Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 7 von 38

Aus-Lese #44

Nora Bossong: 36,9°. Ber­lin, Mün­chen: Han­ser 2015. 318 Seiten.

bossong, 36,9°Das ist in mei­nen Augen ein sehr schwa­cher Roman, der mich sehr ent­täuscht hat. Schon Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung hat mich zwar auch nicht groß­ar­tig begeis­tert, war aber doch deut­lich bes­ser, was etwa die Kon­struk­ti­on und die sti­lis­ti­sche Aus­ar­bei­tung angeht – bei­de Roma­ne bestär­ken eigent­lich nur mei­nen Wunsch, von Bossong (wie­der) mehr Lyrik zu lesen …

Der Text von 36,9° wirkt merk­wür­dig müde und erschöpft. Viel­leicht ist das ja eine beab­sich­tig­te Par­al­le­le von Inhalt und Form (schließ­lich geht es um das auf­zeh­ren­de, schwie­ri­ge, har­te Leben des Anto­nio Gramcsi), aber mich hat das trotz­dem aus Grün­den, die ich nicht so genau benen­nen kann, eher abge­sto­ßen. Erzählt wird in zwei Per­spek­ti­ven in zwei (gro­ben) Zeit­ebe­nen das Leben Gramcsis und eine Art For­schungs­auf­ent­halt des Gramcsi-Spe­zia­lis­ten Anton Stö­ver, der in Rom nach einem ver­schol­le­nen Manu­skript sucht. Wie­so es die­se Dop­pe­lung von Erzäh­ler und Zei­ten eigent­lich gibt, ist mir nicht so ganz klar gewor­den – nur um die Über­zeit­lich­keit zu beto­nen? Um nicht in den Ver­dacht zu gera­ten, eine Gramcsi-Bio­gra­phie zu schrei­ben? Und wozu ist dann der Man­skript-Kri­mi (der ja als sol­cher über­haupt nicht funk­tio­niert, weil er nicht rich­tig erzählt wird, son­dern nur als Hilfs­mit­tel dient und ab und an her­vor­ge­holt wird …) gut? Oder sol­len die Zeit­ebe­nen nur signa­li­sie­ren, dass dies kein „nor­ma­ler“ his­to­ri­scher Roman ist? (Der in den Gramsci-Kapi­teln als sol­cher auch eher schlecht funk­tio­niert, aber das ja wie­der­um auch gar nicht sein will …)

Zur Poli­tik bleibt der Text dabei merk­wür­dig distan­ziert, die Lei­den­schaft etwa Gramcsi (im wahrs­ten Sin­ne, näm­lich mit all den Lei­den) wird vor allem behaup­tet, aber nicht eigent­lich erzählt. Und das pri­va­te fühlt sich oft auf­dring­lich, etwas schmie­rig an (wie Bou­le­vard­jour­na­lis­mus). Das erschien mir oft als eine Art unge­woll­te Nähe, ein inti­mes Sto­chern, von deren Not­wen­dig­keit die Erzäh­ler selbst nicht so ganz über­zeugt schie­nen. Zumal Stö­ver ist ja auch ein aus­ge­spro­che­ner Unsym­path – und auch Gramcsi bleibt eine selt­sa­me Figur. Bei­de Cha­rak­te­re sind dabei selt­sam rück­sichts­los gegen sich selbst und ihr pri­va­tes Umfeld. Und gera­de das, was ja der Kern des Romans zu sein scheint, bleibt extrem blass, kaum moti­viert – weil die Ideen, die die­se Rück­sichts­lo­sig­keit erfor­dern, höchs­tens ange­ris­sen werden. 

Wenn die Ver­lags­wer­bung das Ziel des Buches rich­tig beschreibt: „Nora Bossong erzählt vom Kon­flikt zwi­schen den gro­ßen Gefüh­len und dem Kampf für die gan­ze Mensch­heit“, dann funk­tio­niert 36,9° über­haupt nicht. Und das liegt unter ande­rem eben dar­an, dass der „Kampf für die gan­ze Mensch­heit“, die Welt­ver­bes­se­rung eigent­lich gar nicht vor­kommt, der Text bleibt viel zu sehr im indi­vi­du­el­len, bio­gra­phi­schen Klein-klein ste­cken. Dazu kommt dann noch eine für mich unkla­re Struk­tur – die Rei­hen­fol­ge der Kapi­tel mit den Vor- und Rück­blen­den sowie die Erzäh­ler­wech­sel erschlie­ßen sich mir ein­fach nicht. Ab und an fun­kelt mal ein schö­ner Satz, ein gelun­ge­ner Abschnitt. Aber der Rest ist ein grau zer­flie­ßend Text­brei, der mich weder fas­zi­nie­ren noch über­zeu­gen kann.

[…] ich woll­te die Din­ger nicht mehr bis zum Grund durch­schau­en, denn was lag dort? Nur Stei­ne und Kie­sel, nur Fuß­no­ten und Quel­len­an­ga­ben. (25)
Ulf Stol­ter­foht: Wur­lit­zer Juke­box Lyric FL – über Musik, Eupho­rie und schwie­ri­ge Gedich­te. Mün­chen: Stif­tung Lyrik Kabi­nett 2015. 32 Seiten.

stolterfoht, wurlitzer jukebox lyric flDer Titel der Münch­ner Rede zur Poe­sie von Ulf Stol­ter­foht, dem Autor so vor­züg­li­cher Zyklen wie den Fach­spra­chen und jetzt Ver­le­ger der Brue­te­rich-Press (der selbst viel zu wenig ver­öf­fent­licht …) sagt eigent­lich schon alles: „Über Musik, Eupho­rie und schwie­ri­ge Gedich­te“ spricht er. Stol­ter­foht, der sich als „Exper­te für Eupho­rie“ (7) vor­stellt und „Ahnung“ von „der“ Lyrik erst ein­mal kate­go­risch ver­neint, führt anhand einer rei­he Gedich­te exem­pla­risch vor, was Lyrik ist und kann, was Spra­che im Gedicht aus­macht und natür­lich auch, was „schwie­ri­ge Lyrik“ (heut­zu­ta­ge ja fast ein Pejo­ra­ti­vum) eigent­lich ist. Und er betont, dass das „Nicht-ver­ste­hen-müs­sen“ die­ser Gedich­te eine groß­ar­ti­ge Erfah­rung ist – für Leser und Schrei­ber. Für bei­de Sei­ten ist das eine Befrei­ung, die einen uner­schöpf­li­chen Rei­gen an Mög­lich­kei­ten eröffnet. 

