Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 5 von 38

Musik

DIe Music mein ich hier /​die Sinn und Muht durchdringet /
und mit der Lieb­lig­keit biß in das Marck erklinget.
wo nicht­es anders sonst des Men­schen Muht bewegt /
da ist sie off­ters /​die den Geist in ihm erregt;
und der vor lan­ge Zeit betrü­bet hat gesessen /
der kan durch die Music bald wer­den so vermessen /
daß er mit gra­dem Fuß lest sehen was er kan /
und stelt sich /​als wolt er den hohen Him­mel an.
[…]

Sibyl­la Schwarz, Auß dem Lob einer Nachtmusic

Augentrost aus fernen Zeiten

Augen­trost – das ist mal ein Buch­ti­tel! Dabei ist es gar kei­ne Neu­schöp­fung, denn Con­stan­ti­jn Huy­gens schrieb sei­ne Euphra­sia schon 1647. Der Titel ist übri­gens schnell erklärt: Der Augen­trost (Euphra­sia offi­ci­na­lis) ist eine Wie­sen­pflan­ze, sei­nen Namen hat er auf­grund sei­ner ange­nom­me­nen Heil­wir­kung. Das muss uns aber nicht wei­ter beschäf­ti­gen, denn hier geht es ja um Lite­ra­tur. Um ein Trost­ge­dicht, das aus eher pri­va­tem Anlass ent­stand (und zunächst auch noch nicht über 1000 Ver­se umfass­te): Huy­gens, der selbst (manch­mal) eine Bril­le trug, schrieb es als Trost für eine Freun­din (die im Text als „Par­then­i­ne“ auf­taucht) und offen­bar den Ver­lust eines Auges zu bekla­gen hat­te. Aber, wie das Nach­wort wie­der­um ganz rich­tig bemerkt, es ist mehr als ein Trost­ge­dicht (ich wür­de sogar sagen: Es ist gar kein Trost­ge­dicht mehr …), es ist ein rich­ti­ger Nar­ren­spie­gel, der die gan­ze Gesell­schaft – die Dich­ter übri­gens aus­drück­lich ein­ge­schlos­sen – aufspießt.

huygens, augentrost (cover)Huy­gens, ver­rät mir das Nach­wort des Über­set­zers Ard Post­hu­ma, ist „ein Klas­si­ker der nie­der­län­di­schen Lite­ra­tur“ (und auch ein recht pro­duk­ti­ver Kom­po­nist, neben sei­nen zahl­rei­chen ande­ren Tätig­kei­ten und Beru­fen), in Deutsch­land aber wohl eher unbe­kannt. „Huy­gens’ Sprach­vir­tuo­si­tät war gren­zen­los“. Und das merkt man. Wobei ich das gleich wie­der ein­schrän­ken muss: Denn ich ken­ne nur die Über­set­zung. Die ist aber sehr pfif­fig. Inwie­weit Post­hu­ma damit der Spra­che und dem Text Huy­gens’ gerecht wird, ent­zieht sich mei­ner Beur­tei­lung. Als deut­scher Text, der 2016 erschien, ist er aber auf jeden Fall lesens­wert. Denn Post­hu­ma lie­fert einen Text, der nicht nur erstaun­lich flüs­sig zu lesen ist, son­dern sich – und das macht das Lese­ver­gnü­gen deut­lich grö­ßer – genau an das metri­sche Vor­bild des Ori­gi­nals, die sechs­he­bi­gen Jam­ben mit wech­seln­den Kaden­zen und den Paar­reim hält. Manch­mal wird das sogar rich­tig­ge­hend salopp und fast flap­sig (auch der „Lahm­arsch“ hat einen Auftritt …).

Nun ist aber immer noch unklar, was die­ser Augen­trost denn nun eigent­lich ist. Kurz gesagt: Ein Lang­ge­dicht in 1002 Ver­sen (Alex­an­dri­nern) über die Blind­heit oder viel­leicht bes­ser: über die viel­fäl­ti­gen For­men, in denen Men­schen blind sein kön­nen. Das orga­ni­siert Huy­gens nach einer klei­nen Ein­füh­rung als einen Kata­log von Men­schen­grup­pen, die er als blind kate­go­ri­siert. Meis­tens sind sind sie es nicht in wört­li­cher Hin­sicht, son­dern in über­tra­ge­ner, weil sie das Eigent­li­che des Lebens – und des Glau­bens, des christ­li­chen Got­tes (da bleibt Huy­gens ganz und gar ein Kind sei­ner Zeit) – nicht sehen, d.h. nicht erken­nen, son­dern gie­rig, gei­zig, has­tig, müßig­gän­ge­risch sind. So haben sie alle einen Auf­tritt, die Gesun­den und Kran­ken, die Gelehr­ten und die Eifer­süch­ti­gen, die jun­gen Leu­te, die Jäger, die Schnat­te­rer, der gan­ze Hof – man merkt, das ist wirk­lich eine Art sozio­lo­gi­sches Gesell­schafts­pan­ora­ma, das Huy­gens hier ent­wirft. Und natür­lich sind, dar­um geht es ja schließ­lich, alle blind, ihr Sehen der Welt, ihre Sicht­wei­se auf Men­schen, Hand­lun­gen und Din­ge ist ein­ge­schränkt – meis­tens, weil sie das gro­ße Gan­ze des christ­li­chen Heils­pla­nes nicht (er)kennen oder nicht im Sinn behal­ten. Auch das eige­ne Leid und das Leid der ande­ren und der Umgang mit dem Leid über­haupt spie­len immer wie­der eines beson­de­re Rol­le. Schließ­lich ist das ins­be­son­de­re für Chris­ten ein Punkt der Prü­fung (eine Art pri­va­tes Theo­di­zee-Pro­blem): War­um lässt Gott mich/​die Men­schen leiden?

Wer klag­te da nicht gern, würd’s nach­her bes­ser gehn! /​Wer aber bräch­te je des Him­mels Lauf zum Stehn? Vers 49–50

Erstaun­lich fand ich dabei oft den fast kras­sen Rea­lis­mus der Beschrei­bun­gen, die er benutzt. Beson­ders deut­lich wird das, wenn er die Lie­bes­ly­rik-Kon­ven­tio­nen sei­ner Zeit mit der bana­len (und im Ver­gleich zum Ide­al häss­li­chen) Rea­li­tät kon­fron­tiert (Ver­se 360ff.). Und neben­bei fin­det man auch eine inter­es­san­te Abwer­tung der (rea­lis­ti­schen) Male­rei (460ff.), weil sie doch immer bloß ein unvoll­kom­me­nes, unfer­ti­ges, unvoll­stän­di­ges Abbild der Welt – die­ser voll­kom­me­nen gött­li­chen Schöp­fung – dar­stellt. Die Lis­te lie­ße sich noch wei­ter fort­set­zen – so ziem­lich jeder Leser, jede Lese­rin dürf­te hier auf inter­es­san­te Beob­ach­tun­gen und Schil­de­run­gen stoßen.

Zum Augen­trost gehört auch noch eine kur­ze Vor­re­de (im Ori­gi­nal latei­nisch), voll gestopft mit Topoi der Beschei­den­heit. Das fängt schon mit einer War­nung – die­ser Text sei nichts für Leser, die die Grö­ße anti­ker Autoren zu schät­zen wis­sen – an und gip­felt in dem Hin­weis: „Soll­te das Haupt­werk miss­fal­len /​genie­ße das Bei­werk.“ Und natür­lich funk­tio­niert es, man möch­te dann erst recht wei­ter­le­sen. Der Rest der Para­tex­te (des „Bei­werks“) fehlt in die­ser Edi­ti­on der Über­set­zung bei Rei­ne­cke & Voß lei­der zum größ­ten Teil, so dass man Huy­gens’ Emp­feh­lung gar nicht fol­gen könn­te. Durch Anmer­kun­gen des Über­set­zers – die sich aber nur auf die Bibel­stel­len­ver­wei­se/-anspie­lun­gen bezie­hen, die wie­der­um zum gro­ßen Teil recht klar & ein­deu­tig sind, wird das wenigs­tens zum Teil wie­der wett gemacht. Die Aus­ga­be ist sowie­so eine, die ihr Licht unter den Schef­fel stellt (um auch ein bibli­sches Bild zu bemü­hen): das Äuße­re ist eher zweck­mä­ßig als schön, was etwa das Druck­bild (und die recht häu­fi­gen Feh­ler) angeht. Dafür ist sie aber auch recht wohl­feil zu erwerben.

Nur eine Sor­te noch: Autoren sind auch Blin­de, /​beson­ders die von dir gelieb­ten Dich­ter­freun­de. /​Die sind so dicht wie blind; sie sehen nur den Reim /​und gehen in der Kunst den Wör­tern auf den Leim /​… /​Das ist Poe­ten-Art, denn die zu dich­ten pfle­gen /​sehen kein schö­ne­res Ei als was sie sel­ber legen. /​Ver­prü­geln kannst du ihn, doch sagt er unent­wegt, /​dass kein Poet so schön wie er die Lau­te schlägt. Ver­se 913ff., 941ff.

Soll man den Augen­trost also lesen? Wenn es nach Huy­gens selbst geht, gar nicht unbe­dingt. Er beginnt näm­lich gleich in der Vor­re­de – also direkt mit den aller­ers­ten Ver­sen – mit einer Warnung: 

Lies mich bit­te nicht, /​wenn bes­se­res Salz dir zusteht /​und dir kei­ne Spei­se schmeckt, /​die fader ist als die der Alten. /​Lies mich bit­te nicht. Wozu dei­ne Augen /​(oder ein Auge nur) peinigen?

Aber wer lässt sich von so etwas denn schon abhal­ten? Die Lese­zeit-Schät­zung, die Huy­gens in sei­nen Text ein­flicht (Vers 137: „zum Lesen sind gut zwei, drei Stun­den vor­ge­se­hen“), stimmt übri­gens ziem­lich genau: Mehr als zwei, drei Stun­den benö­tigt man dafür nicht. Aber das sind dann doch zwei, drei sehr ver­gnüg­li­che, unter­halt­sa­me und auch beleh­ren­de Stunden.

Con­stan­ti­jn Huy­gens: Euphra­sia. Augen­trost. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Ard Post­hu­ma. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. [ohne Sei­ten­zäh­lung]. ISBN 9783942901222 

Altjahresabend

Aus der durch­höhl­ten Rübe springt die Maus.
Der rei­fe Wind zwingt das Holun­der­blatt zu tage­lan­gem Purzelbaum -
Die lee­re Rüben­ba­cke klafft,
Die Tau­ben peitscht der Wind ans Haus.

Den Bau­ern­pfer­den wächst das Haar wie Moos so dicht.
Das Jahr geht hin. Kein Anfang ist und Ende nicht.
Die Eichel fällt – die Ein­sam­keit erschrickt, und Öde schluckt den Ton.
Sie schluckt auch mei­ner Soh­le Lär­men, sie ver­gaß mich schon.
Wil­helm Leh­mann, Alt­jah­res­abend (1928)

Aus-Lese #49

Carl Ame­ry: Der Unter­gang der Stadt Pas­sau. Sci­ence Fic­tion-Roman. Mün­chen: Hey­ne 1982. 128 Sei­ten. ISBN 978−3−453−30332−4.

amery, untergang der stadt passau (cover)Eigent­lich bin ich ja kein Sci­ence-Fic­tion-Leser und schon gar kein Fan – auf den schma­len Roman von Carl Ame­ry hat mich die „Phantastik“-Ausgabe der Krach­kul­tur gebracht. Der Unter­gang der Stadt Pas­sau ist ein Text, der ganz klar die Vor­ga­ben des Gen­res erfüllt: Nach dem nicht ganz voll­stän­di­gen Unter­gang der Zivi­li­sa­ti­on in Euro­pa sam­meln sich die Res­te der Bevöl­ke­rung lang­sam wie­der in Grup­pen. In Pas­sau eta­bliert sich eine Art Dik­ta­tur, die die Tech­nik der Ver­gan­gen­heit – unter ande­rem Strom­erzeu­gung – noch nutz­bar macht und dafür/​dabei die Land­be­völ­ke­rung unter­drückt und aus­raubt. Es gibt eine Art Show­down mit einer klei­nen Grup­pe Jäger und Sammler/​Landwirten, der in Gewalt und Ver­fol­gung endet. Und eini­ge Gene­ra­tio­nen spä­ter kom­men die Nach­fah­ren die­ser bei­den Abge­sand­ten, um die Stadt Pas­sau – den baby­lo­ni­schen Sün­den­pfuhl (die Par­al­le­len zur bibli­schen Geschich­te sind kein Zufall) dem Erd­bo­den gleich zu machen. Das ist alles eini­ger­ma­ßen kon­ven­tio­nell, aber den­noch ganz geschickt und ein­falls­reich geschrie­ben. Inter­es­sant auch: Was bei Cle­mens Setz Jahr­zehn­te spä­ter als groß­ar­ti­ger Kunst­griff gilt – das Spiel mit ver­schie­de­nen Typo­gra­phien, die ver­schie­de­nen Erzähl­ebe­nen bzw. ‑for­men ent­spre­chen (sie­he unten) -, pas­siert hier bei Ame­ry qua­si neben­bei. Aber halt in einem nicht ernst zu neh­men­den Gen­re, der Sci­ence-Fic­tion. Übri­gens zeigt das mei­nes Erach­tens wie­der mal, wie wenig die Lite­ra­tur­kri­tik mit den Schöp­fun­gen der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te wirk­lich ver­traut ist – oder, um es posi­ti­ver zu sagen: Wie wenig sie die­se Kennt­nis in ihren Kri­ti­ken, die es ja nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­mag, wirk­lich his­to­ri­sche (d.h. mehr als zwei, drei Jah­re in die Ver­gan­gen­heit zei­gen­de) Ein­ord­nung oder Tra­di­ti­ons­li­ni­en auf­zu­zei­gen, zeigt und vermittelt …

