Zum Inhalt springen →

Vielen Dank für nichts

Was, ver­dammt noch mal, macht ein glück­li­ches Leben aus, und ist es mög­lich, bei­de For­men aus­zu­pro­bie­ren? (174f.)

Grau­sam ist alles: Grau­sam­keit beherrscht die Men­schen, die Gesell­schaf­ten, die Natur, die Sys­te­me, die Län­der, die Wel­ten, das Leben – alles. Grau­sam ist auch die­ses Buch, auf die typi­sche Sibylle-​Berg-​Weise. Näm­lich getarnt als scho­nungs­lo­se Offen­le­gung der Wirk­lich­keit – und ihrer Lee­re. Schön hyper­bo­lisch ist das, wirk­lich schön, inso­fern die Grau­sam­keit des Stof­fes und der Spra­che eben doch immer wie­der in Schön­heit umschlägt. Und es wird immer stär­ker. Ange­kom­men ist Sibyl­le Berg nun bei abso­lu­ter, per­ma­nen­ter Endzeit(-stimmung): Ganz allei­ne ist Toto.

Blut sah jeder ger­ne, wenn es nicht das eige­ne war, Prü­ge­lei­en sah jeder ger­ne, wenn er nicht selbst ver­prü­gelt wur­de, Aggres­sio­nen und Pein­lich­kei­ten, ohn­mäch­ti­ge Kin­der, gefal­le­ne Kin­der, das sah man sich doch ger­ne an, und wenn man nicht betei­ligt war, sah man sich auch ger­ne Unfäl­le an, doch nicht, um zu begrei­fen, wie schnell ein gesun­der Kör­per zu einem geschun­de­nen Kör­per wird, son­dern um sich zu freu­en, dass einer weni­ger zur Kon­kur­renz gehör­te. (66)

Die zen­tra­le Figur von Sibyl­le Bergs Roman Vie­len Dank für das Leben ist eine selt­sa­me Figur: Es wird nicht ganz klar, ob Toto Herm­aphro­dit, Inter­se­xu­el­ler, Zwit­ter oder was auch immer ist. Zunächst lebt er als Jun­ge, spä­ter dann als Frau. Aber genau­so unglück­lich. Eben­so egal ist es auch, ob Toto sich in der DDR befin­det, wo er auf­wächst, im Elend des sozia­lis­ti­schen Kin­der­heims und auf dem Dorf, bei einem Bau­ern­ehe­paar. Oder eher neben ihm, denn Toto ist immer, von Anfang an, von der Geburt an, als dem Arzt der ers­te Satz „Es ist ein …“, mit dem übli­cher­wei­se die Geschlechts­zu­schrei­bung erfolgt, miss­lingt, schon von die­sem Moment ist Toto an ein Außen­sei­ter. Aber ein tota­ler. Nicht, dass er über­haupt je eine Chan­ce gehabt hät­te, dar­an etwas zu ändern. Spä­ter frei­lich, nach der etwas seltsam-​unbeteiligt-​unfreiwilligen Flucht in die BRD, die eher eine Mit­nah­me ist (irgend­wann in den spä­ten 80ern muss das sein, aber alles im Text – fast alles – ist merk­wür­dig (und manch­mal ange­strengt) zeit- und ort­los), spä­ter gibt es von sei­ten Totos aus eini­ge zag­haf­te Ver­su­che der behut­sa­men (Pseudo-)Eingliederung in das, was sich da Gesell­schaft nennt. Aber irgend­wie ist Toto am Ran­de, als Beob­ach­ter der ande­ren, ste­cken­ge­blie­ben – ihre/​seine ein­zi­ge mög­li­che Rol­le von frü­hen Zei­ten an, in der sie kon­se­quent drin­bleibt. Weder zag­haf­te Ver­su­che posi­ti­ver Emo­tio­nen (etwa die Lie­be in Phnom Penh) oder Schmer­zen (der Beinahe-​Totschlag …) befrei­en ihn/​sie dar­aus (wobei das befrei­en auch schon frag­lich wäre – ist das eine Befrei­ung? Oder ist Toto als Nicht-​Teil, als sich-​selbst-​alles-​Seiender (viel­leicht meint das sein selt­sam kurio­ser Name?) frei­er als die „Norm“-Entwürfe des­sen, was man gemein­hin Leben nennt … 

Und dar­um geht es ja irgend­wie immer, das ist mehr als deut­lich: Gutes Leben, die gan­zen Ideen und Vor­stel­lung davon, wie man/​wir seine/​unsere Zeit auf Erden zu ver­brin­gen haben – das sind eben alles nur Mög­lich­kei­ten, nur Ideen, denen genau­so wenig Sinn inhä­rent ist wie ihren Gegen­tei­len. Da hilft auch das über­ir­di­sche Sin­gen fern jeder Prä­gung durch Bil­dung oder ande­re Musik, das Toto betreibt und das regel­mä­ßig bei den Zuhö­rern Gefühls­aus­brü­che & Wei­nen her­vor­ruft, nicht.