Neben­bei weist er dar­auf hin, dass das – heu­te viel­leicht mehr als je zuvor vor­han­de­ne – Wis­sen und Kön­nen im Umgang mit Spra­che und Gedich­ten noch lan­ge kei­ne Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit ist. Stol­ter­foht bedau­ert aus­drück­lich, dass „die Bereit­schaft stark abge­nom­men hat, ein höhe­res ästhe­ti­sches Risi­ko ein­zu­ge­hen“ (29). Auch wenn er dann das Gelin­gen eines Gedich­tes eher tra­di­tio­nell als „Regel“-Erfüllung beschreibt, oder bes­ser als: „dass ein zuvor gefass­ter Plan, sei er for­ma­ler und /​oder inhalt­li­cher Art, glück­haft erfüllt wur­de“ (29), soll­te für Stol­ter­foht, das macht er unter ande­rem mit mehr­fa­chen Bezü­gen auf Died­rich Diede­rich­sen deut­lich, aber zumin­dest ergänzt wer­den um so etwas wie Authen­ti­zi­tät, einen Moment des Kai­ros viel­leicht. Trotz des deut­lich beton­ten Empha­ti­ker-Stand­punk­tes (Lyrik kann alles und ermög­licht Leben erst!) steht dahin­ter aber genau­es­te Lek­tü­re und Ana­ly­se frem­der und eige­ner Gedich­te, ohne die Eupho­rie des erken­nen­den (und iden­ti­fi­zie­ren­den) Lesens dadurch zu ver­nei­nen oder aus­zu­schal­ten, son­dern gera­de­zu zu verstärken. 

Und wie konn­te es sein, dass ich kein Wort, kei­nen Satz ver­stand, und doch genau wuss­te, dass ich genau das immer hat­te lesen wol­len, und dass ich es jetzt gefun­den hat­te, und dass ich nie mehr etwas ande­res wür­de lesen wol­len. Das Gefühl, eine Mau­er durch­bro­chen zu haben, ein­fach so, ganz leicht, ohne jede Anstren­gung, und hin­ter die­ser Mau­er tat sich etwas auf, ein Raum, ein wirk­li­cher Raum, in dem man wür­de leben kön­nen. (11)

Franz Richard Beh­rens: Erschos­se­nes Licht. Her­aus­ge­ge­ben von Micha­el Lentz. Wie­sen­burg: hoch­roth 2015. 36 Seiten.

Es ist für mich immer wie­der erstaun­lich, welch gro­ße und groß­ar­ti­ge Gedich­te die Expres­sio­nis­ten in den Jah­re wäh­rend und um den Ers­ten Welt­krieg schrie­ben. Und ich ent­de­cke immer wie­der, dass ich viel zu weni­ge davon ken­ne. Auch Franz Richard Beh­rens gehört zu die­sen Dich­tern. Er war eigent­lich genau nur in die­ser engen Zeit­span­ne über­haupt dich­te­risch tätig: Ein ein­zi­ger Band Lyrik – Blut­blü­te – ist von ihm 1917 erschie­nen. Wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus kann man ihn viel­leicht zur „Inne­ren Emi­gra­ti­on“ zäh­len, 1961 über­sie­del­te er dann nach Ost­ber­lin. Aber die gan­zen Jah­re bis zu sei­nem Tod 1977 blie­ben ohne wei­te­re lite­ra­ri­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen. Offen­kun­dig war der Welt­krieg da so eine Art Kata­ly­sa­tor, der die Lyrik­pro­duk­ti­on auslösten/​vorantrieb.

Auf­fäl­lig ist nun, fin­de ich, wie avan­ciert die­se weni­gen Gedich­te waren und sind – und wie zeit­ge­mäß und zeit­ge­nös­sisch sie heu­te noch erschei­nen. Aus allen Gedich­ten, die Micha­el Lentz in die­ser klei­nen Aus­wahl­aus­ga­be für den fei­nen hoch­roth-Ver­lag zusam­men­ge­stellt hat, spricht eine beein­dru­cken­de Inten­si­tät und auch eine gro­ße Frei­heit: Sie sind frei von for­ma­len Zwän­gen und Tra­di­tio­nen, las­sen so ziem­lich alle Kon­ven­tio­nen hin­ter sich. Hier erscheint Spra­che als rei­ner Aus­druck, hier spürt man, wie ein Dich­ter um Aus­drucks­mög­lich­keit für ganz neue und neu­ar­ti­ge Erleb­nis­se – vor allem die Gewalt und Sinn­lo­sig­keit eines mecha­ni­sier­ten Krie­ges – ringt. Und wie er sie auch fin­det und den Voll­zug des Erle­bens am und im Wort fixiert und nach­voll­zieht. Ein Moment der Ser­i­at­li­tät gehört dazu, mit mini­ma­lis­ti­schen Ele­men­ten, etwa in „Preu­ßisch“ oder „Quer durch Ost­preu­ßen“. Aber auch gleich das eröff­nen­de „Expres­sio­nist Artil­le­rist“ zeigt das, mit der Ver­schrän­kung ein­zel­ner Gedicht­zei­len und einem kon­ti­nu­ier­li­chen Zäh­len (ich lese das „Ein-und-zwan­zig“ etc. als das Abzäh­len von Sekun­den, etwa bis zum Ein­schlag der Gra­na­te …), das ganz geschickt ins Hin­ken gerät bzw. ein­zel­ne Zah­len über­springt, wenn die geschil­der­te Wahr­neh­mungs­dich­te sozu­sa­gen steigt und das nicht mehr in einen Vers passt:

[…] Neun-und-zwanzig
die Luft stinkt Mil­lio­nen Schwe­fel, Kohle
Blutabsinth
die Luft ist stahl und rein
Ein-und-dreissig
die Gra­nat­trich­ter tüp­feln gar­nich harmonisch
Zwei-und-dreissig
[…]

Die kunst­voll her­ge­stell­te Unmit­tel­bar­keit die­ser Lyrik ist, den­ke ich, kaum zu über­se­hen. Ein ande­res, von Beh­rens bevor­zug­tes Ele­ment, ist etwa die ver­ba­le Nut­zung von Adjek­ti­ven. Bei aller Direkt­heit und Lebens­nä­he sind die Gedich­te, das zeigt etwa das titel­ge­ben­de „Erschos­se­nes Licht“ oder das wun­der­ba­re „Ita­li­en“, sowohl inhalt­lich als auch sti­lis­tisch und for­mal sehr sorg­sam kon­stru­iert. (Und außer­dem ist das wie­der hoch­roth-typisch ein sehr fein und schön gemach­tes Heftlein …)

[…] Schnei­den das
Land
in
Streifen.
Begrei­fen kann das mal
Die Gene­ral­stabs­kar­te. Vor­marsch im Regen (14)

Geor­gi Gos­po­di­nov: 8 Minu­ten und 19 Sekun­den. Graz, Wien: Dro­schl 2016. 143 Seiten.

