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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Die Sage von Undi­ne ist ein alter mytho­lo­gi­scher Stoff: Die Nym­phe Undi­ne, ein Was­ser­geist, kann nur durch Hei­rat eine See­le erlan­gen. Vor allem die Roman­ti­ker haben sol­che The­men geliebt und immer wie­der neu erzählt.

Aber das ist nur eine von vie­len Geschich­ten, die im Kon­zert­saal des Peter-Cor­ne­li­us-Kon­ser­va­to­ri­ums zu hören waren. Denn die Flö­tis­tin Rena­te Kehr hat mir ihrer Kla­vier­be­glei­te­rin Clau­dia Hölb­ling ein Pro­gramm aus­ge­ar­bei­tet, dass sich ganz auf den erzäh­len­den Aspekt der Musik kon­zen­trier­te. Und da war Carl Reine­ckes Undi­ne-Sona­te ein groß­ar­ti­ger Höhe­punkt. Groß­ar­tig nicht nur, weil schon Rei­ne­cke an nichts gespart hat: Aus­schwei­fen­de Har­mo­nik, ein­gän­gi­ge Melo­dien, raf­fi­nier­te Form – die Sona­te zeigt den Roman­ti­ker auf dem Höhe­punkt sei­nes Kön­nens. Und da stan­den die bei­den Dozen­tin­nen des PCK ihm in nichts nach: Weich und sanft flie­ßen die Was­ser, idyl­lisch erhebt sich die Nym­phe. Und das alles geschieht qua­si ein­fach so, ohne Anstren­gung, ganz locker und unauf­ge­regt. Selbst rasant-beweg­te Tei­le wie das Inter­mez­zo wir­ken dadurch fast bei­läu­fig. Auch das Feh­len gro­ßer Ges­ten und empha­ti­schen Pathos hilft, die Geschich­te die­ser Sona­te sehr non­cha­lant zu erzählen.

Auch Clau­de Debus­sy war ein gro­ßer Erzäh­ler. Sei­ne „Geschich­ten aus alter Zeit“ machen das ganz unmit­tel­bar deut­lich. Auch wenn sie wesent­lich abs­trak­ter blei­ben und ihre Inhal­te nur andeu­ten – das ist deli­ka­te Musik. Und die zar­te Raf­fi­nes­se, mit der sowohl Kehr als auch Hölb­ling das aus­kos­ten, macht die­se Stü­cke zu wah­ren Dia­man­ten: Stark kon­zen­triert und unter enor­men Druck hoch ver­dich­tet fun­keln sie mit­ein­an­der um die Wette.

Astor Piaz­zoll­as „His­toire du Tan­go“ stan­den dann für eine ande­re Vari­an­te des Erzäh­lens: Statt Geschich­ten wird jetzt Geschich­te geschrie­ben – die des Tan­gos natür­lich. Das mach­ten die bei­den zwar stil­echt mit Kas­ta­gnet­ten, aber lei­der auch etwas aka­de­misch. So blieb aus­ge­rech­net die Tanz­mu­sik recht tro­cken und steif. Doch selbst das konn­te den Genuss nur gering­fü­gig trü­ben. Denn es blie­ben die klang­li­che Bril­lanz und die per­fek­te Zusam­men­ar­beit der bei­den Musi­ke­rin­nen, die schon das gan­ze Kon­zert hin­durch überzeugten.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

