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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

geniales theater der dinge und klänge: heiner goebbels „stifters dinge“

die ers­te fra­ge, die sich auf­drängt ist natür­lich gleich die grund­sätz­li­che: ist das über­haupt thea­ter? es gibt kei­ne hand­lung. kei­ne schau­spie­ler. kaum text. aber: es gibt eine büh­ne. es gibt eine dra­ma­tur­gie. es gibt tech­nik zu hauf. für mich ist das ein­deu­tig: das ist thea­ter. auch wenn hei­ner goeb­bels es eine „per­for­ma­ti­ve instal­la­ti­on” nennt.

goeb­bels ist einer der weni­gen, die wirk­lich neu­es thea­ter machen – immer wie­der. und auf allen ebe­nen. die nicht nur neu­en wein in alte schläu­che fül­len, son­dern auch neue for­men der vermittlung,d er kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem publi­kum, der in-sze­nie­rung suchen. zumin­dest als ver­suchs­auf­bau­ten sind sie oft spek­ta­ku­lär und auf­re­gend, beein­dru­ckend und mäch­tig. ob sie frei­lich von dau­er sind, wird sich zei­gen – mei­nes wis­sens sind sie bis­her nur im ori­gi­nal zu sehen. denn text als grund­la­ge kaum noch vor­han­den – was eine neu-insze­nie­rung unge­heu­er erschwert, eigent­lich unmög­lich macht. denn goeb­bels denkt das thea­ter offen­bar umfas­sen­der: sein werk ist nicht die par­ti­tur, son­dern umfasst auch die kom­plet­te insze­nie­rung, inklus­vie raum, ton und licht.

durch­aus eine kon­squen­te ent­wick­lung des thea­ters, die sich eben um neue for­men bemüht, die näher zu gegen­wart sind. oder, wie er es im inter­view sagt: „Denn das [Thea­ter] muß immer auch über­ra­schen, neu­gie­rig machen, etwas zei­gen, das wir noch nicht gese­hen haben, das unbe­kannt ist, ein Rät­sel, viel­leicht ein klei­nes Wun­der, schau’n wir mal.”

das ist genau das, was man hier auch als zuschau­er tun muss: schau­en. und hören. und auf­merk­sam sein auf die durch­weg aus­ge­spro­chen abs­trak­ten meta­mor­pho­sen von raum, licht, bewe­gungn und klang. der klang: grenz­be­riech musik – geräusch immer wie­der aus­ge­lo­tet (damit auch ein – aller­dings hier nicht wei­ter ela­bo­rier­ter – anknüp­fungs­punkt an die zeit­ge­nös­si­sche musik, etwa die idee einer musi­que instru­men­ta­le con­cré­te). und: über­gän­ge zur augen­mu­sik. etwa in dem moment, indem sich das selbst­spie­len­de kla­vier qua­si noch ein wei­te­res mal ver­selb­stän­digt, und nicht mehr spielt, um bestimm­te klang­fol­gen zu erzeu­gen, son­dern spielt, um bestimm­te bild­li­che abläu­fe – etwa der sich wel­len­ar­tig bewe­gen­den häm­mer (mit über­la­gern­den wel­len sogar) – zu erzeu­gen. das alles ist gera­de in der kom­ple­xi­tät der anord­nung (denn für sich genom­men ist die musi­ka­li­sche sei­te etwa des abends fast durch­weg eher sim­pel) unge­heu­er anre­gend. es ver­strömt aber auch eine gewis­se melan­cho­lie, v.a. im letz­ten drit­tel (inse­be­son­de­re durch die klang­ge­stalt), fast ein ein­ge­ste­hen des scheiterns?

