de nicht zutrifft, was der Phi­lo­soph und Kunst­theo­re­ti­ker Bene­det­to Cro­ces behaup­te­te: „Jedes wah­re Kunst­werk hat eine fest­ge­leg­te Gat­tung ver­letzt.” In die­sem Sin­ne, was Mate­ri­al und Form angeht, lässt sich Gebrauchs­mu­sik also zwei­fel­los als kon­ser­va­tiv bezeich­nen. Bezeich­nend für sie ist aber außer­dem eine immer pre­kä­re Stel­lung zwi­schen Avant­gar­de und Ton­satz: Einer­seits die Hoch­ach­tung des kom­po­si­to­ri­schen Hand­werks, ande­rer­seits das Behar­ren auf dem Kunst­cha­rak­ter. Die Gren­zen, in denen sich Gebrauchs­mu­sik damit bewegt, sind also mit Sicher­heit enger – aber sie sind selbst auf­er­legt, sie sind bereits die ers­te ästhe­ti­sche Ent­schei­dung des Kom­po­nis­ten und als sol­che zu respek­tie­ren. Schließ­lich setzt die blo­ße Erwäh­nung des Wor­tes „Gebrauchs­mu­sik” heu­te, nach fast hun­dert Jah­ren ste­ti­ger Ver­wen­dung, auto­ma­tisch nicht nur eine Dif­fe­ren­zie­rung, son­dern vor allem eine Hier­ar­chi­sie­rung in Gang: Gebrauchs­mu­sik gilt in der Regel als nicht ganz voll­wer­ti­ge Musik – obwohl jede nähe­re Beschäf­ti­gung mit den tat­säch­li­chen Wer­ken zei­gen muss, dass die­se Auf­fas­sung in die Irre geht. Musik, die nicht gebraucht oder benutzt wer­den will und kann, wäre ein furcht­ba­res und sinn­lo­ses Unter­fan­gen. Gebrauchs­mu­sik ist mehr als ein unlieb­sa­mer Sei­ten­zweig der Musik­ge­schich­te. Sie war, ist und bleibt inte­gra­ler Teil des musi­ka­li­schen Lebens.

erschie­nen in der neu­en chor­zeit, juli/​august 2007.