an die sterne. schumanns weltliche chormusik

„An die Ster­ne“ ist die ers­te CD mit Robert Schu­manns welt­li­cher Chor­mu­sik beti­telt, die das Orpheus Vokal­ensem­ble unter Cary Gra­den bei Carus vor­ge­legt hat. Ganz rei­chen die Sän­ger aber nicht ans Fir­ma­ment. Das 2005 gegrün­de­te Orpheus-Vokal­ensem­ble, des­sen ers­te Auf­nah­me die­se CD ist, über­zeugt näm­lich nur bedingt. Stö­rend wir­ken sich nicht nur das fast per­ma­nen­tes Über­ge­wicht der Frau­en­stim­men und die teil­wei­se auf­fal­lend mit­tel­mä­ßi­ge tech­ni­sche Prä­zi­si­on aus, irri­tie­ren­der sind vor allem an der Man­gel an Klang­dif­fe­ren­zie­rung und Cha­ris­ma. Dabei ist es ja wirk­lich nicht so, dass Schu­manns Chö­re fade Kost sind. Die „Fünf Lie­der“ op. 55 (auf Gedich­te von Robert Burns) sind zum Bei­spiel ganz aus­ge­zeich­ne­te klei­ne Kost­bar­kei­ten. Und hier zeigt dass Orpheus-Vokal­ensem­ble auch, dass es durch­aus fähig ist: Die­se fünf Lie­der sind wirk­li­che klei­ne glit­zern­de Sterne.

Und musi­ka­li­sches Ein­füh­lungs­ver­mö­gen beweist der Chor unter Gary Gra­den (und auch der beglei­ten­de Pia­nist, Kon­rad Elser) immer wie­der in über­ra­schen­dem Maße – das macht vie­les wett. Es ist aber schon auf­fal­lend, dass gera­de die getra­ge­nen, lang­sa­men Lie­der (fast) immer bes­ser sind als die beweg­ten, mehr Gespür für Atmo­sphä­re und Klang­sinn verr­ra­ten. Und je kom­ple­xer die Kom­po­si­tio­nen wer­den, des­to bes­ser wird auch der Chor – wie die beson­ders plas­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on der „Vier dop­pel­chö­ri­gen Gesän­ge“ op. 141 sehr deut­lich zeigt. Gera­de der Wech­sel zwi­schen aus­ge­spro­chen kunst­vol­len Chor­sät­zen und volks­lied­haft ein­fa­chen Chor­lie­dern, der die gan­ze Band­brei­te des cho­ri­schen Wer­kes Schu­manns auf­zeigt, macht aber den beson­de­ren Reiz die­ser Samm­lung aus.

Robert Schu­mann: An die Ster­ne. Welt­li­che Chor­mu­sik I. Orpheus-Vokal­ensem­ble. Kon­rad Elser, Kla­vier. Lei­tung. Gary Gra­den. Carus 83.173.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, janu­ar 2008)

franz lachner: requiem f‑moll op. 146

Fast das gan­ze 19. Jahr­hun­dert hat er durch­lebt, von der Beet­ho­ven- und Schu­bert-Zeit bis zum Wag­ner-Wahn. Aber nicht nur bio­gra­phisch ist Franz Lach­ner fest in die­sem Zen­ten­ari­um ver­an­kert. Auch sei­ne Musik ist unbe­dingt, mit jeder Faser ihres Wesens, ihm ver­bun­den. Dazu gehört auch die Ver­pflan­zung der Kir­chen­mu­sik in den Kon­zert­saals: Sein Requi­em f‑Moll op. 146 hat er aus­schließ­lich außer­halb des Got­tes­hau­ses auf­ge­führt. Es ist auch unbe­dingt ein sin­fo­ni­sche gedach­tes und grun­dier­tes Werk – zugleich aber auch (noch) eine nach­denk­li­che, lei­se Toten­fei­er. Gera­de die­se Ver­bin­dung macht den Reiz des Requi­ems aus, das jetzt in einer Welt­er­stein­spie­lung mit Chor und Orches­ter der Kam­mer­so­lis­ten Augs­burg unter Her­mann Mey­er vorliegt.