Es ist eigent­lich alles gut­ge­gan­gen, über­leg­te er. Trotz der Poli­tik. Oder wegen der Poli­tik? (112)

Wolf­gang Mül­ler: Kos­mas. Mit Zeich­nun­gen von Max Mül­ler. Ber­lin: Ver­bre­cher 2011. 187 Sei­ten. ISBN 978−3−940426−70−3.

müller, kosmas (cover)Kos­mas ist eigent­lich nicht viel mehr als eine net­te Kunst­be­trieb-Sati­re, in der Wolf­gang Mül­ler die ver­rück­ten Kaprio­len der Samm­ler und Spe­ku­lan­ten und Künst­ler der Gegen­warts­kunst der Post-Post-Moder­ne um die Jahr­tau­send­wen­de gekonnt auf­spießt (unüber­seh­bar ist die Refe­renz an Dami­en Hirst), die sich ganz und gar von der ästhe­ti­schen Sei­te der Kunst ent­fernt haben und nur noch ihre mone­tä­ren und Auf­merk­sam­keit bzw. Gel­tung pro­du­zie­ren­den Aspek­te – v.a. die Exklu­si­vi­tät und die ent­spre­chen­de Ver­mark­tung – berück­sich­ti­gen und wert­schät­zen. Des­halb läuft sich der Text auch etwas schnell tot: Die Angriffs­zie­le und Waf­fen die­ser Sati­re sind schnell klar – und dann pas­siert eigent­lich nicht mehr viel: Das wird noch ein wenig vari­iert und wei­ter­ge­spon­nen, vor allem aber immer noch eine, hat aber Umdre­hung mehr über­stei­gert. Lei­der hat Mül­ler aber kaum neue Ideen im Ver­lauf des Tex­tes. Immer­hin bleibt der aber auch dann noch amü­sant, so dass man die Lek­tü­re nicht total bereut …

Wu Ming: Altai. Ber­lin: Asso­zia­ti­on A 2016. 352 Sei­ten. ISBN ISBN 978−3−86241−452−9.

wu ming, altai (cover)Als Fort­set­zung von Q (das noch unter dem älte­ren Namen des Schreib­kol­lek­tivs, Luther Blis­set, erschien) ange­prie­sen, erzählt Altai die Vor­ge­schich­te der Schlacht von Lepan­to: Manu­el Car­do­so, ein Spi­on, muss aus Vene­dig flie­hen, weil er der Sabo­ta­ge ver­däch­tigt wird und lan­det in Kon­stan­ti­no­pel. Damit ist der gro­ße, welt­his­to­ri­sche Gel­tung bean­spru­chen­de Rah­mung des Romans schon bei­na­he abge­steckt: Alle drei mono­the­is­ti­schen Reli­gio­nen wer­den hier mehr oder weni­ger kon­fron­ta­tiv zusam­men­ge­bracht – und Car­do­so steht als katho­li­scher Kon­ver­tit im Diens­te eines Judens, der für/​mit den mus­li­mi­schen Herr­schern des Osma­ni­schen Rei­ches arbei­tet, immer im Zen­trum. Bezie­hungs­wei­se fast im Zen­trum: Denn er ist zwar nahe dran, etwa an der Erobe­rung Zyperns und dann eben – als Reak­ti­on dar­auf – in der Schlacht von Lepan­to. Doch ein­grei­fen kann er nicht oder nur so, dass sei­ne Ohn­macht erst recht sicht­bar wird. Das ist also ein his­to­ri­scher Kri­mi – aber ein Kri­mi, den ich über­haupt nicht span­nend fand. Und zwar weder als his­to­ri­schen Roman noch als Kri­mi­nal- oder Ver­schwö­rungs­ge­schich­te. Der gan­ze Text ist letzt­lich nicht im glei­chen Maße über­zeu­gend und fas­zi­nie­rend wie Q – auch wenn er sich der glei­chen Mit­tel bedient: Bericht aus „zwei­ter Rei­he“, Erle­ben des Ent­ste­hens und Gesche­hens von (Welt-)Geschichte aus ande­rer Per­spek­ti­ve etc… Aber: Zum einen ist Car­do­so und damit der Erzäh­ler viel näher dran an der Macht, zum ande­ren schien mir das alles viel kon­stru­ier­ter. Und vie­le Beschrei­bun­gen und Erzäh­lungs­strän­ge blei­ben für mich sche­ma­tisch, blass und leb­los. Das gilt vor allem für unge­fähr die ers­ten bei­den Drit­tel – das ist total zer­fa­sert und unhar­mo­nisch. Danach wird es bes­ser, weil kon­zen­trier­ter und span­nen­der. Die Grau­sam­keit der Bela­ge­rung von Fama­gus­ta auf Zypern durch die Tür­ken (und auch die Schlacht von Lepan­to) wird dann durch­aus fes­selnd geschil­dert. Aber ein Pro­blem bleibt: Die Figu­ren wir­ken alle wie am Reiß­brett ent­wor­fen: ein­di­men­sio­nal, flach und leb­los. Und des­halb bleibt Altai dann ein zwar flott les­ba­rer, aber eher lang­wei­li­ger Roman. Fort­set­zun­gen von Erfolgs­bü­chern sind eben nicht einfach …

Sei­ne ver­gan­ge­nen Leben ver­blas­sen, er weiß nicht, was ihn noch erwar­tet, und die Gegen­wart zeigt sich nur in ver­schwom­me­nen Umris­sen. Des­halb nimmt er alles mit, was er im Lau­fe der Jah­re auf­ge­schrie­ben hat.
Aber das genügt nicht.
Er steckt eine Spie­gel­scher­be ein. Er will sicher­ge­hen, dass er sich am Ende der Rei­se wie­der­erkennt. (90)

Jean Genet: Que­rel­le. Rein­bek: Rowohlt 1974 [1955]. 221 Sei­ten. ISBN 3499116847.

Der Gang der Ereig­nis­se in die­sem Buch muß sich beschleu­ni­gen. Es wäre wich­tig, der Erzäh­lung das Fleisch so abzu­lö­sen, daß allein ihr Kno­chen­ge­rüst übrig­blie­be. Indes­sen, die blo­ße Wie­der­ga­be der Tat­sa­chen kann nicht genü­gen. Hier eini­ge Erklä­run­gen: Wer dar­über erstaunt ist (wir sagen lie­ber erstaunt als erregt oder ent­rüs­tet, um deut­li­cher zu zei­gen, daß die­ser Roman demons­tra­tiv sein will), daß Que­rel­le bei Gils Ver­haf­tung, die er den Abend zuvor ver­an­laßt hat­te, Schmerz emp­fand, der möge den Ablauf sei­ner Aben­teu­er über­bli­cken. Er tötet, um zu rau­ben. Wenn der Mord voll­bracht ist, ist der Dieb­stahl zwar nicht gerecht­fer­tigt – eher möch­te man die Mei­nung wagen, daß der Mord durch den Dieb­stahl gerecht­fer­tigt sein könn­te -, aber er ist gehei­ligt. Offen­bar ließ der Zufall Que­rel­le die mora­li­sche Kraft des Dieb­stahls, der vom Mord gekrönt und zunich­te gemacht wird, erfah­ren. (192)

genet, querelle (cover)Der Que­rel­le – benannt nach sei­nem (Anti-)Helden – von Jean Genet ist ein soge­nann­ter „berühmt-berüch­tig­ter“ Text (Was wohl auch heißt, dass er heu­te zwar ger­ne mal anzi­tiert, aber wohl sel­te­ner gele­sen wird). Er beglei­tet den Matro­sen und Mör­der Que­rel­le, einen viel­fa­chen Außen­sei­ter (Bise­xu­el­ler, Dieb, Seri­en­mör­der, Matro­se …), des­sen Leben und Lie­ben außer­halb der Gesell­schaft und der Kom­mu­ni­ka­ti­on und der gesell­schaft­lich akzep­tie­ren Form der Lie­be immer wie­der gezeigt wird. Und zwar in aller Schwär­ze und Ver­zweif­lung gezeigt und beschrie­ben, aber auch in allen Ver­äs­te­lun­gen und Ver­ir­run­gen. Das ist ein aus­ge­spro­chen gran­dio­ser Text, der auch heu­te noch mit sei­ner Genau­ig­keit und sei­ner Dras­tik glei­cher­ma­ßen auf­rüt­teln kann. Wie der direkt nach dem Zwei­ten Welt­krieg – das fran­zö­si­sche Ori­gi­nal erschien schon 1947 – gewirkt haben muss, kann man sich kaum mehr vor­stel­len. Die unbarm­her­zi­ge Dar­stel­lung der phy­si­schen und emo­tio­na­len Gewalt, die Gemenge­la­ge aus Lie­be, Begeh­ren, Hass, Ver­rat und Gewalt „erzählt“ Genet mit einer unge­heu­ren Detail­ge­nau­ig­keit gera­de im psy­cho­lo­gi­schen: Das ist immer wie­der faszinierend.
Aber es ist nicht nur the­ma­tisch, son­dern auch for­mal durch­aus inter­es­sant, weil Genet alles ande­re als tra­di­tio­nell erzählt: mit der Inkor­po­ra­ti­on des Tage­buchs des Leu­ten­ant Sel­bon schafft Genet zum Bei­spiel eine Außen­per­spek­ti­ve aus unmit­tel­ba­rer Nähe auf Que­rel­le, die sein eigent­li­cher Erzäh­ler nicht her­gibt. Dazu gehört aber auch die etwas durch­ein­an­der­ge­würf­tel­te Chro­no­lo­gie, die har­ten Schnit­ten und Mon­ta­gen des Tex­tes. Und – auch etwas, was ich ger­ne lese – ein Erzäh­ler, der sich selbst the­ma­ti­siert. Mir scheint, die nimmt im Lauf des Tex­tes deut­lich zu: Es scheint dem Erzäh­ler zuneh­mend wich­ti­ger zu wer­den, sich selbst und sein Tun – also das Erzäh­len die­ses „selt­sa­men“ Stof­fes – zu recht­fer­ti­gen und zu erklären.

Indem wir die psy­cho­lo­gi­sche Bewe­gung unse­rer Hel­den beschrei­ben, wol­len wir unse­re See­le zuta­ge för­dern. Die­ses frei­mü­ti­ge Bekennt­nis der Hal­tung, die wir wäh­len wür­den – viel­leicht ange­sichts oder viel­mehr in Vor­aus­sicht eines ersehn­ten Endes -, führt uns zur Ent­de­ckung jener gege­be­nen Welt der Psy­cho­lo­gie, auf die sich die Frei­heit der Wahl stützt, aber wenn es im Inter­es­se der Hand­lich erfor­der­lich ist, daß einer der Hel­den eine Ent­schei­dung trifft und über­legt, sind wir plötz­lich der Will­kür preis­ge­ge­ben: Das Geschöpf löst sich von sei­nem Autor. Es son­dert sich ab. Wir müß­ten also zuge­ben, daß einer der Fak­to­ren, aus denen sich unser Held zusam­men­setzt, nach­träg­lich vom Autor ent­deckt wer­den wird. (201)

Cle­mens J. Setz: Indi­go. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 479 Sei­ten. ISBN 978−3−518−46477−9.

