Das erste Trauerspiel /das ihm Verdruß erweckt /
Hegt das verhaßte Haus /das man die Schule nennet /
Wo Kunst und Tugend ihm ein weites Ziel aussteckt /
Wol dem! der hier mit Lust und hurtig darnach rennet!
Denn der erreicht es nicht /der ihm zur Zentner-Last
Der Weißheit Lehren macht /sie spielende nicht fasst.
Kategorie: literatur Seite 20 von 38
Winternacht. 1. Vor Kälte ist die Luft erstarrt, Es kracht der Schnee von meinen Tritten, Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart; Nur fort, nur immer fortgeschritten! Wie feierlich die Gegend schweigt! Der Mond bescheint die alten Fichten, Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten. Frost! friere mir ins Herz hinein, Tief in das heißbewegte, wilde! Daß einmal Ruh mag drinnen seyn, Wie hier im nächtlichen Gefilde! 2. Dort heult im tiefen Waldesraum Ein Wolf; – wie’s Kind aufweckt die Mutter, Schreit er die Nacht aus ihrem Traum Und heischt von ihr sein blutig Futter. Nun brausen über Schnee und Eis Die Winde fort mit tollem Jagen, Als wollten sie sich rennen heiß: Wach auf, o Herz, zu wildem Klagen! Laß deine Todten auferstehn, Und deiner Qualen dunkle Horden! Und laß sie mit den Stürmen gehn, Dem rauhen Spielgesind aus Norden!
abendlied, lago di como
herbst, wenn die kastanien die waffen stecken,
morgensterne ringsum verstreut am boden
liegen. in den zweigen die vogelbeeren
prahlen mit ihrem
gift. nun ruhen sie, all die angelhaken
auf dem grund, die holzboote in den schuppen
während sich die blätter in rauch verwandeln,
ruhen die villen
aus von ihrem prunk, und ein saum laternen
trennt die promenade vom see. die leere
autofähre trägt eine letzte ladung
licht übers wasser.
Hin und wieder ist das auch herrlich altmodisch – wenn er sich über Computer lustig macht, über digitale Fotografie spöttelt und das Internet als Müllhalde, die es manchmal ja auch ist (und sein will bzw. soll), bloßstellt: „Lebt länger, lest Bücher.“ (26) steht dann einfach nur noch da. Und stimmt für sich erst einmal. Und bleibt auch einfach so stehen.
Immer wieder schimmert und blitzt die Brillanz durch, für die man Thomas Lehr sowieso lieben muss. Nur dass sie hier extrem konzentriert ist – man wird geblendet, fast blind …:
Das Licht des Aphorismus funkelt in einem Tautropfen und blitzt im Mündungsfeuer des Standgerichts. So weit ist manchmal der Weg von Lichtenberg zu Kraus.“ (49)
Das ist eine schnelle Lektüre für zwischendurch, die aber die Kraft und Individualität hat, nachzuhallen. Vor allem gefällt mir daran (noch mehr als z.B. an Henning Ritters Notizheften) die Klarheit der Gedanken und ihre direkte Widerspiegelung im sprachlichen Ausdruck. Sicher, das sind keine großen System, die hier gedacht werden, keine weit entwickelten Theoreme. Aber in ihrer Knappheit und Prägnanz sind sie immer wieder (auch schmerzhaft) treffend. Und das ist sicherlich nicht das schlechteste. Dafür kann ich dieses kleine Büchlein auf jeden Fall vollkommen empfehlen.
Nicht die Wahrheit siegt, sondern die Klarheit, mag diese auch noch so falsch sein. Die Lehre gilt von Platon zu Nietzsche, und um zu wissen, wir es heute um sie steht, fragt man sich nur, es einem völlig einleuchtend und gewiss erscheint. (86)
Übrigens auch gut (und natürlich vollkommen richtig):
Jedes Automobil ist auch entwendeter öffentlicher Raum. Schier weggestohlene Straßen und Plätze, ganze Innenstädte, die zeitweilig verschwinden. (26)
Noch mehr zu empfehlen sind aber übrigens alle anderen Texte/Romane von Thomas Lehr ;-)
Thomas Lehr: Größenwahn passt in die kleinste Hütte. Kurze Prozesse. München: Hanser 2012. 107 Seiten. ISBN 978−3−446−23983−8. 12,90 Euro.
