Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 6 von 38

zeitungen

Digitale Medien

Durch die trans­pa­ren­te Fas­sa­de sah sie den Jour­na­lis­ten auf sich zukom­men, durch eine Art sekun­dä­rer Absper­rung oder Klapp­glas­schran­ke, wie bei einem Saloon in einem futu­ris­ti­schen Wes­tern. So also sah das hier aus: Die Öffent­lich­keit, dach­te Anna, ver­än­der­te sich zwar schnel­ler als die Tat­sa­chen, für die sich die­se Öffent­lich­keit inter­es­sier­te. Das geschah aber nicht ein­fach in der Art, erkann­te sie jetzt, dass die alten Mäch­te sofort nach­ga­ben und sich von den neu­en stür­men lie­ßen. Solan­ge der tra­di­tio­nel­le Jour­na­lis­mus noch in Bau­ten wie die­sem ver­an­stal­tet wur­de, wäh­rend die Blogs in schä­bi­gen Woh­nun­gen wie ihrer ent­stan­den, wo zwei Frau­en zusam­men nicht mal ein kom­plet­tes Bett besa­ßen, war die gan­ze scheiß­di­gi­ta­le Scheiß­re­vo­lu­ti­on jeden­falls noch nicht voll­endet. Diet­mar Dath, Lei­der bin ich tot, 349

Aus-Lese #46

Hans Jür­gen von der Wen­se: Über das Ste­hen. Hrsg. von Rei­ner Nie­hoff. Ber­lin: blau­wer­ke 2014 (split­ter 02). 76 Sei­ten. ISBN 978−3−945002−01−8.
Hans Jür­gen von der Wen­se: Die Schau­kel. Her­aus­ge­ge­ben und mit einem Vor­wort ver­se­hen von Rei­ner Nie­hoff. Mit einer Lek­tü­re von Val­eska Ber­ton­ci­ni. Ber­lin: blau­wer­ke 2016 (split­ter 08). 52 Sei­ten. ISBN 9783945002087.

wense, die schaukel (cover)Das sind zwei (sehr) klei­ne Tex­te – Essays wohl am bes­ten zu nen­nen – die sich auf den ers­ten Blick ganz unter­schied­li­chen The­men wid­men: Über das Ste­hen wid­met sich der Sta­tik (des Men­schen), Die Schau­kel dage­gen einem Ding, das wie kaum ein ande­res Bewe­gung vergegenständlicht.

Natür­lich stimmt der Gegen­satz bei Hans Jür­gen von der Wen­se so eigent­lich gar nicht. Das merkt man schon, wenn man den ers­ten Satz in Über das Ste­hen liest: 

Ste­hen ist eine bewe­gung; es ist schwan­ken und wan­ken, um sich im gleich­ge­wich­te zu hal­ten, auf­recht.. Ste­hen ist eine lage. (13)

Dem folgt ein manch­mal mei­nes Erach­tens etwas aus­fa­sern­der Essay über das Ste­hen, der mich vor allem in sei­nen wel­t­ety­mo­lo­gi­schen Abschnit­ten nicht immer glei­cher­ma­ßen fas­zi­nie­ren konn­te. Trotz­dem ein schö­nes „Gro­schen­heft des Welt­geis­tes“ – so nennt der klei­ne, rüh­ri­ge blau­wer­ke-Ver­lag sei­ne split­ter-Rei­he, die im klei­nen Notiz­heft­for­mat klei­ne Tex­te mit viel zusätz­li­chem (Archiv-)Material vor­bild­lich ediert und zu wohl­fei­len Prei­sen (näm­lich jeweils 1 Euro) zugäng­lich macht. Auch die­se bei­den Wen­se-Essays haben jeweils ein ein­füh­ren­des Vor­wort von Rei­ner Nie­hoff, das unter ande­rem über Ent­ste­hungs­zu­sam­men­hän­ge und Publi­ka­ti­ons- bzw. Über­lie­fe­rungs­ge­schich­te berich­tet, und ein ein­ord­nen­des, erklä­ren­des „Nach­wort“ von Val­eska Ber­ton­ci­ni, das als „Lek­tü­re“ fungiert.

Das gera­de erst erschie­nen Heft Die Schau­kel bie­tet einen recht kur­zen Wen­se-Text von weni­gen Sei­ten, der sich – qua­si kul­tur­ge­schicht­lich avant la lett­re – mit dem Gegen­stand, dem Ding „Schau­kel“ und vor allem sei­nen Bedeu­tun­gen und Impli­ka­tio­nen für den Men­schen (ob er nun schau­kelt, anstößt oder zuschaut …) befasst. Auch eine sehr ver­gnüg­li­che, klu­ge und berei­chern­de Lek­tü­re. Denn an der Schau­kel fas­zi­niert Wen­se offen­bar die Gleich­zei­tig­keit bzw. ding­li­che Iden­ti­tät von Bewe­gung und Ruhe, von der Mög­lich­keit, bei sich selbst zu sein und zugleich über sich hin­aus zu gelangen: 

Schau­keln ist Mut-Wil­le. Es ist Ent­fer­nen, Abwei­chen von der Mit­te, dem Ruhe-Punk­te, Ab-Fall. (23)

Micha­el Starcke: Das Meer ist ein alter Bekann­ter, der war­ten kann. Net­te­tal: Elif 2016. 74 Sei­ten. ISBN 9783981750928.

starcke, das meer ist ein alter bekannter, der warten kann (cover)

Das Meer ist ein alter Bekann­ter, der war­ten kann ist ein inter­es­san­ter Gedicht­band. Nicht nur des schö­nen Titels wegen. Und auch nicht nur der gra­phi­schen Aus­stat­tung wegen. Son­dern vor allem wegen der schöp­fe­ri­schen Kraft, die Starcke aus letzt­lich einem The­man, einem Gegen­stand ent­wi­ckelt: Dem Meer. Denn dar­um geht es in fast allen Gedich­ten. Und trotz der mono­the­ma­ti­schen Anla­ge des Ban­des – neben dem Meer spie­len Sand, Wol­ken und der hohe Baum vor dem Haus noch eine gewis­se Rol­le –, der erstaun­lich engen Fixie­rung auf einen Ort und eine Posi­ti­on des Betrach­ters und Schrei­ben­den ist das alles ande­re als lang­wei­lig. Eine Rol­le spielt dabei sicher­lich die ver­ge­hen­de Zeit, deren Lauf man beim Lesen des Ban­des gewis­ser­ma­ßen nach­voll­zie­hend mit­er­le­ben kann. 

Man ist dabei, sozu­sa­gen, allei­ne mit dem Meer. Men­schen kom­men näm­lich recht sel­ten (wenn über­haupt vor). Das Meer selbst ist in die­sen Gedich­ten vor allem als insta­bi­le Sta­bi­li­tät, als dau­er­haf­ter Wan­del, als vergehende/​bewegte/​bewegende/​fortschreitende Zeit prä­sent. Auch wenn oft ein recht pro­sa­ischer Duk­tus vor­herrscht, kaum Sprach­spie­le oder aus­ge­fal­le­ne, gesuch­te Bil­der zu ent­de­cken und ent­schlüs­seln sind, ist das den­noch gera­de in den Details oft sehr span­nend, in den klei­nen Abwei­chun­gen, den mini­ma­len Stö­run­gen und poe­ti­schen Signa­len (etwa bei der Wort­stel­lung, der Kom­ma­set­zung, der (unter­bro­che­nen) Rei­hung). Fast jedes Gedicht hat einen Moment, einen (Teil-)Satz, der beson­ders berührt, der beson­ders die Inten­si­tät (des Erle­bens vor allem) aus­strahlt. Als „weg­zeh­rung der erin­ne­rung“ (56) sind die Gedich­te aber immer auch ein Ver­such, die Ver­gäng­lich­keit festzuhalten. 

Vie­le die­ser Meer-Gedich­te funk­tio­nie­ren dabei wie ein „inne­res fern­glas“ (56): der Blick auf die Land­schaft der Küs­te (ich glau­be, das Wort „Küs­te“ kommt dabei gar nicht vor, nur Meer, Sand, Wol­ken und Him­mel als Ele­men­te des Über­gangs­raums) ermög­licht und för­dert den Blick nach innen, mit dem glei­chen Instru­men­ta­ri­um, das zugleich das gro­ße, wei­te Pan­ora­ma erfasst und das klei­ne, maß­geb­li­che Detail. Und obwohl es oft um Ver­gäng­lich­keit und Abschied geht, um Ort- und Hei­mat­lo­sig­keit, bleibt den Gedich­ten eine auf­fäl­li­ge Leich­tig­keit eigen: Die Spra­che bleibt locker, die Bil­der beweg­lich, das Syn­tax­ge­fü­ge fle­xi­bel, die Begrif­fe immer kon­kret: „sie [d.i. die geschich­ten vom meer] lie­ben das offe­ne /​im ver­bor­ge­nen.“ (47) heißt es ein­mal – und damit ist Metho­de Starckes in Das Meer ist ein alter Bekann­ter, der war­ten kann als Mot­to ziem­lich genau beschrieben.

