Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 20 von 38

Das verhaßte Haus

Das ers­te Trau­er­spiel /​das ihm Ver­druß erweckt /
Hegt das ver­haß­te Haus /​das man die Schu­le nennet /
Wo Kunst und Tugend ihm ein wei­tes Ziel aussteckt /
Wol dem! der hier mit Lust und hur­tig dar­nach rennet!
Denn der erreicht es nicht /​der ihm zur Zentner-Last
Der Weiß­heit Leh­ren macht /​sie spie­len­de nicht fasst. 

— Dani­el Cas­par von Lohen­stein, Sopho­nis­be (Wid­mungs­vor­re­de)

Winternacht

Winternacht.

1.

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten!


Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
Den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! friere mir ins Herz hinein,
Tief in das heißbewegte, wilde!
Daß einmal Ruh mag drinnen seyn,
Wie hier im nächtlichen Gefilde!

2.

Dort heult im tiefen Waldesraum
Ein Wolf; – wie’s Kind aufweckt die Mutter,
Schreit er die Nacht aus ihrem Traum
Und heischt von ihr sein blutig Futter.

Nun brausen über Schnee und Eis
Die Winde fort mit tollem Jagen,
Als wollten sie sich rennen heiß:
Wach auf, o Herz, zu wildem Klagen!

Laß deine Todten auferstehn,
Und deiner Qualen dunkle Horden!
Und laß sie mit den Stürmen gehn,
Dem rauhen Spielgesind aus Norden!

abendlied

abend­lied, lago di como

herbst, wenn die kas­ta­ni­en die waf­fen stecken,
mor­gen­ster­ne rings­um ver­streut am boden
lie­gen. in den zwei­gen die vogelbeeren
 prah­len mit ihrem 

gift. nun ruhen sie, all die angelhaken
auf dem grund, die holz­boo­te in den schuppen
wäh­rend sich die blät­ter in rauch verwandeln,
 ruhen die villen

aus von ihrem prunk, und ein saum laternen
trennt die pro­me­na­de vom see. die leere
auto­fäh­re trägt eine letz­te ladung
 licht übers wasser. 

— Jan Wag­ner, Aus­tra­li­en, 21

Mitmenschen

Eugen Roth, Mitmenschen

Eugen Roth, Mit­men­schen (im Lyrikkalender)

– das kann man ein­fach mal so ste­hen lassen …

Prozesse, kürzeste

Thomas Lehr, Größenwahn passt in die kleinste Hütte

Tho­mas Lehr, Grö­ßen­wahn passt in die kleins­te Hütte

Viel steht ja nicht drin. Aber das weni­ge macht Freu­de. Denn auf den 107 Sei­ten (mit viel Weiß­raum …) von Tho­mas Lehr steht unter dem Titel Grö­ßen­wahn passt in die kleins­te Hüt­te. Kur­ze Pro­zes­se viel Zustim­mungs­fä­hi­ges, viel Kopf­ni­cker­for­dern­des (man bekommt fast Genick­schmer­zen). Und vie­le, ganz ganz vie­le Pun­ch­li­nes. Man­cher Witz, man­cher Hieb ist (natür­lich) arg bil­lig, man­ches sind blo­ße Bin­sen­weis­hei­ten, aber vie­les trifft der spitz bis spitz­fin­dig for­mu­lie­ren­de Tho­mas Lehr genau. Die Spra­che die­ser Minia­tu­ren, die­ser Sät­ze – viel mehr ist es of nicht – ist immer poin­tiert. Vie­le von Lehrs Sät­zen sind frech und unge­niert sprach­spie­le­risch. Gna­den- und rück­sicht­los arbei­tet er sich durch Welt und Kunst, Lite­ra­tur und Leben, Moral und Mensch, Geld und Geist und vie­le ande­re Gebiete. 

Hin und wie­der ist das auch herr­lich alt­mo­disch – wenn er sich über Com­pu­ter lus­tig macht, über digi­ta­le Foto­gra­fie spöt­telt und das Inter­net als Müll­hal­de, die es manch­mal ja auch ist (und sein will bzw. soll), bloß­stellt: „Lebt län­ger, lest Bücher.“ (26) steht dann ein­fach nur noch da. Und stimmt für sich erst ein­mal. Und bleibt auch ein­fach so stehen.

Immer wie­der schim­mert und blitzt die Bril­lanz durch, für die man Tho­mas Lehr sowie­so lie­ben muss. Nur dass sie hier extrem kon­zen­triert ist – man wird geblen­det, fast blind …: 

Das Licht des Apho­ris­mus fun­kelt in einem Tau­trop­fen und blitzt im Mün­dungs­feu­er des Stand­ge­richts. So weit ist manch­mal der Weg von Lich­ten­berg zu Kraus.“ (49)

Das ist eine schnel­le Lek­tü­re für zwi­schen­durch, die aber die Kraft und Indi­vi­dua­li­tät hat, nach­zu­hal­len. Vor allem gefällt mir dar­an (noch mehr als z.B. an Hen­ning Rit­ters Notiz­hef­ten) die Klar­heit der Gedan­ken und ihre direk­te Wider­spie­ge­lung im sprach­li­chen Aus­druck. Sicher, das sind kei­ne gro­ßen Sys­tem, die hier gedacht wer­den, kei­ne weit ent­wi­ckel­ten Theo­re­me. Aber in ihrer Knapp­heit und Prä­gnanz sind sie immer wie­der (auch schmerz­haft) tref­fend. Und das ist sicher­lich nicht das schlech­tes­te. Dafür kann ich die­ses klei­ne Büch­lein auf jeden Fall voll­kom­men empfehlen. 

Nicht die Wahr­heit siegt, son­dern die Klar­heit, mag die­se auch noch so falsch sein. Die Leh­re gilt von Pla­ton zu Nietz­sche, und um zu wis­sen, wir es heu­te um sie steht, fragt man sich nur, es einem völ­lig ein­leuch­tend und gewiss erscheint. (86)

Übri­gens auch gut (und natür­lich voll­kom­men richtig): 

Jedes Auto­mo­bil ist auch ent­wen­de­ter öffent­li­cher Raum. Schier weg­ge­stoh­le­ne Stra­ßen und Plät­ze, gan­ze Innen­städ­te, die zeit­wei­lig ver­schwin­den. (26)

Noch mehr zu emp­feh­len sind aber übri­gens alle ande­ren Texte/​Romane von Tho­mas Lehr ;-)

Tho­mas Lehr: Grö­ßen­wahn passt in die kleins­te Hüt­te. Kur­ze Pro­zes­se. Mün­chen: Han­ser 2012. 107 Sei­ten. ISBN 978−3−446−23983−8. 12,90 Euro.

Heimlich vergessen und bewusst werden

Angelika Meier, Heimlich, heimlich mich vergiss

Ange­li­ka Mei­er, Heim­lich, heim­lich mich vergiss

Heim­lich, heim­lich mich ver­giss ist ein Traum­ro­man, ein wun­der­ba­rer und oft auch wun­der­li­cher Text. Ich will hier gar nicht eine Deu­tung die­ses Buches ver­su­chen. Der Witz an Ange­li­ka Mei­ers Roman ist ja in mei­nen Augen gera­de, dass er sich ein­deu­ti­gen Les­ar­ten ein­deu­tig ver­schließt: Alles – und wirk­lich so ziem­lich alles, vom Anfang bis Ende – kann, darf und soll man (also der Leser) immer auch anders ver­ste­hen. Gleich unge­heu­er begeis­tert hat mich schon unmit­tel­bar wäh­rend der Lek­tü­re die Art, wie Mei­er hier die Infor­ma­ti­ons­ver­mitt­lung gestal­tet. Sie stopft näm­lich nicht alles lehr­buch­mä­ßig in die Expo­si­ti­on, son­dern ver­teilt wesent­li­che Mit­tei­lun­gen zu Figu­ren, Kon­stel­la­tio­nen, Umstän­den, Set­ting und Hand­lung wun­der­bar öko­no­misch und qua­si-natür­lich über die gan­zen 300 Sei­ten. Oder eben auch nicht: Die Autorin unter­liegt näm­lich nicht dem Wahn, alles zu sagen und erklä­ren zu müs­sen, der die aktu­el­le Bel­le­tris­tik oft so lang­wei­lig macht. Hier ist der Leser/​die Lese­rin noch selbst gefragt. Solch ein Text hat natur­ge­mäß vie­le offe­ne Stel­len, die man – den­ke ich – ein­fach mal so ste­hen las­sen und aus­hal­ten muss. Oder als Leser selbst füllt.

