Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 34 von 38

Hängt nicht an Hund’ und Kat­zen eure Herzen,
An Blu­men, Pferd’ und Pagagei’n -
O lernt doch erst der Mensch­heit Freud’ und Schmerzen
Und unter Men­schen Mensch zu sein!

(August Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben, Unmensch­li­che Liebhaberei)

wenn es regnet, dann immer gleich auf den kopf

- halt, nein, so heißt es ja gera­de nicht bei chris­ti­na grie­bel: wenn es reg­net, dann reg­net es immer gleich auf den kopf heißt ihr erzäh­lungs-band. und das ist ein gro­ßer unter­schied. denn er gibt der – genau bese­hen ja reich­lich bana­len – aus­sa­ge eine völ­lig neue wen­dung, macht sie – ja, poe­tisch eben: zu einer sprach­wirk­lich­keit. und dar­in ist grie­bel aus­ge­spro­chen gut. das war’s dann aber auch schon fast. denn so rich­tig konn­te ich mich für das büch­lein nicht erwär­men. sicher, schö­ne stel­len, tol­le beschrei­bung, super-genaue beob­ach­tun­gen ind prä­zi­ser, chir­ur­gi­scher sprach­schär­fe nie­der­ge­schrie­ben (erzählt übri­gens wird eigent­lich nicht, nur beschrie­ben – bli­cke, beob­ach­tun­gen, bege­ben­hei­ten …). so ganz kann ich des­halb auch die begeis­te­rung der rezen­sen­ten (die mich zum kauf und zur lek­tü­re ver­führt haben) auch nicht verstehen.

hans-peter kunisch schrieb in der süd­deut­schen zei­tung: „ Doch vor allem ist der ers­te Ein­druck von die­sem Erzäh­len einer der prä­zi­sen, sinn­li­chen Wahr­neh­mung.” d’ac­cord. aber wie­so er behaup­tet, „dra­ma­tur­gisch über­zeu­gen die meis­ten Tex­te”, ist mir schon nicht mehr so ganz klar. und sei­ne fest­stel­lung: „Sel­ten glaubt man von einer Erzähl-Debü­tan­tin so deut­lich, ihr kön­ne ein guter Roman gelin­gen.” kann ich gar nicht tei­len. im gegen­satz – ich befürch­te eher, dass ihr dies gera­de nicht gelin­gen wür­de, weil ihre tech­nik dafür, für die lan­ge stre­cke näm­lich, mir nicht trag­fä­hig genug erscheint.

gisa funck war in der faz auch eher hin- und her­ge­ris­sen – in ihrer rezen­si­on erken­ne ich vie­le mei­ner eige­nen lek­tü­re­er­leb­nis­se: näm­lich fas­zi­nie­ren­de spra­che, geschick­te beschrei­bun­gen etc., ande­rer­seits aber oft über­trie­be­ne geheim­nis­tue­rei, ziel­lo­sig­keit und so fort …

chris­ti­na grie­bel: wenn es reg­net, dann reg­net es immer gleich auf den kopf. frank­furt am main: fischer 2003 (coll­ec­tion fischer).

Alle Musi­ker erhe­ben sich, set­zen sich wie­der und sie gei­gen Schost­a­ko­witsch, so schnell sie kön­nen. (chris­ti­na grie­bel, wenn es reg­net, dann reg­net es immer gleich auf den kopf, 8)

walter kempowski schreibt nicht mehr

und er sam­melt auch nicht mehr. das kann bei einem autor wie ihm natür­lich nur eines hei­ßes: er ist letz­te nacht an sei­nem krebs­lei­den gestor­ben. schade.

einen ers­ten, schon recht aus­führ­li­chen nach­ruf hat hen­drik wer­ner für die welt geschrie­ben. die frank­fur­ter rund­schau ver­öf­fent­lich noch ein­mal das inter­view aus die­sem som­mer von peer teuwsen.

nach­trag: eine schö­ne über­sicht zu kem­pow­ski im netz lie­fert der per­len­tau­cher.

und noch ein nach­trag: auch lite​ra​tur​kri​tik​.de hat zwei nach­ru­fe und eine samm­lung von rezen­sio­nen zu wal­ter kem­pow­ski bereit gestellt.

Die Gesell­schaft, in der sie sich vor derm Opern­haus befand, tat nichts, um Vor­ur­tei­le zu ent­kräf­ten. Der ers­te Abend: Tris­tand und Isol­de. Aber wie sah das nur aus? Und wozu muss­te man insze­nie­ren, wenn die Leu­te dann eh nur auf der Büh­ne stan­den uns san­gen. […] War Wag­ner Rock für emo­tio­nal Unter­ent­wi­ckel­te? (Sibyl­le Berg, Die Fahrt, 282f.)

Die zuneh­men­de Ein­sam­keit des Men­schen der Jetzt­zeit beruht zu gro­ßem Maße in der indi­vi­du­el­len Über­schät­zung des eige­nen Markt­wer­tes. (Sibyl­le Berg, Die Fahrt: 97)

einsamkeit und traurigkeit allerorten

so etwas gibt es wohl nur bei sibyl­le berg. auch ihr neu­es­tes buch die fahrt (recht forsch und groß­zü­gig als „roman” eti­ket­tiert) kreist wie­der um ihre ganz eige­nen the­men, die sie immer wie­der neu auf­greift, neu abklopft und in ihrem lako­ni­schen anti-stil vor­führt: die ein­sam­keit des (post-) moder­nen men­schen, das altern, das bewusst­sein bzw. das bewusst-wer­den des alterns. das wirkt, in die­ser man­ches mal fast mons­trös anmu­ten­den bal­lung (und durch­aus auch ein­sei­ti­gen sicht­wei­se …) man­ches mal aus­ge­spro­chen depres­siv und bedrü­ckend. aber sibyl­le berg wäre nicht sibyl­le berg, wenn nicht die mög­lich­keit des glücks doch noch ab und an irgend­wo hin­durch schim­mern wür­de: immer­hin ist sie auch in der fahrt mehr als nur theo­re­tisch gege­ben, eini­ge aus dem reich­hal­ti­gen figu­ren­ar­se­nal schaf­fen es, der sinn­lo­sig­keit (momen­tan zumin­dest) zu ent­rin­nen (wobei mir natür­lich sofort ein ande­rer titel bergs ein­fällt: ein paar leu­te suche das glück und lachen sich tot). aber die stärks­ten momen­te hat die fahrt – und das unter­schei­det sie von den bis­he­ri­gen büchern der autorin – nicht nur dann, wenn sie die sinn­lo­sig­keit und absur­di­tät des urlau­bens und des rei­sens beschreibt, son­dern in den berich­ten aus den elends­ge­bie­ten. denn das sind zwei­fel­los eini­ge der berüh­rends­ten, auf­wüh­lends­ten beschrei­bun­gen des elends des lebens, die hier ein­ge­streut sind – gera­de im kon­trast zu den „luxus”-problemen den ande­ren figu­ren. ihre wirk­mäch­tig­keit ver­dan­ken die­se abschnit­te auch der tat­sa­che, dass berg sie durch nichts mil­dert, nichts erklä­ren will, son­dern nur – als qua­si gesetz­tes gegen­bild – beschreibt – und damit wir­kungs­vol­ler die men­schen anklagt, die so etwas zulas­sen, als es jede streit­re­de ver­möch­te. und das künst­le­risch beein­dru­cken­de ist dann auch noch die tat­sa­che, dass sich selbst die­se zunächst als mut­wil­li­ge fremd­kör­per ein­ge­streut erschei­nen­den pas­sa­gen wun­der­bar in das kon­zept des buches fügen – die (ver­geb­li­che? weil nur zufäl­lig von erfolg gekrön­te?) suche nach sinn und glück im irdi­schen leben … auf jeden fall ein groß­ar­ti­ges leseerlebnis!

gut fin­det die fahrt auch kris­ti­na maidt-zin­ke in der süd­deut­schen zei­tung: „Mit der roman­ti­schen Vor­stel­lung, dass die Men­schen in den Armuts­zo­nen der Erde zufrie­de­ner leb­ten als die über­fres­se­nen Abend­län­der, wird in die­sem Fahr­ten-Buch gründ­lich auf­ge­räumt. […] DIe stärks­ten Momen­te ihrer Pro­sa aber sind nach wie vor die, in denen sie die fort­schrei­ten­de Ver­kom­men­heit und Abge­wrackt­heit des Pla­ne­ten sowie die gras­sie­ren­de Unzu­rech­nungs­fä­hig­keit sei­ner Bewoh­ner mit der ihr eige­nen Hass­lust aus­malt: Die Schär­fe ihres schrä­gen Blicks ist unnach­ahm­lich.” (SZ 232, 9.10.2007, Bei­la­ge zur Frank­fur­ter Buch­mes­se, S. 3)

sibyl­le berg: die fahrt. köln: kie­pen­heu­er & witsch 2007.

Wer sei­nen Urlaub in Län­dern ver­bach­te, die ärmer waren als sein Hei­mat­land, offen­bar­te ein star­kes cha­rak­ter­li­ches Defi­zit. (Sibyl­le Berg, Die Fahrt: 93)

der bache­lor ist der stu­di­en­ab­schluss für stu­di­en­ab­bre­cher. (kon­rad paul liess­man, theo­rie der unbildung)

kein wirk­lich schlech­tes leben, dach­te miki an jenem abend, als sie wie­der nach hau­se fuhr. viel­leicht pas­siert ja noch ein­mal etwas groß­ar­ti­ges, dach­te sie, aber wenn nicht, dann ist das auch nicht wei­ter tra­gisch. (sibyl­le berg, die fahrt: 88)

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