Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 35 von 38

rainald goetz ist endlich aus der sommerpause zurück

es wird ja auch schon lang­sam herbst …

aber schön, dass es mit kla­ge jetzt end­lich wie­der wei­ter geht. und auch wenn ich mir am anfang noch nicht sicher war – so lang­sam gewöh­ne ich mich dar­an. und lese es immer lie­ber. zum bei­spiel den gest­ri­gen ein­trag. denn sät­ze oder bes­ser gesagt absät­ze wie die­ser fal­len bei mir immer wie­der auf frucht­ba­ren boden (und übri­gens, sei­ne mei­nung zum voll­text tei­le ich auch im wesent­li­chen. wäre er nicht so bil­lig, wür­de ich ihn nicht lesen bzw. durch­blät­tern.) – weils so schön ist, muss ich es aus­gie­big zitieren:

Nicht ohne hin­zu­zu­fü­gen, dass ich mir nur wegen Andre­as Mei­ers Kolum­ne Neu­lich die Zeit­schrift VOLLTEXT kau­fe, wenn ich sie irgend­wo sehe, und beim Durch­blät­tern bin ich jedes­mal erstaunt, was für ein cra­zy Kos­mos die sich dort dar­stel­len­de Welt der Lite­ra­tur ist. Es ist kei­ne böse Cra­zy­ness, kei­ne ver­werf­li­che, son­dern eine ganz nor­ma­le, die Cra­zy­ness der Abge­schlos­sen­heit. Aber so wie Jour­na­lis­mus im nega­ti­ven Fall zu sehr aus Jour­na­lis­mus gemacht wird, meist aus aus­län­di­schem, wird zu viel Lite­ra­tur nur aus ande­ren Roma­nen, Erzäh­lun­gen und Gere­de dar­über gemacht. Das ist schlecht für die Resultate.

Plötz­lich glau­ben die Leu­te der Lite­ra­tur wirk­lich dar­an, man könn­te ein­fach noch­ein­mal wie damals die Geschich­ten von vor­ne nach hin­ten, eines nach den ande­ren so durch- und vor­er­zäh­len. Aber die Spra­che hat in den ver­gan­ge­nen hun­dert­fünf­zig Jah­ren ande­re Ner­vo­si­tä­ten auf­ge­baut, ande­re Spe­zia­lis­men ent­wi­ckelt und einst­mals selbst­ver­ständ­lich Gewuss­tes wirk­lich VERGESSEN, es ist ver­schwun­den wie in der Male­rei das Kön­nen, rea­lis­tisch gegen­ständ­lich abbil­den­den Malens. So hat der Autor, der sich um das tra­di­tio­nel­le Erzäh­len bemüht, gar kei­ne leben­di­ge eige­ne Spra­che zur Ver­fü­gung. Nicht weil er sie sel­ber nicht hat, son­dern weil es sie wirk­lich gar nicht gibt. Es gibt kei­ne nicht­muf­fi­ge, nicht­zuck­ri­ge, nicht­ba­na­le Spra­che für einen heu­ti­gen Roman nach Art der gro­ßen Roma­ne von früher.

zeno​.org macht das nachschlagen leicht

heu­te durch die mit­tei­lung achim rasch­kas an die wiki­pe­dia-mai­ling­lis­te ent­deckt (wie­so mir das bis­her durch die lap­pen gegan­gen ist: kei­ne ahnung): auf der sei­te zeno​.org bie­tet die zen­o­dot-ver­lags­ge­sell­schaft (die ja irgend­wie mit direct­me­dia zusam­men­hängt, von denen die von mir so gelieb­te digi­ta­le biblio­thek stammt) lexi­ka und nach­schlag­wer­ke online an. das ist eine wun­der­ba­re sache – denn es sind sehr hilf­rei­che text­samm­lun­gen dabei (auch franz kaf­kas wer­ke fin­den sich hier). zum bei­spiel nicht nur ver­schie­de­ne jahr­gän­ge des brock­haus, son­dern auch sul­zers all­ge­mei­ne theo­rie der schö­nen küns­te, mauth­ners Wör­ter­buch der Phi­lo­so­phie, auch rudolf eis­lers Wör­ter­buch der phi­lo­so­phi­schen Begrif­fe und sein Phi­lo­so­phen-Lexi­kon – natür­lich alles gemein­freie wer­ke. mei­ne samm­lung der digi­ta­len biblio­thek wird damit ja bald über­flüs­sig, wenn das so wei­ter geht …

noch befin­det sich das pro­jekt im beta-sta­di­um (aber wel­che web‑2.0‑anwendung tut das nicht?). man merkt es ab und an auch noch. die sei­te ist zwar sehr schön schnell. der ein­stieg aller­dings etwas unüber­sicht­lich: auf der über­sichts­sei­te der biblio­thek ste­hen teil­wei­se nur kür­zel – was sul­zer-1771 ist (näm­lich des­sen all­ge­mei­ne theo­rie der schö­nen küns­te) oder fried­län­der ist (die inter­es­san­ten kri­mi­nal­pro­zes­se) muss man wis­sen, um das ent­spre­chen­de zu finden.

die eigent­li­chen text­sei­ten sind aber sehr klar struk­tu­riert und gut les­bar: aus­rei­chend gro­ße schrift, kla­res sei­ten­lay­out. über­haupt prä­sen­tiert sich das gan­ze pro­jekt ange­nehm schlank und ohne unnö­ti­ge kli­ckibun­ti-spie­ler­ein – und auch ent­spre­chend schnell. auch die navi­ga­ti­on inner­halb der ein­zel­nen bän­de ist gut mög­lich, mit ent­spre­chend­ne blät­ter-hyper­links, die nicht nur „vor­wärts” oder „rück­wärts” hei­ßen, son­dern gleich das rich­ti­ge lem­ma anzei­gen. schön auch die sei­ten­mar­kie­run­gen der quel­le, die (im ide­al­fall) per hyper­link zu den fak­si­mi­les füh­ren. etwas umständ­lich kommt mir höchs­tens noch der zugang zu den ein­zel­nen wer­ken vor – da muss man immer mehr­mals kli­cken, das lie­ße sich viel­leicht noch ver­bes­sern (aber dann ging womög­lich die stren­ge struk­tur ver­lo­ren). sehr hilf­reich dage­gen die quer­ver­wei­se zwi­schen den ein­zel­nen bän­den auf gleich­lau­ten­de lem­ma­ta (das kann die digi­ta­le biblio­thek etwa (noch) nicht)

mit zufäl­li­ger arti­kel bzw. zufäl­li­ge stel­le kann man auch im vor­han­de­nen bestand (oder im gera­de aktu­el­len band) sehr schön stö­bern (das mache ich ja auch in wikis, von denen die­se funk­ti­on wohl her­kommt, sehr ger­ne – man erfährt so näm­lich auch eine men­ge über die qua­li­tät der daten und einträge).

und das herz­stück einer sol­chen unter­neh­mung, die suche? für ein beta-sta­di­um erstaun­lich aus­ge­reift. offen­sicht­lich auch hier die ähn­lich­keit mit der sowie­so schon sehr gelun­ge­nen suche der digi­ta­len biblio­thek. rasant ist sie. in der stan­dard­ein­stel­lung höchs­tens etwas tole­rant, was den abstand zwi­schen meh­re­ren such­be­grif­fen angeht – da kom­men näm­lich schnell eine gan­ze men­ge fund­stel­len zusam­men. sehr schön dann aller­dings die ein­fa­che mög­lich­keit, die her­vor­he­bung der such­be­grif­fe auf den ergeb­nis­sei­ten mit einem klick auch wie­der zu ent­fer­nen – da hat jemand wirk­lich mitgedacht.