So groß­ar­tig Vie­len Dank für das Leben in man­chen Tei­len ist, es schei­nen doch auch eini­ge Län­gen durch. Und manch­mal wird der Ton­fall ner­vend, die­ses Dozie­ren der Schlech­tig­keit der Welt, der Men­schen, der Natur, des Kapi­ta­lis­mus, des Sozia­lis­mus, des allen (vor allem in den „Kommentar“-Teilen „Der Anfang“, „Die Mit­te“, „Das Ende“ ist das über­deut­lich, es schlägt aber auch sonst manch­mal arg auf­fäl­lig durch, dann kom­men nur noch blo­ße Phra­sen bei her­aus …). Aber dann gibt es eben doch immer wie­der auch die­se fas­zi­nie­ren­de Klar­heit der Berg’schen Pro­sa, die ver­let­zend wie Chiru­gen­stahl durch die Wirk­lich­keit schneidet:

Dege­ne­riert mögen sie sein, von Tumo­ren zer­setzt, doch die ster­ben nicht aus, die gewöh­nen sich an alles. Die Men­schen. (315)

Und die End­zeit hört ja auch ein­fach nicht auf, es bleibt ein­fach immer schreck­lich, kaum noch stei­ger­bar, aber irgend­wie doch im per­ma­men­ten Ver­fall. „Und wei­ter.“ sind dann auch in die­sem Sin­ne wun­der­bar tref­fend alle Kapi­tel der Toto-​Handlung über­schrie­ben, die nicht nur durch die drei Kom­men­ta­re, son­dern auch durch ver­ein­zel­te Kapi­tel mit Aus­bli­cke in Neben­hand­lun­gen unter­bor­chen wer­den (unter denen Kasi­mir als eine Art Begleit- oder Gegen­fi­gur zu Toto her­aus­sticht: Kasi­mir, der mit Toto im Kin­der­heim auf­wächst, mit dem ihm kurz so etwas wie Freund­schaft (und Ver­lan­gen) ver­bin­det, dass dann in sys­te­ma­ti­schen Hass umge­formt wird von einem erwach­se­nen Kasi­mir, der ganz und gar im Sys­tem auf­geht, und einen elaboriert-​perfiden Plan der Ver­nich­tung Totos aus­ge­tüf­telt hat …) Nun ist das natür­lich kein Kul­tur­pes­sis­mus alter Sor­te, der sich eine wie auch immer phan­ta­sier­te bes­se­re Zeit zurück­wünscht. Das ist ein­fach tota­le (manch­mal viel­leicht auch tota­li­tät­re?) Des­il­lu­sio­nie­rungs­pro­sa. Das muss einem gefal­len, sonst wird man sich hier nur quä­len. Und gequält wer­den, von die­sem glo­ba­len Scheitern.

Ein Gefühl war nicht geplant gewe­sen. (367)

Sibyl­le Berg: Vie­len Dank für das Leben. Mün­chen: Han­ser 2012. 400 Sei­ten. 21,90 Euro. ISBN 978–3‑446–23970‑8

Veröffentlicht in literatur

2 Kommentare

  1. Rolf Miller

    Gutes Leben, die gan­zen Ideen und Vor­stel­lung davon, wie man/​wir seine/​unsere Zeit auf Erden zu ver­brin­gen haben — das sind eben alles nur Mög­lich­kei­ten, nur Ideen, denen genau­so wenig Sinn inhä­rent ist wie ihren Gegenteilen.“
    Sagt das Sybil­le Berg oder Du?

    Doch eine Instanz ent­schei­det dar­über, was sie ange­sichts die­ser Situa­ti­on als sinn­voll im Leben betrach­tet oder nicht: das eige­ne Ich.
    Best wishes,
    Joseph Anton

  2. Das sage ich, dass Sybil­le Berg es sagt …
    Und die Ent­schei­dung des Ichs ist ja gera­de der Punkt: Der Sinn wird nur zugeschrieben/​gedeutet (oder wie auch immer man die­sen Vor­gang nen­nen will), er ist nicht (mehr) ein­fach da. (Das ist natür­lich alles nicht so wahn­sin­nig neu, aber immer noch notwendig)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert