Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 21 von 38

Tagtext 11.7.2012

Dirk von Peters­dorff, der auch ein klu­ger Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler ist, habe ich kürz­lich sozu­sa­gen für mich ent­deckt: Ein Lyri­ker, der vor tra­di­tio­nel­len For­men nicht zurück­schreckt (Paar­rei­me! – allei­ne die Idee ist ja schon fast wie­der modern …), sie aber nicht nur mit zeit­ge­mä­ßen Inhal­ten füllt, son­dern auch mit einer gegen­wär­ti­gen, auf­merk­sa­men Spra­che. Vor allem aber ein Dich­ter, der intel­li­gen­te Beob­ach­tun­gen und schö­ne Form kom­bi­nie­ren kann. Das klappt natür­lich nicht immer, aber für micht als jeman­den, der das Spiel mit der Spra­che und ihren (lite­ra­ri­schen) For­men sehr hoch schätzt, ist es erstaun­lich, wie oft das funk­tio­niert. Zum Bei­spiel bei die­sem klei­nen Acht­zei­ler, der natür­lich schon durch den Titel viel gewinnt:

A 7, Kas­se­ler Berge

Nimm eine schwar­ze Nacht und sieh -
da ist ein schwe­re­lo­ser Bogen,
ein hel­ler Strom aus Energie
durch die FIns­ter­nis gezogen.

Kennst du es noch, das alte Lied -
ein kal­tes Schwin­den ist die Welt,
von jeder Stät­te müßt ihr fliehn,
jedes Men­schen-Licht, es fällt.

Das ist 1999 geschrie­ben, aus der 2010 erschie­nen Samm­lung „Nimm den lan­gen Weg nach Haus“, die Arbei­ten aus ver­schie­de­nen, ver­streut eschie­ne­nen Gedicht­bän­den samm­let (sozu­sa­gen schon eine klei­ne Best-of-Aus­ga­be, so etwas wie eine Posi­ti­ons­be­stim­mung des Autors).

Unboxing eines Kunstwerkes

Unboxing ist ja eigent­lich ein Sport/​Hobby, das sich vor allem bei elek­tro­ni­schen Gerä­ten aus­tobt. Ich habe das lett­zens mal mit einem Kunst­werk gemacht – einem Kunst­werk, zu des­sen Gehalt und Wert ich noch nichts sagen kann (das kommt spä­ter …), das aber immer­hin mit erheb­li­chem Anspruch daher­kommt: XO von Fran­cis Nenik. Das ist kein Buch, son­dern eine Lose­blatt­samm­lung (die übri­gens unter eine CC-Lizenz steht und auch kos­ten­los zugäng­lich ist) mit Text-Tei­len,1 ver­packt in einem Kar­ton, der Teil des Tex­tes ist und so wei­ter – ich lie­be ja sol­che Meta-Spielereien.

Show 1 footnote

  1. Die Idee, die linea­re Lek­tü­re von erzäh­len­den Tex­ten auf­zu­bre­chen, ist ja nicht so wahn­sin­nig neu. Zuletzt den­ke ich da etwa an Benja­min SteinsLein­wand“, die nicht nur die Lek­tü­re­rei­hen­fol­ge der zwei Groß­tei­le in die Ent­schei­dung des Leser stellt, son­dern aus­drück­lich das Wech­seln auch zwi­schen den Tei­len ermu­tigt und vor­schlägt. Oder an Aka Mor­chil­ad­ze, des­sen „San­ta Espe­ran­za“ auch durch die Ver­pa­ckung auf­fällt: eine Tasche mit 36 beli­big kom­bi­nier­ba­ren Ein­zel­hef­ten. Nicht zuletzt kann man auch Kaf­kas „Pro­cess“ so lesen, zumin­dest in der Aus­ga­be bei Wagen­bach, die sich der edi­to­ri­schen Ent­schei­dung der Anord­nung der Text­hef­te Kaf­kas ver­wei­gert. Man sieht: Es gibt also nichts Neu­es unter der Son­ne …

Die Sommernacht

Wenn der Schim­mer von dem Mon­de nun herab
In die Wäl­der sich ergießt, und Gerüche
Mit den Düf­ten von der Linde
In den Küh­lun­gen wehn;

So umschat­ten mich Gedan­ken an das Grab
Der Gelieb­ten, und ich seh in dem Walde
Nur es däm­mern, und es weht mir
Von der Blü­t­he nicht her.

Ich genoß einst, o ihr Tod­ten, es mit euch!
Wie umweh­ten uns der Duft und die Kühlung,
Wie ver­schönt warst von dem Monde,
Du o schö­ne Natur!

— Fried­rich Gott­lob Klos­tock, 1766

Das Eigentum

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Leben

„Das Leben ist kein Roman. Es ist die Anein­an­der­rei­hung von mehr oder weni­ger poin­tier­ten Kurzgeschichten.“

— Manue­la Reich­art, Zehn Minu­ten und ein gan­zes Leben

Buchweh

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so etwas gehört ohne zwei­fel zu den schö­nen sei­ten von twitter.

Weltmüller und andere Fast-Reportagen

Das ist ein wun­der­ba­res net­tes klei­nes Buch, die­ser Welt­mül­ler von Frank Fischer.1 Der hat sich ja – zumb Bei­spiel in der eben­falls amü­san­ten „Zer­stö­rung der Leip­zi­ger Stadt­bi­blio­thek im Jahr 2003“ – schon öfters an kon­tra­fak­ti­schen Repor­ta­gen ver­sucht. Das ist nicht unbe­dingt wahn­sin­nig gehalt­voll und tief­schür­fend, aber hoch­tra­bend unter­halt­sam. Dass wahr­schein­lich kein Publi­kum der Welt den „Ham­let“ so genau kennt, dass es genau fol­gen kann, wenn statt Men­schen Hun­de auf der Büh­ne ste­hen und ent­spre­chend kein ein­zi­ges Wort gespro­chen wird – geschenkt. Dass Godot in einer bahn­bre­chen­den Insze­nie­rung zwar mit „dem bes­ten deutsch­spra­chi­gen“ Schau­spie­ler besetzt wird, aber natur­ge­mäß nicht auf­taucht, nicht ein­mal zum Schluss­ap­plaus, ist natür­lich an sich eine blas­se Poin­te. Aber dar­um allei­ne geht es Fischer ja nicht. Son­dern um die Mit­tel und Mög­lich­kei­ten, sol­che (Nicht-)Ereignisse des Kul­tur­le­bens zu beschrei­ben. Und das kann er rich­tig gut – ein­fach prä­zi­se unter­hal­tend näm­lich, in einer genau durch­ge­führ­ten Stil­par­odie. Mehr ist das gan­ze Büch­lein auch kaum. Aber das ist ja schon nicht wenig.

Der Witz bei den Erzäh­lun­gen hier ist natür­lich, dass sie zwar einer­seits absurd erschei­nen, ande­rer­seits als (fast?) rea­lis­tisch gel­ten müs­sen: Ohne Pro­ble­me kann man sich eine Godot-Insze­nie­rung vor­stel­len, bei der ein Godot besetzt wird. Selbst­ver­ständ­lich liegt es nicht außer­halb des Mög­li­chen, das ein Kunst­werk qua­si im Moment des Ent­ste­hens ver­waist, weil sein vor­geb­li­cher Schöp­fer jede Betei­li­gung leug­net und so eine „seman­ti­sche Zeit­bom­be“ im öffent­li­chen Raum hin­ter­lässt – denn wenn nicht bekannt ist, wer das Kunst­werk (das spricht dem Pro­jekt übri­gens bei Fischer fast nie­mand ab) geschaf­fen hat, ist es auch nicht deut­bar.2 Schließ­lich muss der ima­gi­nä­re Jour­na­list Fischers resü­mie­ren: „Man lässt das Werk nun doch ein­fach gewäh­ren.“ (81)

Das Chan­gie­ren zwi­schen unse­rer „Rea­li­tät“ und kon­tra­fak­ti­schen Situa­tio­nen, denk­ba­ren Ereig­nis­sen in mög­li­chen Wel­ten zieht sei­nen Witz genau dar­aus, dass nicht immer auf den ers­ten Blick erkenn­bar ist, was Rea­li­tät ist oder sein kann und was nur eine mög­li­che Vor­stel­lung dar­stellt. Wer außer­dem noch Freu­de an Meta­spiel­chen (aber ganz unauf­ge­regt, ohne gro­ßes Theo­re­ti­sie­ren) und Schlüs­sel­er­zäh­lun­gen aus dem Kul­tur­be­trieb hat und sich an den vor­ge­führ­ten Hohl­hei­ten von man­nig­fal­ti­gen Wort­hül­sen aus die­sem Sek­tor delek­tie­ren kann, der wird hier sicher­lich eine oder zwei ver­gnüg­li­che Stun­den haben (übri­gens gibt es „Welt­mül­ler“ auch als preis­wer­tes E‑Book).

Frank Fischer: Welt­mül­ler. Ber­lin: Sukul­tur 2012. 120 Sei­ten. ISBN 978−3−941592−32−2.

Show 2 footnotes

  1. Auf­merk­sam gewor­den bin ich dar­auf im „Text & Blog“-Blog (hier), dann auch beim Begleit­schrei­ben: klick.
  2. das ist natür­lich Quatsch … – aber weit ver­brei­ter Blöd­sinn und des­halb hier glaub­wür­dig

Bauwesen

„Es thut mir leid daß Sie vom nahen Bau­we­sen so viel dul­den. Es ist ein böses Lei­den und dabei ein rei­zen­der Zeit­ver­derb, in sei­ner Nähe arbei­ten­de Hand­wer­ker zu haben.“

Goe­the an Schil­ler, 17.5.1797

… es kommt ein Gedicht …

‚Kay. Brau­chen wir einen Absatz für eine Zeile.
Oder? Ruf ich ein Wort, und es kommt ein Gedicht,
steht beläm­mert her­um wie Ril­kes Zombiemädchen,
wie die einst Geru­fe­nen noch immer, mit karolisch
lang­sa­men Bär­ten Redak­ti­ons­ge­sän­ge durchsegeln,
wie das nied­li­che Gestampf in der Bar, die gern unse­re wäre,
so haben alle recht, denn die Tem­pe­ra­tu­ren sind da,
„10 Der­ri­da“, sagt man zuein­an­der, und noch mal,
denn der Witz ist scharf genug für ne gan­ze Zeile.

— Ann Cot­ten, Das Pferd, 14</div)

Kindheit

„[…] Herbst­ne­bel, Draht­zäu­ne, Grenz­stei­ne die 
gebil­de­te Welt.“

— Elke Erb, Kind­heit (meins, 39)

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