Angelika Meier, Heimlich, heimlich mich vergiss
Heimlich, heimlich mich vergiss ist ein Traumroman, ein wunderbarer und oft auch wunderlicher Text. Ich will hier gar nicht eine Deutung dieses Buches versuchen. Der Witz an Angelika Meiers Roman ist ja in meinen Augen gerade, dass er sich eindeutigen Lesarten eindeutig verschließt: Alles – und wirklich so ziemlich alles, vom Anfang bis Ende – kann, darf und soll man (also der Leser) immer auch anders verstehen. Gleich ungeheuer begeistert hat mich schon unmittelbar während der Lektüre die Art, wie Meier hier die Informationsvermittlung gestaltet. Sie stopft nämlich nicht alles lehrbuchmäßig in die Exposition, sondern verteilt wesentliche Mitteilungen zu Figuren, Konstellationen, Umständen, Setting und Handlung wunderbar ökonomisch und quasi-natürlich über die ganzen 300 Seiten. Oder eben auch nicht: Die Autorin unterliegt nämlich nicht dem Wahn, alles zu sagen und erklären zu müssen, der die aktuelle Belletristik oft so langweilig macht. Hier ist der Leser/die Leserin noch selbst gefragt. Solch ein Text hat naturgemäß viele offene Stellen, die man – denke ich – einfach mal so stehen lassen und aushalten muss. Oder als Leser selbst füllt.
Aber worum geht es hier eigentlich? Das ist eine Frage, die überhaupt nicht einfach und abschließend zu beantworten ist. Klar wird aber: Wir befinden uns in einer zukünftigen Gesellschaft, die wesentlich auf der Unterscheidung gesund vs. krank aufbaut. Im Mittelpunkt des Textes steht so etwas wie ein Arzt, der allerdings eine Art Mensch-Maschine ist, ohne Herz am rechten Fleck (das Herz wird mit dem Solarplexus irgendwie operativ vereinigt bei den Ärzten), dafür mit zusätzlichen Hirnkapazitäten und einer Art zweiten, kontrollierenden Persönlichkeit, dem Mediator. Dieser Arzt arbeitet in einem Art Sanatorium, gegen das jenes aus dem Zauberberg ein Kinderspiel ist – hier kommt niemand rein und raus, es gibt keine Ein- oder Ausgänge. Aber dann taucht doch irgendwie eine ambulante Patientin auf, die sich als ehemalige Ehefrau des Arztes entpuppt, die ihn und seinen Sohn – der als Waise auch in diesem Institut/Komplex/Geflecht lebt – dazu bringt, eine Art „Ausbruch“ zu versuchen, der aber irgendwie auch wieder scheitert und im Phantasma endet – wie man überhaupt den ganzen Text als eine Art Traum lesen kann, dessen Traumcharakter mit fortschreitender Seitenzahl deutlicher wird, ohne jedoch je explizit als solcher identifizierbar zu werden. Klar ist aber bald: Das ist keine Realität, die hier beschrieben wird. Der Traumcharakter wird aber erst ganz kurz vor Schluss aufgelöst, mit dem Aufwachen. Und davor gibt es auch nur wenige direkte Hinweise – vor allem die Unwirklichkeit des Erzählten selbst drängt meine Lektüre in diese Richtung …
Das schlägt sich auch in der Sprache wieder – zunächst hielt ich das für Manierismus, der Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive der Hauptfigur zwischen zwei Sätzen hin und her – aber das hat dann doch alles seinen guten Grund in der Instanz des „Mediators“. Und auch die Klarheit, ja Unkompliziertheit der Syntax ist ein schöner Gegensatz zur Fremdheit der erzählten Welt (die auch nicht wirklich vertraut wird – nicht werden kann und soll – hoffentlich ) …