viel­leicht, dass sich
unterm meer ein
wei­te­res meer versteckt
wie erin­ne­run­gen im
sand der gedan­ken, die,
für geheim­nis­se offen,
momen­te von stil­le verkörpern.
an sei­nen geräu­schen, schluss­ver­se (72)

Juli Zeh: Unter­leu­ten. Mün­chen: Luch­ter­hand 2016. 508 Seiten. 

zeh, unterleuten (cover)

Juli Zehs Unter­leu­ten hält sich zwar hart­näch­kig auf der Best­sel­ler-Lis­te, ist aber eigent­lich ein eher lang­wei­li­ges, unbe­mer­kens­wer­tes Buch. Das ist rou­ti­niert erzählt und kann ent­spre­chend mit unbe­tei­lig­ter Neu­gier ohne nach­hal­ti­gen Ein­drcuk gele­sen wer­den. Vie­les in dem Plot – den ich jetzt nicht nach­er­zäh­le – ist ein­fach zu abseh­bar. Dazu kommt noch ein erzäh­le­ri­sches Pro­blem: Der Text wird mir per­ma­nent erho­be­nem Zei­ge­fin­ger erzählt, bei jeder Figur ist immer (und meist sofort) klar, was von ihr zu den­ken ist – das wird erzäh­le­rich über­deut­lich gemacht. Dazu eig­net sich der wech­seln­de erzäh­le­ri­sche­re Fokus der aukt­oria­len Erzäh­le­rin natür­lich beson­ders gut. Das Schluss­ka­pi­tel, in dem sie (bzw. eine ihrer Instan­zen) als Jour­na­lis­tin, die Unter­leu­ten recher­chiert hat, auf­tritt und die Fäden sehr unele­gant zum Ende führt, zeigt sehr schön die feh­len­de künstlerische/​poetische Ima­gi­na­ti­on der Autorin: Das ist so ziem­lich die bil­ligs­te Lösung, einen Schluss zu fin­den – und zugleich auch so über­aus unnö­tig … Ande­rer­seits hat mich die erzäh­le­ri­sche Anla­ge schnell genervt, weil das so deut­lich als die ein­fachs­te Mög­lich­keit erkenn­bar wir, alle Sei­ten, Posi­tio­nen und Betei­lig­ten des Kon­flikts in der Pseu­do-Tie­fe darzustellen. 

„[E]ine weit­rei­chen­de Welt­be­trach­tung, einen Gesell­schafts­ro­man mit einer bestechen­den Viel­falt lite­ra­ri­scher Ton­la­gen, vol­ler Esprit und Tra­gik, Iro­nie und Dras­tik“, die Klaus Zey­rin­ger im „Stan­dard“ beob­ach­tet hat, kann ich da beim bes­ten Wil­len nicht erken­nen. (Jörg Mage­nau hat die „Qua­li­tä­ten“ des Romans in der „Süd­deut­schen Zei­tung“ bes­ser und deut­li­cher gese­hen.) Letzt­lich bleibt Unter­leu­ten ein eher unspan­nen­der Dorf­kri­mi, der sich flott weg­liest, (mich) aber weder inhalt­lich noch künst­le­risch beson­ders berei­chern konn­te. Scha­de eigentlich.

Sophie Rey­er: :nach­kom­men nackt­kom­men. Wien: hoch­roth 2015. 34 Sei­ten. ISBN 9783902871664.

Auch :nach­kom­men nackt­kom­men ist wie­der so ein Zufalls­fund, bei dem ich dem Ver­lag – hoch­roth – ver­traut habe … Sophie Rey­ers Gedich­te sind knapp kon­zen­trier­te Kurz­zei­ler, die oft abgrün­dig leicht sind, aber immer sehr auf den Punkt gedacht und for­mu­liert sind – bezie­hungs­wei­se auf den Dop­pel­punkt als Gren­ze und Über­gang, der den Beginn aller Gedich­te zei­chen­haft mar­kiert. Immer wie­der fal­len mir die küh­nen, wil­den, ja gera­de­zu über­bor­den­den und über­schie­ßen­den Bil­der auf, die jeg­li­cher sprach­li­cher Öko­no­mie Hoh­ne spre­chen und die, so scheint es mir, manch­mal auch ein­fach nur um ihrer selbst wil­len da sind. Außer­dem scheint Rey­er eine gro­ße Freu­de am Spiel mit Asso­nan­zen und Alli­te­ra­tio­nen zu haben. Über­haupt ist viel­leicht das Spiel, der spie­le­ri­sche Umgang mit Spra­che und Ein­fäl­len trotz der The­men, die einen gewis­sen Hang zum Dun­keln auf­wei­sen, beson­ders bezeich­nend für ihre Lyrik. 

Man­ches wirkt in :nach­kom­men nackt­kom­men auch eher wie das spon­ta­ne Notat einer Idee, wie eine Ein­falls­skiz­ze im Notiz­buch der Autorin und noch nicht wie ein fer­ti­ges Gedicht. Zwei­zei­ler wie der auf S. 27 zum Beispiel: 

die kur­siv­schrift des kornfelds
son­nen strah­len stenographie

Inter­es­sant fand ich bei der Lek­tü­re auch, dass Takt und Rhyth­mus der Lyrik wie­der­holt (im Text selbst) anzi­tiert wer­den, durch die Tex­te aber nur sehr bedingt (wenn über­haupt) umge­setzt wer­den. Viel­leicht kommt daher auch der Ein­druck der Spon­ta­ni­tät, des augen­blick­li­chen Einfalls …

:nach­kom­men nackt­kom­men ist dabei ein typi­sches klei­nes hoch­roth-Bänd­chen – ich mag das ja, ich brau­che nicht immer gleich 80–100 Sei­ten Lyrik von einer Autorin, es rei­chen oft auch 20, 30 (klei­ne­re) Tex­te. Und die Kauf­hür­de ist auch nicht so hoch, wenn das nur 8 Euro statt 25 sind … Zudem sind die hoch­roth-Publi­ka­tio­nen eigent­lich immer schön gemacht, lie­be­voll und umsich­tig gestal­tet. Die hier ist die ers­te, bei der mir typo­gra­phi­sche Feh­ler auf­ge­fal­len sind – ein nach unten „fal­len­des“ l, das ich auf sechs Sei­ten ziem­lich wahl­los ver­streut gefun­den habe (aber wer weiß, viel­leicht ist das ja auch ein gehei­mes fea­ture der Tex­te, das sie auch ganz geschickt mit dem Para­text verbindet?).

Wolf von Kalck­reuth: schlum­mer­schwar­ze Näch­te. Gedich­te. Leip­zig: hoch­roth 2015. 26 Sei­ten. ISBN 978−3−902871−67−1.
Wolf Graf von Kalck­reuth: Gedich­te und Über­tra­gun­gen. Her­aus­ge­ge­ben von Hell­mut Kru­se. Hei­del­berg: Lam­bert Schnei­der 1962. 190 Seiten.

kalckreuth, gedichte (cover)Über die schma­le Aus­wahl beim fei­nen hoch­roth-Ver­lag bin ich eher zufäl­lig auf die Lyrik Wolf von Kalck­reuths gesto­ßen. Kalck­reuth ist gewis­ser­ma­ßen eine tra­gi­sche Figur: 1887 in eine Mili­tär- und Künst­ler­fa­mi­lie gebo­ren, setzt er sei­nem Leben bereits 1906 ein Ende. Bis dahin war er in der Schu­le, hat sein Abitur gemacht, ist etwas gereist und dann – trotz eigent­li­cher Nicht-Eig­nung – im Okto­ber 1906 auf eige­nen Wunsch ins Mili­tär ein­ge­tre­ten, wo er es kei­ne zehn Tage bis zu sei­nem Frei­tod aus­hielt. In die­ser kur­zen Lebens­zeit ent­stan­den aber nicht nur eige­ne Gedich­te, son­dern auch diver­se (wich­ti­ge) Über­set­zun­gen der Lyrik Ver­lai­nes und Bau­de­lai­res.

Erstaun­lich ist in sei­nen Gedich­ten immer wie­der die aus­ge­spro­chen siche­re (hand­werk­li­che) Sprach- und Form­be­herr­schung trotz des jun­gen Alters. Nicht immer und nicht alles ist wahn­sin­nig ori­gi­nell, vie­les ist sehr deut­lich einer spä­ten Spät­ro­man­tik ver­haf­tet, die aber durch die mal mehr, mal weni­ger zag­haf­ten Ein­flüs­se des Expres­sio­nis­mus inter­es­sant wird. Vie­le sei­ner Gedich­te pen­deln sich gewis­ser­ma­ßen in der Dia­lek­tik von Ver­fall und Sehn­sucht ein. Und aus ihnen spricht auch immer wie­der das Bewusst­sein um die eige­ne (Ver-)Spätung, um End­zeit, Unter­gang, vor allem aber Ster­bens­wunsch und Todes­sehn­sucht etc. – nicht ohne Grund spie­len die Däm­me­rung (und natür­lich die Nacht), der Abend und der Herbst eine gro­ße Rol­le in die­sen Gedichten.

Aber was mich wirk­lich am meis­ten fas­zi­niert hat, war doch die sorg­sa­me Fügung der Gedich­te, gera­de der Sonet­te, die nahe an per­fek­te Gedich­te her­an­rei­chen. Die hoch­roth-typisch sehr klei­ne Aus­wahl – 26 Sei­ten inkl. Nach­wort! – hat mich dann immer­hin neu­gie­rig gemacht und mich zu der deut­lich umfang­rei­che­ren Aus­wahl von 1962 grei­fen las­sen. Da fin­den sich natür­lich auch wie­der vie­le fas­zi­nie­ren­de Sonet­te, aber auch inter­es­san­te und anre­gen­de Gedich­te, eigent­lich ja Elo­gen, auf Napo­le­on, den Kalck­reuth wohl sehr bewun­der­te. Und schließ­lich ent­hält der Band auch noch eine umfang­rei­che Abtei­lung mit Über­set­zun­gen der Lyrik Ver­lai­nes und Bau­de­lai­res, bei­de auch wesent­li­che Vor­bil­der und Ein­flüs­se Kalck­reuths.

Das Leben eilt zum Zie­le wie eines Welt­stroms Flut
Die uns ins Meer ent­führt mit dunk­len Wogenmassen,
In schwin­del­haf­ter Hast, die nie ent­schlum­mernd ruht,
Bis wir das eig­ne Herz erken­nen und erfas­sen. (72)

Annet­te Pehnt: Hier kommt Michel­le. Ein Cam­pus­ro­man. Mün­chen: Piper 2012. 140 Sei­ten. ISBN 9783492300827.

pehnt, hier kommt michelle (cover)Eine net­te klei­ne Sati­re – das heißt, ein schar­fer und bis­si­ger Text, der das deut­sche Uni­ver­si­täts­sys­tem und ‑leben, ins­be­son­de­re aber die zeit­ge­nös­si­sche Stu­die­ren­den­ge­ne­ra­ti­on gekonnt auf­spießt. Nur not­dürf­tig fik­tio­na­li­siert, bekom­men so ziem­lich alle ihr Fett weg: Die Stu­die­ren­den, die Leh­ren­den vom aka­de­mi­schen „Unter­bau“ über den Mit­tel­bau bis zu den ver­trot­tel­ten Eme­ri­ti, von der Ver­wal­tung bis zur Pres­se und Poli­tik. Selbst die Haupt­fi­gur, Michel­le, ist so über­haupt nicht lie­bens­wert, son­dern – natür­lich als Zerr­bild – eher ein abschre­cken­des Bei­spiel der Ziel- und Ver­nunft­lo­sig­keit als ein Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bot für den Lesen. Sehr schön fand ich den erzäh­le­ri­schen Kunst­griff, dass sich die Erzäh­le­rin selbst mit ihrer eige­nen Stim­me wie­der­holt ein­mischt und sich und ihren (?) Text im Text selbst gleich mit­kom­men­tiert (auf die eher unwit­zi­ge Her­aus­ge­ber­fik­ti­on hät­te ich dafür ger­ne ver­zich­ten können).

Hier ist die Erzäh­le­rin. Sie reibt sich die Hän­de, weil sie die­ses harm­lo­se Mäd­chen mit gro­ben Stri­chen ent­wor­fen hat und sich jetzt schon, wo die Erfin­dung doch gera­de erst zu leben begon­nen hat, dar­auf freut, ihr Knüp­pel zwi­schen die Bei­ne zu wer­fen. (13)

Trotz eini­ger hand­werk­li­cher Män­gel wie etwa einem schlecht gear­bei­te­ten Zeit­sprung oder einer etwas unge­fü­gen Makro­struk­tur ist Hier kommt Michel­le ein­fach nett zu lesen, aber halt auch – der Umfang ver­rät es ja schon – recht dünn. Der Witz ist eben schnell ver­braucht, die Unter­hal­tung trägt auch nicht viel län­ger. Zum Glück hat Annet­te Pehnt das nicht über­mä­ßig aus­ge­walzt, denn viel mehr als die­sen klei­nen Text gibt die Grund­idee allei­ne wohl nicht her.

Das war auch eine wich­ti­ge Lek­ti­on: Nicht alles geht sie etwas an, es ist gut, all­zu frem­den oder schwie­ri­gen Zusam­men­hän­gen nicht auf den Grund zu gehen, man muss sich zurück­hal­ten und sich auf das beschrän­ken, was man kennt und kann, und das gilt auf jeden Fall auch für das Stu­di­um in Som­mer­stadt, das Michel­le nun mit neu­em Élan, aber auch einer Rei­fe angeht, die sie schon am zwei­ten Tag befä­higt, zum Jung­ang­lis­ten zu gehen und zu fra­gen, ob er sie brau­chen kann. (120)

außer­dem gelesen:

  • Phil­ipp Tin­gler: Juwe­len des Schick­sals. Kur­ze Pro­sa. Zürich: Kein und Aber 2005. 
  • Geor­ges Batail­le: Der gro­ße Zeh. Hrsg. & übers. von Val­eska Ber­ton­ci­ni. Ber­lin: blau­wer­ke 2015 (split­ter 01). 80 Seiten.
  • Rai­ner Hoff­mann: Abduk­tio­nen, Aberra­tio­nen I. Bern: edi­ti­on taber­na kri­ti­ka 2011. 57 Seiten.

Dichtkunst

Wohl glänzt das Wort der Dicht­kunst magisch,
 Doch spie­gelt es das Leben nie,
Das weder freu­dig ist, noch tragisch
 Wie das Gebild der Poesie.

In Qual und bit­tres Lachen treibt uns
 Ein schreck­lich-klein­li­ches Gebot.
Und still und ohne Glanz zer­reibt uns
 Die Last des Nie­dern bis zum Tod.
Wolf Graf von Kalckreuth

Verantwortung des Erzählers

War­um soll­te den Erzäh­ler, der getreu den kleins­ten Ein­zel­hei­ten der ihm über­lie­fer­ten Geschich­te folgt, irgend­ei­ne Schuld tref­fen? Ist es sein Feh­ler, wenn die Figu­ren, von Lei­den­schaf­ten ver­führt, die er zu sei­nem Unglück nicht teilt, zutiefst unmo­ra­li­sche Hand­lun­gen bege­hen? Frei­lich gesche­hen Din­ge die­ser Art nicht mehr in einem Land, in dem die ein­zi­ge Lei­den­schaft, die alle ande­ren über­lebt hat, das Geld ist, ein Werk­zeug der Eitel­keit. Stendhal, Die Kar­tau­se von Par­ma, 147f.

Und so weiter

Manch­mal wird das auschwei­fend-fabu­lie­ren­de Erzäh­len offen­bar selbst den Autoren des 19. Jahr­hun­derts – die ja meis­tens nicht für ihre prä­gnan­te Knapp­heit bekannt sind – zu viel. Und dann wird auch mal abge­kürzt. Bei Stendhal, in der „Kar­tau­se von Par­ma“ sieht das etwas so aus:

stendhal, kartause von parma, 88

Ers­tes Buch, 4. Kapi­tel
(S. 88 in der Taschen­buch­aus­ga­be der Über­set­zung von Eli­sa­beth Edl)

– nicht nur ein ganz unpoe­ti­sches „usw.“ also, son­dern auch noch: „Die gute Mar­ke­ten­de­rin rede­te noch lan­ge; […]“ (und das hat sie vor­her auch schon aus­gie­big getan). Sol­cher Faul­heit des Autors begeg­net man heu­te eher selten …

Aus-Lese #45

Rein­hard Jirgl: Oben das Feu­er, unten der Berg. Mün­chen: Han­ser 2016. 288 Seiten.

–Sie wur­den gebo­ren, arbei­te­ten, und sie star­ben. Wäre Leben so=einfach so=kurz wie die­ser Satz, Leben, wäre gewiß glück­vol­ler. Leben aber dau­ert län­ger als 1 Satz. (31)

jirgl, oben das feuerOben das Feu­er, unten der Berg – an dem Buch ist nicht nur der Titel selt­sam und rät­sel­haft. Ich bin ja eigent­lich ein gro­ßer Bewun­de­rer der Wer­ke Rein­hard Jirgls, aber mit die­sem Roman kann ich wenig bis gar nichts anfan­gen. Das, was von einer Geschich­te übrig ist, ist rät­sel­haft, schwankt zwi­schen Kri­mi und Ver­schwö­rungs­theo­rie, Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung und Ver­bit­te­rung. Die auf­tau­chen­den Figu­ren sind eigent­lich lau­ter kaput­te Men­schen. Oder: Sie wer­den kaputt gemacht, durch das „Sys­tem“, die Macht oder ähn­li­che Instan­zen. Die grau­sa­me Bru­ta­li­tät der Welt, der Macht und der Mäch­ti­gen, die die Moral nur als Deck­man­tel und Beru­hi­gung fürs Volk (wenn über­haupt) haben, benut­zen – den gan­zen Text durch­dringt eine sehr schwar­ze, pes­si­mis­ti­sche Welt­sicht. So weit, so gut (oder auch nicht, aber das ist ja erst mal egal). Frag­wür­dig bleibt mir aber doch ein­fach vie­les. Auf dem Schutz­um­schlag steht etwa: „Titel, Text­vo­lu­men und Rei­hen­fol­ge der Kapi­tel im Roman sind von dem alt­chi­ne­si­schen Ora­kel I‑Ging bestimmt.“ – Zum einen: was soll das? Ich habe kei­ne Ahnung … Zum ande­ren: Ich bezweif­le fast, dass das über­haupt stimmt …