die vom schöpf­ter gewähl­te bezeich­nung der „per­for­ma­ti­ven instal­la­ti­on” bringt es ziem­lich gut auf den punkt: instal­la­ti­on zwei­fels­oh­ne – die im hin­ter­grund har­ren­de bat­te­rie der klang­er­zeu­gung, die zugleich bild­lie­fe­rant ist etwa. per­for­ma­tiv aber eben auch – in mehr­fa­cher hin­sicht. nicht unbe­dingt in blick auf die bei­den büh­nen­ar­bei­ter, die zu beginn noch die letz­ten vor­be­rei­tun­gen täti­gen und zwi­schen­durch (vor allem im ers­ten teil) eini­ge sachen auf der büh­ne erle­di­gen müs­sen. per­for­ma­tiv einer­seits, weil die instal­la­ti­on thea­ter macht: indem sie klän­ge her­vor­bringt (durch­aus unge­wöhn­li­che, dazi­schen aber auch mal kurz den zwei­ten satz (bzw. des­sen anfang) des ita­lie­ni­schen kon­zer­tes von bach). aber auch durch ihre cho­reo­gra­phie, ihre bewe­gungs­ab­läu­fe – die mehr sind als nur die schlich­te zur­schau­stel­lung der gene­rie­rung von klang: sie haben – zumin­dest ver­spre­chen sie das – einen sinn­über­schuss. der sich aber nicht immer so ein­fach in wor­te fas­sen lässt. es geht hier nicht so sehr um bestimm­te infor­ma­tio­nen, mit­tei­lun­gen. son­dern dar­um, zustän­de zu ver­än­dern. inso­fern ist die per­for­ma­ti­vi­tät die­ser instal­la­ti­on auch in der wech­sel­wir­kung mit dem publi­kum zu suchen. ich hat­te aller­dings in der bocken­hei­mer war­te nicht immer den ein­druck, dass die­ser teil des abends beson­ders gut funk­tio­nier­te. um dazu noch ein­mal goeb­bels zu zitie­ren: „ Mei­ne Arbei­ten brau­chen im übri­gen den Men­schen. Die Men­schen. Die, die sie machen, und die, die sie erfah­ren. Alle mei­ne Stü­cke funk­tio­nie­ren erst, wenn ein Publi­kum da ist und sie und ihre Ele­men­te ‚zusam­men­setzt’. Je indi­vi­du­ell und sicher­lich ein­falls­rei­cher, als wir uns das vor­her aus­den­ken kön­nen. Und vor allem „Stif­ters Din­ge“ braucht das Publi­kum. Erst das Zuschau­en macht dar­aus ein Stück.”

denn die rei­ne tech­nik als fas­zi­no­sum scheint hier für die meis­ten inter­es­san­ter zu sein als das ergeb­nis: natür­lich hat die tech­nik hier auch einen gewis­sen eigen­wert – sonst wür­de sie nicht so offen zur schau gestellt. das ist natür­lich auch eine absicht goeb­bels. aber mir scheint, dass gro­ße tei­le des frank­fur­ter publi­kums (dass auch ziem­lich unru­hig und wenig begeis­tert schien) nicht wei­ter geblickt und gedacht haben als bis hier­hin. ganz deut­lich am ende: alle (wirk­lich mit ganz weni­gen aus­nah­men) strö­men nicht zum aus­gang, son­dern zur büh­ne, um die tech­nik – die ja offen­liegt – noch ein­mal zu bestau­nen. damit wird das eigent­lich anlie­gen des wer­kes, die auf­merk­sam­keit auf din­ge zu len­ken, die sonst eher illus­tra­tiv gen­tutzt wer­den und nicht im zen­trum der auf­merk­sam­keit ste­hen, gewis­ser wei­se kot­ner­ka­riert: sie wer­den näm­lich, indem sie als blo­ße tech­ni­sche her­aus­for­de­rung und inge­nieurs­mä­ßi­ge bra­vour­auf­ga­be rezi­piert wer­den, ihrer hier gefor­der­ten oder pos­tu­lier­ten auto­no­mie wie­der doch wie­der, d.h. erneut!, beraubt und damit noch ein­mal (und die­se wie­der­ho­lung ist fast noch betrüb­li­cher als der ursprüng­li­che vor­gang) aus dem zen­trum gerückt und zur peri­phe­rie gemacht.

kei­ner, der nur halb­wegs offen ist, wird die­sen abend aller­dings unbe­scha­det über­ste­hen. soll hei­ßen: wer sich auch nur ein wenig ein­lässt auf die zu-mut-ung die­ser arbeit, wird danach nicht mehr der sel­be sein. er wird anders sehen, hören, führ­len – anders wahr­neh­men. sei­ne auf­merk­sam­keit für die din­ge etwa, die schein­ba­ren neben­säch­lich­kei­ten, wird geschärft sein. und das ist das höchs­te kom­pli­ment, das ich einem kunst­werk machen kann (das ist aber auch der maß­stab, den ich immer wie­der anlege …)

eini­ge kri­ti­ken und berich­te kann man auf der home­page von hei­ner goeb­bels nachlesen.

tristesse royale revisited

lukas hein­ser (cof­fee and tv) hat noch ein­mal in der alten schar­te­ke, der pro­gramm­schrift der neue­ren pop­li­te­ra­tur in deutsch­land aus den frü­hen neun­zi­gern, geblät­tert. und eini­ge inter­es­san­te beob­ach­tun­gen zusam­men getra­gen – vor allem zur belang­lo­sig­keit die­ses mani­fes­tes für die heu­ti­ge gesell­schaft, lite­ra­tur und den pop.

virtuose leichtigkeit ganz klassisch

ein schö­ner, unkom­pli­zier­ter, klas­si­scher kla­vier­abend im frank­fur­ter hof mit alex­ei volo­din aus der rei­he „inter­na­tio­na­le pia­nis­ten in mainz”:

Bach, Beet­ho­ven, Cho­pin und Liszt – viel klas­si­scher kann ein Pia­nist sei­nen Kla­vier­abend kaum gestal­ten. Aber es kommt ja dar­auf an, was man dar­aus macht. Und Alex­ei Volo­din mach­te im Frank­fur­ter Hof eine Men­ge dar­aus. Von Anfang an konn­te er das Publi­kum im voll besetz­ten Saal begeis­tern. Schon Bachs sechs­te Par­ti­ta wur­de bei ihm zu einem span­nen­den Erleb­nis: kno­chen­tro­cken und kon­zen­triert, kom­pakt und immer ganz und gar gelas­sen fegt er durch die Tanz­sät­ze, in jedem Moment locker bis in alle zehn Fingerspitzen.

Über­haupt die Leich­tig­keit! Tech­ni­sche Schwie­rig­kei­ten beein­dru­ckend ihn gar nicht: Leicht und schwe­bend macht er sich auf in die Appas­sio­na­ta, zau­bert iri­sie­ren­des Flim­mern aus dem Flü­gel. Natür­lich kann er auch aus­ge­spro­chen kräf­tig hin­lan­gen – aber das ist ihm nicht die Haupt­sa­che. Im Gegen­satz, es scheint ihm in Beet­ho­vens 23. Kla­vier­so­na­te nur ein not­wen­di­ges Übel zu sein. Viel mehr geht es ihm offen­bar dar­um, die Musik aus den über­la­gern­den Schich­ten des Pathos der letz­ten zwei­hun­dert Jah­re zu befrei­en. Eine phä­no­me­na­le Klar­heit und Deut­lich­keit prä­gen des­halb sei­ne for­mal stren­ge Interpretation.

Im zwei­ten Satz gerät die Gren­ze zur Lako­nie dann durch­aus das eine oder ande­re Mal in Sicht­wei­se – aber er über­schritt sie nie auch nur einen Mil­li­me­ter. Immer wie­der beein­druckt dage­gen die zar­te Innig­keit sei­ner Klang­ge­stal­tung, die ganz ohne roman­ti­sche Ver­klä­rung aus­kommt und den­noch ver­zückt. Selbst den Don­ner­hall des Shclus­ses stampft Volo­din dann ganz radi­kal auf den musi­ka­li­schen Kern ein – nur weni­ge Pia­nis­ten redu­zie­ren das gan­ze Bim­bo­ri­um so weit, um zur wah­ren Musi­ka­li­tät vorzudringen.