also: nach den ers­ten erkun­dun­gen damit: eine tol­le sache mit viel potenzial.

christian pfarr: ein mainzer komponist, schriftsteller, …

anläss­lich der ver­öf­fent­li­chung einer cd mit den auf­nah­men sei­ner drei mes­sen für scho­la und orgel habe ich für die main­zer rhein-zei­tung ein por­trät von chris­ti­an pfarr ange­fer­tigt:

Chris­ti­an Pfarr ist ein gemüt­li­cher Unter­fran­ke, der seit sei­nem Stu­di­um in Mainz hän­gen­ge­blie­ben ist und nun seit fast drei­ßig Jah­ren hier lebt und arbei­tet. Unauf­ge­regt erzählt er von sei­nen künst­le­ri­schen Arbei­ten und kommt dabei schnell ins Plau­dern. Er hat aber auch viel zu sagen, denn trotz sei­nes behä­bi­gen Äuße­ren ist er aus­ge­spro­chen aktiv: Als Kom­po­nist und als Autor hat er eine beein­dru­cken­de Werk­lis­te vor­zu­wei­sen. Und ein Ende ist nicht abzu­se­hen, er fin­det immer neue Pro­jek­te, die sei­ner Wor­te oder sei­ner Musik bedür­fen. Denn Pfarr ist auf bei­den Gebie­ten glei­cher­ma­ßen beschlagen. 
Ange­fan­gen hat er als Sach­buch­au­tor, als Spe­zia­list für Schla­ger, Blues und Jazz. Dar­aus ent­stan­den dann bald schon die ers­ten Roma­ne und Erzäh­lun­gen – ger­ne etwas komö­di­an­tisch ange­haucht und mit Ele­men­ten der Kri­mi­nal­li­te­ra­tur angereichert. 
Und wenn beim Schrei­ben mal nicht mehr wei­ter weiß, dann kom­po­niert er eben erst ein­aml wie­der etwas. Oder er schreibt etwas für einen Kol­le­gen der Kom­po­nis­ten­zunft: So ist Pfarr, der sich selbst schon mal als „Reim­ma­schi­ne“ titu­liert, auch als Libret­tist des Rock­o­ra­to­ri­ums „Weih­nach­ten 21“ von Rei­mund Hess hervorgetreten. 
Doch gera­de wenn es um die Musik geht, weiß er sehr genau, wo sei­ne Wur­zeln sind: „Rock ist mei­ne musi­ka­li­sche Mut­ter­spra­che – da muss schon ordent­lich hin­ge­langt wer­den.“ Auf die­sem Gebiet und den angren­zen­den Area­len hat er auch die meis­te Erfah­rung. Sei es eben als Sach­buch­au­tor oder als Kom­po­nist: Ange­fan­gen hat er mit Jazz­rock-Wer­ken. Doch bald kamen immer mehr Songs und Chan­sons hin­zu. Auch als Kom­po­nist hat er schon so ziem­lich alles mög­li­che gemacht. Sein Haupt­be­ruf als Redak­teur beim SWR macht das mög­lich. Denn so muss er nicht dar­auf ach­ten, mit der Musik auch noch Geld zu ver­die­nen. Und er kann immer in aller Ruhe auf den zün­den­den Ein­fall, die initia­le Inspi­ra­ti­on waren. 
Und jetzt ist er bei Mess­ver­to­nun­gen ange­langt. Dabei muss er ein­ge­ste­hen: „Mit klas­si­scher Kir­chen­mu­sik habe ich nie viel anfan­gen kön­nen.“ Der Ein­fall zu den mitt­ler­wei­le vier Mes­sen kam ihm ganz spon­tan: „Ich hat­te noch ein paar unver­wer­te­te Melo­dien im Kopf, als es mir in den Sinn kam, dar­aus eine Mes­se zu machen.“ Gewor­den ist es die „Mis­sa Sere­na“ für Scho­la und Orgel. Das ist das Beson­de­re dar­an: Die Beset­zung – nicht für viel­stim­mi­gen Chor mit Solis­ten, son­dern für einen ein­stim­mi­gen Chor oder auch eine sin­gen­de Gemein­de. Dar­aus ent­stand dann auch die Mach­art: Kurz soll­ten sie sein, die ein­zel­nen Sät­ze. Und trotz der Beschrän­kung in der Beset­zung sowie der gewollt leich­ten Auf­führ­bar­keit soll­te die Mes­se auch für den Zuhö­rer inter­es­sant sein. Mit Mit­teln des Pop und des Jazz hat Pfarr das geschafft, was bis­her noch kein Kom­po­nist getan hat: Mes­sen zu schrei­ben, die auch unter eher ungüns­ti­gen Bedin­gun­gen auf­zu­füh­ren sind und den­noch rich­tig gut klin­gen. Davon kann man sich nun auch pro­blem­los über­zeu­gen. Denn der Are-Ver­lag, der die Noten in den letz­ten Jah­ren suk­zes­si­ve ver­öf­fent­lich­te, hat nun auch eine CD mit den drei bis­her erschie­nen Mes­sen aufgelegt. 
Eine rein Main­zer Pro­duk­ti­on ist es gewor­den, mit den Sän­gern der „Cap­pel­la Voca­li­tas“ und dem Orga­nis­ten Andre­as Leuck. „Eigent­lich“, erzählt der Ver­lags­lei­ter Hans-Jür­gen Fickel-Schatz, „eigent­lich woll­ten wir das nur als Anre­gung für die Chor­lei­ter auf­neh­men und den Noten bei­le­gen.“ Aber die CD gelang auf Anhieb so gut, dass es sie nun auch sepa­rat gibt. Und wer die­se beru­hi­gend-medi­ta­ti­ve, far­bi­ge Musik aus Mainz kauft, unter­stützt damit auch noch den Dom­bau­ver­ein mit drei Euro pro CD.
Chris­ti­an Pfarr: Drei Mes­sen für Scho­la und Orgel. Cap­pel­la Voca­li­tas & Andre­as Leuck, Orgel. Are 7018. Ver­kauf bei Radio Bau­er und in der Dom-Buch­hand­lung, 10 Euro. 3 Euro pro CD an Dombauverein.

wenn man nicht lesen kann …

… dann soll­te man eigent­lich nicht gera­de als lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin arbei­ten. war­um ich die­se bin­sen­weis­heit hier nie­der­schrei­be? weil vere­na auf­fer­mann heu­te ihre kri­tik von peter kurz­ecks „okto­ber und wer wir selbst sind”, über das ich hier im blog ja auch schon etwas hin­ter­las­sen habe, in der süd­deut­schen zei­tung (lei­der online nicht zu fin­den) ver­öf­fent­licht. und da sind so eini­ge fehl­lek­tü­ren gesam­melt. zum bei­spiel wird Peter Kurz­eck zum „Fall des abso­lu­ten Prä­sens.” das klingt zwar schlüs­sig, stimmt aber über­haupt nicht. denn das span­nen­de und fas­zi­nie­ren­de an kurz­ecks schrei­ben ist ja gera­de, dass er sich nicht (mehr) im prä­sens auf­hält, dass er wie kaum ein ande­rer schrift­stel­ler das ver­ge­hen und die ver­gäng­lich­keit der zeit, des lebens und jeder erin­ne­rung auf­schreibt, zu bewäl­ti­gen ver­sucht, in sprach­li­che for­men fasst. und wie man dann auf die idee kommt, kurz­eck (oder sei­nen erzäh­ler, aber die­se unter­schei­dung inter­es­siert auf­fer­mann offen­bar – wie die meis­ten lite­ra­tur­kri­ti­ker – über­haupt nicht, sie unter­stellt ganz unbe­dingt einen „radi­ka­len BIo­gra­phish­mus”) als „ideale[n] Igno­rant der Außen­welt” zu cha­rak­te­ri­sie­ren, erschließt sich mir auch nicht so ganz.