In den fas­zi­nie­ren­den, genau­en, poe­ti­schen (d.i. lyri­schen) Beschrei­bun­gen, ja, der gera­de­zu über­bor­den­den Beschrei­bungs­ge­nau­ig­keit liegt viel­leicht die größ­te Stär­ke des Romans, auch durch die Spe­zi­al­or­tho­gra­fie, die näm­lich Mög­lich­kei­ten und Deu­tun­gen der Spra­che ver­deut­li­chen, ver­eindeu­ti­gen oder über­haupt erst eröff­nen kann. Auf der ande­ren Sei­te hat­te ich oft den Ein­druck eines „ver­wil­der­ten“ Text, der sich von sich selbst trei­ben lässt und der im Zick­zack-Kreis des Erzäh­lens „der“ Geschich­te kei­ne wie auch immer gear­te­te Ord­nung gel­ten lässt (zumin­dest kei­ne, die ich erken­nen könn­te). Selt­sam fin­de ich auch: Eigent­lich pas­siert das meis­te des Romans auf pri­va­ter, ja inti­mer Ebe­ne. Aber dann will der Roman doch die ganz gro­ßen The­men behan­deln (z.B. die Macht und die Moral) – das pas­siert dann (damit es jeder merkt) v.a./nur durch das neun­mal­klu­ge Dozie­ren der Figu­ren, in deren Erkennt­nis­sen, in deren Durch­schau­en der Welt und der Ver­schwö­run­gen) sich der Erzäh­ler (und viel­leicht auch der Autor) zu allem und jedem äußern kann, sei­ne Posi­ti­on als wah­re absi­chern und mit­tei­len kann. 

?Wo in all­die­ser unermeßlichen=Unendlichkeit blieb eigent­lich ?mein Web­fa­den, ?meine=!ureigene Spur, die mich etwas Unver­wech­sel­ba­res in die­ses uner­schöpf­li­che Lebens­wisch­ha­der­ge­filz hät­te hin1prägen las­sen. (230)

Danie­la Danz: Lan­ge Fluch­ten. Göt­tin­gen: Wall­stein 2016. 146 Seiten.
Zu dem sehr gelun­gen klei­nen Roman von Danie­la Danz – die übri­gens auch vor­treff­li­che Lyrik schreibt – habe ich vor eini­gen Tagen schon etwas geschrie­ben: Lan­ge Fluch­ten, gebro­che­ne Men­schen.
Wil­helm Leh­mann: Ein Lese­buch. Aus­ge­wähl­te Lyrik und Pro­sa. Her­aus­ge­ge­ben von Uwe Pörk­sen, Jut­ta Johann­sen und Hein­rich Dete­ring. Göt­tin­gen: Wall­stein 2011. 160 Seiten.

lehmann, lesebuchAuf Wil­helm Leh­mann bin ich erst durch die zwei­te Aus­ga­be des Gel­ben Akro­ba­ten von Micha­el Braun und Micha­el Busel­mei­er auf­merk­sam gewor­den. Leh­mann, der von bis vor allem an der Küs­te leb­te, war als Leh­rer sowohl ein aus­ge­zeich­ne­ter Natur­be­ob­ach­ter als auch ein star­ker Dich­ter, wie ich anhand des Lese­buchs leicht fest­stel­len konn­te. Dort bie­ten die drei Her­aus­ge­ber eine Aus­wahl aus der mehr­bän­di­gen Werk­aus­ga­be: (viel) Lyrik, etwas aus den Tage­bü­chern, eini­ge Aus­zü­ge aus theoretischen/​poetologischen Essays und ein wenig Pro­sa. Inwie­weit das ein reprä­sen­ta­ti­ves Bild abgibt, kann ich nicht beur­tei­len. Sagen kann ich nur, dass das, was ich hier gele­sen habe, fas­zi­nie­ren­de Momen­te hat. Die mich am meis­ten berüh­ren­den Tex­te und Pas­sa­gen waren wohl die, wo sich der peni­ble und wis­sen­de Natur­be­ob­ach­ter mit dem bild­kräf­ti­gen Lyri­ker verbindet. 

Aus vie­len der Natur­be­schrei­bun­gen der Gedich­te spricht eine lei­se Weh­mut: Die Natur ist für Leh­mann ganz offen­bar ein Ort, an dem die göttliche/​geschöpfte/​schöpferische Ord­nung noch gilt und dann auch zu beob­ach­ten ist; sie bleibt vom Cha­os, der Gewalt und dem Schmerz der Men­schen (den sich die Men­schen gegen­sei­tig (und ihr) zufü­gen) unbe­rührt. Sol­che Lyrik ist, wie er es in einem Auf­satz ein­mal auf den Punkt bringt: „Poe­sie als Ein­wil­li­gung in das Sein“. 

Gera­de in der Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges scheint sich das aber zu ändern: Zuneh­mend wer­den Natur und Menschenwelt/​Zeitgeschichte im Gedicht kon­fron­tiert, meist neben­ein­an­der gestellt (sozu­sa­gen ohne ter­ti­um com­pa­ra­tio­nis): Hier die gleich­för­mi­ge (im Sin­ne von in einem fes­ten Rhyth­mus sich wie­der­ho­len­de), ver­trau­te (d.h. auch: les­ba­re, ent­schlüs­sel­ba­re, ver­steh­ba­re) Natur, dort der uner­hör­te Schre­cken, das unge­se­he­ne und unge­ahn­te Grau­en des Welt­kriegs. Das bleibt aber immer sehr sub­til und – gera­de in den Beschrei­bun­gen und Schil­de­run­gen – sehr kunst­voll, in fein aus­ta­rier­ten Rhyth­men und mit oft sehr har­mo­nisch, fast selbst­ver­ständ­lich wir­ken­den Rei­men aus­ge­ar­bei­tet. Am bes­ten ver­deut­licht das viel­leicht ein Gedicht wie „Fal­len­de Welt“:

Das Schwei­gen wurde
Sich selbst zu schwer:
Als Kuckuck fliegt sei­ne Stim­me umher. 

Mit bron­ze­nen Füßen
Lan­det er an,
Gefleck­tes Kleid
Hat er angetan. 

Die lose Welt,
Wird sie bald fallen?
Da hört sie den Kuckuck
Im Grun­de schallen. 

Mit schnel­len Rufen
Ruft er sie fest.
Nun dau­ert sie
Den Zeitenrest. 

Sabi­ne Bergk: Gils­brod. Novel­le. Ber­lin: Dittrich 2012. 132 Seiten.

bergk, gilsbrod (cover)Der Ver­lag nennt die auf der Opern­büh­ne spie­len­de Novel­le von Sabi­ne Bergk „Über­trei­bungs­li­te­ra­tur”. Das stimmt natür­lich, trifft den Kern des vor allem phan­tas­ti­schen und absur­den Tex­tes aber nur halb. Gils­brod ist eine Ein-Satz-Novel­le mit 130 Sei­ten unge­bro­che­nem stream of con­scious­ness. Das ist natür­lich nicht völ­lig neu, spon­tan fällt mir aus letz­ter Zeit etwa Xaver Bay­ers Wenn die Kin­der Stei­ne ins Was­ser wer­fen (2011) ein, das ähn­lich funk­tio­niert. Hier, also in Gils­brod, lesen wir das Bewusst­sein einer Opern­souf­fleu­se, die im ent­schei­den­den Moment der Thea­ter­di­va nicht aus­hilft und sie des­halb in eine impro­vi­sier­te Kadenz auf dem fal­schen Text treibt. Ein Ende hat der Text nicht, er bricht ein­fach ab. Bis dahin ist er aber dicht und unter­halt­sam, phan­tas­tisch und absurd, trau­rig und komisch zugleich. Oder zumin­dest abwech­selnd. Den natür­lich lässt sich so ein Bewusst­sein hin und her trei­ben, das ist eine hef­ti­ge Mischung von Ver­gan­gen­hei­ten und Gegen­war­ten, Rea­li­tä­ten und Träu­men, Wün­schen und Ängs­ten, geschich­tet und über­la­gert, auch mit Ver­sio­nen der (pseudo-)Erinnerung ver­se­hen, der sei­ne Ebe­nen im krei­sen­den Wie­der­ho­len herauskristallisiert. 