Über­haupt die Schlüs­se! Da läuft der jun­ge rus­si­sche Pia­nist immer wie­der zur Hoch­form auf. Auch bei Cho­pins Impromp­tus sind es immer wie­der die letz­ten Tak­te, die beson­ders fas­zi­nie­ren. Zwar gibt Volo­din sei­ner Ver­an­la­gung zum rausch­haf­ten Klang­zau­ber hier erheb­lich wei­ter nach als zu Beginn des Abends – sei­ne stu­pen­de Vir­tuo­si­tät erlaubt es ihm trotz­dem, reiz­vol­le Klang­fol­gen zu schaf­fen. Doch so rich­tig aus­le­ben durf­te er sei­ne phä­no­me­na­le Fin­ger­fer­tig­keit vor allem in den „Rémi­nis­cen­ces de Don Juan“ von Franz Liszt, die sein Auf­tritt in der Rei­he der „Inter­na­tio­na­len Pia­nis­ten in Mainz“ been­de­ten. Das ist zwar unter ande­rem auch eine Hul­di­gung an Mozart, aber vor allem ein rasan­tes Vir­tuo­sen­stück. Und genau so spielt es Volo­din auch: Mit Effekt und Phan­ta­sie tobt er durch die aber­tau­send Noten – und scheint nicht ein­mal beson­ders beein­druckt vom pia­nis­ti­schen Anspruch. Dem Publi­kum impo­niert er damit aber umso mehr.

invasion der led-lampen

jetzt sind sie wie­der unter­wegs. spä­tes­tens seit der umstel­lung auf die nor­ma­le zeit am wochen­en­de tre­ten sie wie­der gehäuft auf: läu­fer, die aus­ge­stat­tet sind wie wan­deln­de lich­ter­bäu­me. da blitzt und blinkt und glit­zert es an allen enden. beson­ders schön sind aber die­je­ni­gen, die unbe­dingt eine kopf­lam­pe brau­chen. komisch, als es noch kei­ne leds gab, ging es auch ohne. jetzt aber anschei­nend über­haupt nicht mehr. dabei ist es gera­de auf der drei­brü­cken­run­de, die ich heu­te lief, fast alles beleuch­tet. und der rest ist auch noch so hell, dass man das eigent­lich immer ohne lam­pe lau­fen kann. mal davon abge­se­hen, dass der weg sowie­so so gut ist, dass auch dun­kel­heit kein hin­der­nis ist. aber der größ­te witz sind ja die läu­fer, die ihre tol­len lam­pen ca. 50 cm vor ihre füße rich­ten – die bekom­men über­haupt nichts mehr mit. heu­te hät­ten mich zwei bei­na­he umge­rannt … und geblen­det haben sie mich natür­lich auch mit ihren scheinwerfer …

um kei­ne miss­ver­ständ­nis­se auf­kom­men zu las­sen: ich habe auch eine stirn­lam­pe. aber ich benut­ze sie halt nur, wenn es nötig ist: bei neu­mond. bei bewölk­tem him­mel. auf unbe­kann­ten wegen. im wald. auf schlech­ten oder nicht vor­han­de­nen wegen. und man kann die din­ger natür­lich auch aus­schal­ten. ohne ist das lau­fen viel schö­ner und ange­neh­mer und erlebnisreicher …

michael haydn: requiem

Haydn oder Pas­te­re­witz, das ist hier die Fra­ge. Aber eigent­lich ist es auch wie­der egal – es wäre ja auch „nur“ der unbe­kann­te­re Micha­el Haydn, der als Kom­po­nist des Requi­ems in Fra­ge kommt. Und letzt­lich ist es sowie­so egal, weil die Musik die sel­be bleibt, gleich wer jetzt kom­po­niert und wer ledig­lich abge­schrie­ben hat. Dar­auf fällt Dis­kus­si­on um Autor­schaft näm­lich zurück: Von bei­den ist ein Manu­skript über­lie­fert. Der Bene­dik­ti­ner Georg von Pas­te­re­witz gilt nach momen­ta­ner Lage aber als wahr­schein­li­cher Urhe­ber, denn in sei­ner Hand­schrift gibt es Kom­po­si­ti­ons­ma­te­ria­li­en, von Haydn dage­gen nur eine Rein­schrift. Der Grund für die Dis­kus­si­on der Urhe­ber­schaft ist die Ein­spie­lung des Requi­ems von Wer­ner Ehr­hardt mit dem Kam­mer­chor Can­te­mus und der Deut­schen Kam­mer­aka­de­mie Neuss am Rhein. Die prä­sen­tiert die­se Toten­mes­se, die auf Vokal­so­lis­ten völ­lig ver­zich­tet und sich ganz auf den Chor kon­zen­triert, in stren­ger Geschlos­sen­heit. Lei­der geriet der Chor bei der Auf­nah­me arg weit in den Hin­ter­grund. Dabei muss er sich über­haupt nicht ver­ste­cken. Der Düs­ter­nis, die von die­sem Requi­em aus­geht, die unab­läs­sig zum Agnus Dei stre­ben­de Ver­zweif­lung, ver­lei­hen die Sän­ger eine vor­bild­li­che Inten­si­tät. Der Rest des Sil­ber­lings ist mit zwei zwei­fel­los von Haydn stam­men­den Wer­ken gefüllt: Eine fri­sche und froh­ge­mut-for­sche Auf­nah­me der „Mis­sa Sanc­ti Joan­nis Nepomuceni“ und noch ein knap­pes, kraft­vol­les Te Deum zum Abschluss. Scha­de nur, dass selbst auf der SACD-Schicht das Klang­bild durch­weg aus­ge­spro­chen ver­schwom­men bleibt.

Micha­el Haydn: Requi­em c‑Moll MH 559, Mis­sa Sanc­ti Joan­nis Nepomuceni MH 182, Te Deum in D MH 829. Kam­mer­chor Can­te­mus, Deut­sche Kam­mer­aka­de­mie Neuss am Rhein, Lei­tung: Wer­ner Ehr­hardt. Capp­ric­cio 71 084.

„Bil­dung ist nicht nur wich­ti­ger als der Jäger 90, die Schwe­be­bahn und der Aus­bau des Auto­bahn­net­zes, sie ist auch wich­ti­ger als die gewohn­te Ver­an­stal­tung Schu­le.” (Hart­mut von Hen­tig, Bil­dung, 209)

norbert linke: bitte um frieden

Über 450 Jah­re hat der Luther-Cho­ral „Ver­leih‘ uns Frie­den gnä­dig­lich“ inzwi­schen auf dem Buckel und wird doch immer noch gesun­gen. Nor­bert Lin­ke, Pro­fes­sor in Duis­burg und den Kir­chen­mu­si­kern durch sei­ne popu­lä­ren und pop­pi­gen Choral­vor­spie­le, den „Organ Pops“, bes­tens bekannt, hat sich von die­sem Lied zu einem Chor­werk anre­gen lassen.

Er selbst legt die Inspi­ra­ti­on und/​oder Anle­hung im Unter­ti­tel der „Bit­te um Frie­den“ offen. Aber das wäre auch sonst unüber­hör­bar, zu deut­lich sind die melo­di­schen Über­ein­stim­mun­gen. Es ist ein fast unbe­darft wir­ken­der, schnell ein­zu­stu­die­ren­der Chor­satz gewor­den, der im Got­tes­dienst wun­der­bar Platz fin­det. Wenn nicht sowie­so schon im Uni­so­no, wird der vier­stim­mi­ge Chor fast aus­schließ­lich par­al­lel geführt. Beglei­tet wird er von der Orgel, die regel­mä­ßig (nach ein bis zwei Ver­sen meist) klei­ne Zwi­schen­spie­le bei­steu­ert, die für etwas grö­ße­re Lücken und Auf­lo­cke­rung in der „Bit­te“ sor­gen, dadurch aber über­haupt etwas Far­be und Bewe­gung ins Spiel brin­gen. Denn Lin­kes „Bit­te um Frie­den“ ist nicht gera­de ein opti­mis­tisch-strah­len­des Chor­werk: Frie­de kann allein durch Gott wer­den – aber so recht glau­ben mag das der Chor hier nicht mehr, er ver­sinkt bei den Schluss­wor­ten, die doch eigent­lich von dem fes­ten Glau­ben auf die Güte Got­tes spre­chen soll­ten, im boden­lo­sen Nichts, in der gäh­nen­den Lee­re – nur noch zwei lang gehal­te­ne Orgel­ak­kor­de besie­geln das Schicksal.

Nor­bert Lin­ke: Bit­te um Frie­den. Nach dem Luther-Cho­ral „Ver­leih‘ uns Frie­den gnä­dig­lich“ (1531) für gemisch­ten Chor und Orgel. Ber­lin: Ver­lag Neue Musik NM 2512 2003. 10 Sei­ten. 9,80 Euro.

so, die ers­te woche des win­ter­se­mes­ters ist geschafft ;-). mir ist etwas inter­es­san­tes auf­ge­fal­len, weil ich vie­le vor­le­sun­gen des his­to­ri­schen semi­nars besu­che und die dozen­ten in den vor­le­sun­gen ja ger­ne in der ers­ten sit­zung so eini­ge grund­sätz­li­che aus­füh­run­gen machen, zu metho­de und inhalt, ent­ste­hung und ver­lauf ihrer ver­an­stal­tung. und auf­fäl­lig vie­le, näm­lich gefühl­te 90 % der dozen­ten (die nicht alle pro­fes­so­ren sind, aber zumin­dest habi­li­tiert) mach­ten mehr oder weni­ger aus­führ­li­che bemer­kun­gen zur umstel­lung der stu­di­en­gän­ge auf bache­lor & mas­ter. die main­zer uni­ver­si­tät will das ja bereits im nächs­ten win­ter­se­mes­ter kom­plett geschafft haben (wor­auf ich schon sehr gespannt bin, bis jetzt ist davon noch nicht all­zu viel zu mer­ken). und so lang­sam scheint bei den pro­fes­so­ren anzu­kom­men, dass die uni­ver­si­tät, wir wir sie momen­tan ken­nen, damit der ver­gan­gen­heit ange­hö­ren wird. sie mer­ken so lang­sam und all­mäh­lich, dass sie sich mit der radi­ka­len umstel­lung auf die­se pseu­do-stu­di­en­ab­schlüs­se die größ­te reform der uni­ver­si­tät ein­ge­han­delt haben, die seit 1900 pas­siert ist – dage­gen waren die vond en 68ern ange­sto­ße­nen umbau­ten ein klacks. denn inzwi­schen rea­li­sie­ren sie, dass es mit der frei­heit der leh­re dann nicht mehr weit her ist – wenn alles schön im stun­den­plan vor­ge­schrie­ben ist, muss das ja auch erle­digt wer­den. und dann ist – davon kann man getrost aus­ge­hen – für vor­le­sun­gen wie „Von der Bil­dungs­re­form Karls des Gro­ßen zur Uni­ver­si­tät. Schrift­lich­keit, Wis­sen und Bil­dung im latei­ni­schen Mit­tel­al­ter (8.–13. Jahr­hun­dert)” sicher­lich kein platz mehr. aber jetzt ist das kind halt in den brun­nen gefallen …

das knarzt und knurpselt und fiepst, dass es eine rei­ne freu­de ist (wenn man so etwas aus den rand­be­rei­chen der impro­vi­sier­ten musik mag, natür­lich). eigent­lich sind es – zumin­dest über ganz lan­ge stre­cken die­ser wun­der­ba­ren cd – nur geräuschr, nur fet­zen, bruck­stü­cke einer musik. die lau­fen aber doch zusam­men und mit­ein­an­der ab – dafür sorgt vor allem tho­mas lehn mit sei­nen ana­lo­gen syn­the­si­zern. qua­si mikro­sko­pisch ist der blick – die makro­ebe­ne wird ein­fach mal als gege­ben (und vertaut) vor­aus­ge­setzt. oder bes­ser gesagt: ihre men­ta­le kon­struk­ti­on wird ein­fach dem (geneig­ten) hörer überlassen.

die gren­zen des hör­be­reichs aus­zu­lo­ten, nicht nur phy­sio­lo­gisch, son­dern – und vor allem – auch phsy­sich – das ist grat­kow­skis spe­zia­li­tät. die sub­ti­li­tät, mit der er dabei vor­geht, ist kaum anders als geni­al zu bezeich­nen. und wirk­lich unüber­trof­fen ist er dar­in, auch das ergeb­nis die­ser for­schun­gen, also das auf die­sen sil­ber­ling gebann­te klang­ge­sche­hen, ganz sub­til und fein­sin­nig zu erschei­nen lassen.

ganz sach­te for­men, oft nur sche­men­haf­te umris­se in bis kurz vorm plat­zen gedehn­ter zeit, aus dem ab und ganz und gar ver­hal­te­nes, ver­steck­tes, ver­schäm­tes pul­sie­ren her­vor­lugt, prä­gen die vier titel von tris­kai­de­kap­ho­nia. klap­pen­ge­klap­per, blas­ge­räu­sche, gemischt mit dem ana­lo­gen syn­the­si­zer, erge­ben eine fast unmerk­li­che ein­heit: alle drei las­se sich unheim­lich weit auf das wag­nis des frei­en impro­vi­sie­rens ein – wei­ter als die meis­ten ihrer kol­le­gen. und so weit, dass auch mal eine wei­le fast nichts zu pas­sie­ren scheint … das „kaputt­spie­len” (peter kowald) haben sie ihren vor­gän­gern über­las­sen – sie machen sich jetzt an einen neu­en auf­bau, offen­bar wirk­lich frei, näm­lich zumin­dest schein­bar los­ge­löst aus allen kon­ven­tio­nen und musi­ka­li­schen traditionsformen.

das ergeb­nis ist dann auch eher eine „klang­kunst” als her­kömm­li­cher jazz: klang­bil­der, oft gan­ze pan­ora­men, die die gro­ße wei­te lee­rer land­schaf­ten abbil­den, aus denen nur ganz wenig her­aus­ragt, die auf­merk­sam­keit auf sich zu zie­hen – das aber dafür umso deut­li­cher. aber das heißt nicht, dass es hier einen durch­ge­hen­den klang­tep­pich gebe – fast alles, wirk­lich rest­los, ist vor­der­grund, ist momen­tan geschöpft, voll­kom­men neu. und trotz­dem ergibt sich dar­aus eine drei­di­men­sio­na­le land­schaft – das ist das tol­le, begeis­tern­de, groß­ar­ti­ge die­ses trios!

vier lan­ge „stü­cke” sind auf der cd ver­sam­melt, alles mehr oder weni­ger will­kür­lich benannt – denn herr­kömm­li­che stü­cke sind das natür­lich nicht, son­dern eben eher abfol­gen, aus­schnit­te, epi­sche ver­su­che, aber bestimmt kei­ne lie­der. die titel sind ganz offen­sicht­lich blo­ße asso­zia­tio­nen – und auch gar nicht wich­tig, könn­ten genau­so gut titel­los blei­ben. denn sie haben als kom­po­si­ti­on, als werk gar kei­ne iden­ti­tät, sie sind nur das (momen­ta­ne) ergeb­nis einer situa­ti­on, die die drei musi­ker zusam­men­führ­te (näm­lich im köl­ner „loft”, aus dem so viel inter­es­san­te musik kommt.

irgend wann, kurz vor schluss des ers­ten teils, „lad­ders and stairs” benannt , kippt es plötz­lich – ohne ersicht­li­chen grund: genau das macht die­se art der impro­vi­sier­ten musik so span­nend: nie vor­her­se­hen zu kön­nen, nie zu wis­sen, was in der nächs­ten sekun­de pas­sie­ren wird – und nimmt fahrt auf, wird wie­der etwas ruhier, bleibt aber jetzt, wo der damm durch­bro­chen ist, zeris­sen und reizbar.

der zwei­te titel gibt sich ins­ge­samt etwas rau­er und kan­ti­ger, auch erup­ti­ver und bro­deln­der, trotz des eher gemüt­lich klin­gen­den und schutz und gebor­gen­heit ver­hei­ßen­den titels „umbrel­las”.

in „ren­aming a boat” klingt das gan­ze noch frei­er, unbe­küm­mer­ter und spon­ta­ner, erfährt eine zuneh­men­de ver­dich­tung und erneu­te öff­nung. zum ende der cd (vor allem in „hot cross buns”) hin steigt die action – d.h., die epi­so­den erhöh­ter akti­vi­tät häu­fen sich und ihre abstän­de wer­den immer kürzer.

ein­fach geni­al großartig.

frank grat­kow­ski /​tho­mas lehn /​mel­vyn poo­re: tris­kai­de­kap­ho­nia. leo records 2006.

keith jarrett – ein auslaufmodell

wun­der­bar, wie hans-jür­gen lin­ke in der frank­fur­ter rund­schau über das kon­zert keith jar­retts in der frank­fur­ter alten oper schreibt: 

Keith Jar­rett bleibt im ers­ten Teil des Kon­zerts sei­nem Publi­kum fast alles schul­dig und im zwei­ten immer­hin den Beweis, dass er ein Musi­ker des 21. Jahr­hun­derts ist. […] Er klingt in sei­nen schlech­te­ren Pha­sen wie ein mäßig inspi­rier­ter, tech­nisch recht guter, tief sen­ti­men­ta­ler ame­ri­ka­ni­scher Pia­nist und in sei­nen bes­ten Momen­ten wie ein hand­ge­brems­ter, mit Puder­zu­cker bestreu­ter Brahms, der Jazz gehört hat.

chris­ti­an broe­cking schreibt in der taz sogar:

Ein Desas­ter aus Grö­ßen­wahn, Eitel­keit und Vir­tuo­si­tät. […] Dass das Publi­kum nach 40 Minu­ten Kon­zert vor der Pau­se und 30 Minu­ten danach stür­misch vier kur­ze Zuga­ben her­bei­klatsch­te, kann den Ein­druck nicht schmä­lern, dass das intel­lek­tu­el­le Niveau auf der Büh­ne kaum ein­mal unte­res Mit­tel­maß erreich­te. Schlim­mer noch wirkt, dass es ein­fach nicht gut klingt, wenn ein sich maß­los selbst über­schät­zen­der Künst­ler kaum mehr den Weg zurück­zu­fin­den scheint. Das mage­re künst­le­ri­sche Ergeb­nis über­ragt Jar­retts ener­vie­ren­de Selbst­herr­lich­keit mit gro­ßer Not.

ich habe das kon­zert zwar nicht gehört, aber das bringt mei­ne gedan­ken beim hören (auch der älte­ren) von jar­retts improvsia­tio­nen ziem­lich gut auf den punkt.

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