Die Musi­ker keh­ren aller­dings die sach­li­chen, nüch­ter­nen Aspek­te viel­leicht etwas zu sehr her­vor: Gera­de Abschnit­ten wie dem gran­di­os-mit­rei­ßen­den „Dies irae“ fehlt es doch an Pathos und gro­ßer Ges­te. Dafür gibt es aber reich­lich Ent­schä­di­gung: Die Toten­mes­se hat in die­ser Auf­nah­me viel Dri­ve und schwung­vol­le Fri­sche – jedes biss­chen Schwulst wird mit dem Pathos eben auch radi­kal aus­ge­merzt. Chor und Solis­ten sind alle­samt aus­ge­spro­chen soli­de Musi­ker. Nur scheint die Angst, sich dem Gefühl hin­zu­ge­ben, eben manch­mal über­hand zu neh­men. Denn Lach­ners Requi­em hat unend­lich vie­le wun­der­schö­ne Stel­len, die genau das erfor­dern: Viel Gefühl. Trotz­dem hat auch die­se Auf­nah­me wun­der­ba­re Sei­ten. Etwa das herr­li­che Lacri­mo­sa mit den Figu­ra­tio­nen der Solo-Vio­la: ein ech­tes Schmuck­stück, ein rei­nes Ver­gnü­gen. Oder das weit aus­ho­len­de, himm­li­sche ruhe ver­strö­men­de Sanc­tus. Auch das ist hier, auf die­ser CD, ein­fach herr­lich anzuhören.

Franz Lach­ner: Requi­em in f‑Moll op. 146. Kam­mer­so­lis­ten Augs­burg, Her­mann Mey­er. Carus 83.178 (CD/​SACD)

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008)

deutschland ist schön

sogar bei einem solch unan­ge­neh­men wet­ter wie heu­te. und wie schön, erfährt man beim lau­fen immer wie­der neu. heu­te bin ich eine neue stre­cke ange­gan­gen: von elt­ville nach kied­rich, dort auf den rhein­steig und dem fol­gend über schlan­gen­bad und wies­ba­den-bie­brich zurück nach mainz. mein gar­min sagt, das waren 39 kilo­me­ter. und es ist eine schö­ne stre­cke. bei solch mie­sem wet­ter war sie auch (fast) ganz leer: auf den ers­ten 25 km bin ich genau zwei mal leu­ten auf dem weg begeg­net – kurz hin­ter der kied­ri­cher burg einem wan­dern­den paar, etwas spä­ter einen wald­ar­bei­ter – das war’s dann auch schon. dafür hat’s durch­weg genie­selt. lei­der hat es aus­ge­rech­net auf den letz­ten 10 km dann so rich­tig gereg­net. und dabei habe ich mir natür­lich die gera­de erst wie­der ver­heil­ten brust­war­zen erneut schön auf­ge­scheu­ert. und wie­der war es vor allem die lin­ke, die schön geblu­tet hat. selt­sam, eigent­lich hat­te ich in den letz­ten jah­ren damit über­haupt kei­ne pro­ble­me. und jetzt immer wieder …

selt­sam war aller­dings, dass ich gro­ße pro­ble­me bei den berg­auf-pas­sa­gen hat­te: da war ich immer aus­ge­spro­chen schnell sehr fer­tig. zwei stel­len bin ich auch gegan­gen – aber damit hat­te ich gerech­net: die anstie­ge zur kied­ri­cher burg und von frau­en­stein aus zum aus­sichts­turm kann man (zumin­dest ich) nicht sinn­voll lau­fend bewäl­ti­gend – das ist ein­fach zu steil. inter­es­sant war dann aller­dings, dass ich am ende doch noch genug kraft hat­te, ziem­lich viel gas zu geben und so den schnitt noch ein wenig auf­bes­sern konnte.

die rou­te ist hier anzu­schau­en: klick.

franz m. herzog: bekentnisse

Josef Hopf­gart­ner muss man nicht unbe­dingt ken­nen – als Lyri­ker war der Ober­kärnt­ner eher unbe­deu­tend. Aber wie so oft reicht sein mit­tel­mä­ßi­ges Talent aber, um Vor­la­gen für gute und schö­ne Lie­der oder Chor­sät­ze zu lie­fern. Genau das hat Franz M. Her­zog auch mit zwei Gedich­ten Hopf­gart­ners getan: Bekennt­nis­se fasst zwei Chö­re für gemisch­te Ensem­bles zusam­men. Das ist zum einen „Auf­schrei“, das die beklem­men­de, bis zur Ver­zweif­lung getrie­be­ne Qual der Inspi­ra­ti­on des Dich­ters in expres­si­ve Töne setzt. Her­zog ent­fal­tet aus ein­fa­chen Mit­tel star­ke expres­si­ve Kraf, gip­felnd in den mehr­fa­chen Sekund­rei­bun­gen zu den im for­tis­si­mo gespro­che­nen Schluss­zei­len der Verzweiflung.

Auch „Stun­de in die Nacht“, der zwei­te Teil der „Bekennt­nis­se“ ist kei­ne leich­te Kost – und den­noch sehr gegen­sätz­lich. Denn hier geht es weder Hopf­gart­ner noch Her­zog dar­um, einem Gefühl Aus­druck zu velei­hen. Hier, wo es um den Zustand des unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Tod geht, schon fast auf­ge­ho­ben ins Jen­seits, zäh­len nur noch Stim­mun­gen und Ein­drü­cke. Ent­spre­chend sym­bo­lisch gibt sich die Musik, mit Cho­ral-Anklän­gen, ver­ton­ten Glo­cken­schlä­gen und schein­bar ewi­gem Krei­sen. Lan­ge lie­gen­de Klän­ge im acht­stim­mi­gen Satz kom­bi­niert der Kom­po­nist mit frei dekla­mier­te Uni­so­no-Pas­sa­gen. Die geflüs­ter­ten Schluss­ver­se ver­stärk­ten das bedroh­li­ches Sze­na­rio noch zusätz­lich: Eine kunst­vol­le Inspek­ti­on der Innerlichkeit.

Franz M. Her­zog: Bekennt­nis­se. Für gemisch­te Stim­men divi­si a cap­pel­la nach Gedich­ten von Josef Hopf­gart­ner. Inns­bruck: Helb­ling 2005. HI-C5522. 18 Sei­ten. 4,20 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Febru­ar 2008)

neues semester, neues glück

Zu Beginn steht gleich etwas ganz Beson­de­res auf dem Pro­gramm: Das Som­mer­se­mes­ter eröff­net die Hoch­schu­le für Musik am Mitt­woch mit dem Ora­to­ri­um „Il mar­ti­rio di San­ta Ceci­lia“ von Ales­san­dro Scar­lat­ti. Unter der Lei­tung von Mar­tin Lutz wer­den aktu­el­le und ehe­ma­li­ge Stu­die­ren­de gemein­sam mit dem Ensem­ble „Parn­as­si musi­ci“ das erst kürz­lich wie­der­ent­deck­te und ver­leg­te Werk in der Augus­ti­ner­kir­che auf­füh­ren. Damit knüpft die Hoch­schu­le naht­los an das ver­gan­ge­ne Semes­ter an. Da hat­ten sie in einer Kopro­duk­ti­on mit dem Staats­thea­ter „La Giudit­ta“ von Scar­lat­ti sehr erfolg­reich auf die Büh­ne gebracht. Auch sonst bemüht sich die Hoch­schu­le um viel Kon­ti­nui­tät. Das klei­ne Fes­ti­val „Mainz-Musik“ wird mit fünf Kon­zer­ten im Juni wie­der viel neue und aktu­el­le Musik vor­stel­len. Die Inter­na­tio­na­le Som­mer­schu­le „Sin­ging Sum­mer“ wird im Sep­tem­ber nun schon zum fünf­ten Mal voka­le Kunst­fer­tig­kei­ten ver­mit­teln und auch vorführen.

Neu dage­gen ist die Aus­wei­tung der Koope­ra­ti­on zwi­schen Hoch­schu­le und der Stif­tung Vil­la Musi­ca, die unter dem Titel „Spek­trum“ neben ande­rem auch alte und neue Gesän­ge zu Dan­tes Gött­li­cher Komö­die mit Video­pro­jek­tio­nen zusam­men­füh­ren wird.

Wei­te­re Höhe­punk­te im Som­mer sind der „Tanz in den Mai“ – zwar ohne Tanz, dafür aber mit viel tän­ze­ri­scher und fil­mi­scher Musik, gespielt vom Hoch­schul­or­ches­ter unter der Lei­tung von Wol­ram Kolo­seus im Licht­hof Hand­werks­kam­mer Rhein­hes­sen. Und der Bari­ton Chris­toph Bege­mann wird den 175. Geburts­tag von Johan­nes Brahms mit einer erle­se­nen Aus­wahl eher sel­ten gesun­ge­ner Lie­der fei­ern. Doch der gro­ße Umbruch wird erst im Herbst kom­men: Dann zieht die Musik­hoch­schu­le end­lich in ihr neu­es Domi­zil auf dem Cam­pus. Rek­tor Jür­gen Blu­me und sei­ne Ver­tre­te­rin Clau­dia Eder sind frei­lich schon jetzt vol­ler Vor­freu­de. Die musi­ka­li­sche Nut­zung des Neu­baus hat dann frei­lich schon längst begon­nen. Denn Peter Kie­fer fängt schon vor der offi­zi­el­len Ein­wei­hung an, dort zu arbei­ten und das Gebäu­de – auch in unvoll­ende­tem Zustand – musi­ka­lisch zu nut­zen. Mit sei­nem Pro­jekt „Klang-Bau-Stel­le“ wird er am 14. Mai mit sei­nen Stu­den­ten und min­des­tens einer Beton-Misch­ma­schi­ne den Bau akus­tisch erfor­schen und einweihen.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

fünfhundert

500 tage bin ich jetzt in fol­ge ohne unter­bre­chung jeden tag gelau­fen. da bin ich jetzt mal ganz unsinn­ger­wei­se stolz dar­auf ;-). in der letz­ten zeit ist das täg­li­che lau­fen auch über­haupt kein pro­blem – weil ich im moment 8–9 trai­nings­ein­hei­ten in der woche absol­vie­re. da fällt das sozu­sa­gen als neben­pro­dukt ab. und es kom­men eine men­ge kilo­me­ter zusam­men – in den letz­ten drei wochen immer­hin jeweils gut 140 kilometer/​woche. inter­es­sant ist aller­dings auch die ent­wick­lung der durch­schnitt­li­chen tages­ki­lo­me­ter (hier pro monat aus­ge­wer­tet): der anfang – dezem­ber 2006 – war eher ver­hal­ten mit 5,83 km/​tag. das lag vor allem dar­an, dass ich noch mehr­mals in der woche nur 3–4 km unter­wegs war. dann ging es zunächst ste­tig berg­auf, mit einer deut­li­chen del­le im letz­ten herbst, um jetzt im früh­jahr noch ein­mal zu explo­die­ren. die kur­ve wird sich aber wie­der abflachen …
diagramm: entwicklung tageskilometer

franz m. herzog: missa

Mit sei­ner 2004 in Graz urauf­ge­führ­ten Mis­sa für Chor, Sopran und Per­cus­sion knüpf­te Franz M. Her­zog auf unter­schied­lichs­te Wei­se an die lan­ge Tra­di­ti­on der Mess­ver­to­nun­gen an und ver­such­te, die­se modern und eigen­stän­dig zugleich wei­ter­zu­füh­ren. Eigent­lich ist sie für kon­zer­tan­te Situa­tio­nen gedacht, der Kom­po­nist kann sich aber auch Auf­füh­run­gen der Ein­zel­sät­ze im lit­ur­gi­schen Rah­men zu Recht gut vor­stel­len. Ins­be­son­der das Kyrie und das Glo­ria bie­ten sich hier­für beson­ders an, ger­ne auch zusam­men. Denn in die­sen bei­den Tei­len ver­zich­tet Her­zog sowohl auf das Sopran-Solo als auch auf den Ein­satz von Schlag­werk, so dass zwei rein a‑cappella gesetz­te Mess­tei­le bleiben.

Das senkt den Anspruch frei­lich kaum. Denn Her­zog macht es dem Chor nicht beson­ders leicht. Poly­rhyth­mik exzes­si­ve Sekund­rei­bun­gen in oft ato­na­ler Umge­bung mit wech­seln­den tona­len Zen­tren – das for­dert schon ein sehr siche­res Ensemble.

Das Kyrie zeigt sich dabei von Beginn an als typi­sches Werk aus Her­zogs Feder. Und das heißt, es ent­fal­tet mit eigent­lich recht ein­fa­chen kom­po­si­to­ri­schen Mit­teln eine ein­dring­li­chen Ton­spra­che, die schon vom ers­ten Ton an wirkt. Hier ist es das mehr­fach wie­der­hol­te rhyth­mi­sche Pochen des „Kyrie elei­son“, das lang­sam in den Frau­en­stim­men Span­nung auf­baut. Der Bass löst das mit einer expres­siv gegen die­ses klop­fen­de Bit­ten gesetz­ten Melo­die auf. Und das Gan­ze wird dann noch in ver­schie­de­nen Kon­stel­la­tio­nen durch­ge­spielt und schließ­lich mit einer medi­ta­ti­ven Sekund­schich­tung des „Chris­te“ wir­kungs­voll kon­tras­tiert. Zum Schluss wird der mehr­fach geteil­te Chor wie­der in Bewe­gung ver­setzt und zu den Mus­tern des Beginns zurückgeleitet.

Das Glo­ria knüpft mit sei­nem schritt­wei­se auf­ge­bau­ten Clus­ter der Ein­lei­tung noch ein­mal an den Mit­tel­teil des Kyrie an. Mit ver­schie­de­nen Model­len der Imi­ta­ti­on und Schich­tung, mit viel­fäl­ti­gen Bezü­gen zum Kyrie und zu bereits eta­blier­tem Mate­ri­al aus dem Glo­ria sorgt Her­zog auch hier für abwechs­lungs­rei­che Klang­we­ge. Die Span­nung des expres­si­ven Glo­ri­as ist dabei frei­lich immer und aus­schließ­lich auf den Schluss gerich­tet: Der flüs­sig ent­wi­ckel­te Chor­satz gip­felt selbst­ver­ständ­lich im abschlie­ßen­den „Amen“. Ein ein­drucks­voll klin­gen­des zeit­ge­nös­si­sches Doku­ment gemä­ßig­ter Moderne.

Franz M. Her­zog: Kyrie aus Mis­sa für Chor, Sopran-Solo, Per­cus­sion für gemisch­te Stim­men (SATB divi­si). Inns­bruck: Helb­ling 2006. 14 Sei­ten. 4,50 Euro.
-: Glo­ria aus Mis­sa für Chor, Sopran-Solo, Per­cus­sion für gemisch­te Stim­men (SATB divi­si). Inns­bruck: Helb­ling 2006. 18 Sei­ten. 4,50 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, März 2008)

„musica sacra“ von johann caspar ferdinand fischer

Johann Cas­par Fer­di­nand Fischer ist heu­te wohl – wenn über­haupt – vor allem mit sei­ner „Ari­ad­ne musi­ca“, einer Samm­lung von Orgel­stü­cken durch alle Ton­ar­ten, bekannt. Auch wenn sei­ne Bio­gra­phie (noch) weit­ge­hend im Dun­keln liegt, eines ist doch sicher: Er war ein weit­aus umfas­sen­de­rer und kom­plet­te­rer Kom­po­nist mit einem umfang­rei­chen Oeu­vre quer durch alle Spar­ten und Gat­tun­gen als die ver­kür­zen­de Rezep­ti­on ver­mu­ten lässt. Als Hof­ka­pell­meis­ter der Ras­tat­ter Hof­ka­pel­le über lan­ge Jah­re zu Anfang des 18. Jahr­hun­derts muss­te er das auch sein. Aber vor allem sei­ne geist­li­che Musik ließ er auch schon zu Leb­zei­ten immer wie­der gedruckt ver­öf­fent­li­chen. Eine ganz klei­ne Aus­wahl, soviel wie eben auf eine CD passt, aus ver­schie­de­nen Quel­len und Anläs­sen hat die heu­ti­ge Ras­tat­ter Hof­ka­pel­le (die natür­lich nichts mehr mit dem ehe­ma­li­gen Fürs­ten­or­ches­ter zu tun hat) unter Jür­gen Ochs gemein­sam mit dem SWR und dem Carus-Ver­lag, der sich gera­de um Fischers Wer­ke in eini­gen Neu­aus­ga­ben küm­mert, pro­du­ziert. Durch­weg sehr geschmack­voll ist das gewor­den, unprä­ten­ti­ös gesun­gen und musi­ziert – nur so kann sich der schlich­te Reiz von Fischers Kom­po­si­tio­nen auch wirk­lich ent­fal­ten. Die klei­ne (aber fei­ne) Beset­zung – der voka­le Part wird von einem Dop­pel­quar­tett über­nom­men, die Instru­men­te sind durch­weg nur solis­tisch besetzt – trägt wesent­lich zur Klar­heit die­ser Auf­nah­men bei. Nur die Instru­men­te erhiel­ten von der Auf­nah­me­tech­nik lei­der nicht die nöti­ge Aufmerksamkeit.