Das funk­tio­niert recht gut, weil die Spre­che­rin aus der Posi­ti­on des unsichtbaren/​unscheinbaren Beob­ach­ters, der Souf­fleu­se, agiert. In der Pri­vat­my­tho­lo­gie wird der die­nend-unter­stüt­zen­de Hilfs­dienst die­ser Funk­ti­on für das Thea­ter, genau­er: die Oper, zur mys­ti­schen Erfah­rung hoch­sti­li­siert, zum erfül­len­den Lebens­traum. Es wird aber durch­aus auf geschick­te und unter­grün­di­ge, aber erkenn­ba­re Wei­se auch die eige­ne Posi­ti­on reflek­tiert, zum Bei­spiel im Ver­lust der Rest-Sicht­bar­keit durch den mit­ti­gen Souf­fleur­kas­ten und die Ver­ban­nung auf die Sei­ten­büh­ne, die nicht glei­cher­ma­ßen Teil der Auf­füh­rung ist: dort unter­hal­ten sich Tech­ni­ker und war­ten­de Sän­ger wäh­rend der Oper … Zugleich zu die­ser wahr­ge­nom­me­nen Mar­gi­na­li­sie­rung – im Kon­trast dazu und zu den Erin­ne­run­gen der prä­fi­gu­rie­ren­den Demü­ti­gun­gen der Schul­zeit (die sehr selt­sam als eine Art Kreu­zi­gung am Rut­schen­ge­rüst erin­nert wer­den, mit Lan­ze und Essig und allem drum­her­um …) ist der Bewuss­st­seins­strom aber auch die Kon­struk­ti­on einer tota­len Macht­po­si­ti­on: von ihr ist alles, ins­be­son­de­re eben die Diva Gils­brod abhän­gig – und damit das gan­ze Thea­ter, die Stadt, das Publi­kum: „mir gehört der Text“ (39).

Der Text ist aber nicht ohne Dra­ma­tur­gie gebaut, zum Bei­spiel ver­schrän­ken und ver­mi­schen sich die diver­sen Zei­ten und Ebe­nen immer mehr. Auch das „Vor­drin­gen“ in die Figur „Gils­brod“ wird geschickt zei­chen­haft genutzt: Es beginnt an der Gren­ze zwi­schen außen und innen des Kör­pers, den Zäh­nen der Sän­ge­rin, und dringt über den Mund­raum immer wei­ter vor/​hinein …

Im Grun­de ist Gils­brod eine gro­ße Rache­phan­ta­sie, die ja auch zu kei­nem Ende kommt: der Bewusst­seins­strom bricht in der gro­ßen (fal­schen!) Kadenz der Gils­brod ab, das „non so d’amarti“ ver­dich­tet sich, bis zu einer Art Man­tra – wenn man das hin­zu­zieht, könn­te es natür­lich auch eine (unbe­wuss­te) Lie­bes­phan­ta­sie sein: „Ich weiß nicht, dass ich dich liebe“ …

[…] und des­halb gehen die Leu­te ja ins Thea­ter, weil sie nicht allei­ne lachen wol­len und sonst die ande­ren den­ken, sie wären ver­rückt, wie sol­len sie auch lachen, wenn sie nie­man­den zum Lachen haben, und so blei­ben sie lie­ber allein in ihrem Kum­mer, dabei ist es viel bes­ser, gemein­sam zu wei­nen und die Leu­te gehen ja ins Thea­ter, damit sie gemein­sam lachen und auch wei­nen kön­nen, wie auf der Beer­di­gung, sie beer­di­gen ihren Kum­mer im Thea­ter und beer­di­gen sich selbst, vor­zei­tig, sie beer­di­gen sich gegen­sei­tig und beer­di­gen alles, was ist, sie beer­di­gen die Lan­ge­wei­le, das Leben und die Hoff­nung der Figu­ren, die Flug­ver­su­che und die Wet­ter­wech­sel, sie beer­di­gen das Licht hin­ter den Vor­hang­de­cken wie zum Schlaf und zum Abschluss gibt es rau­schen­den Applaus und nie­mand denkt, dass sie ver­rückt sind, auch wenn alle nach vor­ne star­ren […] (69)
Titus Mey­er: Ande­re DNA. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. 56 Sei­ten. ISBN 978−3−942901−20−8.

Ein gan­zer Roman als Palin­drom, ein Palin­drom als Roman – geht das? Ein paar mei­ner Lek­tü­re­be­ob­ach­tun­gen zu die­ser Fra­ge und ande­ren, die mich beim Lesen von Mey­ers Husa­ren­stück beweg­ten, habe ich schon vor eini­gen Tagen hier notiert.

Chris­ti­an Broe­cking: Die­ses unbän­di­ge Gefühl der Frei­heit. Irè­ne Schwei­zer – Jazz, Avant­gar­de, Poli­tik. Die auto­ri­sier­te Bio­gra­fie. Ber­lin: Broe­cking Ver­lag 2016. 479 Sei­ten. ISBN 9783938763438.

broecking, schweizer-biografie (cover)Eine gro­ße – und außer­dem auch noch auto­ri­sier­te – Bio­gra­fie der gro­ßen Jazz­pia­nis­tin Irè­ne Schwei­zer woll­te Chris­ti­an Broe­cking (den ich vor allem als Autor/​Interviewpartner sei­ner bei­den Respect-Bän­de ken­ne) hier wohl vor­le­gen. Raus­ge­kom­men ist ein müh­sa­mer Bro­cken. Den Broe­cking schreibt auf den immer­hin fast 500 Sei­ten viel­leicht (gefühlt zumin­dest) ein Dut­zend Sät­ze selbst. Die­se Bio­gra­fie ist näm­lich gar kei­ne, es gibt kei­nen Erzäh­ler und eigent­lich auch kei­nen Autor. An deren Stel­len tre­ten (fast) nur Quel­len, das heißt Zeit­zeu­gen, deren Aus­sa­gen zu und über Irè­ne Schwei­zer aus Inter­views hier grob sor­tiert wur­den und höchs­tens mit ein­zel­nen Sät­zen not­dürf­tig zusam­men­ge­flickt wer­den. Der doku­men­ta­ri­sche Anspruch – die ande­ren also ein­fach erzäh­len zu las­sen (aber auch die Fra­gen strei­chen, was manch­mal selt­sa­me „Tex­te“ ergibt) – geht dann auch so weit, dass eng­lisch­spra­chi­ge Ant­wor­ten nicht über­setzt wer­den. Viel Mate­ri­al wird also mehr oder weni­ger sinn­voll gereiht. Nach her­kömm­li­chen Maß­stä­ben ist das eher die Samm­lung, die Vor­ar­beit zu einer eigent­li­chen Bio­gra­fie, die das (ein-)ordnend und deu­tend erzäh­len würde.

Dadurch ist das vor allem eine Arbeits­bio­gra­phie und/​oder ein Musik­ta­ge­buch: Wer wann mit wem wo gespielt hat, das gibt den Rah­men für die Lebens­be­schrei­bung ab. Aber selbst das geht mit der Zeit und den Sei­ten der unend­li­chen Rei­hen von Kon­stel­la­tio­nen und Orten zuneh­mend unter, weil es ein­fach zu viel ist. Men­schen kom­men kaum/​nicht vor, nur Funk­tio­nen: Musi­ker, Künst­ler, Orga­ni­sa­to­ren, Label­chefs und (weni­ge) Jour­na­lis­te) – des­halb bie­tet das Buch auch nur Innen­sich­ten aus dem Umfeld Schwei­zers. Und Broe­cking hilft durch sei­ne Abwe­sen­heit als Autor eben auch nicht: Einen außenstehenden/​neutralen (oder wenigs­tens pseu­do-objek­ti­ven) Beob­ach­ter kann der Text nicht auf­wei­sen. Ich den­ke, dar­aus rüh­ren dann auch ande­re Schwä­chen. Vie­les bleibt ein­fach ohne Erklä­rung. Und wenn ich kei­ne Erklä­rung bekom­me, brau­che ich auch kei­ne Biografie … 

Zum Bei­spiel wird die Grö­ße Schwei­zers zwar immer wie­der beschwo­ren, sie bleibt dabei aber aus­ge­spro­chen unklar, ohne Kon­tu­ren und ohne Grund. Das liegt viel­leicht auch dar­an, dass die Musik in den (sowie­so äußerst knap­pen) Beschrei­bun­gen (Ana­ly­sen kom­men mit Aus­nah­me des zehn­sei­ti­gen Anhangs „Jungle Beats“ von Oli­ver Senn & Toni Bech­told, der anhand exem­pla­risch aus­ge­wähl­ter Auf­nah­men Schwei­zers Musik, ihren Per­so­nal­stil beschreibt, fast über­haupt nicht vor) selbst so gene­risch bleibt: frei impro­vi­siert, dann wird mal die­ser Ein­fluss (Cecil Tay­lor etwa) her­vor­ge­ho­ben, dann mal der jener betont (Monk etwa). Und immer wie­der wird von den Inter­view­ten dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie kei­ne Noten mag. Aber was sie wie spielt, kann man halt nicht so recht lesen, nur in ver­streu­ten Hin­wei­sen und Andeu­tun­gen (die auch eher ihre Prä­senz und Ener­gie auf der Büh­ne betref­fen). Auch die aus­ge­wähl­ten Zita­te aus Kri­ti­ken und Pres­se­be­rich­ten blei­ben erschre­ckend gene­risch. Ähn­lich ist es um die poli­ti­sche Dimen­si­on des Lebens von Irè­ne Schwei­zer und ihrer Musik bestellt: Bei­des wird vor allem behaup­tet („die­se Musik ist poli­tisch“), aber wie und war­um, das steht nir­gends, das wird nicht erklärt (und gera­de da wür­de es (für mich) span­nend wer­den …). Das alles führt dazu, dass mich die Lek­tü­re etwas unbe­frie­digt zurück­ge­las­sen hat: Sicher kommt man um die­sen Band kaum her­um, wenn man sich mit Schwei­zer und/​oder ihrer Musik befasst. Aber Ant­wor­ten kann er kaum geben. 