Ich kann meine Faszination hier gerade nur schwer begründen und/oder in Worte fassen – vielleicht auch, weil mir erst im Laufe der Lektüre aufgegangen ist, wie gut das eigentlich ist. Wahrscheinlich müsste ich es gleich noch einmal lesen. Die Kritiker – die das meistens auch (recht) gut fanden – sind sich auch nicht so ganz einig, worum es in „Heimlich, heimlich mich vergiss“ eigentlich geht. Und das ist oft ein gutes Zeichen (denn wer will schon Bücher lesen, die von Anfang an allen klar sind und alles klar machen? – Das sind in der Regel die langweiligen Texte …). Oliver Jungen konstatiert zum Beispiel in der FAZ:
Das Zentralthema Meiers ist die Neuformatierung des psychischen Systems, wodurch auch Vergangenheit und Zukunft, nichts als diskursive Konstrukte, neu aufgesetzt werden. Ob sich die verschiedenen Bewusstseinsebenen, welche dem Leser präsentiert werden, in erkenntnistheoretischer Hinsicht hierarchisieren lassen, ob also ein Zustand der Wahrheit entspricht oder ob es gar kein Außen gibt, bleibt selbstredend offen (Oliver Jungen, FAZ)
Ulrich Rüdenauer in der Zeit setzt andere Schwerpunkte:
Die Körper sind hier zu Diskursgegenständen geworden, ausgelagerte Objekte, über die in einem fremd anmutenden Jargon geredet, gerichtet wird. Hier, in dieser zukünftigen Klinik, die natürlich auf unsere immer transparentere, verwaltete Gegenwart verweist, hat alles seine Ordnung.
…
Angelika Meier jedenfalls hat eine hochkomplexe literarische Welt entworfen, eine künstliche, vom Erzähler möglicherweise nur fantasierte Parallelordnung, die deshalb gespenstisch und verwirrend wirkt, weil sie so fern von unseren eigenen Zukunftsängsten gar nicht ist. (Ulrich Rüdenauer, Zeit)
Was, verdammt noch mal, macht ein glückliches Leben aus, und ist es möglich, beide Formen auszuprobieren? (174f.)
Grausam ist alles: Grausamkeit beherrscht die Menschen, die Gesellschaften, die Natur, die Systeme, die Länder, die Welten, das Leben – alles. Grausam ist auch dieses Buch, auf die typische Sibylle-Berg-Weise. Nämlich getarnt als schonungslose Offenlegung der Wirklichkeit – und ihrer Leere. Schön hyperbolisch ist das, wirklich schön, insofern die Grausamkeit des Stoffes und der Sprache eben doch immer wieder in Schönheit umschlägt. Und es wird immer stärker. Angekommen ist Sibylle Berg nun bei absoluter, permanenter Endzeit(-stimmung): Ganz alleine ist Toto.
Blut sah jeder gerne, wenn es nicht das eigene war, Prügeleien sah jeder gerne, wenn er nicht selbst verprügelt wurde, Aggressionen und Peinlichkeiten, ohnmächtige Kinder, gefallene Kinder, das sah man sich doch gerne an, und wenn man nicht beteiligt war, sah man sich auch gerne Unfälle an, doch nicht, um zu begreifen, wie schnell ein gesunder Körper zu einem geschundenen Körper wird, sondern um sich zu freuen, dass einer weniger zur Konkurrenz gehörte. (66)
Die zentrale Figur von Sibylle Bergs Roman Vielen Dank für das Leben ist eine seltsame Figur: Es wird nicht ganz klar, ob Toto Hermaphrodit, Intersexueller, Zwitter oder was auch immer ist. Zunächst lebt er als Junge, später dann als Frau. Aber genauso unglücklich. Ebenso egal ist es auch, ob Toto sich in der DDR befindet, wo er aufwächst, im Elend des sozialistischen Kinderheims und auf dem Dorf, bei einem Bauernehepaar. Oder eher neben ihm, denn Toto ist immer, von Anfang an, von der Geburt an, als dem Arzt der erste Satz „Es ist ein …“, mit dem üblicherweise die Geschlechtszuschreibung erfolgt, misslingt, schon von diesem Moment ist Toto an ein Außenseiter. Aber ein