Aber wor­um geht es hier eigent­lich? Das ist eine Fra­ge, die über­haupt nicht ein­fach und abschlie­ßend zu beant­wor­ten ist. Klar wird aber: Wir befin­den uns in einer zukünf­ti­gen Gesell­schaft, die wesent­lich auf der Unter­schei­dung gesund vs. krank auf­baut. Im Mit­tel­punkt des Tex­tes steht so etwas wie ein Arzt, der aller­dings eine Art Mensch-Maschi­ne ist, ohne Herz am rech­ten Fleck (das Herz wird mit dem Solar­ple­xus irgend­wie ope­ra­tiv ver­ei­nigt bei den Ärz­ten), dafür mit zusätz­li­chen Hirn­ka­pa­zi­tä­ten und einer Art zwei­ten, kon­trol­lie­ren­den Per­sön­lich­keit, dem Media­tor. Die­ser Arzt arbei­tet in einem Art Sana­to­ri­um, gegen das jenes aus dem Zau­ber­berg ein Kin­der­spiel ist – hier kommt nie­mand rein und raus, es gibt kei­ne Ein- oder Aus­gän­ge. Aber dann taucht doch irgend­wie eine ambu­lan­te Pati­en­tin auf, die sich als ehe­ma­li­ge Ehe­frau des Arz­tes ent­puppt, die ihn und sei­nen Sohn – der als Wai­se auch in die­sem Institut/​Komplex/​Geflecht lebt – dazu bringt, eine Art „Aus­bruch“ zu ver­su­chen, der aber irgend­wie auch wie­der schei­tert und im Phan­tas­ma endet – wie man über­haupt den gan­zen Text als eine Art Traum lesen kann, des­sen Traum­cha­rak­ter mit fort­schrei­ten­der Sei­ten­zahl deut­li­cher wird, ohne jedoch je expli­zit als sol­cher iden­ti­fi­zier­bar zu wer­den. Klar ist aber bald: Das ist kei­ne Rea­li­tät, die hier beschrie­ben wird. Der Traum­cha­rak­ter wird aber erst ganz kurz vor Schluss auf­ge­löst, mit dem Auf­wa­chen. Und davor gibt es auch nur weni­ge direk­te Hin­wei­se – vor allem die Unwirk­lich­keit des Erzähl­ten selbst drängt mei­ne Lek­tü­re in die­se Richtung …

Das schlägt sich auch in der Spra­che wie­der – zunächst hielt ich das für Manie­ris­mus, der Wech­sel zwi­schen Innen- und Außen­per­spek­ti­ve der Haupt­fi­gur zwi­schen zwei Sät­zen hin und her – aber das hat dann doch alles sei­nen guten Grund in der Instanz des „Media­tors“. Und auch die Klar­heit, ja Unkom­pli­ziert­heit der Syn­tax ist ein schö­ner Gegen­satz zur Fremd­heit der erzähl­ten Welt (die auch nicht wirk­lich ver­traut wird – nicht wer­den kann und soll – hoffentlich ) …

Ich kann mei­ne Fas­zi­na­ti­on hier gera­de nur schwer begrün­den und/​oder in Wor­te fas­sen – viel­leicht auch, weil mir erst im Lau­fe der Lek­tü­re auf­ge­gan­gen ist, wie gut das eigent­lich ist. Wahr­schein­lich müss­te ich es gleich noch ein­mal lesen. Die Kri­ti­ker – die das meis­tens auch (recht) gut fan­den – sind sich auch nicht so ganz einig, wor­um es in „Heim­lich, heim­lich mich ver­giss“ eigent­lich geht. Und das ist oft ein gutes Zei­chen (denn wer will schon Bücher lesen, die von Anfang an allen klar sind und alles klar machen? – Das sind in der Regel die lang­wei­li­gen Tex­te …). Oli­ver Jun­gen kon­sta­tiert zum Bei­spiel in der FAZ:

Das Zen­tral­the­ma Mei­ers ist die Neu­for­ma­tie­rung des psy­chi­schen Sys­tems, wodurch auch Ver­gan­gen­heit und Zukunft, nichts als dis­kur­si­ve Kon­struk­te, neu auf­ge­setzt wer­den. Ob sich die ver­schie­de­nen Bewusst­seins­ebe­nen, wel­che dem Leser prä­sen­tiert wer­den, in erkennt­nis­theo­re­ti­scher Hin­sicht hier­ar­chi­sie­ren las­sen, ob also ein Zustand der Wahr­heit ent­spricht oder ob es gar kein Außen gibt, bleibt selbst­re­dend offen (Oli­ver Jun­gen, FAZ)

Ulrich Rüde­nau­er in der Zeit setzt ande­re Schwerpunkte:

Die Kör­per sind hier zu Dis­kurs­ge­gen­stän­den gewor­den, aus­ge­la­ger­te Objek­te, über die in einem fremd anmu­ten­den Jar­gon gere­det, gerich­tet wird. Hier, in die­ser zukünf­ti­gen Kli­nik, die natür­lich auf unse­re immer trans­pa­ren­te­re, ver­wal­te­te Gegen­wart ver­weist, hat alles sei­ne Ordnung.

Ange­li­ka Mei­er jeden­falls hat eine hoch­kom­ple­xe lite­ra­ri­sche Welt ent­wor­fen, eine künst­li­che, vom Erzäh­ler mög­li­cher­wei­se nur fan­ta­sier­te Par­al­lel­ord­nung, die des­halb gespens­tisch und ver­wir­rend wirkt, weil sie so fern von unse­ren eige­nen Zukunfts­ängs­ten gar nicht ist. (Ulrich Rüde­nau­er, Zeit)

Ange­li­ka Mei­er: Heim­lich, heim­lich mich ver­giss. Ber­lin: Dia­pha­nes 2012. 336 Sei­ten. ISBN 978−3−03734−184−1. 22,90 Euro.

Vielen Dank für nichts

Was, ver­dammt noch mal, macht ein glück­li­ches Leben aus, und ist es mög­lich, bei­de For­men aus­zu­pro­bie­ren? (174f.)

Grau­sam ist alles: Grau­sam­keit beherrscht die Men­schen, die Gesell­schaf­ten, die Natur, die Sys­te­me, die Län­der, die Wel­ten, das Leben – alles. Grau­sam ist auch die­ses Buch, auf die typi­sche Sibyl­le-Berg-Wei­se. Näm­lich getarnt als scho­nungs­lo­se Offen­le­gung der Wirk­lich­keit – und ihrer Lee­re. Schön hyper­bo­lisch ist das, wirk­lich schön, inso­fern die Grau­sam­keit des Stof­fes und der Spra­che eben doch immer wie­der in Schön­heit umschlägt. Und es wird immer stär­ker. Ange­kom­men ist Sibyl­le Berg nun bei abso­lu­ter, per­ma­nen­ter Endzeit(-stimmung): Ganz allei­ne ist Toto.

Blut sah jeder ger­ne, wenn es nicht das eige­ne war, Prü­ge­lei­en sah jeder ger­ne, wenn er nicht selbst ver­prü­gelt wur­de, Aggres­sio­nen und Pein­lich­kei­ten, ohn­mäch­ti­ge Kin­der, gefal­le­ne Kin­der, das sah man sich doch ger­ne an, und wenn man nicht betei­ligt war, sah man sich auch ger­ne Unfäl­le an, doch nicht, um zu begrei­fen, wie schnell ein gesun­der Kör­per zu einem geschun­de­nen Kör­per wird, son­dern um sich zu freu­en, dass einer weni­ger zur Kon­kur­renz gehör­te. (66)