Die Gedan­ken lau­fen in merk­wür­di­gen Bah­nen. Dadurch ensteht sehr viel Kunst. Ja, auch sub­ver­si­ve, natür­lich. (403)

clemens j. setz, indigo (cover)Gele­sen habe ich das vor allem, weil Indi­go als eine Art Exemp­lum für eine Buch­ge­stal­tung gilt, die die inhalt­li­chen und for­ma­len Aspek­te des Tex­tes sehr genau auf­nimmt. Oder umge­kehrt: Weil der Text gestal­te­ri­sche Ele­men­te – Schrift­ar­ten zum Bei­spiel, auch (Pseudo-)Zitate und hand­schrift­li­che Fak­si­mi­les – zum Teil sei­ner selbst macht, also eine sol­che buch­ge­stal­te­ri­sche Arbeit (die sich bis zum Umschlag erstreckt) gera­de­zu vor­aus­setzt. Judith Schal­an­sky hat das sehr schön umge­setzt. Indi­go erzählt von einer Art Krank­heit oder Gen­de­fekt, der dazu führt, dass Kin­der ihre Umge­bung krank machen – so krank, dass Nähe nicht mög­lich ist. Er tut das eben auf sehr ver­schie­de­ne Wei­se: Als Bericht, als Samm­lung von Medi­en­be­rich­ten, Augen­zeu­gen etc., von his­to­ri­schen Berich­ten ähn­li­cher Phä­no­me­ne in ver­schie­de­nen Map­pen. Das wird im Buch (das trotz der diver­gen­ten Mate­ria­li­en, die es schein­bar (!) inkor­po­riert, aber doch ein Buch bleibt, das in einem klas­si­schen Buch­block gedruckt und gebun­den ist (anders als etwa in Doug Dorsts S.) dann geschickt und viel­fäl­tig kom­bi­niert. Hand­werk­lich ist das, auch erzähl­tech­nisch, durch­aus inter­es­sant. Mir ist nur nicht ganz klar gewor­den, was Setz hier eigent­lich erzäh­len will …

Wie schön das aus­sah, wenn Papier ver­brann­te. Man soll­te jeden Tag etwas ver­bren­nen, so wie man sich jeden Tag die Zäh­ne putzt. (473)

Micha­el Ange­le: Der letz­te Zei­tungs­le­ser. Ber­lin: Galia­ni 2016. ebook. ISBN 978−3−86971−128−7.

angele, zeitungsleser (cover)Nun ja, das ist doch arg mager: Der letz­te Zei­tungs­le­ser ist eine Ver­klä­rung von Zei­tungs­le­sern wie Tho­mas Bern­hard (der taucht immer wie­der auf) oder Claus Pey­mann, die täg­lich reich­hal­ti­ges Zei­tungs­me­nu zu sich neh­men und dar­aus viel und wesent­li­ches schöp­fen. Mit der Rea­li­tät scheint mir das nur sehr aus­zugs­wei­se über­ein­zu­stim­men: Ja, sol­che empha­ti­schen Zei­tungs­lek­tü­ren gab und gibt es. Aber sie sind Aus­nah­men. Die Wirk­lich­keit der Mas­se – und die braucht die Zei­tung als sol­che ja gera­de! – ist schon immer viel, viel pro­sa­ischer und lang­wei­li­ger, aber auch weni­ger kul­tur- und staats­tra­gend (frei­lich, sowohl Bou­le­vard­zei­tungs­le­ser als sol­che als auch Poli­tik kom­men bein Ange­le nicht wirk­lich vor).
Schön zeigt sich sei­ne Ver­klä­rung des „tra­di­tio­nel­len“ Zei­tungs­le­sens bei sei­ner Gegen­über­stel­lung von Kos­mo­po­li­tis­mus und Glo­ba­li­sie­rung: Ers­te­res ist Zei­tungs­le­sen – weil ein Zei­tungs­le­ser (bei Ange­le geht es eh’ nur um Män­ner) Zei­tun­gen aus aller Welt, am bes­ten im Café oder Kaf­fee­haus, liest. Schon das ist mei­nes Erach­tens eine maß­lo­se Über­trei­bung und Über­schät­zung – weil ja auch so vie­le Zei­tun­gen aus aller Welt lesen/​lasen … Letz­te­res, also Glo­ba­li­sie­rung, ist angeb­lich digi­ta­les Infor­mie­ren. Denn dann wird angeb­lich noch Spie­gel online über­all auf der Welt gele­sen. Unter­schlägt das aber nicht voll­kom­men die Viel­zahl der (genutz­ten!) Mög­lich­kei­ten der Lek­tü­ren, die das Inter­net erst ermög­licht: Gut, oft mögen das (wie bei mir z.B.) nur zwei Spra­chen, etwa Deutsch und Eng­lisch, sein. Aber ohne Inter­net wür­de ich von eng­lisch­spra­chi­gen Publi­ka­tio­nen aus UK und USA ziem­lich sicher genau nichts wahr­neh­men. Gut, Ange­le wür­de jetzt ein­wen­den: Das ist kei­ne Zei­tungs­lek­tü­re, weil die Bün­de­lung etc. fehlt, die das inter­es­se­lo­se Lesen (das er offen­bar sehr schätzt), das aller­dings eher ein flüch­ti­ges Anschau­en und Durch­blät­tern ist, und die damit ein­her­ge­hen­den Ent­de­ckun­gen von Sku­ri­li­tä­ten und Kurio­sa ermög­licht. Dafür gibt es im Netz eben ande­re Zufalls­mo­men­te, ande­re Seren­di­pi­tä­ten, um die­sen schö­nen Aus­druck zu verwenden …
Mir stellt sich Ange­les Essay des­halb eher als ein Abge­sang auf eine gute, alte Zeit dar, die nie so gut war, wie er sie ver­klä­rend dar­stellt. Das hat wahr­schein­lich einen genau­so gro­ßen (kul­tur­so­zio­lo­gi­schen) Wert wie Ador­nos Typo­lo­gie der Musikhörer …

außerdem gelesen:

  • Ger­ty Spies: Des Unschul­di­gen Schuld. Eine Aus­wahl aus dem Werk. Mainz: Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung 2016. 52 Sei­ten. ISBN 9783892890379.
  • Micha Brum­lik: Wann, wenn nicht jetzt? Ver­such über die Gegen­wart des Juden­tums. 2. Auf­la­ge. Ber­lin: Neo­fe­lis 2016 (Rela­tio­nen – Essays zur Gegen­wart 3). 130 Sei­ten. ISBN 978−3−95808−032−4.
  • Oswald Egger: Was nicht gesagt ist. Göt­tin­gen: Wall­stein 2016 (Ber­li­ner Rede zur Poe­sie 1). 42 Sei­ten. ISBN 9783835319820.
  • Didier Eri­bon: Rück­kehr nach Reims. Ber­lin: Suhr­kamp 2016. ebook. ISBN 978−3−518−74439−0.
  • Jan Vol­ker Röh­nert, Romi­na Niko­lić (Hrsg.): Dem Meis­ter des lan­gen Atems. Pau­lus Böh­mer zu Ehren. Frank­furt am Main: Edi­ti­on Faust 2016. 211 Sei­ten. ISBN 978−3−945400−36−4.
  • Klaus Hof­fer: Bei den Bie­resch. Halb­wegs /​Der gro­ße Pot­latsch. 2. Auf­la­ge. Wien, Graz: Dro­schl 2007. 272 Sei­ten. ISBN 978−3−85420−718−4. (drit­te Lek­tü­re – immer noch großartig …)
  • Edit #69 (wun­der­ba­re Aus­ga­be, mit sehr guten Tex­ten von u. a. Ann Cot­ten, Ger­hard Falk­ner und Ulri­ke Almut Sandig
  • Poet #21
  • Rand­num­mer #6

Die Weimarer Literatur als Zeitschrift

Ein inter­es­san­tes Unter­neh­men star­tet Jörg Miel­c­za­rek gera­de: Die Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik als Zeit­schrift. Fünf. Zwei. Vier. Neun. Zeit­schrift für Gesell­schaft, Kul­tur und Lite­ra­tur in den 5.249 Tagen der Wei­ma­rer Repu­blik soll die hei­ßen und führt damit die Dau­er der Wei­ma­rer Repu­blik im Titel (ich hab’s nicht nach­ge­rech­net …). Miel­c­za­rek hat dafür auf Start­next eine Crowd­fun­ding-Kam­pa­gne gestar­tet, in der das Pro­jekt der monat­lich erschei­nen­den Zeit­schrift mit beglei­ten­der Buch­rei­he natür­lich auch aus­führ­lich vor­ge­stellt wird. Star­ten soll das gan­ze pas­send am 9. November.

Die Vor­stel­lung liest sich ein biss­chen wie „Buch als Maga­zin“ meets Lite­ra­tur­zeit­schrift meets lite­ra­tur­his­to­ri­sche Arbeit: 

Die Wei­ma­rer Repu­blik ist nicht nur aus his­to­ri­scher Sicht eine der bedeu­tends­ten Epo­chen der deut­schen Geschich­te. Es war auch die Zeit gro­ßer Schrift­stel­ler und gro­ßer Lite­ra­tur. Die Ereig­nis­se zwi­schen 1918 und 1933 – Ende des 1. Welt­krie­ges, Ver­sailler Ver­trag, Welt­wirt­schafts­kri­se, Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus – bil­den dabei den Hin­ter­grund für außer­ge­wöhn­li­che Roma­ne, her­aus­ra­gen­de Erzäh­lun­gen und für Thea­ter­stü­cke, die für Furo­re sorg­ten. Welt­be­kann­te Autoren wie Tho­mas und Hein­rich Mann, Hans Fal­la­da, Ber­tolt Brecht, Her­mann Hes­se oder Franz Kaf­ka sind untrenn­bar mit die­ser Epo­che ver­bun­den. Aber auch weni­ger bekann­te Lite­ra­ten wie zum Bei­spiel Marie­lui­se Fleiß­er, Leon­hard Frank, Irm­gard Keun oder Edlef Köp­pen, deren Wer­ke heu­te oft ver­grif­fen sind, haben die beson­de­re Atmo­sphä­re die­ser Zeit in ihren Stü­cken, Roma­nen und Gedich­ten ein­ge­fan­gen und zu Papier gebracht. Es ist daher an der Zeit, dass die Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik end­lich ein ange­mes­se­nes Forum bekommt.

Die­ses Forum soll die monat­lich erschei­nen­de Zeit­schrift „Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ sein, eine Zeit­schrift für Gesell­schaft, Kul­tur und Lite­ra­tur in den 5.249 Tagen der Wei­ma­rer Repu­blik. Jede Aus­ga­be wid­met sich dabei einem Schwer­punkt­the­ma. Bei der Null­num­mer wird dies die Welt­wirt­schafts­kri­se sein, und nicht von unge­fähr ist Hans Fal­la­das Roman „Klei­ner Mann, was nun?“ die Titel­ge­schich­te die­ser Aus­ga­be. Kein ande­rer Roman macht die Angst und die Ver­un­si­che­rung der Ange­stell­ten und Arbei­ter zu die­ser Zeit so spür­bar wie die­ses Meis­ter­werk. Auf cir­ca 100 Sei­ten wer­den zusätz­lich wei­te­re Stü­cke, Repor­ta­gen, Erzäh­lun­gen und Gedich­te zu die­sem Schwer­punkt­the­ma ver­öf­fent­licht – die­se wer­den zudem durch den ori­gi­nal­ge­treu­en Abdruck von Zei­tungs­ar­ti­keln aus die­ser Zeit in einen his­to­ri­schen Kon­text gebracht. Herz­stück der Null­num­mer ist das kom­plet­te Thea­ter­stück „Die Berg­bahn“ von Ödön von Hor­váth in der Mit­te des Hef­tes, das sepa­rat her­aus­trenn­bar ist. Ein sol­ches „Heft im Heft“ mit einem kom­plet­ten Ori­gi­nal­text wird jede Aus­ga­be haben.

„Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ ist aber mehr als nur eine Zeit­schrift. Zu jeder Aus­ga­be erscheint daher ein Taschen­buch mit wei­te­ren Tex­ten zum Schwer­punkt­the­ma des Monats. Der Fokus liegt dabei auf Erzäh­lun­gen und Wer­ken von Autoren, die heu­te lei­der kaum jemand mehr kennt. Eine ech­te Fund­gru­be für Lite­ra­tur­lieb­ha­ber, in der es viel Neu­es zu ent­de­cken gibt!

Wenn ich ehr­lich bin: Ich bin etwas skep­tisch, ob das wirk­lich – und über meh­re­re Num­mern, dau­er­haft und dann auch noch jeden Monat – funk­tio­nie­ren wird. Aber das war ich bei ande­ren Zeit­schrif­ten, gera­de beim „Buch als Maga­zin“, auch – und wur­de des Gegen­teils belehrt … Das darf hier ger­ne auch pas­sie­ren, der Gegen­stand und das Enga­ge­ment von Miel­c­za­rek, der sich schon län­ger mit der Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik beschäf­tigt, wären es auf jeden Fall wert.

Also: Span­nend und inter­es­sant ist das sicher und auch eine klei­ne finan­zi­el­le Unter­stüt­zung wert (zumal das beim Crowd­fun­ding ja kei­ne Spen­de ist, man bekommt ja eini­ges dafür). Ich bin jeden­falls gespannt, was dar­aus wird – die Zwi­schen­kriegs­zeit bie­tet ja eine sehr reich­hal­ti­ge und reich dif­fe­ren­zier­te Lite­ra­tur, die heu­te kaum noch in ihrer Brei­te und Tie­fe bekannt ist. Wenn Fünf. Zwei. Vier. Neun. dar­an etwas ändern kann, wäre ja schon viel erreicht … Und wenn noch eine inter­es­san­te, lesens­wer­te Zeit­schrift bei her­aus­kommt, die unse­re Gegen­wart berei­chert – umso besser!

Ulrich Peltzer bekommt noch einen Literaturpreis

Ulrich Pelt­zer war ges­tern mal wie­der in Mainz – weil er den Ger­ty-Spies-Lite­ra­tur­preis der Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung bekom­men hat. Die Preis­ver­lei­hung im Foy­er des SWR-Funk­hau­ses hat­te sogar inter­es­san­te Momen­te im vie­len Gere­de. Das liegt natür­lich an Pelt­zer, der mit sei­ner klu­gen, manch­mal zöger­li­chen Nach­denk­lich­keit immer wie­der eine inter­es­san­te und berei­chern­de Begeg­nung ist. Viel los war eigent­lich nicht: Wenn man die gan­zen Hono­ra­tio­ren und „Pflicht­be­su­cher“ abzieht, waren viel­leicht noch 10–20 ande­re (vor­wie­gend älte­re) Besu­cher übrig, die sich in der groß­zü­gi­gen Bestuh­lung etwas ver­lo­ren. Aber das ist ja eigent­lich immer so bei sol­chen Ver­an­stal­tun­gen, selbst beim Georg-Büch­ner-Preis blei­ben vie­le Sit­ze leer …

Und eigent­lich war der Abend ganz nett, mit ange­neh­mer musi­ka­li­scher Umrah­mung der Brü­der Nils und Niklas Lie­pe (Kla­vier und Vio­li­ne), die mit dem Preis­trä­ger aller­dings eher nichts zu tun hat­te (wenn man sei­ne Bücher als Maß­stab nimmt, hät­te da ande­re Musik – am bes­ten von Vinyl – gespielt wer­den müs­sen …). Und die Reden und Gruß­wor­te schie­nen sogar ehr­lich gemein­te Freu­de und über den dies­jäh­ri­gen Preis­trä­ger auszudrücken. 

Die Lau­da­tio der Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin Mei­ke Feß­mann hat mich nicht so sehr begeis­tert: Da ging es dann doch wie­der vor allem um Hand­lungs­strän­ge, Moti­ve und Sujets – also in ers­ter Linie um inhalt­li­che Fra­gen. Und über­haupt mag ich die super­la­ti­ve Lob­hu­de­lei (der „avan­cier­tes­te“ Erzäh­ler, die „legen­dä­re Ein­gangs­sze­ne“ und so wei­ter), die so man­che Lau­da­tio mit sich bringt, nicht so sehr. Zumal ein Autor wie Pelt­zer die eigent­lich gar nicht nötig hat. Natür­lich wird – das geht bei Pelt­zer offen­bar nicht anders – immer wie­der sei­ne „for­ma­le Avan­ciert­heit“, sein auf den „Metho­den und Errun­gen­schaf­ten des 20. Jahr­hun­derts“ auf­bau­en­des Erzäh­len, sei­ne „meis­ter­haf­te Beherr­schung der erleb­ten Rede“ und des fil­mi­schen Erzäh­len, beschwo­ren. Aber das sind oft lei­der nur Stich­wor­te, die halt inzwi­schen (nach immer­hin sechs Roma­nen in 30 Jah­ren – ein Viel­schrei­ber ist er ja über­haupt nicht) zu Pelt­zer gehö­ren. Inter­es­sant ist ja eher, dass Ulrich Pelt­zer hier­zu­lan­de fast als Spit­ze der lite­ra­ri­schen Avant­gar­de zählt. Denn so sehr ich ihn schät­ze: For­mal und nar­ra­to­lo­gisch ist das jetzt nicht so wahn­sin­nig avan­ciert – das scheint nur im Ver­gleich so, weil ein Groß­teil der deut­schen erzäh­len­den Lite­ra­tur (auch derer, die von den Kri­ti­kern und Jurys geprie­sen wird) in die­ser Hin­sicht halt immer noch im 19. Jahr­hun­dert steckt. Und bezeich­nend ist auch, dass schon der Ulys­ses von James Joy­ce als (nahe­zu) unles­ba­res moder­nes Kunst­werk gilt, des­sen Fin­ne­gans Wake aber nicht mal mehr erwähnt wird …

Doch das nur neben­bei. Eigent­lich ging es ja um Ulrich Pelt­zer – und der beruft sich eben unter ande­rem immer wie­der auf den Ulys­ses. Das tat er auch ges­tern in sei­ner knap­pen Dan­kes­re­de wie­der und stell­te ihn neben Ray­mond Feder­man und des­sen Die Nacht zum 21. Jahr­hun­dert oder aus dem Leben eines alten Man­nes. Der Ger­ty-Spies-Lite­ra­tur­preis ist ja eine Aus­zeich­nung, die aus­drück­lich die gesell­schaft­li­che Rol­le von Lite­ra­tur her­vor­hebt und wür­di­gend för­dern möch­te. Das passt durch­aus zu Pelt­zers Ästhe­tik, die, das beton­te er auch ges­tern ger­ne wie­der, wie alle Ästhe­tik über­haupt immer auch eine poli­ti­sche ist. Vor allem aber räson­nier­te er über sich und sein Tun – das beschreibt sei­ne Tätig­keit viel­leicht am bes­ten. Deut­lich wur­de das auch in der abschlie­ßen­den Gesprächs­run­de, die recht ergeb­nis­arm und kul­tur­pes­si­mis­tisch blieb (ja, „damals“, als „alle“ das glei­che Buch lasen und dar­über sprachen …). 

Ergie­bi­ger das Solo von Pelt­zer, dass sei­nen Stand­punkt und sei­ne Poe­tik zwar nicht – das wäre ja auch selt­sam … – ganz neu erschloss, aber schon ande­re Schwer­punk­te setz­te. Bei Pelt­zer habe ich stär­ker als bei ande­ren Autoren den Ein­druck, dass er in einem per­ma­nen­ten, unab­ge­schlos­se­nen (und wohl auch nicht zu Ende zu brin­gen­den) Rin­gen um die Posi­ti­on sei­ner Ästhe­tik und ihr Ver­hält­nis zur Welt steht. Ihm ging es aus­drück­lich um den Zusam­men­hang von Geschich­te und Schrei­ben und die Rol­le des Autors als mög­li­cher Für­spre­cher, sei­nen Ein­fluss auf die Gesell­schaft. Die Fra­ge, was denn Geschich­te sei, wie das Indi­vi­du­um in der Geschich­te mög­lich sei, hängt für Pelt­zer dabei eng zusam­men mit der Fra­ge nach der Mög­lich­keit der Lite­ra­tur, Wirk­lich­keit zu erzäh­len. Wie geht das über­haupt, „Wirk­lich­keit erzäh­len“? Damit beschäf­tigt er sich ja schon län­ger, auch bei der Main­zer Poe­tik­do­zen­tur sprach er dar­über … Und: Soll Lite­ra­tur das über­haupt? Soll sie Gegen­wart zei­gen und beweisen?

Wie geht das also, das Schrei­ben mit Geschich­te, mit der Unaus­weich­lich­keit, mit der wir – und alle Roman­fi­gu­ren – in der Geschich­te ver­haf­tet blei­ben? „Der Geschich­te, zumal der Welt­ge­schich­te, aus­zu­wei­chen ist unmög­lich.“ Er geht sogar noch wei­ter: Gefan­gen in der Geschich­te sind wir alle, ob „real“ oder „fik­tio­nal“ (und wie­der dien­te der Ulys­ses als Bei­spiel). Geschich­te heißt dabei nicht nur (aber auch) das Ver­gan­ge­ne, son­dern auch das Gegen­wär­ti­ge vor allem des poli­ti­schen Gesche­hen und Han­delns, das die Men­schen beein­flusst und unent­wegt begleitet.

Das lite­ra­ri­sche Schrei­ben beschreibt Pelt­zer dann als einen Beschrei­bungs- und Erkennt­nis­pro­zess. Denn: „Sich zur Gegen­wart ver­hal­ten, sich ver­hal­ten zu müs­sen, ist unhin­ter­geh­ba­re Bedin­gung des Schrei­bens.“ Aber: Nicht als Ermah­nung, nicht als pre­di­gen­de Bes­ser­wis­se­rei des Autors soll das gesche­hen. Son­dern es soll und muss sich im Hori­zont der Figu­ren mani­fes­tie­ren, in ihrem Wis­sen, ihren Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten und ihren Erleb­nis­sen: Der Autor (und vor allem sein Wis­sen, sein Erkennt­nis­stand gera­de aus spä­te­rer Zeit, mit dem Wis­sen der geschicht­li­chen Ent­wick­lung) sei nicht gefragt (sonst ent­stün­de eine Pre­digt und kein Roman). Spä­ter prä­zi­sier­te er das noch: Auf­ga­be der Lite­ra­tur sei es nicht, Poli­tik und Geschich­te nach­zu­er­zäh­len. Geschich­te ist aber der immer prä­sen­te Rah­men, der die Roman­hand­lung beeinflusst.

Ob dann Zufall oder Not­wen­dig­keit in der Rea­li­tät wal­ten, ob plan­ba­re Hand­lun­gen oder Reak­tio­nen poli­ti­sches Gesche­hen und Geschich­te ermög­li­chen, ist eine wei­te­re Fra­ge, die er sich als Autor stellt. Aus der Sicht des Indi­vi­du­ums lässt sich das für Pelt­zer wohl nicht ent­schei­den, denn letzt­lich, das beton­te er sehr, ist „Geschich­te der Alb­traum eines ande­ren, aus dem es kei­nen Aus­gang gibt“. Davon aus­ge­hend ist lite­ra­ri­scher Rea­lis­mus für ihn dann aber nicht das sich Erge­ben des Autors in die Unab­ding­bar­keit (wenn ich ihn da rich­tig ver­stan­den habe). Im Gegen­teil: Der Wider­stand der Kunst liegt mög­li­cher­wei­se (wie so vie­les for­mu­lier­te Pelt­zer das als Fra­ge) dar­in, nicht auf­zu­ge­ben, son­dern wei­ter­zu­ma­chen: „Die Zukunft wird das sein, was wir uns erkämp­fen. Man muss damit anfan­ge – heu­te, jetzt. Sonst ist es zu spät.“ schloss Pelt­zer sein Plä­doy­er für die Ernst­haf­tig­keit und die Anstren­gung der Kunst im Umgang mit der Welt und der Gegen­wart ab. Dass es ihm bei all dem nicht pri­mär um Ant­wor­ten, son­dern vor allem um die rich­ti­gen Fra­gen an die so schnell Geschich­te wer­den­de Gegen­wart geht, wur­de auch an die­sem Abend wie­der deut­lich. Und die­se Art der ana­ly­ti­schen Schär­fe der Gegen­warts­be­trach­tung, die eine sehr spe­zi­fi­sche Art der Offen­heit gegen­über der Gegen­wart, ihrer Erkennt­nis und den Fol­gen dar­aus (also dem Han­deln und der Zukunft) mit sich bringt, sind es, die Pelt­zer in mei­nen Augen als Autor so inter­es­sant machen.

Nach­trag 19. Okto­ber: Im Ver­lags­blog Hun­dert­vier­zehn des Fischer-Ver­la­ges ist die Dan­kes­re­de Pelt­zers jetzt auch nach­zu­le­sen: klick.

roughbook-Zeit

Für eine sol­che Mit­tei­lung muss man den rough­books-Ver­lag von Urs Enge­ler doch ein­fach lieben …

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Aus-Lese #48

Tho­mas Brussig: Was­ser­far­ben. Ber­lin: Auf­bau Digi­tal 2016. 183 Sei­ten. ISBN 978−3−8412−1084−5.

brussig, wasserfarben (cover)Was­ser­far­ben ist der ers­te Roman von Brussig, 1991 unter einem Pseud­onym erschie­nen und jetzt als E‑Book ver­öf­fent­licht, des­halb ist er sozu­sa­gen bei mir gelan­det. Es wird erzählt von einem Abitu­ri­ent in Ost-Ber­lin am Über­gangs­punkt zwi­schen noch Schu­le und bald Leben. Es soll also ganz offen­sicht­lich ein coming-of-age-Roman sein. Das ist es aber nicht so recht – weil der „Held“ sich wenig bis gar nicht ent­wi­ckelt und erst am Ende von sei­nem älte­ren Bru­der erklärt bekommt, wie man erwach­sen wird … Der Text ist viel­leicht typisch Brussig: gewollt rot­zig und trot­zig. Und die­ses bemüh­te Wol­len merkt man dem Text lei­der immer wie­der an – nicht an allen Stel­len, aber doch häu­fig. Genau wie er bemüht „frech“ sein will ist er auch etwas bemüht wit­zig. Vor allem aber fehlt mir die eigent­li­che Moti­va­ti­on des Erzäh­lers, war­um er so ist, wie er ist. Das wird ein­fach nicht klar.

Was­ser­far­ben ist dabei sowie­so von einem eher lah­men Witz und hin­ken­dem Esprit gekenn­zeich­net. Das passt inso­fern, als auch die beschrie­be­ne DDR-Jugend in den 80ern so halb auf­säs­sig ist: nicht ganz ange­passt, aber auch kein Hang zur Total­ver­wei­ge­rung oder wenigs­tens „ordent­li­cher“ Oppo­si­ti­on. Das, der Held und sei­ne Freun­de und Bekann­te, denen er im Lauf der Erzäh­lung begeg­net, zei­gen dafür sehr schön den Druck, den das Sys­tem auf­bau­en und aus­üben konn­te, vor allem in der Schu­le, aber auch im Pri­vat­le­ben, wo Arnold, der Prot­ago­nist und Erzäh­ler (der den Leser schön brav siezt und auch sonst so sei­ne extrem ange­pass­ten Momen­te hat), durch­aus aneckt – vor allem wohl aus einem unspe­zi­fi­schen Frei­heits­drang, weni­ger aus grund­sätz­li­cher Oppo­si­ti­on. Das Buch hat durch­aus eini­ge net­te Momen­te, die auch mal zum Schmun­zeln anre­gen kön­nen, erschien mir auf die Dau­er aber etwas fad – so wie die Jugend und die DDR selbst viel­leicht. Nicht umsonst beschrei­ben die sich als „was­ser­far­ben“ im Sin­ne von: die­se Jugend hat die Far­be von Was­ser, ist also ziem­lich blass, durch­schei­nend, aber auch vielfältig. 

Alke Stach­ler: Dün­ner Ort. Mit foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen von Sarah Oswald. Salz­burg: edi­ti­on mosa­ik 2016 (edi­ti­on mosa­ik 1.2). 64 Sei­ten. ISBN 9783200044548.

Mei­nen Ein­druck die­ses fei­nen Büch­leins, dass es mir nach anfäng­li­cher Distanz doch ziem­lich ange­tan hat, habe ich an einem ande­ren Ort auf­ge­schrie­ben: klick.

John Corbett/​span>: A Listener’s Gui­de to Free Impro­vi­sa­ti­on. Chi­ca­go, Lon­don: The Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press 2016. 172 Sei­ten. ISBN 978−0−226−35380−7.

Die­se gelun­ge­ne Ein­füh­rung in die frei impro­vi­sier­te Musik für inter­es­sier­te Hörer und Höre­rin­nen habe ich auch schon in einem Extra-Bei­trag gelobt: klick.

Nora Gom­rin­ger: ach du je. Luzern: Der gesun­de Men­schen­ver­sand 2015 (edi­ti­on spo­ken script/​Sprechtexte 16).153 Sei­ten. ISBN 9783038530138. 

gomringer, ach du je (cover)Die­ser Band ver­sam­melt Sprech­tex­te Gom­rin­gers. Die zie­len auf die Stim­me und ihre kör­per­li­che Mate­ria­li­tät, sie set­zen sie vor­aus, sie machen sie zu einem Teil des Tex­tes selbst – oder, wie es im Nach­wort heißt: „Die Nie­der­schrift ist für sie ein Behelf, um das lyri­sche schlecht­hin zur Erfül­lung zu brin­gen.“ (144). Das ist gewis­ser­ma­ßen Vor­teil und Pro­blem zugleich. Dass man den Tex­ten ihre Stim­me sozu­sa­gen immer anmerkt, ist kon­se­quent. Und sie pas­sen damit natür­lich sehr gut in die „edi­ti­on spo­ken script“. Ich – und das ist eben eine rein sub­jek­ti­ve Posi­ti­on – mag das aller­dings oft nicht so ger­ne, zu sprechende/​gesprochene Tex­te lesen – da fehlt ein­fach wesent­li­che Dimen­si­on beim „blo­ßen“ Lesen. Und was übrig bleibt, funk­tio­niert nicht immer, nicht unbe­dingt so rich­tig gut. Das soll aber auch gar kei­ne Rüge sein und kei­nen Man­gel anzei­gen: Sprech­tex­te, die als sol­che kon­zi­piert und geschrie­ben wur­den, sind eben mit bzw. in der Stim­me gedacht. Ist ja logisch. Wenn die nun im gedruck­ten Text weg­fällt, fehlt eine Dimen­si­on des Tex­tes, die sich ima­gi­na­tiv für mich nicht immer rei­bungs-/naht­los erset­zen lässt. Ich den­ke durch­aus, dass min­des­te ein Teil der Tex­te gut sind. Gefal­len hat mir zum Bei­spiel das wie­der­hol­te Aus­pro­bie­ren und Beden­ken, was Spra­che ver­mag und in wel­cher Form: was sich also (wie) sagen lässt. Ande­res dage­gen schien mir doch recht banal. Und manch­mal auch etwas laut und etwas „in your face“, eine Spur zu auf­dring­lich und über-direkt. Ins­ge­samt hin­ter­lässt der Band damit bei mir einen sehr diver­gen­ten, unein­heit­li­chen Eindruck.

Modern

Einen Baum pflanzen
Auf ihm ein Haus bauen
Da rein ein Kind setzen
Das Kind zweisprachig
Anschrei­en (116)

Urs Leimgruber/​Jacques Demierre/​Barre Phil­lips: Lis­tening. Car­net de Rou­te – LDP 2015. Nan­tes: Len­ka Len­te 2016. 269 Sei­ten. ISBN 9791094601051.

Lis­tening ist das Tour­ta­ge­buch des Impro­vi­sa­ti­ons­tri­os LDP, also des Saxo­pho­nis­ten Urs Leim­gru­ber, des Pia­nis­ten Jac­ques Demierre und des Bas­sis­ten Bar­re Phil­lips. Ursprüng­lich haben die drei das als Blog geschrie­ben und auch ver­öf­fent­licht. Drei Musi­ker also, die in drei Spra­chen schrei­ben – was dazu führt, dass ich es nicht ganz gele­sen habe, mein Fran­zö­sisch ist doch etwas arg ein­ge­ros­tet. Das geht mal ein paar Sät­ze, so man­ches habe ich dann aber doch über­sprun­gen. Und die ganz unter­schied­li­che Sicht­wei­sen und Sti­le beim Erzäh­len des Tou­rens haben. Da geht es natür­lich auch um den Tourall­tag, das Rei­sen spielt eine gro­ße Rol­le. Wich­ti­ger aber noch sind die Ver­an­stal­ter, die Orga­ni­sa­ti­on und vor allem die Orte und Räu­me, in den sich die Musik des Tri­os ent­wi­ckeln kann. Und immer wie­der wird die Mühe des Gan­zen deut­lich: Stun­den- bis tage­lang fah­ren, unter­wegs sein für ein bis zwei Stun­den Musik. Und doch ist es das wert, sowohl den Pro­du­zen­ten als auch den Rezi­pi­en­ten der frei­en Musik. 

The per­forming musician’s han­di­cap is that each con­cert is the last one ever. It’s never going to get any bet­ter than it is today. The con­cert is ‚do or die‘ time. This moment is your truth and the groups truth. (65)

Die Räu­me, Publi­ka und auch die bespiel­ten Instru­men­te wer­den immer wie­der beschrie­ben und bewer­ten. Demierre führt zum Bei­spiel genau Buch, wel­che Kla­vie­re und Flü­gel er bespielt, bis hin zur Seri­en­num­mer der Instru­men­te. Und da ist vom Stein­way-Kon­zert­flü­gel der D‑Reihe bis zum abge­wrack­ten „upright“ alles dabei … Leim­gru­ber inter­es­siert sich mehr für die Städ­te und Orga­ni­sa­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge, in denen die Kon­zer­te statt­fin­den. Und natür­lich immer wie­der die Musik: Wie sie ent­steht und was dabei her­aus­kommt, wenn man in ver­trau­ter Beset­zung Tag für Tag woan­ders neu und immer wie­der frei impro­vi­siert. Und wie die Reak­tio­nen sind. Da fin­den sich, im Text des Tour­ta­ge­buch ver­teilt, immer wie­der inter­es­san­te Refle­xio­nen des Impro­vi­sie­rens und Selbst­po­si­tio­nie­run­gen, die ja bei sol­cher, in gewis­ser Wei­se mar­gi­na­ler, Musik immer auch Selbst­ver­ge­wis­se­run­gen sind. Nur geübt wird eigent­lich über­haupt nicht (außer Bar­re Phil­lips, der sich nach mona­te­lan­ger Abs­ti­nenz aus Krank­heits­grün­den wie­der neu mit sei­nem Bass ver­traut machen muss). Und im Trio gibt’s immer­hin kur­ze Sound­checks, die aber wohl vor allem der Erpro­bung und Anpas­sung an die jewei­li­ge Raum­akus­tik die­nen. Und nicht zuletzt bie­tet der Band noch vie­le schö­ne Fotos von Jac­ques Demierre.

Kon­zen­trier­tes Hören, Ver­ant­wor­tung, mate­ri­el­le Vor­aus­set­zun­gen und spon­ta­ne Ein­ga­ben bil­den die Basis der Musik. Wir agie­ren, inten­si­vie­ren, dekon­stru­ie­ren, eli­mi­nie­ren, addie­ren und mul­ti­pli­zie­ren… Wir prak­ti­zie­ren Musik in Echt­zeit, sie ent­steht, indem sie ent­steht. Ges­ten und Spiel­wei­sen ver­mi­schen sich und lösen sich ab. Wir hal­ten nichts fest. Das Aus­ge­las­se­ne zählt genau­so wie das Ein­ge­füg­te. Jedes Kon­zert ist auf sei­ne Art ein Ori­gi­nal. Jede Situa­ti­on ist anders. Der akus­ti­sche Raum, das Publi­kum, die gesam­te Stim­mung im Hier und Jetzt. (134f.)

Hubert Fich­te: Ich bei­ße Dich zum Abschied ganz zart. Brie­fe an Leo­no­re Mau. Hrsg. von Peter Braun. Frank­furt am Main: S. Fischer 2016. 256 Sei­ten. ISBN 978−3−10−002515−9.

fichte, briefe (umschlag)Zusam­men­ge­rech­net sind es knapp 60 Sei­ten Brie­fe, für die man 26 Euro bezahlt. Und vie­le der Brie­fe Hubert Fich­tes an sei­ne Lebens­ge­fähr­tin Leo­no­re Mau sind (sehr) knap­pe, kur­ze Mit­tei­lun­gen, die oft in ers­ter Linie die Bana­li­tä­ten des (Zusammen-)Lebens zum Inhalt haben. 