Klaus Beckmann sucht die Anfänge der Norddeutschen Orgelschule

Klaus Beck­mann, Ver­fas­ser des unver­zicht­ba­ren „Reper­to­ri­um Orgel­mu­sik“, hat im Schott-Ver­lag in den letz­ten Jah­ren bereits die umfang­rei­che Rei­he „Meis­ter der Nord­deut­schen Orgel­schu­le“ her­aus­ge­ge­ben. Jetzt legt er die theo­re­ti­sche bzw. musik­ge­schicht­li­che Ergän­zung dazu vor: „Die Nord­deut­sche Schu­le. Orgel­mu­sik im pro­tes­tan­ti­schen Nord­deutsch­land zwi­schen 1517 und 1755.“ Man darf also eini­ges erwar­ten. Zu sehr soll­te man die Vor­freu­de aller­dings nicht aus­rei­zen. Denn, soviel sei schon gesagt, bei allen Ver­diens­ten, die die­ses Buch auf­weist, blei­ben doch eini­ge Lücken offen. Das liegt natür­lich auch dar­an, dass bis­her nur der ers­te Teil der Unter­su­chung vor­liegt: „Die Zeit der Grün­der­vä­ter“ beti­telt, was den Zeit­raum bis 1629 meint. Musi­ka­lisch wird es danach frei­lich erheb­lich inter­es­san­ter – aber hier sind eben die Anfän­ge der Nord­deut­schen Orgel­schu­le, hier sind die Vor­aus­set­zun­gen und Aus­gangs­punk­te der eigen­stän­di­gen Ent­wick­lung der Orgel­mu­sik in den pro­tes­tan­ti­schen Städ­ten in Deutsch­lands Nor­den zu beob­ach­ten. Und dar­um kreist auch ein erheb­li­cher Teil die­ses Buches: Die Bedin­gun­gen, unter denen damals über­haupt wie und wel­che Orgel gespielt wur­de und wann und wie für die Orgel kom­po­niert wurde.
Dazu lie­fert Beck­mann nicht nur einen knap­pen Abriss der Ent­wick­lun­gen des Orgel­baus in den Han­se­städ­ten bis zum 16. Jahr­hun­dert, er bie­tet vor allem eine Viel­zahl Quel­len zur 
sozi­al­his­to­ri­schen Situa­ti­on, zu den geis­ti­gen und reli­gi­ös­ten Umständ­ten der frü­hen Refor­ma­ti­on, zu den von Ort zu Ort sich unter­schei­den­den Aus­ta­rie­run­gen zwi­schen (latei­ni­scher) Mess­tra­di­ti­on und refor­ma­to­ri­schem Got­tes­dienst. Ins­be­son­de­re die viel­fach über­lie­fer­ten Kir­chen­ord­nun­gen bie­ten ihm dafür Mate­ri­al. Und dort wie­der­um ins­be­son­de­re, wo sie von der Situ­ie­rung der Orgel und des Orga­nis­ten im pro­tes­tan­ti­schen Got­tes­dienst spre­chen: So weit sich das über­bli­cken lässt, sind es vor allem die Ves­pern, die Orgel­mu­sik mög­lich mach­ten. Und die geschah dort wie­der­um offen­bar in ver­schie­de­nen Funk­tio­nen: Der Orga­nist konn­te into­nie­rend oder alter­nie­rend mit dem Chor musi­zie­ren, er konn­te die­sen voll­stän­dig sub­sti­tu­ie­ren oder auch col­la par­te spie­len. Hier ist die Quel­len­la­ge im Ein­zel­nen aber immer noch dünn. Die Kir­chen­ord­nun­gen geben für die­se Details näm­lich oft nur wenig her – für die got­tes­dienst­li­che Pra­xis ist auch Beck­mann immer noch auf Ver­mu­tun­gen ange­wie­sen – durch­weg plau­si­ble allerdings. 
Aus die­sen Vor­aus­set­zun­gen rekon­stru­iert er dann spä­ter auch den Ort bzw. Anlass der über­lie­fer­ten Kom­po­si­tio­nen und ent­spre­chend auch eine typi­sie­ren­de Kate­go­ri­sie­rung. Beck­mann legt gro­ßen Wert dar­auf, das nicht mit „künst­li­chen“, weil spä­ter ent­wi­ckel­ten Begrif­fen zu tun, son­dern nach Mög­lich­keit auf zeit­ge­nös­si­sche Bezeich­nun­gen zurück­zu­grei­fen. Bei den hier unter­such­ten Wer­ken in die­sem Zeit­raum stößt er vor allem auf zwei For­men: Orgel­cho­ral und Choral­fan­ta­sie. Doch der genau­en Unter­su­chung der musi­ka­li­schen Quel­len geht zunächst noch ein kur­zer, reich­lich knap­per Rück­blick auf die bis­he­ri­ge Orgel­mu­sik vro­aus: Die süd­deut­schen Kom­po­nis­ten um Schlick und Hof­hai­mer wer­den eben­so erwähnt wie Hans Buch­ners exem­pla­ri­sche Orgel­schu­le bzw. Ton­satz­leh­re, das „Fun­da­men­tum“. Außer­dem bie­tet Beck­mann noch eini­ge Erläu­te­run­gen der Dimi­nui­ti­ons­pra­xis und des Kolo­ris­mus, um den Stand der Orgel­kunst in Deutsch­land zu Beginn des 16. Jahr­hun­derts dar­zu­le­gen. Ähn­lich wie bei dem Kapi­tel zum Orgel­bau bleibt aber die zen­tra­le Fra­ge eigent­lich wie­der unbe­ant­wor­tet: Was hat das mit der Nord­deut­schen Orgel­schu­le zu tun? Wie sehen die Ver­bin­dun­gen denn jetzt kon­kret aus?
Ins­ge­samt geht er aller­dings sehr gewis­sen­haft und peni­bel sys­te­ma­tisch vor: Nach­dem die äuße­ren Bedin­gun­gen nun geklärt sind, soweit es die Quel­len­la­ge erlaubt – oder wenigs­tens die Quel­len dazu zitiert wur­den –, kom­men nun die ein­zel­nen Städ­te an die Rei­he. Die Rei­se beginnt in Ham­burg mit den „ehr­wür­di­gen Grün­der­vä­tern der Nord­deut­schen Orgel­kunst“ (142) der Fami­lie Prae­to­ri­us, allen vor­an Hie­ro­ny­mus (1560 – 1629). 
Hier, bei des­sen Vater Jakob und vor allem bei Hie­ro­ny­mus beob­ach­tet Beck­mann näm­lich ein wesent­li­ches Ele­ment: Den eigent­li­chen Über­gang vom blo­ßen Abset­zen, d.h. Über­tra­gen voka­ler Musik auf das Tas­ten­in­stru­ment und das Kolo­rie­ren zum eigent­li­chen „Kom­po­nie­ren“. Jakob Prae­to­ri­us ist ihm der ers­te Orga­nist mit „fest umris­se­nem Pro­fil“ (135) – das er dem Leser frei­lich schul­dig bleibt. Damit ist Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us der ers­te Kom­po­nist, des­sen „ein­zig­ar­ti­ges Oeu­vre“ (156) Beck­mann aus­führ­lich vor- und dar­stellt. Denn von ihm ist „das kom­plet­te orga­nis­ti­sche Reper­torie als Gesamt­werk“ mit ein­zel­nen, in sich jeweils geschlos­se­nen Zyklen über­lie­fert: Magni­fi­cats, Hym­nen und Kyri­en. Hier zeigt sich Beck­mann dann auch, etwa in der Ana­ly­se der Magni­fi­cat­zy­klen, als fein­sin­ni­ger und sach­lich aus­ge­spro­chen auf Kor­rekt­heit bedach­ter Wis­sen­schaft­ler – frei­lich ohne beson­de­re sprach­li­che Ele­ganz. Über­haupt ist das vom Ver­lag schon als „Stan­dard­werk“ geprie­se­ne Buch – viel Kon­kur­renz hat es aller­dings auch nicht – eine aus­ge­spro­chen tro­cke­ne Lek­tü­re – noch ein Stück sprö­der als der auch nicht gera­de über­mä­ßig sinn­li­che Gegen­stand der Untersuchung. 
Grund­sätz­lich lässt sich schon bei den ers­ten Ana­ly­sen fest­stel­len: Beck­mann hat vor allem die for­ma­le Gestal­tung und ihre Ver­läu­fe sowie die pro­to-moti­vi­sche Arbeit im Blick. Sobald er frei­lich das Feld der unmit­tel­ba­ren Ana­ly­se ver­lässt, hagelt es Kon­junk­ti­ve – im all­ge­mei­nen ist Beck­mann näm­lich aus­ge­spro­chen vor­sich­tig und zurück­hal­tend, was Deu­tun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen angeht, die nicht direkt auf Aus­sa­gen zeit­ge­nös­si­scher (was bei ihm, gera­de was Figu­ra­tio­nen und kon­tra­punk­ti­sche Tech­ni­ken bzw. deren Ter­mi­ni angeht, durch­aus ein Zeit­raum von zwei­hun­dert Jah­ren sein kann) Quel­len zurückgehen. 
Das ergibt dann eine Fül­le rich­ti­ger und auf­schluss­rei­cher Beob­ach­tun­gen und Erkennt­nis­se, etwa aus der vor­treff­li­chen Ana­ly­se der 3 Ver­sus des Magni­fi­cat Pri­mi Toni des Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us aus des­sen Zyklus der acht Magni­fi­cat-Ver­to­nun­gen, die schon Wil­li Apel zu Recht als „Auf­takt der nord­deut­schen Orgel­mu­sik […], in dem sich die gan­ze Pracht und Grö­ße die­ser Kunst in bedeut­sa­mer Wei­se ankün­digt“, cha­rak­te­ri­sier­te. Klaus Beck­mann zeigt nun aller­dings recht deut­lich, dass das schon mehr als eine Ankün­di­gung zukünf­ti­ger Groß­ta­ten ist: Bei ihm ist mit Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us der wich­tigs­te Schritt bereits getan, die ers­te Rea­li­sie­rung künst­le­ri­cher Äuße­rung schon gesche­hen. Aber die­ses Ergeb­nis muss der Leser schon selbst voll­zie­hen – da ist Beck­mann wie­der viel zu vor­sich­tig, so etwas exli­pi­zit zu äußern.
Anhand von Prae­to­ri­us‘ Wer­ken cha­rak­te­ri­siert er auch schon „Orgel­cho­ral und Choral­fan­ta­sie als instru­men­ta­le Kate­go­rien, die ins­be­son­de­re für die Orgel­mu­sik der Nord­deut­schen Schu­le spe­zi­fisch sind“ (195). Zwar lässt sich der Tas­ten­satz Prae­to­ri­us‘ (und sei­nes Zeit­ge­nos­sen Johann Stef­fens in Lüne­burg) durch­aus noch als „vokal­af­fin“ beschrei­ben, doch nicht nur die Ana­ly­se der Satz- und Form­struk­tu­ren, auch die Unter­su­chung der ver­wen­de­ten Figu­ren erlau­ben es Beck­mann, von einer orgel­spe­zi­fi­schen Fort­ent­wick­lung zu spre­chen. Dane­ben betont er nicht nur die Stan­dar­di­sie­rung der for­ma­len Abläu­fe, die sich hier bereits zeigt, son­dern vor allem den geschlos­se­nen Opus-Cha­rak­ters der drei Zyklen. Dar­in ist nicht nur für ihn ein ein­deu­ti­ges Zei­chen der Reper­toire-Schaf­fung für den got­tes­dienst­li­chen Gebrauch zu sehen. 
Den Unter­su­chun­gen der Ham­bur­ger Orgel­kunst folgt ein kur­zer Besuch in Dan­zig, um die Dan­zi­ger Tabu­la­tur wenigs­tens zu erwäh­nen. Dar­auf geht es wei­ter nach Lüne­burg, wo Johann Stef­fens leb­te und arbei­te­te. Bei der Unter­su­chung von Stef­fens‘ Choral­fan­ta­sien zeigt sich, dass die anhand der Kom­po­si­tio­nen von Prae­to­ri­us ent­wi­ckel­ten Begrif­fe „Orgel­cho­ral“ und „Choral­fan­ta­sie“ trag­fä­hig genug sind, um auch Stef­fens‘ For­men zu beschreiben. 