Ian Bostridge: Schu­berts Win­ter­rei­se. Lie­der von Lie­be und Schmerz. Mün­chen: Beck 2015. 405 Sei­ten. ISBN 978−3−406−68248−3.
Mei­ne Ein­drü­cke von Ian Bostridges gro­ßem, umfas­sen­den Buch über die Schu­bert­sche Win­ter­rei­se haben einen eige­nen Ein­trag bekom­men, und zwar hier: klick.

außer­dem gelesen:

  • Katha­ri­na Rög­g­la: Cri­ti­cal Whiten­ess Stu­dies und ihre poli­ti­schen Hand­lungsmö­lich­kei­ten für Wei­ße Anti­ras­sis­tIn­nen. Wien: man­del­baum kri­tik & uto­pie 2012 (Intro. Eine Ein­füh­rung). 131 Seiten. 
  • Sel­ma Meer­baum-Eisin­ger: Blü­ten­le­se. Gedich­te. Stutt­gart: Reclam 2013. 136 Seiten.
  • Moni­ka Rinck: Wir. Phä­no­me­ne im Plu­ral. Ber­lin: Ver­lags­haus Ber­lin 2015 (Edi­ti­on Poe­ti­con 10).

Die andere DNA der Sprache: Titus Meyers Palindrom-Roman

meyer, andere dna (cover)Kann man einen Roman als Palin­drom schrei­ben? Oder ein Palin­drom als Roman schrei­ben und lesen? Titus Mey­er ver­sucht es zumin­dest. Ande­re DNA heißt das Ergeb­nis (natür­lich selbst eines der vie­len Palin­dro­me in die­sem Palin­drom), das – wie schon sein Band mit Palin­drom-Gedich­ten – bei Rei­ne­cke & Voß erschie­nen ist. Ich habe jetzt nicht kon­trol­liert, ob das wirk­lich ein Palin­drom ist. 56 Sei­ten sind zwar für einen Roman erst ein­mal nicht viel Text, aber sehr, sehr, sehr viel, um ein Palin­drom zu über­bli­cken. Ich ver­traue da also mal Autor und Verlag …

Geglie­dert ist Ande­re DNA als lose Fol­ge von kur­zen Abschnit­ten (meist 1–2 Sei­ten, manch­mal auch mehr) mit so schö­nen Titeln wie „Sin­ne­ten­nis“, „Bana­le Magd“ oder „Ein­sie­de­lei“, aber auch eher gene­risch („Tod“, „Zeit“, „Moral“ zum Bei­spiel). Hier gibt es tat­säch­lich so etwas wie the­ma­ti­sche Zusam­men­hän­ge der wil­den syn­tak­ti­schen Kon­struk­tio­nen Mey­ers. Als gan­zes konn­te ich dem Buch aber weder einen kohä­ren­ten Inhalt noch ein wirk­li­ches The­ma ent­neh­men. Dar­um geht es wohl auch gar nicht. Denn mit Erzäh­len hat das hier natür­lich nichts zu tun. Es ist ja schon die Fra­ge, ob man so etwas über­haupt Schrei­ben nen­nen kann. Und wer schreibt dann hier? Der Autor oder die Regel?

Aber wahr­neh­men lässt sich trotz­dem etwas. Die Spra­che selbst, aber auch die bereits erwähn­ten Sinn­zu­sam­men­hän­ge oder Sinn­kon­struk­te, die las­sen sich also beob­ach­ten. Aber meist nur gra­nu­lar: Ein paar Sät­ze, viel mehr sind das sel­ten („Ein­sie­de­lei“ ist so ein Fall, wo das auch mal über län­ge­re Stre­cke gelingt) – dann stol­pert der Text wie­der, der Sinn löst sich in alle Rich­tun­gen auf. Ich konn­te das nur in klei­ne­ren Dosen lesen, nach ein paar weni­gen Sät­zen schon fängt der Kopf an zu schwirren. 

Es gibt dabei durch­aus schö­ne Stel­len, wo auf ein­mal neue, gewag­te, schö­ne For­mu­lie­run­gen auf­blit­zen. Auf irgend­wel­che Zusam­men­hän­ge darf man aber wirk­lich nicht zu sehr hof­fen. Vor allem aber stell­te sich mir immer wie­der die Fra­ge: Kann man das lesen? Und: Wie liest man so etwas eigent­lich? Klas­si­sches her­me­neu­ti­sches Lesen funk­tio­niert jeden­falls über­haupt nicht, das wird ganz schnell klar. Ich habe mich dann oft beim Lesen qua­si selbst beob­ach­tet und gemerkt, wie man aus kleins­ten Hin­wei­sen Zusam­men­hän­ge, ja sogar „Geschich­ten“ kon­stru­ie­ren will. Bis man – oder eben der Text – sich wie­der bremst und sich irgend­wann ein­fach der Spra­che aus­lie­fert, auch wenn das tro­cken und wüst scheint. 

Und natür­lich hat Ande­re DNA auch Momen­te einer Leis­tungs­schau nach dem Mot­to: Seht her, auch das kann „Spra­che“, das kann Lite­ra­tur (und so etwas ver­track­tes bekom­me ich als Autor hin …): Die Tech­no­lo­gi­zi­tät der Spra­che pur sozu­sa­gen als lite­ra­ri­schen Text ver­kör­pern und auf­zei­gen. Ob das aber mehr ist? Ich bin mir nicht so sicher. Etwas ande­res ist es auf jeden Fall. Und dann schwingt natür­lich auch noch ein gewis­ses kom­pe­ti­ti­ves Moment – ein so lan­ges Palin­drom gab es noch nie! – immer etwas mit. Ins­ge­samt aber habe ich das dann doch eher als pro­of of con­cept denn als mög­li­che (Weiter)Entwicklung einer zeit­ge­mä­ßen, zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur gele­sen. Aber viel­leicht habe ich dabei auch zu sehr von der Ober­flä­che ablen­ken las­sen, wer weiß …

Titus Mey­er: Ande­re DNA. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. 56 Sei­ten. ISBN 9783942901208.

Über Lieder von Liebe und Schmerz: Ian Bostridge erklärt Schuberts Winterreise

Es ist nicht mehr als ein klei­ner Aus­schnitt der fort­dau­ern­den Erkun­dung des kom­ple­xen und schö­nen Net­zes von Bedeu­tun­gen – musi­ka­li­sche und lite­ra­ri­sche, tex­tu­el­le und meta­tex­tu­el­le –, inner­halb des­sen die Win­ter­rei­se ihren Zau­ber her­vor­bringt.S. 396

bostridge, schuberts winterreise (cover)– Mit die­sem Schluss endet der bri­ti­sche Tenor Ian Bostridge (übri­gens ein aus­ge­bil­de­ter His­to­ri­ker) sein gro­ßes, fas­zi­nie­ren­des und in sei­ner berei­chern­den Klug­heit aus­ge­spro­chen lesens­wer­tes Buch über Schu­berts Win­ter­rei­se. Aber es ist ein Satz, der das, was auf den knapp vier­hun­dert Sei­ten zuvor pas­siert ist, sehr gut auf den Punkt bringt. Lie­der von Lie­be und Schmerz hat der deut­sche Ver­lag Bostridges Buch im Unter­ti­tel benannt. Das eng­li­sche Ori­gi­nal fin­de ich pas­sen­der: Ana­to­my of an Obses­si­on. Denn bei­des, das sezie­ren­de Unter­su­chen als auch die obses­si­ve Beschäf­ti­gung mit dem Kunst­werk, bringt das Ver­hält­nis von Bostridge zur Win­ter­rei­se sehr gut auf den Punkt. Und bei­des, die Ana­ly­se und die emo­tio­na­le Bin­dung, merkt man dem Text eigent­lich auf jeder Sei­te an: Jede Sei­te die­ses groß­ar­ti­gen Buches, das Lied für Lied die Win­ter­rei­se unter die Lupe nimmt, lässt die obses­si­ve Lie­be und die jahr­zehn­te­lan­ge Beschäf­ti­gung mit Musik und Text, mit Dich­ter und Kom­po­nist, mit Hin­ter­grün­den und Bedeu­tun­gen spüren.