Die zen­tra­le Figur von Sibyl­le Bergs Roman Vie­len Dank für das Leben ist eine selt­sa­me Figur: Es wird nicht ganz klar, ob Toto Herm­aphro­dit, Inter­se­xu­el­ler, Zwit­ter oder was auch immer ist. Zunächst lebt er als Jun­ge, spä­ter dann als Frau. Aber genau­so unglück­lich. Eben­so egal ist es auch, ob Toto sich in der DDR befin­det, wo er auf­wächst, im Elend des sozia­lis­ti­schen Kin­der­heims und auf dem Dorf, bei einem Bau­ern­ehe­paar. Oder eher neben ihm, denn Toto ist immer, von Anfang an, von der Geburt an, als dem Arzt der ers­te Satz „Es ist ein …“, mit dem übli­cher­wei­se die Geschlechts­zu­schrei­bung erfolgt, miss­lingt, schon von die­sem Moment ist Toto an ein Außen­sei­ter. Aber ein tota­ler. Nicht, dass er über­haupt je eine Chan­ce gehabt hät­te, dar­an etwas zu ändern. Spä­ter frei­lich, nach der etwas selt­sam-unbe­tei­ligt-unfrei­wil­li­gen Flucht in die BRD, die eher eine Mit­nah­me ist (irgend­wann in den spä­ten 80ern muss das sein, aber alles im Text – fast alles – ist merk­wür­dig (und manch­mal ange­strengt) zeit- und ort­los), spä­ter gibt es von sei­ten Totos aus eini­ge zag­haf­te Ver­su­che der behut­sa­men (Pseudo-)Eingliederung in das, was sich da Gesell­schaft nennt. Aber irgend­wie ist Toto am Ran­de, als Beob­ach­ter der ande­ren, ste­cken­ge­blie­ben – ihre/​seine ein­zi­ge mög­li­che Rol­le von frü­hen Zei­ten an, in der sie kon­se­quent drin­bleibt. Weder zag­haf­te Ver­su­che posi­ti­ver Emo­tio­nen (etwa die Lie­be in Phnom Penh) oder Schmer­zen (der Bei­na­he-Tot­schlag …) befrei­en ihn/​sie dar­aus (wobei das befrei­en auch schon frag­lich wäre – ist das eine Befrei­ung? Oder ist Toto als Nicht-Teil, als sich-selbst-alles-Sei­en­der (viel­leicht meint das sein selt­sam kurio­ser Name?) frei­er als die „Norm“-Entwürfe des­sen, was man gemein­hin Leben nennt … 

Und dar­um geht es ja irgend­wie immer, das ist mehr als deut­lich: Gutes Leben, die gan­zen Ideen und Vor­stel­lung davon, wie man/​wir seine/​unsere Zeit auf Erden zu ver­brin­gen haben – das sind eben alles nur Mög­lich­kei­ten, nur Ideen, denen genau­so wenig Sinn inhä­rent ist wie ihren Gegen­tei­len. Da hilft auch das über­ir­di­sche Sin­gen fern jeder Prä­gung durch Bil­dung oder ande­re Musik, das Toto betreibt und das regel­mä­ßig bei den Zuhö­rern Gefühls­aus­brü­che & Wei­nen her­vor­ruft, nicht.

So groß­ar­tig Vie­len Dank für das Leben in man­chen Tei­len ist, es schei­nen doch auch eini­ge Län­gen durch. Und manch­mal wird der Ton­fall ner­vend, die­ses Dozie­ren der Schlech­tig­keit der Welt, der Men­schen, der Natur, des Kapi­ta­lis­mus, des Sozia­lis­mus, des allen (vor allem in den „Kommentar“-Teilen „Der Anfang“, „Die Mit­te“, „Das Ende“ ist das über­deut­lich, es schlägt aber auch sonst manch­mal arg auf­fäl­lig durch, dann kom­men nur noch blo­ße Phra­sen bei her­aus …). Aber dann gibt es eben doch immer wie­der auch die­se fas­zi­nie­ren­de Klar­heit der Berg’schen Pro­sa, die ver­let­zend wie Chi­ru­gen­stahl durch die Wirk­lich­keit schneidet:

Dege­ne­riert mögen sie sein, von Tumo­ren zer­setzt, doch die ster­ben nicht aus, die gewöh­nen sich an alles. Die Men­schen. (315)