Hier wäre der Ort, zu sagen, dass ich voll­kom­men nor­mal bin, auch wenn ich Erzäh­lun­gen schrei­be. Ich weiß, dass dies die Din­ge erschwert, aber alles ande­re an mir ist abso­lut in Ord­nung. (78f.)

„Ver­spielt, ele­gant und mit allen Was­sern der Post­mo­der­ne gewa­schen“ behaup­tet der Klap­pen­text – und hat tat­säch­lich mal recht. Denn Gos­po­di­nov ist ein wah­rer Geschich­ten­er­zäh­ler: Es geht ihm wirk­lich dar­um, „Geschich­ten“ zu erzäh­len, nicht Erzäh­lun­gen zu schrei­ben. Der Band ist dann auch rich­tig inter­es­sant und kurz­wei­lig-unter­halt­sam, weil Gos­po­di­nov dabei ein viel­sei­ti­ger und viel­fäl­ti­ger, tech­nisch sehr ver­sier­ter Erzäh­ler ist, was die Figu­ren und die Sto­rys angeht. 

gosporidov, 8 minuten und 19 sekundenAbwechs­lungs­reich pen­deln die meist sehr kur­zen Tex­te (auf den 140 Sei­ten fin­den sich immer­hin 19 Erzäh­lun­gen) zwi­schen einer sym­pa­thi­schen Welt­of­fen­heit, die sich aus­drück­lich auch aufs Phan­tas­ti­sche, das eigent­lich sowie­so nor­mal ist, erstreckt, und einer spür­ba­ren Leich­tig­keit – einer Locker­heit des Erzäh­lens, des Lebens, des Wahr­neh­mens. Gos­po­di­nov, der sich bzw. sei­ne Erzäh­ler ger­ne als Geschich­ten­samm­ler bzw. ‑auf­schrei­ber, nicht als Geschich­ten­er­fin­der insze­niert – vom „Anlo­cken von Geschich­ten“ (84) schreibt er an einer Stel­le – schafft es dabei, zugleich kos­mo­po­li­tisch und hei­mat­ver­bun­den zu wir­ken, zugleich wit­zig (im Sin­ne von komisch) und trau­rig (im Sin­ne von tief­ernst) zu sein. Immer wie­der spie­len die letz­ten Tage, die letz­ten Momen­te, das end­gül­ti­ge Ende, die Apo­ka­lyp­se als eigent­lich ganz schel­mi­sches, gewitz­tes Unter­neh­men eine gro­ße Rol­le in sei­nen Erzäh­lun­gen. Das ist schon in der eröff­nen­den (und titel­ge­ben­den) Geschich­te „8 Minu­ten und 19 Sekun­den“ so, die die Zeit, die das Licht von der Son­ne zur Erde braucht beschreibt – also die Zeit, die bleibt, bis die Erde nach dem Ende der Son­ne im Dun­kel ver­sinkt. Immer, wenn das nicht pas­siert, weiß man also, dass noch 8 Minu­ten 19 Sekun­den blei­ben … Die Impli­ka­tio­nen die­ser glei­ten­den Apo­ka­lyp­se spielt die Geschich­te sehr schön und dabei durch­aus knapp durch. 

Außer­dem ist auch eine der „schöns­ten“ Geschich­ten zum 11. Sep­tem­ber hier zu fin­den: „Do not dis­turb“. Die erzählt von einem just für die­sen Moment als Sprung aus dem Hoch­haus­fens­ter eines New Yor­ker Hotels geplan­ten Selbst­mord. Und da Gos­po­di­nov ein schwar­zer Erzäh­ler ist, gibt es natür­lich kein Hap­py End – der Selbst­mord fin­det dann zwar nicht statt, wird aber natür­lich spä­ter nach­ge­holt. Das klingt in der knap­pen Nach­er­zäh­lung etwas banal – aber dar­um geht es Gos­po­di­nov ja nicht nur. Zwar sind sei­ne Erzäh­lun­gen ohne ihre Hand­lung nicht zu den­ken, ihre Wir­kung erlan­gen sie aber nicht zuletzt durch die geschick­te und gelas­sen-ver­spiel­te erzäh­le­ri­sche Insze­nie­rung, die das zu einer sehr kurz­wei­li­gen Lek­tü­re wer­den lässt. 

Außer­dem kam es mir so vor, als fin­ge Z. an, die Geschich­te zu rui­nie­ren, indem er ihr mehr Pathos und Lite­r­a­ri­zi­tät ver­lieh als not­wen­dig. Und ich war immer­hin der Käu­fer die­ser Erzäh­lung. (54)

außer­dem gelesen:

  • Judith Zan­der: Manu­al nume­ra­le. Mün­chen: dtv 2014.
  • Micha­el Braun, Micha­el Busel­mei­er: Der gel­be Akro­bat 2. 50 deut­sche Gedich­te der Gegen­wart, kom­men­tiert. Neue Fol­ge (2009−2014). Leip­zig: Poe­ten­la­den 2016. 18 Seiten.
  • Roland Bar­thes: Das Neu­trum. Vor­le­sung am Col­lè­ge de France 1977–1978, hrsg. v. Eric Mar­ty, übers. von. Horst Brüh­mann. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2005. 346 Seiten.
  • Die­ter Hein: Deut­sche Geschich­te im 19. Jahr­hun­dert. Mün­chen: Beck 2015. 132 Seiten.
  • Chris­toph Kleß­mann: Arbei­ter im ‘Arbei­ter­staat’ DDR. Erfurt: Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung Thü­rin­gen 2014. 141 Seiten.

