»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schwar­ze, graue und wei­ße Recht­ecke schwe­ben über die Lein­wand, schie­ben sich in- und über­ein­an­der, tan­zen auf und nie­der. Hef­tig drän­gend pul­siert zu dem abs­trak­ten Film von Hans Rich­ter die anre­gen­de Musik von Bernd The­wes. „Gehör­gang ins Auge“ nennt sich das Expe­ri­ment des Ensem­bles Ascol­ta, das der SWR im Rah­men sei­ner Rei­he „Avan­ce“ im Frank­fur­ter Hof ver­an­stal­tet. Und es erfor­dert eine Men­ge Auf­wand. Denn die brand­ak­tu­el­le Musik steht hier nicht allein: Die Spe­zia­lis­ten für Neue Musik sind mit einem Film­mu­sik-Pro­gramm ange­reist. Und natür­lich zei­gen sie auch die pas­sen­den Fil­me. Die haben alle schon eini­ge Jah­re auf dem Buckel und sind auch alle schön kurz. Expe­ri­men­tel­le abs­trak­te Stu­di­en und fil­mi­sche Ver­su­che aus den zwan­zi­ger Jah­ren sind die Bild­lie­fe­ran­ten. Dazu haben in den letz­ten Jah­ren eine Hand­voll Kom­po­nis­ten neue Musik geschrie­ben. Und das ist fas­zi­nie­rend: Wie unter­schied­lich man solch eine Auf­ga­be ange­hen kann. Bei man­chen, etwa Olga Neu­wirths „Dia­go­nal-Sym­pho­nie“ zu einem Film von Viking Egge­ling, könn­te man ger­ne auf die Lein­wand ver­zich­ten – die lenkt fast zu sehr ab. Das ist über­haupt ein biss­chen ein Pro­blem: Die durch­weg anspruchs­vol­le Musik lei­det ein wenig unter der geteil­ten Auf­merk­sam­keit. Aber span­nend sind eben die ver­schie­de­nen Ansät­ze, „Film­mu­sik“ heu­te zu schrei­ben. Beson­ders deut­lich konn­te man das beim „Vor­mit­tags­spuk“ von Hans Rich­ter sehen. Der wur­de näm­lich gleich zwei Mal ver­tont. Cor­ne­li­us Schwehr schrieb eine hei­ter-pul­sie­ren­de Komö­die, die den Witz des Fil­mes wun­der­bar unter­stützt. Mar­tin Smol­ka dage­gen lässt das Ensem­ble Ascol­ta gespens­ti­ge Klän­ge pro­du­zie­ren: Mit fah­len, hoh­len Gitar­ren­ak­kor­den, Glis­san­di und Vogel­zwit­schern betont er das Spuk­haf­te, das Unheim­li­che des Films. Und der bekommt dadurch nicht nur eine ande­re Bedeu­tung, son­dern auch einen voll­kom­men neu­en Rhyht­mus – so plas­tisch bemerkt man den Ein­fluss der Musik auf den Film selten.

Eine inter­es­san­te Kom­bi­na­ti­on bot auch die Kopp­lung von René Clairs „Ent­r’ac­te“ mit der „Musi­que d’a­meublem­ent“ von Erik Satie, die der Ensem­ble-Posau­nist Andrew Dig­by ein­rich­te­te. Zwar waren das zwei Wer­ke, die eigent­lich über­haupt kei­ne Auf­merk­sam­keit haben woll­ten, die nur im Neben­bei rezi­piert wer­den soll­ten. Aber trotz­dem sind sie in ihrer Kom­bi­na­ti­on jetzt so amü­sant und unter­halt­sam, dass sie alle Augen und Ohren fes­sel­ten. Übri­gens auch ein Ver­dienst des gewitz­ten Arran­geurs, der auch die Zuga­be, den „Unga­ri­schen Tanz Nr. 5“ von Brahms als Beglei­tung zur „Stu­die Nr. 7“ von Oskar Fischin­ger instru­men­tier­te: Ein irr­sin­ni­ger Tru­bel, ein rasan­tes Furio­so von Lini­en und Ebe­nen auf der Lein­wand genau­so wie im Ensem­ble – ein gran­dio­ses Fina­le für das Multimediaspektakel.

puccini: messa di gloria

Auch die heh­re Kunst ist bekannt­lich nicht vor dem pro­sa­ischen Phä­no­men der Finanz­not gefeit. So fris­ten vie­le gro­ßen Wer­ke ihr Dasein in den Schub­la­den des Archivs, weil sich kaum jemand den nöti­gen Auf­wand ihrer Auf­füh­rung leis­ten kann und mag. Gera­de gro­ße Chor­wer­ke mit volu­mi­nö­sem Orches­ter haben das Pro­blem: Vie­le Chö­re haben schlicht nicht (mehr) die benö­tig­te Beset­zungs­stär­ke und kön­nen sich gro­ße Sin­fo­nie­or­ches­ter für ein Kon­zert auch nicht mehr leis­ten. So ver­sin­ken Wer­ke wie Puc­ci­nis Mes­sa di Glo­ria wie­der im Tief­schlaf. Und das ist beson­ders scha­de, wenn sie wie die­se groß­ar­ti­ge, wir­kungs­mäch­ti­ge Mes­se gera­de erst dar­aus auf­ge­taucht sind. Das moch­te der Ber­li­ner Kir­chen­mu­si­ker Ingo Schulz nicht mit anse­hen. Des­halb und aus ganz eigen­nüt­zi­gen Moti­ven hat er sich Puc­ci­nis Jugend­werk ange­nom­men – mit eige­nem Chor wäre eine Auf­füh­rung sonst nicht zu machen gewe­sen – und eine Fas­sung für Chor, Soli und Kam­mer­or­ches­ter erstellt. Die stellt er sei­nen Kol­le­gen im Lan­de kos­ten­frei zur Verfügung.

Und sie ist durch­aus geschickt arran­giert. Natür­lich erreicht das mit gera­de ein­mal 18 Musi­kern beset­ze Kam­mer­or­ches­ter nicht das Ori­gi­nal, nicht des­sen Wucht und Ein­druck. Aber es ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass die „Mis­sa di Gloira“ auch der­art redu­ziert noch schön ist: Ein Klein­od, das hier fast mehr sei­ner Schät­ze offen­bart als in der geläu­fi­gen, bom­bas­ti­schen Ver­si­on. Und das, was man­gels Mas­se ver­lo­ren ging, lässt sich inter­pre­ta­to­risch durch­aus aus­glei­chen – so dass die­se Fas­sung eine gelun­gen Reper­toire­be­rei­che­rung für ein­ge­schränk­te­re Ver­hält­nis­se ist.

Gicao­mo Puc­ci­ni: Mes­sa di Glo­ria. Fas­sung für Chor, Soli und Kam­mer­or­ches­ter von Ingo Schulz.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit, april 2008)

ich hätte gerne mal wieder besseres wetter

vor allem mei­nen brust­war­zen zulie­be. denn nach­dem ich am sams­tag den longjog dum­mer­wei­se mit baum­woll-t-shirt und regen­ja­cke gemacht habe, waren sie schon ziem­lich auf­ge­rie­ben. dann bin ich heu­te nach­mit­tag mit mei­nem drsl-shirt zum inter­vall-trai­ning auf­ge­bro­chen (4x2400m mit 1200m trab­pau­sen). und kurz nach­dem ich los­ge­trabt war, fing es natür­lich wie­der an zu reg­nen ;-). so gegen ende des vier­ten schnel­len inter­valls und vor allem beim aus­lau­fen merk­te ich dann, dass mei­ne lin­ke brust­war­ze wie­der gerie­ben wur­de. womit ich aber nicht gerech­net hät­te: dass das so aussieht: blutfleck auf dem shirt

übri­gens war die rück­sei­te auch nicht mehr weiß: rücken

immer­hin war das trai­ning sehr gut: alles erheb­lich schnel­ler als vor­ge­se­hen – und das ohne über­mä­ßi­ge anstren­gung. so lang­sam füh­le ich mich fit für den renn­steig …

schiffe, pirate und ganz viel meer

Es ging noch ein­mal wild zu im Gro­ßen Haus. Beim letz­ten Kon­zert für jun­ge Leu­te in die­ser Spiel­zeit ließ das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter sei­nem Publi­kum kaum Zeit zum Luft­schnap­pen: Immer war alles in Bewe­gung, immer ging es drun­ter und drü­ber – so ist es eben auf der hohen See. Denn vom Meer und sei­ne Bewoh­ner unter und auf dem Was­ser han­del­te die Musik.

Mate­ri­al dafür gibt die Musik­ge­schich­te mehr als genug her. Cathe­ri­ne Rück­wardt hat sich vor allem bei den Film­kom­po­nis­ten umge­se­hen. Das ist wun­der­bar spek­ta­ku­lär und zugleich immer so unmit­tel­bar ein­gän­gig, dass sie über­haupt nicht viel erklä­ren muss. Statt­des­sen liess sie ein­fach ihr Orches­ter spie­len. Und das ging mit spür­ba­rer Lust am unkom­pli­zier­ten Schwel­gen im per­ma­nen­ten Klang­rausch voll zur Sache. Von Beginn an fetz­ten sie rich­tig los. Erich Wolf­gang Korn­golds Ouver­tü­re zu „Cap­tain Blood“ gab dem gan­zen Orches­ter viel Arbeit: Die Trom­pe­ten schmet­ter­ten, die Posau­en dröhn­ten und selbst die Schlag­wer­ker hat­ten alle Hän­de voll zu tun. Und so ging es fast aus­nahm­los wei­ter. Ruhe­punk­te boten höchs­tens Anton Rubin­steins Ada­gio aus sei­ner zwei­ten Sin­fo­nie und die zwei Aus­schnit­te aus Clau­de Debus­sys „La Mer“. Die zeig­ten aber auch, dass die sub­ti­len Fein­hei­ten die­ser Klang­bil­der hier nicht so recht am Platz waren und die Musi­ker es die­ses Mal lie­ber hand­fest hat­ten. Dafür gab es ja auch genü­gend ande­re Gele­gen­hei­ten. Mit der bro­deln­den See und der flir­ren­den Span­nung bei der Begeg­nung mit dem wei­ßen Hai aus John Wil­liams’ Film­mu­sik etwa. Cathe­ri­ne Rück­wardt ließ sich von dem gefähr­li­chen Räu­ber übri­gens genau­so wenig ein­schüch­tern wie von den immer wie­der auf­kreu­zen­den Pira­ten: Mit locke­rer Hand führ­te sie ihr Orches­ter sicher und kon­trol­liert. Selbst durch die auf­ge­wühl­tes­ten, wild auf­bäu­men­den Wogen, wie sie etwa Gran­ville Bantocks „Hebride­an Sea Poem“ stür­misch und schrill zeich­net, kommt sie immer wie­der in geord­ne­te musi­ka­li­sche Bah­nen. Bei so viel Lust am puren Klang und soviel Hin­ga­be stör­te auch kaum, dass die Musik sich vor­wie­gend in Kli­schees beweg­te: Die Gei­gen seuf­zen schmach­tend, die Har­fe klim­pert mal ein Arpeg­gio dazwi­schen, die Blä­ser gibt es fast nur in der Blech­va­ri­an­te, die dafür aber auch ordent­lich dröh­nen darf. Das Spek­ta­kel gip­felt dann auch sehr fol­ge­rich­tig in der Musik aus dem „Fluch der Kari­bik“ – kein Fluch, viel­mehr ein Segen an pochen­der, mit­rei­ßen­der Musik.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

zwischenstand

der renn­steig rückt immer näher: noch 46 mal lau­fen und der gro­ße tag ist da. und so lang­sam füh­le ich mich auch fit genug, die knap­pen 73 km wirk­lich lau­fend zu über­ste­hen. im märz waren es immer­hin 545 kilo­me­ter, die ich abge­spult habe – so viel wie in in noch kei­nem monat bis­her. und erstaun­li­cher­wei­se ging das ohne grö­ße­re pro­ble­me – gut, es zwickt mal hier oder da, aber nichts schlim­mes. und der letz­te lan­ge lauf über 40km am sams­tag war auch eher men­ta­les trai­ning als mus­kel­sa­che, weil ich doch etwas schnell in die ers­ten stei­gun­gen gelau­fen bin und des­halb auf den letz­ten kilo­me­tern sehr, sehr schwer zu kämp­fen hat­te. aber das wird auch noch. der april wird jetzt jeden­falls noch ein­mal so ein rich­tig inten­si­ver trai­nings­mo­nat, ab mai geht es dann schon ans tapern.

goethe und sonst (fast) nichts

Dass der Win­ter noch ein­mal zurück nach Mainz kam, das konn­ten die Macher des Staats­thea­ters wirk­lich nicht vor­her­se­hen. So blie­ben die abs­trak­ten Blu­men­de­ko­ra­tio­nen nur Hoff­nung beim lite­ra­risch-musi­ka­li­schen Goe­the-Abend unter dem Mot­to „Lei­se Bewe­gung bebt in der Luft.“ Viel­leicht hat ja auch des­halb der Oster­spa­zier­gang aus dem „Faust“ gefehlt – vom Eise befreit sind die Bäche momen­tan ja nur bedingt. Jeden­falls gab es auch so mehr als genug Mate­ri­al für eine schnel­le Stun­de Rezi­ta­tio­nen und ein wenig Musik.

Zwei Goe­the-Pre­mie­ren im Thea­ter waren der Anlass, dafür im Foy­er des Klei­nen Hau­ses einen Salon mit Ses­sel, Chai­se­longue und Pia­no auf­zu­bau­en. Die Musik steu­er­ten Alex­an­der Spe­mann und die Pia­nis­tin Eri­ka le Roux bei. Wie sie aller­dings dazu kamen, unbe­dingt den etwas unpas­sen­den „Erl­kö­nig“ zu sin­gen, wur­de nicht so recht klar. Und so gut war er dann auch nicht, dass er sich selbst legi­ti­miert hät­te. Da wäre es doch nahe­lie­gen­der und pas­sen­der gewe­sen, den „Musen­sohn“ nicht nur vor­zu­le­sen, son­dern in Schu­berts wun­der­ba­rer Ver­to­nung erklin­gen zu las­sen. Hugo Wolfs Kom­po­si­ti­on des „Blu­men­grus­ses“ konn­te Spe­mann dage­gen schön zart und ein­fühl­sam vortragen.

Aber der Sän­ger war ja nicht die Haupt­sa­che. Son­dern der Text. Und davon gab es eine Men­ge, im schnel­len Wech­sel: Natür­lich ganz vie­le Gedich­te, dazu eini­ge Aus­schnit­te aus dem „Wert­her“ und den „Wahl­ver­wand­schaf­ten“ sowie Brie­fe Goe­thes an sei­ne Frau­en. Da gab es also Fri­vo­les, Stim­mungs­vol­les, Roman­ti­sches und Bana­les, Def­ti­ges und Sub­ti­les. Wie das bei Goe­the eben so ist.

Neben stür­mi­schen Lie­bes­er­klä­run­gen und träu­me­ri­schen Natur­be­schrei­bun­gen stan­den dann eben auch die Trau­er um gefäll­te Nuss­bäu­me im Pfarr­hof und der brief­li­che Bericht über die eigen­hän­dig gepflanz­ten Obst­bäu­me – und alles immer wie­der gedeu­tet als Bild. Alle Natur, alles Wach­sen und Gedei­hen, Blü­hen und Ver­ge­hen ist nur ein Spie­gel. Für die Lie­be natür­lich: Wie die Natur im Früh­ling sprießt und gedeiht, so wächst auch die Zunei­gung. Und für die Sehn­sucht, der Begier­de nach Nähe. Mar­cus Mis­lin und Frie­de­ri­ke Bell­stedt lasen das alles mit Rou­ti­ne und Empa­thie, mit Ein­füh­lung und auch einem klei­nen Hauch Iro­nie. Und das kam beim Publi­kum zu Recht aus­ge­zeich­net an.

das gibt es doch gar nicht!

da dach­te ich doch glatt, ich könn­te mich dem win­ter­li­chen schnee-wet­ter durch eine flucht ins kli­ma­tisch mil­de mainz ent­zie­hen. nix war’s: heu­te bin ich bei schnee­ge­stö­ber und star­kem wind unter­wegs gewe­sen – viel spaß hat es nicht gemacht, weil ich damit über­haupt nicht gerech­net hat­te und für so ein wet­ter eigent­lich viel zu dünn ange­zo­gen war. dafür war ich aber trotz­dem sehr locker und den­noch aus­ge­spro­chen zügig unter­wegs (15 km @ 5:03 – geplant waren eigent­lich 5:22 …)

leise rieselt der schnee

in die­sem jahr auch an ostern – ist ja kein kunst­stück, wenn das schon mit­te märz ist … jeden­falls fing es an kar­frei­tag nach­mit­tags an, im oden­wald zu schnei­en. bis zum sams­tag mor­gen hat­te sich dann selbst im müm­ling­tal etwas schnee ange­sam­melt. und ich bin dann tat­säch­lich so blöd und leicht­sin­nig gewe­sen, mei­nen wöchent­li­chen lan­gen lauf auf die höhen­dör­fer zu legen: über bull­au woll­te ich nach würz­berg und dann über einen klei­nen abste­cher nach bay­ern, näm­lich durch box­brunn, nach eul­bach und zurück ins tal.

zunächst ließ es sich auch ganz gut an: die bei­ne waren recht locker (am frei­tag hat­te ich nur zeit für eine hal­be stun­de tem­pol­auf). aber schon nach der ers­ten vier­tel­stun­de, im wald hin­term buch­wald­s­kopf, bemerk­te ich, wie sehr der immer tie­fer wer­den­de locke­re und pulv­ri­ge neu­schnee mich beim lau­fen behin­der­te. das stück wan­der­weg zwi­schen son­nen­weg und kreis­stra­ße war dann beson­ders hart: unter den ca. 10–15 cm schnee war kein fes­ter boden, son­dern nur eine ziem­lich aus­ge­präg­te matsch­schicht – halt war da über­haupt nicht zu fin­den. da konn­te ich bei jedem schritt spü­ren, wie die kraft in den waden weni­ger wur­de. und einen schuh hät­te ich in so einem matschloch unter dem schnee auch bei­na­he noch verloren …

auf der stra­ße nach bull­au hoch ging es dann aber doch noch recht gut. auf der höhe ent­schied ich mich aller­dings schon zur ers­ten stre­cken­än­de­rung: die eigent­lich geplan­te schlei­fe übers was­ser­werk und den orts­rand war noch nie­mand gegan­gen, der schnee lag hier inzwi­schen 20 cm hoch – das war mir zu viel. also bin ich gleich zum bullau­er bild hin­über. bis dahin war der weg geräumt. dann muss­te ich aller­dings doch in den saue­ren apfel bei­ßen: die stre­cke nach würz­berg war noch unbe­rührt. und spä­tes­tens ab der hälf­te wur­de es doch recht anstren­gend: eigent­lich hät­te ich hier schnee­schu­he gebraucht – mei­ne trail­fox waren jeden­falls mit dem losen schnee etwas über­for­dert … in würz­berg ent­schloss ich mich dann, doch schon frü­her von den höhen wie­der her­un­ter­zu­stei­gen und bin den bekann­ten weg über erns­bach ins drei­se­en­tal, wo ich dann noch zwei run­den dreh­te – mit enor­mer anstren­gung, nur noch von der wil­lens­kraft vor­an­ge­trie­ben. her­aus kam dann: 34 km in 3:04:03 – nicht sehr berau­schend, ange­sichts der umstän­de aber ok. aller­dings war ich – wie sich vor allem am mon­tag zeig­te – doch erheb­lich stär­ker ver­aus­gabt und erschöpft als es sinn­voll war.

geist vs. natur

der streit zwi­schen geis­tes- und natur­wis­sen­schaf­ten ist uralt. und stink­lang­wei­lig, weil es eigent­lich über­haupt kei­ne rol­le spielt. immer wie­der inter­es­sant zu beob­ach­ten sind aber die orte und die grün­de, an denen die­se front wie­der neu beschwo­ren, beob­ach­tet oder beackert wird. hier ist mal wie­der ein gegen­an­griff: eigent­lich ist der viel behaup­te­te, auf wil­helm dil­they zurück gehen­de unter­schied zwi­schen geis­tes­wis­sen­schaf­ten und natur­wis­sen­schaf­ten, näm­lich die unter­schei­dung ver­ste­hen – erklä­ren, längst nich­tig. meint zumin­dest sibyl­le krämer: 

„Es greift zu kurz, die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten in die Schub­la­de blo­ßer Deu­tungs­wis­sen­schaf­ten zu ste­cken oder gar als Kom­pen­sa­ti­ons­me­cha­nis­men instru­men­tel­ler Ver­nunft zu hand­ha­ben. Viel­mehr haben Geis­tes­wis­sen­schaf­ten immer auch eine dop­pel­te Funk­ti­on: sie sind Wis­sen­schaft von Rea­li­en und lie­fern zugleich Ori­en­tie­rungs­wis­sen (Sinn, Werte …).
Geis­tes­wis­sen­schaf­ten for­schen über Rea­li­en, also über ‚Gegen­stän­de’, die immer auch in Raum und Zeit situ­iert sind (oder waren). Über­dies sind alle wis­sen­schaft­li­chen Gegen­stän­de inter­pre­ta­ti­ons­ab­hän­gig und dies gilt gera­de auch für die ‚epis­te­mi­schen Din­ge’ der Natur­wis­sen­schaf­ten. Geis­tes­wis­sen­schaf­ten haben es nicht nur mit Sinn und Bedeu­tung zu tun, son­dern immer auch mit Kul­tur­tech­ni­ken, Pra­xis­for­men, Medi­en­struk­tu­ren ud sym­bo­li­schen Gram­ma­ti­ken, ohne wel­che die Gene­se und Zir­ku­la­ti­on von Sinn und Bedeu­tung nicht erklär­bar wäre. Daher ist die Demar­ka­ti­ons­li­nie von ‚Erklä­ren’ und ‚Ver­ste­hen’ kein geeig­ne­tes Unter­schei­dungs­kri­te­ri­um zwi­schen Natur- und Geisteswissenschaften.” 