noch ein bei­spiel gefäl­lig? aber ger­ne doch: auf­fer­mann schreibt über „Okto­ber und wer wir selbst sind”: „Noch bei kei­nem Buch, behaup­tet er, habe die Spra­che ihn so sehr gepackt.” aber das ist blöd­sin­nig. sie macht hier gleich zwei feh­ler: zum einen ist das nicht peter kurz­eck, der die­se behaup­tung äußert, son­dern der erzäh­ler peta. vor allem aber geht es über­haupt nicht das aktu­el­le Buch von Kurz­eck, son­dern um das letz­te Buch des Erzäh­lers! und eini­ge absät­ze spä­ter wird die­se fehl­lek­tü­re noch poten­ziert. jetzt wird eine äuße­rung des erzäh­lers zu sei­nem letz­ten buch („Ein Buch, wie es noch keins gibt, aber wie es scheint, merkt das kei­ner.” – übri­gens auch noch falsch zitiert)) umstands­los peter kurz­eck in den mund gelegt und auch noch nach 1983 datiert

was mich sonst noch so nervt an auf­fer­manns aus­las­sun­gen: sät­ze wie die­ser hier: „Eine Spra­che, die den Satz alter Ord­nung ver­mei­det.” – das steht hier ein­fach mal so her­um. aber was heißt dass denn? ist es über­haupt wahr? und ihre kri­tik ist voll von sol­chen din­gen – sonst aber bie­tet sie wenig, viel zu wenig. natür­lich wer­den die ver­glei­che zu Robert Wal­ser und Mar­cel Proust wie­der auf­ge­ru­fen (wie es sich in letz­ter zeit ein­ge­bür­gert hat, natür­lich nur ex nega­tivo: „Auf die hap­pi­gen und immer wie­der zu lesen­den Ver­glei­che von Proust bis Robert Wal­ser ver­zich­ten wir.” (übri­gens auch mal so ganz neben­bei ein reich­lich unglück­li­cher satz …)). natür­lich wird wie­der fest­ge­stellt, dass man kurz­eck liebt oder eben nicht (ob das so wahr ist, dar­an zweif­le ich durch­aus noch): „Ent­we­der hält man das aus und ver­fällt der Sprach­me­lo­die […] oder nicht. Es gibt kei­ne Vier­tel- oder Halb­lie­be, nur ganz oder gar nicht.” und natür­lich wird auch wie­der das topos der anspruchs­vol­len lite­ra­tur, die zu weni­ge leser fin­det und hat, bemüht: „Bestimmt zu weni­ge, bestimmt schreibt die­ser eigen­wil­li­ge Frank­fur­ter Kyni­ker das Gegen­teil von Mas­sen­wa­re.” (auch das ver­steckt sich wie­der so eine behaup­tung: kurz­eck sei ein Kyni­ker. so wie ich peter kurz­eck, ihn selbst und sei­ne bücher, ken­ne und ande­rer­seits den Kynis­mus als bewusst ent­schie­de­ne Ent­sa­gung mate­ri­el­ler Güter und damit der gewoll­ten Rück­kehr zu der Ein­fach­heit des Natur­zu­stan­des ver­ste­he, kom­me ich da nicht zu einer über­ein­stim­mung. aber lei­der führt auf­fer­mann ja nicht wei­ter aus, inwie­fern kurz­eck kynisch sei.

peter kurzeck: oktober und wer wir selbst sind

schon der titel ist ja ein meis­ter­werk – ein anspruch, den der roman auch einö?sen kann: „Ein Buch, wie es noch keins gibt, aber wie es scheint, merkt das kei­ner.” (154 – das schreibt der erzäh­ler über sein zwei­tes buch. die par­al­le­len zu peter kurz­eck und des­sen „das schwar­ze buch” von 1982 sind natür­lich alles ande­re als zufäl­lig. immer­hin mer­ken die qua­li­tät inzwi­schen ein paar mehr. aber das sind immer noch nur die kri­ti­ker – leser gibt es immer noch zu weni­ge. dabei hät­te die lek­tü­re von kurz­ecks büchern für die meis­ten einen gewal­ti­gen gewinn und erkennt­nis­zu­wachs zu bie­ten – erheb­lich mehr als die bücher, die sich so auf den best­sel­ler­lis­ten tum­meln.) und auch sonst ist es wie­der ein ech­ter kurz­eck – unbe­dingt, etwas mono­ma­nisch, aber fas­zi­nie­rend und fes­selnd. nicht nur wegen der sti­lis­ti­schen vir­tuo­si­tät – kaum ein ande­rer gegen­wär­ti­ger autor hat so einen unver­kenn­bar eige­nen stil oder bes­ser gesagt ton­fall: denn es klingt immer, das von kurz­eck geschrie­be­ne, es schwebt qua­si schwe­re­los wie zar­te kam­mer­mu­sik – son­dern auch sei­ner the­men und moti­ve wegen. das buch ist wie­der über­voll von schö­nen stel­len, schö­nen for­mu­lie­run­gen – eini­ge ste­hen ja auch hier…

der beginn ist schon ein ende und ver­lust – oder umge­kehrt: das ende ist der beginn – der anfang des erzäh­lens: –> von dort star­tet das schrei­ben, das des erzäh­lers und das des autors. aus angst, das gesche­he­ne, d.h. ver­gan­ge­ne, zu ver­lie­ren – und aus die­ser furcht beginnt sofort die suche nach der ver­ge­wis­se­rung: „[…] wisst ihr den Som­mer noch?” (7)

und noch etwas zeigt sich schon auf den ers­ten sei­ten: die gewiss­heit, die ver­gan­gen­heit ver­lo­ren zu haben, ist noch stär­ker als sonst (wenn ich die letz­ten bücher recht erin­ne­re, die lek­tü­re ist jetzt schon eine wei­le her): „unauf­find­bar. […] für immer in einem ker­ker.” (10) da hilft dann nur noch das erzäh­len: erzäh­len, um die wirk­lich­keit (der ver­gan­gen­heit) auf­zu­bau­en, „in Gang” zu halten.

die erin­ne­rung wird aller­dings immer unsi­che­rer, immer unge­rich­te­ter und fra­gi­ler: „Nach­träg­lich kommt dir vor, du hät­test ihn an ein­und­dem­sel­ben Tag wenigs­tens zwei- oder drei­mal gehört.” (50) aber alles ist ver­lo­ren, die erin­ne­rung, das gedächt­nis, die orte, die gan­ze ver­gan­ge­ne rea­li­tät – und die gegen­wart als zuk?nftige ver­gan­gen­heit auch schon: „Wo ist der Tag hin?” (50) und die­se ahnung der wie­der­ho­lung der rea­li­tät greift inzwi­schen selbst auf die träu­me aus: „[…] oder den glei­chen Traum immer wie­der?“ (75) aber noch ist hoff­nung (frei­lich ist die auch schon zwie­späl­tig und gebro­chen): „Und dann bleibt dir für immer das Bild.” – man muss es nur rich­tig und immer wie­der erzäh­len. die fra­ge ist dann nur: „wohin jetzt mit die­ser geschich­te?” (71). für die­se art zu erzäh­len, zu schrei­ben gibt es aller­dings kei­ne direk­ten wege – und genau das macht eine wesent­li­che fas­zi­na­ti­on der lek­tü­re aus: „beim erzäh­len immer noch einen umweg.” (29). schlie?lich ist das gan­ze buch ein ein­zi­ger umweg – eigent­lich soll­te es nur ein ein­zi­ges kapi­tel der vor­ge­schich­te sein, kein eige­ner roman.

auch das schrei­ben an sich spielt natür­lich (wie­der) eine gro­ße rol­le – von anfang an. und wie­der ist der erzäh­ler sei­nem text ziem­lich gna­den­los aus­ge­lie­fert: „Noch bei kei­nem Buch hat die Spra­che mich so sehr gepackt, wie bei die­sem – oder denkst du das jedes­mal wie­der?” (19) ins­be­son­de­re die enden der kapi­tel füh­ren immer wie­der zum pro­zess des schrei­bens hin, zum erzäh­len an sich, zu den pro­jek­ten des erzäh­lers. und die sind schon lan­ge mehr oder weni­ger zwang­haft gewor­den: „Aus­nahms­wei­se viel­leicht heut nicht mehr? Aus­ru­hen? Eine Pau­se? Aber das fehlt mir dann mor­gen früh und was fehlt, fehlt für immer.” (111) sp?ter hei?t es dann noch ein­mal: „Doch inzwi­schen will die Zeit, die kein Eins­se­hen hat, mir kei­ne Ruhe mehr las­sen.” (162)

und natür­lich auch die zeit an sich wie­der the­ma – das the­mas über­haupt, das kurz­eck in sei­nen büchern umtreibt (vor allem natür­lich in der chro­nik der frank­fur­ter acht­zi­ger): hier ist sie aber noch offe­ner the­ma­ti­siert als in den letz­ten wer­ken: „Die Zeit. Als ob man sich selbst sucht. Wo bin ich, wenn ich nicht bei mir bin? Wo geht die Zeit mit uns hin?” (23) oder spä­ter: „Daß die Zeit auch so schnell ver­geht! Man weiß es und kann es doch nicht begrei­fen” (101)
die pro­ble­me der zeit: einer­seits fliegt sie, rast davon – ande­rer­seits ver­lang­samt sie bis zum still­stand: „Ist für uns die Zeit ste­hen­ge­blie­ben? Ist es jeden Herbst wie­der der glei­che Tag?” (45) und dann taucht aber auch noch immer wie­der die fra­ge auf: „Wie soll man die Zeit erzäh­len?” (77) die kern­fra­ge, die kurz­eck (und sei­nen erzäh­ler) schon län­ger beschäf­tigt und beglei­tet, wird nun immer expli­zi­ter gestellt: „[…] und in Ruhe die Zeit, immer wei­ter die Zeit auf­schrei­ben. Den Fluß und die Zeit und das gan­ze Land.” (121)

viel stär­ker spie­len dane­ben aller­dings auch die fra­gen der rea­li­tät eine rol­le: gibt es zeit über­haupt? gibt es die din­ge, vor allem aber gibt es orte? – oder ist alles nur aus­ge­dacht, ima­gi­niert? die zeit wird dabei auch noch stär­ker ver­ding­licht, zum objekt gemacht: „Wie die zeit selbst. als ob es die zeit ist, die immer­fort über sie hin­streicht, unab­läs­sig, die hei­li­ge zeit.” (94) mehr noch als frü­her tritt dem leser peter kurz­eck hier nicht nur als phä­no­me­no­lo­ge, son­dern auch als erkennt­nis­kri­ti­ker gegen­über. genau des­halb beherrscht ihn auch der zwang zur wie­der­ho­lung (und zur wie­der­ho­lung gehürt auch das erzäh­len als wie­der­ho­len – auf ande­rer stu­fe – der erleb­ten wirk­lich­keit): „Man muß sie glau­ben, weil man sie sieht, aber kann sie sich nicht erklä­ren.” (47) – und dann sind ja da noch „über­all Zei­chen. […] Aber wie soll man die Zei­chen deu­ten?” (49) – Zei­chen haben sich ubi­qui­tär aus­ge­brei­tet, alles wird zum Zei­chen, der Erzäh­ler weiß nicht mehr, was jetzt Zei­chen ist und was nicht – von der Fra­ge ihrer Bedeu­tung natür­lich ein­mal ganz abgesehen.

ein ande­res motiv, dass neu ist, durch­zieht den text auch noch: der vater des erzäh­lers taucht immer mehr und deut­li­cher auf – bis­her war es vor allem die mut­ter der erzäh­lers „peter”, die in den tex­ten vor­kam – hier wird immer wie­der auch auf den vater bezug genommen.

und das alles gibt wie­der so einen herr­li­chen text, das man nur ins schwär­men kom­men kann. wie anders kann man auch auf sol­che zei­len reagie­ren: „Man kommt an und Ort und Zeit war­ten schon” (173)?

peter kurz­eck: okto­ber und wer wir selbst sind. frank­furt am main: strom­e­feld 2007.

ein kleiner nachtrag zum hubert-fichte-jubiläum

„Es erge­ben sich Über­schnei­dun­gen“ heißt es am Anfang der Palet­te. Und das ist, das klit­ze­klei­ne Hubert-Fich­te-Jahr zum 20. Todes­tag macht es deut­lich, noch sehr unter­trie­ben. Im Zen­trum steht natür­lich das etwas über­ra­schen­de Erschei­nen des Ban­des Die zwei­te Schuld von Fich­te selbst. Fischer, inzwi­schen Fich­tes Haus­ver­lag, hat sich ent­schlos­sen, die Geschich­te der Emp­find­lich­keit, die­ses viel­köpf­ri­ge Mons­ter, mit dem Fich­te sein schrift­stel­le­ri­sches Werk krö­nen woll­te, damit vor­zei­tig zum Abschluss zu brin­gen. Das bringt aller­dings wenig Über­ra­schun­gen, wenig prin­zi­pi­ell Uner­war­te­tes. Auch die span­nen­de Fra­ge, war­um Fich­te die­ses Buch mit einem Sperr­ver­merk ver­se­hen hat­te, hängt plötz­lich ganz und gar in der Luft: So spek­ta­ku­lär ist das alles gar nicht. Über den Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung kann man übri­gens treff­lich strei­ten. Und das ist schon typisch für alles, was mit der Geschich­te der Emp­find­lich­keit zu tun hat: Defi­ni­ti­ve Klar­hei­ten gibt es hier im Moment fast gar kei­ne, zu oft hat Fich­te hier selbst noch geschwankt. Auch sei­ne Anga­ben zur Dau­er der Sperr­frist vari­ie­ren, man hät­te das Buch auch guten Gewis­sens und mit guten Argu­men­ten erst in 10 Jah­ren her­aus­brin­gen kön­nen. Davon abge­se­hen, ist Die zwei­te Schuld eigent­lich ein unmög­li­ches Buch. Und das mehr­fach: Es ist ein­fach nicht fer­tig – und nir­gends­wo in der Geschich­te der Emp­find­lich­keit fällt das so sehr auf wie hier -, es ist aber auch eine dop­pel­te Zumu­tung an den Leser: Von Fich­te selbst und sei­tens der Herausgeber.