Dem folgt noch einen kur­zer Abste­cher nach Cel­le – die dort ent­stan­de­ne Orgel­ta­bu­la­tur von 1601 ist der Grund dafür –, um mit Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel, wo Micha­el Prae­to­ri­us resi­dier­te, die Rei­se vor­erst schon wie­der zu been­den. Den Abschluss bil­det der Ver­such eini­ger Über­le­gun­gen zur „His­to­ri­schen Spiel­wei­se“. Aber die­se sehr kur­zen, knapp gefass­ten Hin­wei­se zur grund­le­gen­den Pro­ble­ma­tik jeder his­to­risch infor­mier­ten Auf­füh­rungs­pra­xis bie­ten kaum mehr als ein kom­men­tier­tes Lite­ra­tur­ver­zeich­nis – und haben im Zusam­men­hang die­ses ers­ten Teils auch kei­nen rech­ten Platz. 
Schon die­se arg ver­kür­zen­de Zusam­men­fas­sung zeigt, dass in den ers­ten Jah­ren der Nord­deut­schen Orgel­schu­le im Grun­de kaum von einer Schu­le gespro­chen wer­den kann. Das liegt vor allem an dem weni­gen Mate­ri­al, das über­lie­fert ist und dem­entspre­chend den weni­gen Ver­bin­dun­gen untereinander. 
Beck­mann bemüht aller­dings immer wie­der die beson­de­re Beto­nung der Eigen­stän­dig­keit der hier begin­nen­den Nord­deut­schen Orgel­schu­le, wie sie sich vor allem in Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us und Johann Stef­fens mani­fes­tiert. In der Tat ist ja die frü­her gern ange­nom­me­ne Abhän­gig­keit von Jan Pie­ter­zoon Sweelinck kaum und auch nur mit schwa­chen Indi­zi­en zu bele­gen: „Dem­ge­gen­über bedarf die deut­sche Wur­zel einer wahr­heits­ge­treu­en Auf­wer­tung.“ (262) Der Auf­ar­bei­tung die­ser älte­ren musik­wis­sen­schaft­li­chen Rezep­ti­on hat Beck­mann viel Raum gege­ben. Aber genau die­se „vor­der­grün­di­ge Denk­wei­se“, die Beck­mann der älte­ren For­schung vor­wirft, fin­det dann doch – zumin­dest in klei­nen Dosen – ihren Nie­der­schlag auch in sei­ner eige­nen Arbeit – wenn er etwa behaup­tet: „Es liegt nahe anzu­neh­men, dass Johann Stef­fens und Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us […] eine gute nach­bar­schaft­lich-kol­le­gia­le Bezie­hung gepflegt haben, wozu auch der Aus­tausch von Kom­po­si­tio­nen gehört haben dürf­te. Eine Rei­he von Über­ein­stim­mun­gen […] erhär­tet jeden­falls die­se Ver­mu­tung zur Gewis­se­heit.“ Sol­che Schlüs­se sind letzt­lich genau­so gefähr­lich wie die Argu­men­ta­ti­on mit einem his­to­ri­schen „Wahr­heits­wert“. Schließ­lich weist Beck­mann selbst oft genug dar­auf hin, wie ent­schei­dend sich das Bild durch neue oder lan­ge Zeit ver­nach­läs­sig­te Quel­len ver­än­dern kann. 
Doch das betrifft nur weni­ge Stel­len sei­ner Aus­füh­run­gen. Was dage­gen schwe­rer ins Gewicht fällt, ist die Tat­sa­che, dass es Beck­mann in die­sem ers­ten Teil sei­ner Unter­su­chung kaum gelingt, ange­nom­me­ne oder tat­säch­li­che his­to­ri­sche Ent­wick­lun­gen in ihrem Ver­laufs­cha­rak­ter dar­zu­stel­len: Zu sehr sind das (noch) lau­ter ein­zel­ne Wis­sens­bro­cken. Aber noch besteht ja Hoff­nung, denn dies ist ja aus­drück­lich der ers­te Teil einer grö­ße­ren Unter­su­chung. Und der Haupt­teil sei­nes The­mas, die Hoch­pha­se der Nord­deut­schen Schu­le, steht eben noch aus. Die­ses Man­ko kann also durch­aus noch dem For­schungs­ge­gen­stand, einer Schu­le im Ent­ste­hen, geschul­det sein – wobei sich dann doch die Fra­ge stellt, ob die­se arg künst­li­che Tren­nung in „Grün­der­zeit“ und Hoch­pha­se wirk­lich sinn­voll ist. 
Über­haupt haf­tet dem gan­zen Band an eini­gen Stel­len etwas unfer­ti­ges und undurch­dach­tes an. Nur ein Bei­spiel: Gewiss wird hier ein hoch­gra­dig spe­zi­el­les The­ma abge­han­delt, die Idee eines Glos­sars ist also durch­aus hilf­reich – aber dort dann „Orgel“ oder „Pedal“ in zwei Sät­zen erklä­ren zu wol­len, mutet doch befremd­lich an. 
Schließ­lich hät­te man mit dem hier aus­ge­brei­te­ten Wis­sen eine wun­der­ba­re Geschich­te der Nord­deut­schen Orgel­schu­le – oder zumin­dest ihrer Anfän­ge – schrei­ben kön­nen. Aber das hat Klaus Beck­mann lei­der kaum getan. Es ist weni­ger ein Lese­buch, son­dern viel mehr eine Doku­men­ta­ti­on gewor­den – vor allem aber ein instruk­ti­ves und mate­ri­al­rei­ches Quel­len­le­se- und ‑fin­de­buch.
Klaus Beck­mann: Die Nord­deut­sche Schu­le. Orgel­mu­sik im pro­tes­tan­ti­schen Nord­deutsch­land zwi­schen 1517 und 1755. Teil I: Die Zeit der Grün­der­vä­ter. 1517–1629. Mainz u.a.: Schott 2005. 312 Sei­ten. 59,95 Euro.
(erschie­nen in „die ton­kunst”, jg. 1 (2007), heft 3, sei­te 310–314)