Ich will: kei­ner­lei fami­liä­re Bin­dun­gen. Ich will frei leben – als Sohn Pans – wenn Du willst und ich will schrei­ben. (28)

Die Brie­fe zeich­nen nicht unbe­dingt ein neu­es Fich­te-Bild – aber als Fan muss man das natür­lich lesen. Auch wenn ich mit schlech­tem Gewis­sen lese, weil es dem Autor­wil­len aus­drück­lich wider­spricht, denn der woll­te die­se Doku­men­te ver­nich­tet haben (was Leo­no­re Mau in Bezug auf sei­nen sons­ti­gen schrift­li­chen Nach­lass auch weit­ge­hend befolg­te, bei den Brie­fen (zumin­dest die­sen) aber unter­ließ, so dass sie nach ihrem Tod jetzt sozu­sa­gen gegen bei­der wil­len doch öffent­lich wer­den kön­nen und das Pri­va­te der bei­den Künst­ler­per­so­nen also der Öffent­lich­keit ein­ver­leibt wer­den kann …) Vor allem bin ich mir nicht sicher, ob sich – wie Her­aus­ge­ber Peter Braun im Nach­wort breit aus­führt – dar­aus wirk­lich ein „Reli­ef“ im Zusam­men­spiel mit den Wer­ken bil­det. Und wie immer bin ich mir ziem­lich unsi­cher, ob das den Wer­ken (es geht ja vor allem um die unfer­ti­ge „Geschich­te der Emp­find­lich­keit“) wirk­lich gut tut (bzw. der Lek­tü­re), wenn man sie mit den Brie­fen – und damit mit ihrem Autor – so eng ver­schränkt. Und ob es in irgend einer Wei­se not­wen­dig ist, scheint mir auch zwei­fel­haft. Ja, man erkennt die auto­bio­gra­phi­sche Grun­die­rung man­cher Jäcki-Züge und auch der Irma-Figur nach der Lek­tü­re der Brie­fe noch ein­mal. Aber ver­lei­tet das Brie­fe-Lesen dann nicht doch dazu, aus Jäcki Hubert und aus Irm Leo­no­re zu machen und damit wie­der am Text der Wer­ke vor­bei zu lesen? Ande­rer­seits: ein wirk­lich neu­es Bild, eine unent­deck­te Les­art der Glos­sen oder der Alten Welt scheint sich dann selbst für Braun doch nicht zu ergeben.

Ich will Frei­heit, Frei­heit – und dazu bedarfs Wit­zes und Lachens. (42)

Selbst Wil­li Wink­ler, durch­aus enthu­si­as­ti­scher Fich­teaner, befin­det in der Süd­deut­schen Zei­tung: „Die­se Brie­fe, ein­mal muss es doch her­aus, sind näm­lich von sen­sa­tio­nel­ler Belang­lo­sig­keit“ und schießt dann noch recht böse gegen die tat­säch­lich manch­mal auf­fal­len­den Bana­li­tä­ten des Kom­men­tars (mein Lieb­lings­kom­men­tar: „Darm­ge­räu­sche: Darm­ge­räu­sche sind ein Aus­druck der Peris­tal­tik von Magen und Darm und inso­fern Anzei­chen für deren nor­ma­le oder gestör­te Tätig­keit.“ (167)) und das etwas hoch­tra­ben­de Nach­wort von Her­aus­ge­ber Braun. Über­haupt macht das Drum­her­um, das ja eine gan­ze Men­ge Raum ein­nimmt, eher wenig Spaß. Das liegt auch an der eher unschö­nen, lieb­lo­se Gestal­tung. Und den – wie man es bei Fich­te und Fischer ja lei­der gewöhnt ist – vagen, unge­nau­en Edi­ti­ons­richt­li­ni­en. Der Titel müss­te eigent­lich auch anders hei­ßen, das Zitat geht näm­lich noch ein Wort wei­ter und heißt dann: „Ich bei­ße dich zum Abschied ganz zart /​wohin.“ So steht es zumin­dest im ent­spre­chen­den Brief, war dem Ver­lag aber wohl zu hei­kel. Und das ist dann doch schade …

Aber für uns ist ja nur das Unvor­sich­ti­ge das rich­ti­ge. (141)

außer­dem gelesen:

  • T. E. Law­rence: Wüs­ten-Gue­ril­la. Über­setzt von Flo­ri­an Trem­ba. Her­aus­ge­ge­ben von Rei­ner Nie­hoff. Ber­lin: blau­wer­ke 2015 (= split­ter 05/​06). 98 Sei­ten. ISBN 9783945002056.
  • Björn Kuhl­igk: Ich habe den Tag zer­schnit­ten. Riga: hoch­roth 2013. 26 Sei­ten. ISBN 97839934838309.
  • Chris­ti­an Mei­er­ho­fer: Georg Phil­ipp Hars­dörf­fer. Han­no­ver: Wehr­hahn 2014 (Meteo­re 15). 134 Sei­ten. ISBN 978−3−86525−418−4.
  • Edit #66
  • Müt­ze #12 & #13 (mit inter­es­san­ten Gedich­ten von Kurt Aeb­li und Rai­ner René Mueller)
stachler, dünner ort, front und rücken

Dünner Ort, kleine Texte

stachler, dünner ort (cover)Der Dün­ne Ort von Alke Stach­ler ist ein schö­nes klei­nes Büch­lein. Die Buch­ge­stal­tung (von Sarah Oswald) hat dabei einen sehr inter­es­san­ten Effekt, der eng mit den Inhal­ten zusam­men­hängt. Da ist zum einen die Offen­heit des Buches, das ohne Rücken sein Inne­res – die Faden­hef­tung und Kle­bung – sozu­sa­gen den Bli­cken preis­gibt. Und es schwebt zwi­schen Heft­chen und Buch: Einer­seits das klei­ne Taschen­for­mat, der offe­ne Rücken, ande­rer­seits der fes­te, dop­pel­te Natron­kar­ton des Umschlags und das ordent­li­che, griff­fes­te Papier der Seiten.

Auch die Tex­te könn­te man Text­lein nen­nen, klän­ge das nicht so ver­nied­li­chend – beson­ders nied­lich sind sie näm­lich nicht. „Tex­te“ schrei­be ich mit Bedacht – denn was ist das eigent­lich? Sie „schwe­ben“ zwi­schen dem, was man übli­cher­wei­se Gedicht nennt bzw. als Gedicht erwar­tet und Pro­sa. Auf der einen Sei­te: die kon­trol­lier­te und gestal­te­te Ober­flä­che, das stren­ge Gefü­ge des Block­sat­zes, der durch geziel­te Löcher aufgebohrt/​aufgelockert wird. Dane­ben aber wie­der­um die Spra­che, die (meist) wie „nor­ma­le“ Pro­sa daher­kommt. Also darf man sie wohl als Pro­sa­ge­dich­te ein­ord­nen (auch wenn ich von sol­chen oxy­mo­roni­schen Klas­si­fi­zie­run­gen wenig hal­te …). Viel­leicht sind das aber auch ein­fach kur­ze Ttex­te zwi­schen Minia­tur und Gedicht.

Das sind sozu­sa­gen die Cha­rak­te­ris­ti­ka von Dün­ner Ort, die sich sofort offen­ba­ren. Und sie sind weg­wei­send. Denn auch in den Tex­ten von Stach­ler geht es immer wie­der um ein Zwi­schen, um ein weder-noch, um etwas ahn­ba­res, aber kaum begreif­ba­res, um Wis­sen, das sich nur schwer oder kaum ver­sprach­li­chen (im Sin­ne von: auf den Begriff brin­gen) lässt. So über­rascht es auch nicht, dass (nach dem etwas über­flüs­si­gem Vor­ge­plän­kel des Her­aus­ge­ber-Vor­wor­tes) die See­le schon gleich am Anfang steht, mit einem star­ken ers­ten Satz:

die mensch­li­che see­le wiegt 21 gramm: kannst du sie grei­fen, mit einem spa­ten im kör­per tas­ten, wo sie klim­pert, schau­kelt und gegen die haut flat­tert wie ein pani­scher fal­ter, als wäre dei­nen haut von innen licht.

oder eigentlich/​besser so, aller­dings im Blocksatz:

die mensch­li­che see­le wiegt 21 gramm:
kannst du sie grei­fen, mit einem spa­ten im
kör­per tas­ten, wo sie klim­pert, schau­kelt und
gegen die haut flat­tert wie ein pani­scher fal-
ter, als wäre dei­nen haut von innen licht.

Oder noch bes­ser, weil der rei­ne Text das, was den Dün­nen Ort als Werk aus­macht, kaum wie­der­ge­ben kann:

stachler, dünner ort, 9 (doppelseite)

Wesent­li­che, wie­der­keh­ren­de The­men­fel­der sind Wald, Ein­sam­keit, Tod bzw. Ster­ben und das Suchen, die Bewe­gung des suchen­den Ichs. Und natür­lich der Schat­ten (und auch noch so manch ande­re Uneigentlichkeit).

nachts fällt ein schwar­zes kna­cken aus dem /​schrank, das uns an etwas erin­nert. an wald viel- /​leicht, holz, farn, harz. an gerü­che, getier, an wün- /​sche: im wald möch­ten wir uns ver­lie­ren, im wun­den schat­ten lie­gen, selbst wund sein, selbst harz. /​[…] (21)

Dün­ner Ort lässt sich aller­dings nur sehr unzu­rei­chend in die­ser Art zusam­men­fas­send beschrei­ben und auch kaum, ich habe es ja schon erwähnt, ein­fach so zitie­ren, weil „Inhalt“ und „Form“ (und das heißt auch: Zusam­men­hang im Buch, zumin­dest auf der Dop­pel­sei­te) der Tex­te so eng mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, so sehr inein­an­der über­ge­hen, dass man ihn sehr stark beraubt, wenn man einen Text­aus­schnitt auf die rei­ne Wort­fol­ge redu­ziert. Das Kon­zept des „dün­nen Ortes“ ist ja auch gera­de eines, das der Benen­nung ver­wehrt bleibt. Man könn­te das, was Stach­ler in Dün­ner Ort macht, viel­leicht eine „dich­te Beschrei­bung“ der eige­nen Art nen­nen. Die „all­ge­mei­nen“ (auch als all­ge­mein­gül­tig behaup­te­ten, vgl. den Anfangs­text zur See­le) Beob­ach­tun­gen wer­den dabei fast immer wie­der ins Ich gespie­gelt, ins Indi­vi­du­el­le geführt und über­führt, sie sind in einer Über­gangs­be­we­gung. Denn der „dün­ne Ort“ ist zu ver­ste­hen als eine Über­gangs­zo­ne, eine Gren­ze oder Schwel­le, der Bereich zwi­schen Leben und Tod vor allem.

der nebel bil­det feh­len­de stel­len im wald, ein opa- /​kes loch­mus­ter. beim ver­such, die löcher anzu­se- /​hen, ver­schwin­det man, franst aus wie eine dün- /​ne tablet­te im was­ser. […] (15, Anfang)

Dazu noch die Text­lü­cken, ‑löcher, die wie zufäl­lig im Block­satz unüber­seh­bar auf­tau­chen, den Fluss der Spra­che unter­bre­chen und viel­leicht auch den dün­nen Ort, der so schwer zu fas­sen ist, den Über­gang, die Schwel­le ein­fach mar­kie­ren oder zumin­dest evo­zie­ren. Und sie wei­sen qua­si expli­zit auf die Offen­heit der Tex­te hin. Das ist ein biss­chen para­dox, neigt der Block­satz (der hier in wech­seln­den Zei­len­län­gen genutzt wird) doch eigent­lich zu einer gewis­sen Abge­schlos­sen­heit. Doch die ist, das wird in Dün­ner Ort schnell deut­lich, nur ober­fläch­lich. Denn so wie die Lücken Löcher in den Text rei­ßen, ihm also Frei­räu­me schaf­fen, so sind die Tex­te in der Regel auch seman­tisch nicht abge­schlos­sen oder gar ver­schlos­sen, son­dern offen. Das meint nicht nur ihre Unbe­stimmt­heit, son­dern auch Phä­no­me­ne wie Abbrü­che am Sei­ten­en­de mit­ten im Satz oder, als Gegen­pol, ein Beginn mit einem Kom­ma (also mit­ten in einem ima­gi­nä­ren grö­ße­ren Zusammenhang).

im wald gibt es einen kern, der nie trock­net /​um ihn her­um ord­nen sich schich­ten im kreis /​schich­ten von hal­men, schar­nie­ren, stü­cken von /​licht. licht, das far­ben trägt, die es nicht gibt, das /​man schnei­den könn­te, hät­te man. […] (13, Anfang)

Zum Buch gehö­ren dann auch noch eini­ge von der Autorin gele­se­ne Auf­nah­men eini­ger Tex­te, die dann das Pen­del noch mehr zur Pro­sa hin aus­schla­gen las­sen, wenn man den zügi­gen Vor­trag von Stach­ler im Ohr hat. Und nicht zuletzt gehö­ren auch die „foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen“ von Sarah Oswald unbe­dingt zu dem Buch. Mit bedacht wur­den die so genannt (neh­me ich zumin­dest an), denn sie geben sich als zwi­schen Foto und „frei­er“ Kunst chan­gie­rend: stark ver­frem­de­te, oft ver­wisch­te, über­la­ger­te, ver­un­klar­te Abbil­der der „Welt“. Sie beglei­ten den Text nicht ein­fach illus­tra­tiv oder kom­men­tie­rend, son­dern wer­fen im ande­ren Medi­um noch einen wei­te­ren Blick auf den „dün­nen Ort“. Ihre ver­schwom­me­ne Prä­gnanz, ihre gemach­te Unschär­fe und Schat­ten­haf­tig­keit unter­stützt und ergänzt die suchen­de Prä­zi­si­on der Tex­te aus­ge­zeich­net. So wird Dün­ner Ort dann (fast) zu einem Gesamt­kunst­werk – jeden­falls zu einem mul­ti­me­dia­len Gemeinschaftswerk …

die luft fällt ins schloss, ver­fugt sich hin­ter /​dir als wärst du nie dage­we­sen, und viel- /​leicht stimmt das auch. […] (44, Anfang)

Alke Stach­ler: Dün­ner Ort. Mit foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen von Sarah Oswald. Salz­burg: edi­ti­on mosa­ik 2016 (edi­ti­on mosa­ik 1.2). 64 Sei­ten. ISBN 9783200044548.

Aus-Lese #47

Han­no Rau­ter­berg: Wir sind die Stadt! Urba­nes Leben in der Digi­tal­mo­der­ne. 3. Auf­la­ge. Ber­lin: Suhr­kamp 2014. 157 Sei­ten. ISBN 9783518126745. 

rauterberg, stadt (cover)Beob­ach­tend und erklä­rend geht es in Wir sind die Stadt! um den neu­en Umgang mit der Stadt und ihren Räu­men, um eine Art Re-Urba­ni­sie­rung in der digi­ta­len Moder­ne. Das ist ein bewuss­tes Lob der Stadt der Viel­falt, der viel­fäl­ti­gen (wech­seln­den, spon­ta­nen, insta­bi­len) Koali­tio­nen, die aber auch über sich selbst, über die Stadt hin­aus rei­chen, denn: „In der Stadt gedeiht, wenn es gut geht, der Sinn für Staat­lich­keit.“ (149). Rau­ter­berg hat, das gibt er auch zu, vor allem die neu­en posi­ti­ven Sei­ten der Stadt im Blick – die Mög­lich­kei­ten, die die digi­ta­le Moder­ne (also vor allem die Ver­net­zung im Netz und die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Smart­phones etc.) für eine Art Wie­der­be­le­bung städ­ti­scher Räu­me eröff­net. Er sieht und beschreibt eher die posi­ti­ven Sei­ten der Ver­än­de­rung der Stadt und des Lebens in der Stadt durch die digi­ta­le Moder­ne, ohne den Schat­ten aber ganz aus­zu­blen­den. Sein Begriff der „Stadt­er­quicker“ (56) bringt es viel­leicht am bes­ten auf den Punkt: Er beob­ach­tet eine neue Aneig­nung der Stadt, der urba­nen Räu­me indi­vi­du­ell im Kol­lek­tiv: „Die Stadt wird zum Raum für ein Ich, das sich ohne Wir nicht den­ken möch­te.“ (75) Und genau das geschieht nicht (mehr) vor­wie­gend pla­ne­risch gesteu­ert und auch nicht in ers­ter Linie (wenn über­haupt) in insti­tu­tio­na­li­sier­ten For­men (wie etwa Ver­ei­nen), son­dern wesent­lich flui­der, schnel­ler, spon­ta­ner, aber auch kurz­le­bi­ger. Die Offen­heit des Rau­mes der Stadt und der Stadt ist dafür Vor­aus­set­zung und wird durch die­se per­ma­nen­te Umwid­mung, Aneig­nung, Inan­spruch- und Inbe­sitz­nah­me aber auch über­haupt erst kon­sti­tu­iert. Des­halb sieht Rau­ter­berg in den aktu­el­len Ten­den­zen und Mög­lich­kei­ten eine neue, akti­ve und posi­ti­ve Chan­ce für Urba­ni­tät: „Eine Stadt ist Stadt, wenn sie mit sich sel­ber uneins bleibt.“ (129)

Bei die­ser Art der Raum­er­grei­fung han­delt es sich um weit mehr als eine Mode­er­schei­nung oder das Frei­zeit­ver­gnü­gen eini­ger Jun­ger­wach­se­ner der Mit­tel­schicht. Es gäbe kei­ne Wie­der­be­le­bung des öffent­li­chen Raums, wür­de sie nicht von einem brei­ten gesell­schaft­li­chen Wan­del der Ide­al­bil­der und Leit­vor­stel­lun­gen getra­gen. Wie weit die­ser Wan­del reicht, zeigt sich nicht zuletzt dar­an, dass auch vie­le Stadt­pla­ner ihr Ver­hält­nis zum Raum neu bestim­men, auf eine Wei­se, die aber­mals an man­che der Künst­ler und Archi­tek­ten den­ken lässt. Das Prin­zip der Offen­heit und frei­en Aneig­nung, unvor­her­seh­bar und unge­hin­dert von äuße­ren Zwän­gen, ist man­cher­orts sogar zum neu­en Leit­bild der Pla­nung avan­ciert. (37)
Die Stadt ist nicht län­ger Zone, sie darf wie­der Raum sein, unde­fi­niert. (39)

Saša Sta­nišić: Vor dem Fest. RM Buch und Medi­en 2014. 316 Seiten.

stanisic, vor dem fest (cover)Jetzt habe ich end­lich auch mal ein Buch von Saša Sta­nišić. Vor dem Fest ist ein ganz inter­es­san­ter und schö­ner Roman über Fürs­ten­fel­de, die Uckerm­arck, Deutsch­land und auch ein biss­chen über die Welt. In klei­nen, leicht auch zwi­schen­durch und mit jeder­zei­ti­gen Unter­bre­chun­gen kon­su­mier­ba­ren Häpp­chen-Kapi­teln erzählt Sta­nišić ein Dorf und sei­ne Bewoh­ner in der ost­deut­schen Pro­vinz. Äuße­rer Anlass ist die Nacht vor dem gro­ßen Anna-Fest, in der die meis­ten noch eine oder ande­re Vor­be­rei­tun­gen für den nächs­ten Tag tref­fen. Zugleich weist der Text mit Quel­len­ab­schnit­ten weit in die Dorf­ge­schich­te bis zum 16. Jahr­hun­dert zurück – wobei ich mir nicht sicher bin, ob das ernst gemeint ist: Die Spra­che die­ser (Pseudo-)Quellen scheint mir zu oft nicht ganz zeit­ge­mäß, immer ein biss­chen dane­ben, so dass ich das eigent­lich als Fäl­schun­gen aus der Hand der „Archi­va­rin“ lese – dazu passt ja auch das gro­ße geheim­nis­vol­le Getue, das um die Dorf­chro­nik gemacht wird. Und dass es sie nicht geben kann, weil sie eigent­lich dem Dorf­brand von 1742 zum Opfer gefal­len ist. Egal: Das ist alles recht unter­halt­sam und durch­aus erhel­lend in sei­nen vie­len Per­spek­ti­ven, Sti­len und Zeit­ebe­nen. Auch wenn ich manch­mal den Ein­druck hat­te, die Idee – mit der Nacht vor dem „Fest“ das Dorf, sei­ne Gemein­schaft, sei­ne Geschich­te und auch noch die Welt­zu­sam­men­hän­ge dar­zu­stel­len – wird etwas über­reizt. Unklar blieb mir zum Bei­spiel die Not­wen­dig­keit, das auch noch auf die Tier­welt auszudehnen … 

Sehr gut gefal­len hat mir aber der spie­le­ri­sche Umgang des Erzäh­lers mit sei­nem Text: Zum einen pro­du­ziert das Fabu­lie­ren hier selbst Fra­gen an den eige­nen Text, die auch Teil des Tex­tes wer­den und blei­ben. Zum ande­ren ist da die­ses inklu­si­ves „Wir“ des Erzäh­lers als dem Ver­tre­ter der Dorf­be­völ­ke­rung, das also den Erzäh­ler zu einem Teil sei­ner Geschich­te macht und zumin­dest behaup­tet, dass hier nicht von einer Außen­po­si­ti­on erzählt wird (auch wenn es eini­ge weni­ge Hin­wei­se auf eine Dif­fe­renz gibt …). Aber, das ist inter­es­sant, die­ses „wir“ gilt nicht nur der der­zei­ti­gen Dorf­ge­mein­schaft, son­dern der aller Zei­ten. Über­haupt ist Vor dem Fest mit sei­ner erzäh­le­ri­schen Lust und Begeis­te­rung ein etwas kapri­ziö­ser Text, der sich selbst nicht über­mä­ßig ernst nimmt, son­dern Spaß am eige­nen Erzäh­len und Erfin­den hat und auch ger­ne das eige­ne Erzäh­len ein­fach miterzählt.

Der Fähr­mann hat ein­mal erzählt, es gebe im Dorf jeman­den, der mehr Erin­ne­run­gen von ande­ren Leu­ten besit­ze als Erin­ne­run­gen, die sei­ne eige­nen sind. Das Dorf hat sofort geglaubt, er meint Ditz­sche. Könn­ten aber ande­re gemeint gewe­sen sein, mei­nen wir. (233)

Olga Mar­ty­n­o­va: Möri­kes Schlüs­sel­bein. Graz, Wien: Dro­schl 2013. 320 Sei­ten. ISBN 9783854208419.

martynova, mörikes schluesselbein (cover)Möri­kes Schlüs­sel­bein ist so etwas sie­ein Wun­der­tü­ten-Text: Der gan­ze Roman quillt über. Das fängt schon „vor“ dem Roman an, mit der Über­fül­le an Para­tex­ten, vor allem den extrem vie­len Mot­ti auf ver­schie­de­nen Ebe­nen des Tex­tes, die oft auch noch nicht allein, son­dern gleich zu meh­re­ren auf­tre­ten. Und es geht im Text wei­ter, mit sei­ner etwas hyper­tro­phen Fül­le an Stil­mit­teln und auch an The­men. Ins­ge­samt prä­sen­tier­te Möri­kes Schlüs­sel­bein sich mir als ein ziem­lich umher irren­der Roman. Ich hat­te immer wie­der den Ein­druck, der Text sucht seine/​eine Stim­me, da wird aus­pro­biert und ver­wor­fen, dass es eine Freu­de ist. Viel­leicht liegt es auch dar­an, dass sich Mar­ty­n­o­vas Erzäh­le­rin sehr von ihren Figu­ren (und davon gibt es eine gan­ze Men­ge) und ihrem Eigen­le­ben trei­ben lässt – so war zumin­dest mein Eindruck.

Auf jeden Fall ist das vir­tu­os erzählt – aber was wird eigent­lich erzählt und war­um? Die Fra­ge stellt sich schon früh beim Lesen, bis zum Ende habe ich kei­ne rich­ti­ge Ant­wort gefun­den (auch in den Rezen­sio­nen übri­gens nicht …). Das hängt natür­lich damit zusam­men, das Möri­kes Schlüs­sel­bein ein Epi­so­den­netz ohne Zen­trum und ohne Rand ist, des­sen Zusam­men­hän­ge teil­wei­se bewusst unklar blei­ben. Da fühlt man sich manch­mal etwas ver­lo­ren im Text – was, um es noch ein­mal zu sagen, nicht heißt, es wäre ein schlech­ter Text: vie­les gefällt (mir), vie­les ist gut, geschickt und sehr über­legt gemacht. Nur sehe ich kein Ziel außer dem Zei­gen der Ziel­lo­sig­keit, dem Vor­füh­ren des Feh­lens von (ver­bind­li­chen) Zie­len und Zusam­men­hän­gen. Viel­leicht habe ich auch schlecht gele­sen, näm­lich mit meh­re­ren (unge­plan­ten) Unter­bre­chun­gen, die mich zu viel ver­lie­ren ließen?

So lese ich Möri­kes Schlüs­sel­bein als ein Spiel mit den Gren­zen von Rea­li­tä­ten und Wahr­schein­lich­kei­ten (die selt­sa­men Zeit­rei­sen- bzw. Zeit­vek­to­ren-Epi­so­den, die so irr­lich­ternd in den Text hin­ein­ge­schich­tet sind, ver­deut­li­chen das viel­leicht am bes­ten). Über­haupt spielt der Roman auf allen Ebe­nen, vom Zei­chen (bzw. sei­ner typo­gra­phi­schen Reprä­sen­ta­ti­on, etwa mit unter­schied­li­chen Schwarz­sät­ti­gun­gen …) bis zur Makro­form (deren Struk­tur ich über­haupt nicht ver­stan­den habe …). Und die Mot­ti nicht zu ver­ges­sen, die auf ver­schie­de­nen Ebe­nen den Text sehr reich­hal­tig zie­ren. Und irgend­wie, das macht Möri­kes Schlüs­sel­bein doch immer wie­der inter­es­sant, gelingt es Mar­ty­n­o­va, damit (fast) das gan­ze 20. Jahr­hun­dert zu erzäh­len, mit der Geschich­te Deutsch­lands, dem Zwei­tem Welt­krieg, USA, UdSSR bzw. Russ­land und dem Kal­ten Krieg etc. pp. Und noch die aben­teu­er­lichs­ten Kurio­si­tä­ten wer­den von Mar­ty­n­o­va erzählt, als sei­en sie das nor­mals­te auf der Welt: Klar, das zeigt (wie­der mal) den Ver­lust (all­ge­mein­gül­ti­ger) Maß­stä­be: alles gilt (gleich viel) – aber war es das schon? Oder will der Text noch mehr? – Da bin ich rat­los. Rat­los übri­gens auch beim Klap­pen­text – ob der absicht­lich so blöd­sin­nig-nichts­sa­gend ist? Eigent­lich habe ich vom Dro­schl-Ver­lag eine bes­se­re Mei­nung. Aber die­sen Text als einen „Roman über Fami­lie und Freund­schaft: lie­be­voll, weib­lich, scharf­sich­tig und humor­voll“ zu cha­rak­te­ri­sie­ren kann ja nicht wirk­lich ernst gemeint sein. Sicher, humor­voll ist der Text, das Lesen macht immer wie­der gro­ße Freu­de. Aber was ist dar­an bit­te­schön weiblich?