Das The­ma ist der deut­sche Lite­ra­tur­be­trieb – mit einem leicht eth­no­lo­gisch gefärb­ten Blick und der ewi­gen Suche suche nach den wah­ren Moti­ven des Han­delns ent­wi­ckelt Fich­te die Sze­ne­rie des Lite­ra­ri­schen Col­lo­qi­ums in Ber­lin mit sei­nen Teil­neh­mer, den Dozen­ten und Fich­te selbst. Das Buch trägt außer­dem den Unter­ti­tel „Abbit­te an Joa­chim Neu­grö­schel“. Und damit ist offen­bar das stärks­te Motiv für die­se Arbeit genannt. Denn Fich­te geht es gar nicht so sehr um das LCB selbst, son­dern viel mehr um die sich dort mani­fes­tie­ren­den Macht­struk­tu­ren und kreuz und quer ver­lau­fen­den Anti- und Sym­pa­thien. Erar­bei­tet und geschrie­ben ist das ganz offen­sicht­lich aus einem Unbe­ha­gen, als Teil­neh­mer in die­seSi­tua­ti­on selbst ver­wi­ckelt gewe­sen zu sein, die anläss­lich einer Kri­tik eines Tex­tes von Neu­grö­schel durch Grass, die Fich­te beden­ken­los fort­setz­te, in einem sym­bo­li­schen Juden- und/​oder Schwu­len­mord gip­felt. Dafür hat Fich­te eini­ge der dama­li­gen Teil­neh­mer inter­viewt. Und das sind natür­lich wie­der typi­sche Fich­te-Inter­views, mit ihrer beson­de­ren Inten­si­tät und dem zwar genau geführ­ten und gesteu­ert, aber sich stets kol­lo­quial geben­den Dia­log-Ablauf. Gespro­chen hat er mit Neu­grö­schel selbst, mit Elfrie­de Gers­tel, Her­mann Peter Piwitt und Wal­ter Höl­le­rer. Dazu kom­men immer wie­der kur­ze Skiz­zen, klei­ne Situa­ti­ons­be­schrei­bun­gen aus Ber­lin und der Grup­pe 47. Und am Ende noch eine frü­he Fich­te-Erzäh­lung, „Im Tiefstall“.

Ver­zwei­feln kann man an die­sem Buch, d.h. an sei­ner äuße­ren Gestalt. Denn so lobens­wert es ja von den Leu­ten bei Fischer ist, das noch zu ver­öf­fent­li­chen – hät­te man das nicht gleich rich­tig machen kön­nen? Wie die gesam­te Geschich­te der Emp­find­lich­keit ist das auch ein furcht­ba­rer misch­masch und nicht nur völ­lig inkon­se­quent, son­dern auch unprak­tisch und dadurch fast unles­bar. Z.B. das Höl­le­rer-Inter­view, oder bes­ser gesagt die kärg­li­chen Res­te, die Fich­te noch selbst tran­skri­biert hat­te. Im Manu­skript sind die Gesprächs­fet­zen noch mit den Initia­len ver­se­hen – weil zwi­schen­durch vie­le Dia­log­tei­le feh­len, ist das ja nicht gera­de ganz ver­kehrt. Jetzt ste­hen da nur noch Spie­gel­stri­che. Und spä­tes­tens nach ein paar sei­ten muss man raten, wer gera­de spricht – sehr müh­sam ist so etwas… Denn damit ist der zen­tra­le Teil des geplan­ten Ban­des eigent­lich über­haupt nicht les­bar, ganz zu schwei­gen davon, dass noch zwei wich­ti­ge Inter­views ganz und gar feh­len, die hat Fich­te noch nicht ein­mal geführt: Mit Oswald Wie­ner und HC Artmann.

Schon des­halb wäre der Unter­ti­tel, den Fich­te notiert hat, eigent­lich gar nicht so schlecht gewe­sen: Frag­men­te. Nun heißt der Band aber „Glos­sen“, eine der frag­wür­di­ge­re­ren Her­aus­ge­ber-Ent­schei­dun­gen. Die zwei­te Schuld ist wahr­schein­lich vor allem der Band der Geschich­te der Emp­find­lich­keit, der die Schwie­rig­kei­ten – und lei­der eben auch die Unzu­läng­lich­kei­ten – die­ser pos­tu­men Edi­ti­on am stärks­ten her­vor­te­ten lässt. Nur als zwei Bei­spie­le noch: Das unfer­ti­ge Höl­le­rer-Inter­view dru­cken die Her­aus­ge­ber mit den Coun­ter­num­mer ab, denn: „Die Lizenz Fich­tes, eine unor­tho­do­xe Gram­ma­tik und Syn­tax unge­fil­tert zu belas­sen und dafür eine ent­spre­chen­de infor­mel­le Inter­punk­ti­on ein­zu­set­zen, machen die­se zum Instru­ment, das prä­zi­se das Aus­ge­sagt über­mit­telt“ – was immer das hei­ßen soll. Oder die abschlie­ßen­de Erzäh­lung „Im Tief­stall“. Die wird gedruckt nach einer Ver­öf­fent­li­chung von 1965, nicht nach der Form, in der sie Hubert Fich­te maschi­nen­ge­schrie­ben in das Manu­skript ein­ge­fügt hat­te – ohne das irgend­wie zu begründen.

Ähn­lich unbe­frie­di­gend sind auch ande­re Novi­tä­ten, z.B. die Edi­ti­on der Hör­wer­ke bei Zwei­tau­send­eins. Immer­hin ist sie jetzt über­haupt mal erschie­nen, nach lan­gen, lan­gen Ver­zö­ge­run­gen. Aber auch hier wie­der ist die Art der Ver­öf­fent­li­chung zumin­dest ernüch­ternd, wenn nicht ver­är­gernd. Davon, dass die Kom­pri­mie­rung auf 2 mp3-CDs weder der klang­qua­li­tät noch dem Hand­ling irgend­wie ent­ge­gen­kommt (so teu­er sind doch CD-Pres­sun­gen gar nicht mehr?), die Aus­wahl bleibt, um es mil­de aus­zu­drü­cken, unbe­frie­di­gend. Fast alles wich­ti­ges fehlt: die vie­len Hör­spie­le – zu nen­nen wäre ja nur Ich wür­de ein oder Lohen­steins Ibra­him Bassa schlum­mern wei­ter­hin in den Rund­funk­ar­chi­ven – mit Aus­nah­me von Gott ist ein Mathe­ma­ti­ker, das ja schon vor eini­ger Zeit bei sup­po­sée wie­der zugäng­lich gemacht wur­de. Dort gibt es ja auch schon die wirk­lich her­aus­ra­gen­de Fich­te-Lesung im Ham­bur­ger Star­club, sei­ne Palais‑d’amour-Interviews und sei­ne Gesprä­che mit Lil Picard. Das alles hat Zwei­tau­send­eins natür­lich nicht. Dafür eine Men­ge Rund­funk­le­sun­gen, deren Aus­sa­ge­kraft sich in sehr engen Gren­zen bewegt. Denn die sind zwar alle­samt nicht schlecht, aber doch auch ziem­lich belang­los. Denn Fich­te liest in der ste­ri­len Atmo­sphä­re des Stu­di­os gewöhn­lich auch ent­spre­chend nüch­tern. Höhe­punk­te sind aber auch zu ver­zeich­nen. Das Fea­ture Djem­ma el Fna, das fast schon ein Hör­spiel ist (und damit ganz typisch für Fich­tes ganz eige­nen umgang mit dem Medi­um Radio). Auch das kur­ze Hör­spiel Romy und Juli­us von 1973, eine rol­len­ver­tau­sche Ver­si­on von Romeo und Julia, gehört ohne Zwei­fel zu den bes­se­ren arbei­ten Fich­tes. Und immer­hin ist auch San Pedro Cla­ver dabei, das Fich­te selbst zu sei­nen zen­tra­len Wer­ken gezählt hat und das sich die letz­ten Lebens­ta­ge des spa­ni­schen Jesui­ten und Mis­sio­nars in einem echt radio­pho­nen, 14stimmigen ima­gi­nä­ren Raum vor­stellt – eine para­do­xe Figur, gefan­gen zwi­schen ihrer Lie­be zu den Skla­ven und der Ange­hö­rig­keit zu einer ver­skla­ven­den Macht, der katho­li­schen Kir­che, vor­ge­stellt in einer Art sze­ni­scher Ritus, den Fich­te fas­zi­nie­rend sicher und wirk­mäch­tig beherrschte.

Es hat sich aber noch mehr getan. Schon im letz­ten jahr, 2005, war in den Ham­bur­ger Deich­tor­hal­len die „Lebens­rei­se“ von Hubert Fich­te und Leo­no­re Mau zu sehen. Das Kata­log­buch dazu schrieb Wil­fried F. Schmoel­ler – als eine Art vor­läu­fi­ge Bio­gra­phie Fich­tes. Er scheut nicht vor sei­nen Urtei­len zurück, weiß auch viel und hat eini­ges Licht in die Rei­sen Fich­tes gebracht. Nur zu Leo­no­re Mau und ihren Foto­gra­phien fällt ihm erstaun­lich wenig ein, näm­lich fast gar nichts. Dafür gibt es – bei einem als Aus­stel­lungs­ka­ta­log kon­zi­pier­ten Buch natür­lich kaum anders zu erwar­ten – eine gro­ße Aus­wahl von ihr und ande­ren Foto­gra­phen (etwa Chris­ti­an von Alvens­le­ben, der Fich­te für sein wun­der­schön kit­schi­ges Port­fo­lio 1960 einen Tag bei der Land­wirt­schafts­ar­beit in der Pro­vence beob­ach­te­te). Das hät­te ein schö­nes und ein gutes Buch wer­den kön­nen, das auch ohne die Aus­stel­lung hilf­reich und wohl­tu­end ist. Denn Schoel­ler schreckt nie vor deut­li­chen Wor­ten und eige­nen Wer­tun­gen zurück. Aber es ist doch nur eine Mogel­pa­ckung, ein Eti­ket­ten­schwin­del: Leo­no­re Mau ist eben wie­der ein­mal nur die foto­gra­fie­ren­de Dich­ter­gat­tin, die zur Illus­tra­ti­on ein paar Bil­der bei­steu­ern darf, sonst aber nach Mög­lich­keit über­haupt nicht vor­kommt. Es bleibt also doch wie­der nur Fich­tes „Lebens­rei­se“, die für Schoel­ler eher ein „Lebens­la­by­rinth“ ist (aber wer kann das nicht von sich behaup­ten?) Sei­nem „Rei­se­fahr­plan“ folgt Schoel­ler, mit aus­wer­tung der ver­streu­ten Daten, auch der Rei­se­päs­se, und stellt pflicht­ge­mäß auch die dabei ent­stan­den Bücher vor, was bei der Geschich­te der Emp­find­lich­keit zu recht kurio­sen Ein­schät­zun­gen und Ver­knap­pun­gen führt. Es hat fast den Anschein, als sei das als Vor­ar­beit, Para­li­po­me­na einer Bio­gra­phie zu ver­ste­hen – die Fra­ge ist dann nur noch, wer wagt sich als ers­tes, sei­ne Arbeit wirk­lich so zu nen­nen. Denn geschrie­ben wird sie, mehr oder weni­ger aus­führ­lich und direkt, von nahe­zu allen, die über Fich­te ver­öf­fent­li­chen. Es wäre wohl auch das nächs­te, das fol­ge­rich­ti­ge Pro­jekt – neben einer „rich­ti­gen“ Werk­aus­ga­be. Aber gera­de die wird wohl, vor allem was die Geschich­te der Emp­find­lich­keit betrifft, noch eine Wei­le Desi­de­rat bleiben.

Auch Peter Braun hat sich auf eine Rei­se bege­ben, Eine Rei­se durch das Werk von Hubert Fich­te. Das ist ein Ver­such, eine „spe­zi­fi­sche Poe­tik der Orte“ zu beob­ach­ten oder zu kon­sti­tu­ie­ren. Aber genau in die­sem Punkt bleibt die Arbeit von Braun fra­gil, schwam­mig, und unbe­stimmt: Wor­in sich denn die Orte nun genau unter­schei­den, was das „orts­ge­bun­de­ne Erzäh­len“ (43) denn nun wirk­lich aus­macht – wird kaum deut­lich. Klar, bestimm­te Din­ge passier(t)en nun ein­mal an bestimm­ten Orten. Aber ist Fich­tes Zugriff auf die Djem­ma el Fna wirk­lich kate­go­ri­al anders als der auf, sagen wir, den Gän­se­markt? Oder die Palet­te? Braun geht übri­gens noch ein Schritt­chen wei­ter als Schoel­ler und sieht den gan­zen lite­ra­ri­sche out­put gleich als „Lebens­schrei­bung“ – damit ist er dann end­gül­tig leg­timiert, das Leben und das Werk des Autors belie­big durch­ein­an­der zu wer­fen. Ent­spre­chend umstand­los springt Braun dann auch hin und her. Über­haupt ist er ein ganz gro­ßer Inte­gra­tor. Alles wird zu einem gro­ßen Buch, Leben und Werk, Roman und Inter­view, Hör­spiel und Fea­ture wird zu einem ein­zi­gen, gigan­ti­schen Werk zusam­men­ge­mixt – natür­lich hat er dabei ein klei­nes biss­chen Recht, die inter­tex­tu­el­len Bezü­ge sind ja schon bei der ers­ten Lek­tü­re über­haupt nicht zu über­se­hen. Aber er ver­liert dabei doch lei­der immer wie­der die jeweils eige­nen Qua­li­tä­ten der Tex­te aus den Augen. Zeit­li­che Struk­tu­ren der Erzäh­lun­gen Fich­tes kann Peter Braun etwa nur unzu­rei­chend, nur sehr neben­bei, über­haupt ein­mal wür­di­gen. Wenn man das so hin­ter­ein­an­der weg liest, drängt sich fast ein etwas unlieb­sa­mer Ein­druck auf: Irgend­wie bleibt ein scha­les Gefühl. Denn neu ist das nicht. Das führt bekann­te Moti­ve, Ideen, Ana­ly­sen wei­ter, aber ohne dabei wirk­lich neue Per­spek­ti­ven auf Fich­tes Wer­ke zu eröff­nen: Ein beson­de­rer Erkennt­nis­ge­winn ist hier nicht zu beob­ach­ten. Das trifft im grun­de vor allem Peter Brauns Buch – von einem Aus­stel­lungs­ka­ta­log muss man nicht unbe­dingt eigen­stän­di­ge For­schung erwar­ten. Aber auch Braun hat das bedacht und will die „Rei­se“ als Ein­füh­rung ver­stan­den sehen: „vor­ran­gi­ges Ziel […] ist es, die Schwel­le vor der eige­nen Lek­tü­re zu sen­ken.“ (16) Aber dann stellt sich natür­lich die Fra­ge: für wen bloß? Und es macht dann doch den Ein­druck, als sol­le es den geplag­ten Stu­den­ten von der Last befrei­en, Fich­te über­haupt zu lesen – die exten­si­ve, sei­ten­lan­ge Zitie­re­rei trägt da nicht unwe­sent­lich zu bei.