Bücherleben

– –Dann müßtn Sie auch noch auf die-Bücher auf­pas­sen. – Erwi­der­te ich im sel­ben Ton. –Denn Bücher leben. Und was lebt, das will – sich behaup­ten.Rein­hard Jirgl, Oben das Feu­er, unten der Berg, 232

Maiwind

Der Mai­wind kost die Buchen.
Die Son­nen­fleck schwanken.
Ich brau­che nicht zu suchen,
Und wie die Blät­ter wanken,
Ver­wehn die Qualgedanken.
[…] Wil­helm Leh­mann, Früch­te (1943)

Lyrikkritik, nächste Runde

Die Debat­te um den Zustand der Lyrik­kri­tik geht in die nächs­te Run­de. Nun sind – mit eini­ger Ver­zö­ge­rung – die Meta­bei­trä­ge dran: Jan Drees schreibt in sei­nem Blog eine gute Zusam­men­fas­sung der wesent­li­chen & wich­tigs­ten Bei­trä­ge. Und Gui­do Graf weist beim Deutsch­land­funk auf ein wei­te­res Spe­zi­fi­kum die­ser inzwi­schen ja eigent­lich ein­ge­schla­fe­nen Debat­te hin: Der Streit, der sich unter ande­rem ja auch um das Pro­blem der (zu) engen und inti­men Ver­knüp­fun­gen zwi­schen Lyri­ke­rin­nen und Kri­ti­ke­rin­nen dreht und dabei nach den kri­ti­schen Stan­dards und den Zie­len einer mög­lichst (in ver­schie­de­nen Sin­nen) wirk­sa­men Lyrik­kri­tik fragt, fin­det selbst in einem sehr engen, über­schau­ba­ren Zir­kel (oder, wie man heu­te sagen wür­de, inner­halb der „Sze­ne“) statt und scheint außer bei den mehr oder weni­ger direkt Betei­lig­ten auf über­haupt kei­ne Reso­nanz zu stoßen:

Inter­es­sant ist eben auch, wo die­se aktu­el­le Debat­te aus­ge­tra­gen wird und wo nicht. Ins­be­son­de­re dann, wenn man sie mit der letzt­jäh­ri­gen über die Lite­ra­tur­kri­tik ver­gleicht, wie sie – auch online – haupt­säch­lich im Per­len­tau­cher statt­ge­fun­den hat. 

[…]

Signa­tu­ren, Fix­poet­ry, Lyrik­zei­tung und immer wie­der Face­book: Das sind die Orte, an denen debat­tiert wird. In den Feuil­le­tons der Tages­zei­tun­gen, auf deren Online-Platt­for­men oder im Radio dazu kein Wort. Auch eine kun­di­ge Lyrik-Lese­rin wie Marie-Lui­se Knott ver­liert in ihrer Online-Kolum­ne beim Per­len­tau­cher kein Wort über die aktu­el­le Debat­te. Berüh­rungs­los zie­hen die Dich­ter und ihre wech­sel­sei­ti­gen Selbst­be­ob­ach­tun­gen ihre Kreise.

Das ist in der Tat rich­tig beob­ach­tet – und auch aus­ge­spro­chen scha­de. Man muss ja nicht unbe­dingt erwar­ten, dass die „gro­ßen“ Feuil­le­tons der Debat­te selbst viel Platz ein­räu­men. Dazu ist der Kreis der dar­an Inter­es­sier­ten wohl ein­fach zu über­schau­bar. Aber dass sie die Exis­tenz der Debat­te – die ja schließ­lich auch ihr Métier, ihren Gegen­stand (inso­fern sie über­haupt noch Lyrik bespre­chen …) betrifft – gera­de­zu ver­schwei­gen, ist schon bedau­er­lich und sagt viel­leicht mehr zum angenommenen/​wahrgenommenen Zustand der Lyrik und ihrer Rele­vanz aus als alle Debat­ten. Gui­do Graf schlägt dann in sei­nem Schluss­satz als eine Art Lösung vor, „die Nischen­gren­zen zu ver­schie­ben“. Wie das zu errei­chen ist, ver­rät er aber lei­der nicht – das hät­te mich schon interessiert …

Aus-Lese #43

Doris Knecht: Wald. Ber­lin: Rowohlt Ber­lin 2015. 270 Seiten.

knecht, waldMan könn­te Doris Knechts Wald als „Stre­eru­witz für Anfän­ger“ bezeich­nen: Ein dezi­diert femi­nis­ti­scher Roman, der auf aktu­el­le Gege­ben­hei­ten reagiert. Für „Anfän­ger“ des­halb – das ist nicht abwer­tend gemeint -, weil Knecht die Radi­ka­li­tät und Här­te, auch im sti­lis­ti­schen, von Stre­eru­witz fehlt. Das macht Wald zunächst mal ein­fa­cher les­bar. Die naht­los wech­seln­den, fast inein­an­der glei­ten­den ver­schie­de­nen Stil­la­gen und das beschwö­ren­de, fern an Tho­mas Bern­hard erin­nern­de (oder sind das nur die Aus­tria­zis­men?) insis­tie­ren­de Wie­der­ho­len bestimm­ter (Schlüssel-)Begriffe ver­lei­hen dem Text einen ganz eige­nen, inter­es­san­ten und oft fes­seln­den Klang.

Es geht hier um ein Reak­ti­on auf die letz­te Welt­wirt­schafts­kri­se – die ganz spe­zi­el­le der Luxus-Mode-Desi­gne­rin Mari­an, die sich mit der Erwei­te­rung ihres exklu­si­ven Geschäf­tes ver­spe­ku­liert hat und, um der dro­hen­den Pri­vat­in­sol­venz zu ent­ge­hen, aus ihrem Leben, der Stadt und der Gesell­schaft flieht in ein dörf­li­ches Haus im Fami­li­en­be­sitz, wo sie nun ver­sucht, ohne Geld in einer Art Sub­sis­tenz­wirt­schaft zu über­le­ben. Das klappt natür­lich nicht so ganz, da sind ein paar Hüh­ner­dieb­stäh­le eben­so not­wen­dig wie eine Art Pro­sti­tu­ti­on mit dem im Dorf resi­die­ren­den Großbauern/​Gutsbesitzer.