Und die End­zeit hört ja auch ein­fach nicht auf, es bleibt ein­fach immer schreck­lich, kaum noch stei­ger­bar, aber irgend­wie doch im per­ma­men­ten Ver­fall. „Und wei­ter.“ sind dann auch in die­sem Sin­ne wun­der­bar tref­fend alle Kapi­tel der Toto-Hand­lung über­schrie­ben, die nicht nur durch die drei Kom­men­ta­re, son­dern auch durch ver­ein­zel­te Kapi­tel mit Aus­bli­cke in Neben­hand­lun­gen unter­bor­chen wer­den (unter denen Kasi­mir als eine Art Begleit- oder Gegen­fi­gur zu Toto her­aus­sticht: Kasi­mir, der mit Toto im Kin­der­heim auf­wächst, mit dem ihm kurz so etwas wie Freund­schaft (und Ver­lan­gen) ver­bin­det, dass dann in sys­te­ma­ti­schen Hass umge­formt wird von einem erwach­se­nen Kasi­mir, der ganz und gar im Sys­tem auf­geht, und einen ela­bo­riert-per­fi­den Plan der Ver­nich­tung Totos aus­ge­tüf­telt hat …) Nun ist das natür­lich kein Kul­tur­pes­sis­mus alter Sor­te, der sich eine wie auch immer phan­ta­sier­te bes­se­re Zeit zurück­wünscht. Das ist ein­fach tota­le (manch­mal viel­leicht auch tota­li­tät­re?) Des­il­lu­sio­nie­rungs­pro­sa. Das muss einem gefal­len, sonst wird man sich hier nur quä­len. Und gequält wer­den, von die­sem glo­ba­len Scheitern.

Ein Gefühl war nicht geplant gewe­sen. (367)

Sibyl­le Berg: Vie­len Dank für das Leben. Mün­chen: Han­ser 2012. 400 Sei­ten. 21,90 Euro. ISBN 978−3−446−23970−8

Die Liebe des Lesens und der Bücher

Über die Lie­be des Lesens und der Bücher hat Charles Dant­zig ein net­tes, unter­halt­sa­mes Buch geschrie­ben. Eigent­lich ist es gar kein Buch, son­dern die Samm­lung von klei­nen Tex­ten, die der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler schon woan­ders publi­ziert hat­te. Unter dem Titel Wozu Lesen? hat der Steidl-Ver­lag das als ein schö­nes Buch herausgebracht.

Wozu Lesen? ist in aller ers­ter Linie ein abso­lu­tes, unbe­ding­tes Glau­bens­be­kennt­nis zum Lesen, ein Lob­preis, eine Selig­spre­chung: Gott ist nicht nur lesend, „Gott ist auf der Biblio­theks­lei­ter“ (28) – der Gott der Lek­tü­re näm­lich. Die Lek­tü­re ist es, die den lesen­den Men­schen ver­än­dert, begeis­tert und fas­zi­niert: Immer wie­der denkt Dant­zig (sich und alle ernst­haf­ten) den Leser als ein empa­thisch-den­ken­den Leser, einen emp­fäng­li­chen Leser: Emp­fäng­lich in dem Sin­ne, das er offen für die Schön­heit eines Tex­tes, eines ein­zel­nen Sat­zes oder eines blo­ßen Wor­tes ist …

Des­halb ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass er zu dem Schluss kommt:

Wir lesen aus purem Ego­is­mus, bewir­ken damit jedoch unge­wollt etwas Altru­is­ti­sches. Denn durch unse­re Lek­tü­re hau­chen wir einem schla­fen­den Gedan­ken neu­es Leben ein. (32)

Das Ver­gnü­gen am Lesen selbst, am Vor­gang des Ent­zif­fern, Auf­neh­men, Absor­bie­ren, Ver­wan­deln, zu-eigen-machen – also am mit­le­ben­den Lesen bestimmt sei­ne Kas­ka­de mög­li­cher Ant­wor­ten auf die zen­tra­le Fra­ge des Ban­des, näm­lich: Wozu ist das Lesen gut? Und was macht es mit uns? Zum Bei­spiel das hier:

Man liest ein Buch nicht um der Geschich­te wil­len, man liest ein Buch, um mit sei­nem Autor ein Tänz­chen zu wagen. (41)

Dant­zig sam­melt hier lau­ter klei­ne und kleins­te Minia­tur-Essays, die meist von eige­nen Lek­tü­re-Erleb­nis­sen Dant­zigs (die er unge­heu­er prä­sent zu haben scheint) aus­ge­hen und oft nur ein etwas aus­ge­führ­ter Gedan­ke oder Ein­fall sind, ver­packt in einer grif­fi­gen Sen­tenz oder For­mu­lie­rung. Zum Bei­spiel klingt das so:

Die Leu­te bestehen auf ihre Gedan­ken­lo­sig­keit. Dabei sind wir nur,[sic] wäh­rend wir lesen, vor der Päd­ago­gik sicher. (43)1

Immer wie­der mani­fes­tiert sich in die­sen Nota­ten (die mich in man­chem an Hen­ning Rit­ters Notiz­hef­te erin­ner­ten) die Ideee, gegen sich selbst zu lesen, sich selbst beim Lesen, durch das Lesen, mit dem Lesen in Fra­ge zu stel­len – also Neu­es zu pro­bie­ren, Argu­men­te aus­zu­tes­ten, Bücher/​Autoren wie­der­holt zu lesen, um eine Abnei­gung zu über­win­den … Im Grund ist das also das klas­si­sche Lek­tü­re-Argu­ment schlecht­hin: Lesen ermög­licht es, Alter­na­ti­ven zum Leben und der Welt zu erfah­ren und ken­nen zu ler­nen, sich selbst aus­zu­pro­bie­ren in der Phan­ta­sie : „Stel­len Sie sich selbst in Fra­ge. Stel­len Sie das in Fra­ge, was SIe in die­sem Moment lesen.“ (66), – ja, genau, das gilt natür­lich auch für die­se Sen­ten­zen, die Dant­zig­schen Schluss-Mora­li­tä­ten sei­ner Kurz­tex­te selbst:

Die ein­zi­ge Fage, die man sich im Hin­blick auf einen Chef stel­len soll­te, lau­tet: Wür­de er die Biblio­thek von Alex­an­dria anzün­den? […] Man möge lie­ber mei­ne Bücher ver­bren­nen als Men­schen. (50)

Egal, wel­che der vie­len Modi des Lesens Dant­zigs reflek­tiert und prei­send betrach­tet – leich­tes und schwe­res Lesen, spie­le­ri­sches und erns­tes, unter­hal­ten­des und for­schen­des: Immer ist das Lesen und Sein Leser begeis­te­rungs- und lie­bes­fä­hig. Selbst in der Ableh­nung schlech­ter Bücher (es ist wohl kein Zufall, dass ein Leser (und Schrift­stel­ler) wie Dant­zig, dem es so sehr (fast aus­schließ­lich) auf die empa­thi­sche Lek­tü­re ankommt, von Büchern und nicht von Tex­ten spricht).

Wozu Lesen? selbst ist übri­gens ein schö­nes Buch, bei dem Innen und Außen in gewis­ser Wei­se zur Deckung kom­men – da merkt man die Hand des Ver­le­gers … Und es ist ein Buch, wie es viel­leicht wirk­lich nur ein Fran­zo­se schrei­ben kann (um die­ses natio­nat­lis­ti­sche Kli­schee auch ein­mal zu bedie­nen=: leicht und ele­gant, mit Tief­gang, aber unauf­ge­regt, nie über­heb­lich, dafür immer lust­voll – vol­ler Lust an den Lek­tü­ren, die zu die­sen Tex­ten führ­ten und vol­ler Lust am Schrei­ben – und damit sprü­hend vor Lust am Ver­füh­ren zum Lesen. Denn das ist ja das gro­ße, heh­re und ein­zi­ge Ziel die­ses Buches: Nicht nur über das Lesen, sei­ne vie­ler­lei Vor- und Nach­tei­le, zu sin­nie­ren, son­dern vor allem zum lust­vol­len, erfüll­ten Lesen anre­gen: „Leben ist Pro­sa, kei­ne Poe­sie.“ (63) – Viel­leicht, viel­leicht aber auch nicht – wenn man nur genug liest …

Charles Dant­zig: Wozu Lesen? Göt­tin­gen: Steidl 2011. 205 Sei­ten. 16 Euro. ISBN 9783869303666.