Die „Mis­sa Sanc­ti Domi­ni­ci“ beweist beson­de­re Güte mit ihren knap­pen, aber sehr cha­rak­te­ris­ti­schen Ein­zel­sät­zen, die die Musi­ker um Jür­gen Ochs mit hör­ba­rem Ver­gnü­gen und Enga­ge­ment leben­dig wer­den lassen.

Johann Cas­par Fer­di­nand Fischer: Musi­ca sacra. Ras­tat­ter Hof­ka­pel­le. Lei­tung: Jür­gen Ochs. Carus 2007. 83.172.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, März 2008)

joseph marx: berghymne

Joseph Marx ist vor allem als Lie­der­kom­po­nist bekannt – sei­ne Chor­wer­ke sind weit­ge­hend Ver­ges­sen. Auch die Berg­hym­ne blieb lan­ge Zeit in der Öster­rei­chi­schen Natio­nal­bi­blio­thek ver­steckt. Kom­po­niert wahr­schein­lich zwi­schen 1910 und 1914, galt sie bis­her als unvoll­ende­tes Werk. Das Manu­skript zeigt aber, dass Marx die Berg­hym­ne bis zum Par­ti­cell fer­tistell­te – nur die Orches­trie­rung blieb aus. Die­sen letz­ten Schritt haben nun Ste­fan Esser und Ber­kant Hay­din, Marx-Spe­zia­list, nach­ge­holt und die Pari­tur bei der Uni­ver­sal Edi­ti­on ver­öf­fent­licht. Das ist eine in ihrer hym­ni­schen Enfal­tung abso­lu­te Fei­er der Frei­heit der Berg­welt auf einen Text von Alfred Frit­sch: „O Freun­de, stei­get nicht zu Tal, schöft aus der Höh‘“, heißt es, und: „hier oben ewig frei­er Klang“. Das gan­ze wird in einer fas­zi­nie­ren­den Mischung aus unge­zü­gelt lei­den­schaft­lich spät­ro­man­ti­schem Impres­sio­nis­mus und sowohl cho­ri­scher als auch orches­tra­ler Empha­se zele­briert. Zwar dau­ert der Hym­nus gera­de ein­mal drei Minu­ten, aber er enfal­tet den­noch unge­heu­re, erhe­ben­de Wir­kung. Das liegt natür­lich am kon­se­quen­ten Uni­so­no des gesam­ten gemisch­ten Cho­res eben­so wie an dem unauf­hör­lich in die Selig­keit ver­hei­ßen­de Höhe stre­ben­dem gro­ßen sym­pho­ni­schen Orches­ter, das in heu­te schier unglaub­li­chem Pathos die Erhe­bung des Sub­jekts in der majes­tä­ti­schen Berg­welt fei­ert: „Die Brust schwellt in die Wei­te, in Son­nen­flug befreit von altem Leide.“

Joseph Marx: Berg­hym­ne für gemisch­ten Chor und Orches­ter, arran­giert von Ste­fan Esser und Ber­kant Hay­din. Stu­di­en­par­ti­tur. Wien: Uni­ver­sal Edi­ti­on 2006. UE 33 303. 11 Sei­ten. 15,50 Euro.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit, april 2008)

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