Wenn man Wol­ken­krat­zer mit Kathe­dra­len ver­gleicht, meint man irr­tüm­li­cher­wei­se in ers­ter Linie ihre gesell­schaft­li­che Bedeu­tung: Macht und Reich­tum, die über das Leben der gemei­nen Men­schen empor­ra­gen. Aber sie haben eine archi­tek­to­ni­sche Funk­ti­on: die Men­schen dazu zu brin­gen, den Blick zum Him­mel zu erhe­ben. Dazu nützt irgend­ei­ne schöp­fe­ri­sche Kraft die Macht, den Reich­tum und die wan­dern­den Bau­leu­te, dach­te Mari­na und hör­te die Fet­zen einer (oder meh­re­rer) ost­eu­ro­päi­scher Sprache(n), bedroh­li­che Zart­heit in den gedehn­ten Lau­ten. (165)

Diet­mar Dath: Lei­der bin ich tot. Ber­lin: Suhr­kamp 2016. 463 Sei­ten. ISBN 9783518466544.

dietmar dath, leider bin ich tot (cover)Diet­mar Daths Schaf­fen kann ich in sei­nen Ver­äs­te­lun­gen – ich ken­ne weder einen ande­ren Autor, der so viel­fäl­ti­ge The­men­fel­der beackert noch bei so vie­len unter­schied­li­chen Ver­la­gen ver­öf­fent­licht – kaum noch nach­voll­zie­hen. Aber wenn ich dann ab und an wie­der etwas aus sei­ner schwer beschäf­tig­ten Feder lese, ist es immer wie­der über­ra­schend und erqui­ckend. Das gilt auch für Lei­der bin ich tot. Der Text hängt irgend­wo zwi­schen Sci­ence-Fic­tion, Wis­sen­schafts­thril­ler, poli­ti­schem Roman, Kri­mi und was weiß ich noch alles. Genau­so „wild“ ist auch die erzähl­te Geschich­te, die sich kaum ver­nünf­tig zusam­men­fas­sen lässt (und ohne wesent­li­che Plot­twists zu ver­ra­ten schon gar nicht …, ziem­lich gut macht das Son­ja Gre­be auf satt​.org). Es geht um höhe­re Intel­li­gen­zen, um Reli­gio­nen und Göt­ter, auch um Ter­ror und Gewalt in allen mög­li­chen For­men. Und ganz wesent­lich auch um Zeit, um die Zeit – es zeigt sich näm­lich, dass man­che Figu­ren in Lei­der bin tot die Zeit aus ihrem Strah­len­da­sein befrei­en kön­nen und eine Zeit­schlei­fe in Form eines Möbi­us­ban­des schaf­fen. Das bringt nicht nur so eini­ge neue Mög­lich­kei­ten, auch der Mani­pu­la­ti­on, ins Spiel, son­dern sorgt auch für reich­hal­ti­ge Ver­wir­run­gen und Irrlichtereien. 

Außer­dem steckt in Lei­der bin ich tot – und dar­in ist es ein typi­scher Dath-Roman – ganz viel Gegen­warts­be­schrei­bung und ‑dia­gno­se. Der Autor hat einen schar­fen Blick, er sieht und erkennt unheim­lich viel und kann es in sei­nen Roman – mal ele­gan­ter, mal etwas plum­per – alles hin­ein­pa­cken. Der Ver­lag behaup­tet im Klap­pen­text zwar, das sei eine „Medi­ta­ti­on“, aber das hal­te ich für Unsinn. Dafür ist das Buch schon viel zu action­ge­la­den. Sicher, es wird viel gedacht und viel über phi­lo­so­phi­sche, theo­lo­gi­sche, erkennt­nis­theo­re­ti­sche Pro­ble­me gere­det. Aber das ist nur eine Ebe­ne des viel­fäl­ti­gen Tex­tes. Die Viel­falt ist eh Dath-typisch. Genau wie das zunächst ganz rea­lis­tisch erschei­nen­de Erzäh­len, das sich dann nach und nach leicht ver­schiebt, immer ver­schro­be­ner wird und immer etwas ver­rück­ter, grau­sa­mer und berech­nen­der (im tech­ni­schen Sinn). Und Bücher, die ihren Autor selbst so wun­der­bar unernst-selbst­iro­nisch auf­tre­ten las­sen, sind sowie­so meis­tens ein gro­ßes Ver­gnü­gen. Und das gilt für Lei­der bin ich tot auf jeden Fall.

»Krie­ger. Leu­te im Krieg. Die nur ver­klei­det sind als Künst­ler oder Intel­lek­tu­el­le. Nicht? Wir sind … wir müs­sen immer die Bes­ten sein. Die Schöns­ten, die Unwi­der­steh­lichs­ten. Wir sind Klug­schei­ßer und Zau­be­rer und Träu­mer. Wir sind Recht­ha­ber, weil wir …«
»Ver­letz­te sind.« (63)

Urs Jaeg­gi: Brand­eis. Darm­stadt, Neu­wied: Luch­ter­hand 1978. 269 Sei­ten. ISBN 347296463X. 

Noch ein erstaun­lich span­nen­der und inter­es­san­ter Zufalls­fund. Ich muss geste­hen, dass mir Urs Jaeg­gi, der als Sozio­lo­ge auch immer wie­der bel­le­tris­tisch tätig war, bis dato unbe­kannt war. Das ist scha­de, denn Brand­eis ist nicht nur ein fas­zi­nie­ren­der Zeit­ro­man, son­dern auch ein aus­ge­spro­chen guter Roman. Brand­eis, die Haupt­fi­gur und Erzäh­ler­stim­me, aus deren per­so­na­ler Per­spek­ti­ve alle drei Tei­le erzählt wer­den, ist sozu­sa­gen das alter ego des Autors: Sozio­lo­gie, der zu Beginn noch in der Schweiz (in Bern) lehrt, dann an die neu­ge­grün­de­te, noch zu bau­en­de bzw. im Auf­bau begrif­fe­ne Uni­ver­si­tät in Bochum beru­fen wird, eini­ge Zeit als Gast­do­zent in New York weilt und zum Schluss („Ber­lin 1977“) in Ber­lin einen Sozio­lo­gie-Lehr­stuhl inne­hat – die äuße­ren Sta­tio­nen ent­spre­chen Jaeg­gis Kar­rie­re genau. Das aber nur nebenbei.

Inter­es­sant ist ande­res. Brand­eis ist ein poli­tisch akti­ver, empi­risch arbei­ten­der Sozio­lo­ge, der sich aus einer dezi­diert lin­ken (mar­xis­ti­schen) Posi­ti­on auch und vor allem sehr inten­siv mit sei­nen Stu­die­ren­den und ihrem Blick auf die Welt und Gesell­schaft aus­ein­an­der­setzt. Das ermög­licht zum einen eine span­nen­de Dar­stel­lung der Kon­flik­te am Ende der 1960er Jah­re an den Hoch­schu­len (aber auch einen Blick auf die Dif­fe­renz der dor­ti­gen Dis­kus­sio­nen und Situa­tio­nen zu den Gege­ben­hei­ten der Arbei­ter­schaft, etwa bei den Bochu­mer Opel-Wer­ken) über die Ent­wick­lung zum links­ra­di­ka­len Ter­ro­ris­mus und den Viet­nam­krieg bzw. dem Kampf gegen den Krieb bis zu den ame­ri­ka­ni­schen Bewe­gun­gen Anfang der 1970er Jah­re wie Black power und Femi­nis­mus. Und es gibt dem Autor einen sehr klu­gen, ana­ly­ti­schen Erzäh­ler, der bei sei­nem Blick auf die Welt auch die eige­nen Posi­ti­on und deren theo­re­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen immer wie­der mit­be- und über­denkt. Äußer­lich pas­siert dann gar nicht so sehr viel, es wird vor allem gere­det und dis­ku­tiert, gestrit­ten und demons­triert, ana­ly­siert und erklärt. 

Der zwei­te, sehr inter­es­san­te Punkt ist die Form von Brand­eis. Die ist näm­lich für die Ent­ste­hungs­zeit – der Roman ist immer­hin schon 1978 erschie­nen – erstaun­lich avan­ciert und auf der Höhe der Zeit. Und es zeigt sich auch, dass sich in den Jahr­zehn­ten seit­her bei den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln für Pro­sa­tex­te erstaun­lich wenig getan hat. Brand­eis ist genau­so frag­men­tiert wie ein ordent­li­cher post­mo­der­ne Roman der Gegen­wart, er nutzt vie­le Errun­gen­schaf­ten des moder­nen Romans, auch sein Erzäh­ler spricht in zwei Per­spek­ti­ven und reflek­tiert das auch ger­ne selbst:

Oh, ja. Ich weiß, Freund, hier geht es kreuz und quer: ich und er. Er Brand­eis und ich Brand­eis. Ich habe es sowie­so pro­biert: »Ich« in die Gegen­wart zu set­zen, »Er« in die Ver­gan­gen­heit. Ganz logisch. Logisch: und doch ging es dann gleich wie­der durch­ein­an­der, obwohl ich weiß: Ord­nung muß sein, wie bei den Fuß­no­ten, was die Deut­schen so gut kön­nen und die Fran­zo­sen nie ler­nen, nicht ler­nen wol­len. Also gut. (97)

Über­haupt ist der gan­ze Roman erstaun­lich selbst­be­wusst und reflek­tie­rend. Und Jaeg­gi gelingt es aus­ge­spro­chen gut, die Viel­falt der for­ma­len Gestal­tungs­ele­men­te zu nut­zen und recht har­mo­nisch mit­ein­an­der zu ver­bin­den (auch wenn sich an eini­gen Stel­len viel­leicht man­che Län­ge ein­ge­schlich­ten hat). 

Das so ein groß­ar­ti­ger Text nicht zum Kanon deutsch­spra­chi­ger Lite­ra­tur gehört (selbst der Luch­ter­hand-Ver­lag, bei dem sei­ne Roma­ne erschie­nen, kennt ihn nicht mehr …), ist eigent­lich erstaun­lich. Aber ande­rer­seits viel­leicht auch sym­pto­ma­tisch: Längst näm­lich scheint mir die Lite­ra­tur zuneh­mend ihre eige­ne Geschich­te (und damit auch ihre eige­nen Vor­aus­set­zun­gen und (schon ganz banal hand­werk­li­chen) Errun­gen­schaf­ten) zu ver­ges­sen – es blei­ben letzt­lich ein­fach nur ein paar weni­ge Tex­te und Autoren dau­er­haft im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis. Statt­des­sen tut man – und das schließt sowohl die Pro­du­zen­tin­nen als auch die Rezi­pi­en­ten (wie etwa die Lite­ra­tur­kri­tik) ein – ger­ne so, als wür­de jede Sai­son, spä­tes­tens aber jede Gene­ra­ti­on die Lite­ra­tur neu erfun­den. Die Lek­tü­re von Tex­ten wie dem Brand­eis wür­de da mehr hel­fen als die „Wie­der­ent­de­ckung“ einst popu­lä­rer Roma­ne von von Fal­la­da, Keun etc. 

Die Geschich­te tut nichts, sagt Brand­eis, sie kämpft kei­ne Kämp­fe. Es ist der Mensch, der wirk­li­che, leben­di­ge, Mensch, der alles tut, besitzt oder erkämpft. Es ist nicht die Geschich­te, die den Men­schen zum Mit­tel braucht, um ihre Zwe­cke durch­zu­ar­bei­ten, als ob sie eine apar­te Per­son wäre; die Geschich­te ist nichts als die Tätig­keit der ihre Zwe­cke ver­fol­gen­den Men­schen. (21)

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