ein echtes konditionstraining

mon­tag ist der tag mei­ner lan­gen läu­fe. und die­se woche stan­den also 28 km auf dem plan. die hit­ze war frei­lich nicht ein­ge­plant. um 20 uhr, als ich dann end­lich los­lief, waren es schlapp 37 °C in der stadt. und am rhein ent­lang, über die auto­bahn­brück nach gins­heim war es auch nicht viel küh­ler. dort durf­te ich dann erst­mal eini­ge minu­ten an der bahn­schran­ke war­ten. wei­ter ging’s dann, immer noch recht locker wenn auch ten­den­zi­ell einen tick zu lang­sam über die kost­hei­mer schleu­se in rich­tung hoch­heim. und das war dann doch ein feh­ler. denn in hoch­heim war noch wein­fest – das hat­te ich ver­ges­sen. also durf­te ich mich trief­nas­ser lauf­klei­dung mit käp­pi und trink­ruck­sack durch die ver­stopf­ten stra­ßen von hoch­heim drän­geln – ich glau­be, die leu­te hiel­ten mich für ziem­lich bescheu­ert. nun ja, egal, wei­ter ging es auf der main­zer stra­ße nach kost­heim, durch den ort bis an den bahn­hof. dort sah ich gera­de einen zug durch­fah­ren und dach­te, die schran­ke gin­ge jetzt bald hoch und stell­te mich also brav davor. doch pus­te­ku­chen, da durf­ten erst noch vier wei­te­re züge pas­sie­ren – das dau­er­te ewig. dann war es nciht mehr so ganz locker, wie­der ins ordent­li­che lau­fen zu kom­men. aber jetzt war ja nur noch die drei­brü­cken­run­de zu schaf­fen – und das ging dann tat­säch­lich auch noch gera­de­so. zwar war es inzwi­schen ziem­lich dun­kel gewor­den, aber den weg ken­ne ich ja mitt­ler­wei­le. und an der main­spit­ze loder­te selt­sa­mer­wei­se auch ein rie­si­ges feu­er, das mir den weg wies. bis ich da hin kam, war auch die feu­er­wehr mit tatü-tata ein­ge­trof­fen und hat­te mit dem löschen begon­nen. kei­ne ahnung, was da in flam­men auf­ging – es sah aber so aus, als wäre das absicht gewe­sen – könn­te auch eine übung gewe­sen sein… naja, bis ich dann zu hau­se war, war ich wirk­lich fix und fer­tig – und die zwei liter was­ser im ruck­sack waren auch schon eine wei­le alle. aber jetzt kann mich kei­ne hit­ze mehr schrecken …