Wer lesen kann und das womög­lich gar selbst tut, ist dage­gen ein­deu­tig im Vor­teil – das Meis­te von dem, was Braun hier ver­sam­melt, kann, soll und muss man doch recht eigent­lich selbst ent­de­cken – es hat etwas von Vor­ver­dau­ung, wenn er aus­führ­lich und durch­aus in der Sache zutref­fend, aber letzt­lich auch über­flüs­sig für den­ken­de und ver­ste­hen­de Leser, die gan­zen Quer­ver­bin­dun­gen in Fich­tes Pro­sa auf­zu­trö­deln sucht.
Sein Blick­win­kel ist dafür natür­lich sehr stark fokus­siert (um ihn nicht ein­ge­schränkt zu nen­nen) und etwas mono­gam: Er kon­zen­triert sich auf die ein­zel­nen Orte, wo Schoel­ler mehr das Ele­ment der Rei­se, also der Bewe­gung, im Blick­feld hat: die per­ma­nen­te Ver­än­de­rung, Trans­gres­si­on, Trans­for­ma­ti­on, wie auch immer. Und er ent­deckt die­se Pro­zes­se auch in der Pro­sa Fich­tes, v.a. in der eth­no­lo­gi­schen (falls man die mal behelfs­wei­se so benen­nen darf, auch wenn es nicht ganz exakt zutrifft) natür­lich beson­ders deut­lich. Für Schoel­ler zeigt sich Fich­tes Rei­sen dabei letzt­lich nur als (mehr oder min­der) äußer­li­cher Aus­druck einer „Expe­di­ti­on nach Innen“, eines per­ma­nen­ten For­schens in nur schein­bar chao­ti­schen Sprün­gen zwi­schen Ham­burg und Bahia de Sal­va­dor, Schro­ben­hau­sen und São Luíz de Maranhão.

Allen, die das schon selbst gemerkt haben und sich immer noch näher mit Fich­te beschäf­ti­gen wol­len, sei unbe­dingt emp­foh­len: Micha­el Fischs Biblio­gra­phie, die auch gera­de in einer Neu­fas­sung erschie­nen ist. Selbst so etwas harm­lo­ses wie eine Biblio­gra­phie, die den pas­sen­den Titel Explo­si­on der For­schung führt, geht nicht ohne Tru­bel von­stat­ten, wenn es um Hubert Fich­te geht. Damals, beim Erschei­nen der ers­ten Fas­sung 1996, gab es eini­gen Wir­bel mit der Ham­bur­ger Hubert-Fich­te-Arbeits­tel­le, die auch Anspruch auf die­se Biblio­gra­phie erhob. Aber egal wie: Hilf­reich ist das schon, auch wenn die Glie­de­rung nicht immer bis ins Letz­te über­zeugt. Und doch ist sie eben genau in die­ser Form (auch) ein kla­res Zei­chen für den momen­ta­nen Umgang mit Fich­te: Die Erfor­schung scheint sich in einer Kon­so­li­die­rungs­pha­se, im Über­gang, zu befin­den: Der Autor ent­schwin­det lang­sam aber unauf­halt­sam und muss immer wie­der neu ent­deckt, d.h. ver­stan­den wer­den. Es könn­ten sich also noch ein paar mehr Über­schnei­dun­gen ergeben.

  • Hubert Fich­te: Die zwei­te Schuld. Glos­sen. (Die Geschich­te der Emp­find­lich­keit). Frankfurt/​Main: S. Fischer 2006.
  • Hubert Fich­te: Hör­wer­ke 1966–86. Hres­aus­ge­gebn von Robert Galitz, Kurt Krei­ler und Mar­tin Wein­mann. Frankfurt/​Main: Zwei­tau­send­eins 2006.
  • Wil­fried F. Schoel­ler: Hubert Fich­te und Leo­no­re Mau. Der Schrift­stel­ler und die Foto­gra­fin. Frankfurt/​Main: S. Fischer 2005.
  • Peter Braun: Eine Rei­se durch das Werk von Hubert Fich­te. Frankfurt/​Main: Fischer Taschen­buch 2005.
  • Micha­el Fisch: Hubert Fich­te – Explo­si­on der For­schung. Biblio­gra­phie zu Leben und Werk von Hubert Fich­te. Unter Berück­sich­ti­gung des Wer­kes von Leo­no­re Mau. Bie­le­feld. Ais­the­sis 2006.

(steht auch in der test­card no. 16)

rainald goetz ist wieder im internet unterwegs

eigent­lich ste­he ich unter­neh­mun­gen, die die signa­tur „rai­nald goetz” tra­gen, ja sehr auf­ge­schlos­sen und posi­tiv gegen­über. „abfall für alle”, sein ers­tes gro­ßes inter­net­pro­jekt – mit dem er ja auch der zeit eher vor­aus war – hat mich begeis­tert (übri­gens auch noch als buch!). 

aber sein neu­es­tes pro­jekt, der bei vani­ty fair unter­ge­schlüpf­te „klage“-blog lässt mich etwas rat­los zurück. schon war­um er aus­ge­rech­net bei vani­ty fair unter­ge­schlüpft ist, ver­ste­he ich nicht ganz (aber na gut, auch ein rai­nald goetz muss von irgend etwas leben).

dort prä­sen­tiert er also: erra­ti­sche tex­te, deren zusam­men­hang für mich noch völ­lig offen ist. das wird jetzt ja auch offi­zi­ell ein blog genannt. manch­mal scheint es mir, als ver­su­che er ver­zwei­felt, sich von „nor­ma­len” blog­gern abzu­set­zen. mal sehen, was da noch bei her­aus­kommt. immer­hin, da schlägt der ech­te goetz eben unbe­dingt durch (zum glück, möch­te ich sagen), ver­or­tet er sich ein­deu­tig auf der sei­te des tex­tes – ganz all­ge­mein und auch im medi­um inter­net (wie sich hier nach­le­sen lässt)

hofmannsthal gemalt

ulrich wein­zierl behaup­tet, „skiz­zen” zum „bild“ hugo von hof­manns­thal geschrie­ben zu haben. mei­ne über­zeu­gung nach der lek­tü­re: das sind nur stu­di­en zum hin­ter­grund des por­träts. und ein bild ohne sei­nen gegen­stand ist ziem­lich lang­wei­lig. dazu passt, dass er aus hof­manns­thal einen schrift­stel­ler ohne werk macht. lite­ra­ri­sches kommt in die­sem rund­gang durch hof­mannst­hals epis­to­lo­gra­phi­sches werk näm­lich so gut wie gar nicht vor.

dafür hat wein­zierl alles an brie­fen und zeug­nis­sen gele­sen, was es zu hof­manns­thal gibt, und auch ganz flei­ßig exzer­piert. und dann hat er sei­nen zet­tel­kas­ten abge­schrie­ben. bezeich­nend für die­se arbeits­wei­se ist das freun­de-kapi­tel, zugleich der haupt­teil der nicht gera­de umfang­rei­chen stu­die: dort erfährt man im end­ef­fekt mehr über die freun­de als über den eigent­li­chen gegen­stand, hugo von hof­manns­thal. so ent­ste­hen knapp 230 sei­ten, dafür aber fast 1000 fuß­no­ten, die aus­schließ­lich zitat­nach­wei­se bie­ten (mit aus­nah­me einer quel­le hat der autor näm­lich alles in die end­no­ten gepackt).

das wesent­li­che fehlt aber. hof­manns­thal bleibt blass: kein mensch wird hier beschrie­ben, kei­ne per­son – nur äuße­run­gen wer­den refe­riert. noch nicht ein­mal einen mini­ma­len bio­gra­phi­schen abriss leis­tet sich wein­zierl – für wen ist das buch denn dann eigent­lich gedacht? denn sei­ner ansicht nach gibt es ja über­haupt gar kei­ne taug­li­che bio­gra­phie des autors. auch weder die epo­che wird ein­ge­hend cha­rak­te­ri­siert noch der mensch. gut, in bezug auf die epo­che gibt es immer­hin ansät­ze – was das gesell­schaft­li­che leben angeht vor allem, in hin­blick auf poli­ti­sche oder gar kul­tu­rel­le zusam­men­hän­ge gibt sich wein­zierl bedeckt.