totaler. Nicht, dass er überhaupt je eine Chance gehabt hätte, daran etwas zu ändern. Später freilich, nach der etwas seltsam-unbeteiligt-unfreiwilligen Flucht in die BRD, die eher eine Mitnahme ist (irgendwann in den späten 80ern muss das sein, aber alles im Text – fast alles – ist merkwürdig (und manchmal angestrengt) zeit- und ortlos), später gibt es von seiten Totos aus einige zaghafte Versuche der behutsamen (Pseudo-)Eingliederung in das, was sich da Gesellschaft nennt. Aber irgendwie ist Toto am Rande, als Beobachter der anderen, steckengeblieben – ihre/seine einzige mögliche Rolle von frühen Zeiten an, in der sie konsequent drinbleibt. Weder zaghafte Versuche positiver Emotionen (etwa die Liebe in Phnom Penh) oder Schmerzen (der Beinahe-Totschlag …) befreien ihn/sie daraus (wobei das befreien auch schon fraglich wäre – ist das eine Befreiung? Oder ist Toto als Nicht-Teil, als sich-selbst-alles-Seiender (vielleicht meint das sein seltsam kurioser Name?) freier als die „Norm“-Entwürfe dessen, was man gemeinhin Leben nennt …
Und darum geht es ja irgendwie immer, das ist mehr als deutlich: Gutes Leben, die ganzen Ideen und Vorstellung davon, wie man/wir seine/unsere Zeit auf Erden zu verbringen haben – das sind eben alles nur Möglichkeiten, nur Ideen, denen genauso wenig Sinn inhärent ist wie ihren Gegenteilen. Da hilft auch das überirdische Singen fern jeder Prägung durch Bildung oder andere Musik, das Toto betreibt und das regelmäßig bei den Zuhörern Gefühlsausbrüche & Weinen hervorruft, nicht.
So großartig Vielen Dank für das Leben in manchen Teilen ist, es scheinen doch auch einige Längen durch. Und manchmal wird der Tonfall nervend, dieses Dozieren der Schlechtigkeit der Welt, der Menschen, der Natur, des Kapitalismus, des Sozialismus, des allen (vor allem in den „Kommentar“-Teilen „Der Anfang“, „Die Mitte“, „Das Ende“ ist das überdeutlich, es schlägt aber auch sonst manchmal arg auffällig durch, dann kommen nur noch bloße Phrasen bei heraus …). Aber dann gibt es eben doch immer wieder auch diese faszinierende Klarheit der Berg’schen Prosa, die verletzend wie Chirugenstahl durch die Wirklichkeit schneidet:
Degeneriert mögen sie sein, von Tumoren zersetzt, doch die sterben nicht aus, die gewöhnen sich an alles. Die Menschen. (315)
Und die Endzeit hört ja auch einfach nicht auf, es bleibt einfach immer schrecklich, kaum noch steigerbar, aber irgendwie doch im permamenten Verfall. „Und weiter.“ sind dann auch in diesem Sinne wunderbar treffend alle Kapitel der Toto-Handlung überschrieben, die nicht nur durch die drei Kommentare, sondern auch durch vereinzelte Kapitel mit Ausblicke in Nebenhandlungen unterborchen werden (unter denen Kasimir als eine Art Begleit- oder Gegenfigur zu Toto heraussticht: Kasimir, der mit Toto im Kinderheim aufwächst, mit dem ihm kurz so etwas wie Freundschaft (und Verlangen) verbindet, dass dann in systematischen Hass umgeformt wird von einem erwachsenen Kasimir, der ganz und gar im System aufgeht, und einen elaboriert-perfiden Plan der Vernichtung Totos ausgetüftelt hat …) Nun ist das natürlich kein Kulturpessismus alter Sorte, der sich eine wie auch immer phantasierte bessere Zeit zurückwünscht. Das ist einfach totale (manchmal vielleicht auch totalitätre?) Desillusionierungsprosa. Das muss einem gefallen, sonst wird man sich hier nur quälen. Und gequält werden, von diesem globalen Scheitern.