manfred trojahn schreibt über (seine) musik

Ein Kom­po­nist, der nicht schrei­ben kann, hat es schwer heut­zu­ta­ge. Werk­kom­men­ta­re für Urauf­füh­run­gen, Pro­gramm­hef­te, musik­ge­schicht­li­che Betrach­tun­gen und der eine oder ande­re bio­gra­phi­sche Split­ter sowie hin und wie­der ein Werk­statt­be­richt sind Pflicht­übun­gen bei der Ver­mark­tung des musi­ka­li­schen Schaf­fens. Nicht alle Ton­set­zer sind dazu aber glei­cher­ma­ßen begabt. Man­fred Tro­jahn gehört sicher­lich zu den bes­se­ren: An die Wort­ge­walt eines Wolf­gang Rihm reicht er zwar nicht her­an, genau­so wenig wie an die abs­trakt-ana­ly­ti­sche Schär­fe Hel­mut Lachen­manns oder Hans Zen­ders (von denen allen auch aus­ge­zeich­ne­te Sam­mel­bän­de ihrer schrei­ben­den Tätig­keit vor­lie­gen) – aber erzäh­len und schrei­ben kann er zwei­fel­los. Vor allem aber kann er durch­aus für sich ein­ste­hen und sei­ne Posi­ti­on ver­tei­di­gen. Und man kann die­se Neben­pro­duk­te des schrei­ben­den Musi­kers nicht nur mit Gewinn, son­dern oft auch mit erheb­li­chem Ver­gnü­gen lesen. Das man dafür nicht lan­ge in den Archi­ven her­um­wüh­len muss, hat man Hans-Joa­chim Wag­ner und dem Frank­fur­ter Stroem­feld-Ver­lag, sonst eigent­lich nicht gera­de eine Heim­statt musik(-wissenschaftlichen) Schrift­tums, zu ver­dan­ken. Denn dort ist jetzt ein umfang­rei­cher Band mit Tro­jahns „Schrif­ten zur Musik“ erschie­nen. Das sind mitt­ler­wei­le, nach eini­gen Jahr­zehn­ten des Kom­po­nie­rens und Schrei­bens, über 500 gedruck­te Sei­ten: Tex­te zu ästhe­ti­schen Fra­gen, bio­gra­phi­sche Skiz­zen, Glos­sen, Noti­zen, vie­le Gesprä­che und natür­lich die Ein­füh­rungs­tex­te zu den eige­nen Wer­ken. „Was wird es für ein Buch wer­den“, so fragt sich Tro­jahn im Vor­wort. Und er gibt drei Mög­lich­kei­ten der Ant­wort vor: „Eine ver­steck­te Bio­gra­phie? Eine ver­kapp­te Ästhe­tik? Oder doch die Beschrei­bung einer Rei­se zu mir selbst?“ Ent­schei­den lässt sich das kaum. Denn es von allem etwas dabei.Vor allem ist es aber ganz viel Recht­fer­ti­gung: Recht­fer­ti­gung des eige­nen Tuns vor sich selbst und der Welt. Denn Tro­jahn zeigt sich als unbe­ding­ter, scharf­zün­gi­ger Ver­fech­ter der Frei­heit der Kunst. Und des­halb bekommt – natur­ge­mäß – vor allem der Musik­be­trieb mit sei­nen Fes­ti­vals, Thea­tern, Ver­an­stal­tern und den bösen, unwil­li­gen und unver­stän­di­gen Men­schen des Feuil­le­tons zu Zei­ten post­mo­der­ner Kunst­be­trieb­sam­keit immer wie­der eine geball­te Ladung Kri­tik ab. Ge- und beschrie­ben ist das durch­aus mit einer Ver­an­la­gung zum geist­rei­chen, gebil­de­ten Bon­mot. Und auch Tro­jahns fast unver­brüch­lich schei­nen­de Tra­di­ti­onver­bun­den­heit schim­mert ganz selbst­ver­ständ­lich immer durch. Wich­ti­ger und ein­fluss­rei­cher ist aber sein unb­ding­ter Glau­be an die Bestän­dig­keit der emo­tio­na­len Kraft der Musik – und dabei ins­be­son­de­re der Oper, des musi­ka­li­schen Thea­ters oder wie auch immer man es nen­nen mag: Die­se Gat­tung hat ihn – als Hörer – schon früh gepackt, davon erzählt er immer wie­der. Beson­ders in den Fokus sei­ner Dar­stel­lung rückt dabei das Wun­der der „Dar­stel­lung“: „Denn schon damals [d.h. in sei­ner Kind­heit] waren mir die dar­ge­stell­ten Per­so­nen wesent­lich wich­ti­ger als die dar­stel­len­den.