(das zitat ist geklaut von der „guten stu­be”.)

Frank­reich hat viel zu bie­ten – auch musi­ka­lisch. Wirk­lich bekannt und gut ver­tre­ten in den deut­schen Kon­zert­sä­len ist davon aber nur sehr wenig. Allein schon des­halb ist die Frank­reich-Rei­se des Phil­har­mo­ni­schen Orches­ters unter Cathe­ri­ne Rück­wardt sehr zu begrüßen

Ohne sich aus den beque­men Thea­ter­ses­seln erhe­ben zu müs­sen, darf man das Orches­ter beim 6. Sin­fo­nie­kon­zert auf eine kur­ze tour d’ho­ri­zon beglei­ten. Die Rei­se­lei­te­rin Cathe­ri­ne Rück­wardt hat­te die Schäf­chen ihrer Rei­se­grup­pe dabei per­ma­nent fest unter Kon­trol­le. Und sie bot eine über­aus sach­kun­di­ge Füh­rung durch die frem­den musi­ka­li­schen Land­schaf­ten und Sehenswürdigkeiten.

Die ers­te Sta­ti­on war die Orches­ter­be­ar­bei­tung des Priè­res op. 20 von César Franck. Mit viel Ruhe und vol­ler Innig­keit strahl­ten die sat­ten Strei­ch­er­klän­ge und bezau­ber­ten die solis­ti­schen Ein­la­gen der Holzbläser.

Für die zwei­te Attrak­ti­on zog die Rei­se­lei­tung noch die Hil­fe eines exter­nen Exper­ten hin­zu: Der jun­ge Vio­li­nist Barn­abás Kele­men sorg­te für den rich­ti­gen Blick­win­kel auf Hen­ri Dutil­leux Noc­turne „Sur le même accord“. Die­ses obses­si­ves Krei­sen um einen Akkord hat vie­le lan­ge und getrag­ne, melan­cho­lisch-ver­han­gen umher­schwei­fen­de Pas­sa­gen. Aber auch so eini­ge Brü­che und raue Kan­ten fin­den sich hier – ein sehr viel­sei­ti­ges Gebil­de, ein inne­res Pan­op­ti­kum. Im Staats­thea­ter gab es sich fili­gran zise­liert, oft fast ver­schnör­kelt. Kele­men sorg­te mit druck­vol­lem Strich und exakt dosier­tem Ein­satz dafür, dass es nicht zu ver­spielt wur­de. Sei­ne Ernst­haf­tig­keit und Gerad­li­nig­keit führ­te immer wie­der zu ver­blüf­fen­den Klangeffekten.

Viel Zeit zum Stau­nen blieb aller­dings auch hier nicht, denn schon ging es wei­ter zur nächs­ten Sehens­wür­dig­keit. Noch blieb der Gei­ger zur Unter­stüt­zung des Orches­ters bei der drit­ten Sta­ti­on. Hier waren die Rol­len jetzt kla­rer ver­teilt, in Camil­le Saint-Saens „Intro­duc­tion et Ron­do capric­cio­so“: Kele­men führ­te die­ses Mal mit Über­schwang und wil­den Engan­ge­ment – selbst Rück­wardt schau­te gebannt immer wie­der hin­über, was der Solist denn da so trieb. Und bei­de berausch­ten sich am for­schen Spiel­witz und vita­len Klang­sinn des Konzertstücks.

Danach konn­te die Diri­gen­tin wie­der allei­ne die Füh­rung über­neh­men. Und wie sie das tat: Francks Sin­fo­nie d‑Moll setz­te noch ein­mal ganz neue Akzen­te. Wie eine gru­se­li­ge Schau­er­mu­sik, düs­ter und mäch­tig, führt das Orches­ter die­se Sin­fo­nie mit beein­dru­cken­der Geschmei­dig­keit und ele­gant aus­ge­form­ten, strei­chelz­ar­ten Samt­klän­gen aus wei­ter Fer­ne ins Main­zer Thea­ter. Und so ging der span­nen­de Aus­flug ins Nach­bar­land schon wie­der zu Ende – scha­de, dass es nur eine kur­ze Stipp­vi­si­te war.

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