Lied für Lied – die­se Glie­de­rung greift das gut gemach­te (ich habe – abge­se­hen von der prin­zi­pi­ell etwas unsin­ni­gen Über­set­zung eng­li­scher Über­set­zun­gen deut­scher Tex­te – nur einen Über­set­zungs­feh­ler bemerkt – der ist aller­dings etwas pein­lich, weil er das eng­li­sche b‑minor mit b‑moll statt h‑moll über­setzt und auf der sel­ben Sei­te auch noch rich­tig vor­kommt …) und schön aus­ge­stat­te­te Buch auch äußer­lich auf. Bostridge folgt damit zwar der Dra­ma­tur­gie Schu­berts (die ja, wie er mehr­fach dar­legt, von der Rei­hen­fol­ge Mül­lers abweicht), gestat­tet sich aber auch Frei­hei­ten: Man­che Kapi­tel sind auf­fal­lend kurz, ande­re etwas aus­schwei­fend. Man­che bie­ten eine sehr kon­zen­trier­te Ana­ly­se von Text und Musik, ande­re lie­fern vor allem geschicht­li­che, poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che, sozio­lo­gi­sche Hin­ter­grün­de. Wie er prin­zi­pi­el­le Beob­ach­tun­gen und Anmer­kun­gen über die ein­zel­nen Lied­ka­pi­tel ver­teilt, das ist sehr geschickt. Die sind dadurch näm­lich immer mehr als blo­ße Kom­men­ta­re oder Erläu­te­run­gen, das Buch wird nicht zu einer seri­ell-sche­ma­ti­schen Ana­ly­se, son­dern zu einem gro­ßen Gan­zen: Alles in allem ist das eine groß­ar­ti­ge Samm­lung von Wis­sen aus allen Berei­chen zu den 1820er Jah­ren. Da liegt aber auch schon eines der Pro­ble­me, die ich damit hat­te (neben der meist feh­len­den Refe­ren­zie­rung des ange­sam­mel­ten Wis­sens): Bei Bostridge wer­den die 1820er in Tech­nik, Öko­no­mie, Gesell­schaft und Poli­tik zu einem frü­hen Höhe­punkt der Moder­ni­sie­rung. Ich bin mir nicht so recht sicher, ob das stimmt (und ob es hilf­reich wäre). Für ein end­gül­ti­ges Urteil fehlt mir da frei­lich etwas Wis­sen, mir schei­nen die­se Jah­re aber doch mehr Durch­gang als Gip­fel zu sein.

Ein ande­rer Punkt, bei dem ich Bostridge immer wie­der wider­spre­chen möch­te, ist die Iro­nie. Die fin­det er in der Win­ter­rei­se näm­lich wesent­lich häu­fi­ger und stär­ker als ich das immer nach­voll­zie­hen kann. Ähn­lich geht es mir mit der poli­ti­schen Dimen­si­on von Text und Musik. In bei­den Fäl­len möch­te ich Bostridges Deu­tun­gen gar nicht von vorn­her­ein ver­wer­fen, sie schei­nen mir in die­sen Aspek­ten aber etwas über­spitzt. Deut­lich wird das etwa bei sei­nen Aus­füh­run­gen zum „Köh­ler“, der (bzw. des­sen Hüt­te, er selbst ja gera­de nicht) in der Win­ter­rei­se genau ein­mal vor­kommt: Das kann man als mög­li­che poli­ti­sche Chif­fre lesen, so zwin­gend, wie Bostridge das dar­stellt, ist die­se Les­art aber mei­nes Erach­tens nicht. Über­haupt hat mich sei­ne poli­ti­sche Les­art vie­ler Lie­der (bzw. eigent­lich nur ihrer Tex­te, in die­sem Deu­tungs­zu­sam­men­hang spielt die Musik kei­ne Rol­le) nicht so sehr befrie­digt, zumal sie ja doch erstaun­lich indif­fe­rent bleibt. Ähn­lich ist es übri­gens um Schu­bert selbst hier bestellt: Zum einen wird er als poli­ti­scher Künst­ler, der extrem unter den har­ten Bedin­gun­gen der vor­märz­li­chen Zen­sur litt, dar­ge­stellt. Zugleich ist er für Bostridge aber auch ein Kom­po­nist, der ganz unbe­dingt ein Ide­al des rei­nen, tran­szen­den­ten Künst­ler­tums ver­folgt – zwei Les­ar­ten, die hier fast naht­los inein­an­der über­ge­hen, die ich aber nicht so recht zusam­men bekomme.

Das alles macht aber wenig bis nicht. Denn Bostridge zu lesen, ja eigent­lich: zu schmö­kern, ist auf jeden Fall ein gro­ßer Gewinn. Zumal das Buch auch, ich sag­te es schon, ein­fach schön ist und auch mit Abbil­dun­gen nicht geizt. Scha­de fand ich aller­dings, um das Lob gleich wie­der ein biss­chen ein­zu­schrän­ken, dass Bostridge so wenig über die Musik und ihre Details spricht. Mein Ein­druck war da, dass die­ses Ele­ment in der Fül­le der Zugän­ge und Mate­ria­li­en, die er zur Win­ter­rei­se zusam­men­ge­tra­gen hat, etwas unter­geht. Von einem Sän­ger hät­te ich mir gera­de auf die­sem Gebiet mehr musi­ko­lo­gi­sche Ana­ly­se und Beschrei­bung gewünscht. Aber das wäre dann viel­leicht ein ande­res Buch geworden. 

Es ist näm­lich wirk­lich selt­sam mit die­sem Buch: Als Gan­zes fin­de ich es immer noch ziem­lich groß­ar­tig, es ist ein (über)reiches Buch, das dem Ver­ständ­nis der Win­ter­rei­se auf jeden Fall in gro­ßem Maße dient und das Hören (oder Musi­zie­ren) unge­mein berei­chern kann. Im Detail fin­de ich aber vie­les frag­wür­dig und wür­de oft wider­spre­chen. Ein paar klei­ne, fast will­kür­li­che Bei­spie­le: Den Natio­nal­so­zia­lis­mus und den Zwei­ten Welt­krieg aus einer typisch deut­schen „roman­ti­schen Todes­be­ses­sen­heit“ (118) zu erklä­ren wol­len – das ist ein­fach Quatsch. Oder wenn ein Fer­ma­ten­zei­chen zu einem „alles­se­hen­den Auge“ (178) wird. Manch­mal ist es auch vor allem eine gro­ße Fleiß­leis­tung, wenn er etwa zum „Früh­lings­traum“ über meh­re­re Sei­ten das Vor­kom­men von Eis­blu­men in der Kunst- und Lite­ra­tur­ge­schich­te refe­riert, was aber weder mit Mül­ler noch mit Schu­bert in Ver­bin­dung steht. Da erschließt sich mir dann nicht so ganz der Zweck, den das für eine Ana­ly­se oder Inter­pre­ta­ti­on die­ses Kunst­wer­kes haben soll. 

Aber: Die Welt von Schu­berts Win­ter­rei­se kann der über­aus gebil­de­te Bostridge mit sei­nem gesam­mel­tem Wis­sen und sei­nen genau­en, viel­fäl­ti­gen, empha­ti­schen Beob­ach­tun­gen eben doch ganz toll ent­fal­ten und wun­der­bar ver­mit­teln. Es ist übri­gens kein Ver­se­hen, wenn ich von Schu­berts Win­ter­rei­se sprach: Der Schwer­punkt sei­ner Betrach­tun­gen liegt auf Schu­bert und sei­ner Musik, auch wenn der Text und sein Autor, Wil­helm Mül­ler, nicht ganz außen vor blei­ben. Auch die Rezep­ti­on der Win­ter­rei­se wird nicht ver­ges­sen. Und sei­ne inti­me Ver­traut­heit en detail & en gros mit dem Werk sowie sei­ne dop­pel­te Auto­ri­tät als aus­üben­der Sän­ger und for­schen­der His­to­ri­ker tun dem Buch sehr gut: Er weiß, wovon er redet. Und nach der Lek­tü­re sei­ne Buches weiß man auch, was man da eigent­lich hört (oder: hören kann!), wenn man der Win­ter­rei­se lauscht.

Ian Bostridge: Schu­berts Win­ter­rei­se. Lie­der von Lie­be und Schmerz. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: Beck 2015. 405 Sei­ten. ISBN 978−3−406−68248−3.

Lyrik und Freiheit

Lyrik han­delt von Struk­tu­ren, die Cha­rak­te­ren zugrun­de­lie­gen. Sie muss sich nicht den Per­sön­lich­kei­ten und ihren Ent­wick­lun­gen zuwen­den, denn sie inter­es­siert sich vor allem für die Struk­tu­ren von Welt und Den­ken, die die Spra­che in unse­rem Bewusst­sein geschaf­fen hat.Moni­ka Rinck, Wir. Phä­no­me­ne im Plu­ral (2015), 26

Es gibt aber eine gewis­se Frei­heit. Die bewahrt man sich, indem man nur gute Fra­gen beant­wor­tet, schlech­te Fra­gen ablehnt oder schwei­gend quit­tiert und unge­woll­te Ver­ein­nah­mun­gen durch dis­rup­ti­ve Hand­lun­gen erschwert. Im Zwei­fels­fall ist es hilf­reich, immer mal wie­der zu sagen: »Ich nicht« – ganz gleich, ob der Kon­text das her­gibt oder nicht. Und Gedich­te zu lesen, um sich ein­zu­üben in die Aus­lo­cke­rung der Pro­no­men – denn wir, das könn­ten jeder­zeit auch die ande­ren sein. Moni­ka Rinck, Wir. Phä­no­me­ne im Plu­ral (2015), 40

rinck, wir (cover)

Lange Fluchten, gebrochene Menschen

danz, lange fluchtenEin unfer­ti­ger Roh­bau irgend­wo in der deut­schen Pro­vinz, die Mus­ter­fa­mi­lie – Vater, Mut­ter, zwei Kin­der – wohnt pro­vi­so­risch in Con­tai­nern auf dem Grund­stück. Das Set­ting von Danie­la Danz Roman Lan­ge Fluch­ten klingt ziem­lich ein­fach und banal. Und doch ist an dem kur­zen Text – gera­de ein­mal 146 Sei­ten, das ist heu­te nicht viel für einen Roman – nichts banal. Und nichts ist ein­fach, weder für den Leser noch für die Figu­ren des Textes. 