“ Das Unge­heu­er­li­che, das aus dem Nichts „Per­so­nen“, Figu­ren, Cha­rak­te­re ent­ste­hen, geschaf­fen mit Wor­ten und Musik (da der jun­ge Man­fred Tro­jahn Oper in ers­ter Linie am Radio ken­nen­lern­te ohne die ergän­zen­den Zei­chen der Büh­ne und der Ges­ten): Die­ses Fas­zi­no­sum der Jugend und der Rei­fe schil­dert Tro­jahn mit glü­hen­der Begeis­te­rung. Zum Unter­neh­men der Werk­ein­fü­hun­gen (dem Tro­jahn wie die meis­ten Kom­po­nis­ten sehr skep­tisch gegen­über­steht) äußert er sich dage­gen eher pes­si­mis­tisch: „Im all­ge­mei­nen sind das aus­sichts­lo­se Ver­su­che, denn nur die Dra­ma­tur­gie denkt, daß der Hörer den­ken soll­te, was der Kom­po­nist denkt, daß der Hörer den­ken müß­te.“ Und da ist er auch schon wie­der bei sei­nem Lieb­lings­the­ma, wie es in den „Schrif­ten zur Musik“ ganz deut­lich zu erken­nen ist: Der Frei­heit der Musik. Das heißt für einen Kom­po­nis­ten wie Tro­jahn natür­lich kei­nes­wegs sub­jek­ti­ve Belie­big­keit, unge­bun­de­nes Aus­to­ben sei­ner Träu­me und Vor­stel­lun­gen: „Künst­le­ri­sche Frei­heit ist Syn­onym für die Arbeit an einer Uto­pie gesell­schaft­li­chen Lebens, und sie ent­hält den Anspruch aufs Gan­ze.“ Die­se gesell­schaft­li­che Situ­ie­rung der Musik, sie zieht sich in ver­schie­den star­ken Aus­prä­gun­gen immer wie­der durch sei­ne Tex­te. Über­haupt liegt Tro­jahn viel dar­an, sein eige­nes Schaf­fen zu kon­tex­tua­li­sie­ren und zu zei­gen, dass er mit den Mit­teln und den Ergeb­nis­sen sei­ner musi­ka­li­schen Krea­ti­vi­tät nicht allei­ne ist. Und so sehr er Kom­po­si­ti­on als Pro­zess, als Zwi­schen­er­geb­nis einer fort­wäh­ren­den Ent­wick­lungs­ge­schich­te und damit engs­tens ver­knüpft mit dem (Er-)Leben sei­nes Schöp­fers, dem Kom­po­nis­ten und sei­nen (Lebens-)Bedingungen, ver­steht, so sehr besteht er glei­cher­ma­ßen auf dem Hand­werk des Kom­po­nie­rens. Sol­che gekonnt gemach­te und erar­bei­te­te Musik möch­te er dann aber auch noch ger­ne offen hal­ten – nicht offen im Ver­ständ­nis der offe­nen Form“, son­dern offen für die Rezep­ti­on: „Das zielt auf eine Musik abseits von Mas­sen­wir­kung“, indem es ganz wie zu den Zei­ten der bür­ger­li­chen Bil­dung, inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit Musik vor­aus­setzt, „aber ohne exklu­si­ven Abschluß durch Unzu­gäng­lich­keit.“ Denn auch das wird in sei­nen gesam­mel­ten Schrif­ten noch ein­mal und immer wie­der deut­lich: Tro­jahn ver­steht sein Kom­po­nie­ren als gesell­schaft­li­ches Tun. Und gera­de des­halb ist er fast unauf­hör­lich dar­um bemüht, sich selbst und sei­ne Wer­ke in den rich­ti­gen Kon­text ein­zu­ord­nen. Der frü­he Schock der Eti­ket­tie­rung, der kaum einen Kom­po­nis­ten der letz­ten Gene­ra­ti­on so zei­tig und so hef­tig getrof­fen hat wie ihn, macht sich hier immer wie­der bemerk­bar. Fast ver­bis­sen und in der Sache uner­bitt­lich kämpft er dage­gen an – bio­gra­phisch durch­aus ver­ständ­lich, heu­te frei­lich in der Obses­si­vi­tät durch­aus obso­let erschei­nend: Sol­che Din­ge nimmt doch kaum noch ein Hörer, der sei­nen Ohren auch nur ein biss­chen ver­traut, wirk­lich ernst. Die­se hef­ti­gen Kämp­fe um die (Deutungs-)Hoheit sind zwar längst Ver­gan­gen­heit. Damit sind sie in die­ser Samm­lung aber auch Erin­ne­rung an Zei­ten, als Neue Musik noch für Bewe­gung gut war, Auf­merk­sam­keit erre­gen konn­te, mehr als nur ein leich­tes Säu­seln im Blät­ter­wald erreichte.