Ein Gefühl war nicht geplant gewesen. (367)
Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben. München: Hanser 2012. 400 Seiten. 21,90 Euro. ISBN 978−3−446−23970−8
Über die Liebe des Lesens und der Bücher hat Charles Dantzig ein nettes, unterhaltsames Buch geschrieben. Eigentlich ist es gar kein Buch, sondern die Sammlung von kleinen Texten, die der französische Schriftsteller schon woanders publiziert hatte. Unter dem Titel Wozu Lesen? hat der Steidl-Verlag das als ein schönes Buch herausgebracht.
Wozu Lesen? ist in aller erster Linie ein absolutes, unbedingtes Glaubensbekenntnis zum Lesen, ein Lobpreis, eine Seligsprechung: Gott ist nicht nur lesend, „Gott ist auf der Bibliotheksleiter“ (28) – der Gott der Lektüre nämlich. Die Lektüre ist es, die den lesenden Menschen verändert, begeistert und fasziniert: Immer wieder denkt Dantzig (sich und alle ernsthaften) den Leser als ein empathisch-denkenden Leser, einen empfänglichen Leser: Empfänglich in dem Sinne, das er offen für die Schönheit eines Textes, eines einzelnen Satzes oder eines bloßen Wortes ist …
Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass er zu dem Schluss kommt:
Wir lesen aus purem Egoismus, bewirken damit jedoch ungewollt etwas Altruistisches. Denn durch unsere Lektüre hauchen wir einem schlafenden Gedanken neues Leben ein. (32)
Das Vergnügen am Lesen selbst, am Vorgang des Entziffern, Aufnehmen, Absorbieren, Verwandeln, zu-eigen-machen – also am mitlebenden Lesen bestimmt seine Kaskade möglicher Antworten auf die zentrale Frage des Bandes, nämlich: Wozu ist das Lesen gut? Und was macht es mit uns? Zum Beispiel das hier:
Man liest ein Buch nicht um der Geschichte willen, man liest ein Buch, um mit seinem Autor ein Tänzchen zu wagen. (41)
Dantzig sammelt hier lauter kleine und kleinste Miniatur-Essays, die meist von eigenen Lektüre-Erlebnissen Dantzigs (die er ungeheuer präsent zu haben scheint) ausgehen und oft nur ein etwas ausgeführter Gedanke oder Einfall sind, verpackt in einer griffigen Sentenz oder Formulierung. Zum Beispiel klingt das so:
Die Leute bestehen auf ihre Gedankenlosigkeit. Dabei sind wir nur,[sic] während wir lesen, vor der Pädagogik sicher. (43)1
Immer wieder manifestiert sich in diesen Notaten (die mich in manchem an Henning Ritters Notizhefte erinnerten) die Ideee, gegen sich selbst zu lesen, sich selbst beim Lesen, durch das Lesen, mit dem Lesen in Frage zu stellen – also Neues zu probieren, Argumente auszutesten, Bücher/Autoren wiederholt zu lesen, um eine Abneigung zu überwinden … Im Grund ist das also das klassische Lektüre-Argument schlechthin: Lesen ermöglicht es, Alternativen zum Leben und der Welt zu erfahren und kennen zu lernen, sich selbst auszuprobieren in der Phantasie : „Stellen Sie sich selbst in Frage. Stellen Sie das in Frage, was SIe in diesem Moment lesen.“ (66), – ja, genau, das gilt natürlich auch für diese Sentenzen, die Dantzigschen Schluss-Moralitäten seiner Kurztexte selbst:
Die einzige Fage, die man sich im Hinblick auf einen Chef stellen sollte, lautet: Würde er die Bibliothek von Alexandria anzünden? […] Man möge lieber meine Bücher verbrennen als Menschen. (50)
Egal, welche der vielen Modi des Lesens Dantzigs reflektiert und preisend betrachtet – leichtes und schweres Lesen, spielerisches und ernstes, unterhaltendes und forschendes: Immer ist das Lesen und Sein Leser begeisterungs- und liebesfähig. Selbst in der Ablehnung schlechter Bücher (es ist wohl kein Zufall, dass ein Leser (und Schriftsteller) wie Dantzig, dem es so sehr (fast ausschließlich) auf die empathische Lektüre ankommt, von Büchern und nicht von Texten spricht).