die for­schung bleibt immer anonym, mit for­mu­lie­run­gen wie „neu­es­te for­schun­gen” mogelt sich wein­zierl da durch. ande­re bio­gra­phien oder deren ver­su­che hat er kaum zur kennt­nis genom­men bzw. kaum ver­wer­tet. zumin­dest spie­gelt der text kei­ner­lei aus­ein­an­der­set­zung wider. sei­ne eige­nen urtei­le erschei­nen mir – der ich kein exper­te auf die­sem gebiet bin – dann immer etwas frei­schwe­bend, sozu­sa­gen feuil­le­to­nis­tisch: poin­tiert bis ins extrem, aber ohne wirk­lich sach­hal­ti­ge nach­wei­se oder bele­ge. dafür mokiert sich wein­zierl aus­ge­spro­chen gern über jeden ein­zel­nen schreib­feh­ler in den brie­fen, beson­ders wenn er den absen­der in sei­nem ver­hält­nis zu hof­manns­thal sowie­so nega­tiv zeich­nen will.

selt­sam und befremd­lich fand ich auch sei­ne marot­te, zwi­schen homo­phi­lie, homo­ero­tik und homo­se­xua­li­tät belie­big hin- und her­zu­wech­seln – je nach bedarf. eigent­lich erscheint mir ja schon die gern gebrauch­te wen­dung der homo­ero­tik als hal­be korin­then­ka­cke­rei und augen­wi­sche­rei, wird sie doch in der regel – ins­be­son­de­re bei tho­mas mann – gebraucht, um eine nicht prak­ti­zier­te, nicht offen und umfas­send aus­ge­leb­te homo­se­xua­li­tät zu beschrei­ben. das mag ja noch ange­hen, aber dann noch eine homo­phi­lie – die, wenn ich das rich­tig sehe, vor allem eine jugend­li­che schwär­me­rei sein soll – zu kon­stru­ie­ren, ist doch irgend­wie lächer­lich: ent­we­der geht es um eine (sexu­el­le) ori­en­tie­rung oder um freundschaft.

ins­ge­samt hin­ter­lässt mich wein­zierl zutiefst unbe­frie­digt: die rät­sel­haf­tig­keit, das sprung­haf­te wesen hof­manns­thal, wie es sich gera­de in der Pfle­ge (oder Zer­stö­rung) sei­ner Freund­schaft zeigt, den zahl­rei­chen brüs­kie­run­gen eben­so wie den fle­hen­den bit­ten um ver­ge­bung, las­sen wein­zierl (und damit sei­ne leser auch) aus­ge­spro­chen rat­los zurück. viel mehr als blo­ßes refe­rie­ren leis­tet er da, wo es um das eigent­lich der bio­gra­phie, die erfor­schung des cha­rak­ters, gehen soll­te, nicht. dafür zieht er sich, je wei­ter er im text fort­schrei­tet, immer mehr auf ein äußerst sim­pli­zis­ti­sches erklä­rungs­mo­dell zurück: hof­manns­thal war halt ein genie und hat ent­spre­chend uner­klär­lich gehan­delt. das gip­felt dann in solch absur­den und idio­ti­schen sät­zen wie die­sem: „hat hugo von hof­manns­thal sei­ne frau see­lisch miß­han­delt? kei­nes­wegs mehr, als jedes ande­re genie das eben tut.” (210) mehr braucht man dazu wirk­lich nicht sagen.

ulrich wein­zierl: hof­manns­thal. skiz­zen zu sei­nem bild. darm­stadt: wis­sen­schaft­li­che buch­ge­sell­schaft 2006 (wien: zsol­nay 2005).

und noch einmal etwas zum lieben marcel

mrr bekommt jetzt noch einen ehren­dok­tor (wofür eigent­lich?), den neun­ten (bzw. den sechs­ten in deutsch­land), wie er, stolz wie oskar, unbe­dingt erwäh­nen muss im inter­view, dass die „welt” aus die­sem anlass mit ihm führ­te. schön und gut, wenn die hum­boldt-uni­ver­si­tät meint, mrr müs­se unbe­dingt geehrt wer­den, soll sie doch … aber dann kommt gleich wie­der so ein typi­scher reich-rani­cki-satz: „Ber­lin, das war für mich der damals ver­pön­te Hein­rich Hei­ne. Das war für mich selbst­ver­ständ­lich Tho­mas Mann.” ber­lin = tho­mas mann? in den 1930ern? wie kommt man denn bit­te dar­auf? dafür gibt es doch nun wirk­lich kei­ner­lei anlass, weder bio­gra­phi­schen noch lite­ra­ri­schen: tho­mas mann war lübeck und/​oder mün­chen, aber doch nicht ber­lin. weder spielt die stadt in sei­nen wer­ken noch in sei­nem leben eine grö­ße­re rol­le. und umge­kehrt schon gar nicht. der rest ist dann nur noch das übli­che nichts­sa­gen­de geblub­ber: ein kri­ti­ker, der sich wei­gert, posi­ti­on zu bezie­hen; hoch­tra­ben­des gewäsch über die rol­le der juden in der zeit­ge­nös­si­schen deut­schen lite­ra­tur etc: mrr eben.

botho strauß träumt und phantasiert

es ist ja immer so eine sache mit den tex­ten von botho strauß: sie lie­gen mir nicht unbe­dingt. aber sie las­sen qua­li­tä­ten erken­nen. das gilt auch für die nacht mit ali­ce, als julia ums haus schlich. ein selt­sa­mes traum­buch ist das, beherrscht von der ödnis der städ­te bzw. der stadt, näm­lich ber­lins. und schon sind wir mit­ten im pro­blem: der topos der öden, kal­ten, lee­ren stadt – das ist schon ziem­lich vorgestrig …

ver­blass­te, sche­men­haf­te men­schen­ge­stal­ten schwe­ben durch den text, die oft mehr schat­ten als fleisch und blut sind, lose über zufäl­li­ge und ange­ord­ne­te begeg­nun­gen mit­ein­an­der ver­knüpft. strau­ße schreibt hier sei­ne sicht der gegen­wart nach der post­mo­der­ne ‑die war ja im „par­ti­ku­lar“ und vor allem der „beginn­lo­sig­keit“ an der rei­he gewe­sen. jetzt ist alles leer und frei von alten sinn­ga­ran­ten, die nicht ein­mal mehr als zitat oder mate­ri­al für col­la­gen o.ä. vor­kom­men – ödnis eben. statt des­sen, statt der wah­ren welt, herrscht eine traum­welt, weit­ab der rea­li­tät. vor allem ver­schwin­det und ver­schwimmt die gren­ze zwi­schen der phan­tas­ti­schen welt des trau­mes und den spär­li­chen res­ten der rea­li­tät zunehmend.

der text, das sind nur noch frag­men­te und bruch­stü­cke: die kohä­si­on wird, so scheint es mir im moment, von text zu text, von buch zu buch, nied­ri­ger: das schwebt anein­an­der vor­bei, wie gro­ße bla­sen in einem geschlos­se­nen raum: ab und an ver­bin­den sich wel­che, tei­len sich irgend­wo und irgend­wann auch wie­der, fes­te zustän­de gibt es ein­fach nicht mehr. dazu kommt dann noch, dass strauß unbe­streit­bar ein groß­ar­ti­ger sti­list ist (auch das scheint sich immer mehr aus­zu­prä­gen …): per­ma­nent herrscht ein ver­hal­ten durch­schei­nen­der zar­ter, leich­ter apo­ka­lyp­ti­scher grund­ton – am stärks­ten wohl in den ein­deu­ti­gen traum­tei­len – denn die traum­se­quen­zen sind in dif­fe­ren­zier­ter evi­denz mon­tiert. und wun­der­ba­re beschrei­bung, herr­lich alt­mo­disch anmu­ten­de vergleiche:

„wie lan­ge noch dastehn? in die­ser uni­ver­sal­rat­lo­sig­keit. aus­sichts­los.“ (147, hier total aus dem zusam­men­hang gerissen)

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