Show 1 footnote

  1. Die Kom­ma­set­zung ist hier ein ech­tes Ver­bre­chen am Text, das ich aber der Über­set­ze­rin und nicht dem Autor anlas­te …

Auch ein Chronist: Jörg Fauser

Jetzt habe ich ges­tern ganz ver­ges­sen, Jörg Fau­sers 25. Todes­tag zu geden­ken. Wie mir scheint, bin ich in guter Gesell­schaft, weil offen­bar auch die Medi­en (soweit ich das sehen) die­sen Grund, an Fau­ser als wich­ti­gen, guten und vor allem lesen­wer­ten Schrift­stel­ler zu erin­nern, nicht genutzt haben. Sehr aus­führ­lich aber Tie­mo Rink im Tages­spie­gel. Aber das miss­ach­ten­de Miss- oder Unver­ständ­nis der Lite­ra­tur­kri­tik war ja auch vor 28 Jah­ren beim Inge­borg-Bach­mann-Preis sehr deut­lich zu sehen und hören:

Jörg Fau­ser liest in Kla­gen­furt – Teil 1

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Jörg Fau­ser liest in Kla­gen­furt beim Bach­mann­preis – Teil 2

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Peter Apfl schrieb dazu in einem knap­pen bio­gra­phi­schen Abriss für DATUM:

1984 ist das gro­ße Jahr in Fau­sers Kar­rie­re: „Roh­stoff“ erscheint, kurz dar­auf die Essay­samm­lung „Blues für Blon­di­nen“, die Dreh­ar­bei­ten zum „Schnee­mann“ begin­nen – da sucht er mut­wil­lig die Demü­ti­gung: Er nimmt im Hawaii­hemd am Wett­le­sen beim Inge­borg-Bach­mann-Preis in Kla­gen­furt teil. Juro­ren sind unter ande­ren Reich-Rani­cki und Ger­trud Fus­se­n­eg­ger, Fau­ser wird nie­der­ge­macht, zudem wird er in der Süd­deut­schen und im Spie­gel nicht ein­mal erwähnt. Von der nach­drän­gen­den Gene­ra­ti­on ver­höhnt, von den Alt­vor­de­ren geprü­gelt: Der Dich­ter hat zwi­schen den Stüh­len Platz genom­men. Aber das ist ohne­hin des Rebel­len liebs­ter Ort.

Aber egal: Um sich hier zu posi­tio­nie­ren, soll­te, ja muss man Fau­ser erst ein­mal lesen. Und wenn man das auf­merk­sam und offen tut, wird man fest­stel­len, dass das ein gro­ßer Gewinn ist.

Sommer, also

Sehn­sucht, Ver­klä­rung, Erin­ne­rung, Erwar­tung, Träu­me – und viel Hoff­nung, aber auch viel Rea­li­täts­ver­lust, ‑ver­nei­nung und ‑verw­wei­ge­rung:
All das packt Sibyl­le Berg in einen klei­nen Text „Som­mer, also“.

Der rich­ti­ge Som­mer aus der Erin­ne­rung fand zu Hau­se statt und hat­te mit geschlos­se­nen Fens­ter­lä­den zu tun und mit lee­ren Stun­den und Asphalt, und einer fieb­ri­gen Erwartung. 

Und das lese ich just an dem Tag, an dem es hier wirk­lich som­mer­lich (gewor­den) ist … Und nut­ze die Gele­gen­heit, nicht nur Frau Bergs Bücher zu emp­feh­len, son­dern auch ihre Web­site und ihr am bes­ten auch noch bei Twit­ter zu fol­gen (und dann die fei­ne Linie zwi­schen Fan und Stal­ker nicht überschreiten …).

Wir hof­fen. Der Som­mer ist zu etwas meta­pho­ri­schem gewor­den, zum Traum des per­fek­ten Daseins in einer luzi­den Umge­bung die nur aus freund­li­chen halb­nack­ten Men­schen besteht, und Som­mer­lö­chern in den Medi­en, in denen Raum für sol­che Tex­te ist, weil es gera­de kei­ne Eurok­rie­se gibt und kei­ne Roh­stoff Han­dels ‑Hor­ror­mel­dun­gen, kei­ne Aus­beu­tun­gen ande­rer Men­schen und Län­der, kein Unter­gang, kein Bla­de Run­ner Wet­ter vor der Woh­nung die viel­leicht bald nicht mehr unse­re ist, weil das Vier­tel gen­de­ri­fi­ziert wurde.

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