In der radi­kal weib­li­chen Per­spek­ti­ve kris­tal­li­siert sich das und die Hin­ter­grund­ge­schich­te Mari­an in der von Knecht sehr klug und har­mo­nisch gestal­te­ten Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be erst sehr all­mäh­lich und Stück für Stück her­aus. Gut gefal­len hat mir, wie Knecht hier auf die Labi­li­tät des mor­der­nen Wohl­stand­le­bens hin­weist und die neue Archa­ik unter den Bedin­gun­gen der abso­lu­ten Exis­tenz­si­che­rung auf ein­mal jede Roman­tik ver­liert. Wenn man Mari­an dann als Exem­pel liest, ent­wi­ckelt Wald also eine all­ge­mei­ne Dys­to­pie: Die moder­ne kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft ist nur eine sehr dün­ne Hül­le. Und es gibt wenig Mög­lich­kei­ten, sich dem zu ent­zie­hen – auch im Wald bleibt Mari­an ja im Sys­tem gefan­gen, die Bezie­hung zu Franz, ihrem „Gön­ner“ unter­schei­det sich eigent­lich nur in einem Punkt zu ihrem bis­he­ri­gen Leben im Markt­ka­pi­ta­lis­mus: Die Abhän­gig­keit, das Aus­ge­lie­fert Sein ist nun direkt, liegt für alle Betei­lig­ten (und die Zuschau­en­den der Dorf­ge­mein­schaft) offen, im Gegen­satz zu der ver­deckt-indi­rek­ten Abhän­gig­keit von weni­gen wohl­ha­ben­den Käu­fe­rin­nen zuvor. Einen Aus­weg gibt es also nicht – auch das etwas lie­to-fine-mäßi­ge Hap­py-End führt aus dem Sys­tem nicht her­aus, son­dern sta­bi­li­siert nur die Abhängigkeiten.

Sie hat­te nicht im Auge gehabt, dass die Welt­wirt­schafts­kri­se die Zei­ten und Gege­ben­hei­ten viel radi­ka­ler ver­än­der­te, als es auf den ers­ten Blick, ihren Blick, schien: dass die Zei­ten näm­lich für alle unüber­sicht­lich gewor­den waren, auch für die ganz Smar­ten. (59)

Mara Gen­schel: Refe­renz­flä­che #5. 2016

Zu den Refe­renz­flä­chen von Mara Gen­schel etwas klu­ges oder auch nur halb­wegs ver­nünf­ti­ges zu schrei­ben fällt mir sehr schwer. Des­we­gen hier nur so viel: Auch die fünf­te Aus­ga­be hat mich (wie­der) fas­zi­niert. Sie beginnt – etwas über­ra­schend – zunächst fast mir einer rich­ti­gen Sto­ry: Der Zer­stö­rung (die an Pierre Bou­lez’ Auf­for­de­rung, die Opern­häu­ser in die Luft zu spren­gen, erin­nert) des Wies­ba­de­ner Lite­ra­tur­hau­ses Vil­la Cle­men­ti­ne. Aber das, was zer­stört wird, ist natür­lich wie­der nur der Text der Vil­la Cle­men­ti­ne. Bil­der wer­den zu Tex­ten: ein mit Tesa­film ein­ge­kleb­ter Zet­tel „Tür­knauf“ reprä­sen­tiert im Bild­rah­men die Reprä­sen­ta­ti­on des reprä­sen­ta­ti­ven Bau­werks der reprä­sen­ta­ti­ven Kunst (oder so ähn­lich). Die­ses Spiel mit den Eben von Text und außer­text­li­cher Welt, die Auf­he­bung der tra­di­tio­nel­len strik­ten Unter­schei­dung die­ser Signi­fi­ka­ti­ons­be­rei­che ist ja das, was mir an Gen­schels Refe­renz­flä­chen so viel Freu­de berei­tet. Und das funk­tio­niert auch hier wie­der: Der Text ist Text ist Wirk­lich­keit, ist aber schon als Text nicht mehr nur Text, son­dern auch Bild und Mon­ta­ge (ein­ge­kleb­te und ein­ge­schrie­be­ne Tex­te), ist aber auch als Text schon zer­stört durch Über­schrei­bun­gen, ver­rutsch­te Zei­len und Durch­strei­chun­gen etc. Und er wird in sei­ner Mate­ria­li­tät ad absur­dum geführt (?), wenn lee­re Sei­ten einen Rah­men erhal­ten, auf dem ein ein­ge­kleb­tes „Blatt 3“ die Lee­re reprä­sen­tiert und natür­lich zugleich wie­der zer­stört. In die­sem ewi­gen sic-et-non, die­sem ver­spiel­ten hier-und-da muss man wohl den Raum der Refe­renz­flä­che sehen und schätzen.

Danie­la Danz: V. Göt­tin­gen: Wall­stein 2014. 80 Seiten.

Und wo das Vater­land anfängt
ist ein dunk­ler Ort
wie Schnee
der die Umris­se zeigt
wie alles was auf­hört (49)

danz, v„Gedich­te“ ver­heißt V im Unter­ti­tel. Und doch beginnt es nach dem Auf­takt im pri­ni­ci­pi­um nach dem weit zurück­grei­fen­den Zitat aus Zed­lers Uni­ver­sal­le­xi­kon zum Begriff „Vater­land“ erst ein­mal mit Pro­sa (mit dun­kel fun­keln­der, die mich etwas an Klaus Hof­fers Bie­resch-Roma­ne erin­nert), die neue Mythen erzählt. Oder: Kur­ze Pro­sa, die Beob­ach­tun­gen als mythi­sche erzählt, leicht melan­cho­lisch ange­haucht. Immer schwingt da auch ein biss­chen Ver­fall und Nie­der­gang mit.

Schon hier, noch viel stär­ker dann aber in den fol­gen­den Gedich­ten, ist Hei­mat bei Danz immer ein pro­ble­ma­ti­scher Begriff: Gera­de wie selbst­ver­ständ­lich ist er immer gefähr­det und immer im Wan­del – einem Wan­del, der nicht Ver­bes­se­rung, son­dern in der Regel eher Ver­schlech­te­rung und Ver­fall bringt und Pro­ble­me offen­legt, Pro­ble­me auch im Ver­hält­nis des lyri­schen Ichs zu Hei­mat und Vater­land. Schon der Anfang zeigt das schwierige/​problematische Ver­hält­nis der Autorin/​Erzählerin zur „Hei­mat“ sehr deut­lich auf. Der Band setzt mit den Zei­len ein: „Das ist das Land von dem man sagt /​das alles hier auf­hört und alles anfängt“. Das ers­te Gedicht endet dann am Ende der ers­ten Sei­te mit dem Vers: „aber du woll­test umkeh­ren“ – also die Rück­kehr (?) in die Hei­mat wird pro­ble­ma­ti­siert, sie geschieht nicht (ganz) frei­wil­lig, sie bleibt mit Wider­stän­den verbunden.