Gut, das ist kein über­mä­ßig schwie­ri­ger Text, so scheint es zunächst. Aber ent­wi­ckelt doch sei­ne Wider­stän­dig­kei­ten. Denn wor­um geht es eigent­lich? Cons (eine etwas selt­sa­me Kurz­form für Con­stan­tin, in der das „Dage­gen“ offen­bar wird) ist ein ehe­ma­li­ger Berufs­sol­dat mit Frau und Kin­dern und Gelieb­ter und einem tod­kran­ken Freund. Er lebt nach einem „Vor­fall“ in sei­ner Zeit als Zeit­sol­dat in die­sem pro­vi­so­risch ein­ge­rich­te­ten Leben, das sei­nes nicht so ganz zu sein scheint. Er lebt in merk­wür­di­ger Nähe und Tren­nung von Frau und Fami­lie, er ver­schwin­det für Tage, geht auf die Jagd, fährt ziel­los her­um, bringt nach zwei Tagen die ver­spro­che­ne Milch nach Hau­se – und scheint gene­rell recht wenig auf die Rei­he zu bekom­men. Irgend­wie hängt das mit dem nicht näher erläu­ter­ten, nur nach und nach in Sche­men erkenn­ba­ren Vor­fall bei einem Gefechts­ma­nö­ver zusam­men, dass Con­stan­tin offen­bar psy­chisch geschä­digt hat – die Fra­ge einer Ent­schä­di­gung steht im Raum, ver­langt aber mehr Akti­vi­tät, als er auf­brin­gen kann – und ihn in die­sem per­sepk­tiv- und ziel­lo­sen Leben zurücklässt.

Die Jagd bleibt da als ein­zi­ger Rest von Akti­vi­tät – nicht zufäl­lig ist das ein dem Mili­tär ähn­li­che Zeit­ver­treib (und nicht zufäl­lig sind die betref­fen­den Pas­sa­gen dann auch vor­sich­tig fach­sprach­lich getönt). Aber für Con­stan­tin geht es dabei wohl auch um den Moment der tota­len Kon­trol­le, des (mehr oder weni­ger will­kür­li­chen) Ent­schei­dens über Leben und Tod einer ande­ren Krea­tur – wor­an er selbst tra­gi­scher­wei­se wie­der­um schei­tert. Eine gewis­ser­ma­ßen ähn­li­che Ebe­ne bringt der Selbst­mord sei­nes ein­zi­gen Freun­des, Hen­ning, in die Hand­lung. Der kann nur gelin­gen, weil Cons mit einer Bohr­ma­schi­ne (um das Seil zum Erhän­gen zu befes­ti­gen) aus­hilft – wie unbe­wusst und unge­wusst das wirk­lich war, ist nicht so ganz deutlich.

Lan­ge Fluch­ten ist bei all dem immer fast quä­lend nahe an der Haupt­fi­gur. Der Text im per­ma­nen­ten Prä­sens ist ein sehr gelun­ge­nes Abbild der Lee­re, der Ziel­lo­sig­keit von Cons: Alles bleibt ohne Antrieb, aber irgend­wie auch ohne Grund: 

Was soll man auch auf­schrei­ben, was ist für einen ande­ren am eige­nen Leben inter­es­sant? Was geht es irgend­je­man­den an? (81)

Dabei hat der Roman eine qua­si-natür­li­che, har­mo­ni­sche Form, zum Bei­spiel qua­si sich selbst erge­ben­de Kapi­tel­zu­sam­men­hän­ge. Über­haupt ist der gan­ze Text ein sehr behut­sa­mer Text: nie ver­rä­te­risch, aber auch nie „ver­ständ­nis­voll“, ein vor­ge­ge­be­nes Ver­ste­hen erhei­schend. Danie­la Danz gelingt näm­lich eine ein­drück­li­che Mischung aus zwin­gen­den Schil­de­run­gen und geheim­nis­vol­ler Kom­po­si­ti­on: Vie­les bleibt – ganz natür­lich in der Erzäh­lung – ohne Grund, ohne Erklä­rung oder Demons­tra­ti­on von Kausalitäten. 

Erst kurz vor dem Ende geschieht etwas im und vor allem mit dem Text. Auf der inhalt­li­chen Ebe­ne wird das dop­pelt vor­be­rei­tet: Cons kommt über Zufäl­le zu einem Art Mili­ta­ris­ten­tref­fen und hat dort, im Wald­ge­wit­ter und der Kon­fron­ta­ti­on mit einem Hirsch, eine Art Epi­pha­nie. Dem schließt sich dann ein spon­ta­ner Fami­li­en­ur­laub am Meer an. Und nach der Rück­kehr von einer Schiffs­rund­fahrt auf der „Alten Lie­be“ bricht der Text dann, zunächst mit dem Ver­schwin­den der Ehe­frau Anna (spä­ter fol­gen die bei­den Kin­der ins Nichts): Das Erzähl­tempus wech­selt ins Imper­fekt, die Ober­flä­che wird eben­falls als dif­fe­rent mar­kiert durch die kur­si­ve Type – bei­des bis zum bald fol­gen­den Schluss durchgehalten. 

Und das macht aus Lan­ge Fluch­ten eigent­lich noch ein­mal einen neu­en, einen ande­ren Text. Der Wirk­lich­keits­sta­tus von Text und berich­te­tem Gesche­hen wird nun end­gül­tig frag­lich und unsi­cher. Unklar wird auch die Gat­tungs­zu­ord­nung: Ist das jetzt ein Roman? Oder – dar­auf weist der Schluss­teil hin – eine Legen­de? Auch das bleibt am Ende dun­kel, eine Auf­lö­sung bie­tet der Text selbst nicht mehr. Die Ver­suchs­an­ord­nung wird der Lese­rin ein­fach prä­sen­tiert, ohne Erklärung. 

Es bleibt ein­fach ein ziem­lich radi­ka­ler Bruch ins Mythi­sche, Irrea­le – aber was bedeu­tet das? Man kann dann den Text als Legen­de lesen, d.h. als exem­pla­ri­schen Text. Dann wäre der Schluss­teil sozu­sa­gen eine Art Kom­men­tar zum Text im Text selbst, eine Rezep­ti­ons­steue­rung – damit der „Haupt­text“ nicht (bloß) als Schil­deurng eines indi­vi­du­el­len Schick­sals gele­sen wer­den kann, wird das und sein Text am Schluss trans­for­miert (im Sin­ne von „auf­ge­ho­ben“). Immer­hin beginnt das im Kapi­tel XXVI mit dem bezeich­nen­den Satz: 

Lass mich noch ein­mal erzäh­len. Jetzt ist alles ganz klar und vol­ler Zusammenhänge.(137)

Was dann folgt, ist zwar über­haupt nicht klar, aber: Erst jetzt, mit die­sem Satz, beginnt das Erzäh­len … (und ist damit aber auch schon wie­der am Ende angelangt).

Die­se Rät­sel­haf­tig­keit – ohne Auf­lö­sung – ist die gro­ße Stär­ke des Tex­tes. Auch die Deu­tung als Legen­de hilft ja nur wenig – denn was heißt das denn nun für den Text und sei­ne Figu­ren, wenn er kein Roman, son­dern eine Legen­de ist? Dass Con­stan­tin ein Hei­li­ger ist? Aber war­um und wofür? Fra­gen blei­ben nach dem Lesen, aber auch die offe­ne Fas­zi­na­ti­on des Buches, das man zwar bei­sei­te legen kann, aber nicht so ein­fach been­di­gen. Je län­ger ich drü­ber nach­den­ke, des­to fas­zi­nie­ren­der wer­den die Lan­gen Fluch­ten

Er geht auf das Haus zu, ein Ver­wal­tungs­mons­ter aus Back­stein und Glas. Män­ner in Anzü­gen, Leis­tungs­trä­ger, gehen schnell an ihm vor­bei, begeg­nen ande­ren Män­nern, Frau­en, man grüßt. Mahl­zeit ist das Pass­wort, mit dem man dazu­ge­hört. Er merkt, wie sein Gang sich von dem der ande­ren unter­schei­det. Er ver­sucht, ihrem Gehen, so nennt er es abschät­zig, sei­nen Gang ent­ge­gen­zu­set­zen, sei­nen stol­zen Gang, aber es gelingt ihm nicht. Die glä­ser­ne Ein­gangs­tür öff­net sich, nir­gends ein Wider­stand. Nein, er fragt nicht den Pfört­ner, er sucht den Raum mit der Num­mer 423 selbst. ‚Alex­an­der Ste­ger‘ steht auf dem Schild neben der Tür. drei lee­re Stüh­le davor. Er setzt sich. Er hat ein­mal gelernt, eine Stra­te­gie zu ent­wi­ckeln, ‚Füh­ren mit Auf­trag‘, er muss das Heft in die Hand krie­gen jetzt. Er sitzt hier, weil Anne gesagt hat, er sol­le hin­ge­hen zu dem Ter­min. (37)

Danie­la Danz: Lan­ge Fluch­ten. Göt­tin­gen: Wall­stein 2016. 146 Sei­ten. ISBN 9783835318410.

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