Man­fred Tro­jahn: Schrif­ten zur Musik. Hrsg. von Hans-Joa­chim Wag­ner. Frank­furt am Main, Basel: Stroem­feld 2006.
(erschie­nen in „die ton­kunst”, jg. 1 (2007), heft 3, sei­te 322–323)

der fußball und der comedian sixpack

- eine hei­ße liai­son. spä­tes­tens seit unse­rer teil­nah­me im letz­ten jahr beim schop­pen­tur­nier des 1. fc rim­horn (dem heim­ver­ein von vol­ker, der natür­lich wie­der mal an allem schuld ist). kab­bes hat­te ruck­zuck wun­der­schö­ne weiß-gol­de­ne fuß­ball-schu­he. gehol­ten hat­te es bei unse­rer ers­ten teil­nah­me wenig – wir waren die letz­ten. aber die­ses jahr war das dann doch ein wenig anders. zwar ist aus den vie­len trai­nings­la­gern und mann­schafts­sit­zun­gen kaum etwas gewor­den. und das ers­te spiel haben wir auch gleich ver­lo­ren. aber dann wur­den wir immer bes­ser. und konn­ten uns nach sogar bis in das spiel um den drit­ten platz hin­auf­ar­bei­ten. da muss­ten wir uns dann aller­dings 1:2 geschla­gen geben – nun­ja, immer­hin haben wir den hal­ben weg zum tur­nier­sieg schon geschafft. und da sta­tis­tik und mathe­ma­tik bekannt­lich nicht lügen, steht also ein­deu­tig fest, dass wir nächs­tes jahr ganz klar gewin­nen wer­den – zur not wer­den eben camil­lo und/​oder noah zwangs­ver­pflich­tet … hier gibt’s die offi­zi­el­len fotos: schoppenturnier-galerie.
und noch zwei schnappschüsse: 

gibt es marxistisches laufen?

ja, das gibt es. und das sieht dann so aus bzw. liest sich so (zum the­ma: wahl des trai­nings­plans für mara­thon bei ca. 4:30 stunden):

Der Umschlag von Quan­ti­tät in Qua­li­tät, den schon Sta­lin in sei­ner Schrift „Über den Dia­lek­ti­schen und His­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus“ als Grund­zug der mar­xis­ti­schen dia­lek­ti­schen Metho­de beschrieb, dürf­te mei­ner Schät­zung nach bei Män­nern im bes­ten Alter knapp unter 4 Stun­den liegen.

so schrieb e. braun heu­te in drsl (mes­sa­ge-id: <slrn4f9bu6e.e9c0.p2h56vc7@pax07e3.mipool.uni-jena.de>)

neue schuhe sind etwas wunderbares

vor allem, wenn es so tol­le schlap­pen wie mei­ne gera­de bei wild­wech­sel (dem sport-laden mei­nes ver­trau­ens hier in mainz …) erwor­be­ne new balan­ce 1223 sind. damit macht das lau­fen gleich noch ein­mal so viel spaß: beque­me dämp­fung, super pass­form (wesent­lich bes­ser etwa als die ande­ren, die ich anpro­bier­te: new balan­ce 767 und brooks adre­na­line gts 7) – sogar mei­ne gro­ßen zehen haben dar­in genü­gend platz. vor allem aber haben sie nicht nur einen aus­ge­zeich­ne­ten und beque­men sitz, son­dern lau­fen auch ganz her­vor­ra­gend: beson­ders das außer­or­dent­lich har­mo­ni­sche abroll­ver­hal­ten hat mich begeis­tert. und ich bin noch nie mit einem schuh unter­wegs gewe­sen, der den spa­gat zwi­schen dämp­fung und direk­tem lauf­ge­fühl und boden­kon­takt so über­zeu­gend hin­be­kom­men hat. höchs­tens die spren­gung scheint mir ein tick zu groß (das kann aber auch täu­schen, weil sie am fuß­bal­len so klar und prä­zi­se ablau­fen). gespannt bin ich nun nur, ob sie nicht ein wenig warm sind – das gewe­be gera­de am vor­fuß scheint doch recht dicht zu sein. aber ihr geld sind sie auf jeden fall schon wert – auch wenn das ganz schön viel ist, was man dafür berap­pen muss. der schuh ist auch noch so neu, dass er noch nicht ein­mal auf der new-balan­ce-home­page auftaucht …

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