V lebt immer schon im distan­zier­ten, kri­ti­schen Ver­hält­nis zum Vater­land und zur Hei­mat: aus der (auch emo­tio­na­len) Span­nung zwi­schen die­sen bei­den Begrif­fen, auch zwi­schen Natur/​Landschaft und Menschen/​Politik (der Natio­nal­staa­ten) zie­hen die meis­ten Tex­te ihre Poten­ti­al. Die sind oft lako­nisch, immer genau und manch­mal schmerz­haft. Vor allem im „Exemplum“-Teil wird dann die poli­ti­sche Kom­po­nen­te von Hei­mat (auch von Land­schaft!) beson­ders deut­lich, aber auch die „ech­te“ Poli­tik – und der Mythos (auch der neu erfun­de­ne, selbst gemach­te – vgl. die Pro­sa­stü­cke des Beginns) – spie­len hier eine gro­ße Rol­le. Im Gan­zen ist Veine manch­mal selt­sa­me Mischung aus roman­tisch (?) ver­träum­ter Emp­fin­dungs- und Gefühls­ly­rik und har­ter Rea­li­täts­auf­nah­me der Gegen­wart der Post­mo­der­ne (und der natio­nal­staat­li­chen Poli­tik), zusätz­lich gekop­pelt und auf­ge­la­den mit mytho­lo­gi­schen Aspek­ten – der Clash die­ser bei­den Bli­cke wird im letz­ten Gedicht sehr deut­lich vorgeführt.

Ein Band mit anre­gen­der, oft fes­seln­der Kurz­pro­sa und Lyrik (aber die­se tei­len­de Unter­schei­dung wird ja gera­de sowie­so zuneh­mend brü­chig, von bei­den Sei­ten gibt es Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen) also, der for­mal zwar kei­ne Gren­zen aus­tes­tet, es mir aber durch sei­ne Viel­falt in Form und Inhalt (und der mei­ner sehr nahe­ste­hen­den Posi­ti­on zu „Hei­mat“) sehr ange­tan hat.

Die schnel­len Zügen hal­ten kaum in unse­rer Gegend
wer sieht den Weg schon hier das Feld umfassen
seit­lich so als hiel­te er allein es davon ab
das Korn mit einer Husche in die Fur­chen zu verstreuen
so wie die Män­ner hier auf Rädern sich begrüßen
es nichts bedarf als eines Nickens anerkennend
um zu sagen: ich seh du lebst
vom Zug aus ist das alles immer schon in rechts
und links geschie­den bleibt die Land­schaft nur ein Anblick
[…] (23, Hier)

Leon­hard Frank: Der Mensch ist gut. Zürich, Leip­zig: Max Rascher 1918. 209 Sei­ten. (Euro­päi­sche Bücher)

Eigent­lich unvor­stell­bar, dass so etwas heu­te geschrie­ben wer­den könn­te: Nicht nur wegen des Pazi­fis­mus (der ja aus dem gesell­schaft­li­chen Dis­kurs ziem­lich radi­kal ver­drängt wur­de von den „Real­po­li­ti­kern“ …), son­dern gera­de auch wegen des unge­heu­ren Opti­mis­mus, der aus allen Zei­len die­ser mit­ten im größ­ten Schlach­ten aller Zei­ten ver­fass­ten Erzäh­lun­gen spricht, ja eigent­lich sogar schreit, wirkt Der Mensch ist gut von Leon­hard Frank total unzeit­ge­mäß. Dabei steht die­ses mal als das „lei­den­schaft­lichs­te Buch gegen den Krieg […], das die Welt­li­te­ra­tur“ auf­wei­se bezeich­ne­te Werk in sei­ner Zeit – es erschien erst­mals 1918, als der Ers­te Welt­krieg noch tob­te – gar nicht mal allein. Heu­te mag vie­les naiv anmu­tend: Der Glau­be an eine kom­men­de Revo­lu­ti­on, die Fähig­keit der (Nächsten-)Liebe, alles Böse (und den Krieg) zu über­win­den – das ist heu­te etwas fremd. Aber so radi­kal Franks „Lösung“ – er spricht sogar von einem „Revo­lu­ti­ons­zug der Lie­be“ (111) – ist, so radi­kal und erschüt­ternd ist auch sei­ne Schil­de­rung der blu­tigs­ten Grau­sam­kei­ten des „Gro­ßen Krie­ges“, des sinn­lo­sen Stel­lungs­krie­ges und des Unsinns des Fal­lens auf dem soge­nann­ten „Feld der Ehre“ – die Lee­re die­ses Topos the­ma­ti­sie­ren die Novel­len von Frank immer wieder. 

So hehr Über­zeu­gung und Ziel Franks sind – sein hier uner­schütt­li­cher Glau­be an das Gute in den Men­schen, das alles Böse über­win­den und ver­drän­gen wird – ästhe­tisch ist das mit hun­dert Jah­ren Abstand doch etwas dünn. Nicht nur die vie­len Wie­der­ho­lun­gen, die feh­len­de Vari­anz, son­dern gera­de die For­mel­haf­tig­keit des Tex­tes und sei­nes Inhal­tes schwä­chen Der Mensch ist gut deut­lich. Ich kann das nur noch als eine Art Zeit­zeug­nis lesen: Das war ja kei­nes­wegs eine total absei­ti­ge Posi­ti­on, die Frank hier ein­nimmt – Der Mensch ist gut war ein unge­heu­er erfolg­rei­ches Buch. (Und doch blieb er, schaut man auf den wei­te­ren Ver­lauf der Geschich­te, im gro­ßen und gan­zen wirkungslos …)

»Wir wol­len nicht das Unmög­li­che ver­su­chen: die Gewalt mit Gewalt aus­zu­rot­ten. Wir wol­len nicht töten. Aber von die­ser Sekun­de an soll alle Arbeit ruhen. Denn alle Arbeit wür­de noch im Diens­te die­ses Zeit­al­ters des orga­ni­sier­ten Mor­des ste­hen. Das Zeit­al­ter des Ego­is­mus und des Gel­des, der orga­ni­sier­ten Gewalt und der Lüge hat in die­ser wei­ßen Sekun­de, hat in uns eben sein Ende erreicht. Zwi­schen zwei Zeit­al­ter schiebt sich eine Pau­se ein. Alles ruht. Die Zeit steht. Und wir wol­len über die Erde, durch die Städ­te, durch die Stra­ßen gehen und im Geis­te des kom­men­den neu­en Zeit­al­ters, des Zeit­al­ters der Lie­be, das eben begon­nen hat, jedem sagen: ‚Wir sind Brü­der. Der Mensch ist gut.‘ Das sei unser ein­zi­ges Han­deln in der Pau­se zwi­schen den Zeit­al­tern. Wir wol­len mit solch über­zeu­gen­der Kraft des Glau­bens sagen: ‚Der Mensch ist gut‘, daß auch der von uns Ange­spro­che­ne das tief in ihm ver­schüt­te­te Gefühl ‚der Mensch ist gut‘, unter hel­len Schau­ern emp­fin­det und uns bit­tet: ‚Mein Haus ist dein Haus, mein Brot ist dein Brot.‘ Eine Wel­le der Lie­be wird die Her­zen der Men­schen öff­nen im Ange­sich­te der unge­heu­er­lichs­ten Mensch­heits­schän­dung.« (64)

Hans Thill: in riso /​der dür­re Vogel Bin /​käl­ter als /​Dun­lop. Ber­lin, Hei­del­berg, Edenk­o­ben, Sant­ia­go de Chi­le, Schupf­art: rough­books 2016 (rough­book 035). 102 Seiten.

thill, dunlopDas ist ein rough­book, mit dem ich gar nichts anfan­gen konn­te. Thill nutzt hier Gedich­te von Petrar­ca, John Don­ne, Robert Her­rick, Paul Fle­ming, Höl­der­lin, Tra­kl, Dani­el Hein­si­us, Gün­ter Ples­sow, Pablo Neru­da und ande­ren – also quer durch die Zei­ten und Spra­chen – als eine Art Vor­la­ge oder erwei­ter­te Inspi­ra­ti­on für sei­ne eige­nen Ver­se. Die ste­hen dann in klei­nen Grup­pen – meist um die zehn Ver­se – direkt unter einem im Ori­gi­nal zitier­ten Vers der Vor­la­ge. Mal las­sen sie sich sprach­lich direkt dar­auf bezie­hen, wenn Thill etwa ein ein­zel­nes Wort, eine Wort­grup­pe nutzt, um es zu vari­ie­ren, der Bedeu­tung asso­zi­ie­rend nach­zu­for­schen. Mal ist der Bezug auch eher inhalt­lich. Und mal – sogar gar nicht so sel­ten – ist der Bezug auch sehr opak, nur irgend­wie (?) asso­zie­rend, inspi­rie­rend. Mir ist dabei eigent­lich immer unklar geblie­ben, was die Metho­de will und/​oder was Thills eige­ne Tex­te dann wol­len. Viel­leicht war ich auch ein­fach nicht in der Stim­mung – aber bei meh­re­ren Ver­su­chen hat mich da, von eini­gen klei­nen fei­nen Ideen, nichts fas­zi­niert oder irgend­wie gepackt. Und, wie gesagt, ich kapie­re den Zusam­men­hang zwi­schen Vor­la­ge und Neu­schöp­fung ein­fach nicht. 

Die Stand stand auf Krü­cken (Fach­werk)
als sie sich zeigte
mit dem Gang einer Erwach­se­nen, der auf den
Stei­nen kei­ne Spur hin­ter­läßt (4)

Trau­gott Xaveri­us Unruh: Von der Sor­ber­wen­den Wesen­heit und Her­kom­men. Her­aus­ge­ge­ben von Edu­ard Wer­ner. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2015. 60 Seiten. 

Zu der sehr amü­san­ten und geschickt ange­fer­tig­ten neu­en Edi­ti­on einer auf­klä­re­ri­schen sprach‑, kul­tur- und brauch­tums­ge­schicht­lich­ten Unter­su­chung der Sor­ber­wen­den habe ich in einem sepa­ra­ten Bei­trag schon genü­gend geschrie­ben

Micha­el W. Aus­tin, Peter Rei­chen­bach (Hrsg.): Die Phi­lo­so­phie des Lau­fens. Ham­burg: mai­risch 2015. 197 Seiten. 

Auch zu die­sem trotz des ver­hei­ßungs­vol­len Titels eher ent­täu­schen­den Buch gibt es neben­an im Bewe­gungs­blog schon aus­rei­chen­de Aus­füh­run­gen, die ich hier nicht noch ein­mal wie­der­ho­len muss.

außer­dem gelesen: 

  • Katha­ri­na Schul­tens: Geld. Eine Abrech­nung mit pri­va­ten Res­sour­cen. Ber­lin: Ver­lags­haus Ber­lin 2015 (Edi­ti­on Poe­ti­con 11). 48 Seiten.
  • Poet #20
  • Edit #68
  • SpritZ #217
  • Schreib­heft #68
  • Müt­ze #11

Spaß mit (bei) den Sorberwenden

unruh, sorberwendenIch habe mir die Lek­tü­re die­ses klei­nen Bänd­chens extra für den ers­ten April auf­ge­ho­ben. Denn was Trau­gott Xaveri­us Unruh in dem von Edu­ard Wer­ner her­aus­ge­ge­be­nem Von der Sor­ber­wen­den Wesen­heit und Her­kom­men treibt, das ist bes­te Unter­hal­tung und ein ziem­lich gro­ßer Spaß.

Ein Spaß, der schon auf den ers­ten Sei­ten beginnt. In den bei­den Vor­re­den wird näm­lich die Enste­hung und Über­lie­fe­rung des fol­gen­den Tex­tes erklärt: Geschrie­ben von einem Trau­gott Xaveri­us Unruh in Gör­litz am „4. Juni­us, im Jah­res des Her­ren 1784“, von sei­nem unge­nann­te Uren­kel dann „mehr als fünf­zig Jah­re“ spä­ter in einer zwei­ten, unver­än­der­ten Aus­ga­be ver­öf­fent­licht und nun – als Frag­ment – mit fast 20 Sei­ten Anmer­kun­gen von Edu­ard Wer­ner im Ver­lag Rei­ne­cke & Voß ediert. 

Der eigent­li­che Text beginnt mit dem Kapi­tel „Vom Ursprun­ge der Sor­ber­wen­den Spra­che“, das dann noch ergänzt wird um Anmer­kun­gen und Erläu­te­run­gen zur Luft­fahrt der Sor­ber­wen­den, ihren Tie­ren und ihren Bräu­chen und so wei­ter. Ent­wi­ckelt wird hier eine in ihrer Absur­di­tät amü­san­te Sprach­ge­schich­te als Stam­mes­ge­schich­te. Damit führt Wer­ner durch Unruhs Feder wis­sen­schaft­li­che Ten­den­zen des 18. Jahr­hun­derts schön ad absur­dum. Das funk­tio­niert vor allem über die Beob­ach­tung (und mit­un­ter recht rabia­te Her­stel­lung) von „simi­li­tu­di­nes“, die dann dazu füh­ren, dass das Sor­ber­wen­di­sche auf unge­ahn­te Wei­se dem Japa­ni­schen unheim­lich ähn­lich ist bzw. eher sein soll. Da der Ver­fas­ser ein Meis­ter der so weit wie mög­lich her­ge­hol­ten Ana­lo­gie ist, kommt er „per sci­en­ti­am et logi­cam“ gera­de­zu zwangs­läu­fig zu für uns erstaun­li­chen Ergeb­nis­sen, die mich immer wie­der laut auf­la­chen lie­ßen. Und er kommt zu dem Schluss: Die Sor­ben müs­sen in alter Zeit von Japan her migriert sein. Kon­zi­lant gesteht er ihnen aber zu, den Weg nicht in einem zurück­ge­legt zu haben und dabei durch­aus auch mal Pau­sen gemacht zu haben …

Ich mag sol­che (Meta-)Spielereien mit Tex­ten und Wissenschaft(en) ja sehr. Der Spaß ist zwar schnell durch­sich­tig. Der Witz ist aber, dass der Text von Edu­ard Wer­ner (den gibt es tat­säch­lich, im Gegen­satz zum fik­ti­ven Autor) auch dann noch unter­halt­sam bleibt, wenn man das Kon­struk­ti­ons­prin­zip durch­schaut hat (und das ging bei mir doch recht flott ;-) …), weil Wer­ner eine geschick­te sprach­li­che Mime­sis betreibt, die – so mei­ne ich – aber ihre Moder­ni­tät (also ihre Mime­sis) nicht ver­schlei­ert und eine apar­te Mischung aus modern und alt(ertümelnd) ergibt. So bleibt ein schma­les Bänd­chen voll Esprit und Raf­fi­nes­se – ein rich­tig wit­zi­ge Unterhaltung.

Trau­gott Xaveri­us Unruh: Von der Sor­ber­wen­den Wesen­heit und Her­kom­men. Her­aus­ge­ge­ben von Edu­ard Wer­ner. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2015. 60 Sei­ten. ISBN 9783942901123

Lesen und Kritik

Jan Kuhl­brodt, der einen der bes­se­ren Bei­trä­ge zur Lyrik­kri­tik­de­bat­te der letz­ten Woche(n) – eine Über­sicht der ein­zel­nen Wort­mel­dun­gen (die im Ping-Pong zwi­schen „Signa­tu­ren“ und „Fix­poet­ry“ nur sehr zurück­hal­tend wirk­lich auf ein­an­der ein­ge­hen) gibt es bei fix­poet­ry – schrieb, ver­fasst da auch die­se klu­ge tref­fen­de Bemerkung/​These/​Wahrheit:

Ein Leser, der nicht zugleich Kri­ti­ker ist, ist eigent­lich auch kein Leser, son­dern ein Blät­te­rer, unab­hän­gig davon, ob er sei­ne Kri­tik for­mu­liert und schrift­lich fixiert oder nicht. 

Recht hat er, das gilt auch unab­hän­gig vom kon­kre­ten Enste­hungs- & Dis­kur­zu­sam­men­hang. Übri­gens liegt Kuhl­brodt auch mit den ande­ren sei­ner 11 Antworten/​Sätze zur Debat­te rich­tig, die sehr auf mei­ner eige­nen Linie liegen …
Der Rest der „Debat­te“ ist für mich in wei­ten Tei­len nur so mit­tel­mä­ßig erkennt­nis­för­dernd, aber immer­hin ein guter Anlass zur Selbst­ver­ge­wis­se­rung der eige­nen Posi­ti­on (so schei­nen das auch die meis­ten Teil­neh­mer zu ver­ste­hen – ich sehe nicht, dass sich jemand von jeman­dem von irgend etwas hät­te über­zeu­gen lassen …).

PS: Bert­ram Rei­ne­cke legt noch ein­mal (sehr umfas­send) sortierend/​abschließend bei der lyrik­zei­tung nach …: „Jeder wird ohne­hin so wei­ter­re­zen­sie­ren, wie sein Furor es ihm gebietet.“

Freiheit

Frei­heit ist ein reli­giö­ser Begriff.Erich Müh­sam, Bis­mar­xis­mus (1927)

Leitsatz

Leit­satz

Fürcht nicht die Stun­de, da du stirbst.
Die Welt, oh glaub’s nur, kann dich missen.
Kein Stern, um des­sen Licht du wirbst,
wird mit dir in den Tod gerissen.

Solang du lebst, wirst du gebraucht.
Soll dich das Leben nicht vergessen,
sorg, dass die Tat nicht untertaucht,
an der du dei­ne Kraft gemessen.

Leb’, dass du stünd­lich ster­ben kannst,
in Pflicht und Freu­de stark und ehrlich,
nicht dich, – das Werk, das du begannst,
mach für die Mensch­heit unentbehrlich!
Erich Müh­sam, 1929

Der Mensch ist gut

»Wir wol­len nicht das Unmög­li­che ver­su­chen: die Gewalt mit Gewalt aus­zu­rot­ten. Wir wol­len nicht töten. Aber von die­ser Sekun­de an soll alle Arbeit ruhen. Denn alle Arbeit wür­de noch im Diens­te die­ses Zeit­al­ters des orga­ni­sier­ten Mor­des ste­hen. Das Zeit­al­ter des Ego­is­mus und des Gel­des, der orga­ni­sier­ten Gewalt und der Lüge hat in die­ser wei­ßen Sekun­de, hat in uns eben sein Ende erreicht. Zwi­schen zwei Zeit­al­ter schiebt sich eine Pau­se ein. Alles ruht. Die Zeit steht. Und wir wol­len über die Erde, durch die Städ­te, durch die Stra­ßen gehen und im Geis­te des kom­men­den neu­en Zeit­al­ters, des Zeit­al­ters der Lie­be, das eben begon­nen hat, jedem sagen: ‚Wir sind Brü­der. Der Mensch ist gut.‘ Das sei unser ein­zi­ges Han­deln in der Pau­se zwi­schen den Zeit­al­tern. Wir wol­len mit solch über­zeu­gen­der Kraft des Glau­bens sagen: ‚Der Mensch ist gut‘, daß auch der von uns Ange­spro­che­ne das tief in ihm ver­schüt­te­te Gefühl ‚der Mensch ist gut‘, unter hel­len Schau­ern emp­fin­det und uns bit­tet: ‚Mein Haus ist dein Haus, mein Brot ist dein Brot.‘ Eine Wel­le der Lie­be wird die Her­zen der Men­schen öff­nen im Ange­sich­te der unge­heu­er­lichs­ten Mensch­heits­schän­dung.«Leon­hard Frank, Der Mensch ist gut (1918), 64

frank, der mensch ist gut, 64

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