Wozu Lesen? selbst ist übrigens ein schönes Buch, bei dem Innen und Außen in gewisser Weise zur Deckung kommen – da merkt man die Hand des Verlegers … Und es ist ein Buch, wie es vielleicht wirklich nur ein Franzose schreiben kann (um dieses nationatlistische Klischee auch einmal zu bedienen=: leicht und elegant, mit Tiefgang, aber unaufgeregt, nie überheblich, dafür immer lustvoll – voller Lust an den Lektüren, die zu diesen Texten führten und voller Lust am Schreiben – und damit sprühend vor Lust am Verführen zum Lesen. Denn das ist ja das große, hehre und einzige Ziel dieses Buches: Nicht nur über das Lesen, seine vielerlei Vor- und Nachteile, zu sinnieren, sondern vor allem zum lustvollen, erfüllten Lesen anregen: „Leben ist Prosa, keine Poesie.“ (63) – Vielleicht, vielleicht aber auch nicht – wenn man nur genug liest …
Charles Dantzig: Wozu Lesen? Göttingen: Steidl 2011. 205 Seiten. 16 Euro. ISBN 9783869303666.
Jetzt habe ich gestern ganz vergessen, Jörg Fausers 25. Todestag zu gedenken. Wie mir scheint, bin ich in guter Gesellschaft, weil offenbar auch die Medien (soweit ich das sehen) diesen Grund, an Fauser als wichtigen, guten und vor allem lesenwerten Schriftsteller zu erinnern, nicht genutzt haben. Sehr ausführlich aber Tiemo Rink im Tagesspiegel. Aber das missachtende Miss- oder Unverständnis der Literaturkritik war ja auch vor 28 Jahren beim Ingeborg-Bachmann-Preis sehr deutlich zu sehen und hören:
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Peter Apfl schrieb dazu in einem knappen biographischen Abriss für DATUM:
1984 ist das große Jahr in Fausers Karriere: „Rohstoff“ erscheint, kurz darauf die Essaysammlung „Blues für Blondinen“, die Dreharbeiten zum „Schneemann“ beginnen – da sucht er mutwillig die Demütigung: Er nimmt im Hawaiihemd am Wettlesen beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teil. Juroren sind unter anderen Reich-Ranicki und Gertrud Fussenegger, Fauser wird niedergemacht, zudem wird er in der Süddeutschen und im Spiegel nicht einmal erwähnt. Von der nachdrängenden Generation verhöhnt, von den Altvorderen geprügelt: Der Dichter hat zwischen den Stühlen Platz genommen. Aber das ist ohnehin des Rebellen liebster Ort.
Aber egal: Um sich hier zu positionieren, sollte, ja muss man Fauser erst einmal lesen. Und wenn man das aufmerksam und offen tut, wird man feststellen, dass das ein großer Gewinn ist.
Sehnsucht, Verklärung, Erinnerung, Erwartung, Träume – und viel Hoffnung, aber auch viel Realitätsverlust, ‑verneinung und ‑verwweigerung:
All das packt Sibylle Berg in einen kleinen Text „Sommer, also“.
Der richtige Sommer aus der Erinnerung fand zu Hause statt und hatte mit geschlossenen Fensterläden zu tun und mit leeren Stunden und Asphalt, und einer fiebrigen Erwartung.
Und das lese ich just an dem Tag, an dem es hier wirklich sommerlich (geworden) ist … Und nutze die Gelegenheit, nicht nur Frau Bergs Bücher zu empfehlen, sondern auch ihre Website und ihr am besten auch noch bei Twitter zu folgen (und dann die feine Linie zwischen Fan und Stalker nicht überschreiten …).
Wir hoffen. Der Sommer ist zu etwas metaphorischem geworden, zum Traum des perfekten Daseins in einer luziden Umgebung die nur aus freundlichen halbnackten Menschen besteht, und Sommerlöchern in den Medien, in denen Raum für solche Texte ist, weil es gerade keine Eurokriese gibt und keine Rohstoff Handels ‑Horrormeldungen, keine Ausbeutungen anderer Menschen und Länder, kein Untergang, kein Blade Runner Wetter vor der Wohnung die vielleicht bald nicht mehr unsere ist, weil das Viertel genderifiziert wurde.


